Don‘t ask Alice – Falsche Körper, falsche Rollen, falsche Ratschläge

Wenn junge Transsexuelle auf hilfreichen Rat von Erwachsenen warten, sind sie verloren. Fast immer.

In der in der Rubrik „Ask Alice“ der Zeitschrift Emma wendet sich eine Erzieherin an Alice Schwarzer. Sie erzählt von einem 16-jährigen „Mädchen“, das sich ihr vor einigen Jahren als lesbisch anvertraut habe, nun ausschließlich männliche Kleidung trage und sich einen ganzen Sommer lang „als Junge ausgegeben“ habe. „Sie offenbarte mir, dass sie darüber nachgedacht habe, Hormone zu nehmen, da sie sich in ihrem Körper falsch fühlt,“ berichtet die Erzieherin und möchte wissen: „Wie weiter?“

Schwarzers Rat ist niederschmetternd arm an Respekt und Mitgefühl.

Vorausgesetzt, dass die Erzieherin die Situation unverfälscht wiedergibt, so deutet nahezu alles darauf hin, dass der junge Mensch, um den es hier geht, sich selbst gerade als transsexuellen Jungen erkennt. Bereits die Überschrift des Emma-Artikels stellt vorneweg klar, dass das keineswegs so durchgeht und bezeichnet die Person als ein „transsexuelles Mädchen“. Schon das ist atemberabend ignorant. Könnte man auf noch respektlosere Weise die Selbstdefinitionsmacht des betroffenen Menschen verneinen? Das Konzept „Transsexualität“ wird hier entweder gar nicht begriffen oder – noch schlimmer – bewusst verdreht. Du hältst dich für einen Jungen? Dann bist du eben transsexuell, aber ein Mädchen bleibst du trotzdem, basta.

Schwarzer erklärt zunächst, dass die Anpassung des Personenstandes per Gesetz endlich auch ohne Operationen möglich ist und schwärmt, wie wunderbar es sei,

„Die Wahl zu haben, dass ich als geborenes Mädchen auch wie ein Junge leben kann – und wenn ich das unbedingt will sogar bis hin zur Änderung meines Personenstandes – ohne meinen Körper abzulehnen oder gar zu verstümmeln.“

Zu Recht wird in einem Kommentar kritisiert, dass Schwarzer sich als Nicht-Betroffene anmaßt, in der Ich-Form für die Betroffenen zu sprechen. Das ist kein Zufall, spiegelt doch diese anmaßende Form den paternalistischen Inhalt. Die Idee, dass es eventuell keine freie Entscheidung ist, bestimmte Eigenschaften des eigenen Körpers abzulehnen oder eben nicht, scheint Schwarzer völlig fremd. Hat sie noch niemals Erfahrungsberichte von Transsexuellen gehört? Oder will sie sie nur nicht anerkennen? Woher nimmt sie die Frechheit, geschlechtsangleichende Operationen pauschal als „Verstümmelungen“ zu diffamieren?

Dann deutet Schwarzer den ideologischen Hintergrund ihres Ratschlags an:

„Es ist ja auch kein körperlicher Konflikt, sondern ein seelischer. Nicht der Körper ist ‚falsch‘, sondern die Rolle, die bis heute in unserer Gesellschaft Frauen bzw. Männern zugewiesen wird.“

Man mag hier durchaus ein Körnchen Wahrheit entdecken. Selbstverständlich kann es nicht angehen, jedem Menschen mit einer trans*-Identität einzureden, er müsse seinen Körper als „falsch“ oder defizitär empfinden und habe gefälligst darunter zu leiden, dass Identität, Rolle und irgendwelche Körperformen angeblich „nicht zusammenpassen“. Viele Transsexuelle bzw. Transgender fühlen sich mit sehr geringen oder auch ohne Körperveränderungen wohl, und natürlich verdienen sie gegen solche Fremdbestimmungsversuche jegliche Inschutznahme.

Jedoch kann das keinesfalls umgekehrt heißen, diejenigen Transsexuellen, die ihren Körper verändern wollen (wie im konkreten Fall), darüber zu belehren, dass sie diesen Wunsch doch gar nicht wirklich hätten oder haben dürften, sondern dass sie nur Opfer heteronormativer Zwänge seien, ihr Wunsch somit so eine Art sozialpathologischer Einbildung.

