Heterolike

„Was knurrst du denn schon wieder dein Notebook an? Will da wieder ein zölibatärer Zausel Beziehungstips aus der Bronzezeit vermitteln? Inklusive Steinigungsoption?“

„Schlimmer. Hier ist so ein Depp, der sich ‚heterolike‘ nennt. Ich dachte, die wären endlich ausgestorben.“

„Die sterben nicht aus, so lange auf CSD-Trucks ‚I Am What I Am‘ gespielt wird.“

„Fängst du jetzt auch noch an?“

„Ist doch wahr. Es gibt genügend Gründe, sich mit der sogenannten schwulen Community nicht identifizieren zu wollen.“

„Gründe wie Gloria Gaynor, oder was?“

„Zum Beispiel.“

„Darum geht’s aber nicht. Diese Hirnakrobaten wollen irgendwie schwul sein, ohne schwul zu sein.“

„Und der Volksmund sagt, mit einem Schwanz im Mund könne man nicht ‚heterolike‘ sagen. Aber schwulen Sex wollen die ja trotzdem haben, oder?“

„Klar, aber nur mit ganz bestimmten Typen. Die sollen athletisch sein und kerlig und gepflegt, aber bloß nicht parfümiert oder zu gestylt und um Himmels willen nicht irgendwie feminin …“

„Willst du doch auch.“

„Ich fange deswegen aber nicht an, gegen die Anderen mies rumzustänkern. Von wegen ’straight acting‘! Acting heißt schauspielern! Wem wollen die denn was vorspielen? Sich selbst? Hier, der hier schreibt: ‚Heterolike sucht heterolike.‘ Und was wollen zwei schwule Heterodarsteller dann miteinander anstellen? Rülpsen, Spucken, Holz hacken und dann Heteropornos gucken, während sie aneinander rumfummeln?“

„Reg dich doch nicht gleich wieder so auf. Du scheinst ein paar Vorurteile gegen Heteros zu haben, wenn ich das mal anmerken darf.“

„Ich will mich aber aufregen! Hier geht’s weiter: ‚Ich stöckle nicht in Frauenklamotten rum, kreische nicht tuckig, hasse ABBA und Prosecco und habe keine gebrochenen Handgelenke.‘

„Naja, wir beide laufen ja auch nicht in …“

„Nein, aber man kann sich doch selbst beschreiben, ohne zu sagen, was man alles nicht ist und wie himmelfroh man darüber ist, es nicht zu sein. Wer etwas dermaßen aggressiv ablehnen muss, was doch angeblich gar nichts mit ihm zu tun hat, der hat doch ein ernstes Identitätsproblem!“

„Frag ihn doch mal, was ihn da eigentlich umtreibt.“

„Das habe ich eben gemacht. Der meint, mit ‚heterolike‘ wolle er nur sagen, dass eben nicht alle Schwulen tuntig seien. Ich habe ihm erklärt, dass seine Aussage ‚heterolike gleich nicht-tuntig‘ umgekehrt bedeutet ’schwul gleich tuntig‘, dass er also genau das Klischee bestärkt, das er angeblich kritisiert. Aber das hat er nicht begriffen. Er sei halt ein ganz normaler Mann und kein typischer Schwuler. Der typische Schwule ist also für ihn anormal. Na dankeschön!“

„Du setzt wirklich voraus, dass Schwule ihr Verhalten reflektieren?“

„Ich finde, dass ein schwuler Mann schon so ungefähr kapieren sollte, was das Problem ist, statt selber noch an den Problemen mitzubasteln.“

„Niedlich.“

„Und es geht weiter: ‚Keine Berufsschwulen, keine promisken Szenegänger, keine Alt-68er-Schwuppen.‘ Haben diese Küken keinen Respekt vor den Leuten, die ihnen die Steine aus dem Weg geräumt haben? Ohne die sogenannten Berufsschwulen gäbe es weder die Dating-Plattform, auf der dieser Möchtegern-Hetero da herumhetzt noch das Forum, in dem sich der andere da über Tunten auslässt. Das ist beides auch ‚Szene‘! Ohne die Menschen, die diese Bubis da beschimpfen, könnten die heute nicht in ihren schwulen Technoschuppen rumstehen und ihre Handys streicheln. Wir würden Schwule immer noch nur als Triebtäter bei ‚Aktenzeichen xy‘ sehen. Die ‚Berufsschwulen‘ und die ‚Szenegänger‘ haben denen alles ermöglicht, was sie heute selbstverständlich finden.“

