Privatsache (oder: Das machen Heteros ja auch nicht.)

I

Halbdunkles Schlafzimmer. Ein junger Mann und eine junge Frau liegen eng nebeneinander im Bett. Leise Musik.

Er: „Du, wenn wir nächste Woche zusammenziehen …“
Sie: „Ja?“
Er: „Naja, die Nachbarn werden mitbekommen, dass da ein Mann und eine Frau auf dem Klingelschild …“
Sie: „Na und? Die werden sich halt ihren Teil denken.“
Er: „Aber dass wir beide ein … Liebespaar sind, das müssen wir ja nicht unbedingt gleich jedem auf die Nase binden, oder?“
Sie [richtet sich entsetzt auf]: „Natürlich nicht! Das geht schließlich niemanden was an!“
Er [ängstlich]: „Und wenn jemand direkt nachfragt?“
Sie: „So unverschämt wird wohl keiner sein. Und wenn, dann sagen wir es halt. Wir müssen unsere Liebe schließlich vor niemandem verstecken.“
Er: „Das hast du schön gesagt. Aber dass du meine Freundin bist, also im Sinne von … äh, Freundin eben, das werde ich wirklich nur dann erzählen, wenn jemand explizit danach fragt. Mann muss ja sein Sexleben nicht schamlos in der Öffentlichkeit breittreten. Machen andere ja auch nicht.“
Sie: „Wunderbar, Schatz. [Verträumt] Genau so habe ich mir eine Beziehung immer vorgestellt! Offen und selbstbewusst, aber natürlich mit der nötigen Privatsphäre.“
Er [betont fröhlich]: „Ganz normal und unverkrampft eben. Aber achte ein bisschen darauf, dass du mich da im Treppenhaus nicht aus Versehen ‚Schatz‘ nennst, ja?“

Sie lacht. Beide seufzen glücklich.

 

II

Fototermin für eine Homestory. Die Küche der Schauspielerin P. Der Reporter kritzelt Notizen; im Hintergrund machen sich der Fotograf und eine Beleuchterin an technischem Gerät zu schaffen.

Frau P.: „Und das hier wäre dann die Küche. Hier zaubere ich meine berühmte Gemüselasagne, wenn meine Freunde zu Besuch sind. Nur mein Mann mag die leider gar nicht so gerne, er isst lieber…“

Fotograf und Beleuchterin schauen einander an; er blinzelt, sie unterdrückt ein Kichern.

Frau P.: „Habe ich was Falsches gesagt?
Reporter: „Entschuldigen Sie, Frau P., aber Ihre, ähm, sexuelle Orientierung wollen wir in unserer Story doch lieber nicht ansprechen.“
Frau P.: „Aber ich dachte …“
Reporter: „So private Dinge interessieren unsere Leser auch gar nicht. Stellen Sie sich vor, bei uns würde jeder sein Intimleben ausbreiten. Da wären ja unsere Titelseiten voll mit irgendwelchen … Pärchen!“

Alle lachen.

Reporter [wieder ernst]: „Ihre Privatsphäre ist uns heilig. Ihr, äh, Mann bleibt also außen vor. Es geht hier nur um Sie als Person und als Schauspielerin.“
Frau P.: „Na okay, also, meine Gemüselasagne …“

Frau P’s Ehemann betritt die Küche. Mit ihm kommt ein etwas schmutziger kleiner Hund hereingewuselt.

Reporter: „Oh, Sie haben einen Hund? Super, da machen wir gleich eine kleine Extra-Fotostrecke! Erzählen Sie unseren Lesern doch ein bisschen was über den kleinen Racker, Frau P.!“

 

III

Sonniger Park im Frühling. Drei alte Damen sitzen auf einer Bank. Ein junges heterosexuelles Paar kommt vorbei. Sie nimmt seine Hand, er lächelt sie an, beide gehen Hand in Hand weiter.

Erste Dame: „Also, von mir aus kann ja jeder in seinen eigenen vier Wänden …“
Zweite Dame [absichtlich so laut, dass das junge Paar es hören kann]: „Manche Menschen müssen wohl ihre Sexualität geradezu wie eine Monstranz vor sich hertragen!“
Dritte Dame [leise]: „Ich will mir gar nicht vorstellen, was die beiden wohl im Bett miteinander … Ekelhaft!“

Alle drei schaudern und verziehen die Gesichter.

Das junge Paar ist nach links abgegangen. Man hört mehrere männliche Jugendliche aus dem Off mit zunächst undeutlichen Rufen. Dann wird eine Stimme deutlicher.