Schwarzer aber hat bereits entschieden, was richtig und was falsch ist. Falsch sind nicht nur Operationen oder die Einnahme von Hormonen, von denen Schwarzer „auf jeden Fall ganz dringend“ abrät. Nein, falsch ist es sogar, sich nicht mehr als Mädchen zu begreifen:

„Ideal wäre, wenn das fragliche Mädchen sich den Ausbruch aus der Rolle auch ohne Änderung des Personenstandes zugestehen würde. Sie soll sich zum Beispiel mal Fotos von manchen Schauspielerinnen oder Schriftstellerinnen in den 1920er Jahren ansehen: Die haben sich einfach die Freiheit genommen, wie die Jungs aufzutreten, als Garçonne.“

Schwarzer, die im gesamten Artikel konsequent von „ihr“ statt von „ihm“ spricht, fällt nicht einmal auf, wie ignorant und bevormundend ihr angeblicher Befreiungsversuch ist. Dabei hintertreibt sie auf allen Ebenen die autonome Entscheidungsmacht der betroffenen Person. Sie diffamiert das Konzept Transsexualität und wertet die möglichen Wünsche nach männlicher Identität, Körperveränderungen und Personenstandsänderung begründungslos ab.

Ohne jede direkte Kenntnis der Person hat Schwarzer ihr Urteil gefällt: Das arme Ding kann ja in einer durch und durch sexistischen Welt gar nicht wissen, was es wirklich will. Zum Glück ist Tante Alice da, um verwirrten Menschen den Weg zu weisen: Transsexuell? Papperlapapp, das bildest du dir nur ein. Du bist ein burschikoses Mädchen, und fertig. Hormone? Unfug, finde dich gefälligst mit dem ab, was du hast. Ein Junge sein wollen statt nur wie ein Junge leben? Ach Kindchen, das muss doch wirklich nicht sein.

Es ist völlig berechtigt, eine heteronormative/sexistische Gesellschaft zu kritisieren, gerade junge Menschen vor deren Deformationsdruck zu bewahren und die Gesellschaft entsprechend verändern zu wollen. Es ist aber etwas völlig anderes, Menschen per Ferndiagnose zu hilflosen Opfern zu erklären und ihnen mit dieser Begründung dann selbst jegliche Fähigkeit zu autonomen Entscheidungen abzusprechen.

Schwarzer macht ausgerechnet die Kritik an Machtstrukturen zum Instrument ihrer eigenen Paternalisierungstrategie. Der ideologischen Forderung, wer eine angeblich „gegengeschlechtliche“ Rolle anstrebe, solle dieser dann bitte auch Körper, Selbstdefinition und Personenstand möglichst komplett „anpassen“, stellt Schwarzer die ebenso ideologische Forderung entgegen, er_sie dürfe all dies in jedem Fall besser nicht tun. Für ihre Ablehnung nennt sie keinen einzigen sachlichen Grund.

Es wird nicht recht klar, was genau Schwarzer hier eigentlich verteidigt: Die weibliche Identität, die auf keinen Fall abhanden kommen darf? Den weiblichen Körper, der um jeden Preis erhalten werden muss? Deutlich wird nur: Statt die buchstäblich not-wendige Autonomie zu bestärken, missbraucht Schwarzer die Psyche eines hilfesuchenden Menschen als ideologische Kampfzone. Ihr fehlt das Gefühl dafür, dass sie mit dieser Gegen-Ideologisierung genau die Freiheit zuschüttet, die sie zu bergen vorgibt. Schwarzers Argumentation ist deshalb nicht nur transphob. Sie ist, mit Verlaub, schon recht pervers. Wie zum Hohn heißt es zum Schluss:

„Sie soll sich nicht vom Schubladendenken einengen lassen, sondern sich einfach die Freiheit nehmen, zu leben, wie sie möchte. Mit herzlichen Grüßen, auch an die Garçonne!“

Ein Freiheitsplädoyer im selben Atemzug mit einer fremdbestimmenden Identitätszuweisung ad absurdum zu führen und es nicht einmal zu merken – das muss man erst einmal hinkriegen.

Wie schön wäre es, könnten Frau Schwarzer und wir alle darauf vertrauen, dass eben diese wunderbare Freiheit zum selbstbestimmten Leben sich womöglich gerade in jenem jungen Menschen – und Millionen anderen – zu entwickeln beginnt. Ganz von allein. Einfach wirklich jeden Menschen selbst bestimmen zu lassen, wer er ist und was er mit seinem Körper und seinem Leben macht – es ist ein Armutszeugnis unserer Kultur, dass uns das offenbar immer noch so verdammt schwer fällt.

