Es gibt keine Emanzipation in Schlumpfhausen. Über Gleichheitsrisiken


Sagt mal, von wo kommt ihr denn her?
Aus Schlumpfhausen, bitte sehr!
Sehen alle da so aus wie ihr?
Ja, wir sehen so aus wie wir!

(Vader Abraham: Das Lied der Schlümpfe, 1978)


EINLEITUNG

Die Gleichheit zu betonen ist eine prima Idee, wenn man gleiche Rechte erstreiten will. Das rechtsstaatliche Ideal der Gleichheit vor dem Gesetz steht aus gutem Grund in vielen Verfassungen sehr weit vorne; da lässt sich also gut ansetzen. Dieses Ideal setzt zwar gar nicht voraus, dass man wirklich gleich sein muss, um gleich behandelt zu werden – im Gegenteil geht es gerade darum, dass allen Menschen trotz ihrer Verschiedenheit die gleichen Rechte zustehen –, aber egal, einfacher ist es doch, keck zu behaupten, wir seien gar nicht anders als andere. Das schluckt das Volk leichter als eine juristische Disputation.

Seit ein paar Jahren konzentrieren wir uns sehr stark darauf, all das irritierende Anderssein, das unsere queeren Identitäten wie ein böser Spuk umwabert, herunterzuspielen, aus dem Blickfeld zu verbannen oder sogar komplett zu leugnen. „Fürchtet euch nicht, wir sind doch genau wie ihr!“ ist das Mantra dieser Geisteraustreibung geworden. Wir sind doch alle nur Menschen! Wir sind zwar Individuen, aber eigentlich doch alle gleich. Wir sind „gegen Schubladendenken“, „gegen falsche Klischees“ und, ganz modern und angeblich queer: „gegen alle Kategorien“. Das ist alles Schrott und muss weg.

Die massive Ablehnung, die unser (imaginiertes oder reales) Anderssein seit Jahrhunderten auslöst, hat dank dieser Strategie insgesamt deutlich abgenommen. Das können wir Statistiken und Studien entnehmen; das können wir auch in unserem Alltag spüren. Die Menschen haben mehrheitlich begriffen, dass Schwule und Lesben auch nur maximal je zwei Augen, Arme und Beine haben (bei den anderen queeren Menschen hakt es mit dieser Einsicht oft noch ein bisschen), und das hat zur gesellschaftlichen Entspannung extrem beigetragen.

„Mensch = Mensch“, schreiben wir also auf bunte JPEGs, die dann in den sozialen Medien herumgeistern und eine wohlige Toleranzwellness verströmen. „Lieb doch, wen du willst“, rufen wir flapsig, als sei Liebe eine willentliche Entscheidung wie die für einen roten oder gelben Pulli, und im Grunde auch genauso banal und nebensächlich. Alles ganz fluffig und frei, und alles völlig egal. Wir sind Menschen, und nur darauf kommt es doch an. Uns alle unterscheidet im Grunde nichts, gar nichts. Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht?

Orlando

Als das letzte Mal besonders viele von uns tatsächlich bluteten, beim Attentat in Orlando vor einem Jahr, wurden die Nebenwirkungen dieser Strategie deutlich. Über hundert Menschen waren gezielt u.a. aus einem queerfeindlichen Motiv heraus erschossen oder verletzt worden, und ein nicht geringer Teil von Politik, Medien und sogar der queeren Gemeinschaft hatte nichts besseres zu tun, als genau diesen Aspekt nach Kräften herunterzuspielen oder zu leugnen. Dort seien „Menschen“ angegriffen worden, so hieß es, also „wir alle“, und die konkrete Opfergruppe spiele doch eigentlich keine Rolle. Bundeskanzlerin Merkel fand sich erst nach Tagen der Kritik dazu bereit, diese Opfergruppe zu benennen. Komisch, bei den Angriffen auf die Redaktion von Charlie Hebdo und einen koscheren Laden, die damals noch gar nicht so lange zurückgelegen hatten, war niemand auf die Idee gekommen, es sei hier doch „nur um Menschen“ gegangen. Die Motive, die sich auch dort eindeutig gegen ganz bestimmte Menschen mit bestimmten Eigenschaften bzw. Tätigkeiten gerichtet hatten, wurden ohne jedes Zögern benannt und sogar ausdrücklich betont.

Typische Kommentare zum Orlando-Attentat waren dagegen beispielsweise folgende:

„Das war genauso ein Angriff gegen die Menschheit, wie auch gegen Homosexuelle. Weil Homosexuelle eben Menschen sind. Daher muss man das nicht immer und überall gesondert erwähnen, weil damit der Gleichheitsgedanke gefährdet wird.“ [Quelle]

„Ich bin selber homosexuell und finde dieses ständige Hervorheben einfach nur nervig. Mensch ist Mensch – egal welche sexuelle Ausrichtung er hat. […] Ein ständiges Betonen, dass es sich hierbei explizit um einen Anschlag gegen die LGBT-Szene handelt führt zu mehr Ausgrenzung, als wenn man es einfach nicht erwähnt.“ [Quelle]

„Ich verstehe nicht warum die Homosexuellen-Verbände damit [mit Merkels Statement, das die Opfergruppe nicht benannte] nicht zufrieden sind? Wollen sie Extramitleid, aufgrund ihrer sexuellen Ausrichtung? In meinen Augen ist es ein Zeichen der Gleichberechtigung und dass man in der Gesellschaft angekommen ist, wenn man jetzt nicht besonders auf die Opfer aufmerksam macht, nur wegen deren Sexualität.“ [Quelle]

Die Essenz dieser Gedanken kommt hier zum Ausdruck:

„Wie lange es wohl noch brauchen wird, bis man versteht, dass Diskriminierung (egal (!!!) in welcher Form) erst ein Ende findet, wenn man aufhört darüber zu reden.“ [Quelle]

Eine seltsame Volte: Queerfeindliche Gewalt als solche zu benennen, sei selbst diskriminierend. Diskriminierung könne demnach nur verschwinden, indem man konsequent über sie schweigt. Menschen wurden aus Hass gegen ihr Queersein getötet, und die Antwort darauf solle sein, das bloß nicht zu sagen. Ich las mir das alles durch und dachte: Na, diese Misere haben wir uns aber auch fein selbst eingebrockt.

Zur Einordnung: Ein kurzer Rückblick

Machen wir vorweg kurz einen Zeitsprung in die Siebziger Jahre: Die neue Schwulenbewegung bildete sich damals innerhalb linker utopistischer Strömungen heraus. Die Schlagworte waren Emanzipation und Revolution. Es ging um die Veränderung der Gesellschaft als ganzer. Nach dem Begriff „Gleichheit“ muss man in den Diskussionen der damaligen Zeit länger suchen. Betont wurde eher die Differenz der Schwulen, und zwar in positiver Weise. Anderssein an sich galt damals fast schon als eine politische Auszeichnung, als Garant der fundamentalen Oppositionshaltung, die damals die Student:innenbewegung prägte.

Ungefähr ab den Neunzigern ging die Bewegung dann in die Hände eher parteipolitisch geprägter Akteur:innen über. Der Schwerpunkt verschob sich in Richtung einer Bürgerrechtsbewegung. Ins Zentrum rückten dabei Fragen der rechtlichen Gleichstellung.

Erst damit hielt der Begriff der „Gleichheit“ seinen triumphalen Einzug ins Herz der strategiepolitischen Diskussionen.

Der Leitstern der Gleichheit löste den Leitstern der Emanzipation ab – ein Paradigmenwechsel der Schwerpunkte, der Perspektiven und der politischen Strategien. Kämpfte man in den Siebzigern noch um das Nicht-Mitmachen-Müssen, geht es heute vorrangig um das Mitmachen-Dürfen. Aus damaliger Perspektive würde man sagen: das Mitmachen-Dürfen in einer an sich kritikwürdigen Gesellschaft mit kritikwürdigen Normen und Privilegienverteilungen. Die Betonung der Gleichheit ging einher mit einem Verlust gesellschafts-kritischer Perspektiven.

Ich rufe das ins Gedächtnis, weil es schnell einmal in Vergessenheit gerät, dass die Diskussionen, die wir heute führen, früher anders geführt wurden und auch heute anders geführt werden könnten. Dass der Begriff „Gleichheit“ so zentral ist wie heute, ist nicht selbstverständlich, sondern hat mit einer bestimmten politischen Ausrichtung und Struktur unserer Bewegung/en zu tun.

Gleichheit vor dem Gesetz

Wie anfangs schon angedeutet, ist die Betonung der Gleichheit gerade im Kampf um die rechtliche Gleichstellung eine Strategie, die viele Erfolge vorweisen kann. Wir haben die Gleichstellung inzwischen in gefühlt siebenhundert Einzelgesetzen erlebt, jedesmal mit entsprechender Hurra-Berichterstattung. Dabei ist inzwischen der Eindruck entstanden, es ginge um gar nichts anderes mehr als um rechtliche Angleichungen. Als Konsequenz dieser Strategie erscheint uns die logische Verknüpfung von rechtlicher mit qualitativer Gleichheit heute fast schon selbstverständlich. Mit dieser Verknüpfung ziehen wir aber einen folgenreichen Fehlschluss.

In Artikel drei des Grundgesetzes heißt es:

„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, wenn sie sich ganz normal verhalten und so sind wie alle anderen.“

Ihr habt es hoffentlich gemerkt, das steht da natürlich nicht. Hinter dem Hauptsatz folgt kein einschränkender Nebensatz, sondern ein Punkt: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Die Gleichheitsgarantie des Grundgesetzes setzt keinen Normalitätsbeweis voraus. Ganz im Gegenteil: In den folgenden Sätzen werden sogar eine Reihe von Ungleichheits-Faktoren aufgelistet, um ganz explizit festzustellen, dass diese allesamt gerade nicht dazu berechtigen, jemanden schlechter zu behandeln: Geschlecht, Abstammung, Weltanschauung usw. Unser Grundgesetz setzt nicht voraus, dass Menschen ihr Anderssein aufgeben müssen, um gleiche Rechte zu erhalten. Das ist eigentlich eine ziemlich tolle Grundlage, um für die Akzeptanz von Vielfalt zu werben.

Wir tun aber oft so, als ginge es darum, unsere Verschiedenheiten einzuebnen oder zu leugnen, um uns gleiche Rechte oder gleiche Anerkennung zu „verdienen“. Als ginge es hier um einen Gleichheitswettbewerb, den wir als Kollektiv bestehen müssten. Das müssen wir aber gar nicht, diese Rechte stehen uns als Ungleiche zu. Wieso legen wir unsere Kampagnen so an, dass sie die Gleichbehandlungsgarantie bei Verschiedenheit, die das Grundgesetz uns bietet, eher vernebeln statt sie zu betonen? Wir verspielen damit eine wichtige Chance.

Wir tun so, als könne man mit jedem rechtlichen Trippelschrittchen ein weiteres Bildchen ins Gleichheits-Sammelalbum kleben, und am Ende, wenn das Heftchen voll ist, sei dann das gelobte Land erreicht, wo Gleichheit in den Bächen fließt und Akzeptanz an den Bäumen wächst. Das ist der zweite Irrtum: Das Ende rechtlicher Ungleichbehandlungen wäre ein wichtiges Signal dafür, dass unsere Gesellschaft unsere Beziehungen für gleichwertig hält. Es wäre eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich diese Gleichwertigkeit auch im gesellschaftlichen Alltag niederschlägt. Es ist aber nicht deren einzige Voraussetzung und schon gar nicht das einzige Ziel.

Die Ausweitung ehelicher Privilegien auf homosexuelle Paare würde zum Beispiel noch lange nicht automatisch zu einem gleichen Sicherheitsgefühl führen, wenn ich im öffentlichen Raum meinen Freund an der Hand halte. Und die einseitige Konzentration auf homosexuelles Leben in der Darreichungsform des treuen Pärchens würde erst recht nicht dazu führen, dass auch offene Beziehungen, Mehrfachpartnerschaften oder gar promiskes Leben mehr gesellschaftliche Anerkennung fänden; von Akzeptanz für trans, inter und nicht-binäre Personen ganz zu schweigen, die in dieser Diskussion überhaupt keine Erwähnung finden.

BEISPIELE

Schauen wir uns ein paar Beispiele an, damit klarer wird, was ich meine, wenn ich von einem Gleichheitswahn rede.

Ehe „für alle“

Als das wohl wichtigste Thema ist hier die Diskussion um die Eheöffnung zu nennen. Manchmal denke ich, dass die Ehediskussion das trojanische Pferd war, in dem wir die Gleichheitsmanie in den Burghof unserer Bewegung gezogen haben.

