Ich habe nichts gegen tolerante Heteros, aber …

Wir müssen reden. Ich habe ja wirklich nichts gegen euch persönlich. Einige meiner besten Freund*innen sind tolerante Heteros. Aber ganz ehrlich: Jedes Mal, wenn jemand sagt: „Ich bin tolerant“, zucke ich innerlich zusammen. Natürlich weiß ich, dass ihr es gut meint. Ich freue mich, dass ihr euch aufrichtig bemüht, euch auch die letzten klebrigen Reste heteronormativen Unrats von den Füßen zu schütteln. Aber ihr wisst selbst, was es bedeutet, wenn in einem Zeugnis steht „hat sich stets bemüht“. Um es etwas motivierender zu formulieren: Ich bin sicher, diese Sache mit der Toleranz, die könnt ihr noch besser. Ich glaube ganz fest an euch. Und weil Glaube allein ja doch nicht immer hilft, habe ich hier einmal die Problemzonen zusammengefasst.


1. Ohren zuhalten und Singen

„Das ist doch heute kein Thema mehr.“ „Homosexualität ist mittlerweile akzeptiert.“ „Lesben und Schwule sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ So etwas sagen einige von euch gern, um sich im Glanz einer erfolgreichen Toleranzgeschichte zu sonnen. Das fühlt sich gut an, und natürlich hat sich wirklich einiges getan. Aber mal ehrlich: Gar kein Thema mehr? Wen wollt ihr verarschen? Uns oder euch selbst?

Ich ertappe mich selber oft beim Gedanken: „Nein, darüber muss man heute wirklich nicht mehr diskutieren.“ Und dann muss ich trotzdem. Es gibt immer noch homophobe Ideologien, Gewalt, Mobbing, Suizide und Morde, staatlich abgesegnete Kündigungen für queere Angestellte, 54 diskriminierende Gesetze im deutschen Recht und viele andere Probleme. Das alles verschwindet nicht, indem wir die Augen zukneifen und an einen bunten Regenbogen denken.


2. Heuchelei

Die Floskel: „Ich habe nichts gegen Schwule, aber …“ hat in der gesamten Menschheitsgeschichte noch nie eine wirklich tolerante Person ausgesprochen. Wenn z.B. Unions-Politiker*innen oder katholische Funktionäre behaupten, sie seien „selbstverständlich gegen jegliche Diskriminierung“, um schon im nächsten Satz klarzustellen, welche Arten von Diskriminierung sie mit aller ihnen zur Verfügung stehenden Macht aufrechterhalten werden, dann wollen sie mit dieser ärgerlichen Lüge nur erreichen, dass ausgerechnet wir anderen unglaubwürdig wirken, wenn wir gegen diese Unverschämtheit auf die Barrikaden gehen.

Absurderweise funktioniert das sogar ziemlich oft. Bitte macht da trotzdem nicht mit. Das ist ein widerliches Spiel, bei dem ihr auch eure eigene Würde verliert. Wer unbedingt diskriminieren will, sollte das zumindest zugeben und sich damit kritisierbar machen – das wäre politische Fairness.


3. Randgruppenpflege

Das ist Abwertung für Fortgeschrittene. Toleranz ist hier etwas, das die „Mehrheitsgesellschaft“ einer Minderheit gewährt, weil sich das so toll anfühlt. Für die Mehrheit jedenfalls.

Ein Beispiel sind die engagierten Menschen, die es jetzt ganz dufte finden, dass Kinder in den Schulen über „Menschen mit anderer Sexualität“ aufgeklärt werden, damit sie „tolerant mit diesen Menschen umgehen.“ Sie glauben, es ginge hier darum, neben Kenntnissen über exotische Tiere auch solche über exotische Menschen zu vermitteln, denen die Kinder später einmal in einer nebulösen Wildnis außerhalb der unschuldigen Schulkinderwelt begegnen könnten. Sie blenden aus, dass ein Teil der Kinder (und der Lehrkräfte) selbst diese vermeintlich „Anderen“ sind. Sie denken aus der Perspektive eines heterosexuellen „Wir“, das queere Menschen als „Randgruppen“ in einen gesellschaftlichen Außenraum verbannt, um sie dort dann freundlich zu tolerieren.

Die gleiche offenherzig-ausschließende Attitüde offenbarte der Bürgermeister meiner Stadt, als er in einer Rede voller Stolz daran erinnerte, wie man anlässlich eines CSDs durch Regenbogenbeflaggung am Rathaus „die Homosexuellen in unserer Stadt willkommen geheißen“ habe – als seien die Paradeteilnehmer*innen erst an jenem Nachmittag in einem stylischen Weltraumgleiter vor den Toren der Stadt gelandet und hätten verschreckten Passant*innen mitgeteilt: „Wir kommen in Frieden. Bringt uns zu eurem Anführer.“ Als bedürften wir allen Ernstes einer Einladung oder gar Genehmigung, um Teil unserer eigenen Stadt zu sein. Die selbstgefällige Inszenierung von angeblicher Integrationsbereitschaft war in Wirklichkeit nichts als gedankliche und sprachliche Ausgrenzung.

Die Plakatkampagne zur „Toleranzwoche“ der ARD hatte ich an anderer Stelle schon wegen genau dieser Grundhaltung kritisiert.

Wir queeren Menschen werden hier zum Objekt der Ansprache, der Bewertung und – wenn wir hübsch artig sind – zu Empfänger*innen einer als Gnadenakt verliehenen Toleranz. Das ist eine kaum verschleierte Degradierung. Die vermeintlich einschließende Geste stellt das Bild des Ausgeschlossenseins erst einmal her, um es dann „großzügig“ aufzuheben. Das ist ein Machtspiel, das die Hierarchie zwischen „Mehrheit“ und „Minderheit“ bestätigt, indem jemand aus der selbsternannten „Mitte“ heraus klarstellt, wer hier drinnen und wer draußen sei, wer also wen zum Mitspielen einladen dürfe, wer die Bedingungen des Spiels festlegen dürfe und wer nicht. Und wer diese Einladung ggf. auch wieder rückgängig machen könne. Gleichheit, liebe Leute, sieht definitiv anders aus.


4. Pinguingleichnisse

Klar, es ist ärgerlich, dass immer irgendein Seppel über die „Unnatürlichkeit der Homosexualität“ schwadroniert. Und ja, ich finde gleichgeschlechtliche Pinguin-Elternpaare auch total süß. Trotzdem bleibt es Unsinn, Phänomene aus der Tierwelt für eine Diskussion über menschliche Ethik heranzuziehen. Wenn jener Seppel anfinge, die moderne Haushaltshygiene als „unnatürlich“ zu dämonisieren, dann käme auch niemand auf die Idee, als Gegenargument nach staubsaugenden Menschenaffen zu fahnden. Viele Tiere tun ziemlich eklige Dinge, deren direkte Übertragung ins menschliche Verhaltensrepertoire wir mit sehr überzeugenden Argumenten ablehnen, obwohl sie erwiesenermaßen „in der Natur vorkommen“. Mit letzterem Argument wischen homophobe Diskutant*innen die süßen Pinguine regelmäßig vom Tisch – vollkommen zu Recht.

Ich möchte nicht nur deswegen dem Zwang zur Heterosexualität entrinnen dürfen, weil Mutter Natur mir dafür eine Entschuldigung schreibt. Weil ich mutierter Primat ja nicht anders kann. Ich finde diese defensive Attitüde demütigend. Ich möchte auch dann noch schwul bleiben dürfen, wenn sämtliche Delphine, Fruchtfliegen und Kratzwürmer dieser Erde aus irgendeinem Grund plötzlich damit aufhören würden, einander auch gleichgeschlechtlich zu beglücken. Und ich hätte auch dann alles Recht der Welt, stockschwul zu sein, wenn ich es mir tatsächlich ebenso gut auch anders aussuchen könnte.

Mich stört es, wenn über meine Freiheit diskutiert wird, als ginge es dabei nur um so etwas wie artgerechte Haltung. Das Nachdenken über (vermeintliche) biologische Festlegungen statt über Freiheit und Verantwortung hat noch nie eine wirklich menschenfreundliche Ethik hervorgebracht. Meine Lebensweise schadet niemandem, und das ist Grund genug, jede moralische Ächtung zurückzuweisen.


5. Identitätsverschlumpfung

Auf einem Foto irgendwo im Internet hält eine sympathische junge Frau eine bemalte Pappe vor sich hin:

„Ich bin:
☐ schwul
☐ lesbisch
☐ transsexuell
☐ heterosexuell
☒ ein Mensch.“

Wenn ich so etwas sehe, dann spalte ich mich schlagartig in zwei miteinander streitende Ichs wie Gollum im Herrn der Ringe.