„Jaja, Opa erzählt vom Krieg. Das wollen die aber nicht hören. Die wollen einfach ihr kleines Leben geregelt bekommen und dabei nicht dauernd auf die Mütze kriegen. Wenn die sagen ‚heterolike‘, dann meinen sie: Unauffällig und deswegen unbehelligt. Die wollen sich einfach nur für normal halten.“

„Ach, und deswegen müssen sie nachplappern, was alles angeblich ‚unnormal‘ ist? Das ist schwuler Selbsthass und nichts anderes. Hier schreibt er weiter: ‚Meine sexuelle Orientierung ist nur eine Facette in meinem Leben unter vielen. Ich klatsche mein Schwulsein nicht gleich jedem ins Gesicht, dem ich begegne.‘ Der könnte auch einfach sagen, ‚Ich bin eine Klemmschwester und spucke auf alle, die offen schwul leben.‘ Bitte, die können ja machen, was sie wollen, aber sie sollen ihre Verherrlichung des Duckmäusertums nicht auch noch abfeiern, als sei das der bessere Weg.“

„Ich sehe schon, du willst dich wieder reinsteigern.“

„Das sagte ich doch schon.“

„…“

„Was soll dieser lauernde Blick? Den kenne ich doch!“

„Ich denke nur gerade … als Liane neulich sagte, man sehe dir gar nicht an, dass du schwul seist, da warst du schon geschmeichelt, oder?“

„Quatsch, das ist mir doch wumpe.“

„Na, komm… Ich kann auch deine Blicke lesen. Als sie dann noch sagte, dass du ja wirklich gar kein Bisschen tuntig seist, da bist du zwei Zentimeter gewachsen.“

„Unsinn. Ich bin ein selbstbewusster schwuler Mann und hätte kein Problem damit, wenn man mir das ansieht. Was soll das überhaupt? Schwulsein sieht man nur, wenn einer rumtuckt, oder wie? Da haben wir’s doch schon wieder!“

„Und der schwarze Nagellack, den du neulich mal aufgetragen hattest, der war auch ziemlich schnell wieder runter. Warum eigentlich, das gefiel dir doch erst ganz gut?“

„Weil ich keinen Bock drauf habe, dass die Leute mich anstarren, als wäre ich ’ne Marienerscheinung. Worauf willst du hinaus?“

„Du wolltest nicht tuntig aussehen und hast dich dann doch irgendwie geschämt, also hast du deinen mutigen kleinen Ausbruch aus der Heteronormativität schnell wieder beendet. Wenn das mal kein ’straight acting‘ ist …“

„Jetzt hör aber auf.“

„Damit fängt es aber an. Wir bekommen auf die eine oder andere Weise auf die Klappe, sobald man uns das Schwulsein ansieht. Das betrifft uns doch alle. Willst du den Leuten vorwerfen, dass sie Angst haben?“

„Nein, ich werfe ihnen vor, dass sie diese Angst nicht reflektieren und sie an anderen auslassen.“

„Und was erwartest du?“

„Respekt. Vor den offenen Schwulen, den Aktivist*innen und den Tunten. Ist das zu viel verlangt?“

„Weiß nicht. Schreib doch einen Text darüber und frag die Leser*innen.“

„Genau das mache ich.“


Diesen Text habe ich für die Präventions-Kampagne „Hessen ist geil!“ geschrieben. Hier wurde er zuerst veröffentlicht.

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10 Kommentare zu “Heterolike

  1. „Respekt. Vor den offenen Schwulen, den Aktivist*innen und den Tunten. Ist das zu viel verlangt?“

    Ein wie immer witziger, differenzierter Text. Aber, um es mal böse zu sagen, ich halte das für pubertäre Probleme (und die Pubertät dauert bei Schwulen ja sehr lange, weil uns das naive Ausleben unserer „richtige“ Puberträt verweigert wurde – so meine Theorie).

