Über Männerhaare, Frauengurken und grünreaktionäre Entspannungstechniken

Schwedische Wissenschaftler:innen haben jetzt herausgefunden, dass 85% unserer Planetenoberfläche gar nicht aus gewöhnlicher Materie bestehen, sondern aus heteronormativen Firlefanz-Atomen zusammengesetzt sind. Und jedes Jahr werden es zwei Prozent mehr.

Jaja, das ist natürlich Quatsch, ich wollte nur schon immer mal einen Text mit „Schwedische Wissenschaftler:innen …“ beginnen. Aber ihr wisst vielleicht, was ich meine. Heteronormativität, Sexismus und alles, was noch in diesen Bereich gehört¹, sind Plagen, die sich überall ausbreiten, wenn wir nichts dagegen tun. Da sind ja nicht nur die gespenstischen „Glitzerpinklillifee“- vs. „Schwarzblaupiratenrennauto“-Höllen in den Spielzeugabteilungen. Unser ganzer Alltag ist mit heteronormativem, sexistischem Mist vollgestellt, ist davon durchdrungen und trieft davon. Heteronormativität wird nicht nur gedacht und gesprochen, sondern wir kaufen sie ein, wir ziehen sie uns an, wir reiben unsere Körper damit ein und wir futtern sie in uns hinein. Wir leben in einer Zeit, in der mit wachsender Selbstverständlichkeit noch die abwegigsten Alltagsdinge als männlich und weiblich zugeordnet und mit stereotypen Rollenmustern aus werweißwelchen Mottenkisten befrachtet werden. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass das nicht besser wird, sondern immer schlimmer.

So munkeln die Alten, es habe dereinst eine Zeit gegeben, in der die Menschen von einem Haarwaschmittel einfach nur erwarteten, damit ihre Haare waschen zu können. Ja, liebe Kinder, das können wir uns heute gar nicht mehr vorstellen, es waren verrückte Zeiten damals. Heute wissen wir natürlich: Shampoo ist vor allem dazu da, uns unserer sexuellen Identitäten zu versichern. Die Haupthaare von Männern dürfen nicht einfach nur dekorativ auf dem Kopf rumliegen, sondern sie brauchen „Kraft“ und „Vitalität“; da verhilft schon mal eine „leistungsstarke Power-Formel“ zu einem „Doping für die Haare“. Die entsprechenden Produkte kommen in so düsteren Verpackungen daher, dass sie im Regal einer Autowerkstatt neben dem Motoröl nicht deplaziert wirken würden. Auffällig viele Verpackungen für Männershampoos und -duschgels haben seltsame Noppen und Griffrillen, die vermutlich der kräftig zupackenden Männerhand das ersehnte Gefühl vermitteln sollen, dieses Ding so sicher in der Pranke zu halten, dass man damit notfalls ein mittelgroßes Beutetier erschlagen kann, falls eines an der Duschkabine vorbeistreunt. Oder vielleicht sollen sie auch nur verhindern, dass die Flasche – quelle horreur! – in der Gemeinschaftsdusche des Fitnessstudios der Hand entgleitet (#AngstvordemSeifeaufheben). Ist ja aber beides wichtig. Frauenshampoo dagegen muss das Haar vor allem „weich“, „unbeschwert“ und „seidig“ machen und darf gern die eine oder andere pastellige Farbe auf dem Etikett tragen. Frauenhaar muss nicht arbeiten, sondern gefallen.

Solche Zuordnungen geschehen nicht immer so absichtlich oder so absurd willkürlich wie bei vergenderten Gurken, Kartoffelchips, Früchtetees, Batterien, Gartenscheren oder Ohrstöpseln. Manchmal entwickelt die Vergenderungshysterie eine Eigendynamik, die immer mehr Dinge in die heteronormative Matrix hineinsaugt wie in einen Mahlstrom.

Irgendwann wunderte ich mich, warum die Werbung für Coke Zero sogar in unserem verstörenden Werbeuniversum noch durch eine ungewöhnliche Sexismusdichte aus dem Rahmen fiel. Die Erklärung: Die seit längerem eingeführte Cola Light hatte eher unbeabsichtigt den Ruf der „Mädchen-Cola“ entwickelt und war deshalb für männliche Kunden, die etwas auf ihre heteronormative Fassade geben, untrinkbar geworden. Statt der unsinnigen Limonade-Vergenderung entgegenzuwirken, entschied sich die Herstellerfirma, die absurde Scharade offensiv auf die Spitze zu treiben: Sie reagierte auf den Absatznotstand mit dem eigens als kerlige Alternative entwickelten Produkt Coke Zero, das sich rein chemisch in so gut wie nichts von Cola Light unterschied. Eingeführt wurde die neue Männerbrause mithilfe einer penetrant auf männliche Stereotypen ausgerichteten Werbekampagne, in der es von Hubschraubern, Explosionen, fügsamen Weibchen und tollen Fußballern wimmelte und die geradezu ins Surrealistische abdriftete („Wenn du willst, bin ich gar nicht deine Freundin, sondern Manuel Neuer“). Und natürlich mit einer schwarzen Verpackung.

Auch soll es ein fernes Weltalter gegeben haben, in dem Grillen und Fleischessen nichts mit dem Geschlecht … Nein, von so einer Zeit könnten wohl nicht einmal unsere Urgroßeltern erzählen. Aber auch das kann man ins Extrem treiben und das Grillgut schon per Etikett eindeutig männlichen und weiblichen KonsumentInnen zuordnen: Einer deutschen Supermarktkette verdanken wir nicht nur die Entwicklung einer Männer- und einer Frauen-Bratwurst, sondern auch die Einsicht, dass Frauen auch dann, wenn sie ausnahmsweise einmal Fleischprodukte essen, Wert darauf legen, dass nicht so furchtbar viel Fleisch drin ist, während Männer die Tierkadaver, die sie über offener Glut zu verkohlen beabsichtigen, stärker gewürzt bevorzugen. Um gleichzeitig klarzustellen, was Frauen neben der „besonders mageren“ Frauen-Bratwurst noch begehren sollen, war auf dem entsprechenden Etikett ein besixpackter Kerl vor einem Wolkenhimmel abgebildet; die Männerwürstchen schmückte dagegen eine (besonders magere) Frau in aufreizender Pose vor jenem Hintergrund, den die Männer noch von den Spielzeugverpackungen ihrer Kindheit kennen: lodernde Flammen auf Schwarz. Der Himmel-Hölle-Kontrast verlieh dem ganzen Sexismusquatsch noch eine ironisch-religiöse Anmutung. Diese Narretei machte immerhin sogar in internationalen Medien die Runde. Aber die Erfahrung lehrt leider, dass sexistische Würstchen nicht immer den Spott ernten, den sie eigentlich verdienen.

Nur scheinbar harmlos: Vorbote drohenden Volkstodes

Nicht nur beim Konsum, sondern auch im Alltag kann die harmloseste Verrichtung unvermittelt in reinstes Gender-Gaga hinüberkippen. Mein bester Freund berichtete von einem Krankenhausaufenthalt: Die Pflegerin, die ihn mit den nötigen Dingen ausstattete, zückte ein rosafarbenes Handtuch, dann hielt sie plötzlich inne. „Oder wollen Sie lieber ein blaues?“ Was ging in ihrem Kopf vor? Argwöhnte sie, der Kontakt eines mutmaßlich heterosexuellen Erwachsenen mit einem rosafarbenen Textil würde ihn augenblicklich schwul und unfruchtbar machen und so den Fortbestand der Menschheit oder zumindest des deutschen Volkes gefährden? Fürchtete sie, er könne es als Affront gegen seine Identität auffassen, die „falsche“ Farbe zugewiesen zu bekommen, sich aus Trotz womöglich nicht waschen? Wir können nur spekulieren. Wir wissen – das Foto belegt es –, dass mein Freund dem rosa Risiko standhielt, nicht aber, ob ein durchschnittlicher Heterosexueller an seiner Stelle nicht durchaus dankbar eine bedrohungsfreie Handtuchfarbe willkommengeheißen hätte.

Immer wieder höre ich tiefe Seufzer von Menschen, die diesem ganzen Irrwitz trotzen wollen, aber schon nach ein paar Schritten wieder ausgebremst werden, mal eher subtil, mal richtig brachial. Die Zahl der an der Warenwelt und den „freundlichen Hinweisen“ anderer Menschen schier verzweifelnden Erziehungsberechtigten ist beispielsweise groß.

In der Kassenschlange eines Supermarktes standen vor mir einmal eine Frau und ein kleiner Junge. Unter anderem hatten die Beiden ein Mädchen-Überraschungsei auf das Förderband gelegt. Die Kassiererin zögerte, als sie das Ei in die Hand nahm, blickte auf die Frau, dann auf den Jungen. „Sind sie sicher, dass sie das hier kaufen wollen?“ Die Frau nickte: „Ja, noch findet er das gut.“ In diesem „noch“ lag die Resignation einer (vermute ich mal) Mutter, die wusste, dass der wahre Genderwahn schon bald auch ihren Sohn erwischen würde, wie sehr sie sich auch anstrengen mochte, das zu verhindern. Und der Kleine, der aufmerksam zugehört hatte, hatte schon in diesem Moment gelernt – wenn auch noch nicht ganz begriffen –, dass irgendetwas mit ihm und diesem rosa Ei nicht stimmte. Ich hatte vor Augen geführt bekommen, gegen welche hundertköpfige Hydra Erziehende ankämpfen, die nichts weiter wollen, als dass ihre Kinder sein dürfen, wie sie sind. Sicher können nicht nur explizit queere Menschen an die für ein Kind sehr irritierende Erfahrung anknüpfen, auf irgendeine diffuse Weise nicht in die Ordnung der Erwachsenen zu passen, ohne das so richtig zu verstehen.

Das sind so Momente, in denen man gelegentlich überlegt, ob man eingreifen soll. Aber hätte ich die Kassiererin kritisiert, so hätte sie sicherlich gesagt, sie habe doch nur helfen und ein Missverständnis verhindern wollen. Klar, solche kleinen „Hinweise“ sind fast nie böse gemeint. Der Heterosexismus hat Millionen kleine Helferlein, und sie wollen alle nur das Beste: Ordnung in der Welt. Sie merken nicht, dass sie nicht einfach nur auf diese Ordnung hinweisen, sondern sie durch ihre Hinweise überhaupt erst herstellen. Obwohl das Problem doch eigentlich ziemlich offensichtlich ist: Eine angeblich natürliche und von allen erwünschte Ordnung kann nicht gar so natürlich und erwünscht sein, wenn sie schon unter der Attacke eines Schokoladeneis, eines Shampoos oder eines Handtuchs zusammenzubrechen droht. Aber das hätte ich dort an der Supermarktkasse vermutlich nicht so recht rübergebracht. Also schwieg ich.

Und wir alle schweigen immer wieder, obwohl wir innerlich schon Luft geholt haben. Weil wir wissen, wie kompliziert diese einfache Sache für viele Menschen erscheint, die noch nie darüber nachgedacht haben. Wie unfassbar groß oft das Unverständnis ist, mit dem man rechnen muss. Wie frustrierend lang und steinig der Weg ist, auf den wir uns einlassen, wenn wir von einer freien und gerechten Welt träumen. Allerdings sagt eine Redensart: Qui tacet, consentire videtur. Wer nicht die Nase rümpft, signalisiert, dass der Mist gar nicht stinkt. Und alles, was auf lateinisch gesagt wird, ist ja unzweifelhaft wahr und weise.

Kommen wir kurz zu der Frage, weshalb ich hier lauter Sachen schreibe, die so viele andere schon ausführlicher beschrieben und gesammelt haben (u.a. Pinkstinks, Ich kauf das nicht, Rosa-Hellblau-Falle, bitte ergänzt gern weitere Links per Kommentar). Aus irgendeinem Grund fiel mir ein Vorfall wieder ein, bei dem ich nicht nur geschwiegen, sondern mitgespielt hatte; der geht mir seitdem im Kopf herum und will jetzt raus.

