Selbstbildnis im Fummel (unvollendet)

Es war eine alberne Idee gewesen. Meine Schwester wusste so gut wie ich, dass der Homo-Knigge keinesfalls vorschreibt, jeder schwule Mann müsse irgendwann mal einen Fummel anziehen. Aber sie und ich waren damit beschäftigt, die lesbischen bzw. schwulen subkulturellen Reviere zu durchstreifen und dann unsere Beobachtungen zu Landkarten zusammenzufügen. Neugierige Selbsterfahrungszeiten. Warum sollte ich also nicht einmal eines ihrer Kleider anziehen? So trat ich, in diverse Grüntöne gehüllt, vor den großen Spiegel … und konnte nichts darin erkennen.

Denn ich war nicht mehr allein. Geister, Bilder und Stimmen hatten den Raum angefüllt und sich vor mein Spiegelbild geschoben.

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Buchempfehlung: „Selbsthass und Emanzipation“

Was brauchen wir, damit es uns besser geht? Regelmäßige Leser*innen meines bescheidenen Weltverbesserungs-Blögchens wissen, dass ich die Ansicht mit einiger Skepsis betrachte, die rechtliche Gleichstellung sei der homopolitische Stein der Weisen, der ganz allein alles Blei der Queerphobie auf magische Weise in das Gold der Akzeptanz verwandeln werde. Pustekuchen, wenn das mit der Emanzipation was werden soll, dann müssen wir schon verschiedene Äcker pflügen. Neben gesellschaftlicher Aufklärung, der Pflege queerer Schutzräume und der grundsätzlichen Infragestellung von Machtstrukturen halte ich es für zentral, dass wir darüber nachdenken, was die heteronormative Gesellschaft mit uns allen anstellt. Jeder Mensch muss in der, gegen die und mit der Gesellschaft, in der er lebt, eigene Wege finden. In unserem Fall heißt das: Wir müssen uns klarmachen, wo Heteronormativität uns selbst prägt, was das für uns persönlich und politisch bedeutet, und was wir mit dieser Situation anstellen wollen. Ich bin davon überzeugt, dass wir nur aus diesem Verständnis heraus persönliche und politische Strategien entwickeln können, die wirksam und nachhaltig sind.

Ein herausragendes Gedankenpaket zu diesem Thema liefert nun der Sammelband „Selbsthass und Emanzipation. Das Andere in der heterosexuellen Normalität“, den Patsy l‘Amour laLove kürzlich im Querverlag herausgegeben hat. (Ich bewerbe den hier nicht nur, weil ich selbst einen Text beisteuern durfte. Aber ein bisschen stolz bin ich natürlich doch.)

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Leichtigkeit

Anlässlich des Attentats von Orlando hatte ich kurz überlegt, hier statt eines Textes nur eine Grafik zu veröffentlichen. Auf einen schwarzen Hintergrund hätte ich in Spektralfarben knappe Appelle plaziert wie „mehr Umarmungen“, „mehr Liebe“, „mehr Sichtbarkeit“, „mehr Solidarität“, „mehr Küsse“, „mehr Mut“, und so weiter. All die Dinge, die nun durch dieses Massaker bedroht wurden und all die Dinge, die die Gegner*innen eines freien Lebens, freier Liebe und einer freien Sexualität verachten, aus welcher Quelle auch immer sie diese Verachtung speisen. Ich hätte möglicherweise einen gewissen Wert darauf gelegt, auch Provokationen gegen die Freiheitsängste einiger Schwuler einzubeziehen, die z.B. mit bestimmten Formen von Sexualität oder Identität nicht klarkommen („mehr Fetisch“, „mehr Tunten“), aber das nur nebenbei.