Aggressive Stimme: „Du Fotzenlecker! Ey, bleib doch mal stehen!“

Wir hören dumpfe Schläge, schmerzvolles Ächzen.

Zweite Dame [schaut nach links]: „Ts. Das kommt davon, wenn man immer provozieren muss.“

 

IV

Mittagspause in der Kantine. Ein Mann setzt sich mit seinem Tablett einem zweiten gegenüber, der etwas missmutig im Essen stochert.

Erster Mann: „Was ist dir denn über die Leber gelaufen?“
Zweiter Mann: „Die Sczipek aus dem Archiv. Ich sage nur, dass sie da einen schönen Pullover anhat, und sie [er spricht mit affektierter Stimme]: ‚Ja, den hat mir mein Verlobter geschenkt‘.“
Erster Mann: „Unglaublich. Die muss auch wirklich jede noch so unsinnige Gelegenheit nutzen, um einem dauernd ihren Hetero-Scheiß aufs Brot zu schmieren.“
Zweiter Mann: „Die hat halt nichts anderes im Kopf als ihre Sexgeschichten. Und das beim Essen!“
Erster Mann: „Als ob dieser Privatkram hier irgendwen interessieren würde. Wir sind zum Arbeiten hier und nicht zum Tratschen. Aber mal was anderes: Wie geht‘s denn dem Schneider, sind die Zysten jetzt endlich alle raus?“

 

V

Eine Beerdigung. Viele Trauernde auf dem Friedhof. In einiger Entfernung spricht eine Rednerin am offenen Grab. Eine Besucherin und ein Besucher der Trauerfeier sprechen leise miteinander.

Besucherin: „Haben Sie ihn näher gekannt?“
Besucher: „Ziemlich gut sogar. Wir haben uns jede Woche zum Boule-Spielen getroffen.“
Besucherin: „Wer liegt denn da in der anderen Grabhälfte? Eine Frau?“
Besucher: „Ja, aber die kannte ich kaum. Sie haben gut dreißig Jahre lang zusammen gelebt, einige Zeit lang mit Kindern. Es wurde getuschelt, die beiden seien … Sie wissen schon [er wird sehr leise]: verheiratet. Das haben die beiden natürlich nie offiziell … Naja, man ahnte es wohl, aber es wurde nie ausgesprochen.“
Besucherin: „Na, so genau will man das auch gar nicht wissen. Wo kämen wir denn hin, wenn sich jeder ins Privatleben anderer Leute einmischen würde?“
Besucher: „Genau, das geht einen schließlich nichts an, wer da mit wem in die Kiste steigt.“
Besucherin: „Hat man ja im Prinzip auch gar nichts dagegen. Solange niemand zu Schaden kommt.“
Besucher: „Und wenn es nicht gerade vor den Kindern … Man hört da ja oft Sachen!“
Besucherin: „Schlimm sowas! Aber ansonsten soll doch jeder leben, wie er will. Ist ja schließlich das einundzwanzigste Jahrhundert.“
Beide unisono: „Aber bitte nicht in aller Öffentlichkeit!“

Die Grabrede ist beendet. Wir hören ein dumpfes Prasseln, als der erste Trauernde eine Handvoll Sand auf den Sarg wirft.

 

VI

Gemischter Chor, alle in schwarzen Anzügen bzw. grauen Kostümen, strenge Frisuren. Zwei tragen ein großes Schild: „Chor der total glaubwürdigen Heterosexuellen“. Die Strophen singen Frauen und Männer jeweils abwechselnd, den Refrain alle gemeinsam.

„Schwule, hört auf unsern Rat:
Eure Liebe ist privat!

Und Privates ist geheim!
Geht nicht denen auf den Leim
die nach ‚offnem Leben‘ schrein.
Liebe darf nicht ‚offen‘ sein!

Wie wir Heteros schon immer
flüstern in verschlossnem Zimmer
nur vom Küssen, Flirtgebaren,
Heiraten und Steuernsparen,

wo es niemand anders hört,
wo wir völlig ungestört,
so sollt auch ihr Homos walten:
Immer schön die Klappe halten!

Schwule, hört auf unsern Rat:
Euer Leben ist privat!

Wenn ihr meint, wir würden hier
das, was wir tun und was ihr,
an verschiednen Latten messen
solltet ihr das schnell vergessen.

Sicher müsst ihr euch da irren.
Würden wir euch so verwirren
und ein doppelt Maß anlegen,
müsst‘ ja Widerspruch sich regen!