Ich war damals verantwortlich für die Gesamtorganisation einer Veranstaltung, zu der u.a. auch Straßenkunst gehörte. Bei einem der Programmpunkte schlüpften zwei Menschen vollständig in zwei große, biegsame und dehnbare Röhren aus einem silbrigen Material und erweckten diese von innen heraus zum Leben. Die zentrale Pointe ihrer Inszenierung war: „Witzig, diese fremdartigen Röhrenwesen sind so menschlich.“ Diese an sich hübsche Grundidee hätte viele spannende und lustige Geschichten erlaubt, aber man hatte sich für die phantasieloseste unter ihnen entschieden: Boy meets Girl. Mit anderen Worten: „Menschlichkeit“ wurde direkt übersetzt in „Heterosexualität“. Die etwas größere Röhre (in der ein Mann steckte) verliebte sich auf Anhieb in die kleinere (die von einer Frau bewegt wurde). „Er“ warb mit einer roten Blume um „ihre“ Gunst, „sie“ zierte sich schamhaft und kokett, „er“ blieb hartnäckig, es kam zu einer „familienfreundlichen“, weil genitalfreien Liebesszene, und schon ploppte aus der „weiblichen“ Röhre eine niedliche Miniröhre heraus. So weit, so schlimm.

Ich bin mir sehr sicher, dass die beiden KünstlerInnen beim Ausarbeiten der Nummer nicht mit einem arglistigen Grinsen übereingekommen waren, ihrem Publikum ganz bewusst eine richtig fiese heterosexistische Propagandastory überzubraten, um wer weiß welche üble reaktionäre Agenda voranzutreiben. Sie hatten sich überlegt, wie sie diese Röhren mit ihrem reduzierten Bewegungsrepertoire beleben könnten, und mit dieser Geschichte konnten sie auf Nummer sicher gehen. Sie konnten darauf zählen, dass alle im Publikum die abstrahierten Gesten der Röhren richtig lesen würden, weil sie die bekanntesten Klischees unserer Kultur abriefen. Und so kam am Ende wie von selbst eine Geschichte heraus, die alles enthielt, was den Vorwurf der Heteronormativität rechtfertigt: Die Suggestion, Heterosexualität sei universell (sie umfasst sogar märchenhafte Röhrenwesen), sie basiere auf genau zwei von Natur aus gegensätzlichen Geschlechtsrollen (männlich-aktiv / weiblich-passiv) und sie münde idealerweise in die Reproduktion, die ihren eigentlichen Zweck darstelle.

Ich selbst wollte ganz sicher nicht, dass eine solche Botschaft unter das Publikum gejubelt wird, habe aber den Moment verstreichen lassen, in dem ich noch hätte eingreifen können – wegen einer monströsen To-do-Liste, aus Unschlüssigkeit, wie ich es hätte verhindern können und weil ich mir einredete, nicht für jedes popelige Detail persönlich die Verantwortung übernehmen zu müssen (die Röhrennummer war von einem Subunternehmer gecastet worden). Heute ärgert mich, dass ich solchem Zeug die Bühne bereitet habe. Aber immerhin kann diese Geschichte nun hier als ein weiteres Beispiel dienen, das uns zeigt: Heteronormativität ist nicht überall, wo sie auftaucht, böse gemeint. Sie geht nicht immer mit einer bewussten Unterdrückungsabsicht von Privilegierten einher. Sie wird nicht nur von niederträchtigen Menschen reproduziert, die eine reaktionäre Haltung verbreiten wollen. Genau genommen ist das sogar in den seltensten Fällen so. Heteronormativität ist oft einfach das, was passiert, wenn wir nicht nachdenken und nichts dagegen tun. Sie steckt so tief in sämtlichen Aspekten unserer Kultur, dass sie überall fast wie von selbst herausquillt und den Raum einnimmt (in diesem Fall den Marktplatz meiner Stadt), wenn wir es einfach nur geschehen lassen. Und exakt das muss kritisiert werden, wenn wir es mit der Kritik ernst meinen und wirklich etwas verändern wollen.

* * *

Die Notwendigkeit, Heteronormativität und Sexismus schon in ihren alltäglichen, unschuldigen, scheinbar harmlosen Formen zu kritisieren, wird in Frage gestellt, seit es diese Kritik gibt. Neuerdings wird diese Kritik aber auch aus Richtungen torpediert, aus denen man das nicht erwartet hätte. Ich denke hier z.B. an die Diskussion um die Aussagen von Boris Palmer und Winfried Kretschmann, die vor einigen Wochen stattfand. Erinnern wir uns kurz daran, nicht, weil kalter Kaffee so lecker wäre, sondern weil in dieser Debatte Denkfiguren sichtbar wurden, die ich für recht verbreitet und tendenziell gefährlich halte.

Die beiden Grünen-Politiker hatten wiederholt ihre eigene Partei, die Öffentlichkeit und die queeren Aktivist:innen ermahnt, mit den Vorwürfen (u.a.) der Homophobie und des Sexismus doch bitte zurückhaltender umzugehen. Wer beispielsweise Adoptionen durch Lesben und Schwule ablehne, so hatten die beiden behauptet, sei deswegen nicht automatisch homophob – und deshalb von Kritik bitte zu verschonen. Beide drückten sich um die Beantwortung der Frage, welche Ansichten, die nicht auf Homophobie gründen, denn wohl sonst zur Ablehnung gleicher Rechte führen könnten und wovon sonst, wenn nicht von Homophobie, man hier also sprechen sollte. Besonders Palmer tat sich mit einer aggressiven Kritik an denjenigen hervor, die seine und Kretschmanns Aussagen skeptisch beurteilten; er sprach u.a. von „Intoleranz und Jakobinismus“ und von einer „völlig überspannten Reaktion gegenüber der Mehrheitsgesellschaft“.

Die letzte Formulierung ist schon deswegen interessant, weil sie suggeriert, Kritik an Heteronormativität gehe stets nur von der als „persönlich betroffen“ imaginierten Minderheit aus, die sich gegen die nicht-betroffene Mehrheit richte. Dass Heterosexismus-Kritik auch das Bedürfnis von Mehrheitsangehörigen nach einer gesellschaftlichen Selbstkritik widerspiegeln könnte, scheint für Palmer schwer vorstellbar. Dies fügt sich in die deutliche Tendenz beider Politiker ein, Gleichberechtigungsfragen gegen Interessen der vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft auszuspielen und so den Gleichheitsgrundsatz zu einer Frage reiner „Minderheiteninteressen“ zu degradieren, statt ihn als Gesamtaufgabe – und Gesamtinteresse! – der Gesellschaft als solcher zu begreifen, wie es unsere Verfassung ja vollkommen zu recht vorsieht. Auch Palmers Formulierung vom „Minderheitenschutz“ in diesem Zusammenhang lässt vermuten, dass er unbequeme Normalitätskritik wohl gern durch einen gnädigen Paternalismus der „normalen“ Mehrheit ersetzen würde, die sich darob in ihrer eigenen Güte sonnen darf. Wir Minderheiten wiederum sollen dankbar sein, dass man uns wie eine seltene Amphibienart „beschützt“. Aber wovor eigentlich, wenn nicht vor Diskriminierungen im Alltag?

Zwischen den Zeilen senden beide Politiker eine Botschaft, die ich gerade in der aktuellen politischen Lage für verheerend halte. Sie bestärken eine Haltung, die sich derzeit nicht nur innerhalb der grünen Partei abzeichnet, sondern in weiten Teilen der Gesellschaft als gereiztes Knurren immer hörbarer wird: Irgendwann ist auch mal Schluss mit diesem ganzen Gender- und Toleranzgedöns. Am besten gleich jetzt. Man kann es auch übertreiben mit der Gleichheit. Jetzt ist es langsam mal genug mit der politischen Korrektheit, mit immer neuen „Maximalforderungen“, mit der inzwischen doch allzu großen Sichtbarkeit queeren Lebens und Liebens. Was wollen die denn noch alles? Haben wir etwa keine echten Probleme? Nichts gegen diese Menschen, aber …

Palmer hatte schon 2015 in der FAZ allen Ernstes unter dem Titel „Entspannt Euch!“ geschrieben: „Homosexuelle werden heute nicht mehr mit dem Strafgesetzbuch bedroht.“ Dieser Satz ist zweifellos richtig, aber im Zusammenhang mit der immer noch notwendigen Kritik an alltäglicher Homofeindlichkeit und politischer Diskriminierung war er schlichtweg zynisch plaziert. Die Botschaft war: Ihr werdet nicht mehr totgeschlagen und nicht mehr eingesperrt. Könnt ihr denn nicht endlich mal zufrieden sein? Hier wurde ganz offen der reaktionäre Stammtisch bedient. Die innerparteiliche Kritik hielt sich schon damals in Grenzen.

Eines der beunruhigenden Denkmuster zeigte sich beispielhaft in folgendem Satz, den Kretschmann in der Zeit veröffentlichte:

„Auf der einen Seite erleben wir eine tendenziell übersteigerte politische Korrektheit, auf der anderen Seite das krasse Gegenteil: einen Verbalradikalismus und eine Verrohung der Sprache.“

Hier ist der populistische Trick in Kretschmanns Kopf hinein- und wieder herausgesickert, von zwei Seiten zu reden, die es angeblich beide in genau gleicher Weise übertreiben. Die vermeintlich allzu harte Kritik an Intoleranz und Übergriff wird selbst zu Intoleranz und Übergriff umgedeutet. Auf diese Weise werden Menschenfeindlichkeit einerseits und die Kritik an ihr andererseits auf dieselbe ethische Stufe gestellt. Die vollkommen gegensätzlichen Zielrichtungen beider Seiten, nämlich einerseits weniger, andererseits mehr Gleichheit und Gerechtigkeit zu schaffen, werden rundweg eingeebnet und beide der selben moralischen Abwertung unterworfen: Plötzlich erscheinen beide Bestrebungen als gleich falsch. Extreme Diskriminierung sei ebenso verwerflich wie „extreme“ Kritik an Diskriminierung. Die klare Solidarität mit der einen Seite, die mehr Gleichheit und Gerechtigkeit schaffen möchte, wird aufgekündigt, um sich selbst in einer flauschigen „Mitte“ einzukuscheln, die mit dem ganzen Thema angeblich doch gar kein Problem hat. Bzw. die keines hätte, wenn man sie nur endlich mit den Genörgel in Ruhe ließe. Alle Probleme werden auf die „Extreme“ projiziert, um diese „Mitte“ von Problemen freizusprechen.

Queerfeindlichkeit und Sexismus sind in dieser Denkweise erst dann schlimm und kritikwürdig, wenn beides ganz bewusst geschieht und wirklich richtig fies gemeint ist. Selbst Politiker:innen der Union und – ein wahrer Hohn – Funktionäre der katholischen Kirche spulen neuerdings Lippenbekenntnisse „gegen jede Diskriminierung“ ab. Sie meinen damit aber eben nicht jede, sondern nur die angeblich wirklich schlimme Diskriminierung: Beleidigen ohne Kreide im Mund, Einsperren, Totschlagen usw. Die eigene, alltägliche, höchst aktive Diskriminierungspraxis soll dagegen bitte nicht als solche benannt werden. Diskriminieren, das tun immer nur andere. Und die Kritik an Diskriminierung, die soll bitte immer schön „im Rahmen bleiben“, nicht allzu radikal auftreten und deswegen auch die normale Alltagsdiskriminierung nicht anprangern.

Kritisierbar sollen in diesem Denkmuster also nur die „Extreme“ sein, nicht das „Normale“. Damit wird der wesentliche Kern der Kritik unterlaufen, nämlich, Heterosexismus und Co. gerade als Normalität infrage zu stellen. Das Problem ist, wie ich oben beschrieben habe, dass Heteronormativität nicht nur von allerlei bösen Menschen in Form extremer Hetze propagiert wird, sondern dass es um ein strukturelles Phänomen geht, das unseren Alltag in Millionen scheinbar nebensächlichen Details durchzieht und genau daraus seine Macht schöpft. Heteronormativität und Sexismus in ihren alltäglichen Formen mögen manchmal unschuldig sein, sie sind deswegen aber noch lange nicht harmlos. Sicher, eine anatomisch absurde Puppe allein führt noch nicht direkt in die Magersucht, eine mahnende Kassiererin allein treibt noch keinen Jungen, der nicht den traditionellen Männlichkeitsklischees entspricht, in den Suizid. Aber ein Taifun von pinken Glitzerdingen und Millionen kleine „Mahnungen“ zusammen entwickeln eine Wucht, in der die Freiheit unter die Räder kommt, das Glück und schlimmstenfalls sogar ein Leben. Eben diese normalitätskritische Blickweise wird aber als „zu radikal“ diskreditiert.