Es ist unübersehbar, dass schon die ersten zaghaften Kampagnen (z.B. die „Aktion Standesamt“, 1992) sehr gezielt darauf setzten, Bilder von Lesben und Schwulen zu produzieren, die vor allem eines sagen sollten: „Wir sind genau wie ihr.“ Der Erfolg dieser Bilder beruhte darauf, die Gleichheit, die mit der bisher üblichen Erzählung der Ungleichheit brach, als ein Spektakel zu inszenieren. Paradoxerweise bestand der auflagensteigernde Schauwert dieser Bilder also darin, dass sie betont langweilig waren. Ich bin übrigens ziemlich sicher, dass die gesamte Strategie ohne diese beschwichtigenden Bilder nicht funktioniert hätte. Die bildlichen Gleichheitsbeweise waren und sind die Überzeugungs-Grundlage dieser Kampagnen. [→ Das Paarprivilegien-Projekt]

Die Strategie der meisten Ehe-Kampagnen lässt sich mit dem Stichwort respectability politics beschreiben. Da werden adrett frisierte Personen präsentiert, schwiegerelternkompatibel, weitgehend entsexualisiert und mit möglichst langjährigen Beziehungen als unbestechlichem Ausweis ihres moralisch intakten Lebenswandels ausgestattet. Der erhoffte Lern-Effekt ist: „Wenn diese Homosexuellen hier so freundlich und sauber daherkommen, dann sind Homosexuelle vielleicht ja doch ganz okay.“

Eine Paradoxie dieser Strategie ist die folgende: Wenn wir um die Eheöffnung als Gnadenakt betteln, indem wir monogame Pärchen mit Eigenheim und weißem Zaun drumherum präsentieren, dann wird dabei das heterosexuelle Gegenüber gleich mit eingeschlumpft. Auch unter Heteros gibt es nämlich welche, die an jedem Wochenende im Fetischoutfit durch die Klubs ziehen, Kinder hassen, Drogen nehmen, noch nie eine stabile Beziehung hatten und auch nie sexuell monogam sein werden – aber sie alle dürfen ganz selbstverständlich heiraten, wenn sie das wollen. Während wir im Betteln um ein Recht, das wir voraussetzungsfrei haben sollten, verzweifelt das Häkeldeckchen hissen, können alle Heterosexuellen heiraten, ohne dass sie erst Gartenzwerg und Seitenscheitel vorweisen müssten. Gerade im Versuch, normaler als normal zu erscheinen, unterscheiden wir uns ironischerweise von der Restbevölkerung, die das gar nicht nötig hat und diesen Normalitätsbildern auch gar nicht unbedingt entspricht.

Blutspendeverbot

Ein Thema, das seit ein paar Jahren immer mal wieder hochbrodelt, ist das Blutspendeverbot für MSM, also für Männer, die Sex mit Männern haben (bzw. mindestens einmalig hatten). Auch in diesen Diskussionen strudeln immer wieder deutliche Tendenzen der Gleichheitsmanie an die Oberfläche. Schwule sollten nicht unter „Generalverdacht“ gestellt werden, heißt es da; auch Heterosexuelle könnten sich mit HIV infizieren; und vor allem wird immer wieder betont: Viele Schwule leben in langjährigen monogamen Beziehungen! Der Slogan „HIV geht alle an!“ bekommt hier den Untertitel „… uns Schwule also genau so wenig wie euch Heteros.“ Und zwischen den Zeilen ist da immer wieder zu lesen: Wir sind nicht so versaut, wie ihr denkt – was wieder auf die Beschwörungsformel zurückgreift: Wir sind gar nicht anders als ihr. Die Differenzleugnung geht oft so weit, die erhöhte HIV-Prävalenz (Infektionshäufigkeit) unter MSM wider jede Realität für völlig unerheblich zu erklären oder sie sogar komplett zu leugnen.

Die Probleme, die hier entstehen, können stellvertretend für den Gleichheitskult als solchen gelten: Das erste Problem ist, dass nur die Anerkenntnis der Unterschiede (in diesem Fall der stark erhöhten HIV-Prävalenz bei MSM) die Grundlage für die erfolgreiche, weil zielgruppenfokussierte Präventionsarbeit legen konnte. Wer diese Unterschiede leugnet, verunmöglicht eine erfolgreiche Prävention. Verallgemeinernd können wir also sagen: Nur wer reale Unterschiede anerkennt, kann reale Probleme lösen.

Das zweite, vielleicht wichtigere Problem ist: Die Abwehr des Unterschiedes produziert neue Ausgrenzungen. Es wäre völlig okay, sachlich darauf hinzuweisen, dass natürlich auch unter Schwulen nur ein bestimmter Prozentsatz HIV-positiv ist. Wir reden ja nicht über „immune Heteros vs. infizierte Homos“. Aus der unübersehbaren emotionalen Empörung und aus der Verwendung von wertenden Begriffen aus der Kriminalistik wie „Generalverdacht“ wird aber deutlich, dass es hier um noch etwas anderes geht: In diesen Aussagen wird die moralische Abwertung von HIV-Infizierten nachgeahmt und bekräftigt. „Wir braven Bürger sollen etwas mit HIV zu tun haben? Wie kann man es wagen?“ Diese Empörung wäre aber nur dann angemessen, wenn man eine HIV-Infektion insgeheim eben doch als etwas Ehrenrühriges ansähe. Auf die Klarstellung, dass sie das selbstverständlich nicht ist, warte ich in solchen Diskussionen meistens vergeblich. [→ Wohlfühlaktivismus für Anständige]

Gleichzeitig betrifft die Distanzierung ganz offensichtlich nicht nur den „Verdacht“ einer potentiellen HIV-Infektion, sondern auch die „böse Unterstellung“, sexuelle Verhaltensnormen zu überschreiten: „Aber nein, wir sind doch nicht promisk, sondern monogam!“ Die Abwertung eines promisken Verhaltens wird durch diese empörte Abgrenzung ebenfalls bekräftigt. Der schwule Biedermann, der sich um Himmels willen nicht mehr unterscheiden will, kann das nur, indem er seine Solidarität mit den „Schmuddelkindern“ aufkündigt und jede Gelegenheit ergreift, um sich von ihnen nicht nur zu distanzieren, sondern sie auch abzuwerten.

Der Preis der Gleichheits-Beteuerungen ist die Stigmatisierung von HIV-Positiven und die Entsolidarisierung mit den Schwulen, die durch ein angeblich „unmoralisches“ Beziehungsverhalten auffallen.

Wirb nicht mit den Schmuddelkindern!

Das Leitthema „gute Schwule / böse Schwule“ kann man übrigens auch jenseits der Ehe- und Blutspende-Diskussionen verfolgen. Immer wieder werden die Verhandlungen über Akzeptanz geführt, indem sich normalisierungseifrige Schwule von Promiskuität, offenen Beziehungen, Klappensex, Darkrooms usw. empört abgrenzen und stattdessen auf die erwähnten respectability politics setzen: Der Öffentlichkeit sollen möglichst „normale“, monogame, treue, familiengründungswillige Homos vorgeführt werden, damit sich niemand an irgendeiner irritierenden Andersartigkeit stören könnte.

Dass subkulturelle Infrastrukturen, die unkomplizierten Sex ermöglichen, durchaus nicht nur historisch überkommene Notlösungen für sozial gescheiterte Menschen sind, die sich insgeheim doch alle nur nach einer monogamen Zweierkiste sehnen, sondern dass sie reale und sehr legitime Bedürfnisse einer großen Anzahl von Menschen erfüllen, wird einfach geleugnet.

CSD – aber nicht „für alle“?

Auch wenn wir auf das zentrale Ritual unserer Bewegung/en blicken, den Christopher Street Day, sind die unschönen Folgen des Gleichheitskults unübersehbar. Jedes Jahr aufs Neue wird die Teilnahme der allzu „schrillen“ und vermeintlich nicht repräsentativen Akteur:innen als angeblich akzeptanzgefährdend beklagt und in oft irritierend aggressiver Form deren Ausschluss nahegelegt. Immer wieder tauchen die Träume eines durch und durch „normalisierten“ CSDs auf, in dessen Parade niemand mehr durch irgendetwas Befremdliches, Provokantes und womöglich sogar Sexualisiertes verstört wird. Bitte nicht zu viele Federn, zu viel Fetisch, zu viel Trans, zu viel Nacktheit. Wir wollen unsere Vielfalt zeigen, aber das möge doch bitte nicht so weit gehen, dass eine allzu beängstigende Verschiedenheit jemanden verschrecken könnte. Diese Ausgrenzungswünsche werden gern mit dem angeblichen Bemühen gerechtfertigt, doch einen „politischen“ CSD statt „nur eine bunte Party“ fördern zu wollen. Sichtbare Vielfalt wird zum Gegensatz, ja sogar zum Feind unserer politischen Agenda erklärt. Wie paradox es ist, im Gleichschritt für die Vielfalt zu marschieren, fällt dabei nicht einmal auf.

Diese Idee kommt keineswegs nur von Vertreter:innen einer gefühlten angepassten Mehrheit in irgendwelchen Internetforen. Diese ängstliche Haltung ist hier und da sogar in die veranstaltenden Organisationen eingesickert. Die mindestens sehr missverständlich formulierte Kölner CSD-Charta von 2009, die von den Parade-Teilnehmer:innen „Taktgefühl“ und den Verzicht auf „maßlose Provokationen“ forderte, ist da vielleicht kein perfektes Beispiel, aber in der damaligen Skandalisierung wurde doch zumindest die Ausgrenzungsbereitschaft in unseren eigenen Reihen deutlicher, als uns vielleicht lieb war. Das an dieser Stelle etwas übertriebene Stichwort „Sittenpolizei“ enthielt durchaus berechtigte Ängste vor der internen Ausgrenzung unliebsamer Minderheiten in der Minderheit zugunsten bürgerlicher Assimilation: In Helsinki beendete vor einiger Zeit der örtliche Lederklub die Zusammenarbeit mit dem ausrichtenden Verein der Pride Parade, weil die Klubmitglieder es leid waren, trotz anderslautender Versprechen jedes Jahr aufs Neue ganz an das Ende der Parade verbannt zu werden, damit ihr verstörender Anblick bloß keiner christlichen Familie den Einkaufsbummel vergrämen könnte. Diese Art der Ausgrenzung ist keine Angstfantasie, sondern real.

Zudem zeigt sich immer wieder, dass viele den CSD als eine Veranstaltung sehen, die ihre Berechtigung allein durch ihre Außenwirkung erhalte, nämlich als monothematische Demonstration für die rechtliche Gleichstellung. Damit geht die geäußerte Hoffnung einher, so etwas wie ein CSD möge bald, nämlich nach der Eheöffnung, gar nicht mehr notwendig sein. Hier gerät die vielschichtige Funktion dieser Veranstaltung in Vergessenheit. So kann es beispielsweise eine nicht zu unterschätzende symbolische und auch therapeutische Wirkung haben, gemeinsam mit so vielen queeren Menschen sichtbar den öffentlichen Raum einzunehmen, den risikolos einzunehmen uns eine heteronormative Gesellschaft sonst immer noch versagt. Solche Effekte werden auch nach einer rechtlichen Gleichstellung nicht obsolet werden.

In The Ghetto

Es fällt generell auf, dass beim Reden über subkulturelle Strukturen wie Bars, Cafés, Parties, Medien, Jugend- und Freizeitgruppen, Events etc. immer wieder eine bestimmte Formel ausgesprochen wird wie ein Zauberspruch, der eine glückliche Zukunft verheißen möge: „Am besten wäre es, wenn es das alles gar nicht mehr geben müsste.“

Alle eigenen, von der heteronormativen Umwelt halbwegs abgegrenzten Räume werden aus unseren eigenen Reihen heraus so regelmäßig abgewertet, dass wir sogar ein eigenes Schimpfwort dafür erfunden haben: „Selbstghettoisierung“. Als sei es etwas Schlechtes, geradezu Anrüchiges, einfach mal unter sich sein zu wollen. Und zwar unabhängig davon, ob wir das in einer heteronormativen Umwelt als Schutzraum brauchen oder ob wir das aus anderen Gründen einfach nur wollen.

Als Utopie wird immer wieder das Aufgehen in dem, was man als Mehrheitsgesellschaft missversteht, ausgemalt. Alles spezifisch Schwule, Lesbische, Queere möge sich bitte in einem fiktiven gesellschaftlichen Einerlei auflösen wie ein Zuckerwürfel im Tee.

