Für eine Kultur der Co-Homosexualität

Manchmal kann man sogar den TV-Sender VOX gucken und dabei schlauer statt dümmer werden. In der Dokumentation „Mann oder Frau?“ berichtete dort eine transsexuelle Frau u.A. von den Problemen, die ihr Coming-Out ihren Angehörigen bereitete, allen voran ihrer Ehefrau. Nicht nur der trans Mensch selbst sei in dieser Phase vielen neuen Reaktionen ausgeliefert. Auch auf dessen Angehörige würden plötzlich alle denkbaren Fragen und Bemerkungen einprasseln. Mehr noch: Während das Umfeld für die betreffende Person selbst gern eine Scharade gelassener Toleranz aufführe oder ihr gegenüber aus Unsicherheit schweige, würde es den Angehörigen das ganze Arsenal an Fragen, Vorurteilen und Wertungen umso ungebremster um die Ohren klatschen. Und diese Angehörigen müssten dann Antworten geben, die sie vielleicht noch gar nicht hätten und Strategien des Umgangs mit einer unerwarteten Situation finden – nicht für die trans Person, sondern für sich selbst. Die Frau, die all das so scharfsichtig beschrieb, nannte dieses Phänomen „Co-Transsexualität“.

Mir leuchtete diese Idee sofort ein, denn sie lässt sich auf andere Formen von Queer-Sein mühelos übertragen, z.B. auf Homosexualität: Mein eigenes Coming-Out verwandelte nicht nur mich in einen Schwulen, es verwandelte auch meine Angehörigen in die Angehörigen eines Schwulen. Es veränderte zunächst deren Selbstbild, und früher oder später würde es auch die Sicht der Außenwelt auf sie verändern und ihnen zumindest teilweise eine neue Rolle zuweisen. Meine Mutter musste sich plötzlich und unerwartet als „Mutter eines Schwulen“ begreifen, mein Vater war von einem Tag auf den anderen der „Vater eines Schwulen“ geworden, und meine Geschwister mussten sich wohl oder übel damit arrangieren, jetzt „die mit dem schwulen Bruder“ zu sein. Was das für sie alle heißen würde, war ihnen zunächst völlig unklar und dementsprechend erschienen ihnen ihre neuen Rollen vermutlich erst einmal mehr oder weniger unheimlich. Eines war die unerwartet über sie hereingebrochene „Co-Homosexualität“ aber sicher niemandem von ihnen: gleichgültig.

Für meine Geschwister, die sich in Lebenswelten zwischen aufgeschlossen und verdruckst herumtreiben, gestaltete sich die neue Situation in recht unterschiedlicher Weise problematisch. Für meine Eltern war sie unfassbar schwierig. Wie meine Brüder waren sie in keiner Weise auf ihre neue Rolle vorbereitet (meine lesbisch lebende Schwester war eine Ausnahme), und es erwischte sie wohl mit einiger Wucht.

* * *

Im Rückblick auf die vielen Jahre seit meinem Coming-Out muss ich gestehen: Ich war meinen Familienmitgliedern nicht besonders hilfreich dabei, sich in ihre neuen Rollen hineinzufinden und ihre jeweiligen Probleme zu lösen.

Diese Probleme waren, was meine Eltern betraf, quälend schwer. Es sollte nach meinem Coming-Out z.B. noch viele Jahre dauern, bis ich von meiner Mutter erfuhr, dass sie ihrer Schwester und deren Mann endlich anvertraut hatte, dass ich schwul bin. Sie rief mich ganz aufgeregt an, nur um mir das zu berichten. Ihr war anzuhören, wie unendlich erleichtert sie darüber war, zumal die Reaktionen ganz unkompliziert und positiv ausgefallen waren. Es war auch spürbar, wie stolz sie darauf war, diesen Schritt endlich gegangen zu sein, der ihr so lange unmöglich erschienen war. Wir freuten uns gemeinsam. Und ich fragte mich: „Warum nicht schon viel früher? Und warum habe ich eigentlich nicht darauf geachtet, dass das alles nicht so verdammt lange dauern muss?“

Ein anderes Mal gestand mir meine Mutter, dass sie mit meinem Vater kein einziges Mal über mein Schwulsein gesprochen hatte. Nicht direkt nach meinem Coming-Out ihnen gegenüber und auch nicht später. Mir wurde erst in diesem Moment klar, welch einen einsamen Kampf sie beide jahrelang ausgetragen hatten.

Und ich hatte ihnen dabei kaum geholfen. Ich habe meine Eltern und Brüder wenig bis gar nicht dabei unterstützt, mit anderen Menschen über mein Schwulsein und über die Probleme, die sie vielleicht damit hatten, zu reden. Es hat mich nicht einmal besonders interessiert, ob sie irgendeinen Austausch mit anderen hatten oder nicht.

Es gab viele Gründe für mein Desinteresse. Zunächst einmal war ich zumindest in der akuten Coming-Out-Phase mit meinen eigenen Problemen wirklich prima ausgelastet. Es wäre furchtbar anstrengend gewesen, genau den Wust an Vorurteilen, aus dem ich mich gerade herauskämpfte, in der eigenen Familie an mich heranlassen und auch noch geduldig mit ihm umgehen zu müssen. Für viele von uns kann es sogar die klügere Entscheidung sein, uns von homofeindlichen Verwandten und/oder ihren Ansichten möglichst stark zu distanzieren, im Extremfall ein Leben lang. Dazu kam, dass meine Familie generell nicht gerade zu übertriebener Plapperhaftigkeit neigt, wenn es um vermeintliche Problemthemen geht. Vielleicht war es nur eine Ausrede, aber ich redete mir ein, dass es mir doch völlig wumpe sei, ob die ganze Verwandtschafts-Bagage wusste, dass ich schwul bin – weil die sich auch sonst nie wirklich für mich interessiert hatte. Dabei ging es ja eben nicht nur um die und mich, sondern auch um die und meine Eltern. Ich sagte mir, dass Erwachsene schließlich für sich selbst verantwortlich seien und ignorierte die unübersehbare Tatsache, dass meine Eltern, wie erwachsen auch immer, lange Zeit nicht besonders gut mit ihrer „Co-Homosexualität“ zurecht kamen.

* * *

Das alles mögen Gründe dafür gewesen sein, dass ich nahezu keine Verantwortung dafür übernommen habe, wie meine Angehörigen mit der Rolle zurecht kamen, in die mein Schwulsein sie brachte.

Es gab aber – und darum geht es mir hier – noch einen weiteren Grund: Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass ich das tun sollte. Ich habe mich vorwiegend auf die Probleme zwischen meinen Eltern und mir konzentriert, darauf, dass wir irgendwie miteinander klarkommen konnten. Das erschien lange Zeit schwierig genug. Dass meine Eltern sich nicht nur mit mir, sondern mit ihrer eigenen Rolle in der Welt neu zurechtfinden mussten, das blitzte mir zwar gelegentlich auf, aber nie lange genug, um mich wirklich damit auseinanderzusetzen.

Das alles wäre vermutlich glücklicher verlaufen, hätte ich bereits so etwas wie eine „Kultur der Co-Homosexualität“ vorgefunden. Solche Vorstellungen tauchten in meiner Welt schlicht nicht auf. Ich hatte kein Vorbild, keine Hinweise, die mir signalisiert hätten, dass ich mit meinem Coming-Out auch eine gewisse Verantwortung für meine engsten Angehörigen hätte übernehmen können oder sollen. Dass mich das etwas anging, mich interessieren sollte. Dass ich helfen könnte, weil meine Erfahrungen mich dazu befähigten. Dieser Teil der ganzen schwulen Problematik war für mich vollkommen unterbeleuchtet.

Ich habe seitdem dutzende Geschichten darüber gehört, wie andere Schwule oder Lesben mit ihren Eltern klargekommen sind (oder nicht) und was ihnen dabei besser oder schlechter geholfen hat. An Erzählungen darüber, wie andere Eltern sich mit ihrem jeweiligen Umfeld zurechtgefunden haben (oder nicht) und was dabei mehr oder weniger hilfreich war, kann ich mich dagegen kaum erinnern. Das Thema erscheint nicht wirklich wichtig. Die Frage „Wie sage ich‘s meinen Eltern?“ ist ein zentraler Teil jedes Coming-Out-Ratgebers, aber ein Kapitel „Wie sagen meine Eltern es anderen?“ habe ich noch nie irgendwo gelesen.

Vielleicht haben wir es kollektiv nicht ausreichend auf dem Schirm, dass enorm Vieles, das ganz direkt mit uns zu tun hat und sich in unserem engsten Umfeld abspielt, trotzdem außerhalb unserer Hörweite bleibt: nämlich das, was Andere mit unseren Vertrauten bereden, wenn wir nicht dabei sind.

Wir haben kaum eine kollektive Kultur dafür entwickelt, auf diesen Bereich zu achten. Wir haben keine Kultur der Co-Homosexualität. Wir haben bisher nur sehr wenig Aufmerksamkeit darauf gerichtet, was das sein könnte, wie wir das machen wollen oder was es uns nutzen könnte. Wir hatten bisher nicht einmal einen Begriff dafür, aber voilà, hier ist er nun, dank einer klugen transsexuellen Frau. Wir sollten ihn hegen und pflegen, denn er kann die Welt besser machen.

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Ich glaube, es liegt ein politisches Potential darin, die Idee, die hinter dem Begriff steckt, stärker in den Fokus zu nehmen als bisher. Denn haben wir nicht wirklich alle etwas davon, wenn wir mehr darauf achten, dass auch unsere Freund:innen und Familienangehörigen möglichst gut damit zurecht kommen, wenn sie von Anderen auf unser Queersein angesprochen werden? Dass sie wissen, mit wem sie reden können, wenn es mal zu einer miesen Situation kommt, wenn sie sich nach einem Gespräch schlecht fühlen und nicht verstehen, weshalb, oder wenn sie mal völlig ratlos vor einer gehässigen Bemerkung stehen?

Es kann ja wirklich sein, dass unsere Angehörigen teils sogar häufiger mit Reaktionen konfrontiert werden als wir selbst. Ganz viel von dem ganzen Quatsch, den wir abbekommen, kriegen sie genauso ab. Oder schlimmeren. Oder anderen. Wir sollten das ernst nehmen und uns darum kümmern, dass unsere „co-homosexuellen“ Vertrauten mit den krausen Bemerkungen von Kolleg:innen, den schiefen Blicken von Nachbar:innen, den Vorwürfen über verzärtelte schwule Söhne, den süffisanten Anspielungen auf Werkzeugkästen in den Händen lesbischer Töchter und den ganzen anderen ärgerlichen Kram so treffsicher, leichtherzig und aufrecht umgehen können wie nur irgend möglich. Das ist anstrengend, ja. Und das ist in manchen Fällen einfach nicht möglich – auch das gilt es zu akzeptieren.

