Draußen nur Heten.

Es war eine nur scheinbar unbekümmerte Szene, die einen radikalen Wandel ankündigte. Inmitten der Straßenschlachten in der New Yorker Christopher Street im Juni 1969 hakten sich queere obdachlose Jugendliche Schulter an Schulter in einer Reihe ein und stellten sich der in ähnlicher Form aufmarschierten Linie der Polizei gegenüber. Dann begannen sie plötzlich, mit synchronem Beinehochwerfen eine klassische Revuegirl-Choreografie zu parodieren und selbstgedichtete queere Spotttexte zu bekannten Melodien zu singen.

Um die politische Wucht dieser Szene einordnen zu können, müssen wir uns kurz den restriktiven Geist der damaligen Zeit vergegenwärtigen. Gleichgeschlechtlichen Paaren war nicht nur einvernehmlicher Sex, sondern sogar das gemeinsame Tanzen in der Öffentlichkeit verboten. Der Alkoholausschank an homosexuelle Personen war illegal. Laut Gesetz musste jede Person mindestens drei sichtbare Kleidungsstücke ihres angeblich „eigenen“ Geschlechts tragen. Die Polizei nahm in den einschlägigen Kneipen wegen dieser Vergehen immer wieder Verhaftungen vor und konnte ggf. auch die Betreiber*innen zur Verantwortung ziehen. Die wenigen von der korrupten Polizei geduldeten Bars bildeten die einzige Halböffentlichkeit, in der queere Menschen Nähe, Vertrautheit und Intimität vorsichtig zeigen konnten, stets bedroht vom Zugriff des Staates.

Eine selbstbewusste Sichtbarkeit im öffentlichen Raum war nicht nur verboten, sie erschien völlig undenkbar.

Die Straßenkämpfe in New York, die wir heute gern als den Urknall der neueren queeren Bewegung/en ansehen, waren nicht deswegen so bedeutungsvoll für die weitere Geschichte, weil mit der Bar Stonewall Inn einer der wenigen Räume verteidigt wurde, in der eine zaghafte Sichtbarkeit wenigstens geduldet wurde. Die entscheidende gedankliche Wende, die diese Revolte einleitete, bestand darin, dass sie den engen Rahmen dieser Räume sprengte. Der Ort der Auseinandersetzung war und blieb über mehrere Tage hinweg die Straße. Inmitten des Aufruhrs nahmen mutige Einzelne und Gruppen wie die gerade beschriebenen Jugendlichen den öffentlichen Raum immer wieder für spontane Inszenierungen queeren Lebens ein: für Tänze, Gesänge, Küsse und Parolen. Diese mutigen, provokanten und humorvollen Eroberungen der Straße machten die engen Grenzen des bisher Erlaubten und Erlebten fühlbar wie nie zuvor – indem sie diese Grenzen gleichzeitig lustvoll sprengten.

Den Aktivist*innen, die sich im unmittelbaren Anschluss zusammenfanden, wurde schnell klar: Hinter diese kleinen, aber triumphalen Momente der unverschämten Sichtbarkeit konnte und wollte man nicht wieder zurück. Die spärlichen Freiheiten in engen, stets bedrohten Reservaten würden nie mehr genug sein. Es musste darum gehen, den öffentlichen Raum einzunehmen. Es musste möglich werden, auf der Straße zu tanzen und zu küssen, für jede*n. „Out of the closets and into the streets!“ wurde zum zentralen Schlachtruf der US-amerikanischen Bewegung der siebziger Jahre. Die deutsche Version am Ende des Films „Nicht der Homosexuelle ist pervers …“ (1971) lautete, mit leichter Bedeutungsverschiebung, aber gleichem Pathos: „Raus aus den Toiletten! Rein in die Straßen!“

Die öffentliche Sichtbarkeit wurde gleichzeitig zum Ziel und zur Strategie der neuen Bewegung/en erklärt. Es war der Beginn einer Eroberung.

* * *

Mehrere Jahrzehnte nach den Stonewall Riots bettet mein Freund seinen Kopf auf meinen Schoß. Wir haben es uns auf einer Bank bequem gemacht; der umliegende schattige Park gehört zur Anlage eines Schlosses, in dem sich einst ein preußischer König mit umstrittener sexueller Orientierung vor der ihm verhassten weiblichen Gesellschaft in Schutz brachte. Ich lege eine Hand auf die Brust meines Begleiters, schließe die Augen, lausche dem Vogelzwitschern und fühle mich als unscheinbarer Statist einer friedvollen sommerlichen Szene. Erst als ich die Augen öffne, erkenne ich meinen Irrtum. Offenbar bin ich der unwissentliche Held eines aufregenden Spektakels. Was ich sehe, ist Anderen nur auf dem Gipfelpunkt eines paranoiden Schubes vergönnt: Alle Menschen starren mich an. Wirklich alle. Ich bemerke, wie sich schon in der Entfernung die Passant*innen tuschelnd anstubsen und in unsere Richtung nicken. Im Vorbeigehen hören sie nicht einmal dann damit auf, uns unverhohlen anzustarren, als ich ebenso deutlich zurückstarre. Der Impuls gefangener Primaten, glotzende Zoo-Besucher*innen mit Kot zu bewerfen, erscheint mir mit jeder aufgeregt wispernd vorbeistolpernden Tourist*innengruppe plausibler. Erstaunte Kinder, die sonst mit offenem Mund direkt vor uns stehen bleiben würden, werden an ihren kleinen Ärmchen eilig weitergezerrt. Einige der Erwachsenen drehen sich im Weitergehen sogar noch einmal um, weil sie das, was sie gerade so ausgiebig beglotzt haben, immer noch nicht fassen: Zwei Männer zeigen ihre zärtliche Verbundenheit. Nicht in der beruhigenden Distanz einer Bühne, einer Straßenparade oder einer Vorabendserie, wo solche Leute doch eigentlich hingehören, sondern hier, in der realen Welt der realen Menschen. So erschreckend nah.

Ich schwöre, dass ich diese Schilderung höchstens minimal übertreibe. Und ich frage mich, was aus dem großen Projekt der Eroberung des öffentlichen Raumes, das in den Siebzigern mit solcher Kühnheit und solcher Hoffnung begonnen wurde, eigentlich geworden ist. Ein kluger Kopf schrieb vor wenigen Wochen, dass wir die Emanzipationspolitik der letzten dreißig Jahre für gescheitert erklären müssten, würden wir nicht die Homo-Ehe, sondern die Suizidrate unter LGBT*IQ-Jugendlichen zum Maßstab machen. Ich möchte ergänzen: Ähnliches gälte für den Maßstab der öffentlichen Sichtbarkeit.

Ich will nicht sagen, es hätte sich gar nichts getan. Im Gegenteil, ich bin froh über die Freiheiten, die in den letzten Jahrzehnten ganz eindeutig zugenommen haben. Ich bin dankbar dafür und glücklich darüber, dass es immer mehr Menschen aller sexuellen Identitäten gibt, die entschlossen dafür eintreten, dass sich wirklich alle Menschen in der Öffentlichkeit so verhalten können, wie sich Menschen da nun einmal für gewöhnlich verhalten. Als ich über längere Zeit vor lauter Verliebtheit die Hand meines Freundes am liebsten gar nicht mehr loslassen wollte, begegneten uns in Mittel- wie Großstadt vor allem Menschen, die das entweder nicht besonders interessierte oder die uns freundlich anlächelten. „Die sehen keine Schwulen, die sehen nur zwei glückliche Männer“, sagte mein Freund und hatte damit wohl erfreulich recht. Wenn man über das Thema redet und dann jemand sagt, sie*er hätte neulich erst wieder in Berlin oder Köln überall Schwule gesehen (von Lesben ist seltener die Rede), die da völlig komplikationsfrei auf diese oder jene Art ihr Schwulsein zeigten, dann stimmt das sicher, und es ist auch aufmunternd, das zu hören. Die Bereiche, in denen wir diese Freiheiten haben, sind seit den siebziger Jahren ganz erheblich gewachsen.

Aber wenn ein schwuler Autor in einer Analyse der aktuellen Situation behauptet: „Man bewegt sich frei an den Orten, an denen sich alle bewegen“, dann ist das in dieser Pauschalität entweder strategische Lüge oder Selbstbetrug.

Unsere Sichtbarkeit ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Eine kleine Anzahl relativ liberaler Inseln gaukelt uns eine Freiheit vor, die in keiner Weise verallgemeinerbar ist. Ich habe noch nie gehört, wie jemand erzählt, er*sie habe neulich in Offenbach, Ludwigshafen oder Greifswald total viele schwule Paare gesehen. Die muss es da zwar auch geben, man sieht sie aber eben nicht. Im allergrößten Teil der öffentlichen Räume klafft nach wie vor ein eklatantes Missverhältnis zwischen unserer realen Anzahl und unserer Sichtbarkeit.

Es herrscht auch mitnichten ein gesellschaftlicher Konsens darüber, dass wir überhaupt ein Recht auf Sichtbarkeit hätten. Nach wie vor gibt es eine breite Front von Menschen, die jedes Sichtbarwerden von nicht-heteronormativem Leben ablehnen und erbittert bekämpfen. Diskussionsforen zum Thema sind voll von Menschen, die mit den staatlichen Gewaltmaßnahmen zur Unsichtbarmachung von LGBT*IQ, die zur Zeit in vielen Ländern verhandelt werden, offen sympathisieren und sie auch für Deutschland herbeisehnen. Ein ganzes Arsenal aggressiver Abwehrfloskeln („In den eigenen vier Wänden können die doch …“, „Man muss das ja nicht wie eine Monstranz …“, „Ich stelle mich auch nicht auf den Marktplatz und …“) erfreut sich eher wachsender als nachlassender Beliebtheit. Unser Recht auf Sichtbarkeit wird nach wie vor permanent in Frage gestellt oder offen verneint.

Teils lappt diese Abwehr immer noch in den politisch-juristischen Bereich hinein, und das nicht nur in den Staaten, in denen queere Sichtbarkeit gerade wieder als angebliche „Propaganda“ kriminalisiert wird. In Italien wurden vor kurzem zwei Schwule von der Staatsanwaltschaft (!) angezeigt, weil sie einander am Rande einer homofeindlichen Demonstration intensiv geküsst hatten, „vor den Augen von Minderjährigen und angeekelten Passanten“, und noch dazu „in bunter Kleidung“, wie die Anklage schockiert formulierte. Die Wiener Café-Betreiberin, die neulich ein lesbisches Paar wegen eines Begrüßungskusses mit den Worten des Lokals verwies, man müsse doch wohl sein „Anderssein“ nicht so zeigen, hatte dabei ganz offiziell das Gesetz auf ihrer Seite. Und neben der erfreulich großen Demonstration, die gegen diese Diskriminierung protestierte, fanden sich immerhin ein paar Dutzend Gegendemonstrant*innen ein, die das Recht zur willkürlichen Heteronormierung eines öffentlichen Raumes ausdrücklich verteidigten.

Die wichtigste Einschränkung ist aber: Für sichtbar queere Menschen gibt es keine Sicherheit. Ich kann drei Wochen lang händchenhaltend mit meinem Freund durch die Stadt spazieren und fast nur lächelnde Gesichter sehen, und in dem Moment, wo ich tatsächlich einmal vergesse, wie unnormal wir sind, erinnert mich ein aufmerksamer Mitbürger in einem vorbeifahrenden Auto doch wieder daran, indem er das Fenster herunterkurbelt und „Perverse!“ schreit. Oder ein Pubertierender muss plötzlich ganz dringend seine Freunde aus der lokalen Fastfoodfiliale rufen, damit alle gemeinsam zwei schwule Männer in freier Wildbahn begaffen und kommentieren können. Man kann nie wissen, was passiert. Vielleicht können ein Mann und sein Begleiter in Taxi oder Bus unbehelligt knutschen, vielleicht werden die Beiden aber auch vom Fahrer rausgeschmissen. Es kann auch mitten auf der Straße ohne jede Vorwarnung direkt eins in die Fresse geben; das passiert auch und gerade in den angeblich so freien Großstädten immer wieder. Mir erzählte jemand von einer völlig unvermittelten und äußerst brutalen homofeindlichen Attacke in Frankfurt a.M., die er nur knapp überlebte. Unsere Sichtbarkeit bleibt riskant.

Sichtbarkeit ist also heute möglich, aber sie ist immer ein Lotteriespiel. Von Wohlwollen über Gleichgültigkeit, abschätzige oder angeekelte Blicke, abwertende Bemerkungen und Beleidigungen bis hin zu Bedrohungen, Übergriffen und brachialer Gewalt spannt sich ein weites Spektrum möglicher Reaktionen. Das heteronormative System, dem wir uns auf der Straße verletzlich ausliefern, begegnet uns in Deutschland nicht mit der Gewalt eines Polizeieinsatzes, sondern mit der kumulierten Aggression einer Vielzahl kleiner und größerer Sanktionen, ausgeführt von Mitmenschen in Zivil. In welcher Weise schon die scheinbar harmlosen „Mikro-Aggressionen“ wie z.B. abschätzige Blicke und Bemerkungen das Selbstwertgefühl nachhaltig schädigen und das Sichtbarkeitstabu aufrechtzuerhalten helfen, hat mein hellsichtiger Blogger-Kollege Charlie sehr treffend beschrieben. Oft sind diese Reaktionen je nach Umfeld zwar einigermaßen kalkulierbar, aber sie sind eben niemals sicher vorherzusehen. Sobald wir uns als schwul oder lesbisch zeigen, gehen wir ein Risiko ein, und zwar nahezu überall. Dass wir in diesem Lotteriespiel vor allem etwas verlieren können, von der guten Laune bis hin zur körperlichen Unversehrtheit, das prägt leider jeden Moment, in dem wir ein solches Risikospiel beginnen. Wir gehen unter einem Damoklesschwert spazieren. Diese Ungewissheit macht Angst.

Draussen_nur_HetenWir kennen verschiedene Strategien, damit umzugehen. Viele von uns verzichten von vornherein auf jede Sichtbarkeit im öffentlichen Raum. Wenige Mutige lassen sich von den Reaktionen der Umwelt nicht einschüchtern und tun einfach konsequent, wonach ihnen ist. Meine eigene Strategie – und ich glaube, sie ist die verbreitetste – besteht in dem Versuch, immer sozusagen möglichst knapp unterhalb des feindlichen Radars zu fliegen. Das bedeutet, dass ich in jedem einzelnen Moment verschiedene Faktoren abwäge: Bin ich heute so wackelig auf den psychischen Beinen, dass mich schon ein dummer Spruch für den Rest des Tages runterziehen würde oder könnte ich den erfolgreich ignorieren? In welchem Stadtteil bin ich gerade unterwegs, und zu welcher Tageszeit? Was sind da gerade für Menschen um mich herum? Bin ich allein oder in einer Gruppe unterwegs? Ist bei den Jugendlichen an der Bushaltestelle da drüben vielleicht gerade angriffslustige Stimmung angesagt? Je nach Einschätzung der Situation dimme ich dann den jeweiligen Grad meiner Erkennbarkeit als schwuler Mann.

