Selbstbildnis im Fummel (unvollendet)

Es war eine alberne Idee gewesen. Meine Schwester wusste so gut wie ich, dass der Homo-Knigge keinesfalls vorschreibt, jeder schwule Mann müsse irgendwann mal einen Fummel anziehen. Aber sie und ich waren damit beschäftigt, die lesbischen bzw. schwulen subkulturellen Reviere zu durchstreifen und dann unsere Beobachtungen zu Landkarten zusammenzufügen. Neugierige Selbsterfahrungszeiten. Warum sollte ich also nicht einmal eines ihrer Kleider anziehen? So trat ich, in diverse Grüntöne gehüllt, vor den großen Spiegel … und konnte nichts darin erkennen.

Denn ich war nicht mehr allein. Geister, Bilder und Stimmen hatten den Raum angefüllt und sich vor mein Spiegelbild geschoben.

* * *

Die Kontroverse zwischen Integration und Emanzipation zieht sich wie ein rosaroter Faden durch die Geschichte der Schwulenbewegung – von ihren frühen Anfängen bis in die Gegenwart. Die einen stellen das Bedürfnis in den Vordergrund, als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft anerkannt zu werden; die anderen glauben, dass Gerechtigkeit nur dann verwirklicht werden kann, wenn wir das bestehende Gefüge von Privilegien und Normen, das nicht nur Schwule benachteiligt, grundsätzlich verändern.

Wir könnten diese Kontroverse zunächst vereinfacht auf einen Aspekt herunterbrechen: Es geht um die Bewältigung von Fremdheit.

Auf der einen Seite wird eine generelle gesellschaftliche Abwertung des „Andersartigen“ als mehr oder weniger unabänderlich angenommen. Die Strategie besteht folglich darin, die Fremdartigkeit des Schwulseins möglichst stark zu reduzieren oder zu verschleiern, um so die Abwertung zu umgehen. Das andere Lager hält die Angst vor Vielfalt für veränderbar und strebt danach, sie aufzulösen. Die Strategie sieht hier also vor, gerade das Fremdartige im Schwulen selbstbewusst zu betonen, die Abwehrreaktionen bis zur größtmöglichen Sichtbarkeit zu provozieren und dann diese Reaktionen einer aufklärerischen Diskussion zu öffnen, die nicht die Fremdheit, sondern ihre Abwertung infrage stellt.

Die integrationistische Strategie ist folgerichtig verknüpft mit einer generellen Tendenz zur Differenzleugnung: Schwule, so wird hier behauptet, unterscheiden sich von heterosexuellen Männern in keinem einzigen Aspekt als ausschließlich ihrer sexuellen Orientierung. Sie sind ganz normale Männer, nur eben schwul. Und mit der Leugnung geht eine Differenz-Vermeidung einher: Die Vertreter dieser Richtung wollen meist möglichst wenig auffallen, sich möglichst wenig unterscheiden, und sie erwarten das nicht nur von allen anderen Schwulen, sondern behaupten sogar, dass jegliche Unterschiedlichkeit jenseits der Sexualität künstlich herbeigeredet, schädlich und geradezu unnatürlich sei.

Auf der Gegenseite finden wir, oft in Reaktion auf allzu assimilatorische Tendenzen, eine Betonung, ja Überbetonung des Andersseins, das wiederum teils als natürliche Gegebenheit, teils als politisch notwendige Konstruktion oder als beides zugleich behauptet wird.

Bei genauerem Hinsehen können wir erkennen, dass es bei der erwähnten Fremdheit im Kern fast immer um eine Verbindung von Schwulsein und Weiblichkeit geht. Das Fremdartige an „den Schwulen“ ist ja nicht ihre Zugehörigkeit zu einer verstörenden Weltanschauung oder irgendeine kollektive Alltagsmarotte. In fast allen Fällen können wir die Befremdung darauf zurückführen, dass, was auch immer bei Schwulen beobachtet oder ihnen einfach zugesprochen wird, als „weibliches“ bzw. nicht-männliches Verhalten gedeutet – und abgewertet – wird. Der Schwule ist seltsam, weil er kein „richtiger Mann“ ist. Und deswegen ist er auch weniger wert als der Heterosexuelle, so suggeriert es die bis heute nicht wirklich durchbrochene sexistische Logik.

Von diesen Grundannahmen ausgehend, können wir die Emanzipationsgeschichte als eine Auseinandersetzung mit Weiblichkeit beschreiben. Die Figur der Tunte kann dabei als eine Art Leitfossil schwuler Geschichte dienen. Die Tunte, insbesondere die Tunte im Fummel, wird von allen Beteiligten als die materielle Zuspitzung der als „weiblich“ verstandenen Andersartigkeit des schwulen Mannes erkannt. Der Fummel sagt – nein, ich will nicht untertreiben, er schreit: „Ich bin nicht männlich, jedenfalls nicht so wie ihr! Ich bin anders!“

ulrichszDie Tunte offenbart die dem Schwulen zugewiesene Fremdartigkeit als Unmännlichkeit: seine Femininität, seine charakterliche Weichheit, sein Interesse an vermeintlich weiblichen Tätigkeiten, seine allzu ausgeprägte Empfindsamkeit und Verletzlichkeit. Und das Schlimmste von allem: die Option sexueller Passivität, die auch heute noch als weibliches Attribut gedeutet wird. Sie zeigt seine Nichtzugehörigkeit zur privilegierten Welt heterosexueller Männlichkeit. Tuntigsein macht einen Mann zur wandelnden Normverletzung. Es spielt nicht einmal eine so große Rolle, ob dieser Mann einen realen Fummel trägt oder ob er auf eine andere Weise ein betont nichtmännliches Erscheinungsbild beschwört – eine tuntige Inszenierung bringt alles zum Aufleuchten, was die Integrationisten (in Einklang mit den Homophoben) verabscheuen, und sie dient genau deswegen emanzipatorischen Aktivist*innen als Instrument der provokanten Selbstbehauptung und der Befreiung. Tuntigkeit löst einen Fremdkörper-Alarm in der heteronormativen Matrix aus. Je nach politischer Perspektive gilt es, diesen um alles in der Welt zu vermeiden oder ihn strategisch geschickt zu nutzen.