* * *

Ob die Rollenfindung der zig Millionen Familienmitglieder und Freund:innen queerer Menschen gelingt oder scheitert, hat nicht nur auf unser privates Umfeld Auswirkungen, sondern auf die ganze Gesellschaft.

Würden ab morgen alle queeren Menschen so offen und selbstbewusst durch die Welt schreiten, wie man sich das nur wünschen kann – was wäre das wert, würden gleichzeitig ihre Freund:innen und Angehörigen das durch Verdruckstheit, Scham, Tabuisierung oder Abwertung wieder zunichte machen? Aber wenn wir, da, wo es möglich ist, unseren Freund:innen und Familien häufiger so etwas wie eine kleine Supervision spendieren, dann helfen wir nicht nur ihnen, sich wohler zu fühlen und uns näher zu kommen. Dann bilden wir Botschafter:innen aus. Und die haben eine Reichweite, die wir vielleicht immer noch stark unterschätzen

Im letzten Jahr ging eine Meldung über die 93-jährige Frances Goldin durch die Medien, die fast fünzig Jahre lang mit dem selben großen Poster am New York City Pride teilgenommen hatte: „I adore my lesbian daughters“ („Ich liebe meine lesbischen Töchter über alles“). Ich kenne keinen queeren Menschen, der beim Lesen dieser Meldung keine feuchten Augen bekam. Goldin wirkt seit Jahrzehnten als so eine Art Coming-Out-Hebamme für Eltern. In unzähligen Briefe und Telefonaten suchte sie den Kontakt mit anderen Eltern, um sie zu einem liebe- und verständnisvollen Umgang mit ihren queeren Kindern zu ermuntern. „I think I changed a few people’s minds“, sagte Goldin bescheiden: Sie glaube, sie habe wohl die Einstellung einiger Leute verändert. Und das dürfte stark untertrieben sein.

Stellen wir uns tausend Frances Goldins vor. Wie viele Menschen könnten sie erreichen, wie viele Köpfe verändern?

* * *

Wenn wir das Bewusstsein für diese Verantwortung fördern, dann verändern wir damit vielleicht sogar die Qualität des Coming-Outs. Wir werden zwar bis auf Weiteres damit leben müssen, dass ein Coming-Out über weite Strecken eine sehr einsame Arbeit bleiben wird. Aber das könnte sich zumindest ein kleines bisschen verändern. Wenn Menschen im Coming-Out von Anfang an besser erkennen, dass sie zwar viele Probleme ganz allein meistern müssen, aber auch einige Probleme mit den Menschen gemeinsam angehen können, die ihnen am nächsten stehen, dann könnte sich das Coming-Out dadurch ein bisschen vom Einzelkampf in Richtung eines Gemeinschafts-Projekts verschieben: Ihr helft mir, ich helfe euch; und es geht nicht nur um mich, sondern um uns. Wäre es nicht toll, das Bewusstsein dafür kollektiv in unsere „Coming-Out-Standards“ zu integrieren? Idealerweise könnte es Einiges dazu beitragen, einen Aspekt zu stärken, der in dieser verletzlichen Lebensphase oft am meisten fehlt: die gegenseitige Verbundenheit.

* * *

Vielleicht ist das alles zu naiv, zu utopisch oder zu dramatisch. Ich weiß, dass es viel zu viele Familienmitglieder von queeren Menschen gibt, an denen schon der Versuch im Keim erstickt. Aber tun wir genug, um es zumindest zu versuchen? Können wir uns nicht dafür verantwortlich fühlen, wenigstens die nicht ganz hoffnungslosen Fälle möglichst glatt da durchzuschaukeln? Wäre das alles nicht die Mühe wert?


Ergänzung, 19.8.: Ich sehe, dass dieser Text aus Gründen, die ich nachvollziehen kann, auch für Verärgerung sorgt. Ich habe hier genauer zu erklären versucht, was ich NICHT meine. Für Kritik bin ich natürlich weiterhin offen.

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33 Kommentare zu “Für eine Kultur der Co-Homosexualität

  1. Moin,
    nur eine kleine Anmerkung: Möglicherweise wäre es passender anstelle von „trannssexuell“ von „trans“ zu schreiben :). An dem Begriff der „Transsexualität“ gibt es vielerlei Kritikpunkte. Leider fehlt mir gerade die Zeit näher ins Detail zu gehen:/.
    Beste Grüße von Peter

    • Ahoi, Peter, und danke für deine Anmerkung. Üblicherweise bevorzuge ich, genau wie du es vorschlägst, „trans“ zu schreiben. Ich habe hier im ersten Absatz „transsexuell“ gewählt, weil das die Bezeichnung war, die die Interviewte selbst für sich und für ihre Ausführungen in der erwähnten Dokumentation verwendet hat.

    • Nachtrag: Ich habe im ersten Absatz zweimal „transsexuell“ durch „trans“ ersetzt. Auch wenn die Interviewte selbst das andere Wort verwendet hat, erscheint mir das vertretbar. Als ihre Eigenbezeichnung habe ich „transsexuell“ beibehalten und auch ihre Wortprägung „Co-Transsexualität“ nicht verändert.

      • Ah, natürlich, wenn es die Selbstbezeichnung der erwähnten Person ist, verstehe ich gut, dass du sie verwendest :).

  2. Hallo fink, Du eröffnest doch immer wieder völlig neue Perspektiven auf scheinbar schon rundumbeleuchtete Themen. Diese Idee der Co_Homosexualtiät und besonders Deine Anregung, als Schwuler „Supervision“ anzubieten, regt auch ein anderes Selbstverständnis und eine neue Sicht des Coming Out an.. Wow, da gibt es ordentlich was um- und neu zu denken….. Danke!

  3. Lieber fink,

    herzlichen Dank für diesen bereichernden, wichtigen und beeindruckend offenen Text. Man denkt ja wirklich oft, zum Thema LGBTI sei schon alles gesagt („nur noch nicht von jedem“, wie es so schön heißt) — und dann kommst Du um die Ecke geflattert. Top! Hat mir viel zum Nachdenken gegeben — und viele Gründe, um meinen Eltern mal wieder etwas Schönes zu schenken oder einfach mal „Danke“ zu sagen, selbst wenn sie sich größte Mühe geben, zu verschweigen, wieviel Kraft und Mut sie das Thema vermutlich schon gekostet hat. Und die wirklich ekligen Reaktionen würden sie mir aus Rücksicht ohnehin nie erzählen.

    Es grüßt Dich

    das andere Geflügel

  4. Ansätze einer „Kultur der Co-Homosexualität“ waren doch schon mal da, oder? Zumindest vor zwanzig Jahren gab es an vielen Orten Gruppen für Eltern schwuler Söhne und lesbischer Töchter, und ich erinnere mich auch an Coming-Out Bücher für Eltern (z.B. Dorit Zinn, *Mein Sohn liebt Männer*, 1992). Aber das „Bündnis der Eltern, Freunde und Angehörigen von Homosexuellen“ hat sich offenbar 2016 nach 19 Jahren aufgelöst: http://befah.de/. Es war die deutsche Version von PFLAG (https://www.pflag.org/).

  5. Stromboli
    lieber fink, wie von Squid erwähnt , waren eltern über solidargruppenbildung schon im sinne der co-homosexualität eingebunden.
    Sicher zu wenige , und auch unserer seitens zu wenig über deren probleme mit dem gleichgeschlechtlichen sein umfassend betreut / begleitet.

    Was mich zu einem gedanken darüber nachzudenken verleitet, was grundsätzlich das sich als anders outende – sprich „coming out – für beide seiten an betroffenheit ausmacht.
    Was unterscheidet uns nun vom „andern“ – dem gewohnten?
    Schon im begriff des „co-homosexuellen“ wird klar wer die andere bedeutungsseite einnimmt: das heteromormative!
    Diese von uns in eine „co-homosexualität hineingezwungenen heterosexuellen, müssen sich mit der ihnen fremden homosexualität auseinander setzen, was im besten falle fragen über ihrer eigene sexualität und deren normanspruch freisetzt. Was vormals im als selbstverständnis einer unter mehrheitsgesichtspunkten verhafteten denkweise ihnen jene „sicherheit/en“ gab von denen sie zehren wenn sie über das „andere „ nachzudenken vorgeben, nun von der in der eigenen familie unerwartet auftretenden minderheit aufgezwungen erscheint . Plötzlich sollen sie etwas erklären was ihnen fremd scheint, was zudem das abweichende, der/die „betroffene scheints selbst nicht genau erklären kann.
    Da alles unter dem licht der elternlichen liebe, führt zu dem eindruck eines unglückhaften wollens. Einerseits die eigenen gewissheiten über die gesetzmäßigkeit des eigenen seins , sich des hetero nicht gänzlich entledigen wollen/können, zugunsten einer grundsätzlich neuen betrachtung von geschlecht -sexualität und deren anordnung im gesamtgesellschaftlichen. Also doch stur am heteronormativen festhaltend.
    Andererseits aber dem eigenen „blut“ nicht völlig die solidarität zu entsagen, gar die im eigenen verwandten und bekanntenkreis schützen zu wollen mittels erklärungsversuchen, die das „andere“ nun in den eigenen normalitätskanon integrieren soll.
    Spiegelbildlich ist das ja auch das ergebnis unserer „anstrengungen, in deren (!) normwelt integriert zu werden.

    Sicher erleben sie ( die eltern) so eine phase der einsamkeit, die sie vom rest ihrer vorherigen beziehungsgeflecht trennt.
    Aber auch hier spiegelgleich unserer erfahrungen : trennung vom gewohnten als beginn von etwas neuem!
    ( hier bedauere ich den rollback ins konservative – reaktionäre , der community in all seiner diversität* erfasst hat.)

    Lässt sich so etwas wie altersweisheit einbeziehen, die unterstellte erfahrung, die ältere in diesen konflikt automatisch einbringen sollten? Oder bleibt nur die erkenntnis, dass jede generation in einer heteronmierten welt eben nur diese sich wiederholenden erfahrungen machen müssen.
    So wie wir, so also auch unsere eltern!

