Der Zauber des Dingsbums

Die meisten Schwulen, die ich kenne, hassen Baumärkte. Der schreckliche Gestank nach staubigem Holz und vermutlich krebserregenden Chemikalien, das würdelose Herumirren zwischen riesigen Regalen, die stereotypen Heteromänner … Für meine Freunde sind Baumärkte so eine Art Vorhölle, die man nur betritt, wenn man mit Klebestreifen, Büroklammern und Bastelkleber wirklich nicht mehr weiterkommt.

Neulich ging im Spülwasserbehälter meiner Toilette etwas entzwei. Es tropfte immerfort. Ich brauchte so ein Gummiteil für das Ende von diesem langen Dingsbums, das dafür sorgt, dass das Wasser … Ihr wisst schon. Keine Chance für Bastelkleber.

Im Gegensatz zu meinen Artgenossen mag ich Baumärkte gern. Der verlockende Geruch nach frischem Holz und allerlei duftenden Chemikalien, das vergnügliche Labyrinthspiel zwischen riesigen Regalen, die stereotypen Heteromänner …

Und oh, die jungen Väter! Machte man auf einer Landkarte für jeden attraktiven jungen Vater einen roten Punkt, es gäbe knallrote Gauß’sche Verteilungskurven rund um die Baumärkte herum. Sicher liegt es daran, dass erfolgte Fortpflanzung und Hamsterbauaktivitäten inhaltlich und zeitlich zusammenfallen, so dass junge Väter überdurchschnittlich viel Zeit mit dem Zusammenraffen artgerechten Nistmaterials verbringen. Und all diese emsigen Gesellen durchleben gerade die Freuden der Elternschaft, somit des kompromisslosen Entzuges von Freizeit, Sexualität und Schlaf. Die daraus resultierende Mischung aus männlichem Stolz, trotzigem Überlebenswillen, Entkräftung, Endorphinüberschuss und totalem Fatalismus, die junge Väter prägt und sie in so etwas wie die gesellschaftlich akzeptierte Variante von Junkies verwandelt – ist sie nicht unwiderstehlich?

Aber davon wollte ich gar nicht erzählen; der wichtigste Grund, weshalb ich Baumärkte mag, ist ein ganz anderer.

Wir alle kennen Tausende von Dingen. Mit Namen, meine ich. Im Alltag kann ich fast alles, was ich sehe, auch benennen, sogar, wenn ich nicht genau weiß, wie es funktioniert oder wozu es da ist. Im Baumarkt ist es umgekehrt. Ich kenne fast all die Dinge, die da überall herumliegen, weiß recht oft sogar, wozu sie dienen – aber wie zum Teufel heißen sie? Wie heißt dieses Dingsbums am Staubsauger, mit dem man das Schlagmichtot an diesem Siewissenschon befestigen kann? Wie nennt man das Hastunichgesehen, das man oberhalb des Dingenskirchens an dieses Wasweißich klemmt, damit der Heizungsthermostat nicht wackelt? So ein Baumarkt ist ein riesiger weißer Fleck auf meiner linguistischen Landkarte. Voll von Dingen, aber ohne Namen. Baumärkte katapultieren mich in eine Welt der Sprachlosigkeit, in ein verbales Jenseits. Als Vokabelgourmet stehe im Eingangsbereich eines Baumarktes wie am Rande einer Felsküste mit Blick über das Meer: wach, erfrischt und demütig meiner Unzulänglichkeit bewusst.

Und ich bin nicht allein: Überall höre ich die selben Sätze. „Ja, ich suche so ein, ääääh …Dings… wie soll ich sagen, womit man äääh …“ Verloren wie Odysseus zwischen den Inseln tasten die Verirrten nach irgendeinem kleinen Halt, einer Orientierung im Meer der Namenlosigkeit. „Sie hatten das Teil doch hier irgendwo vorrätig, ich glaube, in rot…“ Egal ob Oberärztin oder Hobbygärtner – im Angesicht des Namenlosen sind wir alle gleich.

Aber dieses eine Mal wollte ich es anders machen. Ich wollte nicht stammeln und nicht rot werden und nicht stundenlang sämtliche Regale schamhaft allein durchscannen, sondern dem Schrecken der Sprachlosigkeit erhobenen Hauptes gegenübertreten. Ich baute das Dingsbums flugs aus meinem Spülkasten aus und nahm es mit, um es vor Ort mit einem triumphierenden „Ha!“ vorzuweisen und dann mit gelassenem Blick die Fachverkaufskraft ihre Arbeit erledigen zu lassen.