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Bevor wir zum Spiegel meiner Schwester zurückkehren, möchte ich anhand von vier kurzen Schlaglichtern illustrieren, inwiefern die schwule Bewegungsgeschichte als eine Auseinandersetzung mit Weiblichkeit verstanden werden kann, als eine Pendelbewegung zwischen deren Offenbarung und Verleugnung. Der erste Spot beleuchtet mit Karl Heinrich Ulrichs eine Zeit, in der schwule Bewegung nicht mehr war als ein zarter utopischer Keim, der zweite die Zeit des Wissenschaftlich-humanitären Komitees, in der dieser Keim erstmals Knospen trieb. Den dritten Spot richte ich auf die Geburtswehen der zweiten deutschen Schwulenbewegung, den vierten auf das zentrale Ritual dessen, was heute noch von ihr übrig ist.

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Befragen wir zum Thema „Fremdheit“ Karl Heinrich Ulrichs – den ersten Menschen, der eine, nun ja, einigermaßen wissenschaftliche Theorie der Homosexualität aufgestellt hat –, so finden wir bei ihm ein Bekenntnis zur Andersartigkeit als Weiblichkeit, wie man es sich entschiedener nicht wünschen könnte:

„Meine Theorie ist zusammengefaßt in den Worten: Anima muliebris virili corpore inclusa [Anm.: eine weibliche Seele in einem männlichen Körper].“1 „Unser Charakter, die Art, wie wir fühlen, unsere ganze Gemüthsart ist nicht männlich, sie ist entschieden weiblich. […] Den Mann spielen wir nur. Wir spielen ihn, wie auf dem Theater Weiber ihn spielen.“2

Wohlgemerkt, hier geht es nicht um Transsexualität. Ulrichs erfand den Begriff Urning bzw. Uranier, um diejenigen, die wir heute schwule Männer nennen würden, als eine besondere Art von Menschen zu zeichnen, die von den heterosexuellen Männern vollkommen abgesondert sei. Er ging so weit zu behaupten,

„dass dem Uranier eine bis in die Wurzeln hinein weibliche Natur vom Mutterleibe an innewohnt, dass er also überhaupt mit Unrecht Mann genannt wird. […] Der Uranier ist eine Spezies von Mannweib.“3

Ulrichs warb ausdrücklich um eine bejahende Haltung seiner uranischen Zeitgenossen zum eigenen Weiblichsein:

„Lasset uns, ihr meine Schicksalsgenossen, uns nicht schämen des weichen und gefühlvollen Elements, das die Natur uns gab. Den Dioningen [Anm.: heterosexuellen Männern] sollen wir es überlassen, ihren Ruhm zu suchen in männlichen Tugenden und Vorzügen. […] Lasset uns nicht unsere Kräfte vergeuden in dem vergeblichen Ringen, diese männlichen Vorzüge uns künstlich anzueignen.“4

Wie dieser leidenschaftliche Appell uns ahnen lässt, wusste Ulrichs schon beim Verfassen seiner Theorie, dass er sein weiblichkeitsbeschwörendes Modell gegen starke emotionale Widerstände einzuführen versuchte. Und doch hielt er genau dies für richtig. Die politische Strategie seiner Totalabgrenzung war die Forderung nach einer Gerechtigkeit, die ebendiese Besonderheit der Urninge nicht verleugnete, sondern sie umgekehrt zur Grundlage einer humanen Neuregelung machte:

„Wir sind gar nicht Männer im gewöhnlichen Begriff. […] Sind wir aber überall nicht Männer im gewöhnlichen Begriff, so habt ihr auch kein Recht, den Massstab [sic] gewöhnlicher Männer uns aufzuzwängen! Dieser Massstab geht uns überall nichts an: So wenig wie der Massstab des Mannes gültig ist für das Weib. Wir bilden ein drittes Geschlecht. Der Massstab des einen Geschlechtes hat dem anderen überall nichts vorzuschreiben.“5

Ulrichs’ Gerechtigkeitskampf beruhte also auf einem essentialistischen Differenzkonzept: Urninge seien vollkommen anders als andere Männer. Seine politischen Forderungen – vor allem nach der Straffreiheit – gründete er mit beeindruckender Hartnäckigkeit auf das Argument, man möge den Urningen doch bitte Gerechtigkeit gewähren, nicht obwohl sie anders seien, sondern gerade weil sie anders seien. Ulrichs formuliert hier die Idee, dass eine größere Gerechtigkeit dann entsteht, wenn wir die Unterschiedlichkeit der Menschen zur Grundlage einer Normveränderung machen. Er nimmt damit den Gedanken vorweg, der alle späteren Emanzipationspolitiken kennzeichnet. Und er behauptet diese Unterschiedlichkeit ganz explizit als Weiblichkeit der (noch nicht so benannten) männlichen Homosexuellen.