    Dein denkansatz , das co-homosexuelle gleich mit an den anfang eines coming outes mit zu stellen müsste aber dazu führen, das über das NORMative an sich gesprochen wird.
    Beide lernen müssten, das weder die eine noch die andere norm maßstab unseres denken und handelns sein dürfte.
    Somit wir uns gegenseitig auch die argumente liefern , die wir den restlich uns beobachtenden und „urteilenden mitmenschen entgegen setzen könnten: Eure norm ist es nicht , worüber wir uns erklären oder diskutieren.
    Das verursachende leid ist nur bedingt der mangel an aufmerksamkeit der uns in gegenseitigkeit zuteil wird, sondern die norm der heterosexualität.
    Solange wir nicht über die zu sprechen in der lage sind, solange bleiben alle noch so gutwilligen bemühungen stückwerk.

    • ergo; gibt es eine co-heterosexualität für minderheiten, jenseits dieser deren norm.
      Müssen wir den heterosexuellen nur einfach besser verstehen um dessen einwirkung/en auf unser leben, unsere lebensplanungen
      besser verstehen zu wollen…?

    • Hey stromboli, ja, es geht natürlich um eine (gemeinsame) Auseinandersetzung mit Heteronormativität.

      Aber diesen Satz verstehe ich nicht so recht:
      „Beide lernen müssten, das weder die eine noch die andere norm maßstab unseres denken und handelns sein dürfte.“
      Was ist denn da die „eine“ und was die „andere“ Norm?

      • nun die heteronorm und die mittlerweile geübte homonormativität..
        Das beide sich aus den selben wurzel speisen, ist mein knackpunkt

        • Okay, das verstehe ich. Und klar, wenn es emanzipatorisch wirklich weitergehen soll, dann reicht es nicht, an diesen Normen nur ein bisschen rumzuschrauben, sondern man muss das Ganze grundsätzlicher aufrollen. Da bin ich ganz bei dir.

  6. Danke Barbara, Thadea, Squid und Mayk für eure Kommentare!

    Da sind jetzt ein paar in der Richtung „das ist mal neu“, und einer in Richtung „das gab’s doch schon“. Das hatte ich auch so ungefähr erwartet. Wenn ich schreibe, dass wir das Thema „kaum“ auf dem Schirm haben, schließt das ein, dass ich z.B. von Elterngruppen schon gehört habe. Und es ist toll, dass es die gab und immer noch gibt!

    Mein Eindruck ist, dass diese Gruppen hauptsächlich als Selbsthilfegruppen arbeiten, also für „neue Co-Homosexuelle“ da sind, und das ist unglaublich wichtig. Die Wirkung in Richtung einer allgemeineren Öffentlichkeit scheint mir aber selten angestrebt zu werden, und da könnte ich mir evtl. mehr vorstellen. Aber vielleicht gibt es das ja auch schon viel häufiger, und ich habe es nur nicht mitbekommen?

    Wie mir zu Ohren kam, ist für den Berliner CSD im nächsten Jahr ein „Eltern-Truck“ geplant. Solche Aktionen finde ich großartig, und davon würde ich mir mehr wünschen. Ich werde mal versuchen, Näheres herauszufinden und dann ggf. hier berichten. Vielleicht regt ja dieser Artikel auch an, Ähnliches anderswo zu versuchen…

  7. Hallo Fink,

    ich lese deine Beiträge immer wirklich gerne, aber sorry, diese Aufforderung kommt mir soo bekannt vor … war es doch die erste, die ich von meinem Vater bei meinem Outing als trans-männlich zu hören bekam: Als Erstes mal daran denken, was die Leute jetzt von IHM halten werden, mit dem Fazit, das Recht nicht gehabt zu haben, einfach trans* zu sein, geschweige denn so zu leben, ohne seine Erlaubnis eingeholt zu haben (die ich dann naütrlich nicht bekommen hätte, aka, er hatte das starke Bedürfnis nach einer Handhabe, dem persönlichen Eigentum, das ich darstelle, so etwas verbieten zu dürfen, musste aber leider feststellen, dass wir nicht im alten Rom leben).

    Als Transperson ist das sooo unglaublich selbstverständlich, dass du dich um ALLE kümmern musst. Es ist soo selbstverständlich, dass keiner dich verstehen wird, keiner dich je wieder normal finden wird, du eine Belastung für alle bist, die damit leben müssen, dass „ES“ irgendjemand je erfahren wird.. Es ist so selbstverständlich, dass du nicht nur Opfer der gesammelten Transphobie deiner Umgebung bist, sondern obendrein
    – der verständnisvolle Elternersatz bist, der den armen Menschen nachsehen muss, dass sie dich natürlich nicht normal und okay finden
    – zu ihrem Therapeuten wirst, denn du bist ja schuld, dass sie damit überhaupt erst leben müssen und hast entsprechend auch etwas auszugleichen/wiedergutzumachen.

    .. und dann noch schwul, da könnte man sich das Trans-Sein doch gleich sparen, ne? Wozu auf Passing als Kerl wert legen, wenn man auf Männer steht, sind die meisten doch hetero. Und in einem Punkt haben sie recht: Ein Schwuler wird immer verlangen, dass ich mich erstmal oute, mich einen Lügner nennen, wenn ich es nicht sofort tue, und mich auch unverhohlen damit konfrontieren, was für minderwertige Ware ich auf dem Partnerschaftsmarkt bin, mit dem Fazit, mich an dem Punkt vor die Tür zu setzen, weil schwul sein = auf Penisse stehen, was das erste ist, das ich mir klarmachen sollte.

    Ich darf mich also entschuldigen, mich so tief bücken, wo und wie es immer nur geht, für diese unglaubliche Schande, die meine Existenz darstellt, für die Schuld, die ich jedem gegenüber trage, der mit mir verwandt ist, nämlich ANDERS zu sein, und das noch größere Verbrechen zu begehen, dieses Anderssein in meinem Leben teilweise sichtbar zu machen…
    .. ich stehe für immer in ihrer Schuld und muss sie natürlich auch noch trösten und in den Arm nehmen, wenn sie selbst damit nicht klarkommen, während sie mich munter diskriminieren.. das ist selbstverständlich, ne? Wie wichtig das ist, der überlegene, aufgeklärte, geduldige Mensch zu sein, der erstmal allen mit Verständnis begegnet, die ihn diskriminieren, das ist auf Trans-Foren eines der größten Themen beim Coming Out.. das ist zumindest im FtM der absolute Standard, dass man sich mehr Gedanken darum zu machen hat, was für eine Belastung man künftig für alle möglichen Menschen für immer sein wird, statt dass man mit sich selbst klarkommen, geschweige denn eigene Gefühle darüber entwickeln dürfte..

    .. und jetzt gehst du noch hin und findest das gut, wünschenswert und richtig, und machst Leute ein schlechtes Gewissen dafür, wenn sie nicht erstmal an die Familienehre gedacht haben?
    Sorry, der Gedanke ist nicht neu, genau dieses „Co-Schwul“ ist kulturell breit angelegt der Grund dafür, dass man nicht LGBTI sein darf. Don’t ask, don’t tell. Nicht unbedingt nur, weil irgendwer in der Familie das schlimm finden müsste, sondern wegen der Schande, die man über die Familie damit bringt. Es mag deiner Lebenswelt so fern sein, dass es dir nicht mehr auffällt, und wenn du findest, dass es wirklich deine Aufgabe ist, dich an der Bewältigung dieser „Familienschuld“, die deine Existenz erzeugt hat, zu beteiligen, dann tu das.. aber ein derartiger Aufruf ist ein extrem bitterer Hohn für Menschen wie mich, bei denen schon andere darauf gekommen sind: Und zwar die betreffenden Familienmitglieder selbst, mit der resultierenden Forderung bzw. dem Anspruch, dass SIE diejenigen seien, die darüber zu bestimmen hätten, ob sowas wie ein entehrendes Outing mir zusteht.

    Konsequent zu Ende gedacht folgt aus deinem Vorschlag unter anderem, dass Eltern schon sehr wohl ein Recht darauf haben, gefragt zu werden, ob sie damit einverstanden sind, wenn man LGBTI ist. Erzähle ich dir wirklich was Neues, wenn ich darauf hinweise, dass Viele auf die Frage mit „Nein“ antworten werden?

    Rücksichtnahme in allen Ehren… aber wie viel Anerkennung gesellschaftlich etablierter Scham in diesem Artikel steckt, findest du bei Fokus auf diese Fragestellung vielleicht noch selbst heraus.
    Ja, Überraschung, Menschen haben ganz egoistische Gründe, mit Leuten, die „anders“ sind, nichts zu tun haben zu wollen. Meiner Ansicht nach brauchst du dich echt nicht dafür entschuldigen, dass du deinen Eltern und Geschwistern antust, mit ihnen verwandt zu sein. Meine Perspektive dazu ist immer: Ich hab mit euren Bekanntenkreisen nichts zu tun, drüber reden werdet ihr sowieso nicht, weil ihr’s ja schon selbst eigentlich nicht akzeptiert – solange ihr euch nicht über den Schicksalsschlag ausheulen wollt, den es bedeutet, mit sowas/so jemandem verwandt zu sein, bräuchte das niemand erfahren, und gut für euch.
    Das hat aber alles nichts mit Kultur zu tun, die man unterstützen sollte. Dass du für die Gesellschaft ein Problem bist, und damit auch für alle, die in dieser Gesellschaft das Pech haben, dir nahezustehen, ist nicht deine Schuld.

    • Hallo lth,

      deine Einwände kann ich nachvollziehen. Und es ist gut, dass du hier sozusagen alles das ergänzt, was ich weggelassen oder in Andeutungen belassen habe.

      Ich stand beim Schreiben vor dem Dilemma, einerseits durchaus einen Text mit Aufforderungscharakter verfassen zu wollen, andererseits aber zu wissen, dass eine solche Aufforderung vielen Menschen als Zumutung erscheinen mag. An wenigen Stellen habe ich ja auf die Grenzen und Einschränkungen meines Appells hingewiesen. Natürlich hätte ich diese Grenzen noch deutlicher herausarbeiten können. Aber ich wollte mich hier auf die „eine Seite“ konzentrieren, diese herausstellen und sie nicht durch zu starke Relativierungen gleich schon wieder zurücknehmen.

      Aber nun gibt mir dein Kommentar ja die Möglichkeit, deutlicher zu klären, was ich nicht meine.