Was in manchen Momenten von außen betrachtet aussehen mag wie Freiheit, ist in Wirklichkeit das Ergebnis einer aus vielen Faktoren, Erfahrungen und Vermutungen gebildeten Risiko-Kalkulation. Aus eigener Erfahrung muss ich zugeben: Freiheit fühlt sich anders an. Es kostet ziemlich viel Energie, alle Antennen und die inneren Abwehrschirme gleichzeitig im Dauerbetrieb zu halten. Wenn ich diese Energie nicht habe, dann verzichte ich eben.

* * *

An dem kühnen Projekt der öffentlichen Sichtbarkeit sind wir zumindest in weiten Teilen gescheitert. Es war von einer großen kollektiven Eroberung die Rede gewesen und alles, was wir erreicht haben, ist ein permanentes individuelles Risikomanagement, bei dem jede*r für sich selbst verantwortlich bleibt. Wir haben zugelassen, dass sich eine neue Diskretionsgrenze etabliert. Wir dürfen heute – in gewissem Umfang jedenfalls – queer sein und darüber auch reden. Wir bekommen sogar recht oft verbale Unterstützung und Ermutigung dafür. Und entsprechenden Lippenbekenntnissen folgt regelmäßig eine Grenzziehung: „Aber muss das denn in der Öffentlichkeit / so provokativ / vor Kindern …?“ Unser Queersein soll möglichst virtuell bleiben und sich im Bereich der Medien oder der Privatsphäre abspielen. Die Toleranzgrenze hat sich verschoben, sie ist aber nicht gefallen. Man hat uns das Gehege der Privatsphäre angeboten und lässt uns großzügig darin im Kreis traben. Manchmal dürfen wir sogar im Fernsehen Kunststückchen vorführen. Ganz frei. Der öffentliche Raum, da, wo die richtigen Menschen leben, der soll aber bitte weiterhin heteronormativ dominiert bleiben. Und siehe da: Er bleibt es auch weitgehend.

Die wichtigen Fragen, weshalb wir viel zu wenig über dieses Problem reden und welche Strategien wir entwickeln können, um es auf neue Weise in Angriff zu nehmen, kann ich hier nicht beantworten, sondern nur aufwerfen. Vielleicht habt ihr dazu ja eigene Ideen, die wir hier diskutieren können. Sicher scheint mir nur: Diese Sache wird uns kein Lobbyverein, keine Partei, kein CSD und kein Gesetz abnehmen. Wir müssen es selbst hinbekommen.

* * *

Im Überschwang meiner Negativität habe ich oben geschrieben, dass wir im Sichtbarkeitslotto vor allem verlieren könnten. Aber das stimmt eigentlich nicht – wir können auch viel gewinnen. Nicht nur für uns, sondern vor allem für die nächste Generation.

Vor einiger Zeit verabschiedete ich meinen Freund an einem Gleis im Bahnhof von Hannover. Wir hielten einander lange im Arm und genossen die verbleibende Zeit der Nähe, bis der Zug kommen würde. Dann bemerkten wir, dass ein vielleicht sieben- oder achtjähriger Junge uns sehr interessiert ansah. Er wirkte nicht verunsichert, sondern war offenbar einfach nur von dem ungewohnten Anblick so fasziniert, dass er wie von einem unsichtbaren Faden gezogen näher kam. Vielleicht hatte das Bild, das er sah, mehr mit ihm selbst zu tun, als er zu diesem Zeitpunkt verstehen konnte, vielleicht aber auch nicht. Die erwachsene Begleiterin des Kleinen beobachtete das Ganze aus einiger Entfernung und ließ den Knirps einige Zeit still lächelnd gewähren. Wir lächelten alle. Erst als sie vermutete, dass wir uns vielleicht gestört fühlen könnten, kam auch sie näher und erklärte uns in freundlich entschuldigendem Tonfall, dass der Junge wohl noch nie zwei Männer gesehen habe, die einander so umarmten. Dann gingen die Beiden weiter.

Ich bin sicher, dass dieser Junge etwas mitnahm, was er auf keine andere Weise hätte bekommen können. Und das ist es, was wir zu gewinnen haben. Ich finde, es ist einen größeren Einsatz wert.

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88 Kommentare zu “Draußen nur Heten.

  1. Vielen Dank für deinen Artikel, für den du dir so viel emotionale Mühe gemacht hast. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Amsterdam und Tel Aviv sind kein Problem für Hände halten und Bussi geben, und Norwegen anscheinend auch nicht. Ein Norweger erzählte mir, er sei mit seinem Freund händchenhaltend durch München gelaufen und sei angepobelt worden. Mir wäre fast herausgerutsch: „D’uh! Natürlich macht man das nicht in München!“ Traurig.

    Ich glaube wir müssen uns eingestehen, dass Deutschland nicht zur liberalen Front in Westeuropa gehört, was eine angestrebte Normalität für uns angeht. Dazu spielt auch z.B. die Wahrnehmbarkeit im Fernsehen (abseits von CSD) eine große Rolle. Und wie ein nur angefrorener See, ist diese Medienpräsenz vom nicht ausschließlichen Klischee-Schwulen sehr sehr dünn. (Oder wie viele nicht übertrieben tuntige Schwule sind im deutschen Privatfernsehen präsent?) Vergleiche ich das mit Film und Fernsehen in Entwicklungsländern wie Indien oder Brasilien, wo einem das Klischee nur so entgegenkreischt (wenn es denn je vorkommt), dann sind wir davon zwar ein Stück weit entfernt, aber eben nicht weit genug…

    • Und ich habe von mehreren Leuten gehört, die aus Amsterdam weggezogen sind, weil sie keine Lust mehr hatten, sich da jeden zweiten Tag anpöbeln zu lassen. So unterschiedlich können die Erfahrungen sein.

      „Oder wie viele nicht übertrieben tuntige Schwule sind im deutschen Privatfernsehen präsent?“

      Ich glaube, in den Nachmittagssoaps gibt es schon ziemlich viele, aber dafür bin ich kein Fachmensch. Ich finde das auch ziemlich wichtig. Allerdings stört mich, wenn das als Beleg dafür genommen wird, dass die Sache mit der Sichtbarkeit doch heute „kein Ding“ mehr sei. Von GZSZ zum Supermarkt um die Ecke ist nämlich ein verdammt weiter Weg.

      • „Von GZSZ zum Supermarkt um die Ecke ist nämlich ein verdammt weiter Weg“
        Absolut richtig. Ich habe es nur als einen möglichen Gradmesser genommen, als Bestätigung für die Situation, dass wir noch nicht so weit sind wie wir das wollen (weil es so schwierig ist, diese gefühlte Situation faktischer darzustellen als es auf der emotionalen Ebene möglich ist).

        Aber um dir auch zu widersprechen: Jetzt ‚packen‘ wir es gemeinsam an (der Hand) und ändern die Situation selbstbestimmt finde ich Wunschdenken, denn die Ängste nimmt es nicht. Du hast sehr schön deinen Radar beschrieben, jede Situation zu scannen. Über die Hürde zu springen und trotzdem in der Öffentlichkeit Händchen halten ist schon in Standardsituationen schwierig genug. Doch in subjektiv empfundenen Gefahrenlagen ist es praktisch unmöglich.

        • „Bestätigung für die Situation, dass wir noch nicht so weit sind wie wir das wollen“

          Wenn ich das richtig verstehe, siehst du ja die Situation in den Medien noch ein bisschen pessimistischer als ich. Manche meinen, es gebe im TV ja überhaupt keine queeren Rollen, und manche meinen, es sei doch inzwischen ein prima Level erreicht.

          Kann es sein, dass das eines der Probleme bei diesem ganzen Thema ist: Dass unsere individuellen Erfahrungen, Einschätzungen und Wahrnehmungen auf vielen Ebenen ziemlich weit auseinanderklaffen? Oder ist das jetzt zu theoretisch?

          „Aber um dir auch zu widersprechen“

          Gern. :-)

          „die Ängste nimmt es nicht.“

          Nein, das tut es nicht. Ich bin an diesem Punkt ja auch zugegebenermaßen recht ratlos. Ich finde es schon wichtig, sich selbst und anderen zumindest mal die Dringlichkeit des Problems klarzumachen, weil das zumindest die Motivation vertärken kann, etwas zu ändern. Aber natürlich löst das allein nicht das Problem.

          Was nimmt denn die Ängste?

          Charlie spricht in seinem lesenswerten Text von „Empowerment“. Das ist zumindest ein Ansatz.
          http://www.queergeist.com/2014/06/10/queer-empowerment/

        • Danke für den verlinkten Text, den ich nicht kannte.
          Zum Inhalt muss ich für mich feststellen, dass ich dem zu rund 100% beipflichten kann, doch der Ansatz, der fehlt mir noch immer. Mir ist bewusst, dass ich einen Gegenvorschlag bringen müsste, wenn ich schon diesen Minimalansatz kritisiere. Aber ich stehe, wenn ich mich selbst mit der Wahl konfrontiere, entweder ..gezwungen selbstbewusst.. oder ..risikoaversiv.. zu agieren, vor einer Wand. Natürlich möchte ich selbstbewusst sein, mir selbst den Raum nehmen, der mir ohne jegliche Widerrede zusteht [!], doch ich kann es nicht. Diese Hürde zu überspringen, die Kommentare und das Starren auszuhalten und sich noch bewusst in eine bisweilen potenziell lebensbedrohliche Lage zu bringen, das kann ich nicht. Und ich weiß nicht, wie ich ein so massives Empowerment oder Selbstbewusstsein aufbringen sollte. Ich müsste schon emotionale Steroide dafür nehmen.
          Ich bin klein, mein Herz ist rein… Darf ich dich persönlich fragen, wie du mit den Gefühlen der Aggression umgehst, wenn du dich in solchen Lagen befindest? (Bspw. homophober Kommentar allein im Park oder in der vollen U-Bahn?) Mir passiert das nie (bin auch momentan nicht in Deutschland), aber wenn es passieren sollte, weiß ich nicht wie ich reagieren würde. Ich möchte eigentlich gewalttätig werden, ähnlich wie es bei Charlie anklingt:
          „Sobald ich sichtbar werde, bringe ich mich und meinen Partner potenziell in Gefahr. Ich kann damit leben, wenn man mich beleidigt aber wenn jemand meinen Partner – egal ob physisch oder verbal – angreift, kann ich für nichts mehr garantieren.“

        • „Darf ich dich persönlich fragen, wie du mit den Gefühlen der Aggression umgehst, wenn du dich in solchen Lagen befindest?“

          Ich kann damit überhaupt nicht gut umgehen. Wenn eine fremde Person einen richtig unangenehmen Kommentar macht, dann versuche ich in der Regel so zu tun, als hätte ich den nicht gehört und fresse meinen Ärger in mich hinein. Und oft werden solche Bemerkungen ja auch absichtlich als „Theaterflüstern“ abgelassen, weil diese Nichtreaktion einkalkuliert ist. Je nach Tagesverfassung kann ich das danach relativ schnell verdrängen oder mir davon die Stimmung vermasseln lassen. Ca. drei Stunden danach fällt mir dann die perfekte Erwiderung ein. Eine direkte Konfrontation habe ich noch nie hinbekommen (wenn ich jetzt nicht gerade was verdränge).

          Ich habe diesen Text hier u.a. geschrieben, weil ich dachte, dass es vielleicht schon mal ganz gut tun kann, wenn sich hier ein Paar Leute darüber austauschen, dass und warum sie keine Held*innen sind (ich bin jedenfalls keiner), und dass es ihnen oft nicht gut geht. Und dass das keine persönliche Schande ist, sondern einfach nur eine beschissene Situation.

          Es ist auch nicht so, dass es immer klug wäre, sich einer Konfrontation zu stellen. Wir brauchen nicht unbedingt Märtyrer, die in einer U-Bahn voller Hooligans knutschen und sich dafür schlachten lassen. Und auch in harmloseren Situationen muss jede*r selbst entscheiden, ob es jetzt das Risiko wert ist oder nicht und was sie*er überhaupt „riskant“ findet. Wenn mir jemand ein wenig überheblich erzählt, dass er nie eine Konfrontation scheut, dann denke ich manchmal: Ja, wenn ich zweieinhalb Köpfe größer wäre, so wie du, dann könnte ich das vielleicht auch. Wir sollten da unsere unterschiedlichen Grenzen auch gegenseitig akzeptieren.

          Ich versuche einfach seit langer Zeit daran zu arbeiten, meine Angst zumindest nicht grundsätzlich wichtiger zu nehmen als mein Bedürfnis nach Freiheit. In kleinen Schritten bin ich da immer wieder ein bisschen weiter gekommen.

          Was Charlie anspricht, nämlich queere Räume zum „Empowerment“, möchte ich aber noch einmal unterstreichen. Mir hat es in dem ganzen Prozess unendlich viel geholfen, dass ich ab und zu in geschützte Räume eintauchen konnte, wo ich angstfrei „trainieren“ konnte, dass bestimmte Gesten oder Verhaltensweisen nicht schon per se „gefährlich“ sind. Mein erster CSD war für mich ein extrem ermutigender Moment, in dem ich merkte: Wow, ich kann ja hier in genau den Straßen, durch die ich sonst auch gehe, als selbstbewusster schwuler Mann auftauchen, vor aller Augen, und nichts Schlimmes passiert. Das ist übrigens einer der Gründe, weshalb ich immer die Krise kriege, wenn jemand sagt, dass wir eigentlich doch keine Szene mehr brauchten.

          Aber jetzt hab ich schon wieder einen halben Roman geschrieben. Das Thema treibt mich halt wirklich um …

        • Auch hier kann ich dir wieder nur zustimmen. Schreib dir ruhig alles von der Seele weg, wir sind garantiert nicht die einzigen, die das bewegt. Wir können es nur jeder für sich vorsichtig und Stück für Stück für uns selbst und unsere Umwelt erkämpfen, ohne Helden sein zu müssen. Ich hänge mich eher an der Situation auf, dass ich es einfach nicht mehr ertragen will, mir dumme Sprüche anhören zu müssen. Einfach weghören (und drei Stunden später auf die perfekte Antwort kommen) kenne ich, aber das will ich nicht mehr! Es macht mich so aggressiv und depressiv zugleich, sich überhaupt damit befassen zu müssen. Sollte ich weiterhin weghören und das dumme Gestarre ertragen? Oder darf ich konfrontativ damit umgehen? Oder muss ich sogar? Und wenn ja, wie konfrontativ darf es sein? Es ist 2015 verdammt nochmal, wir haben das doch schon lang genug gesellschaftlich durchgekaut, irgendwann muss doch auch mal gut sein. Mir geht eindeutig die Geduld aus. Ich kann es zwar intellektuell erfassen, dass Gewalt keine Lösung ist, aber emotional nicht (so wie ich mich auf Charlie bezogen habe, wobei es mich persönlich auch schon stört, wenn man mich beleidigt, nicht nur meinen Partner).

