Ihr seid alle schrill, schrill, schrill.

Ich dachte bisher immer, beim CSD gehe es vor allem um politische Themen. Solidarität und so – wie naiv. Aber jetzt weiß ich Bescheid. Zweck und Bestimmung erhält der Christopher Street Day allein als Austragungsort zweier Wettbewerbe, die zwar völlig gegensätzlich scheinen, aber direkt zusammenhängen.

Da ist erstens jener kleine Teil der Teilnehmer*innen, der sich mithilfe barock überbordender und surreal farbintensiver Monturen und Kopfaufbauten einem inbrünstigen Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit hingibt. Das ist oft recht unterhaltsam, politisch sogar durchaus sinnvoll, und angesichts des heroischen Kampfes gegen Schwerkraft, Orthopädie und Seitenwind, den diese Menschen mit stoisch erfrorenem Lächeln auf sich nehmen, mag sogar ein wenig Bewunderung aufkommen. Jedenfalls trägt dieser Wettstreit zur Popularität der Paraden erheblich bei.

Der zweite Wettbewerb läuft eher im Verborgenen ab und wird nur in einer Gesamtschau der CSD-Berichterstattung offensichtlich.

Ich rede von der eifrigen Konkurrenz der Medien, ebendiese bewunderungsheischende Minderheit als prägend für die gesamten Paraden hinzustellen, darüber aber in möglichst unorigineller Weise zu berichten. Genau weiß ich es nicht, aber ich stelle mir diesen Wettstreit ungefähr so vor: Bonuspunkte gibt es für die Verwendung möglichst vieler vorgestanzter Worthülsen wie ‚in der Mitte der Gesellschaft‘ und alberner Verkindlichungen wie ‚regenbogenbunt‘. Sobald ein*e Journalist*in das Wort ’schrill‘ unterbringt, ertönt im Redaktions-Hauptrechner ein melodiöses ‚BING!‘ und dann darf er*sie zur Belohnung zwei Stunden lang World of Warcraft spielen oder Katzenvideos gucken, während der Schulpraktikant den Artikel weiterschreibt. Am Ende jeder Saison winkt ein hochdotierter Preis für die inspirationsloseste Schlagzeile.

„CSD schrill und laut“

titelt z.B. preisverdächtig der Kölner Express und entdeckt in dieser „schrillsten Parade des Jahres“ gleich „40 000 Teilnehmer in schrägen Kostümen“. [Link] Das sind in diesem Fall, lasst mich kurz rechnen: alle!

„Schrill, frech, politisch“

findet die Esslinger Zeitung den CSD in Stuttgart und sieht dort ausschließlich „Schrille Dragqueens, bunte Wagen und laute Elektro-Popmusik“ [Link]. Und in diesem Stil geht es weiter:

„Schrill-bunte Demo zum Christopher Street Day“ [Link],
„München: So bunt und schrill ist der CSD 2014“ [Link],
„Bunt, schrill, vielfältig“ [Link],
„Schrille Demo: CSD-Verein hisst die Regenbogenfahnen“ [Link],
„Schrill-bunte Woche rund ums Rathaus“ [Link],
„Bunt und schrill: CSD zieht durch Hamburg“ [Link],
„Schrill & Sexy – CSD 2014 in Berlin“ [Link],
„Ruhr-CSD – Bunt und Schrill“ [Link]
„Schrill, bunt und gut gelaunt: Der CSD in Bildern“ [Link],
„Bunt, schrill und politisch“ [Link],
„Ruhr-CSD – Bunt, schrill und ganz schön politisch“ [Link],
„Schrill, frech, politisch: ‚Wertvoll sind wir alle'“ [Link],
„Mannheimer Christopher Street Day: Bunt und schrill mit ernstem Hintergrund“ [Link].

Diese eintönige Titel-Parade könnten wir endlos an uns vorbeiziehen lassen, bis wir endlich einschlafen. Statt hüpfender Schäfchen könnten wir dabei zählen, wie oft neben Homosexuellen auch Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle, Intersexuelle, Asexuelle oder genderqueere Menschen es schaffen, erfolgreich über den Wahrnehmungszaun auf das Feld medialer Aufmerksamkeit zu springen (selten), wie oft neben den Interessen ehe- und adoptionswilliger Mittelschichtshomos auch einmal die Probleme z.B. von homosexuellen Jugendlichen (höchstens an dritter Stelle) oder von Intersexuellen (nie) erwähnt werden oder wie oft die heterosexuellen Autor*innen von einer ‚Schwulenparade‘ berichten (grausig häufig).