Mir fällt keine andere Minderheit mit einer einigermaßen intakten Subkultur ein, die derartig besessen von ihrem eigenen Verschwinden träumt. Es gerät dabei aus dem Blick, dass alle möglichen anderen Gruppen (marginalisiert oder nicht) mit größter Selbstverständlichkeit ihre eigenen Strukturen und Organisationen pflegen.

Nur ein Beispiel: Unter jedem Bericht über die queere Sportveranstaltung Gay Games findet sich im Kommentarbereich spätestens nach drei Kommentaren das Stichwort der „Selbstghettoisierung“: Würden Jüd:innen etwa auch eigene Wettkämpfe veranstalten? Doch sicher nicht! Sicher käme aber niemand auf die Idee, Jüd:innen vorzuwerfen, sie würden sich „selbst ghettoisieren“, sobald sie von jüdischer Kultur reden, auf den berühmten jüdischen Humor stolz sind oder eine eigene Olympiade veranstalten. Letzteres tun sie nämlich tatsächlich: Die Makkabiade gilt aber als Ausdruck stolzer kultureller Selbstbehauptung. Dass es so etwas wie „schwule Kultur“ geben könnte, daran wollen wir dagegen nicht mal denken. Dass wir das Wort „Ghettoisierung“ nicht auch auf die jüdische Kultur anwenden, hat nicht nur damit zu tun, dass das aus historischen Gründen sehr geschmacklos wäre, sondern auch damit, dass wir es (mehrheitlich, hoffe ich) gewohnt sind, einer explizit jüdischen Kultur und Subkultur ein Existenzrecht zuzugestehen. Sobald aber Schwule einmal irgendwas miteinander machen, an dem nicht alle anderen auch teilhaben, wird sofort von irgendwem mit der Ghetto-Klatsche draufgehauen und ein Ende der ach so gefährlichen „Selbstabkapselung“ gefordert. Eine schwule Subkultur sollte es besser gar nicht geben, und wenn es noch eine gibt, dann sollte die möglichst bald verschwinden: Ist das „gleich“ – oder kann das weg? Es ist sicherlich nicht gewagt, zu vermuten, dass das etwas mit verinnerlichtem Selbsthass zu tun hat.

GLEICHHEITS-SEHNSUCHT

Was macht uns anders?

Natürlich gibt es manche nur eingebildete Verschiedenheiten, die wir als Illusionen entlarven sollten. Es bleibt aber das reale Anderssein. Worin besteht es?

Betrachten wir die gesellschaftliche Situation, die dieser Diskussion zugrunde liegt: Trotz aller unbestreitbarer Fortschritte leben wir immer noch in einer Gesellschaft, die von Heteronormativität, Sexismus und Queerfeindlichkeit strukturell tief durchdrungen und geprägt ist. Diskriminierungserfahrungen auf nahezu allen gesellschaftlichen Ebenen, vom Staat über den Arbeitsplatz und das öffentliche Alltagsleben bis hin zum ganz privaten Bereich von Freundschaften und Familien, sind vielleicht nicht mehr in solchem Ausmaß die Regel, wie sie es einmal waren. Diskriminierungserfahrungen bilden aber als Tatsache, als realistische Möglichkeit und als diffuse permanente Erwartung nach wie vor den Hintergrund unseres Lebens.

Schmerzhafte Prägungen

Zwischen den ersten Ahnungen der eigenen Homosexualität (heute mit durchschnittlich 13,4 Jahren) und dem ersten Coming-Out gegenüber Freund:innen oder Familienmitgliedern mit durchschnittlich 18,2 Jahren vergehen im Schnitt 4,8 Jahre.1 Das ist eine lange Zeit, um einsam zu sein. Gerade in der Zeit, in der es darum geht, unsere Identität und unseren Platz in der Gesellschaft zu finden, müssen wir mit der zerstörerischen Behauptung klarkommen, unsere Identität sei an sich schlecht und für Menschen wie uns gebe es überhaupt keinen Platz. Die meisten von uns verbringen diese prägenden Jahre mit Selbstzweifeln, Unsicherheit und Scham, mit Erfahrungen von Ablehnung oder sogar Gewalt, mit Krisen in wichtigen sozialen Beziehungen oder sogar mit deren Verlust. Und wir verarbeiten das alles immer noch oft in vollkommener Einsamkeit.

Das ist mit erheblichem Schmerz verbunden. Das prägt. Das kostet Zeit und Energie. Das führt oftmals immer noch zu massiven Einbrüchen in der Bildungs- und Erwerbsbiografie. Und nicht zuletzt: Das ist nicht vorbei, wenn das erste Coming-Out abgeschlossen ist. Diese Erfahrung steckt uns dann bereits tief in den Knochen, und sie wiederholt sich.

Die Erfahrung, nicht dazuzugehören und abgewertet zu werden, prägt, wenn auch teils nur hintergründig, unser ganzes Leben. Die einzige Zugehörigkeit, die oft bleibt, ist, was Carolin Emcke die „Zugehörigkeit zur Nicht-Zugehörigkeit“ genannt hat, und ich möchte ergänzen: die Sicherheit, nie ganz sicher zu sein.

Denn die Diskriminierungen gehen ja, wie gesagt, im Erwachsenenleben weiter. Wenn mehr als die Hälfte der erwachsenen Schwulen und Lesben am Arbeitsplatz ihre sexuelle Identität geheim hält, wenn Zärtlichkeiten im öffentlichen Raum nur nach einem raschen Sicherheits-Scan erfolgen (sofern überhaupt), dann soll mir doch bitte niemand erzählen, nach dem (ersten) Coming-Out seien wir aus der Problemzone raus und spätestens ab da würden wir dann endlich wirklich genau das gleiche Leben führen wie alle anderen auch. Das tun wir nicht. Reden wir uns nicht ein, keine Narben zu tragen. Und machen wir uns nicht vor, in Sicherheit zu leben.

Minority Stress

Der sogenannte minority stress, den diese Diskriminierungen und Gewalterfahrungen, aber auch bereits unsere Diskriminierungs-Erwartungen erzeugen, verursacht erwiesenermaßen eine erhöhte Anfälligkeit für physische und psychische Krankheiten. Queeres Leben ist dadurch nachweislich anders als nicht-queeres. Nicht, weil wir wirklich so anders sind, sondern weil von früher Jugend bis ins hohe Alter anders mit uns umgegangen wird. Zu den biografischen Besonderheiten, die dadurch entstehen, dass die Meisten von uns immer noch nicht die Normalbiografie mit Ehe und eigener Familie absolvieren, kommen deutlich erhöhte Raten von diversen psychischen und physischen Krankheiten, von Depressionen und Angststörungen, Suiziden und Suizidversuchen, Drogenkonsum, Selbstablehnung, Beziehungsproblemen und selbstschädigendem Verhalten.

Nicht ganz zufällig hat das Wort „Stigmatisierung“ mit dem Wort “Wundnarbe“ zu tun. Die Narben des Hasses, die wir tragen, zu benennen, wird aber meistens sofort als „Hysterie“ verschrien.

Dirk Sander, MSM-Referent der Deutschen AIDS-Hilfe, hat neulich darauf hingewiesen, dass die Forschungen zu den Krankheiten, die durch Stigmatisierungen und minority stress begünstigt werden, bisher sehr unzureichend sind.2 Vielleicht liegt das nicht nur an Geldströmen innerhalb der Wissenschaft, sondern auch an mangelnder Motivation derjenigen betroffenen Forscher:innen, die sich ansonsten ganz gerne mal queerer Fragestellungen annehmen. Was ich beobachte, ist jedenfalls, dass die Erwähnung dieser Probleme innerhalb queerer Diskussionen selten auf Begeisterung stößt. Wann immer etwa eine entsprechende Studie veröffentlicht wird – sagen wir mal, über einen erhöhten Drogenkonsum unter schwulen Männern –, können wir zuschauen, wie schlagartig der Gleichheitsreflex einschnappt: Das könne und dürfe alles nicht sein, das seien sicher nur Fake-Studien homophober Forschungsteams, die uns schon wieder was anhängen und uns pathologisieren wollten. Und natürlich: Die „bösen Schwulen“ brächten uns mal wieder alle in Verruf. In jedem Fall solle man besser nicht darüber reden.

Das Bild des stress- und schmerzgeplagten Diskriminierungsopfers ist eben leider furchtbar unsexy. Es kollidiert nicht nur mit der Norm der leistungsfähigen, fitten Kapitalismusteilnehmer:innen, sondern es widerspricht auch so diametral unserem liebgewonnen Selbstbild der stolzen, freien, emanzipierten Super-Queers, die nach der kleinen Feuerprobe des Coming-Outs alle Probleme hinter sich gelassen haben. Unsere Geschichte möge bitte eine der Held:innen sein, Phönixe im regenbogenbunt strahlenden Gefieder, die alle Aschereste für immer von sich geschüttelt haben. Opfer sind da nicht erwünscht; Leiden ist peinlich; und wer Opfer ist, schämt sich immer noch für etwas, das sie:er selbst gar nicht verschuldet hat.

Auch hier steht die Differenzleugnung der Lösung der Probleme entgegen. Wenn wir die krankheitsfördernden Effekte der Stigmatisierung ignorieren, dann werden wir sie weder heilen noch ihre Neuentstehung verhindern. Und wenn wir in unserer irrationalen Abwehr so tun, als ginge es hier nur um die persönlichen Charakterschwächen einer kleinen Minderheit unter uns, wenn wir also das Problem entpolitisieren und das Leiden stigmatiseren, dann verhindern wir, dass wir darüber wenigstens in einen gemeinsamen Dialog kommen. Dieser Dialog könnte aber sowohl uns selbst als auch nachfolgenden Generationen spürbar helfen. Das geht aber nur, wenn wir erst einmal anerkennen, dass wir hier ein spezielles Problem haben, das uns tatsächlich von der Restbevölkerung unterscheidet.

Sehnsucht nach Zugehörigkeit

Ich zitierte die „Zugehörigkeit zur Nichtzugehörigkeit“. Ich glaube, dass wir in dem Leiden, das die Erfahrungen des Nicht-Dazugehörens in uns auslösen, eine der psychologischen Triebfedern der Gleichheitssehnsucht erkennen können. Eine lange Zeit des Sich-ausgeschlossen-Fühlens kann eine tiefe Sehnsucht danach nähren, doch verdammt noch mal endlich einfach irgendwo dazuzugehören.

Eine Betonung liegt hier auf dem Wort „einfach“. Es gehört ja zu unseren wiederkehrenden Erfahrungen, dass wir uns unsere Zugehörigkeiten erst erarbeiten müssen, dass wir um Respekt und Akzeptanz buhlen und mühsame Überzeugungsarbeit leisten müssen, bis wir uns endlich irgendwann wirklich selbstverständlich als Teil einer Gruppe fühlen können – und so selbstverständlich ist es dann eben gar nicht mehr. Der Versuch, diesen mühsamen Zwischenschritt überspringen zu können, indem wir Gleichheit und Zugehörigkeit einfach per Deklaration ausrufen, entspringt der Sehnsucht nach einem anstrengungslosen, wirklich buchstäblich selbstverständlichen Dazugehören.

Selbstverständlich kenne und verstehe ich diese Sehnsucht. Wie schön wäre es, wenn ich einmal nicht erst „darüber reden müsste“, sondern von vornherein damit rechnen könnte, angenommen zu werden. Es würde sich gut anfühlen, die erlittenen Wunden des Ausgeschlossen-Seins einfach vergessen zu können und mich in eine Welt beamen zu können, in der sie verschwunden und verheilt sind.

Es geht hier auch um eine Schmerzvermeidung. Die Identitätsverschlumpfung, der wir uns mit solch irrationaler Leidenschaft widmen, ist ein Versuch, vor dem eigenen Anderssein und vor den mit der Ausgrenzung verbundenen Schmerzen zu fliehen. Wie schön wäre es, die schmerzhaften Prägungen einfach vergessen zu können und nicht jederzeit mit neuen Verwundungen rechnen zu müssen. Das ist zweifellos eine sehr tiefe, sehr menschliche und sehr verständliche Sehnsucht.

Die Internetforen, in denen junge Schwule und Lesben mit spürbarer Nervosität darüber reden, ob denn ein Coming-Out wirklich notwendig sei (und die sich selbst und einander oft irrationalerweise davon überzeugen wollen, dass es nicht notwendig sei), zeugen von der tiefen Sehnsucht, den angsterfüllten Raum der Selbstemanzipation gar nicht erst betreten zu müssen. Schon lange vor dem eigenen Coming-Out ahnen diese Jugendlichen: Das wird richtig hart. Das wird weh tun. Und diese Ahnungen sind leider immer noch so berechtigt, wie die schmerzhafte Arbeit, diese Aufgabe durchzustehen, immer noch notwendig bleibt.

