Moonlight

„Brokeback Mountain“ sah ich damals in einem Hamburger Kino gemeinsam mit einem sehr wunderbaren, analysierfreudigen und eloquenten Mann. Ich freute mich auf einen guten Film und auf eine anregende Nachbesprechung. Meine zweite Erwartung wurde enttäuscht: Unter der Nachwirkung des Films konnte mein sonst so mitteilsamer Begleiter während der gesamten Zeit vom Abspann bis zur Ankunft in seiner Wohnung kein einziges Wort sprechen. Buchstäblich keines. Die Wogen, die der Film in seinem Inneren aufgewühlt hatte, brauchten eine volle Stunde, um wieder einigermaßen zur Ruhe zu kommen.

Nach „Moonlight“ bringe ich mehr Verständnis für diesen Zustand auf als je zuvor. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt Filmbesprechungen schreiben kann. Vielleicht versuche ich das irgendwann einmal, aber nicht über diesen Film. Ich könnte Sätze schreiben wie „dieser Film hat mich bewegt wie kaum ein anderer“ und käme mir dabei so hilflos vor, als wollte ich das Meer beschreiben und mir stünden nur die Worte „es ist ziemlich feucht“ zur Verfügung. Ich tröste mich mit der Tänzerin und Choreografin Isadora Duncan, die auf die Frage, was sie mit ihrem Tanz ausdrücken wolle, antwortete: „Wenn ich das sagen könnte, müsste ich es nicht tanzen.“ Könnte ich die sich sanft aufbauende Wucht von „Moonlight“ in Worte fassen oder seine Wirkung wiedergeben, dann hätte ja niemand diesen Film zu drehen brauchen.

Selbstverständlich sind die Darsteller:innen allesamt fantastisch, ist der Film handwerklich und erzählerisch eine reine Freude, gibt es keinen Dialog, keine anrührende Geste und keine Szene, die nicht perfekt ausgetüftelt und wohlplaziert wären, keine Figur, die einem nicht mehrfach das Herz bräche, weil wir allen so nahe kommen und weil wir an so vielen ihrer Sehnsüchte Anker werfen können. Aber ich werde mich hüten, jetzt ergründen zu wollen, warum die Summe dieser Details hier so viel mehr ergibt. Mein Kopf versucht das zwar gerade und wird vermutlich noch ein paar Tage damit zu tun haben, aber mein Herz sagt leise und bestimmt: „Klappe halten, Hirn, darum geht es gerade überhaupt nicht. Du bist später wieder dran. Vielleicht.“ Dieser Film wird mit etlichen Sätzen und Bildern so intensiv und so häufig in mir nachhallen wie lange keiner davor. Aber nicht vorwiegend in meinem Kopf, sondern überall sonst. Das Team von „Moonlight“ hat verstanden, wozu Kino da ist und was Kino vermag.

Von mir gibt es also hier keine wirkliche Besprechung dieses Films. Wer noch gar keine gelesen haben sollte und wissen will, worum es inhaltlich überhaupt geht, kann z.B. bei Kriss Rudolph oder Axel Schock vorbeischauen oder Barry Jenkins, den Regisseur, im Interview lesen (Deutschlandradio Kultur, Spiegel).

Von mir nur ein kleiner Rat, mit dem ich mich Axel Schock anschließe: Geht zusammen mit einem Menschen ins Kino, der euch nahe ist. Auch wenn eure Begleitung vielleicht erst einmal kein Wort mehr herausbringen sollte (oder ihr selbst): Es wird gut sein, dass sie da ist. Und das spricht keinesfalls gegen diesen Film, sondern für ihn.

Auf einen auch nur annähernd so klugen, warmen und machtvollen Film über Männlichkeit und die Schönheit des Verletzlichseins werden wir nach „Moonlight“ sehr lange warten müssen. Seht euch das an.

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16 Kommentare zu “Moonlight

  1. „Ich könnte Sätze schreiben wie „dieser Film hat mich bewegt wie kaum ein anderer“ und käme mir dabei so hilflos vor, als wollte ich das Meer beschreiben und mir stünden nur die Worte „es ist ziemlich feucht“ zur Verfügung.“ — Was für ein wunderschöner, berührender Satz! Und er macht die Sache wesentlich greifbarer, als Du vielleicht ahnst. Seufz <3
    Hoffe, der Film läuft auch irgendwann im Inselkino. Liebe Grüße!

  2. Ich werde dann wohl mal am Wochenende noch ins Kino gehen. Erstaunlicher- und glücklicherweise läuft der Streifen in meiner relativ provinziellen Heimat, aber nicht im mondäneren Karlsruhe.