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17 Kommentare zu “Don‘t ask Alice – Falsche Körper, falsche Rollen, falsche Ratschläge

  1. Ich habe gelesen bis „trans*-Identität“ und habe mir dann den Rest erspart. Schade. Immer noch wird so getan, als seien transsexuelle Menschen nicht sie selbst. immer noch wird so getan, als ginge es hier um das soziale Zugehörigkeitsgefühl (Identität). Sorry, fangt mal an, Euch zu emanzipieren. Wer sich als Gegenteil des Anderen definiert (als trans-Identität), anstatt einfach nur zu SEIN, der braucht wohl noch ein bisschen.

    • Hallo Kim und danke für deinen Kommentar.
      Ich gebe zu, dass ich damit gerechnet habe, in irgendeine Wortfalle zu tappen. Ich glaube, ich ahne zumindest ungefähr, was du meinst, bleibe aber trotzdem etwas ratlos, was Alternativen angeht. Aber ich lerne gern dazu.
      Kannst du (oder jemand anders?) mir einen konkreten Vorschlag machen, wie ich es an dieser Stelle besser hätte formulieren können?

  2. Hi fink, eigentlich wäre es ganz einfach: Wenn ein Mensch sagt, er ist „Junge“, dann ist er es. Es macht dann auch wenig Sinn das im Kontrast zu einer angeblichen „Wahrheit“ als dieser gegenüberstehend einzusortieren. „Identität“ meint ja immer ein „Im-Vergleich-Zu“ (zumindest die Idee der Gender-Identity geht ja davon aus). Ich finde, dass Emanzipation bedeutet, auf diesen Vergleich zu verzichten.

    • Hi Kim,

      du sprichst einen interessanten Aspekt an.

      Du argumentierst hier aus der Perspektive der Selbst-Emanzipation, und für diese Perspektive kann ich vollkommen nachvollziehen, was du sagst. Es sollte eigentlich wirklich so einfach sein. Und das klappt vermutlich besser, wenn man es nicht selber kompliziert macht.

      Das Dilemma steckt in dem „eigentlich“. Und damit möchte ich auf den konkreten Text zurückkommen. Hier geht es ja darum, dass z.B. diejenigen Jungen, die von ihrer Umwelt NICHT von Geburt an „angemessen“ eingeordnet werden, oft spezielle Probleme bekommen, die andere Jungen eben nicht haben. Ich weiß nicht, wie wir über spezielle Diskriminierungssituationen reden könnten, ohne die verschiedenen Menschen, um die es hier geht, auch begrifflich/sprachlich irgendwie zu unterscheiden – und damit leider genau das Problem fortzuführen, das du hier kritisierst.

      Kommen wir zu Schritt zwei (es muss nicht über Unterschiede geredet werden) ohne Schritt eins (wir reden über die Unterschiede, die wir bedeutungslos machen wollen)?

      • Dann lass uns den Gedanken weiterspinnen. Was bleibt, nimmt man das ernst, dann als Unterschied übrig? Körperliche „Mitbringsel“.

        • Ja, genau.

          Und natürlich nicht zuletzt die Tatsache, dass einige Menschen von ihrer Umwelt sehr regelmäßig mit unangemessenen Erwartungen, Zuweisungen und Bezeichnungen konfrontiert werden, andere dagegen nicht (oder nur seltener oder in anderer Weise).

          Du hast an anderer Stelle auf einen Artikel verwiesen, der mich bezüglich meiner eigenen Zuweisungen („Trans*“) wirklich nachdenklich gemacht hat und den ich deshalb auch hier mal verlinken möchte.

          http://gedankenkollekte.tumblr.com/post/91564939020/ignoranz

          Das ist leider etwas schwere Kost, aber mir hat das den Horizont erweitert. Anstelle von Versuchen, den vermeintlich erklärungsbedürftigen „Zustand“ der Betreffenden zu bezeichnen (und dabei letztlich immer zumindest indirekt pathologisierendes Vokabular zu verwenden), geht es in diesem Ansatz darum, lediglich diese Fremd- und Falschzuweisungen zu benennen, also z.B. von „Menschen mit falscher Geschlechtszuweisung“ zu sprechen. Als problematisch wird so weder das „Innenleben“ noch der Körper der Menschen erklärt, sondern der Umgang ihrer Umwelt mit ihnen.

          Ist das so ungefähr dein Ansatz?

  3. Erst mal vielen Dank für diesen Blogartikel! Ich hatte den Artikel in der Emma auch gelesen und mich ziemlich darüber aufgeregt. Es ist gut, dass du hier widersprichst und aufzeigst, dass sich Schwarzer gewaltig irrt.
    Was das in den Kommentaren beschriebene Problem angeht, kann ich mich dir anschließen. Wir müssen die Unterschiede – gerade wegen solcher haarsträubenden Unwissenheit und Ignoranz wie bei Schwarzer – erst mal benennbar machen. Es wäre zweifellos besser, wenn wir endlich lernen, die geschlechtliche Selbstdefinition eines Menschen über irgendwelche Fremddefinitionen zu stellen, doch so weit sind wir leider noch lange nicht.