Wohin diese Debatte führen soll, deutet Kretschmann so an:

„Was die political correctness betrifft […], geht es meiner Auffassung nach darum, eine neue Mitte zu finden.“

Je nachdem, für welches Politikfeld wir das durchspielen, wird uns hier als Lösung ein gemäßigter Sexismus, ein gemäßigter Heterozentrismus oder, weitergedacht, ein gemäßigter Rassismus verkauft. Das wird natürlich nicht direkt so formuliert. Aber wenn es angeblich doch gleich falsch ist, Ungleichheit ausdrücklich zu fordern und Ungleichheit mit „zu niedriger Hemmschwelle“ (Palmer in der FAZ) zu kritisieren, dann besteht der „goldene Mittelweg“, den uns die Kretschmanns und Palmers dieser Welt anpreisen, darin, den Status quo zu idealisieren, alle Probleme nach außen zu verbannen, die in unsere Gesellschaft eingebrannten Ungleichheiten und ihre alltäglichen Ausdrucksformen einfach zu akzeptieren, den alltäglichen Sexismus nicht Sexismus und die alltägliche Homophobie nicht Homophobie zu nennen und einfach gelassen mit den Schultern zu zucken, solange es niemand mit dem Hass allzu sehr übertreibt.

Das Problem Homophobie beginnt aber nicht erst da, wo eine Mutter zwei Schläger auf ihren schwulen Sohn hetzt und ihn dann selber mit dem Messer absticht. Es beginnt nicht erst bei einem populistischen Kalkül, das Heterosexualität auf den Nutzen der Fortpflanzung reduziert, gleichzeitig Homosexualität mit dem Aussterben der Menschheit verknüpft und so die nationalsozialistische Idee „Homosexualität gleich Volkstod“ wiederbelebt, wie wir das sogar in unseren Parlamenten regelmäßig erleben müssen. Es ist die allgegenwärtige Homofeindlichkeit, die das Herausplatzen solcher Hetzreden und Gewalt vorbereitet. Ebenso fängt das Problem Sexismus nicht erst beim Grapschen an, nicht bei der minderbezahlten Arbeit und schon gar nicht erst beim Vergewaltigen. Es ist der Alltagssexismus, der das alles ermöglicht. Die Extreme speisen sich aus dem Normalen. Was, wenn nicht Kritik, wäre denn eine angemessene Reaktion, wenn Ungleichheit, Unfreiheit und Ungerechtigkeit sich in unserem Alltag manifestieren? Wo, wenn nicht dort, sollten wir sie kritisieren? Wer sich die Kritik daran verbittet, erwartet von uns, dass wir die schlimmsten Symptome beklagen, aber nicht die Ursachen der Krankheit benennen.

Lehrreich kann es in solchen Fragen oft sein, „Homophobie“ durch „Antisemitismus“ oder „Rassismus“ zu ersetzen. Oft entsteht dann bei den gleichen Argumentationsmustern und Verharmlosungen ein ganz anderes Gefühl, nämlich eines von relativ selbstverständlicher, weil wesentlich eingeübterer Empörung. Vermutlich sind wir Rassismus und Antisemitismus gegenüber ein wenig empfindlicher als Homophobie oder Sexismus gegenüber. Vermutlich ändert sich das derzeit; offenbar hat sich auch hier die Grenze des Sagbaren längst wieder verschoben. Vielleicht fehlt mir hier auch der Blick des Betroffenen, wenn ich immer noch eine größere Sensibilität unserer Gesellschaft für diese Arten der Menschenfeindlichkeit diagnostiziere. Es geht mir sicher nicht darum, hier einen Diskriminierungswettlauf anzuzetteln. Boris Palmer ignorierte jedenfalls in einem persönlichen Schriftwechsel hartnäckig meine mehrfach wiederholte Frage, ob er es gewagt hätte, seine Inschutznahme von Alltags-Rassismus mit derselben Vehemenz und denselben Argumentationslinien zu verteidigen wie seine Inschutznahme von Homofeindlichkeit – was ich doch recht aufschlussreich finde.

„A Faggot’s Defense“, Jacob Aaron Schroeder, handgeschnittene Spiegel auf Baseballschläger mit Halterung, 2016

Eines muss man freilich eingestehen: Vermutlich wäre es tatsächlich psychologisch und politisch ungeschickt, etwa die Kassiererin mit dem Überraschungsei oder die Pflegerin mit dem rosa Handtuch in alarmistischem Tonfall als Sexistinnen zu beschimpfen. Ihr Verhalten (und mit einiger Sicherheit auch ihr Denken) folgte trotzdem eindeutig sexistischen Mustern. Die Röhrenwesen auf dem Marktplatz hatten sicher nicht die bewusste Absicht, Sexismus zu verbreiten. Aber sie erzählten doch eine Geschichte mit eindeutig sexistischen Anteilen. Es bleibt wichtig, das zumindest zu bemerken. Und es muss erlaubt sein, das auch je nach Situation mit dem jeweils angemessenen Nachdruck zu kritisieren, wenn überhaupt irgendeine Heteronormativitäts-Kritik Sinn ergeben soll.

Eine Kritik, die nicht immer nur auf die Extreme und auf das „Außen“ zielt, sondern die jederzeit auch die Normalität, die vermeintlich selbstverständlichen Grundlagen unseres Miteinanders und unseres Alltagslebens im Blick hat, ist keine Schwäche unserer Kultur, sondern eine Stärke. Diese Kritik hat unsere relativ freie und offene Gesellschaft überhaupt erst ermöglicht. Nur sie ermöglicht auch ihr Fortbestehen. Lassen wir uns das nicht nehmen. Lasst uns also weiterhin die Goldwaage fein justieren und überall zwischen die Zeilen grätschen, wo es sein muss. Sexismuskritik – ja bitte! Homophobiekeule – immer raus damit!


Dank an Jukka für die Hinweise, die hier eingeflossen sind, an Matthias für die Anregungen, sein scharfes Korrekturauge und das Handtuchfoto und an Jacob Aaron Schroeder für die freundliche Genehmigung zur Verwendung seines Fotos.


1 Ich werfe in diesem Text Heteronormativität, Sexismus, Queerfeindlichkeit usw. bisweilen vielleicht etwas kühn ineinander. Sicher ist es eigentlich sinnvoll, das alles hübsch auseinanderzuhalten und immer zu klären, wovon genau wir gerade reden. Aber hier geht es mir vor allem darum, auf welcher Ebene alle diese Probleme kritisiert werden und wie diese Kritik ihrerseits kritisiert wird, und da spielen diese Unterschiede keine so große Rolle.

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52 Kommentare zu “Über Männerhaare, Frauengurken und grünreaktionäre Entspannungstechniken

  1. Ich kenne einfach niemanden, der unglaublich ärgerliche Dinge so unglaublich lustig erzählen kann wie Du — ich brauche nur ein paar Auszüge zu zitieren, und — zack — lesen Dich auch meine heterosexuellen Freund_innen und beschäftigen sich so ganz nebenbei mit einer Materie, die sie sich sonst in dieser Ausführlichkeit vermutlich nie reingezogen hätten. Funktioniert immer wieder :) Und ich finde die Ausführungen natürlich auch einmal mehr top, mit Gendergedöns kenne ich mich ja leider ein bisschen viel aus … Liebe Grüße von der Küste!

    • Vielen Dank, lieber Kollege. Und schön, dass du mithilfst, die arglose Mehrheitsgesellschaft mit unserer sinistren Agenda zu infiltrieren. Harhar! :-)

  2. Danke, dass du dir die Mühe gemacht hast das so detailliert darzulegen! Am liebsten würde ich gerade einen bestimmten Menschen, mit dem ich neulich aneinander geraten bin, zwingen das zu lesen und noch viel wichtiger zu verstehen! Ach was heißt einen Menschen, am liebsten die ganze Menschheit!
    Ich bin immer wieder völlig sprachlos, wenn ich mit z.B. Homophobiekritik auf dieses „bitte die Kritik nicht übertreiben, sonst ist es keine Kritik sondern Intoleranz“ stoße und weiß oft selbst nicht, wie es da weiter gehen kann.
    Heteronormativität und Sexismus ist überall und oft fühle ich mich davon bedroht und bilde mir zumindest ein, dass es auch die Menschen um mich herum einschränkt (auch wenn sie das vielleicht anders sehen). Als ich neulich für das Kind von Bekannten ein Buch kaufen wollte und die Verkäuferin um eine Hilfestellung bat war ihre erste Frage die nach dem Geschlecht des Kindes; noch vor Alter oder Interessen. Das sind die einfachen Beispiele, die die vielleicht viele durchschauen, mehrere nicht mögen, einige kritisieren und womit man auch auf Verständnis stößt. Aber es gibt auch so viele andere Fälle. Subtilere, schwerer zu erkennende in deren Falle man aus dem einen oder anderen Grund selber manchmal tappt (Natürlich um sich hinterher um so mehr über sich selbst zu ärgern).
    Ich finde es ermutigend, dass du in deiner Schlussfolgerung (auch) auf „Kritik darf und muss sein“ kommst. Da fühle ich mich gleich nicht mehr so ganz allein in meinen Bemühungen. ;)
    Und außerdem ist es bei dir so schön strukturiert formuliert, vielleicht kann ich da ja doch noch den erwähnten Menschen zum Verstehen bringen.

    • Bei Kinderkram ist ja die Frage nach dem Geschlecht so selbstverständlich geworden, dass man sie (leider) schon erwartet, auch wenn sie bekloppt ist. Wenn wir anfangen würden, das natürliche Verhalten einfach der Natur zu überlassen, würde es ja nicht klappen; die Natur muss also so früh wie möglich in die kleinen Menschen hineingedrückt werden.

      Ärgerlich ist, dass das halt nie aufhört. Ich stand einmal recht perplex in einem Laden, als ich einen Füllfederhalter kaufen wollte, und die erste Frage war: „Für den Herrn oder für die Dame?“ Ich dachte nur „Huch, wann sind Füllfederhalter zu Sexspielzeugen geworden?“

      • Du kennst den Beitrag von Ellen zu Bic pens for girls aus the Ellen show? Wenn nicht einfach mal bei online anschauen. Nur so zum Thema geschlechtsspezifische Schreibgeräte.

          • Noch mehr zum Gackern, liebster Zaunfink:
            Amazon: BIC For Her Ball Pen – Customer Reviews

            „I keep these pens in my reticule next to my smelling salts, lace-edged hankies, and lavender pastilles. Now, when I want to coyly seek a man’s attention, instead of dropping and dirtying my kerchief so he can gallantly pick it up as I swoon or have a fit of the vapors, I simply drop one of these wonderful pens. The delicate clink it makes when it hits the pavement perfectly says, „Hey, I’d like you to come by with a calling card to ask my father if you can court me.“ Thank you, Bic!“

            „As a Gay man, I have always found all the regular pens on the market extremely difficult to use. Regular pens would fall right out of my delicate girly grasp. But then I saw this fabulous product, and decided to give it a try. I did find the purple one a little too manly and it didn’t work well in my loose flippant grip, but the pink one made it super easy for me to spend my afternoons drafting the latest Gay agenda. Thanks Bic!“

            „Great for insertion.“

          • Dass amazon sich in eine Satire-Seite verwandelt, gibt’s ja nicht oft. Herzlichen Dank für den Link, kami!

  3. Lieber Zaunfink,

    ein wundervoller Artikel, der genau auf den Punkt bringt, was ich auch häufig empfinde. Man braucht sich bloß einmal umzusehen, gerade die rosa-blau-Falle begegnet zumindest mir am laufenden Band. Das beginnt bei der Unmöglichkeit, in einem großen Kaufhaus einen Babystrampler zu erwerben, der nicht blau oder rosa ist und reicht bis hin zu einer Tierheimmitarbeiterin, die sich entschuldigt, weil sie den (männlichen) Kater, den man adoptiert, in eine rosafarbene Transportbox gesetzt habe, weil ja gerade keine andere da gewesen sei.