Wie erleichternd wäre es doch, für die gleiche Wertigkeit und Anerkennung nicht permanent arbeiten zu müssen. Das müssen wir aber leider. Um Gleichheit, nicht im Sinne von Gleich-Sein, sondern im Sinne von selbstverständlichem Dazugehören, zu erreichen, reicht es nicht, diese Gleichheit einfach zu deklarieren. Wir müssen uns immer noch erst die Hände schmutzig machen und darüber reden, was uns tatsächlich ungleich macht und natürlich auch darüber, wer uns künstlich ungleich halten will. Es reicht nicht, dreimal mit den Absätzen unserer roten Schuhe zu klappen, um dorthin zu kommen.

Auch die gerade unter jungen Menschen immer beliebter werdende latente Identitätsvermeidung, die oft in Selbstzuordnungen wie „queer“, „pan“ usw. steckt, kann tendenziell (sicher nicht immer!) der Ausdruck einer Ausweichbewegung sein, die die Konfrontation mit all dem Konfliktpotential scheut, das die Worte „schwul“ und „lesbisch“ begleitet. Die Geusenwörter „schwul“ und „lesbisch“ haben eine völlig andere politisch-provokative Qualität als „queer“ (zumindest im deutschen Sprachraum), sie lösen viel eher die eingeübten Aggressionen der heteronormativen Umwelt aus, und sie machen es daher auch viel eher nötig, sich mit diesen Aggressionen auseinanderzusetzen. Es wäre schön, wenn die provokante Qualität unserer traditionellen Selbstbezeichnungen heute gar nicht mehr notwendig wäre, und ich verstehe die vielen anderen Gründe sehr gut, weshalb sich Menschen z.B. als „queer“ bezeichnen. Sicherlich tragen die alten Begriffe aber auch immer noch eine größere politische und emanzipatorische Schlagkraft in sich als die neuen. Das sollte uns zumindest bewusst sein, wenn wir diese neuen Begriffe verwenden.

Ich bin ein Mensch! Also nicht mehr schwul?

Vor einigen Jahren sah ich ein professionell gedrucktes Plakat, das die ganze Misere des missverstandenen Gleichheitskults auf die Spitze trieb. Es war als eine Art multiple choice-Test gestaltet; darauf stand: „Ich bin …“ und darunter die Optionen: „schwul, lesbisch, transsexuell, heterosexuell.“ Angekreuzt war nur die letzte Option, nämlich: „ein Mensch“. Und mehr noch: Alle anderen Optionen waren mit einem dicken roten Kreuz durchgestrichen. Hier wird die Gefahr einer Gleichheitsvorstellung deutlich, die vordergründig Toleranz fordert, in Wirklichkeit aber das genaue Gegenteil bestärkt: Die verschiedenen Identitäten werden hier nicht mehr als notwendiger Teil des Menschseins begriffen, sondern als überflüssige Gegensätze, die das „Wesentliche“, nämlich das Menschsein, nur unnötig behindern. Diese Gegensätze müsse man nur abschaffen oder leugnen, und schon sei das Problem gelöst.

Das Dilemma

So läuft es aber eben nicht.

Wir kommen nicht um das Dilemma jeder marginalisierten Gruppe herum, genau den Aspekt, dessentwegen wir nicht mehr marginalisiert werden wollen, permanent zum Thema machen zu müssen. Wir müssen die Kategorien benennen, die die Grundlagen unserer Diskriminierungen sind, und paradoxerweise bestätigen wir diese dabei und sorgen für ihr Fortbestehen. Feminismus kann nicht funktionieren, wenn man so tut, als wären Frauen nur noch Menschen und deshalb keine Frauen mehr. Es wird keine Emanzipation der Schwarzen geben, die einfach behauptet, es gebe gar keine rassistischen Konstrukte. Und ebenso wird es keine queere Emanzipation geben, die ohne die permanente Benennung queerer Identitäten, ihrer jeweiligen Besonderheiten und ihrer spezifischen Diskriminierungen auskommt. Wir können dieses Dilemma nicht einfach überspringen, sondern müssen mit ihm umgehen. Gleichheit ist nicht einfach herstellbar, indem wir fest genug an sie glauben oder die Diskriminierungen einfach leugnen. Man kann nicht einfach die Reset-Taste drücken, auch wenn die Sehnsucht danach manchmal sehr groß ist. Wir haben Geschichten, Erfahrungen, Biografien, und die machen aus, wer wir sind. Die unterscheiden uns. Und die gehen weiter.

RISIKEN UND NEBENWIRKUNGEN

Entpolitisierung und Selbstlähmung

Nehmen wir an, die Leugnung aller Unterschiede wäre möglich und erfolgreich. Was bliebe nach dieser Differenzleugnung übrig? Es bliebe ein völlig individualisiertes, rein privates, unsichtbares, entpolitisiertes, entsolidarisiertes und von allen Problemen scheinbar reingewaschenes Schwulsein (bzw. anderes Queersein). Es verbindet uns nicht miteinander, hilft uns nicht beim Lösen gemeinsamer Probleme. Die Differenzleugnung stellt stattdessen alle politischen, psychologischen, sexuellen Infrastrukturen infrage, die wir uns aufgebaut haben.

Differenzleugnung verhindert politische Debatten (intern und gesamtgesellschaftlich), und damit auch politische Lösungen. Sie verhindert sogar persönliche Gespräche – es ist ja alles „egal“, also auch gar nicht erwähnenswert. Sie verhindert ein Verständnis unserer spezifischen Situation und unserer spezifischen Diskriminierungen. Sie legitimiert das Desinteresse an unseren Problemen. Sie erleichtert es uns allen, Augen und Ohren vor Problemen zu verschließen, deren Lösung anstrengend und unangenehm ist und bleibt. Sie legitimiert es, Diskussionen abzuwürgen, die vielen Nichtbetroffenen auf die Nerven gehen, weil sie mit Vorwürfen und mit Verantwortung verbunden sind – und sein müssen.

Faule Heteros

Ich sprach bisher über unsere eigenen Gleichheitswahn-Symptome. Unser trügerisches Angebot, über Identitätsunterschiede und Probleme einfach nicht mehr zu reden, wird aber natürlich gern auch von anderen Menschen aufgegriffen, die keine Lust auf Anstrengung haben. Auch Nichtbetroffene möchten sich gern mal von hier auf jetzt in eine problemfreie Zone hineinträumen. Wie oft habe ich heterosexuelle Menschen Sätze sagen hören wie „Das ist für mich gar kein Thema“, „Ich bewerte Menschen nur nach ihrem Charakter und nicht danach, mit wem sie ins Bett gehen“ usw., und gemeint war nichts anderes als „Lass mich bloß mit deinem Schwulsein in Ruhe.“ Die floskelhafte Gleichheitsgaukelei wird zur willkommenen, weil positiv besetzten Fassade, hinter der man seine unveränderte Ignoranz verstecken und sich dabei auch noch super fühlen kann. Das ist sehr bequem, weil so auch von dieser Seite die Anstrengung vermieden werden kann, die es erfordern würde, sich mit eigenen Unsicherheiten und tief verinnerlichten Abwehrreaktionen zu beschäftigen. Wenn man Diskriminierung einfach wegwünschen kann, dann muss man sich nicht der Frage stellen, ob man selber in sie verstrickt ist.

Selbst die Feministin Antje Schrupp, die sich sonst als eine beeindruckend reflektierte Person zeigt, reagierte vor Kurzem recht begeistert auf den Vorschlag des Autors Heinz Jürgen Voß, „Schwulsein zu verlernen“. Sie kommt seltsamerweise nicht auf die Idee, dass es vielleicht eine bessere Sache wäre, Heteronormativität zu verlernen oder sich zu fragen, wie sie selbst auf den Vorschlag reagieren würde, Frauen sollten doch einfach das Frausein verlernen, um endlich ihre Gleichbehandlung zu erreichen.

Perfide Politik

Dieser Trick funktioniert natürlich auch auf der politischen Ebene. 2016 unternahm die UN einen Versuch, Homosexuelle besser vor Diskriminierung und Gewalt schützen: Der UN-Menschenrechtsrat richtete zu diesem Zweck das Amt eines unabhängigen Experten ein, der die Einhaltung der Menschenrechte sexueller Minderheiten in der Welt überwachen sollte. Die vatikanische Vertretung in Genf kritisierte diese Entscheidung mit einer interessanten, weil wirklich perfiden Begründung: Eine „besondere Gruppe von Rechten für eine spezifische Gruppe von Personen“ schützen zu wollen, stehe in Widerspruch zum Prinzip der Gleichheit aller Menschen.

Das erkennbare politische Ziel ist es, unter dem Mantel der „Gleichheit“ ein Schweigegebot über Diskriminierung zu verhängen und den Gedanken der Gleichbehandlung zu pervertieren, um Menschenrechtsverletzungen gegen unsere spezifischen Gruppen in der Unsichtbarkeit belassen zu können – natürlich nicht zuletzt diejenigen, die sich unter dem eigenen Dach abspielen.

Politischer Zeitgeist

Der Gleichheitswahn unserer Bewegung/en geistert nicht in einem politischen Vakuum herum, sondern droht sich in vielerlei Weise mit anderen unseligen Zeitgeistern und -Ungeistern zu verbünden. AfD, Pegida, Demo für Alle, religiöser Fundamentalismus – wir leben in einer Zeit, in der das Propagieren menschlicher Monokulturen wieder erschreckend en vogue geworden ist. In der sogenannten Integrations-Debatte geht es zunehmend um die Idee, „das Fremde am Fremden“ müsse durch vollständige Angleichung und Assimilation verschwinden. Eine Integration des Fremden als Andersbleibenden ist aus dieser Perspektive nicht mehr denkbar.

In „völkischen“ Denkfiguren wird gleichzeitig auch die Vielfalt der eigenen Kultur geleugnet bzw. offen angegriffen. Pluralität steht heute unter einem lange nicht gekannten Rechtfertigungsdruck. Eine gemeinsame Kultur der Verschiedenheiten ist zunehmend unvorstellbar und sie wird mit zunehmender Aggression attackiert. Der gruselige Traum von Schlumpfhausen, der hier geträumt wird, käme nicht ohne menschenverachtende Repressionen aus.

Es ist eine Zeit, in der Verschiedenheit vielerorts als automatische Rechtfertigung von Ablehnung, Hass und Entrechtung gesehen wird, als sei Aggression gegen alles „Andere“ ein Naturgesetz. Diese Ablehnung alles „Anderen“ scheint immer tiefer und widerspruchsloser in unsere Gesellschaft einzudringen. Angstfreies Anderssein wird dabei immer schwieriger.

Wir sollten diese (Un-)Logiken durchbrechen, statt sie zu fördern. Eine missverstandene Vorstellung von Gleichheit, die Akzeptanz nur denjenigen verspricht, die gar nicht anders sind und die behauptet, dass man sich Gleich-Wertigkeit nur durch Gleich-Werdung „verdienen“ könne, trägt dazu bei, genau diese unseligen Perspektiven auf Menschsein und auf Gesellschaft zu bestärken, statt ihnen etwas Selbstbewusstes entgegenzusetzen. Die Idee der Differenzvermeidung mit ihren folgenschweren politischen Konsequenzen muss durchbrochen werden, statt ausgerechnet sie zur Grundlage strategischer Überlegungen zur Akzeptanzsteigerung zu machen. Wir sind keine Schlümpfe. Und wir sollten uns davor hüten, welche werden zu wollen.

AUSBLICK

Positive Differenzen

Es klang bisher ein wenig so, als sei unser Anderssein lediglich negativ bestimmt: durch Diskriminierungen und die dadurch verursachten seelischen Narben. Es gibt aber nicht nur negatives Anderssein, wie ich es beim Stichwort minority stress beschrieben habe.

Verschiedene queere Subkulturen haben zumindest in bestimmten Zeiten ihrer Geschichte auch als soziale Versuchslabore gedient, in denen Menschen, die sich von herrschenden Normen verabschiedet hatten (oder sich zumindest verabschieden wollten), mit alternativen Modellen des Zusammenlebens, des Beziehungslebens und des Sprechens über Identitäten experimentiert haben. Es sind neue soziale Infrastrukturen entstanden, die mehr mit Selbstbestimmung zu tun haben als die restliche Gesellschaft hätte anbieten können. Der gesellschaftliche Ausschluss ermöglichte auch Freiheiten, die wir erfolgreich genutzt haben. Nicht zur Norm passen zu können bot immer auch die Chance, diese Norm selbstbewusst zu überschreiten, neue Möglichkeiten zu suchen und neue Freiräume zu schaffen. Die wenn auch unfreiwillige Außensicht auf die Normen der Gesellschaft hat oftmals Perspektiven und Erkenntnisse ermöglicht, von denen die ganze Gesellschaft profitieren kann.