      Für viele Menschen, und du beschreibst ja eindrucksvolle Beispiele, ist, was die Angehörigen angeht, Distanz notwendig, in krassen Fällen sogar überlebensnotwendig. Selbstverständlich muss es denen als Zumutung erscheinen, sich auch noch für das Seelenheil derjenigen verantwortlich fühlen zu sollen, die ihnen ihre Identität und Freiheit absprechen. Das geht nicht, und das täte bzw. tut niemandem gut. Du schreibst:

      „das ist zumindest im FtM der absolute Standard, dass man sich mehr Gedanken darum zu machen hat, was für eine Belastung man künftig für alle möglichen Menschen für immer sein wird, statt dass man mit sich selbst klarkommen, geschweige denn eigene Gefühle darüber entwickeln dürfte..“

      Da bringst du zwei Probleme gut auf den Punkt: die Frage von verinnerlichter Schuld und die Frage der Selbstschädigung, die daraus entsteht und die Übernahme der Verantwortung für sich selbst verhindert.

      Ich will hier ganz bestimmt keine Diskussion über Schuld aufmachen! Natürlich ist niemand schuld daran, dass die Angehörigen Probleme mit Queersein haben. Ich kann ein bisschen verstehen, welche Passagen meines Artikels nach einem schlechten Gewissen klingen, aber es geht mir sicher nicht darum, meinen Appell auf die Grundlage von „ich bin schuld, dass es denen schlecht geht, deshalb muss ich mich jetzt um sie kümmern“ zu stellen.

      Wenn jemand die Verantwortung, von der ich hier schreibe, übernehmen möchte, dann kann das nur dann gut gehen, wenn es eine freie Entscheidung ist. Wo sie das nicht ist, ist es besser, diese Verantwortung von sich zu schieben, als sie zu umarmen.

      „Konsequent zu Ende gedacht folgt aus deinem Vorschlag unter anderem, dass Eltern schon sehr wohl ein Recht darauf haben, gefragt zu werden, ob sie damit einverstanden sind, wenn man LGBTI ist.“

      Nein, das ist sicher nicht die Konsequenz. Sich nach der eigenen Verantwortung zu fragen, heißt nicht, sich selbst und seine Freiheit aufzugeben. Mir ist klar, und du arbeitest das ja deutlich heraus, dass es viele Situationen gibt, in denen das Umfeld einem überhaupt nicht die Wahl lässt, die eigene Freiheit mit der Verantwortung für andere in einer Weise zu verknüpfen, die einem selbst und den anderen wirklich gut tut. Wer diese Möglichkeit gar nicht bekommt, der kann sie selbstverständlich auch nicht frei nutzen.

      Es geht hier generell um die Frage: Kann man über die Freiheit zu X schreiben, wenn man weiß, dass viele Menschen unter dem Zwang zu X stehen und unter diesem Zwang sogar extrem leiden?

      Ich glaube, man kann. Weil verschiedene Menschen einfach in verschiedenen Situationen leben.

      Sobald es darum geht, zu irgendwas aufzufordern, oder „Standards“ einzuführen, gebe ich dir aber recht: Da muss man extrem vorsichtig sein; und vielleicht war ich da wirklich nicht vorsichtig genug und will mal versuchen, es präziser zu formulieren.

      Es geht mir nicht darum, Verantwortung für das Wohlbefinden der „Co-Homosexuellen“ als verbindliche Aufgabe für alle einzuführen. Es geht mir darum, auf diese Ebene zu achten und dann individuell zu entscheiden, in welchen Fällen diese Verantwortung freiwillig übernommen werden kann und in welchen es die bessere Entscheidung ist, sich von einem aufgezwungenen oder aus Schuldgefühlen heraus „selbsterzwungenen“ Verantwortungsgefühl erst einmal zu lösen, weil sonst eine Freiheit gar nicht erst möglich wird.

      Für mich war es in meinem eigenen Leben nicht selbstverständlich, auf diese Ebene überhaupt zu achten. Ich bin achtlos in dieses Feld hinein- oder darüber hinweggestolpert und erkenne jetzt nachträglich, dass mehr Aufmerksamkeit für diesen Aspekt mir gut getan hätte. Für dich – und sicher für viele andere – war diese Ebene von vornherein übermächtig da, und es ging dir sinnvollerweise eher um eine Distanzierung.

      Wenn es hier um eine „Kultur von etwas“ oder um einen „Standard“ gehen kann, dann also lediglich darum, diese Ebene zu beachten und dann individuell dies oder jenes zu entscheiden.

      Vielleicht klingt das jetzt, als wollte ich nur billig meinen Kopf aus der Schlinge ziehen, aber bezüglich deiner berechtigten Einwände würde ich sagen: Auch die Distanzierung von Verantwortung für andere kann Teil einer „Kultur der Co-Homosexualität“ sein. Mir geht es bei dieser „Kultur“ vor allem um eine Bewusstheit dieser Ebene, nicht um Schuld, schlechtes Gewissen oder Zwang.

      Es tut mir leid, dass dich mein Text richtig verärgert hat. Mir ist sowas nicht egal. Es geht hier um wunde Punkte, die sehr schmerzen können. Ich hoffe, dass ich hier zumindest ein wenig zur Klärung und Ärgerverminderung beitragen konnte.

      • Hallo Fink,

        danke für die ausführliche Antwort.

        Ich bin nicht verärgert, ich fühle mich irgendwie verraten und verletzt. Was leider etwas ist, woran man als T* innerhalb des LGBTI…-Zoos eigentlich gewöhnt sein müsste.

        Und nein, ich sehe da bei dir nicht unbedingt die Schuldproblematik, die du aufarbeiten oder wiedergutmachen wollest – ich denke, du bist tatsächlich einer der seltenen Fälle von Cis-Typen, die aus irgendwelchen Gründen mal angefangen haben, sich für das Wohlergehen und die Gefühle anderer Menschen tatsächlich zu interessieren – was nach wie vor und auch bei schwulen Cis-Männern einigermaßen seltsam ist.
        Ich könnte mir an den Kopf packen bei der Selbstverständlichkeit, mit der du anscheinend NICHT gefunden hast, über Jahre hinweg, über die Problematik bei deinen Leuten überhaupt mal nachdenken zu müssen, und ich schätze, bei einem eher empathischen Menschen führt das wohl dann eher zu so etwas wie einem schlechten Gewissen..?
        Na, aber das ist deine Sache. Klar verstehe ich diesen deinen Punkt zu „optional, wenn sonst alles gut läuft“, wie ich die Perspektiven und Motive anderer Leute überhaupt meistens gut verstehe. Das ist der Fluch davon, weiblich sozialisiert, empathisch und obendrein auch noch nicht ganz blöd zu sein. Ich stehe vor dem Dilemma, mir negative Gefühle ganz bewusst erlauben zu müssen, weil ich eigentlich fast immer nachvollziehen kann, aus welchen Gründen Menschen handeln. Eine reine Niedertracht und einen reinen Egoismus wie bei meinem Vater, der mich natürlich verletzt, aber der einfach klar erkennbar weit unten im Bereich „niedere Motive“ liegt, verzeihe ich von daher aus rein rationalen Gründen einfach nicht. Aber die wenigsten Menschen sind so klar und so eindeutig Narzissten.

        Wenn ich dir etwas übelnehme, oder wenn mich daran etwas verletzt, ist es aber wahrscheinlich irgendwie dieser Luxusaspekt bei deiner Bereitschaft, Eltern hier eine Priorität einzuräumen, einer Gruppe an Menschen, die in extrem vielen Fällen queeren Menschen den größten Schaden überhaupt zufügt.
        Tränen in den Augen hab ich generell schnell bei Eltern, die ihre Kinder genug lieben, um sie selbst trotz „Unnormalität“ zu akzeptieren, auch wenn es darum geht, geduldig und freundlich mit einem Kind umzugehen, das z.B. körperlich oder geistiig behindert ist. Aber es ist etwas, das ich für verdammt selten halte.

        Ich meine – Eltern, das sind die Menschen, die Macht über dich haben, die unreflektiert von der Gesellschaft her weitergeben, was alles nicht in Ordnung ist, die queere Kinder vor die Tür setzen, ihnen Gewalt androhen oder antun… und du bist jetzt offenbar in der glücklichen Situation, dass das, und dein Leben überhaupt, erträglich genug ist, dass du anfangen kannst, dich um die gedankliche Freiheit deiner Familie zu kümmern und zu sorgen? Das sei dir, wenn, von Herzen gegönnt, aber der Normalfall ist es deswegen nicht.
        Ist Homosexualität so viel akzetabler als trans* (ja, wahrscheinlich ist sie das), verläuft dein Leben mit so viel weniger Diskriminierung, hast du einfach sonstwie übermäßig viel Glück gehabt, dass du die Kapazitäten hast, das Tragen von anderer Leute Päckchen für dich entdeckt zu haben? Ist der gar nicht seltene Fall emotionalen Missbrauchs, bei dem die Kinder für die Gefühle der Eltern mehr Verantwortung übernehmen als umgekehrt, an dir soweit vorbeigegangen, dass du das im Nachhinein freiwillig tun kannst, weil du offenbar Ressourcen dazu im Übermaß hast?

        Ich will nicht, dass das falsch ankommt, denn auch mir ist das nicht egal: Diese Fragen sind nicht gedacht als persönlicher Angriff. Ich denke, dich bewegt einfach dieser blinde Fleck, den du da bei dir aufgezeigt bekommen hast – und ich schätze an dir, was ich gerade bei Cis-Männern für extrem selten halte, dass du das überhaupt reflektierst und dich damit befasst, auch emotional. Von daher denke ich auch, dass das für dich wohl etwas Wertvolles und auch Wichtiges sein kann.
        Ich fühle mich allerdings verraten und übergangen von jemandem, der um die Probleme von Opfern der eigennr Eltern wissen könnte, dass du über ebendiese so einfach hinweggehst, spätestens in dem Moment, in dem du den Schritt hin zu einer Aufforderung machst – selbst wenn du jetzt im Nachhinein einschränkst, die nicht als allgemeingültig verstanden wissen zu wollen.