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Magnus Hirschfeld, Mitbegründer des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK), propagierte einige Jahrzehnte später bekanntlich das Modell der sexuellen Zwischenstufen, das ein komplexes Kontinuum zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit behauptete. Schwule Männer sortierte Hirschfeld in seinem System einige Schritte abseits des vollkommen virilen Mannes ein. Das stieß auf den Widerstand einiger Protagonisten der Weiblichkeits-Leugnung. Zitiert sei beispielhaft Kurt Hiller, der als späterer Vorsitzender des WhK Hirschfelds Modell durch einen geradezu pathetischen Männlichkeitskult ablösen wollte:

„Die ständige Verbindung des homoerotischen Phänomens mit Effeminationserscheinungen, mit Hermaphrodismus, Transvestitismus und anderen mehr oder minder abstoßenden Naturspielen hat der Aufklärung und Befreiungsaktion für die mannmännliche Liebe nicht genützt, sondern geschadet. Da, was Sparta stark, einen Michelangelo glühend machte, nichts gemein hat mit Bartweibern, Busenmännern oder sonstigen Monstrositäten, so hätte man den Helden-, den Jünglingskult, die Freude des Mannes am Manne nicht in die Atmosphäre eines sexuologischen Panoptikums tauchen dürfen.“6

Im größtmöglichen Kontrast zu Integrationisten wie Hiller standen WhK-Mitstreiter wie beispielsweise Hermann Freiherr von Teschenberg. Bereits um 1900 widmete dieser Hirschfeld ein Foto, das ihn selbst in verträumter Pose in einer aufwendigen Damengarderobe zeigt, mit dem Hinweis, das Bild stelle seine „wahre Natur“ dar und sei ausdrücklich zur Veröffentlichung freigegeben. Von Teschenberg war lange Zeit das einzige WhK-Mitglied, das offen zu seiner Homosexualität stand, im Gegensatz auch zu Hirschfeld selbst.7

Die theoretische und strategische Kontroverse ist zu dieser Zeit also bereits vollständig ausgeprägt.

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Fast genau hundert Jahre, nachdem Ulrichs sich für seine damals buchstäblich unerhörten Forderungen vor dem Deutschen Juristentag in München niederbrüllen ließ, spaltete der sogenannte Tuntenstreit die gerade erwachende schwule Bewegung der 1970er Jahre in Westdeutschland. Es war kein Zufall, dass sich die strategische Kontroverse ausgerechnet am Auftritt einiger Aktivisten entzündete, die in Make-up und Fummel an einer öffentlichen Demonstration teilnahmen. Die Bewegung hatte sich noch kaum nachhaltig formiert, schon lösten ein paar Männer, die die Verbindung von Schwulsein und Nichtmännlichsein öffentlich inszenierten, einen emotionalen und politischen Ausnahmezustand aus, der die junge Bewegung wieder zu zerreißen drohte. Der Konflikt um Integration versus Emanzipation hatte damals ohnehin schon geschwelt, aber erst das sichtbare Auftauchen der Tunten brachte die internen Spannungen zur Explosion. Die Fraktion der selbsternannten Feministen führte alle Schwulenfeindlichkeit auf die Abwertung von Weiblichkeit zurück. Der „feminine“, also nichtmännliche, Mann erschien ihnen als das schlimmste Bedrohungsszenario des zu überwindenden Patriarchats und wurde genau deswegen zu ihrer politischen Heldenfigur. Der marxistisch orientierte Flügel vermutete dagegen, organisiertes Tuntentum sei der Arbeiterklasse nicht zu vermitteln, und drängte darauf, vor allem die gesellschaftliche Integrationsfähigkeit der Homosexuellen hervorzuheben.

Der Feministen-Fraktion dieser Zeit verdanken wir übrigens eine Forderung, deren Radikalität mich heute noch beeindruckt: Jeder schwule Mann solle permanent auf sein Anderssein hinweisen, indem er auch im Alltag Fummel trägt. Der Fremdheits-Alarm als privater und gesellschaftlicher Dauerzustand – es ist heute noch ein faszinierendes Gedankenexperiment, sich die möglichen Folgen auszumalen, würde diese Forderung konsequent umgesetzt.

* * *

Im Jahr 1972 wurde auf der ersten deutschen Schwulen- und Lesbendemo in Münster die Tunte noch als der Naturzustand des schwulen Mannes propagiert.

„Tust du auch so normal, eine Tunte bist du in jedem Fall!“,

konnten die damals noch ernsthaft verstörten Zuschauer*innen auf einem Transparent lesen. Heute ist von dieser selbstverständlichen Verknüpfung nicht mehr viel zu spüren. Die aufwendiger skulpturierten Halbschwestern der Tunten, die Drag Queens, wuchten sich zwar in allen größeren CSD-Paraden treffsicher in den Fokus jeder Kamera, gleichzeitig aber finden gerade sie sich auch regelmäßig im Zentrum der Kritik wieder. Empörte Stimmen, die die provozierende, angeblich peinliche und dem Ansehen und der Sache schadende Inszenierung schwuler Nichtmännlichkeit beklagen – und oft gern verbieten würden –, bilden einen mittlerweile schon traditionellen Bestandteil des alljährlichen Rituals.

Das politische Tuntentum, das so lange zum Kern der Bewegung gehörte, ist heute an den Rand gedrängt worden. Nicht etwa, dass es keine Tunten mit politischem Bewusstsein mehr gäbe, aber die Analyse, wonach Schwulenfeindlichkeit im Kern eine Weiblichkeitsfeindlichkeit sei, sie ist höchstens noch weit am Rande der Debatten zu finden. Der Fummel ist weitgehend vom politischen Signal zum bedeutungslosen Partyspaß geworden; normierte Männlichkeit bis hin zum straight acting ist die Regel, Tuntenfeindlichkeit nahezu allgegenwärtig.