    Es lohnt sich mal einen Blick über den Tellerrand zu werfen auf – die Heteros. Da gibt es nämlich auch die Jungens, die ewig die coolen voll männlichen Macker sein und bleiben wollen, oder die weiblichen Girlies und romantischen Mäuschen, die nie aus ihrer Diva oder Prinzessinnenrolle rauskommen. Bei reifen Paaren beobachte ich, dass die „echten“ Männer im Laufe der Zeit weicher, familientauglicher und dem weiblichen Geschmack kompatibler werden, während die Frauen lernen, im Beruf und in der Beziehung und in der Familie ihren Mann zu stehen.

    In einer gelungenen Homopartnerschaft ist das eigentlich nicht anders, nur dass da die Rollen und Eigenschaften nicht so klar getrennt und klischeehaft verteilt sind. Es gehört zu den Wundern der Partnerschaft, dass ich im anderen das finde, was in mir selber schlummert und dass der andere genau das in mir wecken kann, was ich zuvor i mir selbst nicht akzeptieren konnte. Insofen kann eine innige Beziehung zwischen zwei Heteroliken, die sich nicht verändern wollen, nur oberflächlich funktionieren, egal ob diejenigen Homos oder Heteros sind.

  2. „Und was wollen zwei schwule Heterodarsteller dann miteinander anstellen? Rülpsen, Spucken, Holz hacken und dann Heteropornos gucken, während sie aneinander rumfummeln?“

    :,-D ;-D Ich hab laut losgelacht, danke dafür!

    Und zur Abschlussfrage: Nein, ich finde, das ist absolut nicht zu viel verlangt! ;-)

  3. Hallo Fink, nochmal auf die Gefahr hin, dass das schleimig oder ungedulig oder was auch immer wirkt: Warum schreibst du so wenig? Finde ich echt schade!

    • Hi Margret, ich gönne mir den Luxus, hier nur dann zu schreiben, wenn ich merke, dass ein Thema mich wirklich interessiert und der Text jetzt raus muss. Ich möchte kein Fastfood produzieren. Vielleicht entspricht das nicht der typischen Bloggerei, aber für mich ist das so am Stimmigsten.
      Ich hoffe aber, dass der nächste Artikel keine zwei Monate brauchen wird. Er wird jedenfalls schon vorsichtig bebrütet. :-)

  4. Mit ein bisschen Verspätung: Ja.
    Es gehört schon eine Ecke Mut dazu, den Gender-Klischees öffentlich den Mittelfinger zu zeigen, vor allem als männlich wahrgenommene Person. Wenn ich als Cis-Frau mit Hemd und Krawatte durch die Gegend laufe, gibt’s eher Komplimente, sobald ein Kerl „zu feminin“ ist, gibt’s verbale oder echte Haue …
    Das Wenigste, was die unauffälligen Nicht-Heten tun können, ist die auffälligen zu respektieren statt zu dissen.

  5. Also wenn ich Begriffe wie „heterolike“, „heteronormativ“ oder „straight acting“ höre oder lese – egal ob sie von einem Hetero- oder einem Homosexuellen kommen – steigt bei mir der Agressionslevel sprungartig an.
    Diese Begriffe implizieren…
    1. dass männlich sein gleichbedeutend mit Heterosexuellen ähnlich sein ist, und…
    2. dass Schwule, die kaum oder gar nicht feminin sind, schauspielern und gar nicht sie selbst sind.

