Zum 189. Geburtstag von Karl Heinrich Ulrichs

„Hierher zur blutigen Leiche! Zittert, ihr Verfolger! Ich, ich erstehe als euer Ankläger, ich fordre euch vors Gericht vor diesem Todten! Euch lade ich vor, die ihr die Verfolgung der Natur gepriesen habt, die ihr die Abschaffung gehindert habt, euch: Migault zu Bremen, Virchow zu Berlin, Schwarze zu Dresden. Tretet heran! Hier ist ein Todtengericht. Wen trifft die Blutschuld? Sprechet! ich fordre Rechenschaft. Es liegt ein Ermordeter hier! Gegen wen schreit sein Blut zum Himmel?“

Eine Anklage wegen „widernatürlicher Unzucht“ hatte im November 1869 den preußischen Hauptmann Frosch in den Suizid getrieben. Kein Einzelfall. Im März des Jahres hatten die hier namentlich angeprangerten Rechtsgutachter die Beibehaltung des ‚Unzuchts‘-Paragraphen verteidigt. Der Autor, der seiner rechtschaffenen Wut über diesen vermeidbaren Tod hier so eindrucksvoll die Zügel schießen ließ, ist Karl Heinrich Ulrichs: Jurist, Historiker, Anthropologe, freier Autor, Journalist, Verleger, Satiriker, Pamphletist, Dichter – und der erste Schwule der Weltgeschichte.

So jedenfalls bezeichnet ihn Volkmar Sigusch, der unter ’schwulsein‘ versteht, dass man nicht nur homosexuell ‚veranlagt‘ ist, sondern sich auch selbstbewusst und politisch dazu bekennt.1

Berücksichtigen wir die Zeit, in der UlrichsKarl Heinrich Ulrichs sein Lebenswerk schuf (er lebte von 1825 bis 1895), erscheint es schlichtweg atemberaubend, was dieser Mann alles auf seiner Agenda hatte. Er verfasste in zwölf Bänden die erste wissenschaftliche Theorie der Homosexualität. Er prägte dabei den Begriff ‚Urning‘ für jene Männer, deren männlichem Körper seiner Meinung nach eine weibliche Seele innewohnte. Mit zahllosen Eingaben an Gesetzgeber und Kommissionen kämpfte er unermüdlich um die Straffreiheit homosexueller Handlungen. Er formulierte hierfür wissenschaftliche, moraltheologische, juristische und politische Argumente. Er stellte seine Forderungen auf dem deutschen Juristentag, wo ihn 500 Kollegen niederbrüllten. Er forderte die Öffnung der Ehe für alle sexuellen Identitäten – eine damals unfassbar kühne Idee. Er begründete eine Hilfskasse für in Not geratene ‚Urninge‘ und richtete ein Archiv von Einzelschicksals-Beschreibungen ein. Er erstellte Listen von historischen ‚urnischen‘ Berühmtheiten – eine PR-Strategie, die sich länger als ein Jahrhundert größter Beliebtheit erfreute. Er gründete eine ‚urnische‘ Zeitschrift. Er warb bei prominenten Nicht-Urningen für politische Unterstützung, bastelte an Netzwerken, betrieb Lobbyarbeit. Er konzipierte einen „Urningsbund“ zur Entfaltung eines „genossenschaftlichen Bewusstseins“ und nahm damit die Idee einer homosexuellen Bürgerrechtsbewegung um Jahrzehnte vorweg. Er wollte gleichzeitig die Selbstachtung der ‚Urninge‘ stärken, um sie aus dem „Abgrund der Selbstverachtung“ zu reißen, die so viele das Leben kostete. Er forderte Solidarität unter allen marginalisierten Gruppen und skizzierte damit das vor, was wir heute als ‚Intersektionalität‘ als den letzten Schrei der queer theory feiern. Er kämpfte gegen das organisierte Erpresserwesen, das damals in den einschlägigen Kneipen um sich griff. Wo es politisch hilfreich erschien, drohte er auch schon einmal mit dem Entlarven prominenter ‚Urninge‘, Generationen bevor die Idee des ‚Outing‘ als US-Import nach Deutschland kommen würde. Er schrieb homoerotische Erzählungen und Gedichte.

Sein mutigster Schritt aber war es sicherlich, öffentlich klarzustellen, dass er selbst Männer liebte – zum großen Entsetzen seiner Herkunftsfamilie und mit beträchtlichen Konsequenzen für seine Karriere und seinen öffentlichen Ruf.

All das unternahm Ulrichs in einer Zeit, in der der Begriff ‚homosexuell‘ gerade erst entstand, in der gleichgeschlechtliche Sexualität mit größter Selbstverständlichkeit zur tiefstmöglichen Schande herabgewürdigt wurde, in der er auf kaum einen festen Verbündeten zählen konnte. All das war im buchstäblichen Sinn vollkommen unerhört. Mit allen seinen Vorhaben war Ulrichs seiner Zeit so schockierend weit voraus, dass die meisten davon mehr oder weniger kläglich scheiterten – zunächst jedenfalls.