* * *

Und so waren sie alle versammelt, dort im Ankleidespiegel meiner Schwester: Der Geist Ulrichs’ mit seinem Konzept der weiblichen Seele, Freiherr von Teschenberg in seinem Jugendstilkleid, die Siebziger-Jahre-Feministen mit ihrem von der BILD-Zeitung verspotteten „Marsch der Lidschatten“ und ein paar übriggebliebene Polit-Tunten. Da waren Bilder der obdachlosen Jugendlichen, die sich 1969 inmitten der Aufstände um das Stonewall Inn eingehakt und den Schlagstöcken ihr Tuntenlied entgegengeschmettert hatten:

„We are the Stonewall girls, we wear our hair in curls, we always dress with flair …“

Da ertönte die enervierend schnarrende Stimme Volker Eschkes, der in Praunheims Filmpamphlet von 1971 einzig die Tunten vor seiner vernichtenden Polemik verschont hatte:

„Tunten sind nicht so verlogen wie der spießige Schwule. Tunten übertreiben ihre schwulen Eigenschaften und machen sich über sie lustig. Sie stellen damit die Normen unserer Gesellschaft infrage und zeigen, was es bedeutet, schwul zu sein.“8

Da waren die Knollennasen von Ralf König, deren tuntigste Protagonisten auch diejenigen waren, die schwulen Stolz, politisches Bewusstsein und charmanteste Selbstironie am glaubhaftesten repräsentierten. Und da waren einige meiner Freunde, für die es damals selbstverständlich zum schwulen Leben dazugehörte, dass man einander mit weiblichen Pronomen und Tuntennamen ansprach und sich zu besonderen Anlässen in einen geschmacklosen Fetzen zwängte.

Sie alle waren da. Aber sie alle zusammen kamen nicht an gegen die Welle der Scham, die mich überwältigte, als ich mein Spiegelbild ansah. Die emotionale Wucht, mit der sie mich traf, hatte ich nicht erwartet. Das war plötzlich gar nicht mehr witzig.

Nun könnte ich versuchen, auch diese Schamwelle in einzelne Bilder und Stimmen zu zerlegen. Die älteste Stimme könnte zum Beispiel sagen:

„Ein Weib soll nicht Mannsgewand tragen, und ein Mann soll nicht Weiberkleider antun; denn wer solches tut, der ist dem HERRN, deinem Gott, ein Greuel“,9

und sie bewiese damit gleichzeitig, dass es bereits in der mittleren Bronzezeit eine ausreichende Anzahl von Menschen gab, die man zur Einhaltung der heteronormativen Kleiderordnung zurückpfeifen musste. Ich könnte Stimmen wie die Kurt Hillers zitieren. Ich könnte auf meine Eltern, Tanten, Kindergärtnerinnen verweisen, die mir selbstverständlich früh beigebracht haben, welche Kleidung ich auf keinen Fall tragen darf. Ich könnte auf offizielle Gesetze verweisen, die es jedem Mann vorschrieben, mindestens drei „männliche“ Oberbekleidungsstücke zu tragen, oder auf den texanischen Gefängnisdirektor, der den männlichen Häftlingen rosa Unterwäsche zuweist, um ihre Männlichkeit zu kränken. Und ich könnte endlos so weitermachen.

Aber all das würde eine Vergleichbarkeit vortäuschen, die es nicht gibt. Diese Seite lässt sich nicht auf vermeintliche Einzelstimmen reduzieren. Sie hat auch keine Held*innenfiguren zu bieten. Die Stimme der Heteronormativität setzt sich aus Millionen flüsternder Stimmen zusammen, aus Millionen abschätziger Blicke, aus Millionen geschriebener und ungeschriebener Gesetze, aus Millionen Filmen, Romanen, Werbeanzeigen, Produkten, Erziehungsratgebern, Alltagsbemerkungen, Gerüchten, Herrenwitzen, Erzählungen und so weiter und so weiter … die alle eines klarstellen: Jeder männliche Mensch muss von klein auf jegliche Andeutung von vermeintlich weiblichem Gebaren und erst recht weiblichem Aussehen meiden wie Superman das Kryptonit. Es fällt schwer, aus dem heteronormativen Grundbrummen, das unser ganzes Leben durchdröhnt, noch die einzelnen Stimmen herauszulösen, aus denen es besteht. Sie sind zwar einzeln benennbar, bilden zusammen aber ein Hintergrundphänomen wie die Luft, die wir ein- und ausatmen.

Dieses Brummen, Flüstern und Munkeln umgeben und lenken mich, seit ich lebe. Als Mann und insbesondere als schwuler Mann komme ich nicht darum herum, mit meiner Umwelt immer wieder zu verhandeln, inwieweit meine Erscheinung, mein Verhalten, mein Schwulsein als „unmännlich“ erkannt oder auch nur projiziert werden. Der permanente Dialog zwischen mir selbst und dem „großen Flüstern“ prägt mein Verhalten und mein Selbstbild. Tappe ich auch nur einen Zentimeter in Richtung Weiblichkeit (oder was dafür gehalten wird), wird das Munkeln sofort lauter, bei jedem weiteren Schritt aggressiver. Die heteronormative Matrix straft mit Abwertung, mit Spott, mit Liebesentzug, mit Beschämung, um mich zur männlichen Ordnung zurückzurufen. Bei offener Grenzüberschreitung droht schließlich sogar offene Gewalt. Und das grüne Kleid meiner Schwester war genau das: die offene Grenzüberschreitung. Sie löste in meinem Inneren den Alarm aus, den sie auch in der Außenwelt ausgelöst hätte. Ich schämte mich wie kaum je zuvor in meinem Leben. Es war unerträglich.

Nachdem ich geradezu panisch die grüne Gefahr von mir gerissen hatte, schämte ich mich immer noch, aber wegen einer ganz anderen Sache. Ich hatte gewagt, einen Zauberspiegel zu befragen: „Was passiert, wenn ich richtig breit ‚nicht heteronormiert‘ auf mich selbst draufschreibe?“ Und die Antwort gefiel mir so wenig wie der Königin im Märchen: „Dann packt dich das nackte Grausen.“

Wie flüchtig war mein schwuler Stolz, wenn ihn ein Stückchen Stoff wegpusten konnte?