„Diese Heteros meinen es gut mit uns“, säuselt das eine Ich, „Wir sind alle Menschen, und darauf kommt es an. Was uns verbindet ist wichtiger als das, was uns trennt. Wie schön wäre eine Welt, in der es wirklich keine Rolle mehr spielte, ob jemand trans- oder cissexuell, homo-, bi- oder heterosexuell ist!“

Gleichzeitig zischt das andere Ich: „Hinterlistige Heteros wollen uns unsere Identität wegnehmen! Unseren Schaaatzzz!“

Das könnte man auf den ersten Blick vielleicht ein kleines bisschen paranoid finden. Aber wenn ich dann noch auf ein Plakat stoße, auf dem alle sexuellen Identitäten zugunsten des Überbegriffs „Mensch“ sogar mit einem roten Kreuz durchgestrichen sind, dann wird das aggressive Gollum-Ich doch selbstbewusster und lauter. Auch wenn ich es der jungen Frau und den Macher*innen des genannten Plakates nicht persönlich unterstellen will: Ich habe einfach zu oft erlebt, dass Menschen, die sagen: „Es kommt doch nur auf den Charakter an“, damit vor allem meinen: „Ich will mit deiner Identität und deinen schwulen Problemen nicht behelligt werden.“

Ich kralle mich nicht an meiner Identität fest, weil ich es so super finde, mich von anderen Leuten künstlich abzuheben. Ich brauche sie, um mich mit Menschen in ähnlichen Situationen zu solidarisieren, um konkrete Diskriminierungen zu benennen, um politisch aktiv zu werden, um in dieser heteronormativen Welt mit all ihren Zumutungen bestehen zu können. Meine schwule Identität ist mir nicht als verspieltes Bonus-Feature dazuprogrammiert worden, sondern ich habe sie mir in vielen schwierigen und notwendigen Kämpfen erarbeiten müssen. Sie ist ein wichtiger Teil meiner Biografie und meines Charakters. Ich mag es nicht, wenn da jemand einfach mit der Identitäts-Abrissbirne daherkommt und das alles für nichtig erklären will.

Zumal es für euch Heteros sehr leicht ist, eure eigene Identität für unwichtig zu erklären. Ihr habt niemals erlebt, dass eure Identität ausgegrenzt, in ihrem Existenzrecht in Frage gestellt, ausgelöscht wird. Ich schon. Wenn wir jetzt alle so tun, als spielten diese Identitäten plötzlich keine Rolle mehr, wird eure Identität trotzdem weiterhin als die menschliche default-Einstellung vorausgesetzt werden. Ich dagegen muss meine Identität jeden Tag erklären und rechtfertigen. Könnt ihr euch vorstellen, wie es sich anfühlt, in einer solchen Situation auf ein Poster zu schauen, auf dem meine Identität kurzerhand durchgestrichen wird? Mir anzuhören, meine Identität sei völlig belanglos, während ich doch täglich spüre, dass sie es nicht ist?

Den heteronormativen Status Quo bringen wir nicht mit einem fröhlichen „Piep piep piep“ zur Explosion. Wir werden es nicht vermeiden können, uns noch eine ganze Weile mit Identitäten zu beschäftigen, wenn wir politisch etwas verändern wollen.

SchlumpfDavon abgesehen fände ich es nicht einmal wünschenswert, in einer Welt ganz ohne geschlechtliche oder andere Identitäten zu leben. Wir sind doch keine Schlümpfe. Das Schöne an uns Menschen ist doch nicht, dass wir alle gleich sind, sondern dass wir alle anders sind. Geschlechtliche Identitäten stehen nicht im Widerspruch zu unserem Menschsein, sondern sind ein wichtiger Teil davon. Sie gehören zu unserer wunderbaren Vielfalt. Akzeptanz funktioniert nicht dort, wo man Unterschiede leugnet, sondern nur dort, wo man sie feiert. Und das eigentliche Problem besteht auch nicht darin, dass wir Identitäten haben, sondern darin, dass wir die Hälfte von ihnen auf höchst unfreundliche Weise abwerten.

* * *

Zum Glück sind da noch diejenigen von euch, die diese Problemzonen verlassen haben. Ihr müsst nicht die eigene Toleranz loben und mir nicht versichern, dass ihr mich für einen Menschen haltet. Ihr erzählt mir nicht, welche meiner Probleme real seien und welche nicht. Ihr redet mir weder irgendeine Identität ein noch aus. Ihr sagt mir auch nicht, dass euch mein Schwulsein egal sei, sondern seid neugierig darauf, was ich damit anstelle. Wenn ihr „wir“ sagt, dann bin ich mitgemeint.

Ihr seid schon ziemlich viele, und ihr werdet immer mehr. Dass es euch gibt, macht mir mindestens so viel Hoffnung wie die Tatsache, dass ich hier rummeckern darf und mir vielleicht jemand zuhört. Und damit es noch mehr werden … nun, dazu müssen wir reden.

 


Ich danke Matthias und Mario für die klugen Anregungen, die hier eingeflossen sind.

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71 Kommentare zu “Ich habe nichts gegen tolerante Heteros, aber …

  1. Brillant. Inhaltlich sehr nachdenkenswert. Und einmal mehr bewundere ich, dass du trotz der fundierten Thesen und des Zu-Recht-Aufregens nie Lehrer*Innenhaft wirkst oder larmoyant. Überdies ist deine Schreibe das beste Beispiel, dass mensch gendergerecht und trotzdem wunderbar lesbar Texte verfassen kann.

    • Danke, lieber Kollege. *ordnet sich den Dutt*
      Ehrlich gesagt murkse ich mir manchmal ziemlich einen ab, bis das Gendergerechte endlich einigermaßen glatt klingt. Es ist leider nicht so, dass man dafür keinen stilistischen Preis bezahlen müsste. Aber was will man machen, wir sind halt keine Finn*innen.

  2. Fantastischer Kommentar, sprichst mir wieder mal fast durchgehend aus der Seele. Und ich liebe deinen sarkastischen Tonfall:

    „als seien die Paradeteilnehmer*innen erst an jenem Nachmittag in einem stylischen Weltraumgleiter vor den Toren der Stadt gelandet und hätten verschreckten Passant*innen mitgeteilt: “Wir kommen in Frieden. Bringt uns zu eurem Anführer.”“

    Direkt ein Lacher am Samstag!

    „Ich kralle mich nicht an meiner Identität fest, weil ich es so super finde, mich von anderen Leuten künstlich abzuheben. Ich brauche sie, um mich mit Menschen in ähnlichen Situationen zu solidarisieren, um konkrete Diskriminierungen zu benennen, um politisch aktiv zu werden, um in dieser heteronormativen Welt mit all ihren Zumutungen bestehen zu können. Meine schwule Identität ist mir nicht als verspieltes Bonus-Feature dazuprogrammiert worden, sondern ich habe sie mir in vielen schwierigen und notwendigen Kämpfen erarbeiten müssen. Sie ist ein wichtiger Teil meiner Biografie und meines Charakters. Ich mag es nicht, wenn da jemand einfach mit der Identitäts-Abrissbirne daherkommt und das alles für nichtig erklären will.“

    Ich hab bisher noch niemand anderen gelesen, der meine Gefühle in dem Punkt so perfekt wiedergegeben hat. Danke!

  3. Ich kann Dir nicht ganz zustimmen bei Deinem Beispiel „Schulaufklärung“. Geht es nicht darum, queere Menschen sichtbar zu machen, auf das sie als gleichwertig den Heteros gegenüber gesehen werden, oder habe ich das falsch verstanden? Ich empfinde es nicht so, dass dort über „exotische Menschen“ berichtet werden soll, sondern einfach nur darüber, dass es noch andere Geschlechtsidentitäten gibt. Und ist es nicht besser, darüber aufzuklären als totzuschweigen, dass es Schwule, Lesben, Trans* und Inter*Menschen usw. gibt?

    • Es geht ihm (glaube ich) nicht um die Sinnhaftigkeit von besserem Aufklärungsunterricht. Ich denke keiner aus der LGBTQ-Community denkt ernsthaft, dass der nicht nötig wäre.
      Es geht mehr um die Art dieses Unterrichts. Die geplanten Änderungen hören sich, wie Zaunfink schrieb, oft ausgrenzend an, als würde über etwas Exotisches und Fremdartiges gelehrt.
      Da, rein statistisch gesehen, in jeder Klasse mindestens ein LGBTQ Kind sitzt, wäre ein Ansatz der die Normalität betont wünschwenswert.