        • „Oder darf ich konfrontativ damit umgehen? Oder muss ich sogar? Und wenn ja, wie konfrontativ darf es sein?“

          Ich finde, das ist keine Frage von „dürfen“, und auch nicht von „müssen“. Grundsätzlich merke ich, dass Wut mir besser tut als Angst oder Ärger. Wenn es in der Situation möglich ist, Wut rauszulassen, dann haben wir alles Recht dazu. Immerhin sind wir es ja nicht, die mit dem Ärger anfangen. Für mich besteht die Frage nur darin, ob ich mir selber was Gutes tue, wenn ich so eine Situation eskaliere (was wiederum nicht automatisch passiert, es kann ja auch sein, dass der*die Andere Ruhe gibt, sobald man gegenhält).

          Das Problem ist halt, dass das meistens vorher schlecht einzuschätzen ist. Vielleicht mangelt es mir dazu nur an Übung. Es gibt ja Viele, die dumme Sprüche flapsig kontern und damit gute Erfahrungen machen. Ich gehöre (bisher?) nicht dazu.

        • Ich frage mich gerade, ob das ein Thema ist, das schwule Männer besonders umtreibt, weil der Kontrast zur sonstigen Freiheit als Mann besonders groß ist. Bei Frauen fällt der Satz: „Dort kann man als Frau alliene nicht hingehen“ relativ häufig, auch die Erfahrung, als scheinbar schwaches Geschlecht angemacht zu werden, kennen die meisten Frauen – so schlimm das ist! Als Männer sind wir so etwas überhaupt nicht gewohnt und fallen aus allen Wolken, wenn uns – in einem anderen Kontext – so etwas passiert.

      • Einen großen Bereich unseres Lebens hast du sicherlich bewusst ausgelassen, da dies ein weiteres Fass aufgemacht hätte, die Arbeitswelt. Immer noch über 50% outen sich nicht am Arbeitsplatz und dies macht auf Dauer krank. Es gibt wirklich noch viel zu tun….

        • Danke für die Ergänzung, Claudia. Das habe ich tatsächlich ausgeklammert, obwohl es hier irgendwie mit hineingehört. Die Statistiken zu diesem Bereich sind wirklich ernüchternd.

    • In Amsterdam kommt es auch auf das Viertel an. Genauso wie in Berlin, Hamburg und sogar München. Ich habe aber tatsächlich den Eindruck, dass Skandinavien da ein gutes Stück weiter ist.

  2. ein sehr schöner, nachdenklich stimmender Text. Danke.
    Mein Resümee: Präsenz zeigen, immer wieder aufs Neue und in kleinen Schritten. Ich genieße es, mit meinem Liebsten am Sonntagnachmittag händchenhaltend spazieren zu gehen und die Nähe zu zeigen, nach der mir gerade der Sinn steht. Eine kleine Geste, eine selbstverständliche Geste und mitunter auch Anregung für unsere Mitmenschen. Das müssen sie schon ertragen.
    karl

  3. Ein hervorragender Artikel, der m.E. die Stimmung vieler Schwuler wiedergibt und den allgemeinen „Zustand“ der ach so toleranten Gesellschaft.

    Du schreibst:
    „Sicher scheint mir nur: Diese Sache wird uns kein Lobbyverein, keine Partei, kein CSD und kein Gesetz abnehmen. Wir müssen es selbst hinbekommen.“
    Genauso sehe ich es auch, besonders das erst genannte, der eine Art Allgemeinvertretungsanspruch für die LGBT*IQ-Gemeinde für sich in Anspruch nimmt…du hattest bereits über „diesen besonders“ einen Lobbyverein in deinem Blog bereits geschrieben ;) .
    Ein Verein muss aber nicht unbedingt das verkehrteste sein, auch wenn er bei vielen als Zweck für die Sache einen angestaubten Charakter hat und mit Vereinsmeierei einhergeht interpretiert wird.
    Ich bin in einem Verein, der in einer ländlichen Region Niedersachsen tätig ist, er hat schon einiges angestossen, raus aus dem schwulen Ghetto und weg von der Klagemauer…ein Zielsetzung ist es, die Heteros gleich mitzunehmen, mit Erfolg, bereits über 25 Prozent der Mitglieder sind Heteros, denn zusammen ist es besser, Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zu entdecken, zu verstehen und zu akzeptieren.
    Unser „Experiment“ läuft bereits seit über 2 Jahren und es wächst weiter.
    Sicherlich kein Patentrezept für die in deinem Beitrag dargestellten Feststellungen, jedoch geben wir in unserem Rahmen vielen Menschen, nicht nur Kindern, auch etwas mit auf den weiteren Weg.

    Gerne würde ich deine Artikel für die Vereinsarbeit nutzen dürfen…ist das okay?
    Lieben Gruß aus dem Emsland und vielen Dank für deine sehr geschätzten Artikel.
    Kim Ole

    • Ich habe mir eben mal eure Webseite angesehen: Das sieht mir nach einer sehr fundierten und nachhaltigen Sache aus.

      Ich wollte auf keinen Fall sagen, dass ich Vereinen gar keine positive Rolle zutraue, was das Thema Sichtbarkeit angeht, im Gegenteil. Gerade solche Vernetzungen vor Ort, wie ihr sie offenbar organisiert, können extrem hilfreich dabei sein, das Selbstbewusstsein aufzubauen, das man für ein öffentliches Auftreten braucht, und sie können an sich schon für mehr Sichtbarkeit sorgen.

      Kritisieren wollte ich jene Haltung von „Ach, für unsere Interessen gibt es ja diese Lobbyist*innen und Aktivist*innen, die erledigen das schon für uns.“ Das reicht eben nicht aus, wenn wir bestimmte Ziele wirkllich ernsthaft erreichen wollen.

      „Gerne würde ich deine Artikel für die Vereinsarbeit nutzen dürfen…ist das okay?“

      Es wäre mir eine Ehre! :-)

      • Ich danke dir für deine erklärende Antwort, die Sicht der Dinge teile ich mit dir.
        Vielen Dank auch für deine Zusage der Artikelverwendung.
        Klasse…und Ehre wem Ehre gebührt!

  4. Moin, Herr Fink!

    Erstmal muss ich (erneut) loswerden, dass deine Schreibe allein schon handwerklich ein Freudenfest ist. Liest sich 1A! Und du lieferst das beste Beispiel, das mensch sich gendergerecht ausdrücken und trotzdem hervorragend lesbar schreiben kann.
    Inhaltlich rennst du hier auch wieder offene Türen ein, denn genau das Thema verbrate ich selbst gerade in meinem Roman: Dort geht es ja um jemanden, der erst spät sein Schwulsein entdeckt und daher u.a. erst einmal verkraften muss, was es für einen Unterschied macht, ob man als heterosexuell oder als Homo „gelesen“ wird. Ich selbst kenne das ja auch: Früher, als vermeintliche Hete, war es völlig selbstverständlich, in der U-Bahn nach der Hand des Liebsten zu greifen. Wie anders man plötzlich angeschaut wird, sobald man als schwules Paar wahrgenommen wird, hätte ich mir in der Dimension nicht vorstellen können. Zwar gibt es auch positive Reaktionen, sprich eine Menge „Ach-wie-süß“-Lächeln, aber eben auch die angewiderten Blicke. Bei einem Hetenpaar hingegen achtet einfach keiner mehr drauf. Dabei ist es so dermaßen absurd, die Gefühle sind doch genau die gleichen! — Liebe ist Liebe. Allein, dass man(n) plötzlich drüber nachdenken muss: Darf ich das jetzt und hier, oder lieber nicht?
    Und wir reden ja jetzt nicht über Zuneigungsbekundungen in einem Ausmaß, das in der Öffentlichkeit orientierungsunabhängig diskutabel wäre. Sondern halt über Dinge wie: Chef hat das Foto seiner Frau auf dem Schreibtisch — darf ich da auch eines von meinem Mann haben? Darf ich ihn im Laden „Schatz“ nennen, obwohl jede Hete das auch mit seinem_ihrer Partner_in macht, darf ich in der U-Bahn seine Hand halten?
    Mir geht wirklich gewaltig auf den Sack, dass man da teils noch so einen großen Unterschied spürt. Wenn ich einen Mann liebe, liebe ich ihn nicht anders dadurch, ob ich jetzt als Frau oder Mann wahrgenommen werde. Liebe ist Liebe. Da muss ich mich ausnahmsweise mal wiederholen.

    Herzlichen Dank für den Artikel!

    Es grüßt

    Das andere schreibende Federvieh :)

    • „Früher, als vermeintliche Hete, war es völlig selbstverständlich …“

      Ich kann mir vorstellen, dass es eindrucksvoll ist, beide Perspektiven zu kennen und zu vergleichen. Ich empfehle ja Heteros, die behaupten, Homosexualität sei heute doch „völlig akzeptiert“, immer den Praxistest: mit Kumpel an der Hand eine Stunde in der Fußgängerzone. Leider macht das kaum mal jemand …

      Ist dein Roman denn schon raus? Werbung ist in diesem Fall erlaubt! :-)

  5. Ich glaube, die größte (und vielleicht einzige) Chance wäre das Sichtbarmachen von LGBTIQ-Menschen bei der jüngsten Generation. D.H. die Bildungspläne, gegen die leider vielerorts demonstriert wird, müssen schnell umgesetzt werden. Am Besten schon in der Grundschule (natürlich von aufgeschlossenen Lehrer*innen), denn in dem Alter, wie deine Erfahrung mit dem kleinen Jungen ja gezeigt hat, sind die Kinder noch neugierig, interessiert und aufgeschlossen. Das wäre eine riesige Chance!

    • Das ist ein extrem wichtiger Punkt; danke, dass du ihn ansprichst.
      Ich finde dabei die Lehrer*innenausbildung allerdings noch viel wichtiger als die Aufnahme in Bildungspläne. Wenn da eine Lehrkraft über das Thema reden muss, weil das vorgeschrieben ist, das aber ohne rote Ohren nicht hinbekommt, weil sie selber nicht klarkommt, dann dürfte der Schuss wohl eher nach hinten losgehen. Am hilfreichsten erscheint mir die Idee, das kompetenten Betroffenen (SchLAU usw.) zu übertragen. Da ist dann auch wieder der Faktor der DIREKTEN Sichtbarkeit dabei, den ich für wesentlich halte.

  6. Ich hab nen Freund, also klassisch im schwulen Sinne, mit dem ich auch mal Hand in Hand gehe oder wir uns küssen oder umarmen oder so. Anscheinend bekomme ich es nie mit, ob uns jemand dann schief anssieht – gesagt hat noch nie jemand was.
    Ich hab nen Freund, klassisch heterosexuell, der am liebsten Arm in Arm mit mir durch die Lande läuft. Und wenn der Lust hat, dann küsst der auch, ach was, der knutsch wie ein verliebter Teenager – egal, ob seine Frau daneben steht oder nicht. Komischerweise bin ich mit dem mehrfach schief angesehen bzw. auch leicht angepöbelt worden, worauf mein Hetenfreund sich immer umdrehte und fragte: „Willst Du auch mal – musst nur herkommen.“
    Und, ich gebs zu, ich guck auch noch immer etwas doof, wenn ich zwei Gleichgeschlechtliche beim Küssen sehe, weiß nicht an was das liegt, aber meine Augen verweilen eine Sekunde länger.
    Vom Gefühl her habe ich nicht den Eindruck, dass man / frau sich da verstecken muss – manchmal hätte ich es gerne auch etwas nicht so auffällig, denn Tucken gibt’s, die brauchen, egal wo sie sind, die große Bühne. Und dieses ewige: „Schau her, ich bin schwul und ich will alle meine Rechte hier und jetzt laut ausleben“ ist auch nicht gerade abwechslungsreich.

      • Find ich auch. „Tuckige“ Schwule amüsieren mich, ich empfinde das als sympathische Schrulle.
        Und wer wen liebt, das ist, find ich, jedes einzelnen Wesens ureigenste Sache. Hauptsache Liebe. Da halte ich es mit dem „anderen Geflügel“.
        Kerle, die Schwule anpöbeln, sind doch bloß verängstigte Memmen. Die haben schmutzige Phantasien und unterstellen die den Schwulen.
        Wie oft hab ich das schon gehört: „Ich hab nichts gegen Schwule, aber wenn mich so einer anmacht…“ – ich sag dann immer: sei nicht so zimperlich, hübsche Frauen erleben sowas jeden Tag.
        Die „Willst Du auch mal“- Nummer find ich jedenfalls gut :)
        Und MEIN Lächeln ist Euch jedenfalls gewiß.

  7. Lieber Zaunfink,

    ein mutiger und ehrlicher Text, der mir mal wieder aus dem Herzen spricht.

    Über die Frage nach Strategien im Kampf gegen unsichtbarmachende Gewalt, die du im Text aufwirfst, habe ich nachgedacht und bin zu folgenden Schlüssen gekommen:

    1) Erstens halte ich es für wichtig, unter queeren Menschen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass der subtile Zwang unsichtbar zu bleiben, keine Einbildung, sondern durchaus real ist (wozu du mit deinem Blogeintrag ja auch beiträgst).
    2) Zweitens ist es meiner Meinung nach wichtig zu verstehen, dass dieses Eingeständnis nichts mit persönlicher Schwäche oder Versagen zu tun hat – im Gegenteil.
    3) Drittens finde ich es angebracht sich klarzumachen, dass der/die Unsichtbargemachte keine Schuld an der eigenen Misere hat, sondern jene gesellschaftlichen Strukturen, die queere Menschen offen oder subtil in die Unsichtbarkeit zwängen.
    4) Viertens kann es nicht schaden sich zu verdeutlichen, dass Heterosexualität (sowie Monosexualität, Cis- und Endogeschlechtlichkeit) durch permanente Bestätigung von außen bewusst forciert (und naturalisiert) wird, während dies bei queeren Menschen nicht nur nicht geschieht, sondern teils sogar aktiv verhindert wird (siehe Bildungsplan-Debatte etc.).
    5) Fünftens halte ich es für wichtig, als queerer Mensch genau hinzusehen, wie heteronormative/heterosexistische Raumeinnahme bzw. Unsichtbarmachung genau funktioniert.
    6) Sechstens denke ich, dass sich mit dem daraus gewonnenen Wissen, durchaus effektive Strategien zur Sichtbarkeit entwickeln lassen.

    Im eigenen Umgang mit dem Unsichtbarkeitszwang haben mir übrigens folgende Dinge geholfen: Zerlegen der diffusen Angst in überschaubare Einzelteile (welche Situationen sind wirklich bedrohlich, welchen traue ich mich auszusetzen?); Lernen, sich die eigene Angst bewusst zu machen und sie manchmal auszuhalten; blöde Sprüche und aufdringliche Blicke als letzte verzweifelte Disziplinierungsmaßnahmen verstehen, die es – so gut es geht – ‚genüsslich‘ zu missachten gilt; sich bewusst machen, wie unverschämt die Forderung Heterosexueller nach Unsichtbarkeit queerer Menschen tatsächlich ist. Ein wenig Wut tut manchmal gut ;-)

    Grüße von Charlie

    • Kann ich dich bitte als meinen persönlichen Chefanalytiker für queere Fragen engagieren, Charlie? Das ist präzise auf den Punkt.

      „Zerlegen der diffusen Angst in überschaubare Einzelteile“

      Ich bin noch nicht ganz sicher, ob ich das richtig verstanden habe. Kannst du das bitte noch ein bisschen genauer erklären?