    Seit kurzem besuchen meine Freundin und ich zusammen einen Tanzkurs. Natürlich war mir schon vorher klar, dass wir dort das einzige Frauenpaar sein würden. Nicht klar war mir allerdings, wie oft man in ein zwei Stunden das Wort „Mann“ sagen kann. Der Tanzlehrer ist furchtbar nett, niemand dort hat ein Problem mit einem tanzenden Frauenpaar, zumindest macht es den Eindruck – aber es scheint völlig an sprachlichen Alternativen zu fehlen. Und so macht meine Freundin eben brav mit, wenn es heißt „Die Männer tun jetzt dies – die Männer tun jetzt das“ – Spaß macht es dennoch. Und trotzdem nervt es irgendwie…meine Frau ist doch kein Mann, und so schwer ist es jetzt nicht zu sagen „Der führende Partner“ – nur, die Sensibilität dafür scheint vollkommen zu fehlen.

    Der Gedanke, dass da zwei Frauen miteinander tanzen, weil sie miteinander tanzen wollen, und nicht deswegen, weil sie keinen passenden Mann dazu gefunden haben, scheint manchen KursteilnehmerInnen auch vollkommen fremd zu sein. So wurden wir dann auch von einer Frau, die neben ihrem Tanzpartner noch einen anderen Mann dabei hatte, dessen Partnerin offenbar nicht gekommen war, während des Tanzens angesprochen, ob wir auch keinen Tanzpartner hätten (scheinbar wollte sie uns ihren partnerlosen Begleiter aufdrücken). Als ich – total verdattert über diese Frage, schließlich war ich ja mit meiner Partnerin eindeutig am Tanzen – „Äh, doch!“, stotterte, fragte sie total erstaunt „Ach, das war so beabsichtigt“ – und als ich dann antwortete „Ja, das ist meine Frau“ war sie auch gleich wieder weg.

    Heteronormative Strukturen sind bei vielen Leuten so fest in den Köpfen verankert, dass sie gar nicht mehr sehen, dass es auch etwas anderes geben könnte – das führt dann zu dem von dir beschriebenen Alltags-Sexismus bzw. der Alltags-Homophobie, die von denen, die sie ausüben, gar nicht wahrgenommen wird. Die ihre Diskriminierungen als so „normal“ empfinden, dass sie gar nicht merken, was sie da von sich geben. Daher kann ich deinen Appell, diese Dinge weiterhin deutlich zu kritisieren, nur unterstützen!

    Ich hatte lange überlegt, ob wir uns wirklich zu seinem Tanzkurs anmelden sollten. Allein dieses ganze „der Mann führt, die Frau folgt“ ist schon sowas von heteronormativ, dass es nur abschrecken kann, hinzu kam auch der Gedanke, ob wohl sehr viele blöde Kommentare und Blicke kommen würden. Schließlich habe ich mich davon freigemacht. Ich tanze gern. Meine Freundin tanzt gern. Also tanzen wir zusammen. Was interessieren mich die anderen? Ich kann doch meine Freizeitgestaltung nicht davon abhängig machen, ob das andere Leute verwirren könnte. Und vielleicht macht es ja auch bei dem ein oder anderen Klick und ein Frauenpaar, das tanzt, ist für sie zukünftig ein tanzendes Pärchen, nicht zwei Frauen, die keinen Mann gefunden haben. Ein schöner Nebeneffekt wäre es zumindest :)

    Viele Grüße
    Kathi

    • Das Tanzen scheint so eine richtige Geschlechtermottenkiste zu sein … Kann mir gut vorstellen, dass man da als lesbisches Paar alle zwei Minuten an ein Klischee kracht.

      Eine (heterosexuelle) Freundin von mir tanzt sehr viel und sehr gut, oft mit anderen Frauen und teils als Lehrerin. Auf die Frage „Bist du jetzt der Mann?“, die ihre Tanzpartnerinnen oft stellen, weil sie als gute Führende bekannt ist, antwortet sie immer: „Nein, wieso?“ Dann kostet sie die Verwirrung ein bisschen aus. „Aber eine muss doch der Mann sein!“ „Ach so, das meinst du. Nein, ich bin kein Mann und ich will auch keiner werden. Aber ich kann diesen Tanz führen, wenn du möchtest.“ Als Lehrerin redet sie nur von „Führenden und Folgenden“. Es geht also auch ohne Genderwahn.

  4. Schön finde ich Deine Aneignung der Begriffe „Genderwahn“ und „Gendergaga“. Das sollte Schule machen – so geht politischer Kampf.

    • Yup. Wobei das zumindest, was den „Gender“-Teil angeht, ja eigentlich eine Rück-Aneigung ist. Dass es den rechtsparanoiden Flitzpiepen gelungen ist, die Begriffe „Gender“ und „Gender Mainstreaming“ ihrem Verschwörungsweltbild einzuverleiben, ist eine – leider sehr effektive und politisch erfolgreiche – Frechheit.

  5. Guten Morgen von der Donau. Was für ein wunderbarer Text, ich habe gelacht, ich habe gedacht, ich habe mich empört, erkannt (oder erst erkannt, dann empört) und beim Handtuchfoto frische Salztränen gelacht. Toll geschrieben und so viele wahre Kerne, das ich wünschte, so flott und klar schreiben zu können.
    Beste Grüße,
    Stefan

  6. Piep, piep.
    Schön geschrieben, und trotz des komplexen Themas gut verständlich, das mal vorab.

    Nun zu dem, warum ich schreibe:
    ich bin selbst Mutter einer 5 1/2 und hatte mir vorab strikt vorgenommen, dem Kind den Schubladenwahn zu ersparen und sie ganz gleich welchen Geschlechts angehörig ihr möglichst viele Dinge zu eröffnen.
    Es ist erstaunlich, auf was für Schwierigkeiten man dabei stoßen kann!

    „Bei Geschenken: nichts hauptsächlich rosanes. Ernsthaft. Wenn es bissl Rosa dabei hat, von mir aus, aber ich will keine reinen Mädchensachen, so lange sie sich das nicht ausdrücklich wünscht!“
    – Junge, Junge, hätte ich meine überlegte Drohung, solche Geschenke formell zu verbrennen, auch ausgesprochen, hätte ich ’ne Menge Umweltverschmutzung zu verantworten. Rosa Kleidchen. Ernsthaft.

    Beim Anschauen des leider einzigen freien Kindergartenplatzes stritten sich ein paar Kinder beim Kneten; eins der Mädels hat wohl einen Jungen „geschlagen“.. Die Erzieherin trennte die Stöpsel und meinte, und das ist jetzt wortwörtlich zitiert: „Mädchen hauen nicht.“
    Statt wie ein vernünftiger Mensch generell Gewaltfreiheit zu propagieren oder wahlweise wenigstens Konfliktlösungsstrategien an zu gehen.. nein, den Mädchen sich zu wehren verbieten, das funktioniert bestimmt. Was.
    Irgendwann kam meine Tochter dann auch heim und faselte davon dass Jungs nicht weinen dürften, Mädchen schon. Bis ich den Schmarrn wieder raus hatte!

    Auch bei Spaziergängen begegnet mir das immer wieder, dass sie aufgrund ihrer einfach entweder bunten oder dunklen (..da sieht man die Flecken nicht so gut ) Kleidung und des wegen der schwer zu pflegenden Locken kurz gehaltenen Haars für einen Knaben gehalten wird.
    Da ist es dann meist so, hören sie den Namen, der eindeutig weiblich ist (weil er uns echt gut gefiel):
    a) es wird schlicht ignoriert (ichweiß nicht, obs den Leuten einfach peinlich wäre, zugeben zu müssen, dass sie sich im Geschlecht getäuscht haben, oder ob sie mir nicht zutrauen, dass ich mein Kind beim richtigen Namen nenne und weil es nicht rosa ist, kanns halt auch kein Mädchen sein..)
    b) fürchterlicher Schrecken, weil sie ja ein Mädchen als „er“ bezeichnet haben. Ich schwöre, ich habe noch nie wen mit dem Messer bedroht deswegen.

    Manch einer fragt wenigstens vorher, bevor er mit er oder sie anfängt; meine liebste Antwort ist dann immer „ist das wichtig? Ist ein Kind.“ und führt zu verwirrten Blicken, selten zu einer Antwort.

    Aber es gibt auch positive Dinge.
    Ihr bester Freund wurde als er sich für seinen 4. Geburtstag eine rosane Krone wünschte weder kritisiert noch dumm angeschaut, und auch wenn ihr Cars Rucksack bisweilen iritierte Blicke auslöst, findet das unter den anderen Eltern dann doch eher wohlwollen und Lächeln, kritisiert oder auch nur gefragt, warum, wurde ich noch nie.
    Auch ist es schön, wenn sie mit ihrem Freund hier ist und sie dann eben „Dino-Pony-Familie“ spielt, sie die Dinos, er mit Begeisterung und Hingabe die pastellbunten Ponys.
    Und danach gucken sie einträchtig Feuerwehrmann Sam (und spielen es nebenbei nach).

    Auch war es ein wenig Arbeit, sie von Mann+Frau+Kind = Familie weg zu bekommen, aber jetzt spielt sie auch gerne mal Mann+Mann+Kind oder Frau+Frau+Kind und weiß, was Adoption ist, dass man sich auch „Liebe machend“ ein Kind „mit einem anderen Mann machen kann“ und findet das auch gar nich mehr eigenartig, hat das halt nur aus dem Kindergarten heraus (seufz, christlich -_-) nicht gelernt. Das muss man als Eltern immer noch selbst machen.

    Im Großen und Ganzen ist es harte Arbeit, aus einem Kind einen Menschen zu machen, keinen Schubladenbewohner, aber!
    Und das ist meine Kernaussage:

    Es gibt Hoffnung.

    • Danke für diesen Beitrag, Elke Sofia. An Mütter wie dich dachte ich, als ich von der „Hydra“ schrieb, gegen die ihr so tapfer ankämpft. Es ist schön, dass sich in solche Berichte zumindest auch immer mal wieder positive Erfahrungen mischen wie die von dem Jungen mit der rosa Krone und den Spielen deiner Tochter.

      Ich hörte, dass es in Finnland einen Trend gibt, dass junge Eltern ihren Verwandten und Freund:innen einfach konsequent gar nicht mehr verraten, welches Geschlecht das Kind hat. Rosa Geschenke fallen dann meistens weg. Ob das wirklich eine gute Idee ist und wie lange man es durchhält, weiß ich aber nicht.

      Ich kann mir auch vorstellen, dass es für manche Kinder komisch ist, wenn sie einerseits im Kindergarten dauernd die Stereotype reingebraten bekommen, und dann andererseits die Eltern ihnen erzählen, wie unsinnig das ist. Vielleicht ist das eine dumme Frage, aber hast du manchmal das Gefühl, dass da für deine Tochter eine Spannung entsteht und sie sich fragt, wer denn nun recht hat? Falls ja, wie geht sie / gehst du damit um? (Die Frage können natürlich gern auch andere beantworten.)

      • Ja, da ist defintiv eine Differenz, eine Spannung, leider. Sie kommt immer mal wieder mit Unsinn wie: Mädchen dürfen weinen, Jungs nicht (als ich nach fragte im Kindergarten, meinte die Erzieherin genervt, dass die Eltern das ihren Jungs bei bringen und die tragen das weiter, da könnten sie nicht viel gegen machen, fände das aber auch weniger erfreulich..). Derartigen Mist muss ich ihr natürlich irgendwie erklären, aber erklären sie mal einem Kind, dass es seines Geschlechtes wegen als minderwertig gesehen wird in diesem Klischee-Geschlechter-Blabla und man es in eine Rolle zwingen will, in der es unterwürfig und zahm zu sein hat, und man alles zu tun versucht, um zu verhindern, dass man ihre Seele bricht!
        Das ist fast unmöglich. Man kann sie nur versuchen, stark zu machen.

        @Thadea: ja, ich weiß, was sie meinen, aber ich meinte tatsächlich nur „sie zum Mensch (der sie sein will / schon ist) erziehen“, nicht „zur Frau“ oder „zur Emanze“ ^^ ist schwierig zu formulieren, ich fürchte, da findet meine Eloquenz ihre Grenzen.