      Nicht: Die Armen können nichts dafür, also seid schön lieb, wenn ihr ihnen begegnet.
      Das gleitet alles gerne in die Richtung: „Die armen Kinder in Afrika“ ab, also mit Tendenz zu den grauenhaften und herablassenden Floskeln in der Spendenwerbung für Hilforganisationen.
      Als würden sich steinreiche Bonzen zu einem der unsäglichen Charity-Dinners treffen, um sich gegenseitig die Egos zu streicheln, aber nebenbei noch zu betonen „wie leid ihnen die alle tun“.

      • „Die Armen können nichts dafür“ Hehe, ja, daran muss ich auch immer bei den Pinguinen denken. Das hat so was von „Die meinen es ja nicht böse.“ :-)

    • Liebe Claudia, ich will sicherlich nicht die neuen Bildungspläne in Frage stellen (und hoffe ehrlich gesagt auch, dass hier nicht wieder eine Diskussion darüber ausbricht). Mir geht es um die Sprache, die auf subtile Weise ausgrenzen kann, wenn z.B. von „anderen Identitäten“ die Rede ist, statt von „sexueller Vielfalt der Menschen“ zu sprechen. Das Erste verbucht LGBTT*IQ unter „Sonstige“, das Zweite schließt sie von vornheren als Teil des allgemeinen menschlichen Spektrums mit ein.

      Gerade für die betroffenen Kinder und Jugendlichen finde ich es enorm entscheidend, ob sie mit einem „und über diese anderen Leute da müssen wir jetzt auch noch reden“ verbal rausgeschmissen werden oder ob es heißt „Einige von uns sind lesbisch, transsexuell…“

  4. Noch schlimmer als die Identitätsverschlumpfer sind nur noch die „Liebe verdient Respekt“-Hohlbirnen.

  5. Pinguingleichnisse sind natürlich nicht das Allheilmittel gegen jegliches homophobe „Argument“, dennoch kann man – Unnatürlichkeits-Vorwurf gegeben – sehr wohl darauf hinweisen, dass Homosexualität eben nicht unnatürlich ist und dazu die Natur anführen. Ganz unabhängig davon dass (Un)natürlichkeit natürlich keine Rechtfertigung für oder gegen irgendwas sein kann. Wer einem dann Vergewaltigung oder Mord im Tierreich vorhält der tut dies nicht „vollkommen zu Recht“, denn der plötzliche Sprung vom „natürlichen“ zum „moralischen“ ist nur ein billiger Taschenspielertrick und hat mit dem Argument an sich nichts mehr zu tun.

    • Okay, da hast du schon recht. Man muss die beiden Ebenen „(Un-)Natürlichkeit“ und „(Un-)Moral“ strikt voneinander trennen. Insofern könnte man sagen, dass das Argument, Homosexualität sei unnatürlich und deshalb unmoralisch, sogar doppelt falsch sei.

      Für mich bleibt aber die Frage, weshalb man sich auf die Natürlichkeitsdebatte überhaupt erst einlassen sollte. Auch wenn du das eindeutig nicht so meinst, besteht in meinen Augen dabei immer die Gefahr, dass man die Ansicht, Natürlichkeit und Moral seien verknüpfbar, unfreiwillig stärkt, wenn man sich auf die „Natur“-Ebene einlässt und nicht vor allem klarstellt, dass das gar nicht die Ebene ist, um die es gehen sollte.

  6. „Zumal es für euch Heteros sehr leicht ist, eure eigene Identität für unwichtig zu erklären. Ihr habt niemals erlebt, dass eure Identität ausgegrenzt, in ihrem Existenzrecht in Frage gestellt, ausgelöscht wird. Ich schon.“

    Wenn Du Hetero-Identität meinst, dann stimmt das schon. Aber jeder Mensch gehört irgendwo auch zu einer Minderheit und hat Ausgrenzungserfahrungen gemacht. Mir hilft dieser Gedanke, gelassen zu bleiben, sonst ist die Gefahr, dass nicht das Schwulsein sondern das Diskriminiertsein zu meiner Identität wird. Das hält nicht jeder gleich gut aus.

    Insofern hat es schon seine Berechtigung, das Menschsein als gemeinsamen Nenner aller zu betonen – auch, weil alle gewählten und zugeschriebenen Identitäten immer auch etwas von einer willkürlichen Grenzziehung haben, über die sich trefflich streiten lässt.

    Trotzdem hast Du die Knackpunkte bräsiger Hetero-Selbstgerechtigkeit treffend benannt und aufgespießt.

    • „Aber jeder Mensch gehört irgendwo auch zu einer Minderheit und hat Ausgrenzungserfahrungen gemacht.“

      Das stimmt, und es ist auch wichtig, sich das klarzumachen, weil es einen wichtigen Ansatzpunkt zum Brückenschlagen bilden kann. Insofern finde ich es sehr gut, dass du das hier einbringst. Die Frage ist für mich, ob diese Ausgrenzungserfahrungen auch reflektiert und verarbeitet werden. (Das kann zugegebenermaßen auch bei Schwulen scheitern.)

      „sonst ist die Gefahr, dass nicht das Schwulsein sondern das Diskriminiertsein zu meiner Identität wird.“

      Einerseits möchte ich dir zustimmen: Es ist nicht besonders freiheitsförderlich, sich vor allem in einer Opferrolle zu verankern. Andererseits muss ich aber sagen, dass es tatsächlich nicht zuletzt Diskriminierungserfahrungen sind, die meine schwule Identität sehr stark mitprägen. Sicher wäre ich ganz gern einfach „nur so vor mich hin schwul“. Aber ich bin es eben nicht, und das gehört zu dieser Identität auch dazu.

      • Das ist, finde ich, ein wichtiger Gedanke, den du da ansprichst:
        Ganz oft hört man als Schwuler „Seh dich doch nicht immer direkt als Opfer/sei doch nicht immer direkt so defensiv“.
        Aber Fakt ist nunmal, dass ein großer Teil der Schwulen diese Diskriminierungserfahrungen macht, oft in einem prägenden Alter.
        Es wäre wunderbar, wenn das alles kein Thema mehr wäre. Aber solange ich, wie vor zwei Wochen zum Beispiel erst passiert, am Bahnhof ausgelacht und verspottet werde, weil ich meinen Freund zum Abschied umarme, ist dieses Gefühl der Ausgrenzung einfach ein (glücklicherweise nicht dominanter) Teil meiner Identität.

        Du hast schon recht: Die meisten Menschen haben Ausgrenzungserfahrungen.
        Was mich oft wundert ist, wie wenige in der Lage sind diese eigenen Erfahrungen zu übertragen auf andere. Da fehlt bei nicht wenigen irgendwie eine grundlegende Fähigkeit zur Empathie und das wundert/schockt mich oft etwas.

  7. “Ich bin tolerant” diesen Spruch habe ich lange genug verwendet bis mir klar wurde das „tolerant sein“ nicht mit „jemand akzeptieren“ gleich zustellen ist. Insofern sage ich heute „auf toleranz kann ich verzichten“. Es ist höchstens gut für ein Unwort des Jahres im Kontext zu Homosexualität.

    Ich bezweifel sehr stark das Heten zu denen ich mich auch zähle je „nachvollziehen können“ was es bedeutet „Homosexuell“ zu sein. Vom Intellekt her fällt dies der einen oder anderen gemeinen Heter möglicherweise leicht Homosexuelle zu verstehen. Vorausgesetzt man endeckt die eine oder andere unbenutzte Synapse irgendwo im freien Raum des Hirns. Selbst dann bleibt die emotionale Ebene außen vor eben weil eine Hete durch und durch heterosexuell konditioniert ist. Es ist ja diese Konditionierung der es gilt nicht nur auf den Grund zu gehen sondern sie hinter sich zu verlassen.

    Was bleibt – was kann die gemeine Hete also tun? Da wäre der Selbstversuch sich als Homosexueller Mensch zu geben. Dazu brauchts ne ganze Menge Mut um dies 24/7 in jeder Situation im Alltag durchzuhalten. Ob man das kann? Vielleicht. Doch selbst hier weiß man im Inneren das der „Selbstversuch“ irgendwann sein Ende haben wird und man wieder in der Wohlfühlzone und Geborgenheit seiner Heterosexualität zurückkehren wird.

    „Das Schöne an uns Menschen ist doch nicht, dass wir alle gleich sind, sondern dass wir alle anders sind.“

    Unity in Diversity.