Die Vielzahl von Diskriminierungserfahrungen, die wir erfolgreich gemeistert haben, hat viele von uns auch zu besonderen Kompetenzen in solchen Fragen geführt. Diese Kompetenzen haben sich individuell in unseren persönlichen Prägungen und auch kollektiv in unseren Organisationen verfestigt. Diese Kompetenzen können und sollten wir weiterhin ausbauen und zum Positiven nutzen.

Die Akzeptanz der eigenen Besonderheiten und das Umgehen mit schwierigen Bereichen der eigenen Biografie, die konstruktive Reibung an gesellschaftlichen Normen, die wir als nicht-passend erleben, kurz gesagt: die Selbstemanzipation in einer normierenden Gesellschaft, das alles sind Probleme, die wir in einer allgemeineren Form mit allen anderen Menschen teilen. Wir können auch hier oftmals besondere Kompetenzen vorweisen, die sich u.A. in unseren Selbsthilfe-Infrastrukturen niedergeschlagen haben.

Diskriminierung ist nicht gut, sie hat aber – ohne zynisch klingen zu wollen – viel Gutes hervorgebracht.

Selbstdarstellung

Es geht bei dieser ganzen Diskussion nicht zuletzt um eine strategiepolitische Frage: Wie wollen wir „uns“ präsentieren? Welche Bilder wollen wir der Öffentlichkeit vermitteln, um mit ihnen bestimmte gesellschaftspolitische Ziele zu unterstützen?

Es war enorm wichtig, den durchweg negativen Bildern queeren Lebens, die noch vor wenigen Jahrzehnten nichts als Elend, Krankheit und Einsamkeit prophezeiten, positive Gegenbilder entgegenzustellen. Die bewusst lustvollen und fröhlichen Selbstdarstellungen, die mit den Pride Parades aus den USA herüberschwappten, zielten auf genau diesen Effekt, und es war richtig, diese Strategie für unsere CSDs zu übernehmen. Parallel dazu löste die optimistisch leuchtende Regenbogenflagge den Rosa Winkel als zentrales Identifikationssymbol ab – ein lebensfrohes Zeichen der Vielfalt ersetzte ein Symbol, das auf eines der denkbar düstersten Kapitel unseres Opfer-Seins verwies.

Es wäre verheerend, wenn Queersein nun wieder auf „Probleme haben“ reduziert würde. Aber da bleibt ja nun einmal leider die Tatsache, dass wir immer noch oft Opfer sind. Wie können wir mit diesem Dilemma umgehen und vermeiden, dass das offene Sprechen über unsere Probleme das mühsam errichtete und selbststärkende positive Selbstbild wieder allzu stark eintrübt?

Eine Idee hierzu wäre folgende: Das Gegenbild zu „Menschen mit Problemen“ muss nicht unbedingt „Menschen ohne Probleme“ sein, sondern könnte auch heißen „Menschen, die Probleme meistern“. Wir sind nicht nur die mit den Problemen, wir sind auch die mit den Lösungen. Eine solche Selbstdarstellung würde weder die realen Schwierigkeiten leugnen, noch würde es uns wieder in eine passive Opferrolle verbannen.

Die Kampagne „It gets better“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie diese Bilder aussehen können: Hunderte von Menschen erzählten über ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit queerfeindlichem Mobbing, gleichzeitig aber auch darüber, welche Ressourcen ihnen dennoch zu einem guten Leben verhalfen. Diese Kampagne leistete eine Perspektivenverschiebung von einem oberflächlichen, wohlfeilen Gleichheitsversprechen auf die Anerkennung der realen, leider wenig rosigen Situation. Damit, und nur damit, schuf sie eine tiefe Empathie. Die Botschaft dieser Kampagne war nämlich keineswegs nur an ihre offensichtliche Zielgruppe der Menschen vor dem ersten Coming-Out gerichtet, denen sie Mut machen sollte. Sie enthielt auch eine Botschaft an die Allgemeinheit: Wir queeren Menschen haben einen Haufen Probleme, und deswegen kümmern wir uns umeinander.

Diese Kampagne hat gleichzeitig eine Idee umgesetzt, die ich als generelle Inspirationsquelle für jeden Aktivismus empfehle: Stell dir die Frage, was du dir in deiner Kindheit, in deiner Jugend und während und nach deinem Coming-Out am Dringendsten gewünscht hättest. Auf den Antworten zu dieser Frage sollte eine erfolgreiche Hilfsstrategie für die nächsten Generationen aufbauen. Diese Frage können wir aber nur dann beantworten, wenn wir uns ehrlich und selbstkritisch erinnern, auch schmerzhafte Erinnerungen miteinander teilen und dabei vor allem nichts verdrängen. Hierzu sind keine bunten Sticker nötig, sondern der Mut, uns auch unseren schmerzhaften Erfahrungen zu stellen.

Der emotionale Effekt der „It gets better“-Kampagne, die wohl Zigtausende zu Tränen rührte, erreichte tiefe Schichten des Mitgefühls, die kein seichtes Gleichheitsgedudel jemals erreichen wird. Niedliche Gleichheitsliedchen berühren uns nicht. Aber das Lob der Verschiedenheit, das Sichtbarmachen von Leid und der Triumph über schmerzhaft errungene Siege tun es. Menschen, die zusammenhalten und Krisen meistern, tun es.

Der Autor und Journalist Matthew Todd, der sich lange mit den Folgen von Diskriminierungserfahrungen beschäftigt hat, schrieb vor einem Jahr:

„Von queeren Menschen sagt man oft, sie seien Trendsetter. Könnten wir bei der Trauma-Heilung Vorreiter werden – wir könnten die Welt verändern.“

ENTSCHLUMPFUNG

Ja, die Gleichheits-Strategie hat funktioniert. Aber sie hat gleichzeitig auch nicht funktioniert. Es war und ist gut, gegen unser imaginiertes Anderssein vorzugehen. Aber was ist eine Akzeptanz wert, die Andere nur deswegen akzeptiert, weil die gar nicht anders sind als man selbst? Wie soll Akzeptanz für Vielfalt entstehen und wachsen, wenn wir selber nichts besseres zu tun haben, als zu bestreiten, dass es Vielfalt überhaupt gibt?

Selbstverständlich ist unsere Menschlichkeit das, was uns verbindet (oder zumindest verbinden sollte). Es ist keine schlechte Idee, metaphorische Brücken zu bauen, die uns einander näher bringen können. Menschsein heißt aber eben nicht nur gleich sein, sondern vor allem auch verschieden sein. Wenn wir Gleichheit als Differenzleugung verstehen, dann hindert uns dieses missverstandene Gleichheitsideal daran, unsere Probleme zu lösen. Es behindert den Dialog, wo er stattfinden muss. Und es reiht sich in eine politische Verschiebung ein, vor deren Gefahren man kaum genug warnen kann. Das Beschwören der Gleichheit wird zu einem Sedativum mit gefährlichen Nebenwirkungen.

Martin Dannecker (von dem ich ja immer öfter denke, dass er eigentlich schon alles irgendwann gesagt hat, was es überhaupt zu sagen gibt) schrieb 1991:

„Was wirkliche Toleranz von Scheintoleranz unterscheidet, ist ihr Wissen um das noch Differente und das Akzeptieren des Anderen als Anderen.“

Etwas weniger akademisch ausgedrückt heißt das: Echte Akzeptanz gibt es niemals da, wo wir unsere Vielfalt leugnen, sondern nur da, wo wir sie feiern. Das Schöne am Menschsein ist ja gerade nicht, dass wir alle gleich sind, sondern dass wir alle verschieden sind.

Wenn wir alle dem Flötenschlumpf hinterhertanzen, dann geht die Wertschätzung dessen flöten, was unsere Menschlichkeit wirklich ausmacht: Unsere Vielfalt und unsere Solidarität mit Anderen, die wirklich anders sind.

Das können wir besser.


Dieser Text ist sozusagen der „Extended Dance Remix“ eines Kurzvortrags, den ich bei der Pride 2.0 Denkwerkstatt 2017 in Köln halten durfte.


1 Niedersächsisches Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales (Hrsg.): Schwule Jugendliche: Ergebnisse zur Lebenssituation und sexuellen Identität. Hannover, 2000. – Andere Studien kommen natürlich zu anderen Zahlen. In der hier zitierten Studie wurde tatsächlich der Moment der ersten Ahnung einer homosexuellen Identität abgefragt und nicht der Moment der abgeschlossenen inneren Selbsterkenntnis. Dies erschwert zwar einen Vergleich mit anderen Studien; für die Einschätzung, welchen Zeitraum die fundamentale Verunsicherung eines Coming-Outs betrifft, ist dies aber meines Erachtens der wichtigere Moment.

2 Dirk Sander: Bewegung für Gesundheit! In: Patsy l‘Amour laLove (Hrsg): Selbsthass und Emanzipation, 2016, S. 205ff

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44 Kommentare zu “Es gibt keine Emanzipation in Schlumpfhausen. Über Gleichheitsrisiken

  1. Das ist das umfassendste und intelligenteste, das ich zu diesem Themenkomplex je lesen durfte. Danke! Hätte ich den Text auf Papier, käme ich mit dem Anmarkern der besten und wichtigsten Stellen gar nicht hinterher.

  2. Ich würde dich gerne dafür ziemlich feste knuddeln – hab aber gehört, dass Finken Fussel als Nistmaterial benutzen 😉 das beunruhigt mich irgendwie geringfügig ^^

  3. Mal etwas zu deinem Punkt, positive Differenzen:
    Ich trug einige Zeit lang einen komplett kahlen Kopf – und zwar weil ich da unglaublich Lust darauf hatte. Ich rasierte ihn über Monate jeden zweiten, dritten Tag und war sehr sehr glücklich damit. Noch nie hatte ich mich so schön, so ehrlich und rein mir mir selber gefühlt. Ich sah MICH – so sah ich aus, das war mein Gesicht, kein Ablenken durch Haare, kein Verschleiern angeblicher Makel, die angeblich unerwünscht sind. Und ich sah so viel. Zum ersten Mal meine Kopfform, ich strich so oft über die blanke Haut und es war so intensiv und angenehm, meine Haut darauf zu spüren, von Wasser auf der Haut ganz zu schweigen. Ich sah erst jetzt, dass ich ein sehr gleichmäßiges symmetrisches Gesicht habe. Ich strahlte vor Begeisterung und mein Selbstbewusstsein wuchs.
    Das bist du – sagte mein Spiegelbild – eine Frau mit Glatze. Das willst du sein.
    Das trug ich auch nach außen.
    Und: ich trug es mit Stolz, offen, frech, provozierend, ich trotzte den blöden, fragenden und indiskreten Blicken, die ich erwartete, die ich auch heraus forderte und die kamen. Ich sah ihnen direkt in die Augen; ertappte sie beim Starren und Tuscheln. Ich erteilte ihnen eine gepfefferte Ansage, wenn mir wer blöd kam, mit so offenen Gesicht kann ich nichts verstecken – man sieht alles – auch jedes Blitzen in den Augen. Ich war nicht nackt geworden, sondern hatte mich befreit aus der Zwickmühle, einerseits keinen Klischee entsprechen zu wollen und andererseits mich darüber zu ärgern, dass ich davor angst hatte und der Meinung fremder Menschen so einen Wert zumaß.
    Ich provozierte absichtlich Menschen – zum ersten mal war es gut, wenn Menschen mich ansahen. Wenn ich sah, wie manche darüber nachdachten, wie der erste Schreck zum bewundernden Lächeln, das verschämte Blinzeln ein offener Blick wurde.
    Wie viele Komplimente bekam ich, wie viele Kinder lächelten mich an, wollten mal den glatten Kopf berühren.
    Knirps und ich im Bus:
    Knirps guckt mich an, neugierig, offen. Klar, Frauen ohne Haare sieht man jetzt nicht so oft. Den Eltern ist das peinlich, sie glotzen wider Willens, als ich sie ansehe, ist es ihnen unangenehm. Sie gucken weg.
    Knirps zu Eltern: Warum hat die Frau denn keine Haare?
    Eltern tauschen Blicke: Weiß ich nicht, ich kenn die ja nicht.
    Knirps ist mit der Antwort ziemlich unzufrieden, guckt wieder mich an. Dann, gut hörbar: Warum hast du denn keine Haare?
    Eltern zucken zusammen, als hätte sie der Schlag getroffen.
    Und ich? Sage einfach nur: Weil ich mich so hübsch damit finde.
    Knirps guckt wieder, dann ein Nicken: Ja, du bist voll schön. Ein strahlendes Kleinkind und überfordert drein guckende Eltern, so witzig.
    Ein anderes Mal flüstern Schüler rum, weil sie mich schon einige Male mit meiner Süßen gesehen haben und sie sich jetzt fragen, warum wir uns manchmal küssen und Händchen halten. Ich höre es mir eine Weile an – ich hab Kopfhörer auf, hab aber gerade keine Musik an.
    Irgendwann höre ich: Na ja, wenn das ein Mann wäre, wäre er mit ihr zusammen.
    ich drehe mich um, lächel sie an:
    Wir sind zusammen. Und sie ist eine Frau. Genau wie ich.
    Und die nur: Ach so. Ja dann ist das ja schön.
    Ein anderer Schüler, etwas älter fragte mich mal, ob ich eine Frau oder ein Mann bin. Die Frage kam einige male – aber nie von kleinen Kindern – die erkannten mich immer problemlos, ab einen gewissen Alter war es meinen gegenüber nicht mehr klar, ein haarloser Kopf verwirrte sie so sehr, dass alles andere in den Hintergrund rückte.
    Ich sagte ihm, ich sei eine Frau. Und er meinte, dass ja nur Männer Glatzen trügen. Und ich: Offenbar ja nicht.

