Krokodilstränen – eine Handreichung für den „Tag danach“

Sie haben an geeigneter Stelle eine eindeutig homophobe Äußerung gemacht – und es natürlich auch so gemeint. Dummerweise ist das zur falschen Zielgruppe durchgesickert, wurde skandalisiert und nun droht die öffentliche Stimmung gegen Sie zu kippen. Sie fürchten um Ansehen / Kunden / Sponsoren? Nun gut, da führt an einer öffentlichen Stellungnahme kein Weg mehr vorbei.

Aber wie macht man das, ohne als Depp dazustehen? Das Zauberwort heißt: Subtext! Während Sie oberflächlich so tun, als beugten Sie reumütig das Haupt, können Sie mit Botschaften zwischen den Zeilen nämlich munter weiterkeilen! Und so wird’s gemacht:

1. Das gespielte Einlenken bei gleichzeitigem Abstreiten

Stellen Sie gleich zu Beginn klar, dass Sie gar nicht wirklich etwas Falsches gesagt haben, etwa so: „Ich bedaure, wenn meine Aussagen missverstanden worden sind.“ Der Subtext: Ihr Bedauern gilt nicht Ihrer Aussage, sondern den armen Idioten, die zu doof waren, zu kapieren, was Sie eigentlich gemeint haben – oder die Ihnen sogar absichtlich die Worte im Mund verdrehen wollen: Beispielsweise könnte „vergasen“ ja nur eine Metapher gewesen sein.

2. Der Mimosen-Vorwurf

„Es tut mir leid, wenn sich jemand verletzt gefühlt hat.“ Die objektiv getätigte Beleidigung wird so in ein rein subjektives Gefühl umgedeutet. Die Botschaft: Obwohl gar nichts Schlimmes passiert ist, fangen diese überempfindlichen Tucken schon wieder an, weinerlich rumzuzicken. Achten Sie auf die Details: unbedingt „wenn“, nicht etwa „dass“! „Wenn“ verschiebt gekonnt die objektive Realität in das Reich des abstrakt Möglichen: Gibt es denn überhaupt wirklich ein Problem?

3. Das obligatorische Lippenbekenntnis

„Ich habe keinerlei Vorurteile gegen Homosexuelle und trete gegen jegliche Diskriminierung ein.“ Das ist zwar eine kackfreche Lüge, denn selbstverständlich wollen Sie Schwule und Lesben diskriminieren, aber dieser Satz ist unbedingt erforderlich. Erstens löst er allenthalben einen konditionerten Nick-Reflex aus, und zweitens können Sie damit subtil andeuten, das eigentlich Empörende bestehe doch darin, dass man Sie, den Schutzengel der Diskriminierten, eines politisch unkorrekten Gedankens zu bezichtigen wagt. Welch unverschämte Verdrehung der Realität, zu behaupten, Sie träten nicht für, sondern auf sexuelle Minderheiten ein! Das eigentliche Opfer sind hier nämlich Sie selbst – aber dazu kommen wir gleich noch.

4. Die Distanzierung bei gleichzeitigem Anschleimen

„Meine Frau und ich haben viele schwule Freunde.“ Mit der Erwähnung der Gattin ist sicherheitshalber noch mal die eigene sexuelle Orientierung klargestellt. Da das eigentlich niemand wissen wollte, können Sie so gleichzeitig noch einmal andeuten, dass Schwulsein ein Makel sei, von dem man sich besser auch ungefragt distanziere. Die Formulierung „Freunde“ suggeriert kühn, dass Sie diese Kreaturen womöglich sogar nach Hause einladen würden. Selbstverständlich hat Ihre anständige Familie keinen einzigen schwulen Freund, geschweige denn „viele“. Aber mit den „schwulen Freunden“ ist es ein bisschen wie mit Gott: Wer kann schon beweisen, dass etwas nicht existiert?

5. Die fiktive Geiselhaft

Mit der geschickten Einführung der fiktiven „schwulen Freunde“ haben Sie einen Joker in der Hand. Jetzt können Sie sich jede erneute Unverschämtheit und beliebiges Nachtreten erlauben: „Und diese schwulen Freunde finden auch, dass…“ Sie können einfach alles wiederholen, wofür Sie gerade am Pranger stehen oder ganz nach Lust und Laune sogar weitere Beleidigungen anfügen. Anything goes! Schließlich darf ja keiner in Frage stellen, was „die Schwulen selber“ sagen – leben wir doch in einer „Homo-Meinungsdiktatur“, nicht wahr? Daraus darf man ruhig auch einmal den Homos selbst einen Strick drehen. Das ist die hohe Schule des Minderheitenbashings. Hier zeigt sich der Virtuose!

6. Die Täter-Opfer-Umkehr

Werfen Sie den Menschen, die Ihre Hetze kritisieren, „Intoleranz“ vor. Empören Sie sich darüber, dass in Deutschland die Meinungsfreiheit in Gefahr oder bereits völlig abgeschafft sei. Diese garantiert nämlich das Recht darauf, jede Minderheit zu beleidigen, ohne dass jemand widersprechen darf. Das dürfen Sie natürlich nicht so formulieren – dann fiele dieser miese Trick sogar einfältigen Menschen auf. Aber Sie sollten es subtil andeuten. Zunehmend unoriginell, aber immer noch wirkungsvoll sind Floskeln wie „Man darf das ja nicht mehr sagen, aber…“ Keine Sorge: Diese absurde Lüge funktioniert sogar bei den Profi-Hetzern, die millionenfach Bücher verkaufen, in denen nur Dinge stehen, die man angeblich nicht sagen darf, ohne dass die linksfaschistische Gedankenpolizei nachts um vier an der Tür klopft. Dass Sie ebenfalls schon im selben Satz genau das aussprechen, was man ja gar nicht aussprechen darf, merkt erstaunlicher weise nie jemand. Es wird auch niemand darauf hinweisen, dass der von Gutmenschen errichtete Umerziehungs-Gulag, den Sie an die Wand malen, nur in Ihrer paranoiden Phantasie existiert. Obacht: Das Wort „Medienkampagne“ ist erst bei anhaltendem öffentlichen Interesse an Ihren Aussagen zu empfehlen. Bei zu frühzeitigem Einsatz lässt dieses Stichwort Sie als weinerlich erscheinen, was den medialen Erfolg Ihrer Hetze empfindlich mindern könnte.

7. Das NoGo

Aber niemals dürfen Sie Folgendes sagen: „Ich bitte um Entschuldigung. Ich habe Menschen verletzt. Was ich gesagt habe, war falsch.“ Denn: Etwas lernen, aufrichtiges Bedauern, Fehler eingestehen – wie schwul wäre das denn bitte?

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