    • „Da wäre der Selbstversuch sich als Homosexueller Mensch zu geben.“

      Ich habe das Gefühl, dass dir schon allein das Gedankenexperiment zu einer recht großen Empathie verholfen hat. Überhaupt: Es fängt doch damit an, sich einfach mal Gedanken zu machen und sich einfühlen zu wollen. Es ehrt dich, deine Grenzen zu erkennen, aber du musst auch nicht kleinreden, was du tust. Denn das erscheint mir schon ziemlich viel.

    • „was kann die gemeine Hete tun?“ – Zum Beispiel einen Kommentar in einem schwulen Blog schreiben und damit eine ungezogene Grenze missachten. Mich als schwulen Leser hat hat das total gefreut. Ohne das dreht man sich nämlich leicht im Kreis. Ich brauche das „andere“, um mich selbst zu verstehen. Und „anders“ ist hier nicht abwertend geeint, sondern anerkennend, muss man ja, weil Du hier die Minderheit bist, dazu sagen …

      Wenn Du hier konstatierst, dass man nie 100% nachfühlen kann, was es bedeutet homosexuell zu sein, fällt es mir leichter, zu akzeptieren, dass ich im Gegenzug auch nie 100% verstehen werde, was es heißt heterosexuell zu sein, egal, wie ich mich verhalte. Und das das gut ist.

      In Punkto Diskriminierung bin ich über Heten oft im Nachteil. Dagegen muss ich kämpfen. Es gibt aber auch Vorteile, die ich mir weniger bewusst mache: Vielleicht habe ich als Homosexueller ein viel tieferes Gefühl, dass ich, auch wenn ich die Welt anders sehe, dadurch trotzdem nicht wirklich von der Heterowelt oder überhaupt von anderen menschlichen Identitäten getrennt bin.

      Es kommt auf die Schnittmenge an, die ich gerade bertrachte: Mit manchem Hetero teile ich die Ergrffenheit bei einer klassischen Liebesarie, also das gleiche Gefühl – auch wenn ich dabei an einen Mann denke, er an eine Frau. Aber was heisst das schon? Hetero schwach bei vollbusigen, mütterlichen Frauen mit braunen Locken, während der andere Hetero auf dominante, herbe blonde Schönheiten steht. Also auch die beiden sehen die Welt nicht gleich. Und ich? Bin ich, nur weil ich schwul bin, z.B. auch durchweg ein Schwulenversteher? Teile ich die Gefühle anderer Schwuler? Genausowenig wie ein Hetromann ist auch automatisch ein Frauenversteher ist und die Gefühle der Frauen begreift.

      Akzeptanz des anderen ist also keine lästige Pflicht. Es bedeutet, deshalb neugierig zu sein, wie der andere empfindet, weil man dann mehr von der Welt begreift, sieht, fühlt, versteht.

      Theater, Literatur, Kultur ist übrigens eine gute Spielwiese, um verscheidene Identitäten spielerisch zu erkunden, nachzuahmen, Gefühle auf andere Dinge zu übertragen und gleichzeitig damit den Sinn für die eigene Identität zu schärfen. Empfehlenswert für Homos wie für Hetern.

      • Vielleicht sollte ich erwähnen das nicht Weniges was ich schreibe mit einem für Euch unsichtbaren Augenzwinkern verbunden ist. (Wie sollt ihr das auch wissen das ich manchmal derart schreibend vor dem PC sitze seht ihr mich doch nicht ;) )

        Dies deshalb weil ich nicht nur seit über 30 Jahren HIV+ bin und Schubladen kenne sondern ich mich unter dem Hippikontext betrachtet seit den frühen 70ger Jahre in der schwulen Scene in Frankfurt bewegt habe und bewege wenn ich´s heute denn mal schaffe aus meiner Wohnung raus zu rollen.

        In jenen Jahren gab es ein „Tageskaffee“ wo man in aller Ruhe seinen Joint rauchen konnte. In dieser Zeit habe ich zum ersten mal homosexuelle Menschen getroffen und kennengelernt. Damals habe ich u.a. erfahren was es heißt wenn Menschen diskriminiert, auf übelste beschimpft und seelisch verletzt wurden. Das war für mich genauso neu wie das sich weinende Männer in den Arm nehmen und sich gegenseitig trösten und Mut zusprachen.

        Von, durch und mit Euch habe ich damals Erfahrungen gemacht die für mich für mein weiteres Leben im guten Sinn sehr geprägt haben.

  8. Großartiger Beitrag. Du sprichst dieses sehr wichtige Thema nicht nur an, sondern du thematisierst es und sagst mal richtig deine Meinung. Leider hast du vollkommen Recht. Unglücklicherweise ist es noch immer so (und wenn ich mir unsere Gesellschaft so ansehe auch noch etwas länger), dass all diese Heteros tolerant sein wollen und dass die Gleichberechtigung ja ach so toll voranschreitet. Nichts da. Denken wir nur an die „besorgten Eltern“ und an die Kanzlerin, die es nicht mit sich vereinbaren kann, Homosexuelle vollständig den Heterosexuellen gleichzustellen.
    Natürlich wollen wir wie Menschen behandelt werden, denn wir sind Menschen. Und wir sind genauso Menschen, wie die Heterosexuellen. Dennoch haben wir eine Identität, und die allein ist dafür verantwortlich, dass wir eben nicht gleich behandelt werden. Wir werden behandelt wie exotische Tiere, die man thematisieren muss, die diskriminiert wird.
    Ich habe mal ein Bild gesehen, auf dem etwas stand wie: „Es ist traurig, dass zwei Männer, die sich küssen, für mehr Kopfschütteln sorgen als zwei Männer, die sich prügeln.“
    Sollen wir vielleicht dankbar sein, dass wir nicht polizeilich verfolgt werden? Sieht so Gleichberechtigung aus?
    Wir – und damit meine ich Menschen einer jeden Sexualität – brauchen keine Uniformität. Wir brauchen brauchen Identität. Und obwohl wir alle unterschiedlich sind, sollten wir doch gleich behandelt werden.
    Wir gehen kleine Schritte in die richtige Richtung und damit wir vorankommen und in der Hoffnung, dass es in naher Zukunft anders wird, ist es wichtig, dass es Menschen wie dich gibt, Menschen, die darüber reden. Menschen, die die Heteros aufklären und zeigen, dass wir keine exotischen Vögel sind.
    Es ist nachvollziehbar, dass manche Menschen ein Problem damit haben, küssende Männer zu sehen. Wir wollen unsere Sexualität niemandem aufzwingen und ich bin sicher, dass das auch keiner von uns erwartet, dennoch läuft in unserer Gesellschaft einiges schief. An einigen Stellen musste ich tatsächlich schmunzeln, weil mir die Situation wirklich bekannt vorkommt. Dass das nichts Gutes ist, ist jawohl klar.
    Danke für deinen Beitrag! :)

    Kevin

    • „Menschen, die die Heteros aufklären“

      Ich verrate hier mal was: Ich finde es total super, dass hier Heteros mitlesen und mitdiskutieren. Das ist wirklich wichtig. Aber meine Haupt-Zielgruppe sind sie sogar dann nicht, wenn ich sie einmal rhetorisch anspreche wie in diesem Text hier. Mir geht es in erster Linie darum, einen Gedankenaustausch unter LGBTT*IQ zu ermöglichen, zu dem Heteros selbstverständlich miteingeladen sind und der dann in hoffentlich ganz viele Situationen außerhalb dieses Forums hinauswirkt. Zu den Aufklärer*innen gehörst also vor allem auch du.

      • „Aber meine Haupt-Zielgruppe sind sie sogar dann nicht, wenn ich sie einmal rhetorisch anspreche wie in diesem Text hier. Mir geht es in erster Linie darum, einen Gedankenaustausch unter LGBTT*IQ zu ermöglichen, zu dem Heteros selbstverständlich miteingeladen sind “

        Ich muss sagen, dass ich darüber jetzt gestolpert bin. Das hat etwas „von den anderen“ nur andersrum. Sozusagen. Und würde für mich bedeuten, Du schreibst für mich unter dem Buchstaben B, aber nicht für mich, weil ich mich seit Jahren in einer Hetero-Beziehung befinde? Waum sind Heteros nur „miteingeladen“? Das leuchtet mir nun nicht so ganz ein.

        • Dein Stolpern kann ich verstehen. Lass es mich mal so sagen: Ich glaube an die politische Notwendigkeit von Subkulturen, und ich verstehe diesen Blog als einen Teil davon. Das geht hoffentlich ohne Ausschlüsse, aber sicher nicht ohne Schwerpunktsetzungen.