Hier und da schreckt man kurz auf, wenn einzelne Journalist*innen, offenbar thematisch überfordert und dennoch unwillig zu minimaler Recherche, ungelenk über die Begriffe stolpern:

„Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transvestiten und ihre Freunde haben sich auf dem Kornmarkt getroffen“ [Link]

oder wenn ihnen vor Verstörung die Orthographie gleich komplett im Hals stecken bleibt:

„Die Veranstaltung wirbt für Toleranz und Gleichberechtigung gleichgelechtitiger [sic] Paare.“ [Link].

Ansonsten geht es zum Gähnen ’schrill‘ weiter, und auch die Homomedien machen einfach mit:

„CSD Mannheim: Es wird bunt und schrill“ [Link]

oder sie versteigen sich gar zu kategorischen Forderungen:

„Federboas, Lederhosen, bunte Perücken – bunt, schrill und laut muss es sein.“ [Link]

Schon kleinste Abweichungen von den Formulierungsnormen stechen aus der Schlagzeilenwüstenei auffallend heraus:

„Schrill, bunt und gut gegen Regen“ [Link],
„Pink und schrill: Toleranz hat Vorfahrt“ [Link],
„CSD Trier in Bildern – bunt, schrill, fototastisch“ [Link],
„Würzburger CSD weniger laut und schrill“ [Link]

Halt, stop – was war das? Weniger laut und schrill? Will da etwa ein CSD aus der regenbogenbunten Herde ausscheren?

Schrill, bunt, politisch, laut – das sind Zutaten, aus denen sich der Christopher Street Day normalerweise speist. Diesmal war die Politparty in Würzburg anders.
Exzentrisch verkleidete Teilnehmer gab es am Samstag nur wenige. Auch die lauten Trillerpfeifen, die sonst immer den Demonstrationszug durch die Würzburger Innenstadt begleiten, waren nur vereinzelnd zu hören. ‚Wir haben dieses Jahr bewusst eine Demonstration der leisen Töne angeschlagen, um den Menschen Denkanstöße zu geben‘, sagte Markus Siebers von der ‚Toleranz Fabrik‘, dem Trägerverein des CSD Würzburg.“ [Link]

Da will jemand klarstellen, dass das ‚Schrille‘, der Begriff, mit dem die politische Ernsthaftigkeit der Paraden und ihrer Teilnehmer*innen seit eh und je diskreditiert wird, hier einmal gar nicht im Vordergrund stehe – und setzt das Wort dennoch an die erste Stelle des Vorspanntextes. Sie*er will betonen, dass ‚exzentrische Verkleidungen‘ kaum eine Rolle spielten – und beginnt mit ihnen den eigentlichen Artikel.

Hier sind sie mal gar nicht alle so schrill – aber eigentlich müssten sie es doch sein. Wir wissen doch, wie die sind, wenn man sie lässt. Die ‚Schrillen‘, obwohl unwichtig, marschieren also trotzdem munter vorneweg durchs Bild. Na, dann ist ja alles in Ordnung. Und ich dachte schon fast … ach, egal. Weitermachen!

„CSD 2014: Bunt und schrill für mehr Rechte“ [Link],
„Knallbunt gegen Homophobie“ [Link],
„CSD: Bunt und schrill durch Freiburg“ [Link]


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4 Kommentare zu “Ihr seid alle schrill, schrill, schrill.

  1. Lieber Zaunfink,

    Du hast den Link zu diesem nun fast 2 Jahre alten Blogeintrag hier: http://www.nollendorfblog.de/?p=6911 gepostet.

    Ich finde es gut, dass Du diesen Punkt gesetzt hast. Wie man an den ersten fünf Kommentaren gesehen hat, die an dem „Medienleitfaden“ dort fundiert viel auszusetzen hatten, gibt es auch deutsche Blogger – auch wenn sie für Awards nominiert werden – auch einen Tellerrand haben, an dem sie hängen zu bleiben scheinen.

    Du hast in Deinem Blogeintrag ironischerweise genau das bereits vor 2 Jahren kritisiert: Dass immer wieder Erasure von den beteiligten Gruppen betrieben wird. In Deinem Kommentar zum Nollendorfblog-Post legst Du noch nach.

    Dass beim CSD offensichtlich sämtliche Regeln des Journalismus als ausgehebelt gelten und man die politische Komponente – die doch die wesentlichste Kernaussage des CSD ist – unterschlägt. „Detailkenntnisse über die aktuellen rechtlichen Situationen? Hinterrundwissen über die verschiedenen Untergruppen? Mehr als nur gröbste Grundkenntnisse des historischen Anlasses der Demo“?

