Pyromanen in Sodom

Die meisten kennen die Gruselgeschichten aus der Bibel nur in den populären Kurzversionen, die Kinder von drei bis hundert Jahren das Fürchten lehren sollen. Das Verblüffende ist: Wenn wir einmal die ganze Geschichte lesen, wird es oft noch viel gruseliger. Schauen wir uns diese hier also mal genauer an.

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Sodom, mittlere Bronzezeit. Der regional zuständige Wüstengott Jahwe ist übellaunig, weil die Menschen alle möglichen Sachen machen, die ihm nicht gefallen. Was das für Sachen sind, wissen wir nicht so genau. Dass die Leute nicht mehr mit rechtem Enthusiasmus der heterosexuellen Missionarsstellung frönen, bei der Jahwe doch so gerne zuschaut, das hat jedenfalls erst sehr viel später irgendein Märchenonkel mit überschüssiger sexueller Phantasie dazugereimt.

Mit Jahwes Allwissenheit scheint es jedenfalls nicht so weit her, wie die Leute immer sagen, und Facebook ist auch noch nicht erfunden. So sieht sich der Gott genötigt, zwei Engel als Spitzel loszuschicken, die mal vor Ort nach dem Rechten schauen sollen. In Sodom stoßen die beiden auf Abrahams Neffen Lot, der sie nötigt, als seine Gäste bei ihm zu verweilen.

Die Nachbarn im Viertel, aus irgendeinem Grund von kollektiver Ausschreitungsfreude ergriffen, umzingeln daraufhin das Haus und fordern Lot auf, die Engel herauszugeben, damit sie sie – hierin sind alle Überlieferungen einig – vergewaltigen können. Als die Menge draußen immer lauter randaliert, fängt Lot an, zu verhandeln, um seine Gäste zu schützen, und hat eine super Idee: Er schlägt dem aufgeputschten Mob vor, statt der Engel doch besser seine beiden minderjährigen Töchter zu vergewaltigen und bemüht sich unter Hinweis auf ihre Jungfräulichkeit, sie der sexhungrigen Meute recht schmackhaft zu machen.

Ob die Töchter die väterliche Interpretation seiner Gastgeberpflichten, die aus heutiger Sicht zweifellos etwas überengagiert erscheint, ebenso begeistert teilen, das ist nicht überliefert. Dass das für die Geschichte auch keinerlei Rolle spielt, ist aber bezeichnend.

Die Engel jedenfalls schieben schließlich zumindest Lots Kernfamilie aus Ground Zero heraus, denn der cholerische Jahwe hat sich endlich dermaßen in seine Misanthropie hineingesteigert, dass er Sodom komplett mit allen Bewohner_innen abfackelt, und die Nachbarstadt gleich noch dazu. Und wenn auch Lots Weib nicht durchkommt, weil es dem ideenreichen Gott gefällt, sie für eine unschuldige menschliche Reaktion auf höchst bizarre Weise dahinzuraffen, so überleben doch die beiden Töchter, die später fröhlich mit ihrem alkoholisierten Vater zwei neue Volksstämme zeugen.

* * *

So. Und was lernen wir aus dieser Geschichte (zu der ich hier übrigens wirklich nichts dazuerfunden habe)?

Wir könnten jetzt darüber streiten, warum sich so viele eifrige Monotheist_innen ausgerechnet an ihrer Besessenheit mit der Homosexualität derartig hochziehen. Werden doch in den meisten Überlieferungen der Erzählung völlig andere „Sünden“ als Anlass der Zerstörungswut genannt. Je nach Quelle und Übersetzung werden z.B. die mangelnde Armenfürsorge erwähnt, die Habsucht, die Fremdenfeindlichkeit der Sodomiter gegenüber dem Migranten Lot oder die skandalöse Missachtung des Gastrechtes, das Lot so heldenhaft vertritt. Das sind schließlich auch alles Dinge, über die heterosexuelle Monotheist_innen sich einmal Gedanken machen könnten, dringender jedenfalls als über das Sexleben anderer Menschen.

Das ist aber nicht der Punkt, um den es mir hier geht.

Meine Frage ist: Wie können wir überhaupt auf die Idee kommen, aus einer Geschichte irgendeine ethische Inspiration abzuleiten, deren Held kein Problem damit hat, seine kleinen Töchter einer brutalen Massenvergewaltigung anheimzugeben? Das ist doch krank. Ich habe noch nie erlebt, dass irgendjemand dieses – nicht unwesentliche – Detail einmal hinterfragt hätte. Wir reden hier von einer Welt, in der ein Vater es völlig normal findet, über seine Kinder zu verfügen wie über Nutztiere, ohne jegliche Rücksicht auf deren Meinung oder deren drohendes Leid. Und wohlgemerkt: Dieses Verhalten wird hier nicht als das Problem dargestellt, sondern als dessen Lösung. Lot ist nicht der Schurke, sondern das moralische Vorbild der Erzählung.

Und aus dieser Welt, in der patriarchale Gewaltherrschaft inklusive brutalstem Sexismus (und übrigens auch Sklaverei, Steinigung, Vielehe, Inzest, Krieg und Völkermord) nicht die Ausnahme, sondern die Norm waren, sollen wir moralische Richtlinien für unsere heutige Gesellschaft ableiten? Im Ernst?