          Wäre das Hauptanliegen meines Schreibens, Heterosexuellen meine kleine Welt zu erklären, dann würde ich hier andere Fragen stellen und anders formulieren. Ist es aber nicht. Und wenn ich irgendwann festellen würde, dass hier 95% Heteros diskutieren würden, dann würde ich mich fragen, ob ich etwas falsch mache.

  9. Vielen lieben Dank für diesen Artikel. Genau gestern habe ich nämlich so eine Situation erlebt. War mit meinem Mann auf einer „Hetero“ Geburtstagsfeier, und wir die einzigen Schwulen. Das spielte auch keine große Rolle, bis mein Gastgeber zu mir kam und sagte: „Wenn irgendjemand hier was gegen Schwule sagt, dann fliegt er achtkantig raus!“ – Hallo, erstens kann ich mich selber verteidigen (darauf sind wir konditioniert!) und zweitens gehören wir nicht zur Gesinnungsgestapo! Darauf kam dann: „Sei doch froh, dass wir euch beschützen wollen!“ Das wäre unser Problem, wir lassen uns NICHT von toleranten Heten helfen. Es half nichts, ich konnte argumentieren wie ich wollte, Heteromann wollte mich einfach nicht verstehen oder kann er es nicht? Ich weiß natürlich, er wollte nur seine Solidarität bekunden und meinte es wirklich, wirklich gut. Aber ich fühlte mich wie ein schutzbedürftiger Ausserirdischer, gelandet auf einem fremden lebensfeindlichen Planeten. Was würden wir nur ohne unsere Heteros machen, die uns daran erinnern, wie außerirsich wir doch sind? Daher, danke für deinen Artikel – Ohne diesen wäre ich wohl gar nicht in die Diskussion getreten, sondern hätte gesagt: Danke, jetzt fühle ich mich gleich sicherer!

    • Hallo Dirk, ja, es ist ein Balanceakt, einerseits gutgemeinte Hilfe nicht undankbar abzubügeln, sich andererseits aber von klebrigen Bemutterungsversuchen abzugrenzen.
      Vielleicht meinte der ja auch nur, dass er homophobe Kommentare auch da nicht dulden würde, wo du sie gar nicht mitbekommst? Kann ich aber natürlich nicht beurteilen.

  10. Danke für diese feinsinnige Analyse! Ich hätte mein eigenes Unwohlsein mit genau diesen Situationen, die du beschreibst, nicht so klar formulieren können!

  11. Wochenrückblick Woche 07/2015 | Svens kleiner Blog

  12. Markierungen 02/16/2015 - Snippets

  13. Großes Kompliment zu einem tollen Artikel. Im Artikel und auch in den Kommentaren ist zu der „Pinguinforschung“ schon alles richtig gesagt worden. Dennoch ist diese Forschung wichtig und muss verbreitet werden, denn eine naive Sicht auf das, was natürlich oder unnarürlich ist, ist die vielleicht wichtigste Ursache für Homophobie, auch für die religiöse Homophobie. Noch in seiner Rede vor dem Bundestag schwadronierte Herr Ratzinger vom Naturrecht.

  14. Lob, gab es ja genug, ich finde den Artikel auch nicht schlecht, bisschen Kritik bringt die Sache vielleicht trotzdem voran.
    Ich stehe oft, quasi täglich – beruflich, an eurer Seite und kämpfe gegen Homophobie und Ausgrenzung von sexueller Vielfalt, die ja viel reichhaltiger ist, als in diesem Artikel dargestellt.

    Das Übliche. Du machst eine Differenz auf „Wir Queeris“ – „Ihr Heten“ und dann stellst du die erste Gruppe als Opfer der Zweiten dar. Was ist mit Menschen die sich dazwischen befinden? Was ist mit Bisexuellen Menschen? Muss diese Differenz wirklich sein? Führt diese nicht wieder zu erneuter Ausgrenzung? Glaubst du, mir als Hetera geht die Heteronormativität und der Sexismus nicht auf die Ketten? Vor allem betrifft er mich direkt, er reproduziert sich leichter in heterosexuellen Beziehungen. Vielleicht habt „IHR“ es da sogar manchmal noch einfacher, weil ihr unabhängig von einer solchen gesellschaftlichen Norm agieren könnt. Mal davon abgesehen, das hetero/homo grade mal so die Oberfläche ist. Wie sieht es aus mit Vorstellungen von Treue/Polyamorie, Lebenseinstellungen, politische Identitäten, Nähe und Distanz, verschiedene sexuelle Praktiken. Das alles auf die sexuelle Orientierung zu reduzieren ist auch eine Art von Sexismus. Ich kuschel gern mit Männern und experimentiere damit, du machst es mir gerade schwer …

    Richtig angenervt hat mich deine Attitüde, zu sagen das die Herstellung der heterosexuellen Identität ein Kinderspiel ist. Hallo Realität!!! Ich habe sehr oft mit Jugendlichen zu tun, die ebenso viele Sorgen, Wehwehchen, Ängste etc. haben. Es ist und bleibt eine Entwicklungsherausforderung seine sexuelle Identität zu erarbeiten, für Alle!

    • Danke für deine Kritik, Sascha.

      „Du machst eine Differenz auf “Wir Queeris” – “Ihr Heten” und dann stellst du die erste Gruppe als Opfer der Zweiten dar.“

      Ja und nein. Ich denke, im letzten Absatz sollte klar geworden sein, dass „die Heteros“ für mich kein einheitliches „Feindeslager“ sind. Bisexuelle verbuche ich übrigens unter „queer“ (auch wenn ich weiß, dass dieses Wort als Sammelbezeichnung nicht unproblematisch ist). Mir ist sehr bewusst, dass auch Heteros – insbesondere Frauen, aber durchaus auch Männer – oft selbst Opfer heteronormativer Strukturen sind, während ich in gewissen Situationen auch als schwuler Mann Privilegien genieße, die ich diesen Strukturen verdanke, nämlich eben als Mann.

      Du hast also völlig recht, wenn du darauf hinweist, dass die Realität sehr viel komplexer ist, als ich das in diesem Text darstelle. Ich greife hier nur einen kleinen Teil von Zusammenhängen und Problemen heraus, die mir zur Zeit im Magen liegen und lasse dabei ganz viele andere aus. Und ja, diese Vereinfachung und Weglassung ist vermutlich teilweise unfair. Ich weiß aber ehrlich gesagt nicht recht, wie ich anders die hier beschriebenen Probleme verdeutlichen könnte. Denn ich glaube schon, dass ich hier tatsächliche Probleme beschriebe und nicht nur ausgedachte.

      „Glaubst du, mir als Hetera geht die Heteronormativität und der Sexismus nicht auf die Ketten? Vor allem betrifft er mich direkt, er reproduziert sich leichter in heterosexuellen Beziehungen.“

      Das glaube ich dir selbstverständlich. Es gibt auch Männer, die unter sexismusbedingten Problemen in ihren Beziehungen zu leiden haben. Das ist einer der Bereiche, in denen ich tatsächlich glaube, als schwuler Mann einige Probleme weniger zu haben.

      „Wie sieht es aus mit Vorstellungen von Treue/Polyamorie, Lebenseinstellungen, politische Identitäten, Nähe und Distanz, verschiedene sexuelle Praktiken.“

      Alles richtig, alles wichtig. Alles auch meine Themen. Nur nicht gerade hier.

      „Das alles auf die sexuelle Orientierung zu reduzieren ist auch eine Art von Sexismus. Ich kuschel gern mit Männern und experimentiere damit, du machst es mir gerade schwer …“

      Ich verstehe hier noch nicht so richtig, worum es dir geht.

      „Richtig angenervt hat mich deine Attitüde, zu sagen das die Herstellung der heterosexuellen Idendität ein Kinderspiel ist.“

      Vielleicht neige ich als Schwuler tatsächlich ein wenig dazu, die heterosexuelle Pubertät zu verharmlosen. Dass das für sehr viele Jugendliche mit existenziellen Krisen verbunden sein kann, sollten wir wirklich nicht kleinreden, deshalb danke ich dir für den Einwand.

      Allerdings finde ich dennoch, dass es einen ziemlich großen Unterschied ausmacht, ob die Krisen darin liegen, mit den vielen konkreten Problemen seiner sexuellen Entwicklung irgendwie zurande zu kommen, oder ob die eigene sexuelle Identität zusätzlich (!) noch als solche (!) negativ beurteilt wird.