    • Ich hoffe, der Film gefällt dir so gut wie mir, Carmilla. Ich habe die Erwartungslatte ja jetzt einigermaßen hoch gelegt… Falls du magst, kannst du hinterher ja hier berichten.

      • Ach ja. Mittlerweile habe ich mich von dem Film gestern Abend erholt. Mir ging es nun auch so, dass ich nach dem Kino erstmal eine Weile Ruhe zum Nachdenken und Traurgisein brauchte. Meine Begleitung war hingegen gesprächig, aber ich glaube, als heterosexuelle Person konnte sie das Drama und die Ungerechtigkeit, die in der letzten Szene zum Ausdruck kommt, nicht wirklich nachvollziehen.

        • Ich hatte mich schon gefragt, ob das gesteigert intensive Erleben des Films wirklich von einer „queeren“ Erfahrung abhängig ist. Irgendwie hatte ich gehofft, dass die Erfahrungen von Identitätssuche und Fremdbestimmung für nahezu Jede:n nachvollziehbar und nachfühlbar sein würden. Vielleicht sind es aber wirklich vor allem die „queeren“ Saiten, die der Film zum Beben bringt?
          Danke jedenfalls für deinen Hinweis, Carmilla.

          Danke auch an „Go West“ und Kristin für eure schönen Kommentare!

          • Hm. Kommt vielleicht auch auf den Kontext an? Ich weiß beispielsweise ungefähr, welche Möglichkeiten der Unterstützung/Community existiert hätten, die Chiron aber aus diversen Gründen verwehrt blieben.

          • Wie erklären? Also, ich weiß, wie queere Communities im Idealfall funktionieren, und ich habe einen Einblick, warum sie für Chiron nicht funktioniert haben, bzw. warum er sie offenbar nie gefunden hat – das meine ich mit Kontext.
            Ich vermute, dass ich darum mehr von der emotionalen Wucht abbekommen habe als meine Begleitung und auch ein paar Personen aus meiner Buchstabenminderheit, die den Film ebenfalls gesehen haben.

          • Danke, Carmilla, ich glaube, jetzt verstehe ich besser, worum es dir geht. Ich stand wohl auf dem Schlauch, weil ich Chirons Tragik gar nicht so sehr mit den nicht-verfügbaren Communities in Verbindung gebracht habe, bzw. anders formuliert: weil ich nicht glaube, dass queere Infrastrukturen irgendwo anders als in Liberty City wirklich in so idealer Weise verfügbar und funktional sind, dass sich diese Tragik komplett vermeiden ließe.

            Ich habe Chirons Entwicklung als eine einigermaßen typische queere Karriere betrachtet, nicht als einen besonders tragischen Ausnahmefall. Und mehr noch, ich erkenne in seiner erzwungenen Selbstentfremdung eine Tragik, die sich locker auf nahezu jeden anderen Lebensweg übertragen ließe, wenn man sie nicht auf die schwule Identität bezieht, sondern auf irgendwas anderes. Männlichkeit zum Beispiel oder was auch immer, worin ein Mensch nicht der propagierten Norm entspricht. Deshalb verwundert es mich ehrlich gesagt immer noch ein wenig, wenn ich höre, dass Nicht-Schwule hier emotional kaum anknüpfen können. Ist man als queerer Mensch wirklich so extrem viel empfindsamer, was dieses Thema angeht? Oder ist das womöglich für viele Heterosexuelle gar kein Thema? Oder gibt es für Heterosexuelle / Asexuelle eine Hemmschwelle, gerade eine schwule Erfahrung als Metapher für eigene Probleme zu nehmen?

  3. Manchmal ist es ja auch einfach besser, nichts zu sagen. Gerade bei diesem Film ist mir das extrem bewusst geworden. Selbst jetzt nach vielen Wochen faellt mir nur ein einziges Wort dazu ein: unbeschreiblich.

    Wenn mich jemand nach meiner Meinung zum Film fragen wuerde, meine Antwort waere: „Schau ihn Dir an und lass uns anschließend treffen und gemeinsam schweigen.“

  4. Das hat mich bewegt, und motiviert, mal wieder ins Kino zu gehen. Zwei Gedanken, die durchaus keine Platitüden sein sollen, möchte ich zurück teilen: „Liebe ist die Abwesenheit von Bewertung.“ Soll der Dalai Lama gesagt haben.
    Und, wenn es etwas gibt, dass uns so in der Präsenz, dem Gegenwärtigen, dem Moment hält, uns so berührt, dass wir das Bewerten sein lassen müssen, ist es einfach wunderbar?
    Herzlichen Dank, dass du mit uns teilst, wie sehr dich der Film berührt hat.

