Falsette, Flaggen und Frisuren

Die schlechte Nachricht: Der diesjährige Eurovision Song Contest wird die hohe Tuckenquote des Vorjahres leider verfehlen. Die gute: Auch dieses Jahr wird die Veranstaltung ihrem eigentlichen Auftrag als Festival des Fremdschämens vollständig gerecht werden.

Wer „such die Schwuppe“ spielen will, darf beim aserbaidschanischen Beitrag Klischees abhaken: Mit weiß blondiertem Haar und Nagellack singt Elnur Huseynov, einst Mitglied des Opern-und Ballettensembles, dann Frisör und Stylist, nach einem Auftakt in schrillstem Falsett seinen Duettpartner aus nächster Nähe an, wobei man sich aufs Bedeutungsvollste in die Augen zu starren versteht. Von dieser plumpen Zielgruppenorientierung sollten sich die anderen Länder mal eine Scheibe abschneiden.

Immer wieder gern gewählt wird die Strategie des „humorvollen“ Beitrags. Da die Grenze zwischen gelungenem Humor und peinlichem Trash meist an Linien entlang verläuft, die die Produzenten selbst komplett falsch einschätzen, scheitern diese Projekte oft auf recht unterhaltsame Weise. Quälend wird es, wenn die Sänger so überhaupt nicht singen können. Da retten auch plakative Ablenkungsmanöver wie freizügig gekleidete Damen mit riesigen Flaggen (Estland) nicht die Situation. An die vorderste Front der Humoristenriege drängt dieses Mal Irland. Man versucht an tanzbare Hysterie wie Verka Serduchka anzuknüpfen und schickt allen Ernstes einen in Dialekt singenden Truthahn an den Start. Und das Ganze ist sogar ziemlich funky! Gar nicht mal so schlecht abschneiden dürfte auch Rodolfo Chikilicuatre aus Spanien. Der verlässt sich nicht allein auf seine doofe Frisur – er macht auch kunstvoll alberne Musik und weiß offenbar sehr genau, was er da tut. Eher verstörend als lustig wird der belgische Beitrag in Erinnerung bleiben, wohl der absolut seltsamste des diesjährigen ESC. Was bitte ist das? Ein Esperanto-Jodelkurs für bekiffte Schlümpfe?

Die Stahlbeton-Rocker aus Finnland punkten immerhin mit authentischer Tradition (dort droben spielt Heavy Metal ja unfassbarerweise noch eine kulturelle Rolle), fallen gegenüber ihren orkischen Vorgängern aber natürlich extrem ab. Trotz des putzigen Dschinghis Khan-Zitates („Hu! Ha!“) ist die Selbstironie in ihrem Werk zu gut versteckt, um die Sympathie der Massen zu erobern. Richtig peinlich: Lettland. Mit den „Pirates of the Sea“ wird das Dschinghis-Khan-Prinzip unverschämt dreist wiederbelebt – mit deutlicher Tendenz in Richtung Augsburger Puppenkiste. Die Stimmen der ganz Kleinen, die mal länger aufbleiben dürfen, sind ihnen damit sicher.

Recht wunderlich ist auch der Beitrag aus Bosnien-Herzegowina: Rocky-Horror-Picture-Show meets Suppenkasper. Der lebende Hahn in den Proben wird wohl in Belgrad nicht auf die Bühne dürfen, wurden doch letztes Jahr schon dressierte Katzen abgewiesen. Hoffentlich bleiben wenigstens die muskulösen Sensenmänner dabei, die aus unerfindlichen Gründen in der Dekoration die Luft mähen müssen.