      • Ach, einen Chefanalytiker brauchst du nun wirklich nicht, kannst du selbst doch mindestens genauso gut!

        Das mit dem ‚Zerlegen der diffusen Angst‘ meine ich wie folgt: Anstatt den öffentlichen Raum generell als feindlich gesinnten Angstraum wahrzunehmen, in dem ich als gleichgeschlechtliches Paar sicherheitshalber von vorn herein unsichtbar bleibe, zerlege ich ihn in einzelne Faktoren, z.B. volle Räume, leere Räume, Arten von Menschen (jung, alt, männlich, weiblich…), Arten/Stufen der Zuneigung (Arm in Arm, Hand in Hand, Begrüßungskuss, Knutschen etc.). Welche Kombination von Faktoren nehme ich als wie bedrohlich wahr und warum? Welche Reaktionen kann ich in welchen Situationen erwarten? Welche Reaktionen bin ich in der Lage zu verkraften? Ich habe für mich beschlossen, in möglichst vielen Situationen sichtbar zu sein – und zwar einfach für mich selbst. Dabei habe ich – und ich spreche hier nur für mich – festgestellt, dass junge Männer (meist) in Gruppen am deutlichsten ihre Ablehnung kundtun. Auch ist die Reaktion eine gänzlich andere, wenn ich Arm in Arm oder Hand in Hand durch die Stadt gehe. Bei ersterem habe ich bislang so gut wie keine blöden Blicke oder Sprüche zu spüren bekommen. Ich weiß selbst, dass all dies noch nichts mit Selbstverständlichkeit zu tun hat, doch hilft es mir zumindest im Umgang mit Ohnmachtsgefühlen und Wut. Mir zumindest ist es eine gute Strategie, mein Leben einigermaßen selbstbestimmt zu leben und mich nicht völlig von der Angst kontrollieren zu lassen.

        Und btw, wenn der Anblick eines schwulen Paares irgendeinem ignoranten A****loch den Tag verdirbt, lass ich zu Hause die Sektkorken knallen ;-)

        • Jetzt habe ich’s verstanden, danke.

          „wenn der Anblick eines schwulen Paares irgendeinem ignoranten A****loch den Tag verdirbt“

          So herum kann man es natürlich auch sehen. :-)

  8. Dieser sehr ausführliche Artikel hat das Problem auf den Punkt gebracht !
    Mir war gar nicht bewusst , dass ich als schwuler Mann im öffentlichen Raum eine Strategie anwende ! Leider ist dem so ! Je nach Ort , Begleitung dimme ich mein Schwulsein und fliege quasi im Unsichtbarkeitsmodus zum psychischen und körperlichen Schutz meiner Person .
    Es gibt allerdings auch noch mein starkes Ich , das im nahen Umfeld „with babysteps“ unermüdlich sich als schwuler Mann einbringt , indem ich z.B. von meinem Ehegatten / Mann spreche !

  9. Du schreibst mir aus der Seele, wie fast immer.
    Ich hab vor ein paar Tage über Pantis Rede selbst was geschrieben, in meinem Blog (ich nehme an die Inspiration für deinen Kommentar war unter anderem auch ihr TEDxTalk? Wenn nicht, sorry) und wurde danach von jemandem auf Facebook angeschrieben.
    So ungefähr lief das hinaus auf: „Muss denn dieser ganze Gender-Scheiß immer sein in der Öffentlichkeit. Ich will das halt nicht sehen, wenn zwei Männer rumfummeln.“
    Was mich daran betroffen gemacht hat, war das Alter des Typen: Anfang zwanzig. Ich kann eher verstehen, wenn ältere Generationen damit ein Problem haben, als wenn 20-jährige noch mit so was ankommen.

    Weiter oben in den Kommentaren hattest du eine interessante Diskussion:
    “Von GZSZ zum Supermarkt um die Ecke ist nämlich ein verdammt weiter Weg”
    „Manche meinen, es gebe im TV ja überhaupt keine queeren Rollen, und manche meinen, es sei doch inzwischen ein prima Level erreicht.“

    Ich bastle gerade an meinem nächsten Blog-Eintrag, und hab mich dafür mit der Repräsentation von LGBTQ im US-TV beschäftigt (weil es über das deutsche TV kaum/keine Daten gibt).
    Da sieht es eigentlich ziemlich gut aus. Ca. 5% aller Charaktere waren im letzten Jahr LGBTQ, mit einer leichten Mehrheit für schwule Männer. Die 5% sind gar nicht so weit weg von unserem realen Bevölkerungsanteil.
    Was auch interessant war, war eine Studie vor einiger Zeit, die versucht hat zu messen, wie sich die Einstellung zur gleichgeschlechtlichen Ehe verändert, wenn Menschen tatsächlich LGBTQ-Personen treffen. Dabei hat sich rausgestellt, dass selbst ein kurzes Gespräch noch Monate später positive Folgen hat.
    Das lässt sich zwar nicht so direkt auf die Repräsentation in den Medien übertragen, aber ich glaube durchaus, dass permanente und realistische Darstellung auch einen positiven Effekt haben kann.
    Beim recherchieren habe ich auch mal nachgedacht über meine eigene Teenager-Zeit in den 90ern. Verglichen mit heute, sind mir da so gut wie gar keine LGBTQ-Rollen in Erinnerung. Da gab’s den einen bei der Lindenstraße, das lesbische Paar bei Friends und etwas später dann Will & Grace und Buffy.
    Mir ist damals fast der Kopf explodiert, als bei Dawson’s Creek Jack sein Coming-out hatte oder als ich Beautiful Thing gesehen habe.
    Wollen wir mal hoffen, dass es weiter bergauf geht, wenn der Rest der Bevölkerung uns regelmäßig in den Medien und außerhalb wahrnimmt.

    Danke auf jeden Fall für deinen Kommentar, ich mag deine Schreibe total gern!

    • Danke für deinen Kommentar und die Hinweise zu TV-Rollen. Bin schon gespannt auf deinen Artikel dazu.

      Ich habe mir gerade die überaus brillante Rede von Panti angesehen, die ich tatsächlich noch nicht kannte. Ich kann verstehen, dass du davon ausgegangen bist, dass ich mich darauf beziehe, denn sie sagt ja in den ersten Minuten bis hin zu kleinen Details genau das, was ich geschrieben habe.

      Ich verlinke das (englischsprachige) Video hier mal über deinen eigenen Blog, u.a. wegen der deutschen Auszüge, die du da zitierst:
      http://timspohn.de/intgesakt-allt-hom/

      Eindrucksvoll finde ich neben der Rede die Gesichter des Publikums. Da scheinen viele zu sitzen, die zum ersten Mal im Leben wirklich begreifen, was Homophobie anrichtet.

      • Panti ist brilliant, freu mich immer, wenn ich sie mit jemandem neu teilen kann :)
        Und ja, die Gesichter sind schon bemerkenswert im Publikum, vor allem wenn es an ein paar Stellen kurz so aussieht, als wollte jemand protestieren und dann plötzlich nachdenklich wird.
        Ich hoffe mal, dass ihre Popularität hilft für die Volksabstimmung in Irland in ein paar Monaten.

    • Ich schwöre ich habe das Video von Panti vor meinem Kommentar oben nicht gesehen. Sie spricht mir aus der Seele: I am fed up and I am tired! I don’t have the energy.
      Zur TV-Argumentation weißt du sicher, dass die reinen Zahlen (und Sichtbarkeit als Quote) nichts über die Qualität aussagt. Ich habe mich beim ersten Kommentar auf einen indischen Film bezogen (aus 2013 oder -14, Titel unbekannt), bei dem eine Klischee-Tucke der Comic Relief ist. Und ein weiteres Beispiel: israelische Serie, 2014, ein armer Hetero ist im SM-Keller mit deutschen Bären gefangen (hier natürlich herrlich kreiert: Deutsch und SM-Bär). Diese anekdotische Liste kann man sicher bis zur Unendlichkeit fortsetzen. Wenn du die Hausfrau aus Niederknödling nach Schwulen im TV fragst, wirst du sicher häufiger Harald Glööckler hören. Ein Stereotyp – was ich mit der Referenz zum Privatfernsehen meinte. Auch hier ein Sorry für die Kritik, aber weder sind US-Serien für Deutschland repräsentativ, noch hilft eine Quote von zwei, drei oder fünf Prozent bei der Bewertung der qualitativen Repräsentierung.

      • Das ist mir natürlich klar, dass einige dieser Repräsentationen eher unglücklich sind.
        Die Studien, auf die ich mich beziehe, sind von GLAAD und werten natürlich nur die messbaren Zahlen aus.
        Was ich aber durchaus für interessant halte, ist die unglaubliche Steigerung in den letzten zwanzig Jahren. Die Coming-outs in der Lindenstraße oder bei Dawson’s Creek oder Buffy waren noch richtige Skandale. Und heute findet man nach relativ kurzer Suche ein Dutzend Serien mit vorbildlicher Repräsentation, weitab der üblichen schrillen Klischees.
        Inzwischen finden sich sogar bis dato unsichtbare Teile von LGBTIAQ im Fernsehen, und nicht nur als einmalige, tragische Gastrollen. Letztes Jahr gab es sowohl eine Asexuelle als auch eine Intersex-Figur im TV, und in beiden Fällen abgerundete Charaktere. Und inzwischen gibt es einen ganzen Berg guter Darstellungen von L,G,B und T.

        Sicher, die Klischees überwiegen. Aber vor 20 Jahren gab es noch NUR Klischees im Fernsehen. Und ich bestreite auch gar nicht, dass noch ein weiter Weg vor uns liegt, ich fand die Diskussion weiter oben interssant, weil ich der Meinung bin, dass Repräsentation im TV helfen kann dabei, die breite Masse an unseren Anblick zu gewöhnen.
        Wobei ich mir wenig Hoffnung mache für die 40+ Generation. Da ist der Zug vermutlich abgefahren.
        Und ich finde auch, dass ein vergleichender Blick auf US Filme/Serien sehr aufschlussreich sein kann. Schließlich sind fast alle Serien und Filme hier Importe. Reality/Trash TV lasse ich mal außen vor. Das schaue ich schlicht nicht.
        Wobei die Reaktion in Österreich vor ein paar Jahren, als Haider mit einem Mann bei Dancing Stars mitgemacht hat, ziemlich bemerkenswert war. Zumindest bilde ich mir ein mich zu erinnern, dass da ein relativ positives Echo kam nach den ersten Folgen.

  10. Mein Eindruck ist, dass das, was Du da beschreibst, auf alle nicht-konformen Menschen u. v. a. auf Jungs und Männer zutrifft. Ich habe ja schon von meinem Sohn erzählt. Was wir teilweise zu hören bekommen, wenn er ein rosanes Shirt trägt oder auch nur ein lilanes oder ein rosafarbenes Kuscheltier trägt … übel. Er hat es auch mittlerweile kapiert und trägt solche Dinge nicht mehr in der Öffentlichlichkeit. Mein „liebstes“ Zitat: „Wie können Sie zulassen, dass er derart verschwult?“ (Die ganzen „Bist Du ein Mädchen, oder was?“ können wir schon gar nicht mehr zählen.)

    Daraus hat er zweierlei gelernt: 1. So wie ich bin, ist es nicht richtig, ich bin verachtenswert, wenn ich als Junge so rumlaufe. 2. Schwulsein ist erstmal nichts Gutes oder auch nur Neutrales.

    Am meisten treffen ihn aber Sprüche von Kindergartenfreunden. Und da frage ich mich dann schon, woher 5- oder 6-Jährige Jungs sowas haben („schwule Sau“ war auch schon darunter)?

    • Das ist sehr traurig. Und es zeigt eindrucksvoll, dass unser heteronormatives System ganz generell mit einem absurd großen Druck die Freiheit der Menchen einschränkt, nicht nur die von LGBT*IQ.

      Wie gehst du mit solchen Situationen um?

      • Anfangs war ich nur geschockt und sagte sowas wie „Warum sollen Jungs kein Rosa tragen.“ (Antwort häufig: Rosa mögen doch nur Mädchen. Meine Antwort meist „Anscheinend nicht“). Oder „nein, kein Mädchen, ein Junge, der auch mal gerne rosa trägt. Haben Sie ein Problem damit?“

        Danach reagierte ich auch mal etwas aggressiver und pfiff diejenigen an (ich erinnere mich zweimal an „Kümmern Sie sich bitte um ihre eigenen Sch* ). War tatsächlich effektiver, aber eigentlich nicht meine Art.

        Im Kindergarten sprach ich das Thema mehrfach an, da ist aber kaum Verstänsnis dafür da (also Lippenbekenntnisse „Klar darf jeder tragen, was er will“ aber ansonsten kaum Reaktion).

        Einige Mütter sprach ich auch direkt an, diesen war es schon peinlich, aber ihrer Grundeinstellung war zu entnehmen, dass ihre Söhne es schlicht von den Eltern haben („Jungs sind halt so. Sind eben Jungs.“).

        Mittlerweile muss ich ja leider gar nicht mehr reagieren,weil er entsprechende Sachen nur mehr daheim trägt.

        Und der Treppenwitz ist, dass er in vielen Dingen ein recht „typischer Junge“ ist, aber eben auch Rosa mag und Lila und Ponys und Glitzer. Anscheinend reicht das aber schon.

        „Und es zeigt eindrucksvoll, dass unser heteronormatives System ganz generell mit einem absurd großen Druck die Freiheit der Menchen einschränkt, nicht nur die von LGBT*IQ“

        Ja.

        • Uff, das klingt anstrengend und frustrierend. Immerhin hat der Kleine eine Mutter, die ihm erklären kann, weshalb die anderen so komisch sind und dass er es nicht ist. Ob das als emotionaler Schirm ausreicht, ist natürlich die Frage, aber es ist schon mehr als viele andere Kinder haben.

        • @ Margret
          Du bist nicht die einzige Mutter, die solche Erfahrungen machen muß.

          http://maedchenmannschaft.net/wie-mein-kind-ein-junge-wurde-teil-2/

          Die Gesellschaft ist, so tolerant sie sich nach außen gibt, tief im Inneren immer noch weit entfernt von wirklichem Verständnis und Akzeptanz gegenüber allem, was „anders“ ist (anders als was eigentlich? Als als eine von wem auch immer festgelegte „Normalität“?). Darum wird es verdammt noch mal Zeit, dass endlich der Bildungsplan in die Lehrpläne integriert wird. Wenn schon Eltern zu dumm sind, ihre Kinder zu vernünftigen Menschen zu erziehen, und diese schon als 5jährige diskriminierende Beleidigungen aussprechen, deren Bedeutung sie wahrscheinlich selbst noch nicht mal kennen, sollen sie wenigstens in der Schule entsprechende Werte mitbekommen.

          Ich hoffe sehr für dich und deinen Sohn, dass ihr stark genug seid, die Ignoranten links liegen zu lassen und so sein könnt wie ihr wollt.