    • > „ist das wichtig? Ist ein Kind.“

      Als ich 2009 ein Verkaufstraining absolvierte, sollte ich in einem Rollenspiel einen männlichen Kunden darstellen, dessen (nicht anwesende) Frau gerade schwanger war. Mir gegenüber als Verkäufer ein junger Mann (Anfang zwanzig). Dieser startete nun erst einmal etwas Smalltalk (an sich zur Auflockerung der Atmosphäre gedacht) und stellte natürlich u.a. die unvermeidliche Frage „Was wird es denn?“. Als ich antwortete „Ein Baby!“ warf ihn das total aus der Bahn. Sollte doch dieses Palaver eigentlich nur dazu dienen, eine „positive Verkaufsatmosphäre“ zu schaffen – was durch meine bewusste Durchbrechung dieser zwanghaften Standard-Abfrage gründlich misslang – sah er sich doch leider nicht dazu in der Lage, damit auch nur annähernd nonchalant umzugehen.
      Leider war der junge Mann, den ich eigentlich ganz putzig fand und deshalb an sich auch auf keinen Fall irgendwie hatte auflaufen lassen wollen, hinterher richtig sauer auf mich. Was mir dann natürlich auch leid tat. Dennoch war ich einfach nicht gewillt, so ein Spielchen einfach so ohne „Twist“ mitzuspielen.
      So kann man offenbar aufstrebende Verkäufer_innen auch heute noch ziemlich rasch aus der Bahn werfen. Und zwar OHNE es zu wollen.
      (Die Firma verließ ich übrigens selbst noch während der Probezeit.)

      ***

      > „Im Großen und Ganzen ist es harte Arbeit, aus einem Kind einen Menschen zu machen“

      Über diesen Satz in Deinem sonst ja sehr positiv-wohlwollend-feinfühligen Beitrag bin ich etwas gestolpert. Ich denke nämlich, dass ein Kind bereits ein Mensch IST. Du machst das sicher optimal, ja eben auch gegen normative Schwierigkeiten, und hast das vermutlich auch gar nicht SO gemeint. Aber bei mir hat das etwas getriggert, da MEINE Mutter leider mit aller Gewalt versucht hatte, aus mir einen ANDEREN Menschen zu machen als den, der ich war und bin.
      Dies wollte ich an dieser Stelle nicht unbemerkt lassen.

      ***

      An den Finken:
      Wie immer genial, pointiert und bestens ausgearbeitet. Kein Wunder, dass es immer ein Weilchen dauert, bis man wieder von Dir zu lesen bekommt. Herzlichsten Dank dafür und stets weiter so! <3

  7. Echt ein toller Beitrag, ich bin begeistert! Ich hätte gerne in paar bessere Ideen für mich, wie man Sexismus oder Homophobie in einer Weise kritisiert, die beim Empfänger irgendwie eine Chance hat, durchzudringen. Ich sehe und höre diese Alltagssituationen und begegne ihnen leider doch zu oft mit stummer Ratlosigkeit. Da die „Hydra“ auf mich als bald-Mutter in einer Regenbogenfamilie wohl durchaus hungrig lauert, muss ich mir wohl auch was einfallen lassen….

    • Was das „Projekt Hydra“ angeht, müssten für den konkreten Austausch jetzt am besten andere Erziehende mit entsprechenden Erfahrungen ran.

      Pauschale Erfolgsrezepte gibt es da sicher nicht. Die eine Person braucht vielleicht zuerst mal einen Schlag an den Hinterkopf, um zu kapieren, dass sie wirklich üblen Unsinn redet, die zweite erreicht man eher, indem man versucht, an ihren eigenen Freiheitsdrang zu appellieren und klarzumachen, wie schade es ist, Freiheiten mit Stereotypen einzuschränken, bei der dritten kann man an deren eigene Erfahrungen von Diskriminierung anknüpfen, und die vierte braucht vielleicht erst einmal mehr theoretischen Input über „Normen“.

      Ich kann jetzt leider spontan keine konkreten Erfolgsanekdoten präsentieren, aber ich glaube, dass man im persönlichen Kontakt am weitesten kommt, wenn man nicht nur kritisiert, sondern versucht, den Punkt zu finden, an dem sich die andere Person mit den Bedürfnissen oder den Problemen von Menschen identifizieren kann, denen man mit irgendwelchen Normen ihre Freiheit einschränkt, die man beschimpft oder denen man sogar gleiche Rechte vorenthält, Die Empathieebene halt. Oder man versucht, sich nicht darauf zu konzentrieren, wie schlimm Heterosexismus ist, sondern darauf, wie schön eine Welt ohne ihn wäre. Wir (ich schließe mich da unbedingt mit ein) neigen ein bisschen zu sehr dazu, zu klagen und zu wenig dazu, gemeinsam zu träumen.

      Ich weiß schon, das klingt alles nach erstem Semester Sozialarbeit, und selbst, wenn die Theorie so simpel wäre, wäre es die Praxis noch lange nicht. An der Supermarktkasse wird das nämlich eher nicht immer klappen. Aber vielleicht bei den Menschen, mit denen man ein bisschen näheren Kontakt hat. Ich glaube, wenn man ein paar Menschen auf dieser Ebene erreicht, wäre das schon viel. Und wenn man langfristig wenigstens die eigenen Kinder ein bisschen sensibilisieren kann, ist das ein super Erfolg, der vor allem wirklich nachhaltig ist.

      Mir machen Eltern wie du und Elke Sofia und all die anderen jedenfalls eine Menge Hoffnung.

  8. Über Männerhaare, Frauengurken und grünreaktionäre Entspannungstechniken | Carmilla DeWinter

  9. Vielen Dank für den interessanten Artikel!
    Mich nervt vor allem der ganze Blau-Rosa-Quatsch. Mädchenklamotten müssen immer wahlweise süß oder sexy sein (wozu braucht ein Baby slimfit Jeans??? Total unpraktisch und unbequem!), während die Sachen für Jungs (bis auf Motiv-T-Shirts) aussehen, wie zu heiß gewaschene Männermode. Leider habe ich erst mit der Geburt meines jüngsten Kindes angefangen, selber zu nähen – diesen ganzen rosa-Glitzer-Rüschen-Quatsch (und auch noch alles an einem Kleidungsstück) konnte ich echt nicht ertragen 😛
    Nur hat die Lütte seitdem sie sich verständigen kann sehr eigene Vorstellungen davon, was sie anziehen mag. Und diese decken sich nicht unbedingt mit meinen … Das fing schon in der Krippe an … Da ich auch das Selbstbestimmungsrecht meiner Tochter wichtig finde, darf sie natürlich – dem Wetter angepasst- tragen, was sie mag (und was sich im Kleiderschrank findet ;)) …
    Nach zwei Jungs ist mir besonders deutlich geworden, dass auch schon kleine Mädchen für ihr Aussehen gelobt werden. Irre, oder? Das ist bei meinen beiden Großen nie vorgekommen. Und manchmal erwische ich mich selbst dabei und ärgere mich dann.

    Eine Frage in die Runde: ich bin Lehrerin und in meiner Klasse ist ein Mädchen, deren Mutter eine Lebensgefährtin hat. Wenn es Streit gibt, nutzen manche Mitschüler wohl „Lesbenhaushalt“ als Schimpfwort. (ich habe es selbst noch nicht gehört, sie selbst teilt hingegen gerne mal gegen Ausländer aus, am Ende haben sich alle wieder gern). Ich möchte das gerne thematisieren, nicht unbedingt, wenn es grad ein Problem gibt (dann werden allgemein Beschimpfungen thematisiert), sondern ganz grundsätzlich. Wie mache ich das am besten? Bis zum Sexualkundeunterricht möchte ich nicht warten, aber ich weiß noch nicht so recht, wie ich unterschiedliche sexuelle Orientierungen etc. geschickt und sensibel anspreche und hoffentlich meinen Schülerinnen und Schülern einen Weg zu mehr Offenheit bahne.
    Über Ideen oder Literaturtipps würde ich mich sehr freuen – oder auch über Tipps, was ich dringend vermeiden/umschiffen sollte!

    • Selber nähen finde ich eine sehr gute Idee, Janina! :-)

      Pädagogik ist leider nicht so mein Thema. Ich hoffe, dass noch ein paar Erfahrenere als ich deine Fragen aufgreifen werden. Vielleicht ergänzt du noch, um welche Altersgruppe(n) es dir geht.

      Bei Büchern ist es ja meistens hilfreich, wenn die von jemandem vorgeschlagen werden, die:der sie selbst gelesen hat. Hier drei Links, bei denen du auch gleich kurze Rezensionen zu den jeweiligen Titeln finden kannst; vielleicht entdeckst du da ja etwas, das dir passend erscheint:
      Bücher mit LGBT-Protagonisten
      Wenn der Prinz den Prinzen küsst: Kinderbücher zu Regenbogenfamilien
      Schöner Trend: LGBT-Jugendbücher

      Und hier ist noch eine Liste mit Links, von denen aus du selber weitersuchen kannst:
      http://www.queerformat.de/fileadmin/user_upload/news/Infoblatt_Kita_2011.pdf

    • Hallo Janina. Eine kleine Anregung für dich: Ganz wichtig fände ich (als übrigens lesbische Frau) es, mal von dem Gedanken wegzukommen, dass die Thematisierung von lesbischen oder schwulen Partnerschaften kleinen Kindern gegenüber irgendwas mit „Sexualkunde“ oder „Sexualität“ zu tun haben muss. Sicher geht es bei lesbischen Haushalten – meistens – auch um (Homo)sexualität, genauso wie es bei den traditionelleren Mann-Frau-Elternpaaren auch um (Hetero)sexualität geht. Aber wenn man mit den Kindern darüber spricht, dass die (heterosexuellen) Eltern von Kevin aus Nigeria kommen, die (heterosexuellen) Eltern von Pauline sich scheiden lassen, oder Hans und Lina mit ihren (heterosexuellen) Eltern im Urlaub auf Mallorca waren, denkt doch auch keiner daran, was die zusammen im Bett treiben, oder?
      Rede mit den Kindern über das Sexuelle an Homosexualität, wenn du mit ihnen auch über das Sexuelle an Heterosexualität reden würdest. Davor, und daneben, sollte es doch kein Problem sein zu thematisieren, dass auch zwei Frauen oder zwei Männer zusammen leben und sich ganz doll liebhaben können, und das was ganz Normales und Schönes ist, oder? Ich weiß, Du meinst es nicht so, und finde deine offene und interessierte Frage auch ganz toll, aber sie klingt in ihrer „bis zum Sexualkundeunterricht möchte ich nicht warten“-Formulierung in netter Form ein klein bisschen nach dem, was die ganzen Rechtskonservativen in ihren Demos gegen die „Frühsexualisierung“ von Kindern immer unterstellen: Nämlich, dass die Thematisierung von lesbischer, schwuler oder sonstiger Liebe irgendwas damit zu tun hat, Fünfjährige über „Sexpraktiken“, „Analsex“ oder „Lustkugeln“ (Zitat Birigit Kelle & Co) aufzuklären. Dabei geht es doch nur darum, z.B. in der Matheaufgabe zum Thema „X und Y kaufen ein Haus mit 4 Zimmern für sich und ihre zwei Kinder“ statt „Peter und Petra“ auch mal „Peter und Paul“ einzusetzen oder auf ähnliche Art Kindern die Normalität von verschiedenen Beziehungs- und Liebesmodellen ganz selbstverständlich und ungezwungen zu vermitteln.