In der entsprechenden Abteilung traf ich drei Verkäuferinnen an, die sich dem verdienten Schwatz zwischendurch widmeten. Eine von ihnen sah ein bisschen aus wie Pumuckl, oder wie die ‚Kleine Hexe‘, oder wie beide gleichzeitig, sehr sympathisch jedenfalls und mit wach funkelnden Augen. Jetzt aber total cool bleiben, sagte ich mir insgeheim, kein Dingsbums, kein Siewissenschon und kein peinliches Stottern.

Souverän streckte ich ihr das mitgebrachte Ding entgegen. „Guten Tag, ich hätte gern ein, äh, Dingsbums, äh, so ein … Siewissenschon“, hörte ich mich peinlich stottern.

Die Pumucklfrau zeigte ein schönes Lächeln. „Sie suchen eine Glockendichtung.“

„Oh, äh, ja, hehe, wenn das Ding so heißt, dann ist es wohl das, was ich suche. Ich kann ja sonst immer nur sagen, ‚ich suche so ein Ding‘, aber, nun ja, ‚ein Ding‘, das klingt immer so dumm. Und um das diesmal nicht sagen zu müssen, habe ich das Ding halt mitgebracht. Siewissenschon.“

„Ja, ich weiß“, sagte sie, sich meiner Abhängigkeit von ihrer semiotischen Leuchtturmfunktion völlig bewusst. Und dann sprach sie einen Satz von so klarer Schönheit und Poesie, wie ich ihn an diesem Ort nie erwartet hätte, obwohl mich schon das Wort „Glockendichtung“ an das lyrische Universum eines Schiller hätte gemahnen können, und obwohl er sich doch nur genau hier entspinnen konnte, in diesem moosduftenden Zauberwald der Geheimnisse:

„Wir haben hier so viele Dinge, dass wir ihnen Namen geben.“

Sie wissen es nicht, liebe Pumucklfrau, aber der Rest meines Tages war nichts als inneres Jubilieren. Zwar erwies sich, dass die Glockendichtung nicht passte; es war die falsche Größe. Aber sei’s drum. Was kümmert mich ein tropfendes Rohr, wenn ich weiß, dass ich sogar in einem Baumarkt auf Menschen treffen kann, die mich mit einem einzigen Satz so glücklich machen können?

Advertisements

30 Kommentare zu “Der Zauber des Dingsbums

  1. Hach, das Schöne ist ja, dass ich in meinem Blog machen kann, was ich will. :-)
    Keine Bange, es wird hier auch wieder nahrhaftere Texte geben als diesen, aber ich dachte mir, für so’nen trüben Sonntagabend reicht’s vielleicht.

    • Du hast mir heute trotz Erkältung ein Lächeln auf´s Gesicht gezaubert – vielen Dank dafür.
      …wobei ich bei dem Begriff „Glockendichtung“ doch ein wenig an ein weibliches Sex-Spielzeug denken mußte…;-)
      (sorry, aber das mußte jetzt einfach raus, auch wenn mich die weiblichens Fans Deines Blogs jetzt vermutlich hassen werden)

      • … und ein paar männliche vermutlich auch. Wenn man komisches Kopfkino erzeugt, macht man sich damit oft keine Freund*innen. ;-) Die Erkältung mag es entschuldigen …

    • Ich kann natürlich nicht versprechen, dass in allen Baumärkten Poet*innen auf ihr Stichwort warten. Aber wenn ich eines gelernt habe, dann, dass man nirgendwo vor bezaubernden Überraschungen sicher ist. :-)

  2. Oh, dieser Satz ist wirklich wunderschön! :)
    Aber auch ich als heterosexuelle gesellschaftlich akzeptierte Variante eines Junkies hasse Baumärkte. Weil sie mich an meine Unzulänglichkeit als Selbstversorger erinnern. :D Voller Elan lasse ich mir dort beschreiben, was ich mit welchen Dingen wie machen muss und am Ende kommt nur Murks raus. Dann muss ich doch die Handwerker kommen lassen, die mir zeigen wie banal die Aufgabe war an der ich scheiterte. :D

    • Oje, meine selbstgemurksten Möbel darf auch nie ein ausgebildeter Schreiner zu Gesicht bekommen… Ich schraube trotzdem gern was zusammen. Und wenn erst mal genügend Murks in der Wohnung rumsteht, ergibt sich doch auch wieder ein stimmiges Gesamtbild. Mehr Mut zum Murks! :-)

  3. Lieber Zaunfink,
    da hast du mich mal wieder zum Schmunzeln gebracht. Ich finde, diese Welt der Sprachlosigkeit kann gleichzeitig auch eine Welt unglaublicher Kreativität sein. Wem ewige Erklärungen zu lang sind, der_die erfindet einfach neue Wortschöpfungen. Also ein bisschen so, als spiele man* ‚Tabu‘. Was ist z.B. das hier: Ein kleiner grauer Schrauben-Wandlochstopfer?