* * *

Seitdem arbeite ich an dieser ärgerlichen Sache, auf eine etwas verschämte Weise, zugegeben. Ich genieße die Auftritte charmanter Tunten und fühle mich dabei immer ein bisschen wie ein Parasit, der sich emanzipatorische Kraft aus den Normüberschreitungen anderer saugt. Ich beobachte immer wieder, dass Polit-Tunten die am wenigsten von akutem oder verdrängtem Selbsthass betroffenen Schwulen sind, die ich kennenlernen durfte. Fummel und schwuler Selbsthass scheinen einander fast naturgesetzlich auszuschließen; das beeindruckt mich. Polit-Tunten ziehen mich an, weil sie eine Freiheit verkörpern, die ich mir selbst immer noch nicht zu hundert Prozent zugestehen kann: die Freiheit, auf Männlichkeit zu pfeifen und mir Freiräume zu erobern, die wirklich jenseits der erstickenden männlichen Normen liegen. Die Freiheit, notfalls den Alarm auszulösen und Privilegien zu opfern, um einfach man selbst sein zu können. Und nicht zuletzt bewundere ich den Kampf der Tunten dafür, dass alle das können. Dass Schwulsein als Anderssein akzeptiert wird und nicht als ein vermeintliches Gleichsein, das nur durch Verstecken des Andersseins notdürftig simuliert werden kann. Dass vermeintliche Weiblichkeit kein Anlass zur Abwertung bleibt. Alles das also, was ich unter Emanzipation verstehe.

* * *

Viele Jahre nach meiner Geisteranrufung vor dem Spiegel fand ich mich unversehens doch noch einmal in einem Kleid wieder. Eine Freundin packte beim gemeinsamen Flohmarktverkauf ihr altes Hochzeitskleid aus, ein eher schlichtes helles Leinenkleid mit Puffärmeln, und sie hatte eine alberne Idee. Diesmal starrten mich nicht nur Geister an, sondern etliche reale Menschen. Aber der innere Alarm blieb vollkommen stumm.

Es lag sicher nicht nur daran, dass mir Weiß einfach besser steht als Grün.


Diesen Beitrag habe ich für den Sammelband „Selbsthass und Emanzipation“ geschrieben, den ich hier neulich schon beworben habe. Die Herausgeberin Patsy l’Amour laLove stellt das Buch noch in mehreren deutschen Städten vor (Termine hier).


1 Ulrichs, Karl Heinrich: Memnon. Die Geschlechtsnatur des mannliebenden Urnings. Siebente Schrift. Schleiz 1868. S.115.

2 Ulrichs, Karl Heinrich: Inclusa, Anthropologische Studien über mannmännliche Geschlechtsliebe. Zweite Schrift über mannmännliche Liebe. Leipzig 1864. S. 12f.

3 Ulrichs, Karl Heinrich: Brief an die Schwester. Vier Briefe von Karl Heinrich Ulrichs (Numa Numantius) an seine Verwandten [1862], in: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen 1, 1899. S. 50.

4 Ulrichs, Karl Heinrich: Inclusa, Anthropologische Studien über mannmännliche Geschlechtsliebe. Zweite Schrift über mannmännliche Liebe. Leipzig 1864. S. 19.

5 Ulrichs, Karl Heinrich: Brief an die Schwester. Vier Briefe von Karl Heinrich Ulrichs (Numa Numantius) an seine Verwandten [1862], in: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen 1, 1899. S. 47.

6 Mitteilungen des Wissenschaftlich-humanitären Komitees 1926-1933, Faksimile-Nachdruck hrsg. von Friedemann Pfäfflin, Hamburg 1985. S. 346.

7 vgl. Herrn, Rainer: Sex brennt. Papier ausgelegt bei der Ausstellung „Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft und die Bücherverbrennung“ im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité, Mai bis September 2008.

8 Rosa von Praunheim: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, 1971.

9 CID – christliche internet dienst GmbH: Lutherbibel, auf: www.bibel-online.net/buch/luther_1912/5_mose/22/ (Februar 2016).

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13 Kommentare zu “Selbstbildnis im Fummel (unvollendet)

  1. Hast du selber Fummelerfahrungen?
    Wenn nein, warum nicht?
    Ist dein kleiner Finger immer unter Kontrolle?
    Was passiert mit dir, wenn du hörst, schwule Männer seien „weiblich“?
    Magst du Tunten?
    Ist politisches Tuntentum noch ein aktuelles Konzept?
    Und wie ist das eigentlich bei Lesben?

    Ich freue mich wie immer auf eure Kommentare.

    • Nach dem lesen Deines Textes bin ich hin-, und hergerissen. Zum einen möchte ich einigen Deiner Thesen widersprechen, zum anderen hast Du mit der Ausführung Deiner Gedanken großteils sicherlich recht.

      Zu mir: Nein, ich bin selber noch nie im Fummel unterwegs gewesen, geschweige denn, das ich ein Kleid angezogen habe. Es widerstrebt mir. Das liegt vielleicht daran, daß ich gerne ein Mann bin, und mich gerne mit männlichen Dingen beschäftige. Der überwiegende Teil weiblichen Seins weckt nicht mein Interesse, und oftmals sind mir feminine Verhaltensweisen, Interessen, oder Denkweisen suspekt – das wird vielen Frauen aber mit männlichen Verhaltensweisen / Eigenschaften / Dingen ebenfalls so gehen.
      Generell habe ich nichts gegen Frauen, obwohl mir aus den oben bereits erwähnten Gründen tendenziell Frauen eher, bzw. schneller auf die Nerven gehen als Männer. Ich möchte sogar behaupten, daß ich männliche Gesellschaft bevorzuge, wenn ich die Wahl habe. Gerade bei der Ausübung eines Berufs stehe ich da laut meinen Erfahrungen nicht alleine da (…und den Frauen, die das hier lesen, möchte ich sagen: Nix für ungut!). Ob mein Empfinden gegenüber der Weiblichkeit anerzogen ist, oder aus einem natürlichen Selbstempfinden heraus resultiert, ist für mich zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr nachzuvollziehen. Ich gehe aber davon aus, daß man natürlich von seinem sozialen Umfeld in eine bestimmte Geschlechterrolle geschubst wird. Jedoch sehe ich für mich keine Notwendigkeit, meine vielleicht angezogene Geschlechterrolle in Frage zu stellen, weil…siehe oben.

