Wie das russische Volk wieder einmal nur ganz knapp der Pervertierung entrann

„Oh mein Gott“, muss Roman Iwanowitsch Hudjakow, vor Entsetzen schaudernd, geflüstert haben, während er den 100-Rubel-Schein minutenlang mit einer Lupe ausgiebig betrachtete. „Da kann man ja gar nicht hinsehen!“ Und dann sah er gewiss noch einmal ein paar Minuten lang hin, um auch wirklich sicher zu gehen.

Die aktuelle 100-Rubel-Papiernote zeigt die vor dem Bolschoi-Theater aufgestellte Statue des Apollon. Der Sonnengott lenkt ein klassisches Vierergespann und ist mit einer Art Toga bekleidet. Schaut man sehr nah und sehr genau hin, so erkennt man auf dem Geldschein, dass der Fahrtwind das Gewand gerade eben stark genug lüpft, um winzig klein die Genitalien des Gottes zu erahnen.

Was aber stellt sich ein durchschnittlicher heterosexueller Mann beim Anblick männlicher Genitalien als erstes vor? Richtig: schwulen Schweinkram. Was sonst könnten einem schon durch den Kopf gehen, wenn man irgendwo einen Penis sieht? Und woran denkt dieser durchschnittliche heterosexuelle Mann als zweites, wenn das Thema Homosexualität schon mal im Raum steht? An Kinder natürlich. Denn schwuler Schweinkram hat ja immer mit Kindern zu tun. Und wir wissen doch, wie Kinder sind: Wenn diese arglosen Wesen einen nackten Schwanz erblicken, werden sie schneller homosexuell als man zum Weihwasserfläschchen greifen kann.

Die 100-Rubel-Note – in Wahrheit ein schwules Rubbelbildchen, in alle gesunden christlichen Haushalte des Landes geschmuggelt von hinterlistigen Homoverschwörern? Das schien die einzig sinnvolle Erklärung. Aufgeregt begann Hudjakow sofort, seine Umwelt vor der erkannten Gefahr zu warnen.

Lebten wir in einer besseren Welt, so wäre Hudjakow irgendein unwichtiges kleines Rädchen, und ein aufmerksamer Kollege hätte ihn beiseite genommen und gesagt: „Hör mal, du wirkst echt ziemlich überarbeitet. Warum machst du nicht mal ein paar Tage Pause? Und guck dir heute Abend ein paar entspannende Filmchen an, du weißt schon …“ Die Kolleg_innen hätten ein wenig mitleidig gekichert, Hudjakow hätte vor Scham rote Ohren bekommen, und der Spuk wäre vorbei gewesen. Leider leben wir nicht in dieser besseren Welt.

In der realen Welt ist Hudjakow Parlamentsabgeordneter der Liberal-Demokratischen Partei Russlands. Alarmiert von den eigenen messerscharfen Folgerungen, wandte er sich direkt an die Medien. Und die nahmen ihn auch noch ernst.

„Man kann deutlich erkennen, dass Apollon nackt ist. Man kann seine Genitalien sehen“,

beschrieb Hudjakow der einflussreichen Tageszeitung Iswestija das Unvorstellbare. Er habe bereits im Parlament angefragt, ob die Darstellung nicht nach dem 2011 in Kraft getretenen Gesetz gegen Homo-Propaganda strafbar sei. Immerhin verbietet dieses Gesetz das positive Sprechen über „nicht-traditionelle Beziehungen in der Öffentlichkeit. Die offenkundige Homo-Werbung auf dem Geldschein dürfe somit nur über 18-jährigen zugänglich gemacht werden.

Ein renommierter Anwalt erklärte bereits, die Geldnote stelle möglicherweise wirklich eine illegale „Information pornographischer Natur“ dar. Und so wird sich das russische Parlament wohl allen Ernstes mit der sittlichen Gefahr beschäftigen, die der russischen Jugend durch eine millimetergroße Penisabbildung droht.