    • Das sind also zwei Botschaften an den Knirps. Elternbotschaft: „Wenn jemand anders ist als andere, dann ist das seltsam und irgendwie unangenehm, und man tut besser so, als ob man es nicht sieht (starrt aber hin).“ Oheinfusselbotschaft: „Ich mache, was mir gefällt. Kannst du auch.“ Das ist wohl mehr oder weniger das Spannungsfeld, in dem wir alle aufwachsen. Aber wir alle können an der Waagschale ein bisschen drehen, wenn wir darauf achten. So wie du.
      Schöne ermunternde Geschichten, danke dafür!
      (Toller Nickname übrigens, das muss endlich mal gesagt werden. :-) )

      • Was mir aufgefallen ist… positive Reaktionen kamen vor allen von Frauen und Mädchen – negative fast nur von Männern und Jungs. Ich fand das schon sehr auffällig.

        Ne Menge Frauen sagten mir direkt auf den Kopf zu, wie toll das aussehen würde. Einige fügten an, darüber selber schon mal nachgedacht zu haben – aber bisher es sich einfach nicht getraut zu haben.

        Manche stellten mir auch offen Fragen: Ob mir denn nicht dauernd kalt am Kopf wäre, ob ich es je bereut hätte, ob ich meine langen Haare nicht vermisse etc…etc…

        Ich hab sie gerne beantwortet, ich war ehrlich. Ich hab ihnen meine These zum Thema Frisuren erläutert – magst du die hören? Findet jetzt vielleicht nicht jeder so interessant wie ich ;-)

          • Yeah 🙂
            Also, es begann alles an einem verschneiten Winterabend, Fussel schön im Warmen mit fusselig, flauschigen Socken, heißer Schokolade in der Hand.
            Dereinst trieben sich in meinen Hirn wilde Gedanken umher und gingen mir auf den Wecker.
            Ich hatte mir 1 1/2 Jahre zuvor die langen Haare auf Pixielänge kürzen lassen, 2-3 mal nachschneiden lassen und jetzt fast ein 1 Jahr wieder wachsen lassen. Sie waren so fusselig weich ^^
            Na ja uns nun stand ich vor einem Dilemma. Kurz hatten die mir total gut gefallen – aber es nervte mich, nur durch meine kurzen Haare als lesbische Frau ernst genommen zu werden. Ich wollte kein Klischee erfüllen. Würde sie aber jetzt einfach weiter wachsen lassen, erfüllte ich das Klischee, dass es einen männlichen und einen weiblichen Part in Homosexuellen Beziehungen gäbe – und es nervte mich, dass mir wieder keiner glauben würde, dass ich wirklich wirklich eine feste Freundin habe. Nein, sie ist nicht der Mann. Wollte ich einen Mann, wäre ich nicht lesbisch.
            Ich hörte es mich schon Mantraartig wiederholen.
            Ich sprang regelmäßig aus der Hose – sinnbildlich gesprochen – wenn meiner Frau die Weiblichkeit abgesprochen oder in Frage gestellt wurde. Weil kurze Haare nur was für Männer sind – Schluss, Aus, Basta.
            Fussel schon ziemlich in Rage, unzählige blöde Kommentare kamen wieder hoch und ich dachte nur: Scheiße, ist das wirklich alles? Weiblich sein nur mit langen Haaren? Ist das wirklich alles? Im 21. Jahrhundert?! Kurze Haare machen eine Frau unweiblich? Keine Lust auf Nagellack oder Make Up, immer nur körperbetonte Kleidung tragen, die Haare lang, wenigstens mittellang, aber alles unter den Wimpern natürlich glatt rasiert, weil ist ja sonst unweiblich???
            Warum zum Kuckuck? Warum kann ich nicht kurze Haare tragen, enge Klamotten und bunte Ohrringe? Lange Haare, weite Klamotten und Lederarmbänder? Warum schließt das eine das andere denn aus? Wer sagt das?
            Hm.
            Der Kakao war leer – mein Gehirn lief auf Hochtouren. Und ich machte mir Gedanken über meine Haare.
            Wozu waren Frisuren gut? Und ich merkte, wann immer ich nach neuen Ideen geguckt hatte, mir eines aufgefallen war: Es gab für jeden Gesichtstyp bestimmte Vorschläge – und immer ging es darum, ein Gesicht anders wirken zu lassen, als es war. Schmaler, weicher, eine hohe Stirn ist ein Makel, ein eckiges Kinn auch und so weiter und so fort – wer eben nicht mit dem “optimalen” Gesicht von Natur aus gesegnet ist, der sollte es jedenfalls so erscheinen lassen, als hätte man es. Und bloß nicht unweiblich wirken – wenn die Haare kurz sind, dann lieber mehr schminken, Schmuck tragen oder Röcke anziehen. Haare machen Frauen, ohne Haare und mit kurzen muss ich alles tun, um meine Weiblichkeit zu bewahren, beweisen dass ich eine Frau bin. Am Ende wächst mir ja sonst noch ein Schwanz
            😀
            Und ich dachte bei mir: Warum? Warum soll ich mir den Anschein eines Gesichts erschaffen, was ich schön finde – was ich aber gar nicht hab. Sollte ich mich nicht so sehen, mir so gefallen, wie ich wirklich aussehe? Mein Gesicht ist wie es ist – so sehe ich aus, nichts wird versteckt, vertuscht oder erschaffen, dass nicht erwünscht sein soll oder welches das ultimative Nonplusultra sei.
            Weiblichkeit kommt von innen, ich trage auf den Kopf was ich will – und wenn mich andere deswegen für einen Mann halten, sagt das mehr über sie aus. Mehr, als den Meisten wohl klar ist 🙂

          • „immer ging es darum, ein Gesicht anders wirken zu lassen, als es war.“
            Ich mag es, wenn an solchen alltäglichen Beispielen gesellschaftliche Grundzüge deutlich werden.

            „Weiblichkeit kommt von innen“
            Au, es juckt mir sowas von in den Fingern, bei diesem kleinen Satz das ganz große Fass aufzumachen. Aber lassen wir es lieber zu, sonst galoppieren wir wirklich komplett vom Thema weg.

            Danke für deine Gedanken!

  4. Dieser Text ist unglaublich gehaltvoll, fantastisch und umfassend. Ich muss ihn glaube mal ausdrucken und nochmal lesen und rum reichen. Danke, du hast meine Sicht nicht nur untermauert sondern auch in Bereichen, wie “Selbstghettoisierung” erweitert. Dankeschön dafür. 🙂

  5. Hm, ich hab so eine Vermutung, wie du meinen Satz “Weiblichkeit kommt von innen” aufgefasst haben könntest.

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich es anders meinte 😉

  6. Seit Langem bin ich durch Jemand “Dirk Sander” darauf gestoßen worden diesen Text von Dir zu lesen.
    “Diskriminierung ist nicht gut, sie hat aber – ohne zynisch klingen zu wollen – viel Gutes hervorgebracht.”
    Wenn man sich außerhalb des Normativen bewegt – dann gibts von der Gesellschaft eines auf die Mütze. Dies habe ich schon als Hippie in den 60gern erfahren müssen oder dürfen. Sprüche wie ” Unter Adolf hätt s das nicht gegeben”; solche verbalen Verletzungen haben dazu beigetragen zu meinem Anderssein zu stehen. Dies und die Zugehörig mit Gleichgesinnten machten mich stark und lehrten mich gegen solche Verletzungen zu wehren. Heute ist dieser Ungeist durch Gruppierungen wie AfD, Pegida, IB etc wieder erweckt und salonfähig “Das wird man doch mal sagen dürfen” geworden.
    “Minority Stress”
    Da ich auf Hilfe Anderer angewiesen bin (was absehbar war) und mein Familien-ähnliches “Netzwerk” sehr grobmaschig war und ist wohne ich in seit 1 Jahr in einem Pflegeheim. Dieser “Minority Stress” wird bzw ist ein Stress der Viele treffen wird sodaß man von “Minority” was uns betrifft nicht sprechen kann da es alle älteren Menschen die auf Hilfe angewiesen sind ob – vorhandenes Netzwerk oder nicht – betriift da die Ursachen politischer Art sind. Z.b. was die pol Rahmenbedingungen im Kontext zum vorherrschenden Mangel an Pflegepersonal betrifft.
    “Menschsein heißt aber eben nicht nur gleich sein, sondern vor allem auch verschieden sein.”
    „Was wirkliche Toleranz von Scheintoleranz unterscheidet, ist ihr Wissen um das noch Differente und das Akzeptieren des Anderen als Anderen.“
    Insofern bin ich Hete ziemlich queer und quer.

    • „Insofern bin ich Hete ziemlich queer und quer.“
      Und hier immer willkommen, um meine kleine schwule Perspektive zu erweitern. Merci.

  7. In der verklemmten Parodie des Schlumpfliedes von Otto hieß es:
    “Wie vermehrt ihr euch, sagt schnell?
    Wir sind ho-mo-se-xu-ell!”

  8. Ich gebe zu, bevor ich deinen Blog kannte, war ich mir selbst auch nicht immer klar wie ich mit der Andersartigkeit und deren Außenwirkung umgehe. Man lernte als junger Mensch irgendwann, dass man viel leichter toliert wird, wenn man beweisen kann, dass man sich eben nicht unterscheidet. Ein seltsames Gefühl, dann von einer Gruppe akzeptiert zu werden und gleichzeitig versucht man den Rest der inneren Stimme, zu ersticken.
    Wenn ich so darüber nachdenke, hat es eigentlich sogar faschistische Züge: “Hey, wir legen alle unsere Unterschiede ab, wir sind alle gleich, wie eine Bruderschaft. Ich bin einer von euch! Nicht den Pervesen da. Akzeptiert mich! Ich bin anders als die Andersartigen. Ich find die nämlich auch total doof!”
    Ich habe manchmal fast den Eindruck dass es ein Sport unter uns Schwulen ist: Wer kann am stärksten seine Abneigung gegenüber feminine Schwule zum Ausdruck bringen. Vielleicht glauben auch einige, sie würden dadurch attraktiver wirken (heterolike). Ich habe solche Menschen schon oft getroffen. Sie tun es nicht. Sie sind anstrengend.
    Ich hoffe du gibst das Schreiben nie auf. Nicht nur sind deine Ausführungen offenbarend und wegweisend, du schaffst es auch sie gekonnt auszuschmücken. Die Metapher mit dem Phönix zum Beispiel. Das war fantastisch!

    • „Wenn ich so darüber nachdenke, hat es eigentlich sogar faschistische Züge“
      So formuliert klingt das vielleicht für Manche zu hart. Aber ich stimme dir da zu.

      Zu Tuntenhass und straight-acting gibt’s hier im Blog übrigens schon was, vielleicht hast du’s ja schon gelesen: –> Heterolike.

    • Aber gerne.

      Es freut mich ja generell, dass es so viele Leute gibt, die sich auch mal durch ein dickes textliches Schwarzbrot knabbern und nicht nur kleine Häppchen lesen wollen. :-)

    • Bei der Gelegenheit können wir ruhig ein bisschen dafür werben, dass sich mehr Menschen mit der Diskussion um das inzwischen wegen Verfassungswidrigkeit weitgehend außer Kraft gesetzte Transsexuellengesetz beschäftigen. Interessierte finden über Doros Blog weitere Infos und Links.