      Gegen feminine Männer, oder die sog. Tunten hege ich grundsätzliche gar keine Abneigung. Soviel Toleranz sollte man eigentlich auch von jemanden erwarten können, der selbst Teil einer sog. Randgruppe ist. Schade fände ich es allerdings, wenn jemand sich dieses weibliche „Ich“ überstreift, um damit tatsächlich z. B. politische Interessen zu vertreten. Lapidar ausgedrückt finde ich es falsch, wenn jemand versucht nicht er/sie selbst zu sein. Das betrifft aber auch Männer, die versuchen, ihre vielleicht eher feminine Seite durch einen Bart, und ein Karohemd zu verschleiern.

      Ich glaube, die Menschen sind zum großen Teil Neuem nicht aufgeschlossen, haben davor Angst, oder sind zu faul, oder phlegmathisch, sich mit Andersartigem zu beschäftigen. Ich ertappe mich selbst ab und an dabei, daß ich mir eingeimpfte Vorurteile im Geiste zu bestätige – peinlich! Daher ist es nicht verwunderlich, daß tatsächlich bei vielen Leuten, die keinen Bezug zu schwulem Leben haben, sogar heute immer noch das Bild vorherrscht, alle schwulen Männer sind feminin. Sich darüber aufzuregen ist für mich zwischenzeitlich so sinnfrei wie der Versuch, bei einem Sturm Laub zu fegen.

  2. Ein großartiger Text, in dem ich viel von mir wiederfinde. Der Schreck vor dem Spiegel durchfährt mich schon und (leider) immer noch, wenn ich darin zu sehen meine, dass die Handhaltung zu „tuntig“ sein könnte. – Es ist kein einfacher Weg, diesen aus der verinnerlichten Scham gespeisten Schrecken abzulegen, aber die einzige Möglichkeit, wirklich frei zu sein. Die `Konfrontationstherapie´ im Fummel kann dazugehören, aber ist sicherlich noch nicht alles. Denn es gilt immer auch zu prüfen: Was tue ich nur als Gegenreaktion und was tue ich, weil ich selbst es will und für mich stimmig finde?

    • zu BenO:
      „Denn es gilt immer auch zu prüfen: Was tue ich nur als Gegenreaktion und was tue ich, weil ich selbst es will und für mich stimmig finde?“

      Das ist eine gute Frage. Es läuft für mich auf die Frage hinaus, wie tief Geschlechtsrollenerwartungen unsere Persönlichkeit durchtränken und wo es, wenn überhaupt, eine „authentische“ Persönlichkeit jenseits von gender gibt. Kann ich das, was du „stimmig“ nennst, überhaupt jenseits von sozialen Konzepten entwickeln? Ich habe diese Frage für mich noch nicht wirklich beantworten können.

  3. Ich bin ein schwuler Transmann mitten in der „Transition“ und finde die Frage, wieviel Tunte wohl in mir steckt, ziemlich spannend. Da ich bis vor kurzem grundsätzlich weiblich gelesen wurde, spielte die Frage nicht so eine große Rolle. Aber so langsam wird’s – mal sehen, was aus mir wird :D.

    • Hi Tomi, ich hatte mich gestern u.a. gefragt, ob schwule Transmänner mit dem Thema Tuntigkeit überhaupt etwas anfangen können bzw. wo da im Vergleich zu Schwulen ohne Transitionserfahrungen die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede liegen. Deshalb freut es mich, von dir zu lesen. Vielleicht magst du ja noch ein bisschen mehr zu deinen Erfahrungen schreiben, falls du hier nochmal reinschaust.

  4. Ein rundum gelungener Text mit historischem Tiefgang. Regt zm nachdenken und Rumphilosophieren an.

    Ich persönlich finde das Skala-Modell von Hirschfeld immer noch sehr hilfreich, um manche Phänomene und mich selbt in meiner Mischung aus weiblichen und männlichen Aspekten, aus hetero- und homonormativen Stereotypen zu verstehen.

    Ich finde allerdings, dass es nicht nur eine Skala von weiblich bis männlich gibt, sondern sozusagen ein Mischpult aus genetischen und anderen Eigenschaften, wie eine Farbpalette. Aus 0-100% blau, gelb, mangenta entstehen Millionen Farben. Aus 0-100% weibliches/männliches Aussehen, Verhalten, Emotionalität, sozialer Prägung, heterosexueller Orientiereung, Hormonhaushalt etc. entstehen Millionen von Identitäten, wobei man irriiterender Weise in einem äußerlichen Bereich 100% Mann sein kann und in einem seelischen Bereich 100% Frau.

    Es ist nur scheinbar paradox, dass ein behaarter Hetero-Hüne ein Frauenversteher sein kann, zugleich gern mal in Frauenkleider schlüpft, die Frauen verehrt und begehrt und sich dennoch wie ein übler Macho verhält.

    Die Polittunten sind m.E. deshalb so kontrovers angesehen, weil sie eben für einen bestimmten Typus Mensch genau die Kombination von starker, dominanter Fraulichkeit und schwulem, d.h. in diesem Fall ja auch männlichem Durchsetzungsvermögen repräsentieren, der imponierend ist. Da ist alles auf 100% . Es gibt aber auch solche Männertypen. Und andere können genau damit nichts anfangen, weil ihre identität den gebrochenen Farben auf der Palette gleicht.