    Dann wird man nämlich feststellen, dass es kein Karneval, sondern ein Zeichen von „Pride“ ist. Ein Wort, das ich im Übrigen in den dt. Artikel fast grundsätzlich vermisse. Der Großteil der Deutschen kann – so scheint es mir – diesen Begriff kognitiv gar nicht erfassen. Und dass der CSD auf Aufstände zurückgeht von eine bunt zusammengewürfelten Truppe aus dem – ich formuliere es mal sehr salopp – „queeren Sexarbeitermilieu“ (wer Details möchte, soll bitte z.B. auf dem Wikipedia-Artikel zu den Stonewall-Aufständen nachlesen).

    Es waren keineswegs nur einfache Schwule oder einfache Schwule und Lesben, die die Austände in Gang gebracht haben. Sondern Personen aus fast dem gesamten LGBT*I*Q-Spektrum, u.a. schwarze Trans*frauen. Dazu fast durchgehend, meist mehrfach intersektional.

    … dass Johannes Kram selbst Journalist ist, finde ich in dem Zusammenhang irritierend. Zumal man aus „Schwulenparade“ eine „Lesben- und Schwulenparade“ gemacht hat und den Rest in eine Fußzeile verbannt hat. In einem Leitfaden für andere Journalisten. (???!?)

    Das geht alles in einer Reihe mit „Regenbogen als Zeichen der Toleranz“ (???) Der Regenbogen ist ein Zeichen von „LGBT pride“. Das ist etwas anderes als Toleranz. Aber das nur am Rande, weil es hier nicht Thema ist – ich wollte nur die Verwaschung von Wahrheiten seitens der Berichterstattung und öffentlichen medialen Wahrnehmung hinweisen.

    Ansonsten großartig recherchiert. Viele Beispiele, um die getroffenen Feststellungen und Aussagen eindrucksvoll zu untermauern. Vielen Dank dafür, dass es noch unabhängige Blogger wie Dich gibt, die Grundsätze des Journalismus hochhalten und einfach nur immer wieder tolle Artikel schreiben.

    Jana & Larah Haŋt’éwi Lakȟóta Yūna

    • Danke für den Kommentar!

      Ich neige ja dazu, Johannes Kram gegen Kritik in Schutz zu nehmen, weil ich seine klugen und pointierten Artikel wirklich sehr schätze und weil er ein tolles Gespür für das richtige Wort im richtigen Moment hat. Ich muss aber zugeben, dass ich gerade deswegen diesmal ausnahmsweise auch ein bisschen enttäuscht war, dass er nicht gleich das ganze Spektrum in den Blickpunkt gerückt hat. Ich denke, er hat da einfach pragmatisch argumentiert. Vermutlich weiß er aus Erfahrung, dass die schlichteren unter den Kolleg*innen mit der ganzen Buchstabennudelsuppe auf einmal komplett überfordert wären. Und auch wenn Journalist*innen, die es überlastet, sich mal mehr als zwei Gedanken zu ihrem Recherchethema zu machen, recht eindeutig den falschen Beruf gewählt haben – trotzdem sind sie ja da. Ich finde aber wie du: Man kann es ihnen zumuten, zumindest versuchsweise.

      Was das Verständnis des „Pride“ angeht, so glaube ich, dass das nicht nur ein Problem der Medien ist. Das Verständnis dafür, wofür dieser Begriff steht und was seine strategische Funktion ist, scheint mir auch in unserer/n Bewegung/en allmählich abhanden gekommen zu sein. Ich habe dazu an anderer Stelle schon einmal etwas angemerkt.

      • Ja, ich habe Johannes Krams Blogposts bisher auch als sehr gut wahrgenommen. Ich finde es schade, dass häufig andere marginalisierte Gruppen übersehen werden. Es kann passieren, sicher, aber wenn es trotz darauf Aufmerksammachens nur zu eine Fußnote reicht, dann bin ich doch sehr verwundert. Und nein, halb korrekt ist nunmal leider immer noch nicht korrekt.