        • „Wenn schon Eltern zu dumm sind, ihre Kinder zu vernünftigen Menschen zu erziehen, und diese schon als 5jährige diskriminierende Beleidigungen aussprechen, deren Bedeutung sie wahrscheinlich selbst noch nicht mal kennen, sollen sie wenigstens in der Schule entsprechende Werte mitbekommen.“

          Ich habe den Eindruck, dass es gar nicht nur die Eltern sind, sondern das solcherlei Denkweisen sich auch in den Kindergruppen sozusagen fortsetzen. Da verlachen die großen Kinder die Kleinen wegen „Mädchenkram“ oder „Jungsshirt“, diese verinnerlichen das, wachsen heran und geben dieses Verhalten weiter. Meine Beobachtung ist entsprechend, dass auch Kinder, die in der Hinsicht nicht einengend erzogen wurden, wenige Wochen nach Kindergartenstart geschlechtsspezifische Verhaltensweisen und „Vorlieben“ entwickeln. Einige wenige schließen sich dann der „anderen Gruppe“an (für Mädchen tatsächlich einfacher als für Jungs), der Rest erlaubt sich allenfalls noch kleinere Grenzüberschreitungen.

          Auch unsere Methode ist, wie es jemand oben auch betzüglich gezeigter Homosexualität geschrieben hat, immer wieder hart an der Grenze zu agieren und sie da und dort zu überschreiten. So finden wir, zumindest halbwegs, eine Balance zwischen dem Wunsch nach Anpassung bzw. dem Druck in diese Richtung und der Individualität der Kinder.

  11. Ein ausgezeichneter Text. Stilistisch und vor allen Dingen Inhaltlich. Dies bezieht auch die Kommentare mit ein da ich mich in Vielem wiedererkenne bzw mir Vieles bekannt vorkommt . . . und das als Hete ;)

    So sind auch mir „diffuse wie auch konkrete Ängste nicht unbekannt. Ich versuche sie dann „in überschaubare Einzelteile” aufzubröseln um den oder der Ursache auf den Grund zu kommen. Durch das Aufbröseln – zerlegen verlieren sie von ihrer Macht über mein Leben, meinen Alltag, nehmen mir nicht mehr den Atem, lähmen mich nicht mehr.

  12. Sichtbarkeit ist auch immer eine Sache von Deifnitionen. Die Frage ist dabei nicht selten: Wer defniert den anderen wie uns warum? Gerade wenn es um die Sichtbarkeit transsexueller Menschen geht, wird die Sichtbarkeit innerhalb des LSBTTIQ-Kontextes (ja, da stehen 2 Ts) gerne mal unter den Tisch fallen gelassen. Sichtbarkeit fängt da an, wo nicht Dritte sich über(!) andere stellen und Fremddefinieren, sondern wo Menschen willens sind, anzuerkennen, dass ein jeder Mensch Recht dazu hat, in seinem Selbst ernstgenommen zu werden.

    Wenn jemand so tut, als sei Transsexualität primär eine Sache von „Gender“ und „Identität“, dann verkennt er, dass es transsexuelle Menschen gibt, die ganz genau wissen, dass sie weder „transgender“ noch „trans*“ (dieses Ding mit dem Unsichtbarmachungsstern) sind. Er ist dann nicht bereit anzuerkennen, dass für eine transsexuelle Frau ganz klar ist, dass sie als Mädchen mit vermännlichten Körpermerkmalen geboren wurde. Man muss das nicht genauso sehen und kann 1000 Argumente finden, warum das nicht so sein soll, aber genau DA fäng Unsichtbarmachung an.

    Immer dann, wenn Menschen Gründe dafür suchen, um anderen Menschen ihr geschlechtliches Selbstwissen abzuerkennen oder es als weniger wahrhaftig als angeblich „objektive Wahrheiten“ anzusehen bzw. so zu definieren.

    Hier in diesem Kommentarbereich sieht man ja, dass es mit den simpelsten Dingen nicht zu funktionieren scheint (eben jemandem den Wahrheitsgehalt seines geschlechtlichen Selbstwissens zuzugestehen). Es ist bekannt, dass es transsexuelle Menschen gibt, die keinen Bock darauf haben als Trans* vereinnahmt zu werden und es interessiert einige, die das wissen, null die Bohne, dass das so ist.

    Das nervt.

    • Hallo Kim,

      ich kann deine Einwände gegen das Sternchen als Platzhalter teilweise verstehen. Ich sehe das auch nicht als die optimale Lösung.

      Es gibt allerdings auch Argumente gegen die Verwendung von „TT“, die mir einleuchten. Dazu hatte ich dir an anderer Stelle schon ausführlich geantwortet.

      • Überall da, wo es Gruppen gibt, die Sichtbarkeit einfordern, gibt es keinen guten Grund dafür, wenn Dritte über(!) die Sichtbarkeit anderer entscheiden. Das ist ein Grundprinzip. Wer es nicht versteht, missachtet das Recht auf Sichtbarkeit.

        • Was sagst du zu dem Argument, dass „TT“ suggeriert, es gebe nur zwei Gruppen, nämlich Transsexuelle und Transgender, dabei aber diejenigen Menschen unberücksichtigt lässt, die Wert darauf legen, weder transsexuell noch transgender, sondern transident, transgeschlechtlich oder noch etwas anderes zu sein? Auch da wird eben NICHT jede*r benannt. Wie viele Ts müssen es also sein?

          Und was ist mit Girlfags, Guydykes, Asexuellen, Pansexuellen …? Wie viele Buchstaben müssen es sein, bis alle einzeln berücksichtigt sind?

          Bitte nicht falsch verstehen, ich will hier weder deine Argumentation lächerlich machen noch sagen, dass ich mit „LGBT*IQ“ total glücklich wäre. Ich stehe ziemlich ratlos da, weil bislang jede Formulierung, die ich verwendet habe oder die mir über den Weg gelaufen ist, auch mit einigem Recht kritisiert werden kann.

          Was das T* angeht, so bin ich der Meinung, dass ein Platzhalter, der signalisiert, dass es mehrere und nicht nur zwei Identitäten im Trans-Spektrum gibt, der Realität gerechter wird als zwei Ts, die zwar zwei Gruppen zugegebenermaßen „gerecht“ benennen, dabei aber gleichzeitig andere Gruppen unsichtbar machen. Ich verwende das ganz sicher nicht aus Ignoranz oder weil ich jemanden unsichtbar machen wollte, sondern im Gegenteil, weil ich finde, dass ich hier noch am ehesten der existierenden Vielfalt gerecht werde, ohne gleichzeitig immer unverständlicher werdende Buchstabenketten zu produzieren.

          • Erstens hat Transsexualität primär nichts mit Identität zu tun, sondern mit dem Körper (das mit der Behauptung, es ginge hier um Identität ist ja bereits eine Folge der Unsichtbarmachung), und zweitens checkst Du glaube ich nicht, was ich geschrieben habe. Mach‘ Dir mal ein paar Gedanken dazu und antworte erst dann wieder, ok? Sorry, das nervt.

          • Anscheinend gibt es da ein Missverständnis: Wenn ich schreibe „Identität“, dann meine ich damit einfach nur, dass eine Person einen bestimmten Begriff zur Selbstbeschreibung verwendet (sich also mit diesem Begriff selbst „identifiziert“) und nicht, dass ich unterstellen möchte, dass diese Person irgendein Problem mit ihrer Identität habe.

            Ich hatte ein paar Argumente genannt, auf die du gar nicht eingegangen bist. Schade, ich hätte deine Meinung dazu gerne gehört.

          • „Schade, ich hätte deine Meinung dazu gerne gehört.“ Es steht alles da. Du musst nur nach oben scrollen und mal drüber nachdenken, was da steht.

          • Zu meinem Argument, dass u.a. Begriffe wie transident und transgeschlechtlich hinten runterfallen, wenn man nur „TT“ nennt, lese ich nichts bei dir.

          • „dass u.a. Begriffe wie transident und transgeschlechtlich hinten runterfallen“

            Nicht interpretieren, lesen, ok? Dass etwas „hinten“ runterfällt, ist Deine Aussage, nicht meine. Ich bin übrigens ungern Staffage für Selbstgespräche.

        • Fink, wenn ich Kim richtig verstanden habe, geht es ihr darum, dass es Menschen gibt, die selbstverständlich unter „trans“ subsummiert werden, obwohl sie sich klar als männlich oder als weiblich geboren, nur mit den falschen Geschlechtsmerkmalen empfinden und damit eben nicht als „trans“ sondern als „männlich“ oder „weiblich“.

          Es geht ihr also, immer vorausgesetzt, ich habe das richtig verstanden, um eine Kritik sowohl am Genderbegriff als auch am Transbegriff, da sie den „so geboren“-Aspekt deutlich hervorhebt.

          Die Menschen werden also als „Trans“ sichtbar gemacht, obwohl sie sich als klar männlich oder klar weiblich (nur mit den „falschen“ Körpermerkmalen) sehen.

          So habe ich es zumindest verstanden.

          Ansonsten bewundere ich deinen Langmut und deine Freundlichkeit. Kims Tonfall war nämlich von außen betrachtet sehr daneben, um nicht zu sagen, anmaßend.

          • Sagen wir mal so: Ich hätte mir auch hier und da einen konstruktiveren Diskussionsstil gewünscht.

            Insgesamt setze ich hier darauf, dass die Diskutierenden sich aufrichtig um gegenseitiges Verständnis bemühen. Bisher hat das meistens ziemlich toll funktioniert. Ich bin wirklich froh darüber, dass hier in ziemlich kurzer Zeit ein sehr engagiertes Forum entstanden ist. Das macht inzwischen zwar manchmal richtig Arbeit, aber ich habe auch schon einiges gelernt.

            Allen Mitdiskutant*innen an dieser Stelle mal ein Dankeschön.

          • Entschuldige übbrigens, wenn ich jetzt inhaltlich gar nicht auf deinen Kommentar eingehe, mir fehlt dazu leider gerade jegliche Konzentration. Ein andermal wieder gerne.

        • Ich hatte bisher bei dem Buchstaben „T“ an Transsexuelle, Transgender und Transidente gleichermaßen gedacht, erkenne aber jetzt, dass dieses Mitdenken den unterschiedlichen Bedürfnissen, Hoffnungen, Ängsten, Nöten und Zielen der darunter gefassten Menschen nicht gerecht wird. Das wäre ein bißchen so wie ein „S“ für Sonstige.
          Danke für die Klarstellung, Kim.
          Und gleichzeitg war das für mich als schwulem Cismann eine gute – und mal wieder notwendige – Gelegenheit mein Viertelwissen über Transsexuelle, Transgender und Transidente zu einem mäßigen Drittelwissen auszubauen. Es wäre ja nicht so, dass mensch als Angehöriger einer Minderheit automatische jede andere Minderheit verstünde.

        • @ Zaunfink

          Naja, es wäre ja auch eher sinnlos, wenn wir beide uns nun darüber unterhalten, wie Kims Beitrag gemeint sein könnte ;-).

          Übrigens: Wann darf man denn wieder mal was von dir lesen?

    • Ich versuche, deinen Einwand zu verstehen. Sagst du, wenn nur ein T – also LSBTIQ – verwendet wird, dieses T nur für ‚Transgender‘ oder trans* steht (hier nicht allein im Sinne des sozialen Geschlechts/Gender, sondern als diffuser Oberbegriff für vermeintlich alle Formen von Trans-Sein)? Dass also Transsexualität nicht als etwas primär Körperliches (Frau mit vermännlichten Körpermerkmalen) herausgestellt wird und stattdessen mit irgendwelchen Geschlechtsidentitätsfragen vermischt wird. Verstehe ich das richtig?
      Falls du das so meinst, verstehe ich deinen Einwand. Ich gebe dir recht, dass trans* wirklich unterschiedliche Gruppen unsichtbar macht, die tatsächlich nicht viele Gemeinsamkeiten teilen, obwohl es in den Augen Außenstehender so aussieht. Und wenn von LSBTIQ geschrieben wird, und das T darin als trans* verstanden wird, macht es Transsexualität durchaus unsichtbar. Ein Problem ist vermutlich, dass der Präfix ‚trans‘ fälschlicherweise Gemeinsamkeiten suggeriert, die offensichtlich nicht gegeben sind. Das wäre vielleicht so, als ob Bisexuelle einfach zu Lesben oder Schwulen dazugezählt werden, und daher kein Anrecht auf einen eigenen Platz im Buchstabensalat haben.
      Aber andererseits kann ich auch Zaunfinks Einwand verstehen. Frauen und Männer, die sich weder als transgender, noch transsexuell empfinden, brauchen so gesehen auch einen eigenen Buchstaben, ebenso wie Girlfags, Guydykes, Pansexuelle etc.. Ist dein Vorschlag also, stets von LSBTTTTTT…IQ zu schreiben? Oder den Buchstabensalat lieber gar nicht mehr zu verwenden? Wie möchtest du die Unsichtbarmachung transsexueller Frauen und Männer hier am besten durchbrechen?
      Eine kleine Bitte zum Schluss: Wir alle sind hier, um einander zuzuhören und aus unseren unterschiedlichen Perspektiven zu lernen. Nicht alle sind mit dem Thema Transsexualität so vertraut wie du. Klar nervt es, immer wieder herauszustellen, dass Transsexualität mit Begriffen wie ‚trans*‘ oder auch transgender nicht ausreichend beschrieben werden kann und es teils gravierende Unterschiede gibt, doch du bist hier nicht in einer Expertendiskussion. Wir würden deinen Blickwinkel gerne verstehen, doch dazu musst du bitte etwas Verständnis und Geduld mitbringen. Die Art und Weise, wie du Zaunfink hier angehst, empfinde ich als ziemlich aggressiv und destruktiv.

      • Charlie, es gab mal Zeiten, da meinten heterosexuelle Männer, dass sie Frauen aggressiv fänden, die bestimmte Gewissheiten hinterfragt haben und nicht mehr bereit waren, sich unter das Diktat einer männer-only-Weltanschauung zu begeben. Erst waren sie verwundert, wie denn das sein kann, dass sich Frauen zu Wort melden, dann dachten sie, wie unerzogen diese Frauen doch seien und manche Männer begannen dann zu behaupten, diese aggressiven Frauen seien „hysterisch“.

        Ähnliches lässt sich immer wieder feststellen, wenn Menschen sich nicht fremdbestimmen lassen wollen: Diejenigen, für die Fremdbestimmung selbstverständlich ist, fühlen sich angegriffen… es fühlt sich verständlicherweise nicht gut an, wenn man sich selbst für ’nen tollen toleranten Hecht hält und dann jemand nicht ins schöne bunte Paradis passen will, dass man(n) sich so schön eingerichtet hat.

        Wenn Du die Kommentare von mir durchliest (ich hatte den Tipp ja schon deinem Mitstreiter gegeben), wird Dir auffallen, dass ich bereits geschrieben habe, worum es geht: Um die Frage, ob es gut ist, wenn Menschen meinen, über(!) die Sichtbarkeit von anderen Menschen entscheiden zu dürfen, oder ob in Kontexten, die Vielfalt implizieren, darauf geachtet werden sollte (um nicht paradoxerweise genau das Gegenteil von dem zu tun, was behauptet wird), Menschen ein geschlechtliches Selbstbestimmungsrecht – und dazu gehört eben auch die Sichtbarkeit – zuzugestehen oder, was vielleicht besser ist (weil die Annahme, dass man gönnerhaft jemand anderem dann die Sichtbarkeit anerkennt bereits ja selbst Fremdbestimmung ist), einfach anzuerkennen, dass es diese Menschen tatsächlich gibt.