  4. Es ist nie zu spät, einen solchen Blogbeitrag zu kommentieren, weil er an Aktualität auch nach drei Monaten nichts verloren hat. Ich habe diesen Kommentar im Diskussionsforum zu Schwarzers „Lebenshilfe“ auf der Emma-Website gepostet, aber er wurde – war auch nicht anders zu erwarten – nicht freigeschaltet. Daraufhin habe ich Schwarzer meinen Kommentar zugemailt, aber auch hier kam erwarteterweise keine Antwort.

    ———————————————————————————-

    Gender-Rassismus, oder: Cissexuelle Überheblichkeit und transsexuelle Anbiederung

    Ein Beitrag zur Diskussion über die Frage an Alice Schwarzer: „Was soll ich einem transsexuellen Mädchen raten?“

    Nun habe ich mich durch die Frage, Alice Schwarzers Antwort und dreieinhalb Seiten Forumsbeiträge gelesen, und es ist nach fast 25 Jahren immer noch das gleiche Schema, grob eingeteilt in cissexuelle Arroganz und transsexuelle Anbiederung. Cissexuelle reden und urteilen ohne wirkliche Kenntnis vorzugsweise ideologisch über Transmenschen, maßen sich gute Ratschläge an und erteilen Lebensvorschriften, wie Transmenschen doch besser mit ihrer Situation und ihrem Körper umzugehen haben, nehmen Transmenschen auch gerne als Beispiel her, wie krank unsere Gesellschaft doch sei, oder wie krank die Transmenschen doch seien, daß sie sich verstümmeln lassen – danke, Alice Schwarzer für dieses vernichtende Verdikt gegen postoperative Transmenschen!

    Leider ist es dann so, daß sich so manche Transmenschen genötigt fühlen, weitschreifende Erklärungen abzugeben, daß all dies nicht so sei, und daß alles doch ganz anders sei, doch alles vergeblich, denn wo hartnäckige Ideologien im Spiel sind, ist alles nette Argumentieren vergeblich und erscheint nur als Anbiederung an die cissexuelle Mehrheitsgesellschaft, um doch endlich mal die eigene Sicht, das eigene Empfinden wenn schon nicht verstanden, so doch wenigstens akzeptiert zu wissen. Daß Cissexuelle die Situation und das Empfinden von Transmenschen wirklich verstehen, will ich bewußt nicht einfordern, denn für Transmenschen selbst ist es schon nicht einfach, ihr Anderssein zu verstehen.

    Da hielte ich es doch für besser, statt sich auf eine immer wieder fruchtlose Rechtfertigungsdiskussion mit Cissexuellen um die eigene Existenz und deren Berechtigung einzulassen, wenn Transmenschen einmal richtig auf den Tisch klopften und den Cissexuellen klar sagen, sie mögen endlich schweigen und sich um ihre eigenen Belange und vor allem Defizite kümmern. Wenn Cissexuelle etwas über Transmenschen wissen wollen, mögen sie auf gleicher Ebene mit ihnen reden, aber nicht von oben herab über sie. Maßt euch nicht an, mir zu erklären, wer ich sei, wenn ihr selbst die Frage nicht mal beantworten könnt, wer ihr denn eigentlich seid und warum. Das gilt auch für Alice Schwarzer, der ich gerade bei diesem Thema empfehle, sich einfach mal nicht auszukennen und das auch offen so zu sagen.

    Tertium non datur!

    • Hallo Sybille,

      aus irgendeinem Grund wird gerade dieser Artikel hier immer noch sehr häufig aufgerufen, daher wird auch dein Beitrag sicherlich noch oft gelesen werden.

      Danke dafür!

  5. Als Betrioffene vor über 20 Jahren weiß ich wovon ich rede. Die EMMA und Alice war auch schon vor 2000 transphob bis -feindlich.
    Daran hat sich grundlegend nichts geändert. Zweigeschlechtlichkleit, journalistsiche Cis-Manie und eine feste Identität zum biologischen und eindeutig XX-chromosomalen, genetischen Frausein ist bei der EMMA Standard.
    Verstaubte Weltbilder und „Lebenshilfe“ der 70er Jahre.

    Zum Glück gibt es auch modernen Feminismus. Ohne EMMA.