        Was Pride angeht… wenn man in Netz in US-Zusammenhängen unterwegs ist oder südamerikanischen oder z.B. türkischen – zumindest in großen Teilen der LGBTIQ*-Community scheint der Begriff bekannt zu sein. Dort geht man z.B. auf die Straße und macht eine Parade trotz Verbote. Dort ist klar, dass es in der „Pride Season“ weniger um Party geht, sondern um genau das, worauf sich eben der CSD gründet. Der Kern des „Pride“ ist – ich zitiere Wikipedia:

        ( https://de.wikipedia.org/wiki/Gay_Pride )
        „(Gay) Pride (*) ist ein Begriff, der aus der Lesben- und Schwulenbewegung stammt, um den selbstbewussten bzw. selbstachtenden und damit stolzen Umgang mit der eigenen sexuellen Identität beschreiben. Stolz wird im Sinne eines ‚gegen Andere an den Tag gelegtes Selbstgefühl seines Wertes‘ verwendet, das heißt, im Bezug darauf, so zu sein, wie man ist ([…]), sich nicht vor anderen verstecken oder sich für andere verstellen zu wollen und gegebenenfalls für seine Rechte einzutreten. Das Antonym ist in diesem Falle Scham im Sinne von Unwert und Schande. […].
        […]
        Als Anpassungen existieren die Bezeichnungen Lesbian & Gay Pride, Gay & Lesbian Pride oder LGBT-Pride ([…]) und Queer-Pride. Oft wird es auch einfach nur als Pride bezeichnet.“

        Ich war in den letzten Jahren stark in der Trans*-Szene unterwegs und fand es nahezu unmöglich, dort den Begriff Pride unterzubringen. Unglaubliche Argumente wie „Ich bin doch auch nicht Stolz, wenn ich eine Grippe habe“ und „ich bin ja operiert und bin deswegen zum Glück nicht mehr trans, sondern davon ‚geheilt‘, damit will ich nichts mehr zu tun haben“ auf der einen Seite. (also die Stigmatisierung, dass man falsch ist und es irgendeine abscheuliche Form von Krankheit oder Makel oder Fehler der Natur sei) bis hin zu Verwechslung mit militärischen Begriffen von Stolz und Ehre oder „Stolz kann man sein, wenn man etwas geleistet hat – aber stolz dafür zu sein, dass man XYZ ist ist arrogant und überheblich.

        Gerade ersteres führt dazu, dass man sich verstecken und unsichtbar machen will und einfach „nur normal“ sein möchte. Unterwerfung und unreflektierte Heteronormativität, die einem einfach nur aus den Ohren quillt.

        … und dazu die irre Vorstellung, dass man die politische Situation verbessern kann, indem man dafür sorgt, dass möglich viele Leute „Mitleid“ mit einem haben (Originalton „Verständnis für unsere Situation aufbringen“). Dass man damit die letzten 30 Jahre nicht vom Fleck gekommen ist, sondern die Sache in Deutschland eher langsam sich im Rückwärtsgang befindet, wird kaum zur Kenntnis genommen.

        Wenn man hier Monate im Vorraus zu einer öffentlichen Veranstaltung und nur 10 Leute kommen, während es in den USA 1000 wären? Wenn es dieses Jahr aussieht, als würde man beim CSD HH nicht mal einen Block wegen „interner Streitigkeiten“ zusammenbekommen.

        Ich finde das zum Verzweifeln.

        Aber auch die nicht-T in LGBT scheinen leider häufig am CSD nicht mehr wegen des ursprünglichen Sinnes teilzunehmen, sondern scheinen ihn wirklich leider nur als Gaudi wahrzunehmen.

        Die irrige Annahme, dass man mittlerweile akzeptiert sei und in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei, ist in den letzten Wochen doch eher zerplatzt. Es hat ein leiser Rollback stattgefunden. „Toleranz“ heißt eben nur Duldung. Eine Mischung aus Duldung und Ignoranz aus Gründen der „political correctness“. Im Zeitalter von „Wird man ja noch mal sagen dürfen“ offenbart sich das wahre Gesicht.

        Die deutsche LGBT-Bewegung ist unsanft aus einem Dornröschenschlaf erwacht und hat in großen Teilen Pride und anderes verschlafen und wird von anderen Staaten links und rechts überholt. Von der Politik wird die Bewegung kaum mehr wahrgenommen.

        Der CSD wird in der Tat nicht politisch wahrgenommen, das hast Du in deiner Analyse von vor 2 Jahren sehr eindrucksvoll bewiesen. Wie weit sind wir in Deutschland davon weg, dass Staatschefs furiose Reden an die LGBT-Community halten und Paraden besuchen… während in Deutschland der Pressesprecher vorgeschickt wird, der von „nichts weiß“.

        … und die Medien stecken natürlich mit im Boot. Wenn man sich die Schlagzeilen ansieht – das sieht (achtung böses Wort) wirklich schon wie gleichgeschaltete Medien aus. Als hätte man sich heimlich abgesprochen.

        Vieles davon wurde ja auch in guten Blogposts durchdiskutiert.

  2. Du hörst niemals auf, dich zu outen – niemals. – goldtopf

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