Die Botschaft wäre eine gewesen, die wir jetzt wieder überall hören: ein trotziges „Jetzt erst recht!“ Und ich hätte damit genau das getan, was jetzt so viele tun: Ich hätte unsere Freiheit in den Dienst eines Kampfauftrags gestellt. Ich hätte die Farbigkeit unseres Lebens in einen schwarzen Raum hineingesperrt, mit der verdammten Pflicht, ihn zu erleuchten. Ich kann dieses „Jetzt erst recht!“ sehr gut verstehen. Es ist eine naheliegende, vielleicht sogar heilsame Reaktion auf eine Angsterfahrung.

Aber es ist gleichzeitig eine schreckliche Umwertung von Freiheit.

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Biedermänner vor Drohkulissen – sieben Jahre Schwulenbewegung in zwei Minuten

Zur Feier seines siebenjährigen Jubiläums hat der Nollendorfblog („Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber“) sieben schwule Blogger eingeladen, in knapper Form ihre jeweils eigene Bilanz der vergangenen sieben Jahre zu ziehen. Ich war extrem bauchgefiedergepinselt, als Johannes Kram mich bat, einer dieser sieben Gäste zu sein. Hier (und hier) mein Beitrag.


Die schwule Welt vor sieben Jahren: Die Verbiedermeierung der Bewegung ist weitgehend abgeschlossen, linke Gesellschaftskritik entsorgt. Auf den Bannern steht „Bitte habt uns lieb!“ und „Gleiche Rechte haben ihren Preis!“ Heterolike ist das neue Stolz. Die verbleibenden Aktivisten dösen satt in ihren Sitzungen, redlich erschöpft vom Ringen um die Gleichstellung im Sprengstofflizenzgesetz. Die Abgrenzung der guten Schwulen (monogam, adoptionswillig, diskret, leistungsbereit) von den schlechten Schwulen (promisk, ideologiekritisch, HIV-positiv, offensiv tuntig, Drecksäue) verfestigt sich. Beschwingt von ihren Erfolgen, wirft die Bewegung der Braven allen hinderlichen Menschenballast ab. Der ehrbare Kampf um die Einkommensteuerrückzahlung macht blind und taub für die Nöte der anderen Nudeln in der LGBTTIQ*-Buchstabensuppe. Verstümmelung von intersexuellen Kleinkindern? Transsexuelle, die ihre fachgerechte Pathologisierung auch noch selbst finanzieren müssen? Jaja, sicher auch alles ganz schlimm, aber zuerst muss die „Ehe für alle“ durch, und dafür müssen wir jetzt alle an einem Strang ziehen: meinem!

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Der Zauber des Dingsbums

Die meisten Schwulen, die ich kenne, hassen Baumärkte. Der schreckliche Gestank nach staubigem Holz und vermutlich krebserregenden Chemikalien, das würdelose Herumirren zwischen riesigen Regalen, die stereotypen Heteromänner … Für meine Freunde sind Baumärkte so eine Art Vorhölle, die man nur betritt, wenn man mit Klebestreifen, Büroklammern und Bastelkleber wirklich nicht mehr weiterkommt.

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Schwule Scham

Der eigentliche Ursprung des Gay Pride ist nicht der Stolz, sondern die Scham. Als die Aktivist*innen diesen Begriff prägten, meinten sie keinen Stolz, den eine besondere Leistung rechtfertigt. Der Begriff diente vielmehr als ein psychologisches Gegengift: Der schwullesbische Stolz sollte die schwullesbische Scham heilen.

Im letzten Jahrhundert war diese psychologische Strategie noch so offensichtlich, dass man sie niemandem erklären musste; heute dagegen ist die Scham weitgehend aus unseren Diskussionen verschwunden. Das ist seltsam und schade, denn ohne dieses Wort können wir einen zentralen Aspekt unserer Situation nicht verstehen.

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Schwules Bullshit-Bingo 2 – Paranoia-Edition

Deutschland verschwult. Die EU wird uns alle durch Gender-Mainstreaming-Gehirnwäsche in identitätslose Zwitter verwandeln. Dahinter steckt natürlich die Homo-Lobby. Oder die linksgrünen Kommunisten. Die Muslime. Emanzen aus dem Weltraum. Wenn das alles mal nicht sogar dasselbe ist.

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