        Ich kenne ja auch deine anderen Texte, und dass du mir die Freiheit gegenüber der Gesellschaft zugestehst, anders zu sein, davon gehe ich aus, sonst würde ich überhaupt nicht mit dir schreiben. Aber in dem Moment, in dem du z.B. ganz selbstverständlich von einer Verantwortung gegenüber der Familie schreibst, bzw. das als Verantwortung formulierst, gibt es da mEn keine Frage mehr, ob Dinge „zusammen gehen“ oder nicht. Wenn da eine Verantwortung ist, dann bleibt die, auch wenn du eingestehst, dass man sie nicht beachten brauche, wenn die eigene Freiheit darunter zu sehr zu leiden hätte.
        Du wiederholst insofern exakt den Anspruch, der von außen her an mich schon herangetragen wurde, nämlich dass ich diese Verantwortung (für Co-Betroffene) erstmal habe. Du signalisierst jetzt im Gegensatz zu meinem Vater großzügigerweise die Bereitschaft, mich davon unter gewissen erschwerenden Umständen zu entbinden – aber dass mein Vater grundsätzlich erstmal recht hat, ergo du ihm im Grundsatz zustimmst, das bekräftigst du allein schon dadurch, dass du diese Verantwortung als natürlicherweise gegeben formulierst.
        Die Idee einer Schuld, die ich auf mich lade, indem ich diese Verantwortung abweise, und zwar dahin, wohin sie meiner Ansicht nach gehört – zur Gesellschaft nämlich, und zu dummen Menschen, die so selbstsüchtig sind, sich für mich zu schämen – die ist bei mir nicht unbedingt etwas internes. Ich hab das vor den Kopf geworfen bekommen, als Vorwurf. Das ist nichts, das sich still und heimlich irgendwo bei mir im Hinterkopf festgesetzt hätte, wo ich erstmal Jahre gebraucht hätte, mir darüber klar zu werden. Es tut weh, und man muss damit fertigwerden, aber das muss man gerade deswegen, weil dieser Anspruch ja nunmal offen da steht.
        Und dann kommst du als jemand, der es doch eigentlich ganz gut besser wissen könnte, und tust so, als seien diese meine Erfahrung und diese Perspektive so selten oder unbedeutend, dass man sie nicht weiter beachten bräuchte. Wie auch Fälle diverser junger Leute, die entweder als nicht einmal Erwachsene vor die Tür gesetzt werden, weil sie schwul sind (wobei auch schonmal das Angebot vorkommt, bleiben zu dürfen, wenn man damit aufhört), oder die übermäßig früh zumindest ausziehen müssen, weil die Umstände aus anderen Gründen nicht mehr ertragbar sind – das sind alles Dinge, für die mir an der Stelle bei dir die Achtsamkeit und das Mitgefühl fehlt.
        Selbst wenn du deine Aufforderung nicht als allgemeinen Anspruch gelesen haben möchtest – als was für ein Schlag in den Magen sie sich für viele Menschen der queeren Community anfühlen muss, hättest du dir doch denken können. Wahrscheinlich bin ich nicht der*die Einzige, der sich beim Lesen stark an die Ansprüche von Verwandtschaft erinnert fühlt – bloß, dass einen das viel hilfloser als sonst zurücklässt, weil es hier von jemandem kommt, den man lieber als Verbündeten gedacht hätte.
        Mein Leben ist voll von Menschen, die mir mehr oder weniger deutlich signalisieren, dass ich doch gefälligst zurückstecken und zumindest nicht offen out sein soll. Das ist jetzt vielleicht dreist und egoistisch von mir, aber jemanden wie dich auf die Liste dieser Menschen setzen zu müssen, finde ich nicht schön und würd ich lieber lassen.

        Wie erwähnt, vielleicht ist es mit Homosexualität in Deutschland inzwischen wirklich so viel besser, dass man in der Luxusposition ist, diese Kapazitäten selbst zu haben und auch anderen Leuten zuzumuten, und wo sich das als machbar anfühlt und darstellt. Und dass dich das gerade emotional wohl bewegt, ist auf so einer Basis sicherlich wichtig für dich, und irgendwie ist es niedlich, dass du soweit überhaupt zu denken bereit bist. Aber Eltern und Familie sind neben Mitschülern wohl die häufigsten und schlimmsten Täter, mit denen queere Menschen es zu tun bekommen, und in vielen Fällen verdienen die weder Verständnis noch bloß den Hauch von Mitgefühl. Die bloße Bereitschaft dazu, der bloße Gedanke, für deren Wohlergehen bzgl. Queer-Themen Verantwortung zu haben, öffnet da eine Hintertür mit massivem Schädigungspotential. Daran scheinst du nur wenig gedacht zu haben bei diesem Text. Und das, und die Bereitschaft, die Priorität auf das Mitgefühl für die Eltern zu legen, statt auf die eigene Community, an die du dich hiermit ja immerhin wendest.. das tut halt irgendwo ganz schön weh.

        • Danke, lth, für die ausführliche Antwort. Danke auch, dass du weiterhin das Gespräch suchst. Ich muss über das, was du schreibst, vielleicht diesmal ein bisschen länger nachdenken, aber ich werde noch antworten.

        • Als beste_r Freund_in des Finken seit nunmehr zwölfeinhalb Jahren muss ich mich da jetzt kurz einschalten. Du rückst ihn hier ins Licht eines bösartigen Menschen, dem Empathie für die eigene Community fehlt, und der unbedingten Vorrang einer Empathie gegenüber Eltern und uns verletzenden Menschen fordert. Lass Dir von mir gesagt sein, dass er ein solcher Mensch nicht ist. Er ist der empathischste, einfühlsamste, besonnenste Mensch, den ich in meinem über 53jährigen Leben kennenlernen durfte.
          Ich, der_die ich das Privileg habe, ihm oft im Vorfeld eines neuen Artikels als Gesprächspartner_in zu dienen und schließlich diese auch noch Korrektur lesen zu dürfen, bevor sie erscheinen, kann Dir sagen, dass dies der erste Artikel ever war, zu dem wir extrem heftig diskutiert haben und ich selbst, wohl ähnlich wie Du, sehr emotional reagiert habe. Ist es mir doch genauso ergangen, dass mir v.a. durch meine Mutter schlimmstes Leid zugefügt wurde. Ich hatte ihr kurz nach meinem offiziellen Coming-out der Familie gegenüber (1990) ein Buch für Mütter schwuler Söhne geschenkt (damals empfand ich mich noch als schwuler Mann, das hat sich später etwas geändert, aber das soll hier nicht Thema sein). Als ich sie nach ein paar Tagen fragte, wie sie denn das Buch finde, sagte sie nur „sie habe es verlegt“. Ich wusste genau, dass sie mich in dem Moment anlog und das Buch in Wirklichkeit weggeworfen hatte. Sie hat damals also mein Unterstützungsangebot ganz offen, naja: fast ganz offen ausgeschlagen. Auch viele, viele Jahre später hatte sie übrigens noch ein heftiges Problem mit allem, was mit meiner Queerness zu tun hat, und sie wird bis zu ihrem Lebensende immer eine Person bleiben, die lieber vermeidet, darüber zu sprechen, statt mich z.B. Anderen gegenüber mal zu verteidigen.
          Gerade auch deshalb habe ich dem Finken, wie auch Du, den Vorwurf gemacht, hier zu einseitig auf die Bedürfnisse der „Co-Homosexuellen“ zu sehen und zu vergessen, dass das viele Menschen, z.B. auch mich, vor unlösbare Probleme stellt.
          Genau deshalb weiß ich aber auch, dass er das nicht vergessen HAT. Weil ich ihn in einem mehrstündigen, hoch emotionalen Gespräch auf die verschiedenen Aspekte hinwies, die so unendlich viel Leid bei uns Betroffenen auslösten und auslösen.
          Seit dem Gespräch sind mehrere Wochen (oder gar Monate, ich weiß es nicht mehr genau) vergangen. Er ist nochmal in sich gegangen, hat weiter recherchiert, teils umformuliert – und dieses Ergebnis ist nun, ohne weitere Einwände von mir, herausgekommen.
          Der Fink ist ein Mensch, der für jeden seiner mir äußerst wertvollen Blogartikel teils monatelang recherchiert, reflektiert, formuliert, immer wieder mit mir darüber spricht – und was dabei herauskommt, ist immer ein äußerst reflektierter Ansatz, wobei er, wie er ja selbst schreibt, immer für konstruktive Kritik offen bleibt.
          Als brillant intelligenter Mensch ist er, viel eher als ich, bereit, zuzugestehen, dass er etwas wohl nicht unter allen Aspekten gesehen hat und immer wieder bereit ist, dazuzulernen. Und wenn er das tut, dann nicht zerknirscht, sondern mit Dankbarkeit darüber, dass er dazulernen durfte. Einen vergleichbaren Menschen, der ähnlich verfährt, habe ich, ganz ehrlich, bisher nicht kennengelernt.
          Da ich seine Lebensgeschichte und -situation auch gut kenne, kann ich auch sagen, dass er keineswegs besonders privilegierte Hintergründe hat oder sich in einer besonders privilegierten Situation befindet, sondern auch sehr, sehr schwer zu kämpfen hatte und manchmal aktuell auch hat. Dabei behält er immer seine großartige Empathie und Zuwendung zu Anderen.
          Mit absoluter Sicherheit ist es nicht sein Anliegen, Angehörige der Community hier vor unlösbare Aufgaben zu stellen oder uns gar übermäßige Verantwortung aufzubürden. Und wenn man ihm von eigenen Schwierigkeiten berichtet (deren hatte und habe ich selbst z.B. außerordentlich viele), hat er immer ein offenes Ohr, vor allem aber auch ein offenes Herz und geradezu grenzenloses Verständnis.
          Deshalb stehe ich erstens voll und ganz hinter ihm – und zweitens auch hinter DIESEM Text (ich wiederhole: der erste für mich zunächst hoch problematische Text). Ich glaube, in der Diskussion hier ist bereits ein Stück weit klarer geworden, wie er die Dinge meint, und wie er sie nicht meint.
          Als Quintessenz dieses Artikels sehe ich einen Blick über den eigenen Horizont, quasi auf die „Gegenseite“, mit einem Versöhnungsangebot. Ja: ANGEBOT. WENN es möglich ist, WENN wir es leisten können und wollen.
          Ich habe diesen Artikel (und die Gespräche darüber vorher) jedenfalls trotz meiner selbst erlebten riesigen Verletzung durch die „Gegenseite“ als sehr bereichernd empfunden.
          Wie gesagt, ich kann emotional heftige Reaktionen nachempfinden, da ich zunächst selbst auch so reagiert hatte. Aber ich lasse es nicht zu, dass mein bester Freund, dieser großartige Mensch, als unempathisches Monster hingestellt wird – und zwar auch nicht mal ansatzweise.
          Das ist jetzt keine Kriegserklärung, sondern – im Gegenteil – ein Angebot zur Befriedung des Ganzen. Wie ich den Finken kenne, wird er aber wieder noch selbst ausführlich antworten. Sei jedenfalls versichert, dass Du mit ihm nach wie vor einen Verbündeten auf Deiner Seite hast und nicht etwa das Gegenteil.

          • Danke, Thadea, für deine lieben Worte (auch wenn mich öffentliches Lob ja immer verlegen macht).