Oh, wie wär das ungerecht!
Haltet ihr uns für so schlecht?
Niemals wären wir so frech!
Und wenn doch – ist das halt Pech.

Schwule, hört auf unsern Rat:
Euer Schweinkram ist privat!“

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18 Kommentare zu “Privatsache (oder: Das machen Heteros ja auch nicht.)

  1. bewegend und anregend (zum denken natürlich :))
    schön das man dinge ansprechen kann ohne sie direkt auszusprechen, dass zwingt die leute nachzudenken. was will mit der autor damit sagen?

  2. Lieber Zaunfink,

    was für ein großartiger Text! Ich habe ihn jetzt schon mehrere Male gelesen, weil er mir wirklich gut gefällt – besonders die Beerdigungsszene, die mich sehr an mein (früheres) Umfeld erinnert, und den Chor der Heterosexuellen. Wundervoll geschrieben :)

    Viele Grüße
    Suvette

  3. Ich freue mich sehr über euer positives Feedback. Gerade bei den etwas abwegigeren Textformen bin ich manchmal unsicher, ob sie funktionieren werden, und dann ist es echt schön, zu sehen: jepp, das tun sie wohl.
    Ihr dürft hier aber natürlich gern auch über eure eigenen Erfahrungen mit dem Thema „Offenheit / Privatheit“ berichten. Wie ist eure Haltung dazu und wie sind die Reaktionen?

    • Ich bin völlig offen. Es ist schon einige Jahre her, dass ich das letzte Mal meine Homosexualität bewusst versteckt habe, damals war ich noch nicht vollständig geoutet.

      Das größte Problem an der Sache ist, dass viele Leute überhaupt nicht verstehen, was Sache ist, vielleicht können sie sich nicht vorstellen, dass ich lesbisch bin. Jedenfalls habe ich noch nicht den richtigen Begriff gefunden, ich erzähle immer, wie es gerade passt von „meiner Freundin“, einfach so, wie es sich halt ergibt, wenn man gefragt wird, was man am Wochenende gemacht hat etc. Viele Leute denken dann einfach, dass wir befreundet sind und in einer WG wohnen, und so kommt es immer wieder zu recht peinlichen Situationen, wenn der Groschen dann fällt bzw. ich eine offenkundig falsche Bemerkung richtig stelle „Ja, so eine WG ist ja auch was Schönes“ – „Nein, wir sind ein Paar“ – Schweigen. Beide gucken sich an. „Achso, na das ist dann ja auch gut.“ Ich wünsche mir dann manchmal, dass ich doch für durchschnittliche Heteros etwas offensichtlicher lesbisch aussehen würde, einfach, weil es sich (für mich und mein Gegenüber) immer so blöd anfühlt. Ich könnte es vielleicht vermeiden, wenn ich von meiner Partnerin oder meiner Lebensgefährtin sprechen sollte (in Situationen, in denen ich es gleich deutlich klarstellen will, spreche ich manchmal von meiner Frau), aber das hab ich ein paar Mal versucht, und ich komme mir so blöd dabei vor. Ich fühle mich zu jung für diese Begriffe :D Die Hetero-Frauen in meinem Umfeld sprechen ja auch von ihrem Freund und nicht von ihrem Partner, aber da weiß halt gleich jeder Bescheid.

      Ja, ich will damit sagen: Ganz so einfach ist es mit der Offenheit nicht, selbst wenn ich es möchte. Wenn wir zusammen unterwegs sind, kann man es auf Dauer aber denke ich nicht übersehen, dass wir ein Paar sind, aber wer weiß, vielleicht meinen die Leute dann auch, zwei gute Freundinnen halten Händchen und geben sich ein Küsschen.

      Die Erfahrung, dass viele es gar nicht wissen wollen, habe ich vor allem in dem ländlichen Umfeld gemacht, aus dem ich stamme. Meine Freundin und ich waren Nachbarinnen von klein auf, und ich vermute, dass es viele im Dorf wissen, aber ich hab halt auch keine Ahnung. Dort wird getuschelt, nicht öffentlich angegriffen, und schon gar nicht werden wir danach gefragt. Zur Zeit leben wir eh in einer Großstadt und in einem Umfeld, in dem wir völlig angenommen werden, aber unsere Herzen schlagen beide für das Landleben, also werden wir wohl in einigen Jahren dorthin zurückkehren. Ich bin schon etwas angespannt bei dem Gedanken, wie die Leute dann auf uns reagieren, aber schlussendlich möchte ich mein Leben auch nicht an einem Ort verbringen, an den ich nicht wirklich gehöre. Und es sind die Leute, die das Problem haben, nicht ich. Wer uns dann als Paar nicht wahrnehmen will, muss halt weggucken.