    Beides ist o.K. Ich glaube nicht, dass die eine Gruppe die andere vertreten kann, wenn sie das jeweilige Anderssein nicht akzeptiert.

    Welcher Typus Nicht-Mann provoziert, gleichzeitig fasziniert und geächtet wird, wechselt mit den Zeiten, je nachdem, welche verdrängten Aspekte dadurch sichtbar werden. Früher provozierten die weiblichen „Blaustrümpfe“. Heute haben die androgyne Conchita Wurst und bärtige Jünglinge mit lackierten Fingernägeln die Tunten abgelöst, die ein nach modernen Vorstellungen recht machohaftes Fraunenverständnis repräsentierten, .

    Ich finde: Das alles darf ein Problem sein. Für Heteros, wie für Homos. Wenn wir nur den emotionalen Mut haben, darüber zu kommunizieren, was in uns vorgeht, wenn wir verschiedene Signale setzen, wenn wir hin und wieder nicht nur zeigen, wen wir provozieren, sondern wen wir anlocken, wem wir gefallen wollen. Letzteres erfordert sehr viel mehr Mut. ( Dass man als Mann offen zugibt, einem anderen nicht männlichen Mann gefallen zu wollen, ist übrigens das größte Tabu! ) Man darf im Clinch mit der Fraulichkeit und Männlichkeit, sogar mit Dominanz und Hingabe sein, egal, ob man das in sich selber ordnet oder die Außenwirkung bedenkt. Wie Loriot schon sagte: Männer und Frauen passen halt nicht zusammen. Schwule Männer und schwule Männer auch nicht. Das ist normal.

  5. Großartig, viele Gedanken anregend und mal wieder: tolle Worte für Dinge, die echt schwer zu erklären sind. Man sollte dich zur Standardlektüre für alle machen!
    Liebe Grüße
    V

    • Du meinst, so mit staatlichem Zwang und als Pflichtlektüre an Schulen und so? Da bin ich im Sinne der Weltverschwulung natürlich gern dabei! :-))

  6. Ich kenne das unter Schwulen eigentlich ständig, in schwulen Cliquen. Vermeintlich gute Schwule sind integriert. Sie sind angepasst, männlich, unauffällig, cool. Haben männliche schwule Hobbys. In allen schwulen Kreisen werden immer gerne abwertende Witze über Tucken gerissen. Geschichten werden erzählt über den einen Kerl der männlich im Profil wirkte, total weiblich in der Realität rüber kam. Total die Schwester!
    Das ist Standard in unserer Szene.
    „Du hast deinen Lidschlag auch nicht unter Kontrolle!“ – Großes Gelächter.
    Als schwuler Mann sich dem Femininen hinzugeben, wird als Schwäche wahr genommen. Es ist ein Wettbewerb welcher Schwule am männlichsten ist. Tunten werden als schwule Clowns wahr genommen: „Sind das nicht immer Kabarettisten?“

    Ich selbst hätte auch nicht den Mut einen Fummel zu tragen. Warum? Man kann es reduzieren auf: Man möchte geliebt werden.
    Ich muss aber sagen, selbst wenn das nicht wäre: Ich glaube ich würde es trotzdem nicht tun. Ich finde mich darin nicht attraktiv. Und nein, ich meine nicht das Empfinden der anderen. Das ist natürlich nicht unwichtig. Natürlich möchte man anderen gefallen. Ich meine aber auch: Ich möchte mir auch SELBST gefallen. Es ist nicht nur schwule Scham.

    Mein Eindruck aber ist, dass das Feminine derzeit quasi tot ist. In Filmen, Serien, Erzählungen. Beispiel: Das Außenseitermädchen dass mit den quietschigen Cheeleader-Schulkameraden nichts anfangen kann weil sie alle hohl in der Birne sind. Eigentlich würde sie viel lieber selbst Football spielen. Sie ist cool, männlich.
    Das Gamergirl dass sehr wohl auch Games wie DarkSouls spielt. Harter Stoff also den sonst nur harte Jungs zocken! Dieses Mädchen flucht und schimpft, richtig prollig sogar. Sie ist cool, anders, edgy.
    Mit anderen Worten: Ich habe den Eindruck dass selbst bei Frauen selbst Feminines unmodisch, bisweilen als dumm wahrgenommen wird.

    Was bedeutet es feminin zu sein? Was gewinnen wir? Warum ist es gut?

    • Hi Chris, ich glaube, dass du die Tuntenfeindlichkeit in Teilen der Szene sehr treffend beschreibst.

      Ich sehe mich selbst in so einer Art „Old School“-Tradition, d.h. für mich gehört eine zumindest miminale Kultivierung des Tuntigseins noch zur schwulen Identität dazu. Ich sehe auch bei jüngeren Schwulen gelegentlich noch diese Tuntigkeitskultur, heute eher unter dem Etikett „Queerness“ (was natürlich ein bisschen was Anderes ist, aber vielleicht eben nur ein bisschen). Nach meiner Beobachtung laufen da mehrere Konzepte, Kulturen und emotionale Effekte parallel, vielleicht nicht mal wirklich in unterschiedliche Szenen aufgeteilt, sondern in vielfältigen Mischungsverhältnissen.

      Insofern muss ich dir dann doch wieder recht geben: Ein gewisses tuntenfeindliches Grundbrummen durchzieht vermutlich die gesamte schwule Szene, und auch die vermeintlich so offene queere Szene ist nicht völlig frei davon.