            Du bringst hier noch einen Aspekt ein, der bisher nicht so ausführlich aufgetaucht ist: Das Bemühen um „Angehörigen-Supervision“ scheitert oft einfach am massiven Unwillen der „lieben“ Familienmitglieder. Man mag das ein paar Mal versuchen, aber wo Hopfen und Malz verloren sind, muss man natürlich auch nicht immer noch mehr Hopfen draufschmeißen.

          • Hi Thadea,

            keine Sorge, wenn ich nicht meinen würde, dass er ein lieber Mensch ist, würd ich mir die Mühe hier nicht machen. Und abgesehen davon, dass ich nicht auf fremder Leute virtuellem Territorium aufkreuze, um Dreck zu hinterlassen: Als jemand, der seinen mittleren Abschluss im Trolling auf dem österreichischem Esoforum gemacht hat, kann ich auch noch ganz anders und wenn ich wen nicht leiden kann, würdet ihr das merken.. meine eigentlich auch, dass ich an diversen Stellen drauf hingewiesen habe, dass ich das durchaus differenziert sehe.

            Ich bin auch schon ziemlich dankbar für die durchdachten Beiträge auf dem Zaun hier, bei dem ich mich selbst als trans*-Person häufig mitgemeint fühlen kann, oder wo ich mich wiederfinde, auch wenn mein Hintergrund durch das fzm-trans* etwas anders aussieht. Das ist bei Artikeln von Cis-Menschen wirklich schon einigermaßen selten – wenn sie nicht die Spezies sind, die zum CSD gaywashing betreibt und mir die Unisex-Toiletten aktiv missgönnt, üben sie sich doch bzgl. übergreifenden Denkens meist zumindest in tiefes Schweigen.

            Also alles gut, ich bin hier, um zu reden, nicht um verbal zu randalieren oder Zeug abzufackeln ^^
            Wenn ich allerdings was kritisch finde, erlaube ich mir schon, das anzusprechen, gerade bei jemandem, von dem ich erwarten würde, dass es ihn interessiert. Dass ich hier irgendwen als Monster darstellen würde, ist ganz einfach nicht wahr. Mir zur Befriedung den Mund verbieten lassen tu ich als queere Person aus Prinzip allerdings nicht. Aber eigentlich denke ich auch nicht, dass wir das hier nötig haben.

        • Hallo lth,

          da komme ich daher und rufe flockig „Hey, schaut doch mal alle auf diesen Aspekt!“, und das lesen Menschen, die nur sagen können „Wow, ganz was Neues. Dieser Aspekt wird mir seit Jahren um die Ohren geschlagen wie ein nasses Handtuch, und es tut weh.“ Natürlich verstehe ich, warum sich das schlecht anfühlt. Ich verstehe recht gut, was du schreibst.

          Über die Gefahr, dass der Text so wirkt, habe ich, wie Thadea ja gerade schrieb, tatsächlich vorher diskutiert und nachgedacht. Ich kann nicht sagen, dass ich jetzt einfach total überrascht wäre. Ich habe deswegen die Einschränkungen eingefügt, die da jetzt drin stehen. Ich habe angenommen, das würde mögliche Verletzungen in der Weise, wie du sie jetzt schilderst, vielleicht zwar nicht in jedem Einzelfall zuverlässig verhindern, würde ihnen aber zumindest die schmerzhafte Spitze nehmen und das alles richtig einordnen. Jetzt muss ich erkennen, dass ich mich da getäuscht habe, und das tut mir ehrlich leid.

          Es ist ja nicht nur dein eigenes Beispiel, das du hier so eindrücklich beschreibst. Anderswo kommentiert z,B. jemand, er habe wegen dieses „denk daran, was du uns antust!“ sein Coming-Out um 16 Jahre verschoben, mit verheerenden Auswirkungen auf sein Leben. So etwas zu lesen macht mich natürlich betroffen. Das war nicht, was ich mit diesem Text auslösen wollte, und es tut mir leid, dass das passiert. Es geht mir ganz sicher nicht um ein „denkt daran, was ihr anderen antut!“.

          Ich hätte das „wir“, das ich hier eingesetzt habe, sorgfältiger formulieren und definieren können. Sozusagen die Zielgruppe klarer einschränken. Ich hätte die Grenzen und Vorbedingungen meines Appells sorgfältiger und ausführlicher kennzeichnen können. Ich hätte mehr tun können, um Reaktionen wie deine gar nicht erst auszulösen. Es geht um sehr tiefe Vorverletzungen, die da angestoßen werden, und deren Energie habe ich vielleicht tatsächlich nicht ausreichend einkalkuliert, obwohl ich sie eigentlich gut kennen sollte.

          Dass du mir mit deiner Kritik hilfst, das klarer zu erkennen, das nehme ich tatsächlich dankbar an. Andere hätten sich einfach zurückgezogen und mich insgeheim verflucht (und auch das wäre natürlich okay). Natürlich ist es auch schön, wenn Leute meine Artikel loben, aber für mich wird es erst spannend, wenn Widerspruch kommt, an dem ich wirklich zu knabbern habe, weil er mir einleuchtet. Nicht nur, weil ich dann mehr lernen kann, als ich beim Schreiben schon gelernt habe, sondern auch, weil das hoffentlich auch anderen ermöglicht, das Thema für sich weiter zu vertiefen. Ich wünsche mir ja immer, dass das hier nicht nur eine Textabwurfstelle ist, sondern auch ein Diskussionsforum.


          Hätte ich komplett auf diesen Text verzichten sollen? Ich denke nicht.

          Meine Situation sehe ich nicht als eine „Luxussituation“. Glaub bitte nicht, dass mein Coming-Out so wahnsinnig einfach gewesen wäre oder dass in meinem Elternhaus nicht täglich das Mantra „Was sollen die Nachbarn sagen?“ gebetet worden wäre. Es war schwer. Trotzdem hätte ich hier und da mehr Energie frei gehabt, mich tatsächlich um das Beschriebene zu kümmern, ohne mich dabei selbst verleugnen zu müssen. Ich habe sicherlich kein „Übermaß an Ressourcen“ (oje, da schätzt du mich wirlich falsch ein), aber ein paar hätte ich doch übrig gehabt. Und ich bekomme auch Rückmeldungen, dass es für andere ähnlich war bzw. ist.

          Die Frage, wie viele jeweils in dieser oder jener Situation leben, ist schwer zu beantworten. Mein Eindruck ist (gespeist aus einigen Statistiken, die ich hier aber nicht konkret zitieren kann), dass tatsächlich viele queere Menschen in ihrer Herkunftsfamilie und auch von vermeintlichen Freund:innen schwere Verletzungen erleben. Viele erleben inzwischen keine oder nur noch wenig gravierende Diskriminierungen, und die Meisten wurschteln wohl irgendwo zwischen „ganz schrecklich“ und „alles super“ herum. Ich glaube schon, dass da bei vielen Luft nach oben ist, was die Sorge um „Co-Homosexuelle“ angeht, und dass es berechtigt ist, das anzusprechen.

          Nein, ich halte deine Perspektive nicht für zu selten oder zu unbedeutend, um sie auch nur zu bedenken. Ich beschreibe hier aber eine andere Perspektive. Ich hätte deutlicher herausstellen sollen, dass sie nur eine unter mehreren ist.

          Nebenbei: Sicher ist es wirklich so, dass trans Leute in der Regel noch ganz andere üble Sachen erleben als z.B. cis Schwule. Ich hätte diesen Text (auch aus ganz anderen Gründen) mit Sicherheit nicht für trans geschrieben. Ich glaube, das sind wir cis Schwulen tatsächlich (statistisch) in einer weniger schwierigen Position.


          Du schreibst: „dass mein Vater grundsätzlich erstmal recht hat, ergo du ihm im Grundsatz zustimmst, das bekräftigst du allein schon dadurch, dass du diese Verantwortung als natürlicherweise gegeben formulierst.“

          Wenn das immer noch so klingt, dann habe ich es immer noch nicht präzise genug formuliert: Nein, ich will nicht von einer generellen Verantwortung ausgehen, die dann nur in Härtefällen erlassen werden kann. Es geht mir wirklich nur darum, diesen Aspekt zu sehen und bewusst mit ihm umzugehen. Festzustellen, dass das eigene Coming-Out die Rollen der Angehörigen verändert und vielen von ihnen (jeweils in unterschiedlichem Ausmaß) Probleme bereitet, die wiederum auf uns zurückwirken, ist zunächst einmal nur eine Analyse. Auch dass der Umgang dieser Angehörigen mit Anderen politische Auswirkungen hat, ist zunächst einmal nur eine Analyse.

          Dass viele Angehörige ihre eigenen Probleme als Waffe gegen unsereins einsetzen, ist der Aspekt, der in meinem Text offenbar zu kurz gekommen ist und den du hier dankenswerterweise ausführlich und eindrücklich ergänzt. Es ist aber auch nicht der einzige Aspekt, der in unserem queeren Welten zur Realität gehört. Da sind eben auch Leute wie ich, die das so massiv nicht abbekommen und denen ein bewussterer Umgang mit diesen Aspekten gut getan hätte.

          Einen Punkt deiner Kritik muss ich tatsächlich zurückweisen: Ich habe nirgendwo den Gefühlen oder Problemen der Angehörigen und Freund:innen Priorität gegenüber denen der betroffenen queeren Menschen eingeräumt. Über allem hier sollte immer vor allem der Appell liegen: Achte auf dich selbst. Kümmere dich um dich. Tu dir gut.

          Vielleicht ist das die Aufforderung, die ich tatsächlich noch sehr viel deutlicher allem Anderen hätte vorausstellen müssen, um mein Anliegen klarer und ohne Verletzungen zu formulieren.


          „Ich stehe vor dem Dilemma, mir negative Gefühle ganz bewusst erlauben zu müssen, weil ich eigentlich fast immer nachvollziehen kann, aus welchen Gründen Menschen handeln.“

          Da fühle ich mich dir gerade sehr verwandt. Schön, dass du dir hier negative Gefühle „erlaubst“, aber auch schön, dass ich sie nicht so vollkommen ungefiltert um die Ohren kriege, sondern die Chance bekomme, lernend mit ihnen umzugehen. Ich hoffe sehr, dass auch du das hier als konstruktiv erlebst und nicht nur als weitere Frustration. Das täte mir wahnsinnig leid.

          • Hi nochmal Fink,

            autsch, gerade hat mir der Rechner per Absturz eine gute DinA4-Seite an Antwort zerfetzt.. hoffe, ich bekomme den roten Faden nochmal hin.