  15. Das Argument mit der Natur mag ich auch nicht wirklich – ist aber immer sehr witzig, wenn andere das eben als Gegenargument benutzen(also, in der Natur gibt’s das nicht/Tiere machen so was ja auch nicht etc) und wenn ich das dann widerlege, dann heißt auf einmal: Ja, aber wir sind ja auch keine Tiere(Nicht? Was denn dann? Gewächse? :) ) oder das müssen wir ja nicht genauso machen, Tiere machen ja auch andere Sachen, die wir nicht machen etc.

  16. “Ich kralle mich nicht an meiner Identität fest, weil ich es so super finde, mich von anderen Leuten künstlich abzuheben. Ich brauche sie, um mich mit Menschen in ähnlichen Situationen zu solidarisieren, um konkrete Diskriminierungen zu benennen, um politisch aktiv zu werden, um in dieser heteronormativen Welt mit all ihren Zumutungen bestehen zu können. Meine schwule Identität ist mir nicht als verspieltes Bonus-Feature dazuprogrammiert worden, sondern ich habe sie mir in vielen schwierigen und notwendigen Kämpfen erarbeiten müssen. Sie ist ein wichtiger Teil meiner Biografie und meines Charakters. Ich mag es nicht, wenn da jemand einfach mit der Identitäts-Abrissbirne daherkommt und das alles für nichtig erklären will.”

    Ich habe sehr lange versucht, das so auszudrücken und war dann immer zu faul, zu sehr damit beschäftigt, mich nicht erklären zu wollen. Jetzt, wo es einer so gut geschrieben hat, erbitte ich die Erlaubnis, für entsprechende Momente ein T-Shirt drucken und drunter tragen zu dürfen. Danke.

    • Das Shirt muss dann aber groß sein – oder sehr kleine Schrift haben ;-). Normalerweise steht da doch eher ein Einzeiler wie „Vogel der Nacht“ oder „Arm aber geil“ :-D.

    • Wie Margret frage ich mich natürlich auch nach der Schriftgröße. Aber solange ich mein Geld nicht damit verdiene, meine Texte in Millionenauflage auf T-Shirts und Bettwäsche zu verkaufen, darfst du dir gerne selber was drucken. :-)

  17. „Geschlechtliche Identitäten stehen nicht im Widerspruch zu unserem Menschsein, sondern sind ein wichtiger Teil davon.“

    Ich würde allerdings behaupten, dass die Dame mit dem Plakat genau das ausdrücken wollte – vielleicht ein wenig ungeschickt.

  18. Da bleibt aber die Frage offen, ob das nicht auch ginge, ohne dabei direkt oder indirekt Identitäten zu negieren.

    Dem geschätzten Blogger-Kollegen „greennemo“ verdanke ich den Hinweis auf die Kampagne „Labels are for Clothes“, die die Idee neben „Gay“ noch um die Identitäten „Muslim“ und „Black“ erweitert.

    In einem anderen lesenswerten (englischsprachigen) Artikel zu genau dieser Kampagne wird versucht, mein „Gollum 1 und 2“ zusammenzuführen: „Während abwertende ‚Etiketten‘ problematisch sind, kann das Definieren deiner Identität eine Möglichkeit sein, dich selbst zu bestärken.“ Dass auch in diesem Artikel zwischen beiden Argumenten ziemlich herumlaviert wird, zeigt mir zumindest, dass ich mit meiner Ambivalenz nicht allein bin.

    Die gleiche Ambivalenz bringt Ellen DeGeneres ironisch auf den Punkt.

    • ich glaube, was mit solchen Kampagnen versucht wird, ist, den kleinsten ( oder vielmehr den größten?) gemeinsamen Nenner zu finden. Das Verbindende zu betonen und eben nicht das Trennende. Also: „Eigentlich unterscheidest Du dich gar nicht so sehr von dem, den Du (vielleicht) ablehnst.“ Mit anderen Worten: Identität zu stiften und damit Emphatie zu wecken. Ich verstehe schon, dass das eventuell als versuchte Auflösung der eigenen Identität verstanden werden kann. Andererseits aber ist es eben als Methode gedacht, bestimmte stereotype Vorstellungen über eine Gruppe abzubauen (z. B. die vom „lustigen“ Schwulen, der immer bei Mädelsabenden mitmachen möchte und gerne auf Einkaufstour geht). Ein ganz simples Beispiel: Ein Teil meiner Identität ist es, Frau zu sein. Andererseits aber bin ich froh, wenn nicht andauernd gesagt wird „Als Frau musst du aber so und so sein“, sondern mehr auf mich als Mensch geachtet wird und nicht auf das „Label“ Frau, das wiederum verknüpft wird mit bestimmten Eigenschaften.

  19. Natürlich ist unsere Sexualität ein wichtiger Teil unserer Identität, aber ich kenne Menschen, die sich nicht in eine Schublade stecken lassen wollen, weil sie für sich selbst nicht so klar definieren wollen oder können, welche sexuelle Ausrichtung sie haben. Wer definiert, ab wann z.B. jemand bisexuell ist?

  20. Hallo, erstmal wollte ich sagen, dass der Artikel gut gelungen ist.

    Ich habe aber noch eine Anmerkung: Warum werden in solchen Artikeln über geschlechtliche Vielfalt so gut wie nie die Themen Asexualität, Aromantik und Neutrois = sich geschlechtsneutral fühlende Menschen erwähnt?
    Diese Gruppen werden auch häufig diskriminiert!
    Könnten WIR uns nicht alle zusammentun und einfach Menschen sein?

    Gruß, Luna

    • Hallo Luna, da möchte ich jetzt nur für mich sprechen und muss selbstkritisch zugeben: Das hat leider mit Bequemlichkeit und Unsicherheit zu tun.

      Mir ist bewusst, dass es Menschen gibt, die ich nicht erwähne (neben den von dir genannten noch eine ganze Reihe anderer). Allerdings weiß ich manchmal nicht, wie ich alle „unterkriegen“ soll, ohne unleserliche Auflistungen zu schreiben. Und bei manchen Gruppen muss ich mir wirklich noch viele Gedanken machen und Gespräche führen, um einigermaßen zu verstehen, wo deren Probleme wirklich den meinen ähneln und wo nicht. Ich möchte auch niemanden in meine speziellen Problemfelder „eingemeinden“, wo das evtl. gar nicht passt. Die Diskriminierungen von Schwulen und Lesben sehen ja z.B. schon teilweise verschieden aus; da muss man aufpassen, nicht zu viel über einen Kamm zu scheren.

      Da gibt es für mich noch einige Baustellen. Deshalb danke für den Schubs. Berechtigt ist er sicherlich.

      • Hallo, danke für die Antwort !
        Ja, da hast du recht. Wenn man nicht richtig Bescheid weiß, sollte man sein Halbwissen nicht in Blogs veröffentlichen.
        Ich bin nur manchmal etwas frustriert, dass „meine“ sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität so wenig bekant ist und daher immer noch häufig diskriminiert wird und man auch von Therapeuten usw. nicht ernst genommen wird.
        Aber das war ja bei euch früher auch so und ist jetzt leider immer noch manchmal so. Deswegen wünsche ich mir allgemein mehr Toleranz.

        Ansonsten finde ich, dass das ein guter Blog ist. Weiter so !

        VG Luna

  21. „Klar, es ist ärgerlich, dass immer irgendein Seppel über die “Unnatürlichkeit der Homosexualität” schwadroniert. Und ja, ich finde gleichgeschlechtliche Pinguin-Elternpaare auch total süß. Trotzdem bleibt es Unsinn, Phänomene aus der Tierwelt für eine Diskussion über menschliche Ethik heranzuziehen.“

    Was du vielleicht suchst ist der Begriff „Naturalistischer Fehlschluß“. Weil etwas natürlich ist, muss es nicht moralisch sein, etwas nichtnatürliches (also rein kulturbedingtes) allerdings auch nicht unmoralisch.

    „Das Nachdenken über (vermeintliche) biologische Festlegungen statt über Freiheit und Verantwortung hat noch nie eine wirklich menschenfreundliche Ethik hervorgebracht. “

    Das Homosexualität eine biologische Grundlage hat ist aus meiner Sicht inzwischen sehr gut belegt.
    Hier hatte ich eine Zusammenfassung verschiedener Studien dazu besprochen:
    https://allesevolution.wordpress.com/2012/08/29/hormone-und-sexuelle-orientierung/

    Wirklich begründen kann man damit nicht. Aber ich glaube schon, dass die Aufklärung über diese Grundlage positives bewirken kann. Jemanden moralisch zu verurteilen, weil er aufgrund bestimmter Hormonkonzentrationen andere Merkmale abgespeichert hat, die er sexuell interessant findet, dass klingt reichlich bescheuert.