      • Bitte entschuldige, Suvette, aus irgendeinem Grund war dein Kommentar im Spamfilter kleben geblieben.

        Du bringst hier einen wichtigen Punkt ein: Das Nichtsehenwollen der Anderen, obwohl man sich alle Mühe gibt, eben NICHT übersehen zu werden. Das wäre noch mal einen eigenen Artikel wert, denn damit stehst du sicher nicht alleine da. Ich vermute, dass dieses Übersehen Lesben noch häufiger betrifft als Schwule.

        Ich glaube, ich höre zum ersten Mal davon, dass jemand „gern lesbischer aussehen“ möchte. Da ließe sich doch sicher was machen? ;-)

        Was das offene Landleben angeht, habe ich keine eigenen Erfahrungen. Ich höre aber eigentlich recht oft von Anderen, die ihr „Basis-Coming-Out“ in der Stadt absolviert haben und dann aufs Land ziehen, dass sie sich relativ gut und schnell integrieren. Auch in meinem eigenen Heimatdorf hat sich die Lage inzwischen so verbessert, dass zumindest mein Schwulsein für mich kein Argument wäre, nicht dorthin zurückzukehren. Da gibt es mittlerweile ein paar offen Schwule und Lesben, die da arbeiten oder mit irgendwem verwandt sind, und das scheint echt kein riesiges Ding mehr für die Leute zu sein.

        Was ich allerdings immer noch selten gehört habe, ist, dass ein Coming-Out direkt auf dem Land ohne den Zwischenschritt des freieren und anonymeren Stadtlebens gelingt. Mit „erst in die Stadt, dann geoutet zurück aufs Land“ wäre, soweit ich es sehe, dein Weg der Klassiker. der auch gut gelingen könnte. Ich würde es dir jedenfalls natürlich sehr gönnen.

        • Hallo Fink,

          ein Artikel zum Thema Übersehen werden bzw. Übersehen wollen würde mich auf alle Fälle interessieren, du hast Recht, es ist noch mal ein ganz eigenes Thema, zu dem es in meinen Augen auch viel zu sagen gibt.

          Ach, das lesbischer-aussehen-wollen ergibt sich mit Sicherheit aus der Frustration heraus, mich ständig erklären zu müssen :D Manchmal wünsche ich mir dann, dass ich einfach etwas mehr in die Klischee-Kiste gegriffen hätte, denn wenn man dem entspricht, was die Leute sich landläufig unter einer „richtigen Lesbe“ vorstellen, spart man sich doch bei so einigen Erläuterungen genauere Erklärungen. Da ich aber gleichzeitig ich selbst bleiben will, ohne mich derart zu „verkleiden“, bleibt mir wohl nur abzuwarten, ob ich irgendwann in einer Gesellschaft lebe, in der nicht automatisch davon ausgegangen wird, dass ich als Frau automatisch Männer toll finden muss.

          Vielen Dank fürs Mut machen :) Ein irgendwie mit mir verwandter Schwuler hat auch mal versucht, in unser Heimatdorf zurückzukehren, ist dann aber wieder weggezogen, weil er meinte, es sei gar nicht gegangen. Ich bleibe dennoch meistens optimistisch, die Leute müssen ja auch mal lernen, mit einem homosexuellen Paar klar zu kommen ;) Und ganz so dünn ist mein Fell (hoffe ich) auch nicht.

  4. *feiert das gröhlend*
    So wahr, so verdammt wahr..

    Klar ist vieles Privatsache. DANN, wenn man es privat haben WILL.

  5. Schöne und so wahre Texte. Ich werde mir mal ein Lesezeichen setzen, um die Texte im Sexualkundeunterricht zu nutzen, wenn das okay ist?! Und meiner Oma schicke ich sie auch mal… ;-)
    Ich bin nicht betroffen und kann so sicher die Seite eines homosexuellen Paares nicht wirklich nachvollziehen. Und doch führe ich immer wieder Diskussionen, weil ich einfach nicht verstehen kann, wieso sich manche an der sexuellen Orientierung anderer stören… Ich hoffe inständig, dass sich das in naher Zukunft ändert!
    Liebe Grüße

    • „um die Texte im Sexualkundeunterricht zu nutzen, wenn das okay ist?!“

      Aber hallo! ;-)
      Du kannst dann ggf. gerne mal berichten, Janina, öffentlich oder über „Kontakt“. Würde mich wirklich interessieren!

Pfeif drauf!

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