  10. Aufgelesenes im Januar – Cäcilie Kowald

  11. So sehr ich Deine Texte und ihre elegante, humorvolle, geschliffene wie präzise Sprachlichkeit schätze, so konsterniert war ich über diesen Text. Nein, mit diesem Text schießt Du meines Erachtens übers Ziel hinaus. Ich denke, man macht sich etwas vor, wenn man glaubt, es könnte ein Leben ohne normative Klischees und Konstrukte geben. Wir alle haben die. Das Denken der Menschen ist sehr dualistisch, egal, ob es sich um Begriffe wie rechts und links, männlich und weiblich, führen und folgen, schwarz und weiss, handelt. Un die Sprache kann kaum anders, als unbelebte Dinge zu beleben, sie mit gewollten und ungewollten Asssoziationen zu versehen. Sie ist darin auch kein Werkzeug, sondern auch ein Gedächtnis vergangener Zeiten. Entscheidend für die Bedeutung eines Begriffs st nicht die Benennung, sondern der Kontext und die Haltung. Ob ein Mensch rot, gruen, rosa, braun oder blau ist oder sich so bezeichnet wird, kann in unterschiedenen Kontexten Verschiedenes bedeuten. Der Farbe selbst ist das ganz egal und sie tut gut daran. Das gleiche gilt für Gegenstände.: Willst Du anderen Menschen im Ernst vorschreiben, mit welchen Assoziationen sie einen unbelebten Gegenstand wie ein Röhrenkostüm beleben wollen? Heisst das nicht, seine eigenen Assoziationen durchzusetzen zu wollen?. Ich kann mitgehen, dass es notwendig ist, die Sensibilität für heteronormative Begrifflichkeiten zu erhöhen, um sie in Frage zu stellen, sie durch zeitgemäße zu ersetzen, aber ich würde kein Dogma daraus machen und nicht jeden, der sich im Rahmen seiner Vorstellungswelt bewegt, eine böse Absicht unterstellen. Frei nach James Kruess, soll man die Dummheit verachten, aber nur, wennsie nicht gutmütig ist. Im andern Fall haben Menschen grundsätzlich ein Recht, dass mit ihnen genau so fair und einfühlsam und geduldig umgegangen wird, wie man es für sich selbst auch in Anspruch nehmen wuerde. Schon als Teil einer sprachlich marginalisierten Gruppe hat es meist Zeit und Mut gebraucht, Ungerechtigkeiten und Vorurteile oder auch Antiquiertheit von Begriffen zu entlarven – und nun sollen die anderen das mühsam erkämpfte aus dem Stand heraus erkennen, nur weil sie in dem Spiel die mächtige Seite innehaben? Die haben diese sprachlichen Klischees doch genauso wenig gewählt oder absichtlich verinnerlicht. Ich halte es für zielführend, Normativitaet zu benennen, ihre subjektiv oft verletzende oder ausgrenzende Wirkung zu beschreiben, aber eine neue Begrifflichkeit braucht,gerade in der Sprache, einen lebendigen Prozess des Wachstums, Kreativität auf allen Seiten und keine sprachlichen.Sittenwaechter.

    • Vielen Dank für deinen Kommentar, Lars. Für die ausführliche Antwort, die er verdient, brauche ich Zeit, Konzentration und eine gescheite Tastatur. Das alles werde ich frühestens am Montag wieder haben. Hab also bitte ein wenig Geduld und schau nächste Woche noch einmal hier vorbei, ja?

    • Hallo, Lars – so unterschiedlich kann die Wahrnehmung ein und derselben Sache / ein und desselben Textes sein: Du bezeichnest den finken als „sprachlichen Sittenwächter“, der anderen Menschen ihre Assoziationen vorschreiben und somit seine eigenen durchsetzen wolle – und ich nehme ihn wahr als jemanden, der punktgenau analysiert und den Finger genau dort in die Wunden der Heteronormativität legt, wo sie am tiefsten sind.

      Wenn Du schreibst, das Denken der Menschen sei „sehr dualistisch“, so magst Du damit ansatzweise recht haben. Und dennoch gibt es eben genau dieses „dazwischen“ oder „daneben“. Dein Beispiel mit den Farben zeigt es mir da am ehesten: es gibt eben NICHT nur schwarz und weiss.

      Als Sprachwissenschaftler_in stößt mir Dein Satz „Sie ist darin auch kein Werkzeug, sondern auch ein Gedächtnis vergangener Zeiten.“ besonders auf, da m.E. die Sprache IMMER auch ein Werkzeug IST. Sprache ist ein Kommunikations-Instrument; Sprache ist ein Macht-Instrument. Solltest Du es noch nicht gelesen haben, empfehle ich Dir die Lektüre von George Orwells „1984“ und ein Beschäftigen mit dem dort beschriebenen „Neusprech“. Sprache ist DAS Medium, mit dem man Menschen dazu bringt, auf eine bestimmte Weise zu denken. Dabei ist völlig unerheblich, ob dies bewusst geschieht, oder ob Menschen „diese sprachlichen Klischees doch genauso wenig gewählt oder absichtlich verinnerlicht“ haben. Die Sprache prägt das Denken genauso, wie das Denken die Sprache prägt. Das Ganze ist keine Einbahnstraße.

      Und so halte ich es für äußerst legitim, ja sogar absolut notwendig, den gängigen Klischees in Sprache und auch „nichtsprachlicher“ Ausprägung auf die Spur zu kommen; sie zu benennen, aufzudecken, zu entlarven. Und dem entgegenzuhalten, dass es auch andere Möglichkeiten geben kann. Bzw. dass es diese bereits real gibt, dass sie „nur“ durch die Normativität in den Hintergrund geraten oder verschwinden. Das ist kein Übers-Ziel-Hinausschießen, sondern ein feinfühliges Wahrnehmen, Benennen, Sichtbarmachen. Und natürlich auch Kritik-daran-Üben. Was – ich sagte es schon – völlig legitim und m.E. auch unbedingt notwendig ist.

      Du schreibst „Im andern Fall haben Menschen grundsätzlich ein Recht, dass mit ihnen genau so fair und einfühlsam und geduldig umgegangen wird, wie man es für sich selbst auch in Anspruch nehmen wuerde.“ Das gilt für mich eindeutig dann nicht, wenn Menschen sich diskriminierend verhalten. Und zwar auch dann nicht, wenn sie dies „nicht bewusst“ tun, sondern so sehr verinnerlicht haben, dass sie – wie Deine Formulierungen nahelegen – „gar nicht anders können“ bzw. etwas eben für völlig normal halten. Es gab Zeiten, in denen es „völlig normal“ war, Schwarze von Weissen zu trennen. Und das ist noch gar nicht so lange her; historisch gesehen gerade einen Wimpernschlag. Damals herrschte diese Denke, und die Sprache interagierte selbstverständlich stets mit ihr. Aus menschenrechtlicher Sicht wäre hier das wahre Vergehen gewesen, darauf NICHT aufmerksam zu machen – den Finger NICHT in diese Wunde(n) zu legen. Ebenso verhält es sich m.E. noch immer mit der alles beherrschenden Heteronormativität und dem ebenso dominierenden Geschlechter-Dualismus. Das mag aus Sicht Mancher „nicht so schlimm“ sein – aus Sicht Anderer eben doch, wenn ihnen (und ich schieße mich selbst dabei ausdrücklich ein) ununterbrochen und überall demonstriert wird, wer nach den Regeln lebt, und wer dadurch automatisch ausgegrenzt wird. Ausgegrenzt, weil „das Denken der Menschen (halt) sehr dualistisch“, eingeschränkt ist, und weil diese Menschen ja bedauernswerterweise selbst gar nichts dafür können, so zu denken (und zu handeln).

      Es MUSS einen anderen Gedanken-/ Lebensansatz geben. Einen, der diese Normativitäten aufdeckt, anzweifelt, und wenn wir Glück haben, aufhebt.

      Ich höre nicht auf zu hoffen, dass dies eines Tages geschieht – wenn sicher auch nicht mehr zu meiner Lebenszeit. Menschen wie der fink leisten hierzu jedoch einen gar nicht zu unterschätzenden Beitrag. Vordenker_innen wie der fink sind mir da allemal lieber als Leute, die stets nur tönen „die Menschen sind aber halt so“.

        • Lieber Zaunfink, ich warte trotzdem noch gerne etwas auf Deine Erwiderung, die mich interessieren würde, bevor ich auf Thadeas Argumentation in einer, wie ich finde, konstruktiven Diskussion eingehe, o.K.?

          • Hallo, Lars, bitte rechne nicht damit, dass ich in eine längere Diskussion mit Dir einsteige. Ich kenne Deine Argumentationsweise aus anderen Zusammenhängen und bin mir daher sicher, dass wir miteinander ohnehin auf keinen grünen Zweig kommen. Was ich dazu sagen wollte, habe ich bereits gesagt.

      • Liebe(r) Tadhea, dann (s.u.) antworte ich Dir gerne separat. Ich halte es für unproblematisch (um nicht zu sagen normal), dass wir den Text vom Finken unterschiedlich lesen, bzw. unterschiedlich darauf reagieren. Das muss nicht daran liegen, dass die eine oder andere Sichtweise richtiger oder falscher ist, es kann einfach bedeuten, dass wir eine unterschiedliche Perspektive auf das gleiche Problem haben, eine andere Agenda. Ich stelle gar nicht in Frage und stimme Dir ausdrücklich zu, dass Heteronormativität in Frage gestellt gehört, da wo sie diskriminiert, verletzt oder Menschen unterdrückt oder schlicht nicht mehr den Anforderungen genügt, eine vielschichtigere Realität korrekt zu beschreiben. Im Ansatz sind wir uns also durchaus. Mein Einwand betraf die Kommunikation über diese Themen. Ich nehme das Beispiel vom Fink über den Tanzunterricht. Ich kenne Tanzschulen, in denen es üblich geworden ist, statt von „Mann“ und „Frau“, von „Führenden“ und „Folgenden“ zu sprechen.Manche machen das ganz konsequent, andere bleiben bei der alten Bezeichnung, weil die einsilbigen Begriffe kürzer sind. Beides halte ich für legitim, es sollte aber möglich sein, sowohl als KursteilnehmerIn wie als Unterrichtende(r) sich zu medlen, wenn die Bezeichnung als nicht stimmig empfunden wird, dies mit der nötigen Sensibilität zu besprehcen, ohne jemanden bloßzustellen und dann eine Bezeichnung zu wählen, mit der alle klar kommen. Mein Tanzpartner (wir waren das einzige gleichgeschlechtliche Paar in dem Kurs) hatte kein Problem, im Rahmen dieses Kurses als Frau bezeichnet zu werden, ich glaube, er fand es sogar als eine ganz angenehme Abwechslung von der üblichen heteronormativen Anrede ihm gegenüber. Ich könnte mir vorstellen, dass in einem Kurs, wo es viele Transsexuelle und gleichgeschlechtliche Paare oder sozial experimentierfreudige Menschen gibt, man sich auf andere Bezeichnungen einigen würde. Man kann ja auch die führenden als rot und die folgenden als blau bezeichnen. Auch hier könnte es sein, dass sich jemand beschwert, weil er oder sie als Kommunist oder trockener Alkoholiker liber eine andere Farbe wählen möchte. Entscheidend ist, denke ich, dass man die Gefühle und Assoziationen der anderen begreift, die eigene Perspektive als relativ erkennt und nicht gleich davon ausgeht, der andere hätte Gender- oder Farbenwahn.

        Insofern störte ich mich auch nicht daran, dass sich der Fink an der heteronormativen Interpretation der Röhrenkostüme störte. Aber warum, um Himmels willen, kommt er auf die Idee, pauschal diesen „Unsinn“ zu unterbinden, anstatt zu überlegen, wie er den Leutchen klar macht, dass ihn im Moment diese Heterostereotypen ankotzen? Es braucht nicht immer die ganze Maschinerie von jarhundertelangem Unrecht, es reicht manchmal einfach zu sagen: Mir persönlich geht es gerade damit nicht gut, es stört mich und vielleicht auchnur mich allein und vielleicht auch nur gerade jetzt, wo es an der Zeit ist, Dinge neu zu sehen. Aber ich bin gerade hier am nächsten dran und wenn ihr mich nicht verletzen wollt, dann solltet ihr euch was anderes einfallen lassen.

        Ein langer Text, sorry. Auch wenn Dir die freche, offensivere und politisch schlagkräftigere Haltung von diesem Finktext lieber ist (die Eifersucht muss ich ausalten ;-)) , wird vielleicht klarer, warum ich aus meiner Perspektive bei meiner -konstruktiv gedachten – Kritik bleibe.

        • „dass Heteronormativität in Frage gestellt gehört, da wo sie diskriminiert, verletzt oder Menschen unterdrückt oder schlicht nicht mehr den Anforderungen genügt, eine vielschichtigere Realität korrekt zu beschreiben.“

          Heteronormativität hat noch nie die Realität korrekt beschrieben, und sie diskriminiert immer.

          „Es braucht nicht immer die ganze Maschinerie von jarhundertelangem Unrecht, es reicht manchmal einfach zu sagen: Mir persönlich geht es gerade damit nicht gut, es stört mich und vielleicht auchnur mich allein und vielleicht auch nur gerade jetzt, wo es an der Zeit ist, Dinge neu zu sehen.“

          Als regelmäßiger Leser wirst du vielleicht schon vermuten, dass ich sehr wenig davon halte, Mechanismen wie Sexismus/Queerfeindlichkeit einfach von ihrer politisch-historischen Dimension zu trennen und auf Einzelfälle zu reduzieren. Die „ganze Maschinerie von jahrhundertelangem Unrecht“ ist ein Teil dieser Diskussion, der auch die Bedeutung der Einzelfälle erst in den richtigen Kontext stellt. Es geht eben NICHT darum, dass ein sexistischer/queerfeindlicher Vorfall nur mich persönlich und nur in diesem Moment „stört“.