Gut, dass damit die wahren Gefahren endlich ans Tageslicht kommen. Geld wird ja nicht etwa deshalb zu einer Bedrohung für Gesellschaft, Demokratie und Kultur, weil es einer exklusiven Gruppe von immer reicheren Menschen zuströmt, die den Staat immer mehr als ihr privates Austernbuffet ansieht und ihn entsprechend umgestaltet, sondern weil die böse Homolobby da in aller Unverfrorenheit nackte Schwänze draufdruckt, um die russische Jugend zu pervertieren. Die Austernesser werden die öffentliche Prioritätensetzung wohlwollend zur Kenntnis nehmen.

Und sie können sich dabei auf eine Gruppe eifriger und bewährter gesellschaftspolitischer Mitspieler verlassen. Denn immer wenn man denkt, noch bekloppter kann es nicht werden, kommt von irgendwo ein christlicher Funktionär daher und gibt Anlass zur erstaunten Selbstkorrektur.

In diesem Fall ist es der russisch-orthodoxe Priester Alexander Schumsky, der sich mit einer verblüffenden Beobachtung über die Fußball-WM zu Wort meldet. Die Schuhe der Spieler, so begriff Schumsky in einem Moment schicksalhafter Klarheit, haben verschiedene Farben. Grün, Gelb, Blau und sogar Rosa konnte der scharfsinnige Mann konkret identifizieren. Was aber hat sonst noch verschiedene Farben? Na, so gut wie alles auf der Welt, denken Sie? Falsch gedacht: Es ist der Regenbogen! Und der Regenbogen, das wissen wir doch, kann für nichts anderes stehen als für die weltweit agierende Homo-Lobby, die Ehe, Familie und alle Werte zerstören möchte. Grün, Gelb, Blau – alles auch in der Regenbogenfahne! Das kann doch unmöglich nur Zufall sein! Rosa kommt zwar im Regenbogen nicht vor, aber Rosa ist ja an sich schon verdächtig – als hätte es noch eines weiteren Beweises bedurft.

Mit der Brillanz eines Romandetektivs legt der Geistliche seine logischen Folgerungen dar.

„Wenn die Spieler rosa oder blaue Schuhe tragen, dann könnten sie auch gleich Damenschlüpfer oder Büstenhalter anziehen“,

fasst er in einem Beitrag auf einer christlichen Webseite die einzig folgerichtige Assoziationskette zu farbigem Herrenschuhwerk zusammen. Selbst die russischen Spieler, so Schumsky, würden auf diese Weise die Regenbogen-Agenda propagieren und also direkt auf dem Spielfeld das Christentum bekämpfen. Dank Gottes Gnade aber sei ja zumindest das ausgeschiedene russische Team nun nicht mehr fähig, am „homosexuellen Greuel“ der WM mitzuwirken.

Das ging also gerade noch einmal gut für das russische Volk. Aber wie lange noch, fragt man bang, wie lange noch?

Ist es nicht beruhigend, dass gerade an gesellschaftlich wichtigen Positionen Menschen sitzen, die scheinbar unwichtige Details eben nicht übersehen, die mit klarem Verstand die richtigen Schlussfolgerungen ziehen, die die tumbe Masse aufrütteln und sie vor den wirklich drängenden Problemen warnen, statt sie mit albernen politischen Nebenschauplätzen wie Armut, Ungerechtigkeit, Krieg oder Korruption einzuschläfern? Dass die Medien sich gewissenhaft an der Verbreitung der Wahrheit beteiligen und dazu beitragen, die wirklich gefährlichen, den Staat zersetzenden kriminellen Minderheiten dem verdienten Volkszorn zuzuführen?

Doch doch, das ist sehr beruhigend. Für einige Menschen jedenfalls ist es das, nicht nur in Russland.

Und es lohnt sich immer, darüber nachzudenken, wer die sind.

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