* * *

Ich habe das Eingangszitat für diesen Text gewählt, weil mir nicht nur Ulrichs‘ Projekte imponieren, sondern weil mich vor allem die innere Haltung tief beeindruckt, mit der dieser Mann fast ganz allein und nahezu ohne jegliche Vorarbeit früherer Wegbereiter in den Kampf zog. Ulrichs bat nicht um Toleranz oder um Sympathie. Er forderte Gerechtigkeit, und er war von der zwingenden Überzeugung erfüllt, das Recht auf seiner Seite zu haben. Er bettelte nicht darum, dass man seinesgleichen nicht mehr einsperrte, sondern erklärte umgekehrt diejenigen zu Verbrechern, die eine himmelschreiende Ungerechtigkeit aufrecht erhielten. Er flehte nicht um gnädige Linderung – er schlug die brutale Realität unnötigen Leids den Tätern in wütender Empörung um die Ohren. Ulrichs‘ Haltung war nicht demütige Bittstellerei, Beschwichtigung oder Kompromisssuche. Seine Haltung war heiliger Zorn, felsenfester Idealismus und kompromissloser Gerechtigkeitssinn.

Woher nahm dieser Einzelkämpfer diese Chuzpe, diese Unerschütterlichkeit? Ulrichs selbst erklärt uns sein psychisches Fundament mit dem ihm eigenen charmanten Pathos als

„die innere Sicherheit, die allein durch die Vorahnung der Freiheit verliehen wird“.

Das ist eine Formulierung, die man sich wohl getrost auch heute noch hinter den Spiegel stecken kann.

Beim erneuten Stöbern in den Quellen habe ich viele Zitate entdeckt, die mir verblüffend aktuell vorkommen. Bei Ulrichs‘ Formulierung von der „Unausrottbarkeit und Unwandelbarkeit“ der „urnischen Natur“ etwa geht mir nicht nur Conchita Wursts Kampfruf „We are unstoppable!“ durch den Kopf, sondern auch die traurige Einsicht, dass es mehr als ein Jahrhundert nach Ulrichs immer noch notwendig ist, ‚Heilungs‘-Versuche zurückzuweisen. Ulrichs‘ Anklage der „stumpfsinnigen Heerden“, die es wichtiger fänden, „auf Maskenbällen für eine Dame gehalten zu werden“ als „dem Urningtum Freiheit, Berechtigung und Stellung in der menschlichen Gesellschaft zu erobern“ … nun, ich muss wohl nicht erklären, woran mich das erinnert. Den glasklaren, scharf geschliffenen, gerechten Zorn allerdings, den Ulrichs uns vorlebte, den vermisse ich in unserer Zeit von ‚Habt-uns-lieb‘-Politik und Salamitaktik mehr als nur ein wenig.

Als ein aus seiner Zeit gefallener Geist musste Ulrichs das Scheitern vieler seiner Projekte hinnehmen. Vor allem gelang es ihm nicht, die ‚urnischen‘ Massen zu erreichen, geschweige denn zu mobilisieren. Dazu schrieb Magnus Hirschfeld später:

„Seine Versuche, die Homosexuellen selbst für ihren Freiheitskampf zu interessieren, scheiterten ganz; als diese merkten, auf welche Widerstände ihr Vorkämpfer stieß, ließen sie ihn vollkommen im Stich.“

Mit einiger Bitterkeit musste Ulrichs mitansehen, wie der Sexualwissenschaftler Krafft-Ebing seine Thesen aufgriff, ohne sie ihm auch namentlich zuzuschreiben, und vor allem: wie Krafft-Ebing nicht-heterosexuelle Begehrensformen als zwar natürliche, aber dennoch krankhafte Formen der Sexualität beschrieb. Für Ulrichs, der immer gegen jegliche Pathologisierung gekämpft hatte, muss das wie ein Stich ins Herz gewesen sein. Da der einflussreiche Krafft-Ebing aber das politische Ziel der Straffreiheit weiterverfolgte (und später, 1897, tatsächlich als einer der ersten eine entsprechende – vergebliche – Petition an den Deutschen Reichstag unterzeichnete) fand Ulrichs hierzu gegen Ende seines Lebens dennoch versöhnliche Worte:

„Meine Anstrengungen verliefen im Sande. Doch das eine kann ich sagen: Ich habe die Samenkörner ausgestreut. Sie fielen auf Steine oder unter Dornen, eines aber fiel auf ein menschliches Herz. Dieses hat einen Keim hervorgebracht, der erblühte und jetzt in voller Kraft steht. Dieses Mannes Kampf wird nicht im Sande verlaufen. Das Eis ist gebrochen. […] Ich war lange voller Hoffnung, doch irgendwann hatte ich keine Hoffnung mehr. Nun kehrt die Erinnerung daran zurück, wie stark die Hoffnung war, die mir damals Kraft gab.“

Die Straffreiheit der Homosexualität in seiner Heimat konnte Ulrichs nicht mehr erleben; bis es endlich dazu kam, verging nach seinem Tod noch fast genau ein Jahrhundert.