    • So, Lars, jetzt mit Zeit und richtiger Tastatur… :-)

      Neben dem, was Thadea schon so treffend erwidert hat und dem ich mich einfach anschließen kann, ohne jetzt alles noch einmal zu wiederholen, möchte ich auf einige deiner Aussagen im Einzelnen eingehen. In weiten Teilen habe ich das Gefühl, dass du etwas in meinen Text hineininterpretierst, das nicht darin steht. Vielleicht gelingt es mir, meine Haltung noch einmal zu präzisieren und Missverständnisse auszuräumen.

      „Ich denke, man macht sich etwas vor, wenn man glaubt, es könnte ein Leben ohne normative Klischees und Konstrukte geben.“

      Das glaube ich auch nicht. Mein Ziel ist es nicht, ein Denken jenseits aller Kategorien anzustreben. Ich weiß, dass das nicht gelingen wird. Mein Ziel ist es, Kategorien, die ich für unsinnig, realitätsfern, starr, übertrieben, unnötig oder schädlich halte, zu vermeiden und sie durch sinnvolle, realitätsbezogene, flexiblere, angemessen gewichtete und hilfreiche zu ersetzen. Bei den derzeit gängigen Kategorien rund um das Thema Geschlecht und Sexualität erscheint mir das dringend notwendig – und möglich. Dass sich Konstrukte von Geschlechtsrollen durchaus in die von mir angestrebte Richtung verändern lassen, beweisen (bei allen gebotenen Einschränkungen) die letzten paar Jahrzehnte.

      „[Sprache] ist darin auch kein Werkzeug, sondern auch ein Gedächtnis vergangener Zeiten.“

      Erst einmal erscheint mir diese Argumentation des Gegensatzes etwas wackelig. Sprache kann beides sein und ist es auch. Und wenn die „vergangenen Zeiten“ über Jahrhunderte hinweg von Sexismus und Homofeindlichkeit geprägt waren, dann wird Sprache auch schon mal zu einem Werkzeug von Sexismus und Homofeindlichkeit. Ist das also ein Argument, sie nicht genau darin zu kritisieren? Nein, es ist ein Argument für das Gegenteil. Oder meinst du, nur weil etwas an die Vergangenheit erinnert, sei es bewahrenswert oder nicht kritisierbar? Wohin zielt hier eigentlich dein Argument?

      „Willst Du anderen Menschen im Ernst vorschreiben, mit welchen Assoziationen sie einen unbelebten Gegenstand wie ein Röhrenkostüm beleben wollen?“

      Das ist eine interessante Formulierung. Wo rede ich denn davon, jemandem „etwas vorzuschreiben“? In dieser Formulierung steckt eine Fantasie von Macht, die die realen Verhältnisse geradezu umkehrt. Mit welcher Autorität könnte ich denn irgendwen zu irgendwas zwingen? Umgekehrt aber üben Heteronormativität und Sexismus durchaus eine reale Macht aus, wie ich hoffentlich in diesem Artikel verdeutlichen konnte und wie es ja nahezu alle bestätigen, die sich wissenschaftlich mit diesen Themen beschäftigen. Wie kann man allen Ernstes eine Machtumkehr herbeiimaginieren, nur weil ich für eine Kritik der Verhältnisse eintrete?

      „Heisst das nicht, seine eigenen Assoziationen durchzusetzen zu wollen?“

      Ja, aber eben nicht mit irgendeinem Zwang, sondern höchstens mit dem „zwanglosen Zwang des Argumentes“.

      Den Kniff, allein das Anbringen von sachlicher Kritik schon zu einem Übergriff umzudeuten, kenne ich bisher eigentlich nur aus rechtspopulistischen Argumentationen. Ich finde diesen rhetorischen Kniff höchst perfide. Das ist, mit Verlaub, ein fauler, reaktionärer Trick, aber kein faires Argument.

      Selbstverständlich hat jede_r das Recht, für ihre_seine Haltungen zu werben und auch anzustreben, dass andere sich davon überzeugen lassen, diese Haltungen zu teilen. Nur so funktionieren Pluralismus und Meinungsfreiheit. Die völlig harmlose Tatsache, dass jemand gern andere von seiner_ihrer Sichtweise überzeugen möchte, zu einem unangemessenen, ja gewaltvollen Streben umzudeuten, halte ich für eine gefährliche rhetorische Figur, die das Verständnis von Meinungsfreiheit und -Vielfalt unterminiert, das unsere Gesellschaft prägen sollte.

      „ich würde kein Dogma daraus machen und nicht jeden, der sich im Rahmen seiner Vorstellungswelt bewegt, eine böse Absicht unterstellen.“

      Und genau das habe ich geschrieben: „Heteronormativität ist nicht überall, wo sie auftaucht, böse gemeint. Sie geht nicht immer mit einer bewussten Unterdrückungsabsicht von Privilegierten einher. Sie wird nicht nur von niederträchtigen Menschen reproduziert, die eine reaktionäre Haltung verbreiten wollen. Genau genommen ist das sogar in den seltensten Fällen so.“ War das unklar?

      „Schon als Teil einer sprachlich marginalisierten Gruppe hat es meist Zeit und Mut gebraucht, Ungerechtigkeiten und Vorurteile oder auch Antiquiertheit von Begriffen zu entlarven – und nun sollen die anderen das mühsam erkämpfte aus dem Stand heraus erkennen, nur weil sie in dem Spiel die mächtige Seite innehaben?“

      Wie kommst du darauf, dass ich das erwarte? Dass ich es nicht erwarte, heißt aber nicht, dass ich deswegen nicht trotzdem Kritik anbringe. Was ich erwarte, ist, dass die Leute wenigstens anfangen, darüber nachzudenken. Wie sollte ich das erreichen, wenn nicht mit Kritik?

      „Ich halte es für zielführend, Normativitaet zu benennen, ihre subjektiv oft verletzende oder ausgrenzende Wirkung zu beschreiben“

      Und genau das fordere ich. Nicht mehr und nicht weniger. Weshalb konstruierst du daraus bei mir ein „über das Ziel hinausschießen“?

      „aber eine neue Begrifflichkeit braucht,gerade in der Sprache, einen lebendigen Prozess des Wachstums, Kreativität auf allen Seiten und keine sprachlichen Sittenwaechter.“

      Woher sollen Lebendigkeit und Wachstum kommen, wenn du Kritik an sich auf die Weise delegitimierst, die ich deinem ganzen Kommentar und auch deinem letzten Satz entnehme?

      • Huch, jetzt haben sich unsere Kommentare überschnitten. Jetzt brauche ich einen Moment Zeit und Konzentration für eine knappe Antwort, die mehr Antwort als Entgegnung sein soll. Ich möchte mich ja auch nicht in Deinem Blog unangemessen breit machen.

  12. Ich wende mich nicht gegen Kritik, sonde frage, wie Kritik aussehen könnte, damit siespeziell in den angesprochenen Situationen das erreicht, was sie bezweckt. In diesem Punkt hast Du ja selbr leise Zweifel geäußert, ob Deine spontanen Impulse immmer die zielführenden gewesen sind. Es steht Dir frei, Dich über Heteronormativitaet in der Sprache, in der Werbung und auf Straßenfesten zu ärgern, diese zu kritisieren, zu entlarven und dort, wo es in deiner Macht steht, Unsinn und Geschmacklosigkeiten zu verhindern. Es ist auch durchaus gewinnbringend, dies in dieser Deutlichkeit zu lesen. Unwohl wird mir, wenn das kommunikativ auf nichts weiter als auf den Mechanismus “ kritisierst-Du meine-Homopropaganda,-dann- kritisiere-ich-deine-Heteropropaganda“ hinausläuft und sich darin erschöpft. Das ist dann das, was ich, frei nach einem Gedicht von Eugen Roth, als gedanklichen „Salto mortale“ bezeichnen würde.

    • Ich hatte für den letzten Kommenater keine vernünftige Tastatur zur Verfügung, deshalb die schlechte orthographische Qualität, die ich zu entschuldigen bitte. Ich fürchte im übrigen, bei der Diskussion dieses Themas in die gleiche oben kritisierte Schleife zu geraten, wo man sich dann gegenseitig eine perfide Argumentation und ähnliches unterstellt, bzw. argwöhnt, Nachsichtigkeit verschaffe dem „Gegner“ Raum. Für mich zumindest sind heteronormativ denkende Menschen keine Gegner, sondern Partner in einem Dialog über Fragen, die mich beschäftigen: wie viel Normvorstellungen braucht es, um eine Identität zu fühlen, was heißt es eigentlich genau, sich als „Mann“, „Frau“ oder als eine Kombination von beidem zu fühlen, bzw. einen „Mann“, eine „Frau“ oder „beides“ oder „Elemente“ davon zu lieben- und inwieweit werden diese persönlichen Normvorstellungen von jemandem anderen geteilt? Diese Diskussionen sind nur zu führen, wo es möglich ist, sein Inneres ohne Angst vor Verletzung zu offenbaren. Ich will durch meinen Beitrag diese Schutzzone auf keinen Fall weiter einengen, es kann aber sein, dass mir das nicht gelungen ist. Ich hoffe, wir können nachsichtig miteinander sein.

    • „Unwohl wird mir, wenn das kommunikativ auf nichts weiter als auf den Mechanismus ” kritisierst-Du meine-Homopropaganda,-dann- kritisiere-ich-deine-Heteropropaganda” hinausläuft und sich darin erschöpft.“

      Ich verstehe nicht, was du damit meinst. Wo siehst du einen solchen Mechanismus am Werk?

      • Ich habe Deinen Artikel ja zuerst als satirisch aufgefasst, bis. Passagen kamen, die zeigten, dass dein Ärger keine kabarettistische Übertreibung war. Mein Unwohlsein rührt daher, dass man, wenn man das Wort Heteronormativitaet durch Heterosexualitaet ersetzt, einen Text hätte, der sich eben gegen die schädliche, die Kinder indoktrinierende und überhaupt gefährliche Werbung für ungefragt zur Schau gestellte oder bei anderen vermutete Heterosexualitaet wendet und zwar auf die gleiche selbstgerechte Art, wie man sie eben auch bei Heteros oft findet.. Das fand ich, wie gesagt, anfangs vergnüglich, weil es mir geeignet schien, heteronormativ denkenden Menschen den Spiegel vorzuhalten und ihnen sichtbar zu machen, wie es sich anfühlt, permanent ausgegrenzt und vorgeführt zu werden. Was mir fehlt und was ich in meiner Entgegnung offensichtlich auch nicht liefern konnte, wären Vorschläge und Beispiele, wie sich denn diese Situatiionen im Allltag auflösen lassen, wie Empathie und Leichtigkeit im Umgang und Auflösen von erstarrten Mustern hergestellt werden kann, ohne das ;wieder ein Machtkampf oder eine Atmosphäre doktrinaerer Starre entsteht, ohne dass wir also, und da nehme ich mich eben auch nicht aus, unsere erlebten Muster von Ignoranz im Umgang mit anderen reproduzieren. Ich bin überzeugt, dass erst in der kreativen und empathischenEinbeziehung des Gegners oder Ignoranten wirklich haltbare Lösungen entstehen können, weil nur in einem Dialog auf Augenhöhe auch Perspektiven entstehen, denen nicht schon wieder ein Blick nach oben oder unten eingeschrieben ist.

        • Du forderst also Toleranz gegenüber der Intoleranz – das alte Spielchen. Wie Du ausgerechnet damit Deine „Augenhöhe“ hinbekommen willst, ist mir mehr als schleierhaft.

          Meines Erachtens lässt sich diese nämlich nicht mit (als Empathie für die Diskriminierenden getarntem) beschwichtigendem Katzbuckeln und Blick von unten herauf herstellen, sondern genau mit der Strategie des finken – klarem Analysieren und Benennen der kritischen Punkte. Aus der Sicht einer selbstbewussten, dennoch stets selbstkritisch bleibenden, Person, die sich mit diesen Dingen wirklich gut auskennt. Verbunden mit entsprechenden, selbstbewussten, Forderungen an die Gesellschaft. Und genau das passiert hier.