    • Die Emmas sind nicht transphob, die haben nur bis heute nichts davon verstanden. Trotzden fühlen sie sich bemüht, sich in voller Unkenntnis des Themas dazu auszulassen. Daß dabei vorzugsweise großer Mist rauskommt, der in all seiner traurigen Unbeholfenheit eben transphob wirkt, erzeugt leider diesen Eindruck. Man erwartet eben von Emma mehr als nur den üblichen Bullshit, der in den sonstigen Käseblättern zum Thema steht. Entsprechend größer ist die Enttäuschung, wenn doch nur der gleiche unterirdische Kram verzapft wird, doch entsprechend schärfer ist auch die Interpretation.

      Was allerdings moderner Feminismus sein soll, ist mir nicht klar. Feminismus kann per Definition nicht modern sein, weil Frauen heute doch schon alles erreicht haben und nur die Feministinnen das nicht kapieren, also per se die Ewiggestrigen sind.

  6. Lieber Fink,

    ich bin so froh, dass endlich mal jemand die Fremdbestimmung von Transsexuellen kritisiert.

    „Viele Transsexuelle bzw. Transgender fühlen sich mit sehr geringen oder auch ohne Körperveränderungen wohl, und natürlich verdienen sie gegen solche Fremdbestimmungsversuche jegliche Inschutznahme.

    Jedoch kann das keinesfalls umgekehrt heißen, diejenigen Transsexuellen, die ihren Körper verändern wollen (wie im konkreten Fall), darüber zu belehren, dass sie diesen Wunsch doch gar nicht wirklich hätten oder haben dürften, sondern dass sie nur Opfer heteronormativer Zwänge seien, ihr Wunsch somit so eine Art sozialpathologischer Einbildung.“

    Genauso ist es!

    Doch leider sieht das kaum jemand so. Ich mache regelmäßig die Erfahrung, dass Menschen meinen, mein Körper sei öffentliches Gut. Ein Schlachtfeld, auf dem man das Zweigeschlechtersystem bekämpfen kann. Und so haben Leute auch keinerlei Hemmungen mir reinzureden ob ich denn Hormone nehmen darf beziehungsweise muss. Dann projezieren die ihre eigenen Vorstellungen von Geschlecht auf mich und verwickeln mich von allen Seiten in ihre Grabenkämpfe. Wahlweise wollen sie dass ich „so bleibe, wie ich bin“, weil ich ja sonst an Subversivität verlieren würde, die sie für den Kampf gegen Sexismus gut gebrauchen könnten. Oder sie drängen mich dazu, möglichst schnell „alle Operationen zu machen, die ich mitnehmen kann“ und sagen mir, dass ich dann „eine wunderschöne Frau werde“. Was ich selbst will, scheint nicht zu interessieren. Selbst wenn ich es mehrmals deutlich sage. Die eigenen Vorstellungen der Menschen, was ich zu tun habe, sind eben wichtiger.

    • „Was ich selbst will, scheint nicht zu interessieren. Selbst wenn ich es mehrmals deutlich sage.“

      Sicher eine sehr frustrierende Erfahrung. Für mich ist es immer wieder traurig zu sehen, mit welcher Übergriffigkeit bis hin zur Gewalt die Menschen in „geschlechtlichen Angelegenheiten“ unterwegs sind. Und das Traurigste ist ja, dass solche persönliche Übergriffigkeit auch von denjenigen ausgeht, die angeblich für mehr Freiheit kämpfen.

      Vielen Dank für deinen Kommentar, Annalina.

      • Hey Zaunfink,

        klar ist das frustrierend. Aber wenn mensch sich ankuckt, auf wievielen verschiedenen Ebenen in Gesellschaft Gewalt wie selbstverständlich am laufenden Band ausgeübt wird, auch nicht weiter verwunderlich. Das Schlimmste an struktureller Gewalt ist ja meiner Ansicht nach, dass sie von der Gesellschaft sozusagen als normal und teilweise sogar als erwünscht betrachtet wird. Aber wenn sich eine Person dagegen aus Verzweiflung mit Mitteln wehrt, die nicht den Vorstellungen von bürgerlicher Gesellschaft entsprechen – also wenn ich mich zum Beispiel weigere, mich Polizist_innen, die mich immer wieder verhöhnen und diskriminieren, freundlich gegenüber zu verhalten – dann kommt die große Empörung.

        P.S.: Ich wollte dir übrigens noch sagen, dass ich gerade deine sarkastische Schreibweise bei vielen Dingen richtig toll finde. Zum Beispiel den Leitfaden zur Täter-Opfer-Umkehr.

        Ganz liebe Grüße
        Annalina

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