* * *

Was mit der Moral passiert, wenn Menschen sich solche perversen Geschichten als Leitlinien und solche Helden zum Vorbild nehmen, das sehen wir derzeit z.B. in Liberia: Dort haben 100 christliche Funktionäre, darunter ranghohe Katholiken und Anglikaner, eine Deklaration unterschrieben, die die aktuelle Ausbreitung von Ebola als Reaktion eines zornigen Gottes auf die Unmoral – und dazu zählen sie vor allem „Homosexualismus“ – diagnostiziert. Um den zürnenden Wüstengott zu besänftigen, der offenbar weiterhin seine Plagen nach dem Gießkannenprinzip hernieder schickt, schlagen sie allen Ernstes eine dreitägige Fastenzeit im ganzen Land vor.

Keine Frage, dass inmitten dieser Hetze natürlich auch die beliebte Geschichte von Sodom und Gomorra wieder aufgewärmt wird; selbstverständlich in der neuen Version, in der die Schwulen an allem Schuld sind. Auch wenn es in der Deklaration natürlich nicht explizit vorgeschlagen wird, bleibt nur abzuwarten, ob sich nach dieser brillanten Ursache-Wirkungs-Analyse nicht ein paar fromme Männer als Gottes verlängerter Arm betätigen wollen und statt zu fasten lieber ein paar Schwule totschlagen oder Lesben vergewaltigen.

Und so brennt das Feuer von Sodom weiter. Um die Hölle auf Erden zu erzeugen und Feuer und Schwefel auf die Menschen regnen zu lassen, brauchen wir nämlich gar keinen Gott, sondern nur eine Handvoll religiöser Pyromanen, die mit verbalem Brandbeschleuniger durch ihr selbsternanntes Sodom streunen.

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6 Kommentare zu “Pyromanen in Sodom

  1. Nachtrag 22.10.2014:

    „Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International und LGBT-Aktivisten warnen vor zunehmender Gewalt gegen Homosexuelle in Liberia. „Es gibt Berichte, dass Homosexuelle ihre Häuser verlassen und untertauchen müssen“, erklärte Francois Patuel, der Amnesty-Sprecher für Westafrika. Gegenüber Reuters sagte er weiter, es gebe auch Beweise, dass die Zahl der Drohungen und Übergriffe auf Homosexuelle stark angestiegen seien.
    LGBT-Aktivist Leroy Ponpon macht die christlichen Kirchen für die Verschlechterung der Situation verantwortlich: ‚Seit Kirchenführer Ebola zu einer Seuche erklärt haben, die Gott zur Strafe für Homo-Sex geschickt hat, eskaliert die Gewalt gegen Homosexuelle. Es wird sogar die Todesstrafe gefordert. Wir leben in Angst.‘ „

    http://www.queer.de/detail.php?article_id=22547

  2. „Sodom, mittlere Bronzezeit. Der regional zuständige Wüstengott Jahwe ist übellaunig, weil die Menschen alle möglichen Sachen machen, die ihm nicht gefallen. Was das für Sachen sind, wissen wir nicht so genau. Dass die Leute nicht mehr mit rechtem Enthusiasmus der heterosexuellen Missionarsstellung frönen, bei der Jahwe doch so gerne zuschaut, das hat jedenfalls erst sehr viel später irgendein Märchenonkel mit überschüssiger sexueller Phantasie dazugereimt.“

    Oh! Du bist Gut! Ich lache mich gerade scheckig über Dein Schreibstil. Muss unbedingt mehr von Dir lesen.

  3. Ha! Das ist wohl eine meiner Lieblingsbibelgeschichten. So richtig schön falsch!

    Wir hatten zuhause einen Bildband mit Gemälden alter Meister – „Die Bibel in Bildern“. Den habe ich mir, als ich klein war, oft angesehen. Es war nicht die ganze Bibel vertreten, aber die Geschichte mit der Zerstörung Sodoms (ohne das Vorgeplänkel) und die Inzest war definitiv drin und mehrmals dargestellt. Ich weiß noch, wie der biblische Begleittext mich verwirrt hat – wohlgemerkt zu einer Zeit, als ich gerade lesen gelernt hatte.
    Bisschen hart vielleicht, aber das hat ja zu meiner christlichen Bildung beigetragen. Wenigstens bin ich dem Bildungsplan entgangen!! Nicht auszudenken, was aus mir geworden wäre, wenn man mir 10 Jahre später in der Schule erzählt hätte, dass Homosexualität normal ist!!einself

  4. also als erstes muss ich hier was beichten:
    die hausaufgaben die wir über den sommer aufhatten als ich 14 war, die bibel lesen, habe ich nicht gemacht und stattdessen am ende der sommerferien die lösungen von einer freundin ageschrieben.

    trotz meiner wissenslücken bin ich der festen überzeugung die geschichte ging anders *verwirrt sei*
    aber was muss dieses buch auch so dick sein? hatt den noch keiner dieser religiösen vernatiker die idee gehabt nen taschenbuch draus zu machen?

    und das ding gibt es auch schon soooo lange WO IS DIE VERDAMMTE FORTSETZUNG? ich hasse es wenn autoren sich so viel zeit lassen für den nächsten teil
    wer will den eine geschichte lesen die nicht fertig is?
    ich meine ich lese meinen zukünftigen kindern doch auch nicht rotkäppchen vor und höre auf wenn der jäger seine waffe auf den wolf richtet und sage dan zu ihnen `so den rest könnt ihr euch ja denken. gute nacht <3`

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