Ulrichs geriet recht bald nach seinem Tod in Vergessenheit; seine Verdienste als Vorreiter der Schwulenbewegung werden erst seit wenigen Jahren zunehmend gewürdigt. Hirschfeld, der Ulrichs in vielerlei Hinsicht beerbte und der seine Reise zu Ulrichs‘ Grab in L’Aquila beschrieb wie eine Pilgerreise zu einem Heiligtum, fand folgende Worte:

„Seine Werke sind für alle späteren Arbeiten auf diesem Gebiet grundlegend geworden. In ihrem vollen Wert werden sie erst von späteren Geschlechtern gewürdigt werden, er eilte seiner Zeit zu weit voraus.“

Auch den Schlusssatz, den ich mir zur Würdigung eines der mutigsten und menschlichsten Aktivisten nicht passender hätte ausdenken können, überlasse ich an dieser Stelle Hirschfeld:

„Würde nur ein geringer Bruchteil der Urninge einen ähnlichen Mut und Eifer bekundet haben, es würde um die Sache des Uranismus besser bestellt sein“.

 


1 Volkmar Sigusch: Karl Heinrich Ulrichs. Der erste Schwule der Weltgeschichte. Bibliothek rosa Winkel, Berlin 2000


• Link zur Google-Suche: Ulrichs‘ Schriften digitalisiert

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7 Kommentare zu “Zum 189. Geburtstag von Karl Heinrich Ulrichs

  1. Vielen Dank für diesen informativen Blogeintrag! Kaum zu glauben, wie modern Ulrichs aus heutiger Sicht mit seinen Forderungen war. Es ist tragisch, dass er die Früchte seiner Arbeit nie genießen konnte. Permanent gegen Widerstände anzukämpfen, sich an der Borniertheit, dem Hass und Unverständnis seiner Zeitgenossen abzuarbeiten, dabei auch noch von potenziellen Mitstreitern im Stich gelassen zu werden und trotzdem nicht die Hoffnung aufzugeben, ist eine enorme Leistung. Wir können stolz auf einen solchen Vorkämpfer sein und sollten uns an seinem Mut, seiner Stärke und seinem Kampfgeist ein Beispiel nehmen.

  2. Hierzu fällt mir ein Text von Lessing ein, der in punkto (religiöser) Toleranz seiner Zeit weit voraus war.

    Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts
    „Der Schwärmer tu oft sehr richtige Blicke in die Zukunft, aber er kann diese Zukunft nur nicht erwarten. Er wünscht diese Zukunft beschleuniget; und wünscht, daß sie durch ihn beschleuniget werde. Wozu sich die Natur Jahrtausende Zeit nimmt, soll in dem Augenblicke seines Daseins reifen. …
    Geh deinen unmerklichen Schritt, ewige Vorsehung! Nur laß mich dieser Unmerklichkeit wegen an dir nicht verzweifeln! – Laß mich an dir nicht verzweiflen, wenn selbst deine Schritte mir sollten zurückzugehen! … Und wie? wenn es nun gar so gut als ausgemacht wäre, daß das große langsame Rad, welches das Geschlecht seiner Vollkommenheit näherbringt, nur durch kleine schnellere Räder in Bewegung gesetzt würde, deren jedes sein Einzelnes eben dahin liefert?“

    Auch sexuelle Toleranz braucht einen langen Atem. In diesem Sinne: Vielen Dank für das emsig schnurrende Räderwerk Deiner Texte ;-)

  3. Wieder einmal ein glaenzender Beitrag. Glaenzend, wie Ulrichs hier aus der Vergessenheit wieder ans Licht gebracht wird. Und was fuer ein Donnerschlag. Wer wer von uns „Urningen“ heutzutage kennt ihn ueberhaupt? Selbst mir war er zwar bekannt, aber keineswegs in der hier vorgestellten Form. Und wieder zeigt sich, dass die „Kaempfer“ heute zwar mehr geworden sind. Ulrichs dennoch auch jetzt wieder von vielen seiner vermeintlichen Brueder (und Schwestern) allein gelassen, ja sogar abgelehnt oder bekaempft wuerde.

    Was mich geradezu erschuettert ist die ernuechternde Feststellung, dass da ein Mensch schon vor 150 Jahren (fast) alle Fragen beantwortet hat. Alle Argumente fuer eine Ehe fuer Alle geliefert hat. Und sich dennoch eine Partei aufbaut und sagt: „Darueber muss noch laenger diskutiert werden.“ Wie absurd das ist. Und wie entlarvend.

    Vielen Dank fuer diesen ausgezeichneten Artikel.

    • Du sagst es. Dass man heute immer noch behaupten kann, das komme jetzt aber alles ein bisschen zu plötzlich, finde ich auch extrem albern. Und wieder werden alle Argumente rausgekramt, die seit Jahren widerlegt sind. Es ist, als lebten wir in einer Zeitschleife …

      • Stimmt. Das mit der Zeitschleife wird einem gerade in diesen Tagen sehr bewusst, in denen sich bestimmte „Krawallmacher“ wieder lautstark zu Wort melden.

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