  4. Klasse Geschichte, interessante Beobachtung. Stimmt aber, ich handwerkele recht viel (nicht selten mit akzeptablen Ergebnissen), aber von den allermeisten Sachen im Baumarkt weiß ich auch nicht, wie sie heißen. Und Vokabelgourmet ist eine bildschöne Wortschöpfung!

  5. Das Gemeine ist ja auch, dass man den Kram, den man dann im Baumarkt versucht zu finden, nicht online ordern kann, weil man eben nicht weiß wie das Teil heißt. Dieser Umstand zwingt einen dann immer mal wieder in so einen „Du bist klein und dumm“-Laden.
    Deine kleine Geschichte ist total süß. Am lustigsten finde ich Deine Beschreibung von den neuen Vatis. Die sind dann irgendwie das liebenswerte Gegenteil von den neuen Muttis, die im Supermarkt der namenbesitzenden Alltagswaren tumb und selbstbewußt mit ihren Kinderwagen einem über die Zehen fahren oder die Wege blockieren nach dem Motto, ich bin Prinzessin Mutterglück und Du darfst am Rande meines Weges stehen und mir zujubeln.

    • Ich glaube, ich werde jetzt immer an deinen letzten Satz denken und laut lachen müssen, wenn ich eine Mutter mit Kinderwagen sehe.

  6. Das ist einer der besten Artikel, die ich seit langem gelesen habe. Aha-Anfälle haben sich mit Lachflashs abgewechselt. Und jetzt stell dir vor, es kommt erschwerend hinzu, dass du eine Frau mit Hang zum Heimwerken bist… Super gemacht!

    • Ich war ja eigentlich schon auf den Vorwurf gefasst, ich würde hier einen Hetero-Fetisch propagieren. Das liegt mir natürlich fern! :-)

      • Ich glaube, da klingt etwas mehr bei mir mit. Ich hab zwar einen tollen Papa, aber solche Väter hatten wir alle nicht. Ich ertappe mich immer wieder dabei, deren Kinder ein wenig zu beneiden. Was für ein Glück muss es sein, mit entspannten Vätern aufwachsen zu dürfen. Meiner hat noch Krieg und Nazireich erlebt …

        • Ah, ich verstehe, was du meinst. Kann ich nachvollziehen, auch das mit dem Beneiden. Aber das Glück einer entspannteren Erziehung können wir ja schon aus reinem Eigennutz möglichst Vielen aus der nächsten Generation gönnen.

  7. Da hattest du echt Glück, eine solche Fachkraft zu erwischen – ich war einmal dort aufgeschlagen, als mein … ähm, ich wusste mal, wie das hieß… ein Dingens halt kaputt war und wie du war ich so voll schlau, es auszubauen(und mir dabei fast die Pfoten zu brechen, aua) und habe es so denn stolz dem Personal präsentiert. Mit dem Hinweis, „vom diesem gemeingefährlichen Etwas, dass 1 ganzes Jahr auf die Chance meine Hände zu zerfleischen gewartet hätte, bräuchte ich ein Neues.

    Es wurde recht abenteuerlich, denn der gute Mann wusste zwar, was es war und wofür man es gebrauchen konnte(außer als Folterinstrument), aber ihm fiel partout nicht ein, wie es hieß ^^

    Wurde ein etwas längerer Nachmittag im Baumarkt, als geplant – denn wir mussten Jemanden finden, der in der Abteilung arbeitete, wo es dieses Dingensding halt gab, da er mir nicht sagen konnte, in welchen Gang und bei welcher so und so vielte Ecke diesen teil zu finden war ;)

    Aber zumindest war ich vor Ladenschluss wieder draußen und das Teil hat sich auch locker einbauen lassen – von einem hinterfiesen Dingensding lass ich mich nicht aufhalten ^^

  8. So nett geschrieben! Und nebenbei: Dass ein Schwuler Verständnis und Empathie für Baumärkte und junge Väter zeigt, ist eines der unscheinbaren, aber bemerkenswerten Zeichen von gewachsener Toleranz, Entspanntheit und Offenheit …

Pfeif drauf!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s