    Was Punkt eins angeht: Warum soll es einen Zusammenhang geben zwischen der Sexualität – also wen man liebt – und dem eigenen Verhalten oder Aussehen? Nur weil der Großteil der Menschen, die Männer lieben feminin aussehen (damit meine ich Frauen), muss man, wenn man Männer liebt, auch sich feminin geben und aussehen? Frauen sind ja vorallem feminin, weil sie Frauen sind und nicht, weil sie Männer lieben. Okay zum Teil stimmt diese These auch nicht ganz, weil Frauen ja unter anderem auch feminin sein wollen, um Männern zu gefallen. Aber bei Schwulen ist das in ihrem Fall ja eigentlich gar nicht so, dass sie feminin sein müssten, um ihrem bevorzugten Geschlecht zu gefallen.
    Wo ist also der Zusammenhang zwischen männlich sein und Heterosexuellen ähnlich sein?

    Was den zweiten Punkt angeht: Ich finde, das ist eine wirklich derbe Beleidigung und würde es sehr persönlich nehmen, wenn mich jemand des „straight acting“ bezichtigt. Dieser jemand sagt damit in Prinzip ja, dass ich bei allem, was ich tue, schauspielere und gar nicht meine richtige Persönlichkeit zeige. Ich weiß ja nicht wie es anderen geht aber ich würde mich bei so einer Aussage sehr stark angegriffen fühlen und vermutlich nicht sehr freundlich reagieren.

    • Danke für deinen Kommentar, Cugu. Zu Punkt zwei möchte ich anmerken, dass ich fast noch nie erlebt habe, dass jemand einen Anderen des straight actings bezichtigt hätte. Ich kenne das nahezu ausschließlich als Selbstbezeichnung (die dann freilich oft auf Ablehnung stößt, aber eben erst als Reaktion). Aber das ist vielleicht nur meine eigene Erfahrung und nicht die ganze Realität.

      Das Interessante dabei ist, dass die Leute, die sich selbst straight actors nennen (und in der Regel irgendwie stolz darauf sind), den Vorwurf des Schauspielerns gern umkehren: Nach deren Meinung sind es nämlich die Tunten oder sonstwie vermeintlich femininen Schwulen, die sich verstellen, indem sie ihre angeblich natürliche Männlichkeit durch eine „gekünstelte“ Tuntigkeit verdrängen.

      In meinen Augen liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Weder Männlichkeit noch Tuntigkeit / Weiblichkeit fallen einfach vom Himmel oder wachsen aus den Genen. Ich gehe davon aus, dass verschiedene Menschen von ihren Anlagen her eher zu der einen oder der anderen Richtung tendieren, dass aber die Anlagen in jedem Fall von sozialen Prägungen überformt werden. Eine rein natürliche Männlichkeit gibt es für mich ebensowenig wie eine rein natürliche Weiblichkeit. Geschlecht ist immer zu einem großen Teil eine Performance.

      • Okay das habe ich bisher noch nie erlebt, dass jemand von sich selbst sagt straight acting zu betreiben. Warum sollte man sich denn selbst als „Schauspieler“ outen? Damit tut man sich doch eher keinen Gefallen.
        Ich sehe das ähnlich wie du und denke es gibt bei Schwulen und bei Heteros ungefähr ein ähnliches Spektrum an Weiblichkeit bzw. Männlichkeit. Nur ist es eben so, dass sich unter denen, die ein bisschen stärker feminin veranlagt sind, die geouteten Schwulen eher trauen ihre feminine Seite zu zeigen als die Heteros oder noch ungeouteten Schwulen.

  6. ich denke nicht dass der verlangte respect zu viel verlangt ist, aus meiner sicht.
    ich denke das große problem ist in diesem fall die angst der `küken`wie du sie genannt hast.
    sie wollen sich auf der einen seite nicht verstecken müssen und zu ihrer sexuellen neigung stehen, auf der anderen seite haben sie angst in diese schublade gesteckt zu werden auf der steht:
    rosa poloshirts
    pastellfarben
    pudel
    federboa
    plüschhandschellen

    sie wollen nicht das andere von ihnen denken : 2Kens die zusammen im rosanen malibustrandhaus wohnen wollen- weil sie das selbst ja auch nicht unbedingt wollen

    schubladen denken is furchtbar … ich hoffe wir schmeißen das alte Ding bald weg und schaffen uns eine schöne offene helle glasvitrine an oder regale die wir alle schön auf die selbe höhe an die wand schrauben

Pfeif drauf!

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