        Es macht überhaupt keinen Sinn, sich einzubilden, hier stellvertretend für andere entscheiden zu können, wann, wie, warum sie sichtbar sein wollen/sollen (das beantwortet auch die Frage, wieviele Buchstaben sich ein Mensch für jemand anderen ausdenken sollte, nämlich gar keinen. Ich hatte es bereits geschrieben und mehrfach darum gebeten, erst einmal zu lesen und nachzudenken, bevor erneut die Aufforderung kommt, etwas zu beantworten, was längst bewantwortet wurde) .

        Das Resulat einer paternalistischen Haltung ist immer, dass damit automatisch geschlechtliche Machtansprüche angemeldet werden. Darüber, so nahm ich an, ging es in diesem Blogpost von fink. Oder nicht?

        • Ok, dem Argument stimme ich zu. Ja, es ist Fremdbestimmung, wenn andere Menschen darüber diskutieren, wer wie wann sichtbar werden kann/soll. Darüber habe ich scheinbar noch nicht genug nachgedacht. Ich danke dir für den Hinweis und werde versuchen, es künftig zu berücksichtigen.

    • Geht es nicht immer auch um Kommunikation? I
      Es ist doch bekannt, dass die meisten Schauspieler, die wegen ihres Aussehens immer die fiesen Verbrecherrollen bekommen, in Wirklichkeit meist sehr liebe, zartfühlende Menschen sind.

      Wir sind eben nicht immer das, was wir zu sein scheinen – und müssen das auch nicht sein. Erkennbar werden wir sowieso nur für die Menschen, die uns nahe sind. Das zu akzeptieren, ist ein Teil Lebenskunst.

    • Das jeder Mensch das Recht dazu hat, in seinem Selbst wahrgenommen zu werden, ist ein ebenso einfacher wie schwer einzulösender Anspruch. Die Natur scheint keine klaren Trennungen von männlich-weiblicher Identität, gleichgeschlechtlich liebend-andersgeschlechtlich liebender Oroentierung, männlich-weiblichen Körpermerkmalen und männlich-weiblich konnotiertem Sozialverhalten (darunter zu unterscheiden: angeboren und freiwillig) zu kennen. Alle diese Merkmale können bei Menschen in verschiedensten unmerklichen Graden auftreten in unterschiedlichen Mischungen – und zwar, das macht es so schwierig, unabhängig voneinander. Erfreulicherweise gilt das für alle Menschen, niemand kommt da ganz auf 100 % Eindeutigkeit.

      Wie viele Farben hat der Regenbogen?
      Um eine exakte Bestimmung vorzunehmen, taugen alle Kategorien wenig. Ich behelfe mir immer, wenn mich Schubladen nerven, mich in den verschiedenen oben genannten Aspekten auf einer Skala zu bestimmen. Aus den verschiedenen Graden von „männlich“- „gemischt“- „weiblich“ (oder neutraler yin und yang) , ergeben sich dann meine Koordinaten und zusammengenommen, meine individuelle Farbe, etwa so, wie man im Computer eine RGB-Farbe aus einer Mischung verschiedener Farben mischt. Das ist für mich die einzige einigermaßen präzise Verortung meines „Selbst“ – aber eben auch eine absolut individuelle.

      Trotzdem braucht es Kategorien, aber sie machen nie unser Selbst sichtbar, sondern erschaffen eine Identität, eine Rolle, eine Zugehörigkeit zu einer Gruppe, in der wir uns wohl fühlen, in der wir bereit sind, zu kommunizieren. Insofern ist die Auseinandersetzung mit den T´s eine Auseinandersetzung mit den Parametern von Geschlechterzgehörigkeit, während in der traditionellen Schwulen- und Lesbenbewegung die Auseinanderstzung mit sexueller Orientierung im Vordergrund stand. Wir haben uns, etwa seit „Brokeback Mountain“ in der Gesellschaft schon ganz gut daran gewöhnt, „Schwulsein“ nicht per se als unmännlich wahrzunehmen, wohingegen es den vielen Menschen schwer fällt, jemandem mit weiblichem Geschlecht aber männlichen Merkmalen rein aufgrund seines Verhaltens seinem wahren Geschlecht zuzuzuordnen – ohne daraus Schlüsse auf ihre Orientierung zu ziehen. Ich denke, wir müssen Geduld und Nachsicht miteinander haben, ich bitte jedenfalls darum, sonst werden aus sinnvollen Kategorien künstliche Trennlinien zwischen Menschen.

  13. Menschen sind von allem fasziniert, was ungewöhnlich ist. Mit gelegentlichem „Angestarrtwerden“ muss man lernen, zu leben. Auch ich verhalte mich oft für einen Moment befangen, wenn ich Menschen begegne, die ich nicht einordnen kann oder deren Verhalten für mich ungewohnt ist, ob es eine ungewöhnliche Tracht ist, eine Behinderung, die ich noch nie gesehen habe, oder ähnliches.

    Befangenheit löst sich auf, wenn die Situation mit einem Lächeln löst, oder wenn man miteinander ins Gespräch kommt und sich vor allem für die entstandene Irritation nicht schämt (weder auf der einen, noch auf der anderen Seite). Dann löst sich die Spannung sehr schnell, wie in dem Positivbeispiel mit der Mutter und dem Jungen.

    Gegen bewusste Gewalt und Pöbeleien nutzt es, zu protestieren, und auch provokativ sichtbar zu sein. Um die Gesellschaft langfristig und tiefgründig zu verändern, ist es besser, die „Gaffer“ nicht als Repräsentatnten eines feindlichen Heteronormativen Systems anzusehen, sondern als Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, mit dem Thema klamm sind – auch wenn sie schon älter sind.

    Es geht bei der ganzen Frage auch nicht nur um uns Schwule, sondern um den Umgang von Männern untereinander. In sehr männerdominierten Gesellschaften mit starker Geschlehctertrennung war und ist es üblich, dass Männer Hand in Hand gehen und viel Berührung zulassen als Zeichen der Freundschaftlichen Zuneigung. Das war hierzulande bis ins 19. jahrhunder der Fall. Seitdem Sichtbarwerden der Homosexualität als sexuelle Orientierung wird zärtliches Verhalten von Männern schnell rein sexuell gedeutet. Insofern stehen auch Heteros unter einem Druck, keine „Schwächen“ zu zeigen, weil sie sonst in ihrer Orientierung missverstanden werden könnten. Kurz: Männliche Zärtlichkeit im öffentlichenRaum ist ein generelles Männerproblem und kann nicht von den Schwulen allein gelöst werden.

    • „die ‚Gaffer‘ nicht als Repräsentanten eines feindlichen Heteronormativen Systems anzusehen, sondern als Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, mit dem Thema klamm sind“

      Grundsätzlich finde ich deinen Hinweis gut, dass es wichtig ist, nicht in ein total plattes Freund-Feind-Schema zu verfallen, sondern bei den Ursachen von irritierenden oder negativen Reaktionen genauer hinzuschauen.

      Aber eine Frage muss ich hier doch stellen: Welche anderen Gründe als das heteronormative System fallen dir denn ein?

      • Mich stört alles an dem Begriff, sowohl „heteronormativ“ als auch „System“ und vor allem die Kombination beider Begriffe, die eine vielfältige, schillernde, lebendige und stets wandelbare Wirklichkeit in ein rationales Konstrukt presst. Und warum? Um ein Feindbild zu kreieren, gegen das man aufbegehren kann, das zerstört werden muss, damit man endlich „frei“ sein kann. Und wie sieht diese Frieheit dann aus? Welches normierende System ersetzt das bestehende?

        Ich gebe Dir ein Beispiel. Ich bin nicht nur schwul, sondern auch ein Zwilling (der ist übrigens auch schwul, und da wir unser coming out unabhängig voneinander hatten, kann ich der genetischen Begründung von Homosexualität nur sehr zustimmen). Auch mit meinem Zwilling-sein verstoße ich scheinbar gegen ein normierendes System, das besagt, das Menschen gefälligst unterschiedlich auszusehen haben, damit man sie auseinanderhält. Wenn ich verwechselt werde, ist das denen, die ich unabsichtlich „getäuscht“ habe, immer sehr peinlich, während ich, der ich diese Verwechslungen gewohnt bin, nur darüber schmunzle. (Wenn ich hingegen einen anderen Zwilling verwechsele, ist mir das witzigerweise meinerseits peinlich).

        Das heißt aber doch: Die Tatsache, dass es eine Erwartung an die Wirklichkeit (in Deinen Worten: ein normierendes System gibt), sagt noch nichts darüber aus, wie wir damit umgehen, wenn diese Erwartung getäuscht wird. Zwillingsein genießt aus genauso irrationalen Gründen einen höheren Respekt als „Normalsein“ , wie Schwulsein zuweilen einen niedrigen Respekt genießt.

        Wo besteht also der Unterschied? Zwillingsein wird als machtvoller erlebt. Ich habe die Fähigkeit, andere zu täuschen, mich scheinbar zu verdoppeln, anderen voraus (Dass ich gleichzeitig weniger als Individuum, sondern als austauschbarer Teil eines Kollektivs wahrgenommen werde, wird dabei ausgeblendet). Schwulsein wird als weniger machtvoll erlebt. Meine Fähigkeit, ohne großes Nachdenken Kinder zu zeugen, ist eingeschränkt. Dass diesem Mangel andere Vorteile entgegenstehen (Das Ausleben der Sexualität ist nicht in gleicher Strenge reglementiert , wie bei Heteros, weil es keine Konkurrenz um Nachkommen gibt – eine Familiengründung, wenn gewünscht, wird viel bewusster geplant und erlebt – man hat viel tiefere Einsichten in das, was die scheinbar so getrennten Pole Frau und Mann ausmacht und damit in das Menschsein) , ist erst auf dem zweiten Blick ersichtlich.

        Fazit: Normierende Systeme müssen nicht das Problem sein. Abzuweichen ist immer auch ein Vorteil. Problematisch ist, wie wir mit den Abweichungen umgehen und welche Haltung wir selber dazu entwickeln.

        Ich versuche, mit den Irritationen, die mein Anderssein als schwuler Mensch mit sich bringt, genauso lässig und souverän umzugehen, wie mit meinem Anderssein als Zwilling – und es zu genießen, eine Ausnahme von der banalen Regel darzustellen. Damit verschaffe ich mir, wenn es mir gelingt, auch am schnellsten Respekt, ohne große Worte.

        Also, noch einmal: In meinen Augen ist Heteronormativität NICHT das Problem – sondern die sich wandelnde Bewertung von Sexualität und Männlichkeit im Zeitalter von Reproduktionsmedizin, Pille und Frauenemanzipation, also eine Frage, die ALLE angeht.

        • Ich finde den Begriff ‚heteronormatives System‘ in Bezug aufs ‚Gaffen‘ – wie Zaunfink ihn verwendet – ehrlich gesagt völlig gerechtfertigt. Mache ich die Augen auf, umgibt es mich praktisch ständig, 24 Stunden am Tag. Sorry, aber das nicht zu sehen, halte ich ehrlich gesagt für etwas realitätsfremd. Und ich sehe auch nicht, dass damit die von dir beschriebene Wirklichkeit zwangsläufig in ein rationales Konstrukt gepresst wird. Ich verstehe Heteronormativität nicht als etwas, das absichtlich/bewusst von feindlich gesinnten Menschen durchgesetzt wird, sondern als eine auf Mehrheitsverhältnissen beruhende Norm, die praktisch von selbst internalisiert und reproduziert wird, teils sicher ohne jede böse Absicht. Auf diese Weise entwickelt sie schließlich aber dennoch eine Eigendynamik, die nicht selten in heterosexistischen/queerfeindlichen Denkmustern münden. Und aufdringliches Gaffen (nicht bloß neugieriges Hinsehen) und blöde Sprüche basieren auf solch einem Denken. Dass ich also versuche, Heteronormativität zu entwerten und zu dekonstruieren, macht für mich durchaus Sinn. Auch verspricht sich wohl niemand davon die ‚große queere Freiheit‘, aber zumindest eine Abnahme permanenter alltäglicher Mikro-Aggressionen. Dass allein, würde das Leben schon erheblich leichter machen.

          Zitat: „Auch mit meinem Zwilling-sein verstoße ich scheinbar gegen ein normierendes System, das besagt, das Menschen gefälligst unterschiedlich auszusehen haben, damit man sie auseinanderhält.“

          Ja, aber du hast weniger Möglichkeiten, deine Ähnlichkeit zu deinem Zwillingsbruder zu verstecken. Niemand dreht dir aus der Sichtbarkeit, um die es in diesem Text ja ursprünglich ging, einen Strick. Du bist halt Zwilling, und daran lässt sich nichts rütteln. Beim Schwulsein ist das aber anders. Denn es besteht theoretisch die Möglichkeit, es im öffentlichen Raum komplett zu verstecken. Dadurch werden schwule Männer ständig mit der heterosexistischen Erwartung konfrontiert, sich unsichtbar zu machen. Ihre Sichtbarkeit ist NICHT in dem selben Maße selbstverständlich, wie die eines Zwillings. Zudem sind mit ihr reale Gewalterfahrungen verbunden, die sich nicht einfach wegschmunzeln lassen.

          Zitat: „Abzuweichen ist immer auch ein Vorteil. Problematisch ist, wie wir mit den Abweichungen umgehen und welche Haltung wir selber dazu entwickeln.“

          Sicherlich gibt es einige Vorteile, nicht der Norm zu entsprechen, und ich denke auch, es ist wichtig, sich dies immer mal wieder vor Augen zu halten. Dennoch habe ich etwas Schwierigkeiten mit Aussagen, die den Umgang mit Diskriminierungserfahrungen zum alleinigen Problem der Betroffenen machen. Was kann ich tun, wenn ich mich – trotz aller ‚Abhärtungsversuche‘ – weiterhin durch aufdringliches Starren und blöde Sprüche verletzt fühle? Ich halte es nicht für angebracht, hier an die Betroffenen zu appellieren, ihre Haltung zu ändern. Diskriminierung wird nicht besser, wenn wir uns daran gewöhnen. Stattdessen denke ich eher, es wird Zeit, sie zu erkennen und benennen und Strategien dagegen zu entwickeln, wenn wir mit ihr konfrontiert werden. Letztlich ist diese Form der Gewalt nämlich NICHT bloß das Problem der anderen, sondern leider auch meins, ganz einfach weil mir Entfaltungsfreiraum genommen wird.

        • zu Lars:
          „Welches normierende System ersetzt das bestehende?“

          Das ist doch eigentlich offensichtlich: Ein Geschlechtersystem, das Heterosexualität nicht als die per se „beste“ Variante darstellt, das neben Cis-Männern und -Frauen auch andere Menschen in ihrer Gleichwertigkeit anerkennt, das verschiedene Formen von sexuellen Orientierungen und sexuellen Vorlieben nicht permanent be- und abwertet. Das wäre doch eine Verbesserung, oder?