  22. Danke für diesen Text, der mich nachdenklich zurücklässt. Hier allerdings:

    „Ein Beispiel sind die engagierten Menschen, die es jetzt ganz dufte finden, dass Kinder in den Schulen über “Menschen mit anderer Sexualität” aufgeklärt werden, damit sie “tolerant mit diesen Menschen umgehen.” Sie glauben, es ginge hier darum, neben Kenntnissen über exotische Tiere auch solche über exotische Menschen zu vermitteln,“

    möchte ich – zumindest aus meiner Sicht widersprechen. Ich sehe es nicht so, dass Kinder mit exotischen Sonderlingen konfrontiert werden sollen, damit sie später mal besser mal tolerant mit ihnen umgehen können. Sondern im Gegenteil sehe ich es als Möglichkeit, ihnen jede Form der sexuellen Identität als Selbstverständlichkeit mit auf den Lebensweg zu geben. Gerade weil sie in ihrem sozialen Umfeld außerhalb der Schule allzu oft mit heteronomativen und homo- und transfeindlichen Klischees bombardiert werden. Welche Möglichkeiten gibt es sonst für Kinder, dieser negativen Beeinflussung zu entgehen, wenn nicht durch gezielte Aufklärung?

    • Offenbar bot dieser Teil des Textes Gelegenheit für Missverständnisse. Ich wollte nicht die Anliegen der Bildungspläne an sich in Frage stellen, sondern die paradoxe sprachliche Ausgrenzung, mit der diese teilweise (!) gerechtfertigt werden.

  23. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Tolerante Heten, weißer Terror und das Atomwaffenpotenzial von Trans* – die Blogschau

  24. Nun ja. Dieses „Ich bin… ein Mensch“ halten sehr oft auch queere Menschen hoch.

    Was ich wohl damit zum Diskutieren stellen will, ist, woher weißt du, dass die Frau ne Hete war?
    Beziehungsweise, problematisierst du auch dann queere Menschen mit dieser Message? Oder sind die plötzlich „gesegnet“, weil politischer Aktivismus dahinter?

    (Ich finde übrigens beides blöd.)

    Hoff das kommt nicht aggressiv rüber, sonst find ich deinen Artikel wirklich gut!

  25. Ah, warum ich beides blöd find…über die hete muss ja nix mehr gesagt werden.
    Aber bei Queers denk ich mir: „Super, ihr (weil ich bin eine Lesbe und nicht queer) macht euch selbst mundtot. Genau dieses Wir sind alle Menschen macht viele Sexismen, Rassismen etc undiskutierbar, weil sie einfach mit diesem Wir sind Menschen schwamm verwischt werden!“

    Dass es andererseits auch eine Erleichterung für viele ist, nicht mehr in eine gesellschaftliche Rolle gepresst zu werden und einfach SEIN dürfen- seh ich ebenso. Hat aber für mich nur mehr mit closed-life zu tun und nicht mal mehr „das private ist politisch“.

    • Ob die junge Frau mit dem Schild heterosexuell war, weiß ich tatsächlich nicht (hab ich vorsichtshalber auch nicht behauptet). :-)

      Deine Erweiterung der Kritik von Heterosexuellen auf diejenigen queeren Menschen, die bei der Verschlumpfung mitmachen, finde ich sehr berechtigt. Die einen machen andere mundtot, die anderen sich selbst. Das eine ist fies, das andere unpfiffig.

      Ich muss mich hier halt immer zusammenreißen, nicht alle Ebenen gleichzeitig einzubringen, sonst müsste ich jedesmal ein kleines Buch schreiben statt eines Artikels. Bin ja angenehm erstaunt, dass so lange Texte von so vielen Leuten gelesen werden, aber viel länger geht halt nicht. Umso mehr freue ich mich, wenn dann in den Kommentaren die Perspektiven noch erweitert werden. Merci dafür!

  26. Volle Zustimmung.Großartig und scharfzüngig geschrieben. Besonders gut :
    „Mich stört es, wenn über meine Freiheit diskutiert wird, als ginge es dabei nur um so etwas wie artgerechte Haltung.“
    Den Satz kann man sich rahmen lassen. Weiter so.

  27. Hm. Jemand hat den Text gerade auf FB geteilt und nebst so manchem Schmunzler legt sich gleichzeitig meine Stirn in Falten – an und für sich find‘ ich den Text echt gut… aber dann geht es mir wieder, wie dem Verfasser, mit der Frau & ihrem Pappschild – Gollum zischt leise „nett gemeint, aber… da stimmt was nicht.“ Ich bin transsexuell & wer hätte es geglaubt: ein Hetero. Das eigene Geschlecht & sexuelle Orientierung sind ja zweierlei Paar Schuh….. Soll ich mich jetzt angesprochen fühlen, was unlogisch wäre? Nö. (Werde aber in dem Text als „Hetero“ angesprochen) Gemeint sind wohl Menschen, die glauben irgendeiner gesellschaftlichen Norm zu entsprechen – warum das pauschal mit heterosexuell gleichgesetzt wird, ist mir unverständlich, sorry. Ich bin hetero – und bin dennoch von Diskriminierung & Pseudotoleranz betroffen, weil ich trotz allem keiner „gesellschaftlichen möchtegern-Norm“ entspreche… – ich versteh‘, was der Text aussagen soll und finde einige Zeilen sehr zutreffend und schön geschrieben, was diese ganze Pseudotoleranz mit der sich viele rühmen angeht – aber jene Menschen pauschal bloß „hetero“ zu nennen, stößt mir grad‘ bissl sauer auf, sorry ;-) … just my 2 cents

    • Da möchte ich nun gleichzeitig widersprechen und zustimmen (ach, die Gollum-Momente nehmen kein Ende).

      Mein Schwerpunkt liegt hier nicht auf „den Heteros“, sondern auf „den toleranten Heteros“. Im letzten Absatz stelle ich ja klar, dass es mir nicht um eine pauschale Unterstellung geht und ich anerkenne, dass es natürlich solche und solche gibt.

      Andererseits enthält deine Kritik einen berechtigten Kern. Die Gefahr, eine vermeintliche Frontstellung zwischen „den Homos“ und „den Heteros“ zumindest untergründig mitschwingen zu lassen und dabei womöglich noch „queer“ mit „nichtheterosexuell“ gleichzusetzen, die ist in vielen Diskussionen vorhanden, und vielleicht gelingt es auch mir nicht immer vollständig, alle Formulierungs- und Gedankenklippen sauber zu umschiffen. Ob ich hier im Text wirklich dabei gestrandet bin, weiß ich nicht so recht, aber ich werde künftig noch stärker darauf achten, klar genug zu differenzieren.

  28. Gestern bin ich über diesen Post gestolpert und wollte eigentlich nicht mehr wirklich was kommentieren, da ich ja nun schon 2 Monate „zu spät“ dran bin. Aber irgendwie hat er mich nicht los gelassen und so sitze ich nun doch hier und versuche (sprachlich sicherlich viel schlechter als du) meine Gedanken kurz zusammenzufassen.
    Denn irgendwie haben mit Punkt 1 und Punkt 5 verfolgt.
    Folgendes Gedankenspiel:
    Ich unterhalte mich mit einer netten Person, die ich noch nicht all zu lange kenne. Während wir uns unterhalten kommt eine zweite Person hinzu und begrüßt erste Person mit einem ausgiebigen Kuss. Ich unterbreche kurz meinen Redeschwall, denn mal ehrlich, ich rede doch nicht gegen einen Kuss an. Danach wird mir die neu angekommene Person kurz vorgestellt, zusätzlich zum Namen meist mit einem Hinweis auf einen Beziehungsstatus. Ich stelle mich selbst kurz vor, es folgen die üblichen Vorstellungsfloskeln und dann nehme ich meinen Gedankengang vom Gespräch davor wieder auf und führe ihn fertig. Schließlich hatten wir gerade ein Gespräch am laufen.
    Ist das Paar mir gegenüber hetero ist alles ganz easy und das Gespräch geht seinen Gang.
    Ist das Paar mir gegenüber LGTIQ und weiß das ich pan bin ist alles ganz easy und das Gespräch geht seinen Gang.
    Ist das Paar mir gegenüber LGTIQ und denkt ich sei hetero, dann gibt es oft direkt oder später einen Eklat, weil ich „nicht ausreichend meine Toleranz zum Ausdruck gebracht habe“ oder weil ich „ihre sexuelle Identität ignoriert habe“ wahlweise auch „ihre sexuelle Identität nicht anerkannt habe“. (Alles so bzw. ähnlich geschehen und natürlich auch auf poly übertragbar).
    Ich weiß, das ist nicht eins zu eins auf deine (übrigens super dargestellten) Aufführungen zu vergleichen, aber irgendwie hat’s da getriggert.
    Ich finde oft wird eine, von dir ja leicht kritisierte, explizite Toleranzaussage ausdrücklich eingefordert (die ich persönlich für überflüssig halte, den Akzeptanz zeigt sich im Verhalten und Leben und nicht in Aussagen). Was mir den Umgang mit deinem Punkt 1 ein bißchen schwer macht.
    Und dann wäre da noch Punkt 5. Ja, meine sexuelle Identität gehört zu meiner Persönlichkeit. Aber muss ich ständig jedes meiner Persönlichkeitsmerkmale beim Namen genannt und auf die Stirn geschrieben bekommen? Ich bin vieles, nicht nur pan.
    Es ist doch immer die Erwartungshaltung meines Gegenübers die beurteilt, wie angemessen mein Verhalten ist, oder? Und die kann ich, zumindest in den meisten Fällen, vorher nicht wissen.
    Also, nochmal zusammengefasst: Super Text, genial formuliert und mit jede Menge schwieriger Wahrheiten. Und ok, beim nochmal durchlesen merke ich, mein Film hat nur peripher was damit zu tun. Aber jetzt habe ich ich es schon fertig geschrieben ;)