          Deinen Worten könnte man fast entnehmen, dass wir nun die Diskriminierenden diskriminieren. Das ist aber schlicht auf Grund der gesellschaftlichen Positionierung beider Gruppen nicht möglich – denn es diskriminiert stets der machtvollere Part. Aus menschenrechtlicher Sicht wäre, als Bittsteller_innen aufzutreten, das Falscheste, was wir tun könnten. Wir MÜSSEN nämlich keine sein. Uns steht Gleichberechtigung und volle Akzeptanz zu.

          Als glühende_r Verfechter_in einer selbstbewussten Emanzipationsbewegung bin ich es wirklich leid, mir aus der „eigenen“ Community Handlungsanweisungen abzuholen, die von Augenhöhe reden und das genaue Gegenteil damit meinen. Augenhöhe herrscht genau dann, wenn wir als erwachsen und vollwertig wahrgenommen werden und unsere Kritik auch so daherkommt. Alles andere ist aus meiner Sicht nichts als Duckmäusertum.

          • Ah, jetzt haben wir beide uns parallel abgearbeitet, Thadea. :-)
            Wie du (weiter unten) siehst, habe auch ich ein bisschen allergisch auf das Wort „Augenhöhe“ reagiert. Je nachdem, wie man das meint, kann es ja okay sein, aber von einer „Augenhöhe“ von Diskriminierung und Anti-Diskriminierung kann eigentlich ja niemand ausgehen, dem es um Gerechtigkeit geht.

          • Zwei Überlegungen und ein Fazit dazu:

            1. Gerade in Bereichen, wo es um Liebe, Zuneigung gemeinsam Spaß haben geht und weniger um Macht, stehen sich Menschen selten als reine Prinzipien gegenüber. Die schlimmsten Machtkämpfe gibt es oft in Paarbeziehungen (egal ob hetero oder homo) …

            Ich bleibe noch mal ganz konkret bei dem Beispiel mit den Röhrenkünstlern. Auch in diesem Fall ist die Machtfrage nicht so einfach, weil FInk als Projektkoordinator gegenüber den Darstellern durchaus eine Machtfunktion (oder besser gesagt: Verantwortungs und Entscheidungsfunktion) innehatte. Auch in dem Verkaufsgespräch hatte er als „König“ Kunde und Spielpartner die Macht, entweder den Verkäufer mit seiner in diesem Fall gescheiterten Charmeoffensive bloßzustellen oder ihm eine goldene Brücke zu bauen. Gleichzeitig war er als Leidtragender von Heteronormativen Stereotypen in der bedrängten Position desjenigen, den die heteronormative Sichtweise seiner Gegenüber auf die Welt in Erklärungsnot und Stress brachte.

            2. Ich teile Finks Auffassung nicht, dass eine Boy-meets-girl-and-have-a-child-story in irgend einer Weise sexistisch, oder sonstwie anstößig wäre. Objekttheater vermnschlicht immer, aber es heißt nicht, dass das vermenschlichte Absolutheitsanspruch hat. Genauso wäre auf einem CSD (einem homonormativen, oft männderdominierten Umfeld) eine Interpretation voraussehbar, wo die Röhren sich an einander schmiegen, aufrichten und und aus beiden Konfetti aufsteigt – in meinen Augen auch nicht der Brüller.

            Ehrlich gesagt, wäre ich im angenommenen Fall als Organisator eines CSD´s oder auch eines Straßenfests versucht, eine solche Nummer „zu verhindern“, fände es aber schwer, eine eindeutige Begründung abzugeben, in die nicht meine persönliche negative Erfahrung mit Leuten einflösse, die meinen, in einem schwulen Umfeld bestünde eine besonderer Bedarf daran, Gegenstände mit einer phallische Assoziation zu versehen, (was in meinem Fall nicht zutrifft.) Ich würde also die Problematik und vor allem meine eigenen Erfarhungen und Gefühle kommunizieren und die Darsteller – auf Augenhöhe – in die kreative Lösung des Problems einbeziehen, anstatt ihnen eine sexistische Haltung vorzuwerfen oder mich dahinter zu verschanzen, dass die Nummer anderen nicht gefallen könnte. Dass heißt – nein – ich würde wahrscheinlich genauso wie Fink reagieren, nicht eingreifen und mich hinterher ärgern …

            Fazit: Es stört Dich und auch Fink, dass ich die Problematik immer wieder auf das Individuelle herunterzubrechen scheine, aber das meine ich durchaus politisch. Die Kommunikationspsychologie hat so viel mehr zu bieten als das durchaus nötige Narrativ von Unterdrückung und Befreiung. Je wirkungsmächtiger queere Sichtweisen in der Gesellschaft werden, desto mehr wird es meines Erachtens notwendig werden, neben Revolution und Emanzipation auch gesellschaftliche Gruppen- und Paartherapie zu betreiben. Und gerade deshalb schätze ich die Beiträge des FInken, weil sie meist sehr griffige und anschauliche Situationen beschreiben, an denen man sich sehr konkret abarbeiten kann.

          • „Ich teile Finks Auffassung nicht, dass eine Boy-meets-girl-and-have-a-child-story in irgend einer Weise sexistisch, oder sonstwie anstößig wäre.“

            Ich hatte beschrieben, dass zu der „boy meets girl“-Geschichte dazukam, dass „Röhrenfrau“ und „Röhrenmann“ durch Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen gekennzeichnet wurden, die ganz eindeutig den klassischen sexistischen Rollenzuweisungen entsprachen. Wer es nicht sexistisch findet, Frauen und Männer durch „Passivität“ und „Aktivität“ zu kennzeichnen, die:der legt meines Erachtens die Latte für „problematischen“ Sexismus ziemlich hoch an.

            „Objekttheater vermenschlicht immer, aber es heißt nicht, dass das vermenschlichte Absolutheitsanspruch hat.“

            Auch dazu hatte ich ja bereits etwas geschrieben. Natürlich hat eine einzige Darstellung für sich betrachtet noch keine Normierungsmacht. Wenn allerdings eine bestimmte Erzählung in der Gesamtheit aller Erzählungen derartig dominiert, wie „boy meets girl“ das nun einmal tut, und wenn gleichzeitig alle anderen Erzählungen als Ausnahmen wahrgenommen und markiert (oder, wie einmal jemand formulierte: „ge-andert“) werden, indem z.B. schwule Liebesgeschichten im Kino nicht einfach unter der Kategorie „Liebesgeschichten“ laufen, sondern unter „Queer Cinema“, dann können wir doch bitte nicht so tun, als ginge es hier nicht um Normierungen, und als seien nicht alle einzelnen Erzählungen, in denen die Kombination von Heterosexualität, Liebe und Fortpflanzung als einzige und selbstverständliche Normalität dargestellt werden, auch Teil einer normierenden Meta-Erzählung. Eine Norm (und entsprechende Machtverhältnisse) nur dort zu diagnostizieren, wo diese ganz explizit als solche auftritt, halte ich für etwas naiv. Ich habe ja ganz ausdrücklich nicht behauptet, dass die Röhrenwesen-Aufführung absichtlich sexistische/heteronormative Klischees bestätigen würde. Unabsichtlich trägt sie aber zu deren Verbreitung bei.

            „Es stört Dich und auch Fink, dass ich die Problematik immer wieder auf das Individuelle herunterzubrechen scheine, aber das meine ich durchaus politisch. Die Kommunikationspsychologie hat so viel mehr zu bieten als das durchaus nötige Narrativ von Unterdrückung und Befreiung.“

            Das ist natürlich teilweise richtig. Ich finde es auch richtig, dass du darauf hinweist und dich darum bemühst, den Denkrahmen zu erweitern. Ich würde aber in der Relativierung des historisch-politischen Aspekts nicht so weit gehen wie du. In einer Diskussion über Heteronormativität/Sexismus die historische und politische Dimension als nur einen gleichbedeutenden Faktor neben ganz vielen anderen, angeblich ebenso bedeutenden Faktoren behandeln zu wollen, das hat für mich sehr deutlich etwas Entpolitisierendes, dem ich widersprechen muss.

        • „Mein Unwohlsein rührt daher, dass man, wenn man das Wort Heteronormativitaet durch Heterosexualitaet ersetzt, einen Text hätte, …“

          Nun sind ja Heteronormativität und Heterosexualität zwei sehr verschiedene Dinge, bei denen man eben nicht das eine einfach durch das andere ersetzen kann. Vielleicht hätte ich das deutlicher dazuschreiben sollen? Natürlich ist es für mich immer interessant, zu erfahren, wie meine Texte gelesen werden. Allerdings weiß ich nicht recht, wie sinnvoll es ist, jetzt darüber zu diskutieren, wie ein Text wirken würde, den ich gar nicht geschrieben habe. Dein Unwohlsein nehme ich also zur Kenntnis, fühle mich aber ehrlich gesagt nicht dafür verantwortlich, es auszuräumen.

          „Ich bin überzeugt, dass erst in der kreativen und empathischen Einbeziehung des Gegners oder Ignoranten wirklich haltbare Lösungen entstehen können, weil nur in einem Dialog auf Augenhöhe auch Perspektiven entstehen, denen nicht schon wieder ein Blick nach oben oder unten eingeschrieben ist.“

          Ich teile deine Ansicht, dass es in einem persönlichen Gespräch schöner und wahrscheinlich auch effektiver ist, nicht (nur) mit harter Kritik und Konfrontation daherzukommen, sondern auch tatsächlich darauf einzugehen, was der:die Andere eigentlich ganz konkret an Ideen hat und welche persönliche Motivation dahintersteckt. Es ist nicht so schlau, einfach auf ein „verräterisches“ Stichwort oder eine „falsche“ Formulierung hin das ganze Programm an Sexismus/Queerfeindlichkeit zu unterstellen und dann darauf mit dem immergleichen Rundumschlag zu reagieren. Zweifellos passiert das manchmal, tendenziell auch mir, und vermutlich ist das nicht besonders effektiv oder manchmal sogar kontraproduktiv.

          Eine ganz andere Geschichte sind für mich öffentliche Diskussionen, z.B. auf der Ebene der Politik. Da ist es schlichtweg meistens nicht möglich, über persönliche Haltungen oder Motivationen zu sprechen, da muss man einfach möglichst klar und ggf. auch radikal argumentieren, was man falsch und schädlich findet und warum.

          Natürlich ist es immer besser, jede Person genau da abzuholen, wo sie steht, und sie dann von da aus ganz persönlich zu überzeugen, statt nur zu sagen, dies und das sei eben falsch und Punkt. Aber das geht halt nicht immer. Im Zweifelsfall finde ich es auch okay, jemanden einfach mit der eigenen Kritik zu konfrontieren, ohne dabei auf dessen:deren eigene Befindlichkeiten oder Argumente einzugehen. Auch das darf man, und es muss noch lange nicht heißen, neue Normen zu etablieren, die unhinterfragt zu akzeptieren seien. Das als an sich schon als irgendwie gefährlich oder übergriffig einzustufen hieße ja eigentlich sogar, den Ignoranten gar nicht zuzutrauen, sich besser zu informieren oder sich selber Gedanken zu machen, wenn man sie nicht alle einzeln an der Hand nimmt und persönlich überzeugt. Vielleicht braucht Manche:r einfach mal einen Schuss vor den Bug, um sich anschließend mal selber Gedanken zu machen.

          Was die „Augenhöhe“ angeht, so ist es sicherlich eine gute Idee, anderen Menschen erst einmal generell mit Respekt zu begegnen, auch wenn sie Haltungen vertreten, die man nicht teilt oder schädlich findet. Das kann aber in meinen Augen gerade bei Fragen von Diskriminierung und Entwertung niemals so weit gehen, eine Haltung, die Abwertung und Ungerechtigkeit beinhaltet, erst einmal als grundsätzlich ebenso „berechtigt“ anzusehen wie ihr Gegenteil. Und eine Haltung der Ignoranz steht für mich definitiv nicht auf gleicher Höhe mit einer Haltung, die aus Informationen, Logik und Erfahrungen resultiert. Die Augenhöhe kann sich meiner Meinung nach also immer nur auf die Personen beziehen, aber nicht immer auch auf die Haltungen, über die man miteinander streitet. Eine imaginierte Ausgangslage von „wir haben alle irgendwie Recht“ ist sicherlich nicht mein Ding. In manchen Dingen muss es ein „Richtig“ und ein „Falsch“, geben, wenn wir uns nicht von allen Grundlagen einer zumindest ungefähren gemeinsamen Ethik verabschieden wollen.

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