          Wir stehen doch nicht vor der Wahl, einer verletzenden und abwertenden Norm als einzige Alternative eine andere gleichermaßen verletzende und abwertende Norm gegenüberzustellen. Wir können uns für mehr Freiheit entscheiden. Für ein Wertesystem, das die menschliche Vielfalt anerkennt.

          „Um ein Feindbild zu kreieren, gegen das man aufbegehren kann“

          Ich bilde mir Heteronormativität nicht ein. Und ich konstruiere sie nicht. Sie ist real.

        • Aber noch ein Nachtrag: Deinen Hinweis darauf, dass man das eigene Abweichen von der Norm auch gelegentlich zu einem Vorteil wenden und selbstbestimmt nutzen kann, möchte ich ausdrücklich unterstützen. Es ist wichtig, diesen Ansatz nicht zu vernachlässigen und ihn sich gelegentlich bewusst zu machen. Dass ich hier bisher die Nachteile in den Vordergrund gestellt habe, soll nicht heißen, dass das die einzig mögliche Perspektive ist.

          Es würde mich interessieren, ob dazu noch jemand Ideen hat.

        • Meine Lebenserfahrung ist, dass Akzeptanz (im Gegensatz zu Toleranz) nur durch Nähe, Kontakt, Aufklärung und das Wissen umeinander zu erreichen ist. Sichtbarkeit ohne Kommunikation bleibt eine halbe Sichtbarkeit, nämlich eine äußerliche, eine Sichtbarkeit unter der Glasglocke – es vermittelt die Botschaft, respektier mich, aber geh mir vom Leibe, wie ichDich oder meine Umwelt erlebe, kannst und wirst Du eh nicht verstehen. Gegenüber feindseligen Menschen ist das ja vielleicht die richtige Botschaft – gegenüber neugierigen und aufgeschlossenen Menschen, die in diesem Land auch unter den Heteros eine Mehrheit darstellen, ist dieser Schutzwall mißverständlich. Bereit zu sein, wo es geht, den menschlichen Kontakt mit den Neugieriegen aufzunehmen, sei es durch einen Spruch, ein Lächeln oder auch durch das freundliche, aber klare Signal, weniger aufdringlich zu schauen, gehört, solange es diesen gesellschaftlichen Lern-, Aufklärungs- und Gewöhnungsprozess gibt, zum Sichtbarsein dazu, weil wir dadurch nicht reagieren, sondern agieren und ein Gefühl der Souveränität über unser Leben erreichen.

  14. Lieber Zaunfink,

    wie schön ausführlich das alles auseinander genommen ist. Wohlsortiert, leicht verständlich (meistens) und schlüssig.

    Am Ende fehlt mir noch ein kleines Bonbon, das ich gerne lutsche, seit ich vor rund 15 Jahren dem Gedanken folgte: Wie machen es denn die Heten?

    Also nein… jetzt mal nicht körperlich, sexuell und so. Wie outen sich Heten als Heten, warum ist es kein Outen, wie machen sie zu ihrer Selbstverständlichkeit und wie kann ich das auch haben?

    Ich will nicht behaupten, dass ich frei wäre, mir Gedanken oder auch mal Sorgen darüber zu machen, was andere von mir denken. Ich bin auch schon allein in einer S-Bahn sitzend angepöbelt worden, da ging es nicht mal um mein Lieben. Was ich mittlerweile aber dazugewonnen habe ist, dass ich mir die Probleme anderer mit lesbischen, schwulen oder auch altersunterschiedlichen, gemischt-hautfarbigen Paaren nicht zu meinen machen lasse. Nur weil vielleicht mal der eine oder andere Begriff auf mich und meine Begleitung zutrifft.

    Es ist nicht mein Problem, dass ein Vater nachdem wir den ersten Rosa Tag im Heide-Park organisiert hatten, verzweifelt und wütend war, weil er die Fragen seines Kindes nicht beantworten konnte. Seine Lösungsidee war, dass der Heide-Park gefälligst „sowas“ nicht nochmal zulassen dürfe oder wenigstens entsprechend vorwarne.

    Ja… ich kann darüber schmunzeln, weil ich weiß, wie die Verantwortlichen im Heide-Park gelassen und souverän allen die damals solche und ähnliche Mails schrieben antworteten (sinngemäß): „Schön, dass Sie hier waren, wir sind ein offener Familienfreizeitpark und heißen Sie jederzeit, wie alle anderen Gäste auch, herzlich willkommen. Entscheiden Sie selbst.“

    Ehrlich gesagt, war ich damals selbst eher angespannt. Noch ein letztes oder vorletztes Mal… Es ist ein Prozess gewesen, sich an dieser Stelle von der Bewertung anderer unabhängig(er) zu machen. Es sagt doch mehr über den abwertenden Menschen aus, ihm oder ihr oder * völlig Fremde massiv abzulehnen aufgrund eines Details des Menschseins. Ohne Kenntnis von Charakter, Stärken, Schwächen, Fehlern und Talenten.

    Eigentlich sagt es schon viel aus, über den Menschen, der massiv abwertet. Der bekämpft. Der noch keinen besseren Umgang gelernt hat. Vielleicht überfordert ist. Oder unter-zufrieden.

    Mir egal. Nicht mein Problem.

    Das war eine Befreiung. Ebenso wie das Abschalten des Risikomanagements. Das geht jetzt nur noch an, wenn ich einer Hand voll Skinheads begegne (zuletzt geschehen so circa 2000/2001). Oder zu anderen, seltenen Gelegenheiten. Ansonsten, also in der meisten Lebenszeit, entscheiden ganz andere Faktoren die Fragen nach Berührungen, Küssen oder Regenbogensticker. Mein Wunsch nach Nähe, mein Grad der Verliebtheit, ob ich gerade auf eine Demo gehe oder zu einem Termin, an dem Sichtbarkeit sich auch mal mit einem Sticker nützlich macht.

    Das ist die ganz große Freiheit… oder jedenfalls kurz davor. Ziemlich nah dran an der Selbstverständlichkeit. Selbstverständlich entscheide ich das und bei den Gründen spielen Dritte nur selten eine Rolle. Die Zweite, die beteiligt ist, wenn es um Sichtbarkeit als Paar geht… die spielt dann schon eine. ;-) Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

    In diesem Sinne, herzlichen Dank für den tollen Beitrag. Ich hoffe, ich konnte sinnvoll ergänzen.

    Internette Grüße
    Friederike

    • Danke für den ermunternden Beitrag.

      „Mir egal. Nicht mein Problem.“

      Seufz. Ich bin manchmal ein bisschen neidisch auf die Leute, die wirklich diese Distanz zu den heteronormativen Schrullen der Anderen hinbekommen. Ich halte mich ja nicht mal für den unselbstbewusstesten Schwulen der Welt oder so, und oft bekomme ich es auch tatsächlich hin, zu denken, hey, das ist jetzt echt euer Problem und nicht meins. Aber aus meiner emotionalen Getroffenheit, wenn ich wieder mal irgendeinen bösen Blick ernte, komme ich doch nie so hundertprozentig heraus. Und selbst wenn ich dann den Ärger in Wut oder Trotz oder sonstwas umformen kann, ist es eben doch was anderes als die Gleichgültigkeit, die ich mir manchmal wünsche.

  15. Das passt hier zum Thema:

    Das Baseler Jugendzentrum Anyway führt zur Zeit eine Plakataktion in den Baseler Straßenbahnen durch. Geplant sind 14 Motive, die queere Menschen in verschiedenen Situationen zeigen. Die Transportgesellschaft BLT, die einen Teil der Straßenbahnen betreibt, fand dabei einander umarmende schwule und lesbische Paare nach langer Diskussion über diese Darstellungen von „Anderssexuellen“ noch so einigermaßen genehmigungsfähig, die küssenden Paare aber, die auf einigen Plakaten gezeigt werden sollten, wurden als „anstößig“ eingestuft und zunächst nicht genehmigt.
    Erst öffentlicher Protest brachte die BLT zum Einlenken. Nun sind auch die küssenden Paare zu sehen.

    http://www.queer.de/bild-des-tages.php?einzel=1027
    http://www.20min.ch/schweiz/basel/story/Kuessende-Homosexuelle–zu-anstoessig-30731939
    http://www.queer.de/detail.php?article_id=23124

  16. Hallo lieber Autor,

    in dieser hektischen Zeit, einen so langen Artikel zu verfassen, in der Hoffnung, dass ihn jemand (vollständig) liest, zeugt von Herzblut.

    „Politisch korrekt“ ist das ja nicht, was du schreibst:
    „Diese Sache wird uns kein Lobbyverein, keine Partei, kein CSD und kein Gesetz abnehmen. Wir müssen es selbst hinbekommen.“
    Aber leider sehe ich es auch so wie Du!

    Meine Eifersucht auf die neue Freundin eines sehr engen Studienkollegen, war für mich der Beginn, erstmals über mich nachzudenken. Ich dachte, der „Einzige“ in der ganzen Uni zu sein. Heterosexuell, konservativ erzogen, hatte ich keine Vorbilder oder eine Vorstellung darüber, wie ich das auch noch leben kann. Über Sex und Gefühle wurde nie geredet. Aufklärung? Mit „Bienchen und Blümchen“;-) Ich hatte Glück, dass mir einige Menschen immer zeitig genug über den Weg liefen und meine Zweifel ausräumten, mit mir Erfahrungen und Ängste teilten. Ich war zwar schon fast 30 Jahre alt, doch waren es immer Jüngere, die mir zeigten wo es langgeht. Nach und nach lebte ich meine Homosexualität und ich begann selbst untere Karten von meinem Hetero-Kartenhaus zu entfernen. Mein Coming Out begann und ich erstmals wirklich zu leben!

    Nun wurde ich mir auch bewusst, wie wichtig es ist, für andere sichtbar zu sein, die noch mit sich haderten. So war/bin ich jedes Jahr zu einigen CSD Paraden dabei. Glück hatte ich immer, mit Menschen zusammenzukommen, die selbst schon über sich nachdenken mussten, gewisse Lebenserfahrung hatten, die Anfeindungen mir gegenüber nicht aufkommen ließen.

    Es war alles so schön hier, wie ich nach und nach immer mehr auch in den Medien las, nur im Ausland gab es noch echte Probleme für Homosexuelle.

    3. August 2013: Hamburger CSD. Erst Regen, wie man es von Hamburg gewohnt ist, dann Sonnenschein! Viele jubelnde, tanzende Menschen, eine ausgelassene Stimmung, wie die Jahre zuvor. Also alles bestens. Mit meinen Engelsflügeln bekleidet trat ich mit meinem Bekannten zusammen den Rückweg von der Parade, zu meinem, im „Steindamm“ geparkten, Auto an. Das Navi führte diesmal gleich zum Steindamm, als sonst immer erst einmal ein Stück der „langen Reihe“ entlang. Einige Meter liefen wir an einem Döner Imbiss vorbei, als ein türkischer Jugendlicher mich plötzlich anspuckte und mit seinen Freunden zusammen uns deutlich machte, dass wir mal schnell weitergehen sollten. Automatisch liefen wir schneller. Der Schock verhinderte, überhaupt nachzudenken darüber, etwas anderes als das zu tun, als zu laufen. Am Auto angekommen, fing ich an mich umzuziehen. Ein Mann stand in der Nähe unseres Parkplatzes und beobachtete uns genau. Mein Bekannter gab mir mit einem mal sehr deutlich zu Verstehen, dass ich SOFORT losfahren solle ohne mich weiter umzuziehen! Ich bekam nur noch aus den Blickwinkeln mit, was mein Bekannter sah, wie unser Beobachter einige seiner Freunde heranholte. Das sollte bestimmt kein Begrüßungskomitee werden…Wir fuhren bis zur Autobahn und da noch einige Kilometer ohne Worte, bis zu einem Rastplatz. Dort erst waren wir uns bewusst, dass wir mit dem Leben davongekommen waren! In einigen wenigen Hamburger Abendzeitungen konnte man dann von mehreren Übergriffen auf Homosexuelle nach dem CSD lesen.

    Unter Zufall konnte man das alles nicht mehr abhaken.

    Nun las ich die Presse anders und schaute auch Berichte mit anderen Augen. Was ich lese und sehe, sind Berichte fast nur über das Leben im Ausland, Gaza (Todesstrafen für Homosexuelle), Moskau (Gesetze, die gezeigte Homosexualität unter Strafe stellt). Die deutsche Regierung wolle sich in die Autonomie andere Staaten nicht einmischen. Also keine Probleme, die wir lösen müssten oder die uns betreffen.

    Ich fragte mich dann, ab welchem Punkt denn die Medien den Fokus auf ein Problem lenken. In Hamburg muss ich um mein Leben bangen, ich habe Angst, flüchte. Was gibt es noch Schlimmeres? Und ich lese nichts. Mit einem mal kommt mir die CSD Parade so sinnlos vor, weil nur einige km entfernt von dieser sich ein komplette anderes Bild ergibt. Die Realität sieht so ganz anders aus. Jedes Statement von führenden Politikern, dass viel erreicht sei in der Gleichstellung von Homosexuellen und die Akzeptanz da ist etc. ist für mich auf ein mal wie ein Schlag ins Gesicht.

    Ich weis plötzlich, dass ich Freiwild bin. Die Situation ist sogar so grotesk, dass ich mich in eine Rechtfertigungsrolle gedrängt sehe, als ich überhaupt erwähne, in einem Bericht zum CSD auf FB, dass es ein türkischer Jugendlicher war und ein ausländischer Mann der seine Freunde dazu holte. Klar, als Deutscher komme ich sofort in den Verdacht der Ausländerfeindlichkeit. Es ist nicht relevant, wie meine Ängste aussehen, wie mit mir umgegangen wird. Keiner will verstehen, dass ich das so erlebt habe. In den Medien steht doch auch nur vom Ausland was drin. Und so denke ich, dass man die Probleme im eigenen Land kennt. Doch brächte man diese zur Sprache, wäre es unglaubwürdig und verlogen, folgten dem keine Taten.

    Ich wünsche mir auch keinen Polizeistaat, Le/Pegida etc. Doch machen wir es uns zu einfach, wenn wir nur ins Ausland zeigen und mal an einer Gegendemo (Antipegida) teilnehmen, um zu zeigen wie weltoffen und tolerant wir sind. Und selbst studierte Kollegen sind stolz, mir zu berichten, dass sie bei Antipegida teilnehmen und schauen mich böse an, wenn ich ihnen sage, dass das der einfachste Weg sein, als die verpulverten Steuermittel für Hunderte von Fahrzeugen, teilweise laufende Motoren, entsprechendes Polizeiaufgebot, zwei kreisende Hubschrauber über Leipzigs Zentrum zu nehmen und in Schulbildung zu stecken, eben wirklich intelligenter anzulegen.