    • Hallo feather und danke für deinen Kommentar. Hier stolpern immer mal wieder neue Leser*innen in ältere Beiträge, also gibt es eigentlich kein „zu spät“ für’s Kommentieren. Und zumindest ich lese es ja noch. :-)

      Zu der Situation, die du da schilderst, kann ich nur sagen, dass ich deine Irritation verstehe und teile. Wenn ich eine wie auch immer geartete Beziehungserklärung mit nicht mehr und nicht weniger als einer wohlwollenden Kenntnisnahme quittiere, dann wäre ich auch ziemlich verwirrt, wenn ich hinterher erlebe, dass stattdessen eine aktive Zustimmung erwartet wurde. Wenn ich umgekehrt meinen Freund jemandem vorstelle, fände ich es höchst unangemessen, daraufhin sowas wie „Oh, ich toleriere eure Beziehung“ zu hören.

      Was mich wirklich irritiert, ist, dass du das offenbar nicht mal im anschließenden persönlichen Gespräch klären konntest. Ich finde dieses Verhalten (der Anderen) sehr seltsam. Niemand hat das Recht oder die Pflicht, die Beziehungen anderer Menschen abzusegnen. Wer dieses Recht anderen einräumt, scheint mir selbst nicht so ganz sicher mit ihrem*seinem eigenen Leben zu sein. Das ist aber dann dessen*deren Problem.

      Diese persönliche Ebene ist aber nicht das, was ich unter Punkt 1 gemeint habe. Da ging es mir nicht um den persönlichen Umgang, in dem „es“ tatsächlich idealerweise einfach kein besonderes Thema mehr sein muss, sondern um die Behauptung, „es“ sei auch gesamtgesellschaftlich nicht mehr thematisierenswert.

      „Akzeptanz zeigt sich im Verhalten und Leben und nicht in Aussagen“

      Volle Zustimmung, genau darum geht es mir.

      „Aber muss ich ständig jedes meiner Persönlichkeitsmerkmale beim Namen genannt und auf die Stirn geschrieben bekommen? Ich bin vieles, nicht nur pan.“

      Natürlich, bzw. natürlich nicht. Ich bin auch noch vieles andere als „blond“ oder „links“. Mir ist es aber noch nie passiert, dass irgendwo jemand behauptet hätte, er*sie habe überhaupt keine Haarfarbe oder politische Einstellung und meine seien ihr*ihm auch vollkommen gleichgültig, weil wir doch alle Menschen seien. Es hat bestimmte Gründe, weshalb ausgerechnet sexuelle Identitäten immer wieder aktiv für „total unwichtig“ erklärt werden und andere Eigenschaften nicht. Und mir sind diese Gründe, zumal sie meistens diffus bleiben, weiterhin suspekt.

      • „Mir ist es aber noch nie passiert, dass irgendwo jemand behauptet hätte, er*sie habe überhaupt keine Haarfarbe oder politische Einstellung und meine seien ihr*ihm auch vollkommen gleichgültig, weil wir doch alle Menschen seien.“

        Ok, das ist eine mir sehr einleuchtende Erklärung.
        Und wenn ich jetzt unter dem Gesichtspunkt noch mal deinen Ursprünglichen Post nachlese, dann steht das dort eigentlich auch schon so (wenn auch nicht ganz so knackig ;).
        Da habe ich mich wohl etwas hinwegtragen lassen von meiner Enttäuschung (nein eigentlich Wut), wenn in einer Begegnung mal wieder alle meine anderen Persönlichkeitsmerkmale auf Grund eines einzelnen in der Mottenkiste verschwinden sollen ;)

        „Es hat bestimmte Gründe, weshalb ausgerechnet sexuelle Identitäten immer wieder aktiv für “total unwichtig” erklärt werden und andere Eigenschaften nicht. Und mir sind diese Gründe, zumal sie meistens diffus bleiben, weiterhin suspekt.“
        Ja, da stimme ich voll zu!

        • „… wenn in einer Begegnung mal wieder alle meine anderen Persönlichkeitsmerkmale auf Grund eines einzelnen in der Mottenkiste verschwinden sollen.“

          Hey, das ist doch völlig nachvollziehbar. Es nervt, wenn man plötzlich nur noch „der Schwule“ oder sonstwas sein soll. Und ich kann den Impuls total verstehen, ab und zu zu sagen „Jaa, ich bin das zwar, aber kann das bitte jetzt gerade mal nicht das Hauptthema sein?“

          Das ist aber etwas völlig anderes als die Zumutung von anderen, ich möge doch bitte akzeptieren, dass man meine Identität gern komplett (also privat und politisch!) ignorieren möchte.

  29. Und schon wieder muss ich Dir voll und ganz recht geben. Das kommt halt davon, wenn ich mich selbst so ein bißchen in Rage denke. Was nicht gut ist.
    „Das ist aber etwas völlig anderes als die Zumutung von anderen, ich möge doch bitte akzeptieren, dass man meine Identität gern komplett (also privat und politisch!) ignorieren möchte.“
    Nein, ignoriert werden möchte ich damit natürlich auf keinen Fall! Weder privat noch politisch. Das wäre dann halt so, als wäre man nicht existent.

    Vielen Dank für die super Schreibe und die Herausforderung mal etwas tiefer nach zu denken ohne immer gleich auf Verteidigungsmodus zu gehen ;)
    Komme gerne wieder vorbei uns lasse mich zum Nachdenken animieren.

    • „wenn ich mich selbst so ein bißchen in Rage denke.“

      Naa, jetzt werte mal deine Talente nicht ab. Ich bin ein großer Freund des Sich-in-Rage-Denkens und des Zornigwerdens. Wer durch Gedankenwände stoßen will, sollte das können! ;-)

  30. Ich finde das Wort „Toleranz“ furchtbar!
    „Toleranz“ muss ich haben gegenüber Dingen die ich nicht ändern kann, obwohl ich es gerne ändern würde. Quasi gezwungenermaßen.
    „Toleranz“ brauche ich z.B. gegenüber Rückenschmerzen, wenn ich gerade keine Schmerztabletten zur Hand habe.

    Mir ist das Wort „Akzeptanz“ lieber.
    Es klingt viel positiver und nicht so gezwungen. :)

  31. Ganz genial ausgedrückt! Ich bin glücklich lesbisch zu sein, nein, ich würde mich nicht anders entscheiden „wenn ich doch nur könnte“. Meine natürlich zu mir gekommene sexuelle Orientierung ist nicht etwas das ich betrachte wie einen Gendefekt für den ich ja nix kann, ich bin lesbisch und dankbar dafür, weil ich durch diesen Aspekt meines Seins ganz unglaublich wundervolle Erfahrungen machen konnte! Danke für diesen absolut brillianten Artikel!

  32. Danke! Für dieses wortreiche Geschenk. Für Gedanken die in mir sind, wenn mir Situationen wie die beschriebenen begegnen, habe ich hier die passenden (Ant)Worte(n) gefunden. Danke!

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