            Also, erstmal danke, dass du dir hier die Zeit nimmst, das zu diskutieren und klarzustellen. Auch euer Hinweis (also von dir und Thadea) auf die stattgefundene Diskussion rückt das Ganze hier in ein etwas anderes Licht, was ich aber als nicht dabeigewesene Person so bislang nicht berücksichtigen konnte. Und ich denke mir: So eine Vorbesprechung ist gut, aber die Gefahr dabei könnte sein, dass irgendwelche Nuancen, die zu eurem abschließenden „d’accord“ geführt haben, dadurch vielleicht im Hinterkopf bleiben, als erledigt „abgehakt“ wurden, und deswegen dann so deutlich nicht mehr vermittelt werden. Das schafft dann halt ggf. auch fürs Testlesen eine Voreingenommenheit, die ich als Außenstehender so natürlich nicht teile, weil mir das Vorwissen und diese Art der Klarstellung fehlt.

            Ich muss zugeben, du hast mich gut angetriggert, ich hab hier gestern ehrlich gesagt einfach geheult. Einfach, weil ich mit so etwas bei dir nicht rechne, und dir da mit deutlich herabgefahrenem Schutzschild begegne. Mittlerer Abschluss im Trolling, wie oben schon erwähnt… ohne das Potential zu Gleichgültigkeit und gutem Schutz überlebt die Psyche das Netz nicht. Bei den meisten anderen hätte ich wohl einen Haken druntergesetzt und wäre einfach gegangen. Dir traue ich aber zu, dass das tatsächlich keine Absicht ist, und auch keine Ellenbogenmentalität, und dass die Bereitschaft zu Austausch sich lohnt. Das ist in sich schon nicht ganz ohne Risiko. Aber da hast du dir bei mir einfach mit ziemlich vielen deiner Artikel und Statements einen Vertrauensvorschuss verdient, bei dem ich mir mal denke, dass es einen Wert hat, sich am Gespräch zumindest zu versuchen.

            Ob ich jetzt will oder wollen würde, dass du den Beitrag einfach rausnimmst – nein, selbstverständlich ist das hier dein Blog, und ich finde einerseits nicht, dass mir das zusteht, und andererseits mag ich auch den Ansatz überhaupt nicht, Leuten ihre Worte oder gar Gedanken zu verbieten. Das ist dein Territorium hier, ne? Wer bin ich denn, dass ich ankomme, und dir erzähle, dass du nicht über etwas schreiben sollest, das dich bewegt, und wo ich ja an sich auch sehr positiv finde, dass du zu so einem Denken und Fühlen über deine eigenen Interessen hinaus bereit bist.

            Ich habe mal versucht, zu reflektieren, woher mein Eindruck stammt, dass du die Priorität hier auf die Eltern legst, wenn du schreibst, dass das so nicht deine Absicht war. Und dann hab ich die ersten Absätze überflogen, jetzt mal rein von der Strukturierung her, und auch den Teil später, wo zumindest angedeutet ist, dass Outing auch die Angst vor den Eltern als potentiellen Tätern beinhaltet, und denke: Viel liegt es wohl am Aufbau, des Beitrags generell, aber auch bei beispielsweise genau diesem Absatz zur Frage des Coming Outs. Selbst der endet wieder in einer durchaus als Vorwurf zu lesenden Feststellung: Dass du einen Ratgeber „Wie sagen meine Eltern es anderen?“ vermisst.
            Ich meine, wie viele Sätze finden sich in deinem Artikel, in dem relativiert wird, dass es Eltern gibt, die Täter sind, und das in einem solchen Ausmaß, dass es tödlich giftig sein kann, ihnen mit der Einstellung von Verbundenheit oder überhaupt bloß Nachgiebigkeit zu begegnen? Wo ist die Relativierung, dass dir die Problematik dieses ganzen Themas bewusst ist? Wenn ich die ersten Absätze querlese, geht es schon immer nur um die Gefühle von Eltern, und selbst da, wo negative Gefühle von Queer-Personen erwähnt werden, wiegt sich das noch im gleichen Absatz wieder auf und endet schon beinahe vorwurfsvoll. Wenn deine Mutter sich für dich schämt, beschreibst du deine Reaktion als mitleidig, statt eines hochironischen „Wow, tolle Leistung, und das schon in welchem Jahrhundert? Echt klasse, dass du mal aufhörst, dich komplett für mich zu schämen. Und danke für die Erinnerung daran, was für eine Belastung meine Existenz für dein Leben ist.“
            Dass du ein klares Statement pro Freiheit hier im Kommentarbereich nochmal abgibst, finde ich schon sehr hilfreich, und es relativiert das Ganze. Aber ganz ehrlich: Mit Stolz hat das wirklich nichts zu tun.. dass du schreibst, dass du dich mit ihr gemeinsam darüber freust, hat für mich was wahnsinnig Trauriges, Devotes, und irgendwie auch Verletztes/Selbstverletzendes an sich. Da steckt für mich eine nagende Unterdrückung und unterschwellige Aggression gegen dich drin, von der Gesellschaft über deine Mutter weitergereicht an dich, die du in dem Moment in Kauf nimmst, scheinbar ohne sie als angriffig und verletzend überhaupt wahrnehmen zu .. können? ..wollen? Zumindest nicht mit der Bereitschaft, ihr kämpferisch etwas entgegenzusetzen und erstmal einzuordnen: Das ist Verletzung, das sollte nicht sein.
            Klar, es geht um das pädagogisch wertvolle Vorgehen, einen schwachen, gesellschaftskonform sich und andere unterdrückenden Menschen darin zu bestärken, (endlich?) mal das Richtige getan zu haben. Aber bei mir bleibt bei dieser Beschreibung von deiner Betroffenheit ein zäher, bitterer Nachgeschmack von der mangelnden Erkenntnis, was da an subtiler Gewalt drinsteckt, die zu allem Überfluss letztlich darin endet, dass bei dir und in deinem Handeln ein Fehler vorliegt. Statt dass klar würde: Das Problem ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die Andersartigkeit nicht akzeptiert, und dass deine Mutter eine charakterschwache Person ist, die sich davon stark genug beeindrucken lässt, um einerseits dieses Leiden selbst zu ertragen, statt sich dagegen zu wehren, und das obendrein noch an dich weiterzureichen.
            Was irgendwo auch der Punkt in dem Artikel war, wo ich dich gar nicht als so furchtbar privilegiert wahrgenommen habe, eher im Gegenteil.
            Ich vermisse einen Hinweis, am liebsten schon frühzeitig, im Artikel selbst, der eine Differenzierung über diese komplexen Zusammenhänge ins Spiel bringt, und die daraus resultierende Notwendigkeit einer Einschätzung der Gesamtsituation thematisiert, die ich hier als das Hauptproblem ansehe: Dass dein Appell generalisiert eben nicht taugt, sondern man sehr sorgfältig wird betrachten müssen, ob und wieweit man sich damit einen Gefallen tut. Mit u.a. der deutlich ausformulierten Feststellung, dass es Umstände gibt, unter denen man es lassen sollte.

            Das also vielleicht als konstruktive Kritik dazu, was genau du hättest einbringen können – einfach irgendein klares Statement, in dem du differenzierst. Vielleicht hast du das einfach als selbstverständlich vorausgesetzt oder gedacht.. aber wenn es sich als Formulierung nicht findet, als Gegengewicht zum Mitgefühl für eine potentielle oder tatsächliche Täterfraktion, dann fehlt mir das halt. Auf Dinge, die selbstverständlich sein sollten, dem gesunden Menschenverstand nach, verlässt man sich halt nicht mehr, wenn man ein gewisses Maß an menschlichen Enttäuschungen erlebt hat. Nicht in Zeiten, in denen es Schwule und Lesben gibt, die sich offen zu einer Partei wie der AfD bekennen. (Ich rechne dich damit um Himmels willen dieser Partei nicht zu, ne? Ich finde bloß: Vertrauensvorschuss in allen Ehren, aber blind verlassen kann man sich heute auf Selbstverständlichkeiten nirgends mehr).

            Ich schätze, was den Aspekt des Appells an sich angeht, werden wir nicht übereinkommen, denn mir geht die Idee eines Anspruchs an andere einfach einen Schritt zu weit. Ich kann versuchen, mir rational klarzumachen, dass du da nicht von mir verlangst, mich jetzt bei meinen Eltern zu entschuldigen. Bei meinem Vater mit seinem Geschrei und den offenen Vorwürfen nicht, und bei meiner Mutter nicht, deren Ansage dazu ist: Da reden wir nicht drüber. Sie spricht über mich als weiblich, spricht mich mit meinem weiblichen Vornamen an, will nichts davon wissen, dass mein Alltag inzwischen anders aussieht, und wenn ich bloß was in der Richtung andeute, bestraft sie das mit Aggressivität, Kommunikationsabbruch, Kontaktende. So einfach.
            Und ich sollte eigentlich gehen.. aber am Ende ist sie eine von einer kleinen Handvoll Menschen, die sich überhaupt ein bisschen für mich interessieren. Wirkliche Akzeptanz für trans* hat keine dieser Personen. Wieso dann ausgerechnet an meine Mutter verschärfte Anforderungen stellen? Als ihr Kind kümmere ich sie, aber eigentlich kann sie Menschen wie mich nicht leiden. War schon immer so und wird sich auch nicht ändern. In der Schwebe kann ich das lassen.. aber Verbundenheit zum Thema trans* oder queer kann’s da einfach keine geben.

            Ich versuche also, deine Klarstellung rational zu akzeptieren. Aber emotional schreit es schon in mir: „Musste das wirklich sein? Hättest du dich nicht darauf beschränken können, von dir selbst zu erzählen, ohne mich anzusprechen?“ Ich bin eben jemand, der sich die Dinge leicht annimmt. Und dass du da in eine Kerbe schlägst, die bei mir persönlich extrem tief reicht und auch immer noch andauert, was sich vermutlich nie ändern wird, macht es nicht leichter. Zahlreiche Geschichten auf #mequeer (echt lesenswert, falls es an dir vorbeigegangen sein sollte), geben mir zumindest recht, dass ich damit nach wie vor nicht allein sein dürfte. Und es bei Schwulen zum Teil vielleicht besser aussieht, durch die zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz, die genau den Druck ja auch von der Verwandtschaft wegnimmt.. aber eben immer noch nicht rosig.
            Aber wie schon erwähnt, das ist hier dein virtueller Grund und Boden, und ich halte nichts davon, Menschen zum Schweigen zu verdonnern oder gar in die Selbstzensur zu treiben. Gerade bei jemandem wie dir nicht, dein Denken finde ich meistens ziemlich schön. Ich finde nicht, dass mir so etwas zusteht, und ich will so ein einschränkender Mensch auch gar nicht sein. Ich will nicht, dass du das Gefühl bekommst, gewisse Dinge nicht denken zu sollen, wenn jemand wie ich da ist.. und an sich finde ich es ja sehr positiv, dass du überhaupt einen Ansatz fährst, der Leute dazu bewegt, sich über anderer Menschen Gefühle Gedanken zu machen. Ich versuche also, meinem emotionalen Ich über die rationale Schiene beizubringen, dass du uns (mein Ich-Konglomerat) nicht meinst und von uns nichts willst. Ich finde ehrlich gesagt, du hättest das mit dem Appell lassen sollen, und in dem Punkt werden wir nicht übereinkommen, aber die Entscheidung ist natürlich deine. Und ich sehe da schon auch, was ich in der Diskussion mit einem Bekannten selbst kürzlich erlebt habe: Dass deine Perspektive einfach eine andere ist als meine, und deine gemeinte Zielgruppe evtl. auch auf anderen Erfahrungen aufbaut als ich sie kenne und habe.