      Auch deine Beschreibung, dass viele Frauen eine Aufwertung durch vermeintliche „Männlichwerdung“ betreiben, finde ich treffend. Aber auch hier sehe ich Gegenbewegungen. In Mode und ganzer äußerer Erscheinung scheinen sich Männer und Frauen heute so weit voneinander wegzubewegen wie lange nicht mehr. Traditionelle, teils knallhart biologistische Konzepte von männlich und weiblich werden in großen Fernsehshows abgefeiert, und dazu gehört natürlich auch die „weiche, gefällige, sich unterordnende“ Frau. Bei vielen Frauen sind sämtliche Attribute von betonter Weiblichkeit, die ich für rückgängig hielt, heute wieder total en vogue, inkusive eines (aus meiner Sicht) wirklich bekloppten Tussitums (also auch auf sozialer / charakterlicher Ebene). Auch hier also Parallelwelten.

      Es bleiben die klugen Fragen, die du am Ende stellst. Ich möchte eine vorläufige Antwort versuchen und die Frage aufteilen.

      Warum ist es gut, sich nicht total mit traditionellen Männlichkeitsnormen zu identifizieren? Weil traditionelle Männlichkeit in vieler Hinsicht ungesund und schlecht für mich und meine Umgebung ist.

      Warum wäre es gut, sich mehr mit dem zu identifzieren, was traditionell unter „Weiblichkeit“ läuft? Weil vieles daran sehr gut ist: Sich in andere einfühlen, sich selbst nicht immer in den Mittelpunkt stellen, auch mal die Klappe halten, für Andere sorgen, sich um Schönheit bemühen… Vieles von dem, was Frauen aus gutem Grund ablehnen, sobald es ihnen zur einengenden Pflicht gemacht wird, ist eigentlich total gut – wenn man sich freiwillig und zeitlich begrenzt dafür entscheiden kann.

      Eine Welt, in der alle immerzu nur „männlich“ sind, wäre die Hölle.

  7. Ich frage mich, ob es nicht einen begrifflichen Unterschied zwischen „Tunten“ und „weiblichen Männern“ machen kann. Weiblichkeit oder Androgynität empfinde ich bei Männern (egal ob homo oder hetero) als attraktiv und ich beneide Menschen, die auf so eine geheimnisvolle, scheinbar absichtslose Art wirken können. Wenn ich meine weibliche Seite hervorkehren wollte, würde ich immer den etwas femininen Mann betonen. aber ich finde, man muss nicht das sein wollen, was einem gefällt. Dominante Vollweiblichkeit, Fraulichkeit, die wie eine Spiegelung von Machotum rüberkommt, sagt mir nicht so viel. Sie hat für mich keine Geheminisse. Für andere ist es wahrscheinlich umgekehrt. Aber aus dem Grund hat mich eine Vereinnahmung durch Männer, die mir unbedingt einen Frauennamen aussuchen wollten, weil sie selbst das so richtig fnden, in meiner Identitätsfindung eher behindert und verunsichert. Heute bin ich da lässiger. Die waren halt nicht meine Peer group.

    Ich finde, dass man sich nicht in jemanden verlieben kann, der, bei aller Sympathie, nicht ein Stück geheimnisvoll ist und fremd – so wie ja auch Heterojungs für Heteromädchen fremd und geheimnisvoll sein können und umgekehrt.

    Insofern kann ich nicht verstehen, warum es nicht verschiedne Formen schwuler „Inszenierung“ geben sollte, die sich ausschließen. Denn sonst gäbe es auch keine Formen, die sich anziehen.

  8. Der Text ist wieder sehr lesenswert und ich werde mir das Buch von Patsy l’Amour laLove sicherlich besorgen. Ich muss gestehen ich habe bei der Spiegelszene sehr lachen müssen, weil ich ein grasgrünes Samtkleid besitze, dass ich bei Gesangsauftritten getragen haben. Insofern habe ich mich da selbst im Spiegel gesehen.

    Meine eigene Erfahrung mit den vermeindlich weiblichen und dem noch vermeindlicheren männlichen ist auch eher von Scham und Entwicklung geprägt. In meinen jungen Jahren wurde ich oft für ein Mädchen gehalten. So musste ich ab und an in einem Geschäft so Sätze hören wie „Die junge Frau war vor mir dran.“ oder „junge Frau könnten Sie doch bitte mal helfen“. Lustig war das auch nicht immer, gerade nicht in der Zeit in der ich mich selbst suchte. Anfänglich schämte ich mich dafür, warum kann ich nicht sagen, aber vielleicht war das eher das normale Pubertätsschämen. Während ich diese Zeilen schreibe, habe ich darüber nachgedacht, ob es wirklich nur Pubertätsschämen war, oder ich nicht als weiblich geltend wollte. Ich glaube es hatte tatsächlich damit zu tun, dass ich als das erkannt werden wollte, was ich bin. Mit der Zeit hat sich der Mann durchgesetzt, indem ich dann freundlich daraufhin gewiesen habe, dass ich ein junger Mann sei. Im Rückblick ist das wohl eher Trotz gewesen, als tatsächlich sich zum Manne zu bekennen. Mit der weiteren Zeit war es mir dann schlicht egal. So dass mich manchmal Freunde anstießen und raunten, dass man mich eben weiblich angesprochen hat.

    Was aber bis heute geblieben ist, ist die Tatsache, da ich eine für einen Mann hohe Stimme habe, dass man mich am Telefon oft mit einer Frau verwechselt. Vor allem in meinem beruflichen Umfeld kommt es oft vor, dass man mich für meine Sekretärin hält. Ich muss gestehen manchmal mache ich mir das auch zur Nutze, vor allem wenn ich Telefonate führen muss, die ich schnell wieder loswerden will oder ich Informationen haben will, die man auf Sekretärinnenebene schneller erhält…und wie gesagt auch beim Singen mache ich mir meine Weiblichkeit zur Nutze. :-)

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