  9. Ich quäke mal dazwischen. Mir fällt auch, wie wenig Du in dem Text von Dir oder anderen queeren Persönlichkeiten sprichst, die sich in ihren Erfarhungen, Wünschen und Lebensweisen widersprechen, sondern meist ein kollektives „wir“ benutzt. Besonders schwierig finde ich, wie leicht Du anderen unterstellst, sie würden sich anpassen und in Anderssein unterdrücken. In Deinem Denken hat der Lederkerl einen Platz, aber hätte es auch, sagen wir mal, die lesbische Muslimin, die Kopftuch trägt? Beide haben Minoritätenstress, beide fallen durch die Art, wie sie ihren Körper inszenieren, ihn wahrnehmen und mit ihm öffentlich interagieren, auf – sowohl innerhalb als ach außerhalb ihrer Communities. Vor allem sind sie nicht Mitglied einer Community, sondern in einem Geflecht von Beziehungen und Bindungen zu vielen Gruppen, was in unser modernen Welt typisch ist. Menschen sind nicht bipolar, als dass man sie so einfach in Heteronormativ und Nichtheteronormativ aufteilen könnte. Ich sehe mich eher in einem Geflecht von Beziehungen und Gruppen, denen ich mich, um kommunikationsfähig zu sein, freiwillig anpassen kann (z.B. durch das Zeigen einer Regenbogenfahne) und innerhalb derer ich aber auch mir das Recht nehme, anders zu sein. Dabei spielen die persönliche Erfahrung, Erlebnisse und Prägungen (mit der queeren Community und anderen Communites) eine Rolle, nicht so sehr abstrakte Erwägungen. Viel wichtiger als abstrakte Einteilungen und Be-Urteilungen von außen, inwieweit jemand „unabhängig“ oder „angepasst“ ist, wäre für mich das ehrliche Interesse am „anderen“, an seinen Gefühlen, Prägungen, Erlebnissen. Und die Offenheit, die eigene, individuelle Prägung mit all ihren Vorlieben und Abneigungen offen und vorurteilslos zu kommunizieren. Wenn ich weiß, was jemand mit seinem So-Sein kommuniziert, dann verliert er oder sie die Fremdheit, oder sie hört auf, bedrohlich zu sein.

    • „Und die Offenheit, die eigene, individuelle Prägung mit all ihren Vorlieben und Abneigungen offen und vorurteilslos zu kommunizieren.“

      Das erinnert mich sehr stark an einen Umstand, der im Buch „Beißreflexe“ meiner Ansicht nach völlig zu Recht angeprangert wird. Dort ist zu lesen, dass in gewissen Bereichen der Community inzwischen Grundvoraussetzung sei, zunächst bis ins kleinste Detail zu wissen, „wer“ jemand ist, damit man seine_ihre Äußerungen dann im Lichte der vermeintlichen vollständigen Kenntnis der Person und deren Lebensumstände lesen und vor allem beurteilen kann. Anders ausgedrückt, es wird unglaublich vielen Menschen abgesprochen, sich in Feldern zu äußern, „von denen sie nicht unmittelbar betroffen sind“.

      Dies verurteile ich zutiefst. Es darf nicht hauptsächlich wichtig sein, WER etwas sagt, sondern WAS gesagt wird. Und das darf auch nicht richtiger oder falscher werden, wenn ich meine, plötzlich ein Eckchen mehr aus dem Privatleben der verfassenden Person zu wissen.

      Aus der Einstellung, verstärkt zu betrachten, WER etwas sagt, resultieren Sprechverbote, Hausverbote, Ausschlüsse und Ausstöße aus der Community. Weil Andere sich anmaßen, besser beurteilen zu können, ob die entsprechende Person sich zu einem bestimmten Thema überhaupt äußern dürfe oder nicht.

      Für mich eine völlig inakzeptable Anwandlung einer angeblichen Demokratie.

      Und demzufoige auch völlig ungerechtfertigt, dem Autoren hier persönliche Details abzuverlangen. Der Autor schreibt aus anthropologisch-wissenschaftlicher Sicht, und zwar besser, als viele andere das je könnten.
      Und das möge er bitte auch GENAU SO weiter tun. DANKE, fink!

      • Ich weiß nicht, wie für Dich hier ein Dissens zu meinen Aussagen entsteht. Niemand MUSS über sich und sein Erleben Auskunft geben. Ich will lediglich dazu ermutigen. Mich interessiert es, wie die verschleierte Frau empfindet und mich interessiert es, wie der Lederkerl empfindet und wie das monogame Päärchen und das Pärchen in einer offenen Partnerschaft empfindet und nur das erlaubt es mir, angemessen zu interagieren und Interesse und Akzeptanz für meine eigene Art mich zu kleiden und mich zu geben einzufordern. Wenn ich mich für das Empfinden des / der anderen nicht interessiere und auch keine ehrliche Auskunft erhalten kann, dann entsteht eine Toleranz, die keine Akzeptanz nach sich zieht und die dazu führt, dass wir uns in Lagern wiederfinden, die stumpf nebeneinander herleben und übereinander statt miteinander reden.
        Das ist meine Meinung und meine Sicht auf das sehr komplexe Thema, wohlgemerkt. Ich bin dem Finken im übrigen für seinen umfangreichen und vielschichtigen Beitrag dankbar und sehe meine kritischen Anmerkungen nicht als bissig an. “Dazwischenquäken” ist kein Flöten oder Zwitschern, aber eben auch kein Beißen oder Bellen. Bissig hieße, dass ich verletzt oder verletzend reagiere. Kritik heißt, dass ich den Autor mit einer anderen Perspektive zu diesem Thema konfrontiere, um durch diesen Mißton eine weiterführende Diskussion und Reflexion in Gang zu setzen.

    • „Besonders schwierig finde ich, wie leicht Du anderen unterstellst, sie würden sich anpassen und in Anderssein unterdrücken.“

      Das unterstelle ich nicht einfach, das beobachte ich. Auch an mir selbst natürlich. Kann man ernsthaft leugnen, dass das geschieht?

      Dass es keine einheitliche „Community“ und auch kein klar umrissenes „wir“ gibt, finde ich selbstverständlich. Meistens schreibe ich deshalb z.B. von „Bewegung/EN“. Wenn ich „wir“ schreibe, dann kann das ein Appell sein, eine Vermutung oder eine rhetorische Vereinfachung. Aber sicher keine Festlegung. Dass dieses „wir“ in Wirklichkeit für jeden Moment neu definiert werden muss, setze ich voraus. Ich traue es meinen Leser:innen aber zu, das selbst zu tun.

      • „„Besonders schwierig finde ich, wie leicht Du anderen unterstellst, sie würden sich anpassen und ihr Anderssein unterdrücken.“

        Das unterstelle ich nicht einfach, das beobachte ich. Auch an mir selbst natürlich. Kann man ernsthaft leugnen, dass das geschieht?“

        Nach längerem Nachdenken zwei Antworten dazu:

        1. Du hast das Wort „wie leicht“ überlesen, an dem meine Argumentation hängt. Ich leugne nicht, dass Menschen ihr Anderssein unterdrücken, aber nicht jede Übereinstimmung mit heterotypischen Merkmalen ist ein Zeichen von Unterdrückung oder Anpassung. Der Swingerclub-Hetero hat viele Übereinstimmungen mit dem klassischen Szeneschwulen. Wer passt sich da wem an?

        2. Anpassung ist etwas völlig anderes als Unterdrückung. Gegenseitige Anpassung ist eine zivilisatorische Notwendigkeit und Tugend, so lange sie freiwillig und aus Zuwendung gegenüber einem Andersfühlendnen geschieht. Die Ehe für alle ist ein gutes Beispiel: Hier passen sich die Heteros den queeren Menschen an, indem sie die Fixierung auf das Mann-Frau-Schema aufgeben. Genauso passen sich die „Homos“ dem Paarschema an, obwohl in der schwulen Szene durchaus die Idee der ungebundenen Promiskuität nicht selten ist, (welche wiederum in den 68er Jahren auch unter Heteros ein alternatives kulturelles Leitbild darstellte, was der Realität von heute angepasst wird.)

        Es ist also m.E. sehr notwendig, zu präzisieren, wodurch man Unterdrückung und einseitig erzwungene Anpassung beobachtend nachweisen kann. Von sich auf andere schließen reicht nicht aus, da ich nie wissen kann, wie der „andere“ fühlt, solange er mir keine Auskunft darüber gibt.

        • Ich verstehe leider nicht, worauf du hinauswillst, Lars.

          „nicht jede Übereinstimmung mit heterotypischen Merkmalen ist ein Zeichen von Unterdrückung oder Anpassung.“
          Das behaupte ich auch nicht. Davon abgesehen schreibe ich auch nichts von „heterotypischen Merkmalen“.

          „Anpassung ist etwas völlig anderes als Unterdrückung.“
          Das sehe ich genauso.

          Ich weiß offen gesagt nicht, wie ich auf deine Kommentare reagieren soll, weil mir unklar ist, in welchem Verhältnis sie eigentlich zu meinem Text stehen. Ist das nur eine Ergänzung? Dann würde ich das einfach so stehenlassen. Oder ist es eine konkrete Kritik an dem, was ich schrieb? Dann würde es mir helfen, wenn du mal sagen könntest, aus welchen konkreten Textpassagen du eigentlich das ableitest, was du kritisieren möchtest. Ich erkenne, wie gesagt, die inhaltliche Verbindung nicht so recht.

          • Mich stört vor allem der erste Teil Deines Essays, in dem Du sprachlich ein sehr negatives Bild von sogenannten „angepassten“ queeren Menschen oder Schwulen entwirfst, ohne Dich wirklich mit ihren Beweggründen auseinanderzusetzen. Sie erscheinen als anonyme Masse, ängstlich und gleichzeitig dominant, aber nirgendwo als Menschen auf Augenhöhe.

            Ich finde, es gibt sehr wohl Gründe, Gleichheit zu betonen. Intendiert ist damit, wie ich es sehe, Menschen nicht in gewohnte Gruppen einzuteilen und pauschal und ohne Ansehen der Person als Diskriminierte oder Privilegierte anzusehen, sondern präzise nach den gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen zu schauen, wo und wodurch sich Menschen diskriminierend oder dominierend verhalten – oder von anderen so wahrgenommen werden.

            Deinen konkreten Lösungsvorschlägen und Anregungen im zweiten Teil kann ich hingegen viel abgewinnen.

          • Es gibt etwas an deiner Kritik, Lars, das mich befremdet und mich vermuten lässt, dass wir hier aneinander vorbeireden, weil wir von ganz unterschiedlichen Perspektiven her argumentieren.

            Ich hoffe, dass ich deine Argumentation richtig gewichte, wenn ich die Stichworte „negative Sprache“, „anonyme Masse“ und „Augenhöhe“ herausgreife.

            Nun ist mein Text ja eine strategiepolitische Kritik an bestimmten Haltungen und Perspektiven. Ich halte es für schlichtweg unmöglich, eine solche Kritik zu formulieren, ohne dabei – zumindest für diesen Moment – zu vereinfachen, Menschen gedanklich zu „anonymen“ Gruppen zusammenzufassen und selbstverständlich auch klare Wertungen vorzunehmen. Wo genau man die Grenzen zwischen verschiedenen Gruppen zieht und ob sarkastische Zuspitzung ein geeignetes politisches Mittel ist, darüber kann man vermutlich streiten – es mag auch einfach Geschmackssache sein. Aber auf diese Ebene bezieht sich deine Kritik ja offenbar nicht, sondern stellt das alles grundsätzlich als etwas Negatives und prinzipiell Vermeidbares hin. Ich halte das für falsch.

            Mein Eindruck ist, dass du hier Ideale formulierst, die im direkten zwischenmenschlichen Dialog sicherlich sinnvoll sind: die andere Person nicht vorschnell kategorisieren, nicht gleich be- und verurteilen, offen bleiben für unerwartete individuelle Motivationen und deren Komplexität. Das wäre die geforderte „Augenhöhe“, und da gehört sie auch hin. Ich würde diese Ideale vermutlich nicht mit gleicher Radikalität vertreten wie du (z.B. halte ich es auch auf der persönlichen Ebene manchmal für richtig, bestimmte Ideen oder Handlungen eindeutig zu verurteilen), halte sie aber für diese Ebene ebenfalls für prinzipiell sinnvoll.