Ein unseliger Trend, der sich schon seit langem immer deutlicher abzeichnete, wird auch den Song Contest 2008 prägen: Gerade die verzweifelteren Länder setzen nicht auf gute Musiker – was doch eigentlich nahezuliegen scheint – sondern auf Industrieprodukte, die so gnadenlos durchperfektioniert wurden, dass ihnen alles Menschliche abhanden gekommen ist. Wenn diesen Sanges-Robotern nur alle Kanten glatt genug abgeschmirgelt werden, so das Kalkül, werden sie zumindest ins Finale flutschen – auch wenn der Song ebenso schnell zum zweiten Ohr hinausgleitet, wie er zum ersten hineingeschleimt kam. Dazu passen natürlich mehrheitsfähige Plattitüdenrefrains („Peace Will Come“, „Have Some Fun“, „This Is My Life“). In diesem Zusammenhang sind leider auch die No Angels zu nennen, die Mütter des deutschen Casting-Unwesens. Ob die altbackene Idee des „Trickkleides“ hilft, die Substanzlosigkeit ihres Liedchens zu verschleiern? Wirklich unheimlich: Schweden schickt einen gespenstischen Cyborg ins Rennen, der nur aus Beinen, Pailletten und blonden Haaren zusammengeklont wurde. Ob damit die richtige Zielgruppe angesprochen wird – ich wage es zu bezweifeln. Die „goldene Gleitgeltube 2008“ erringt unangefochten Jeronimas Milius aus Litauen. Dieser extreme Rutschfaktor funktioniert vielleicht in einem Musical, wo man ja ganz allmählich immer tiefer in die Kitschsoße hineinsinkt, aber nicht beim ESC zwischen zwei Popsongs.

Eine beliebte ESC-Kompositionsmethode ist die Kombination verschiedener Musikstile. Meist wird dabei ein verheißungsvoll „ethnischer“ Auftakt in traditioneller Instrumentierung nach vier Takten von stupidem Mainstream davongespült (diesmal: Armenien), manchmal bleibt es bei kleinen folkloristischen Einsprengseln, mit denen man Traditionsverbundenheit und ethnische Identität vorgaukelt. Eine hübsche Ausnahme ist hier der kroatische Beitrag, der den umgekehrten Weg geht und kleine Rap-/Scratch-Einlagen als harmlose Späßchen in einen sonst angenehm traditionellen Song einfügt. Hier sind Musiker am Werk, denen man die Spielfreude sympathisch anmerkt. Drollig kommt der mazedonische Beitrag daher, er balanciert irgendwo zwischen der heute leider so alltäglichen „Bitches and Pimps“-Ästhetik und einer doch sehr starken folkloristischen Basis – ein nicht uninteressanter Kontrast. Das eigentlich ebenfalls nicht unspannende Hybrid aus Electro-House und Reggae, mit dem Bulgarien antritt, gleitet dank der uncharismatischen Sängerin leider rasch in DJ-Bobo-hafte Beliebigkeit ab. Morena aus Malta kriegt da schon eher den Bogen, indem sie Soulpop mit besoffener Kirmes überraschend witzig kombiniert.

Ich selbst bin ja immer für den Klassiker des Grand Prix zu haben: das schlichte dramatische Lied samt bewegungsarmem Auftritt. Natürlich eher von der Sorte „Weltschmerz-Ballade“ als vom Typ „Durchhaltehymne“ (übel: Norwegen mit „Hold On Be Strong“ – ohne Windmaschine wird das nicht abgehen). Mein Favorit ist dieses Jahr deshalb ganz eindeutig Jelena Tomašević aus Serbien. Eine tolle Stimme, eine schlichte Melodie in Moll, Geige und Flöte – mehr braucht man doch gar nicht. Na gut, ein trashiger Haardutt und ein Schleppenkleid dürfen gerne noch ein wenig nachhelfen … Die angeblich brisante politische Message, die dahinter stecken soll, muss ich mir allerdings noch näher anschauen. Sollte ich hier etwa politisch unkorrektes Liedgut favorisieren? Mein Zweitplazierter: die türkische Band Mor ve ötesi. Nicht nur wegen des überaus interessanten zweiten Gitarristen (douze points!), sondern weil sie so angenehm unkalkuliert daherkommen. Keine der üblichen ESC-Strategien – das ist einfach nur gute Musik.

Nachdem nun der serbische Präsident angekündigt hat, die homophilen Musikfreunde aus aller Welt würden in einem der homounfreundlichsten Länder Europas trotzdem von der Polizei beschützt, falls die neofaschistische Gruppe „Obraz“ ihre Ankündigung wahr machen sollte, gezielt homosexuelle Fans anzugreifen, können wir uns auf einen hoffentlich ungestörten ESC freuen.

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