    Nein, wir sind nur so gebildet, dass unser Selbstbetrug (keine Probleme im eigenen Land zu haben, so demokratisch und fortschrittlich zu sein) so gut ist, dass wir uns immer politisch korrekt verhalten (mit einer Gegendemo z.B.), Auslassungen nicht weiter wahr nehmen und uns an Ablenkerthemen (wie Maut für Pkw oder zu hohe Abfindungen von Managern) abarbeiten.

    Was wirklich wichtig ist, dass man wieder Respekt vor dem anderen hat, Werte schafft, miteinander lebt, wird ignoriert, ja völlig ins Gegenteil verkehrt und als soft skills gefordert. Es wird von Nachhaltigkeit gesprochen, aber keine Zeit gegeben, die bestimmte Werte erst entstehen lassen. Scheinheiligkeit ist das Schmiermittel.

    Und ich bin mir bewusst, dass ich nicht besser bin und keine Lösung habe. Ausser diese Gewissheit:

    „Diese Sache wird uns kein Lobbyverein, keine Partei, kein CSD und kein Gesetz abnehmen. Wir müssen es selbst hinbekommen.“

    Doch, einige Lösungswege habe ich mir schon seit letztes Jahr überlegt. Auch gibt es viele Diskussionen über diese Dinge mit Menschen, die ähnliche Dinge erlebt haben. Und, ja es ist auch richtig, dass nicht mehr zur CSD Parade zu gehen auch falsch ist. Nur ist es die einfachste Methode um zu denken, ein Problem gelöst zu haben.

    Deshalb holte ich eingangs so aus was Erziehung betrifft. Ursachen sollten gefunden werden und eben da angesetzt werden, wo die Motivation überhaupt entsteht dafür, andere Menschen kleiner zu machen, damit man in der eigenen Welt es noch aushält. Bildung sollte nicht ausschließlich darin bestehen, Fachwissen anzuhäufen, sondern auch die Vielfältigkeit des Lebens zu vermitteln (Karbatsche schwingende Kinder ja, aber Thema Homosexualität in der Schule nein. Was ist davon denn nun „irre“?).

    Schaffe ich ein Umfeld, wo keiner sich benachteiligt und ausgegrenzt fühlen muss, weil er gleiche Chancen hat und in Wettbewerb (sportlich, wie Wissen) mit den anderen tritt, man Werte akzeptiert und Respekt einfach dazugehört, weil man neugierig auf den anderen, gebraucht wird, dann gibt es kaum noch Platz für Aggressivität und „Kleinmachen“ des anderen.

    (vielleicht liest es ja einer derer auch, die nach einem CSD tätlichen Angriffen ausgesetzt waren, dann bitte einfach mal melden. Verbündete zu suchen sind vielleicht ein Weg zur „kritischen Masse“ die sich Gehör verschafft bei Polizei, Presse etc.)

    Und ich habe Hoffnung: Olivia Jones bekam voriges Jahr in Hamburg beim CSD die knappe Sendezeit zugestanden, um einige Sätze zu den Übergriffen auf Homosexuelle nach CSDs zu sagen und nicht nur auf schrille Kostüme festgelegt zu werden…

    • Dein Kommentar, Thomas – vielen Dank dafür! – ist wohl eindringlich genug, um ihn einfach für sich sprechen zu lassen. Da sind viele wichtige Ebenen angesprochen.

      Mir fiel beim Lesen ein, dass auch die (glücklicherweise wenigen) Erlebnisse, in denen ich mich wirklich körperlich bedroht gefühlt habe, in Zusammenhang mit queeren Großveranstaltungen stattgefunden haben. Meine Idee dazu war, dass die massive Sichtbarkeit tatsächlich einige Menschen dermaßen überfordert, dass ihre sonst „nur“ latente Aggression akut ausbricht. Ich weiß nicht, ob das tendenziell in letzter Zeit schlimmer wird oder ob das nur mein subjektives Gefühl ist.

      Die Flügel stehen dir übrigens prima. :-)

      • Wahrscheinlich reicht es schon aus, nur ungläubig zu sein oder einen anderen Glauben zu haben. Sicherlich spielen gruppendynamische Effekte eine Rolle: Wenn man in einer Gruppe als Einzelner Partei für das Opfer ergreift, bzw. nicht mit in den Tenor der anderen einstimmt, macht man sich „verdächtig“. Ich habe oft darüber nachgedacht, was diese Menschen dazu bewegt hat, mich anzuspucken, Messerstechereien anzufangen. Da spielt eine Großveranstaltung nur die Nebenrolle, dass man einen Grund hat, z.B. als Engel aufzutreten. Nun gehe ich selbstbewusst, offen homosexuell lebend durch das islamische Viertel (Steindamm): ein Türkischer Jugendlicher, der in seiner Glaubensgemeinschaft so fest eingebunden ist, wird sich bewusst, dass er niemals in seinem Leben so sich zeigen können wird. Die blinde Wut mit der er um sich schlägt (spontan spuckt und schimpft) ist nur der Ausdruck der Hilflosigkeit. Nebeneffekt den er erreicht, dass ich flüchte, schwächer in dem Moment bin. Seine Welt ist erträglicher in dem Wissen, dass ich meine Freiheit mit Angst erkaufe. Und weshalb ist die Situation für den Jugendlichen so verkorkst? Weil er in einem „Glauben“ erzogen wird, der „Werte“ und „Regeln“ bestimmt, die er unreflektiert anzunehmen hat, damit seine Gesellschaft funktioniert. Und da es unreflektiert bleiben soll, wird ausgeschossen, dass man über etwas nachdenkt, was Anderssein betrifft. Man glaubt an etwas, wenn man es nicht genau weis. Hier wird unterbunden, zu wissen. Und selbst wenn er „zweigleisig“ fährt, in dem Wissen um Anderssein und sich nach aussen gesellschaftskonform gibt, macht es ihm wahrscheinlich sein Leben nur noch schwerer, denn er wird doch nicht sein Leben leben.

        Oft habe ich Diskussionen darum, das ein Glaube nicht das Problem ist. Und ich kann nicht von einzelnen Beispielen auf die Allgemeinheit schließen. Doch habe ich bisher keinen Glauben erlebt, vorgelebt bekommen, der nicht in irgend einer Weise Menschen „diskriminierend“ ist. Es finden immer Ausgrenzungen statt, zum anderen Glauben, zwischen Geschlechter, zu Ungläubigen.

        Die überwiegende Zahl der Zuschauer des CSD haben sich ja schon irgend wie mal mit der Bedeutung hinter den drei Buchstaben beschäftigt. Diese Menschen sind schon einen Schritt weiter, dass sie nicht ignorieren, sondern es soweit an sich heranlassen, zu erleben. Oftmals ist es doch dann so, dass es heisst, „ach schau mal, wie liebevoll sie miteinander umgehen“ etc. Und weshalb soll es auch verwundern. Dann kommt zum Ausdruck, was Homosexualität doch bedeutet, Liebe (!) zwischen zwei Menschen gleichen Geschlechts. Wer nicht begreift was CSD bedeutet, gegen Homosexualität ist, hat nicht verstanden, dass es um Liebe geht und wenn doch, war er selbst noch nicht verliebt. Eine Überforderung würde stattfinden, wenn es sich die Leute nicht aussuchen könnten, den CSD zu besuchen.

        Und sicher ist es so, dass man eine Abwehrhaltung allem Fremden gegenüber einnimmt, um sich Zeit zu verschaffen. Eine eigene Meinung zu bilden braucht Zeit und bedeutet auch, in Kauf zu nehmen, „neben“ derer der anderen zu liegen und seine eigene zu verteidigen, zu erklären. Das ist alles viel aufwändiger und komplizierter, tut weh. Doch die Schmerzen und Mühe lohnt sich, weil man dann kein „Abziehbild“ ist, sondern souveräner. Etwas glauben, ist nicht immer schlecht. Ich habe auch nicht Mittel und Zeit alles selbst zu erarbeiten. Gerade in der heutigen Zeit, wo viele Fakten existieren. Ich muss es hinnehmen und gut. Doch bin ich denkendes Wesen und meiner Meinung nach verpflichtet, diese Möglichkeit auch wenn immer es geht zu nutzen, um nicht nur zu glauben, sondern Wissen aufzubauen, um bestehende Dinge hinterfragen zu können und evtl. zu verbessern.

        Man wird oft keine Lösung finden, was richtig oder falsch ist, weil wir ja nicht einmal wissen, weshalb wir leben? Ich bin auch nicht ungläubig, bin Agnostiker, weil Wissenschaft mir auch nicht alles erklären kann. Doch grosse Gefühle die entstehen, etwas was mit uns passiert, wenn wir anderen Menschen begegnen auf eine bestimmte Art und Weise, dann sollten wir dem einfach trauen, dass es „richtig“ ist. Uns selbst zu verleugnen bedeutet, dass was wir geschenkt bekommen haben (weshalb auch immer) einfach wegzuwerfen.

        Deshalb:

        Ich begreife viele Diskussionen und konstruierte Probleme nicht. Wenn man doch Liebe als solches nicht in Frage stellt!

        Es fehlen nur wenige Dinge oft: Liebe, Respekt, Zeit (um Werte zu schaffen und zu erhalten, genau hinsehen zu dürfen, erleben zu können)

  17. Huhu Zaunfink!

    Ich möchte dir zuerst für den Text danken, ich hab den auch auf den sozialen Netzwerken herumgeteilt..
    Zuerst eine Ergänzung/Kritik zu deiner Beschreibung Stonewall wegen der Unsichtbarmachung von Schwarzen Queers und Queers of Color. Mir ist klar, dass es in deinem Text um ein anderes Thema geht, also nicht „Wer war in der ersten Reihe damals bei Stonewall und wem gebührt am meisten Ehre“, sondern um Sichtbarkeit von Queer sein und besonders von Schwulsein auf der Strasse. Trotzdem: Es wär cool, wenn du die Schwarzen/Queers of Color auch irgendwo in deinem Text mit erwähnen würdest, weil sonst automatisch immer nur an weiße Menschen gedacht wird. (zunehmend weniger, aber leider doch immer noch zu viel).

    Ich bin eine solidarische Hete, (identifiziere mich als Frau*) aber da ich in den letzten Jahren ganz oft geschlechtlich uneindeutig gelesen werde, oder auch ganz oft als Mann, werde ich, wenn ich mit meinem Freund draussen unterwegs bin, eben auch als schwuler Mann gelesen, bzw. wir als schwules Paar. Dadurch lerne ich grade zwangsläufig diesen Kontrollblick kennen, den du in deinem Text beschreibst.

    Ich fand deinen Text persönlich, bewegend und kann deinem Fazit auch gar nix hinzufügen. Danke!

    • Ahoi und danke für deine Ergänzung.

      Ich freue mich immer, wenn zu dem, was ich schrieb, noch fehlende Perspektiven und/oder Fakten beigesteuert werden, und das hier sind tatsächlich zwei Dinge, die ich nicht unwichtig finde, sowohl die Schwarzen/Queers of Color als auch deinen Hinweis, dass man nicht schwul sein muss, um Sichtbarkeitssanktionen zu erleben.

      Ich denke, dass die seltsamen Verzerrungen und Unsichtbarmachungen, die der „Mythos Stonewall“ in seiner Geschichte erlebt hat, hier noch mal irgendwann ausführlicher Thema sein werden. Wann und in welcher Form, weiß ich aber noch nicht.

      • Huhu, ich wollte noch klarstellen, meine persönliche Story mit der Sichtbarkeit sollte gar nicht dazu sein, um hier mit nichtschwulsein Raum ein- oder gar wegzunehmen! Hier gehts um queere/schwule Sichtbarkeit und das ist auch gut so! Ich wollte mit meinen Erlebnissen eher deinen Text bestätigen/verstärken :)
        (Ich beschäftige mich zwar grad mit dem Thema Girlfag usw., und identiiziere mich zum Großteil auch so, aber denke, dass ich auch als Girlfag gewisse Heteroprivilegien einfach habe.. )

        Dass die Queers of Color Raum einnehmen, find ich schon wichtig. Falls du einen Aufhänger für einen Text über den Mythos Stonewall benötigst, rollt ja grade auch dieser Stonewallfilm von Roland Emmerich auf die Kinos zu… Mal sehen was das noch wird.

        • „sollte gar nicht dazu sein, um hier mit nichtschwulsein Raum ein- oder gar wegzunehmen!“

          Neinnein, habe ich auch nicht so verstanden. Aber ich finde jeden Hinweis darauf wichtig, dass Heteronormativität nichts ist, das alle Heteros allen und womöglich ausschließlich Schwulen „antun“, sondern eine Ideologie, die prinzipiell die Freiheit aller Menschen einschränkt. Es geht da nicht um klar umgrenzbare Opfer-und Täter*innengruppen, auch wenn das in meinem Text vielleicht teilweise so wirkt.

          Die Queers of Color habe ich tatsächlich aus Bequemlichkeit nicht erwähnt, das muss ich ehrlich zugeben. Es spielt auch immer die Textlänge eine Rolle, aber das wäre schon eigentlich wichtig genug für drei Worte gewesen.

          „… rollt ja grade auch dieser Stonewallfilm von Roland Emmerich auf die Kinos zu“

          Hey, danke für den Hinweis. Du sagst das ja, als ginge es um eine Naturkatastrophe. Hoffen wir mal, dass es keine wird. Zugegebenermaßen habe ich keine hohen Erwartungen.

          • Ah, verstehe :-) und diese Formulierung finde ich auch sehr gut, und du bringst das nochmal auf den Punkt mit der Heteronormativitätskritik.

            Naturkatastrophe, hihi, vielleicht wegen Emmerich, der hat doch diesen Katastrophenfilm gedreht. Ich bin keine Filmperson, aber mir graust es immer ein wenig, wenn etwas auf die „ganz große Bühne“ kommt. Das birgt natürlich schon große Chancen für die Sichtbarkeit, andererseits aber auch die Gefahr, dass Geschichten auf die Dinge reduziert werden, die halt sich am besten verkaufen. Hohe Erwartungen hab ich da auch nicht.

  18. Lieber Zaunfink, danke für deinen rational und emotional klaren und wichtigen Artikel. Es hat mir gutgetan zu lesen, dass ich mit meiner punktuellen Feigheit nicht alleine bin, wenn ich das öffentliche Terrain sondiere und daraus die Grenzen ableite, die meinem Mann und mir in dem Moment gesteckt sind oder zu sein scheinen.

    Ich zögere, das Folgende zu schreiben, weil ich die Qualität deines Artikels und dieses Forums mit meinem Kommentar nicht verwässern möchte, aber vielleicht ist es ja für irgendjemanden wichtig:

    Normalerweise bin ich recht tough, aber am Ende deines Artikels und beim Lesen der Kommentare habe ich tatsächlich spontan zu weinen angefangen wie ein Kind. Vor Wut, vor Traurigkeit, dass es offenbar noch immer vielen so geht wie mir, vor Selbstmitleid und vor Empathie. – Danke auch dafür.

    • Lieber Berliner, danke für deinen Kommentar.
      Ich glaube, die meisten von uns kennen die Gefühlsmischung, die du beschreibst. Ich kenne sie jedenfalls sehr gut. Und ich finde es sehr wichtig und richtig, dass wir auch unsere schwachen Momente teilen. Sie gehören zum Starkwerden dazu.

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