            Nur: Ich halte es nicht für sinnvoll, diese Ideale auf die Ebene der politischen Argumentation anzuwenden. Wenn wir es in jedem Moment als einzig erlaubte Perspektive fordern, alle einzelnen Menschen als vollkommen unterschiedliche Persönlichkeiten mit völlig unterschiedlichen Motivationen zu denken, dann macht das jedes politische Denken und Handeln unmöglich. Ich glaube, dass wir es in der politischen Sphäre nicht vollständig vermeiden können, Menschen zu gruppieren, Kategorien zu verwenden und Denken und Handeln ethisch zu bewerten: Genau das macht nämlich Politik aus. Die Perspektive der völligen Individualität, die in keiner Sekunde relativiert werden darf, würde politisches Denken vollständig lähmen.

            Umgekehrt wäre es auch ungut, wenn diese politische Sichtweise dem direkten Dialog in den Weg geriete, weil wir das Gegenüber nur durch diese Filter wahrnehmen könnten. Nur ist der direkte persönliche Dialog eben nicht die Ebene meines Textes.

            Ich halte es für sinnvoll, uns klarzumachen, dass es hier verschiedene Sphären des Denkens gibt, die beide berechtigt sind, die aber im richtigen Moment gewechselt werden müssen.

            Zweierlei noch:

            „ ohne Dich wirklich mit ihren Beweggründen auseinanderzusetzen“
            Lies bitte noch einmal nach. Dem, was ich für die wichtigste Motivation halte, widme ich einen recht großen Teil des Artikels.

            „Ich finde, es gibt sehr wohl Gründe, Gleichheit zu betonen.“

            Wenn du aus meinem Artikel herausliest, dass ich das in Abrede stelle, hast du ihn wirklich falsch verstanden.

          • Danke für Deine Erläuterungen zu Deiner Schreibhaltung, die ich nachvollziehen und akzeptieren kann. Ohne das provokative Element in Deinem Text hätte ich wohl auch nicht reagiert.

            Ich plädiere dennoch für eine kritische Aufarbeitung von Positionen der queeren Bewegung aus den letzten 40 Jahren und das ist mir z.B. die traditionelle „Frontlinie“ zwischen den unangepassten (sprich anstößigen, promisken, etc.) und angepassten Schwulen (Ehe, Kinder, vermeintlich entsexualisiertes Auftreten) zu grob und nicht zeitgemäß.

            Mir ist das deshalb so wichtig, weil, wie Du richtig siehst, in der Zukunft andere Gruppen in das Zentrum unserer Aufmerksamkeit rücken werden, z.B. queere Menschen mit Migrationshintergrund, oder die Transsexuellen, für die die dominierenden Erfahrungen aus der traditionellen Lesben- und Schwulenarbeit einfach nicht gelten, weil sich hier andere Identitätsfragen einmischen.

            (Beispiel. Für sich herauszufinden, ob man sich mit medizinischen Eingriffen äußerlich dem empfundenen Geschlecht „anpasst“, oder nicht, ist eine hochsensible und folgenreiche Frage, die individuell sehr unterschiedlich beantwortet werden kann. Sich hier helfend politisch sinnvoll zu engagieren, erfordert viel medizinischen, psychologischen und gendersozialen Sachverstand, Erfahrung, nüchternes Abwägen und sicher keine einfache Präferenz für oder gegen „Anpassung“. Das Wort greift hier einfach nicht. )

            Die Herausforderung beim „Feiern von Vielfalt“ in folgendes Bild fassen: Eine politisch-symbolische Fahne, wie die Regenbogenflagge braucht klare Konturen und eindeutige Farben, während in der Realität gebrochene Farben und fließende Übergänge – die dennoch keinen Einheitsbrei ergeben – das „normale“ sind.

            Ich räume ein, dass ich mehr philosophisch als politisch oder strategisch argumentiere. Ich möchte mit solchen Einwänden politischen Schwung nicht „lähmen“. Ich denke aber schon, dass nachdem Erzielen von vielen traditionellen Forderungen der letzten 40 Jahre eine gewisse Orientierungssuche auch strategisch gut sein kann, bevor man der Kugel einen neuen, schwungvollen Anstoß gibt. So feiere ich insbesondere den zweiten, weniger polemischen Teil Deines für mich im positiven Sinne „anstößigen“ Textes.

          • Es freut mich, dass du meine Erläuterungen nachvollziehen konntest.

            Was das Thema „Anpassung“ bzw. „gute Schwule / böse Schwule“ angeht, so glaube ich, dass dieses Thema keineswegs unzeitgemäß, sondern aktueller denn je ist. Beispiele dafür habe ich ja genannt. Ich möchte übrigens darauf hinweisen, dass „Anpassung“ nicht das zentrale Thema meines Artikels, sondern nur deiner Kritik ist. Mir geht es hier vor allem um Differenzleugnung, was etwas anderes ist als Anpassung.

            Eine direkte Übertragung dieses Problemfeldes von Schwulen und Lesben auf andere Personengruppen ist selbstverständlich sehr heikel, das macht aber die Auseinandersetzung für die Ersteren nicht, wie du suggerierst, obsolet. In diesem Punkt finde ich deine Argumentation nicht schlüssig.

            Außerdem möchte ich behaupten, dass auch in den teils sehr heftig geführten Diskussionen um die vermeintlich „richtige“ oder „beste“ Repräsentation der Interessen von „trans“ bzw. „trans*“ bzw. „Menschen mit falsch zugewiesener Geschlechtsrolle“ bzw. „Menschen mit transsexueller Vergangenheit“ usw. der Aspekt von „Anpassung“ vs. „Nicht-Anpassung“ auch wieder ein sehr zentraler ist. Diese Diskussionen werden dort mit teils ganz anderen Argumenten geführt wie bei Schwulen und Lesben, das ist richtig und wichtig zu verstehen. Ich sehe aber durchaus Überlappungen, weil dieses Thema doch ein universelles Problem aller Minderheiten und Marginalisierten ist. Und diese Frage spielt, soweit ich das aus Erfahrungsberichten gehört und gelesen habe, durchaus recht intensiv auch in die persönlichen Entscheidungen hinein, die du als Beispiel anführst. Selbstverständlich nicht nur diese Frage, aber eben auch.

            Es sollte hier meiner Meinung nach also darum gehen, die eigenen Erfahrungen mit bestimmten Problemen nicht einfach auf andere zu stülpen, sondern deren spezielle Erfahrungen wahrzunehmen. Ich denke, da können wir uns schnell einigen. Es sollte aber ebenso auch darum gehen, Ähnlichkeiten zu entdecken und nicht einfach zu behaupten, alle Erfahrungen seien vollkommen einzigartig und deswegen unvergleichbar. Das würde wiederum ein Zusammenfinden auf politischer Ebene verhindern.

            Du hast recht, wenn du sagst, dass der Aspekt „Anpassung oder nicht“ nicht das geeignete einzige Analysekriterium für alle Probleme ist, aber das behauptet auch niemand. Das gilt allerdings für alle anderen Aspekte auch. Auch hier habe ich wieder das Gefühl, dass du eine bestimmte Perspektive komplett in Frage stellen möchtest, weil diese nicht den perfekten Schlüssel für alle Probleme liefert. So viel Verständnis ich dafür habe, immer auch die Schwächen und blinden Flecke jeder Perspektive zu untersuchen, so unrealistisch finde ich doch immer noch diese Art der Kritik.

  10. Lieber Fink,

    danke fürs online stellen deiner klugen Gedanken. Hat mich gefreut dich bei der PRIDE Denkwerkstatt begrüßen zu dürfen. Du hast sie mit deinem Beitrag toll eröffnet! :-)

    Liebe Grüße,
    Marcel

  11. Werter Fink!
    Es ist eine Inspiration Deinen Text zu lesen. Und den Aufruf, die Vielfalt zu feiern, um damit zu echter Akzeptanz zu finden, kann ich nur unterstützen. Ich denke aber, dass die Forderung nach rechtlicher Gleichheit auf diesem Weg mehr Türöffner als Hindernis gewsen ist und bleibt.
    Der Staat, der uns seit Jahrzehnten diskriminiert hat, legte heute ein weiteres Werkzeug der Diskriminierung beseite – und wird dies hoffentlich bald mit allen bestehenden (u.a. Transsexuellengesetz!) ebenfalls tun.
    Das ermöglicht es uns (a.k.a. der queere Weltverschwörung ;)) aber von einer neuen Position die Umsetzung dessen in Angriff zu nehmen, was uns wichtig ist. Denn unseren Kritiker*innen wurde wieder ein Stück weit der Boden entzogen, um gegen unsere Forderung der Akzeptanz zu argumentieren, dass wir aufgrund unseres Anderssein auch eine andere Behandlung durch den Staat verdienen würden. Je weniger staatliche Diskriminierung es aber gibt, je deutlicher kann der Blick auf die gesellschaftliche Diskriminierung und ihre Gründe frei werden. Und damit ist quasi die Schicht abgetragen, welche die Beschäftigung mit der Diskriminierung behindert und erschwert hat.
    Ein Beispiel: Ein schwules und lesbisches Paar wird gefragt, wer denn bei Ihnen der “Mann” und wer die “Frau” sein. Die Frage können sie jetzt quasi als Gleichgestellte an den Fragestellenden zurückgeben – so sie/er ebenfalls verheiratet ist. Und zwar jetzt auf Augenhöhe als Eheleute. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied. Und sorgt vielleicht beim Fragenden dafür, dass diese*r ihr/sein eigenes Frauen- und Männerbild in Frage zu stellen beginnt, so wie das zuvor in Gesprächen mit anderen Ehepaaren passiert ist. Das künstliche, weil staatliche verordnete Anderssein (dort Lebenspartner, hier Eheleute) ist soweit aufgehoben, dass mensch jetzt über das Anderssein im Gleichsein sprechen kann (wie macht Ihr denn das in Eurer Ehe?).

    • Da bin ich weitgehend deiner Meinung. Ich hoffe, es ist klar geworden, dass ich nicht gegen die rechtliche Gleichstellung als Ziel oder zumindest als Zwischenschritt anschreibe.

  12. Verehrter fink, vielen Dank für diese Gedanken. Anderswo schon öfter angerissen, aber nie in dieser Ausführlichkeit, finde ich hier sozusagen das Kompendium über Respektabilitätspolitiken. Da ich zu einer Gruppe gehöre, der ihr Selbstbenamungs- und Gruppenbildungsrecht erst letztens in der taz mal wieder abgesprochen wurde, gibt es zu dem Thema zahlreiche Diskussionen in der a_sexuellen Community. Auch die Teilnahme an CSDs wird von manchen ähnlich bewertet – „zu schrill, mit so was haben wir nichts zu tun“ etc. (Ich habe mittlerweile aufgegeben, diese Fraktion von Zweifelnden überzeugen zu wollen, dass es wichtig ist, öffentlich Raum einzunehmen.)
    Und auch über die Notwendigkeit eines Coming-Outs wird in gleicher Weise diskutiert.

    • Liebe Carmilla,
      schön, dass du da noch einen Punkt ansprichst, den ich am Ende weggelassen habe, weil das ganze Ding ohnehin schon so lang geworden ist: Unsere Neigung, von „LGBTTIQ*“ zu sprechen, als wäre das eine Gruppe mit völlig einheitlichen Interessen, statt sich wirklich klarzumachen, worin die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede jeweils konkret liegen. Davon hängt ja auch, wie du andeutest, ab, wo wir gemeinsam marschieren können und wo wir es besser getrennt tun sollten. Wir neigen da gerne mal zur inneren Verschlumpfung…

      • Zusammenarbeit ist grundsätzlich mal nichts Verkehrtes (ich habe dadurch viel gelernt), aber manche Dinge sind eben auf der einen Agenda nicht so weit oben wie auf der anderen bzw. tauchen gar nicht auf dem Radar auf. Und damit sind noch nicht die divergierenden Meinungen eingeschlossen, die innerhalb jeder Gruppe logischerweise existieren.
        Manchmal geht Zusammenarbeit eben nur, wenn wir uns darauf einigen, dass wir uns in manchen Dingen nicht einigen können (und dann auf überflüssige und nicht gewinnbare Kämpfe ums Rechthaben konsequent verzichten).

  13. Hallo Zaunfink,
    deine Texte sind so lesenswert und ich liebe die größeren, ausführlichen Essays von dir sehr; sie geben mir immer neue Sichtweisen. Auch wenn ich, weil hetero, nie die Schmerzen eines Outings erfahren habe, kenne ich das Thema Ausgrenzung aus einer Gruppe, weil man nicht dem Standard entspricht (oder vermeintlich nicht entspricht). Gerade als Teenager will man ja einfach nur so sein wie alle anderen, der Stolz auf die Andersartigkeit, der kommt erst später. So meine Erfahrung.
    Ich hab diesen Beitrag auf meiner Wanderung durch die Welt der Bücherblogs verlinkt.
    Grüße
    Daniela

  14. Was man noch sagen darf | Carmilla DeWinter

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