  5. Sorry to poop in your pudding, Zaunfink, aber ich schreibe mal, wie es mir ergangen ist mit dem Film. Vorausschicken muss ich, dass ich ein cineastischer Analphabet bin, also manchmal die Kinokunst-Sprache nicht oder nur schwer verstehe. Ich bin Deiner Empfehlung gerne gefolgt, weil sie meinen ohnehin vorhandenen Wunsch bestärkte, den Film zu sehen. „Brokeback Mountain“ hat mich vor vielen Jahren sehr berührt, drum war ich gespannt. Mich hat der Film enttäuscht. Das hat, glaube ich, auch damit zu tun, dass ich ihn leider nicht im Original habe sehen können, sondern in der – wie so oft – schlechten Übersetzung (zB die Übernahme des in unserer Umgangssprache völlig unüblichen, im Englischen üblichen Imperfekt in der gesprochenen Sprache, furchtbar. Auch die Redensarten werden selten passend übersetzt…). Mich hat die Teilung in Kapitel nicht überzeugt, weil ich die Schauspielerei des jungen und mittleren Chiron gar nicht sehr überzeugend fand. Wenn man eine Rolle hat, die im Wesentlichen schweigt, muss man schon ein extraordinär guter Schauspieler sein, um das zu „wuppen“, und selbst solchen fällt es meines Erachtens oft schwer. So außergewöhnlich fand ich die beiden dann aber nicht. Die Szenen mit dem erwachsenen Chiron im dritten Teil fand ich auch schauspielerisch besser, aber er sprach immerhin auch mehr. Ich hatte das Gefühl, über die Figur einfach viel zu wenig, fast nichts zu erfahren und erst recht über ihre Entwicklung. Er war im wesentlichen stumm und deprimiert und manchmal etwas mutig. Das fand ich insofern erstaunlich, als die Vereinsamungsbefunde, die da illustriert wurden, natürlich auch mir sehr bekannt sind. Die Vermengung von schwuler Idenitätssuche, sozialem Prekariat, ethnischen Identitätsproblemen und Drogenszene fand ich too much und so schrecklich klischeehaft und sie führte in meinen Augen zu einer Schwächung der zentralen Plots. Die Schlüsselszenen (am Strand im ersten Teil, auf dem Fußballplatz mit Kevin im ersten Teil, am Strand mit Kevin im mittleren Teil) fand ich eher platt und von den „Dialogen“ her gewollt (die Szene mit Denise (?) im zweiten Teil: „In meinem Haus gibt es nur Stolz und Freude“…also bitte, amerikanische Plattitüden!). Dass Mahershala Ali nur im ersten Teil dabei war, fand ich schade, schauspielerisch und optisch ;-).
    Nun ja, soviel zu meinen unwichtigen Eindrücken.

    • „Sorry to poop in your pudding“
      Also wirklich, Fataliso, das Einzige, was ich dir vorwerfen kann, ist, dieses Bild im Kopf eines großen Puddingliebhabers aufzurufen. ;-)

      Deiner Kritik kann ich nichts entgegensetzen – warum auch? So hast du es wahrgenommen, und wenn ich den Film noch einmal irgendwann mit einer anderen Art von Aufmerksamkeit sehen würde, könnte ich vermutlich dem einen oder anderen deiner Kritikpunkte zustimmen. Wie du meinem doch eher, nun ja, gefühligen Artikel entnommen hast, war ich (was für mich ungewöhnlich ist), gar nicht wirklich in der Lage, den Film gleichzeitig mit dem Kopf und dem Herzen zu sehen, auch wenn ich da ein paar überschwängliche Worte über die handwerklichen Qualitäten schreibe. Und vielleicht möchte ich das in diesem Fall auch gar nicht. Vielleicht irgendwann mal, vielleicht nie, das wird sich zeigen.

      Das macht deine Eindrücke nicht unwichtig. Danke für deine Sicht, auch wenn sie leider eine enttäuschte ist.

      • I regretfully withdraw my poop from your pudding! 🙂
        Wenn ich so drüber nachdenke, kann es ja vielleicht gerade gewollt gewesen sein, dass man – wie ich fand – über die Figur Chirons letztlich gar nichts erfahren hat, das würde ja seine Tragik ausmachen, für sich und für andere eine Leerstelle zu bleiben. Aber vielleicht ist es auch alles ganz anders. Ich spreche einfach nicht Cineastisch!

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