            Als Fazit bleibt davon vielleicht mein Zweifel an Selbstverständlichkeiten, die heutzutage nicht immer selbstverständlich sind, und wo man den Verweis auf die Priorität der Freiheit (die eben egoistisch ist und nicht kollektiv-empathisch) deutlicher herausstellen könnte. Selbst wenn man das Gefühl hat, das Thema sei so erledigt, dass es die Worte nicht mehr braucht – ein einziger klarer, vorzugsweise frühzeitiger Satz, der das Ganze in seinen gesamtgesellschaftlichen Kontext setzt, für Relativierung sorgt und das Problematische anerkennt, hätte mir da schon geholfen.

            Danke dir, dass du dich hier noch dazu geäußert und dir die Zeit zur Diskussion genommen hast, ich weiß das wirklich zu schätzen.
            Würde es an dem Punkt von meiner Seite aber vielleicht abschließen, und meinen, dass man sich dann evtl. künftig mal wieder hier liest?

            Wie ist das eigentlich, nimmst du neue Kommentare zu alten Beiträgen zur Kenntnis, bzw. würde da von deiner Seite noch Diskussion stattfinden? Oder hat sich da einiges evtl. für dich persönlich schon so erledigt, dass das eher nicht mehr sinnvoll ist?

          • Hallo lth,
            ich will mal auf einige Punkte per Zitat eingehen.

            „So eine Vorbesprechung ist gut, aber die Gefahr dabei könnte sein, dass irgendwelche Nuancen, die zu eurem abschließenden “d’accord” geführt haben, dadurch vielleicht im Hinterkopf bleiben, als erledigt “abgehakt” wurden, und deswegen dann so deutlich nicht mehr vermittelt werden.“

            Ich fürchte, da hast du den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich habe mir den Artikel noch mal durchgelesen, und irgendwie sind da die „Einschränkungen“, auf die ich mich hier die ganze Zeit beziehe, doch unklarer, als ich das in Erinnerung hatte. Das hätte deutlich markanter plaziert werden können. Und das kann tatsächlich genau so passiert sein, wie du es schreibst. Eine Lehre für mich, für das nächste Mal.

            „Ich muss zugeben, du hast mich gut angetriggert, ich hab hier gestern ehrlich gesagt einfach geheult.“

            Das tut mir wirklich leid.

            „Ob ich jetzt will oder wollen würde, dass du den Beitrag einfach rausnimmst“

            Als ich diese Frage aufwarf, hatte ich nicht das Gefühl, dass du mir das in irgendeiner Form nahegelegt hättest. Ich habe mir diese Frage selbst gestellt. Und verneint. So selbstbewusst bin ich dann doch, dass ich mir nicht so schnell erzählen lassen, was ich veröffentlichen darf. Wenn hier jemand Maulkörbe verteilt, dann ich. :-)

            Woher dein Eindruck mit der Priorität der Angehörigen stammt, kann ich beim erneuten Lesen jetzt auch besser nachvollziehen. So hatte ich es nicht gemeint, aber ich verstehe, wie der Eindruck entstehen konnte.

            Über das, was du zu der Anekdote mit meiner Mutter schreibst, werde ich noch mal in mich gehen. Vielleicht ist mir das momentan zu anstrengend, vielleicht auch zu intim, um es öffentlich zu vertiefen. Aber diese Hinweise werden nicht verpuffen.

            „Ich vermisse einen Hinweis, am liebsten schon frühzeitig, im Artikel selbst, […] Dass dein Appell generalisiert eben nicht taugt, sondern man sehr sorgfältig wird betrachten müssen, ob und wieweit man sich damit einen Gefallen tut. Mit u.a. der deutlich ausformulierten Feststellung, dass es Umstände gibt, unter denen man es lassen sollte.“

            Ja, das hätte deutlicher sein können und wohl auch sollen. Das habe ich ja inzwischen auch erkannt.

            „Ich schätze, was den Aspekt des Appells an sich angeht, werden wir nicht übereinkommen, denn mir geht die Idee eines Anspruchs an andere einfach einen Schritt zu weit.“

            Vielleicht wird da jetzt etwas übrig bleiben, das ich dir nicht ganz abnehmen kann. Wenn du rational meine Perspektive verstehst, ist das ja schon mal viel und erleichtert mich. Wenn die emotionale Verletzung trotzdem bleibt, tut mir das leid. Aber vielleicht kann ich leider nicht mehr beitragen, um dir das zu lindern, auch wenn ich wollte. Vielleicht müssen wir akzeptieren, dass wir hier nicht alles ausräumen und weg-klären können. Ich würde das immer gern, gerade auch, weil ich die Diskussion hier als ziemlich intensiv und gut erlebe, aber manchmal muss man anerkennen, dass man ein paar „Reste“ ungeklärt und unversöhnt liegenlassen muss.


            Ich darf auch dir ein Kompliment dafür machen, dass du dich hier auf eine so offene und differenzierte Weise einbringst. Auch wenn es nicht gerade um positive Erfahrungen geht, finde ich so einen Austausch bereichernd.

            „Würde es an dem Punkt von meiner Seite aber vielleicht abschließen, und meinen, dass man sich dann evtl. künftig mal wieder hier liest?“

            Sehr gern.

            „Wie ist das eigentlich, nimmst du neue Kommentare zu alten Beiträgen zur Kenntnis, bzw. würde da von deiner Seite noch Diskussion stattfinden?“

            Es passiert immer mal, dass jemand zu alten Artikeln kommentiert oder dortige Diskussionen aufnimmt. Das wird dann nicht mehr von so vielen Lesenden wahrgenommen, aber ich lese es und antworte gegebenenfalls auch gern. Ich sehe die Themen hier für mich selbst eigentlich nie als „abgehakt“ an.

          • PS: Ich sehe gerade, den genau einen Satz dazu, dass es Fälle gibt, in denen man sich distanzieren sollte, schreibst du schon, und mit dem Hintergrundwissen, dass es dazu eine Diskussion gab, fällt der mir auch auf, als vermutlich ziemlich bewusst geschrieben. Nur steht der mitten in einem Absatz, in dem du danach den Fokus sofort wieder auf Familie lenkst, weswegen das an der Stelle leider komplett untergeht und kaum Wirkung entfaltet.
            Von daher vielleicht dann: Gewichtung und Platzierung bei so etwas anders wählen, wenn du schon wenige Worte darauf verwendest, so dass deutlicher wird, dass das ein wichtiger Punkt ist und kein nebenbei erwähnter Sonderfall. Aber der Link auf deinen erläuternden Kommentar ist da natürlich auch hilfreich.

  8. 3 Anmerkungen
    – Auch Udo Rauchfleisch hat in seinem Buch „Anne wird Tom, Klaus wird Lara“ auf das Phänomen des durch ein Coming out erfolgten Drucks auf Angehörige, sich selbst zu positionieren, ausführlicher geschrieben.
    – „trans*“ wird von immer mehr Betroffenen (zumindest soweit sie sich binär verorten) abgelehnt. Mehr dazu im Leitfaden von Lena Balk (für Betroffene bzw. für Medienvertreter): [Link] und mehr auf der Website transsexualitaet.info
    – medizinisch wird inzwischen von der WHO der Begriff „Geschlechtsinkongruenz“ eingeführt – auch dazu gibt es aber schon kritische Stimmen: [Link]

  9. Seid virtuell umarmt, ihr beiden „Streithähne:hennen“, ich bin so dankbar für euren Diskurs. Klug, ehrlich,empathisch. Nur so funktioniert´s. Prädikat: Wertvoll.Habe beide Positionen so gut verstanden, jede menge gelernt, meine eigene Position neu justieren können. DANKE:DANKE:DANKE. Ihr Lieben.

  10. Wenn mich andere Leute aufgrund meiner Homosexualität angreifen habe ich ein ganzes Arsenal an Gegen-Argumenten und Templates parat. Ich habe im Lauf des Lebens zu diesem Aspekt nahezu jedes “Angriffsmuster” schon irgendwie erlebt und bin wie ein Immunsystem auf nahezu alles vorbereitet.
    Mein Umfeld hat diese Erfahrungen nicht gemacht. Die Vorstellung dass sie meinetwegen in eine Ecke gedrängt könnten aus der sie erstmal nicht raus fänden könnten fand ich immer sehr grausig. Meinen Geschwistern und Eltern habe ich daher ab und zu versucht das eine oder andere von diesem Arsenal mitzugeben.
    Von meiner ganzen Familie habe ich selbst niemals irgendwelche kritischen Töne vernommen. Nicht ein einziges mal. Das heisst aber nicht, dass es diese nicht gab. Meine Mutter hat das aber sehr wohl vernommen, ganz genau wie du es schon beschrieben hast. Das Glück das ich hatte ist, dass gerade meine Mutter sich nicht niemals davon abhängig machte, was andere von ihr dachten. Und gegenüber den eigenen Kindern war sie sogar besonders bissig. Sie verabscheute den Ausdruck “Was sollen denn die Nachbarn denken.”.
    Nach deiner seiner wertvollen Kolumne wird mir deutlich, was unser innerstes Umfeld für uns mit trägt und leistet.

  11. Danke für diesen Text, der, wie man sieht, ja eine starke Diskussion und Reflexion auslöst.

    Ich denke, man muss zwei Perspektiven unterscheiden: Die des Kindes und die des Erwachsenen. Solange man sich noch in der Phase des Kindes, bzw. der der Pubertät befindet (was eine existenzielle Abhängigkeit von den Eltern bedeuten kann) dann ist es unmöglich, sich wie ein Erwachsener um deren Probleme und Unzulänglichkeiten zu kümmern. Das wäre tatsächlich zuviel verlangt. In so einem Fall ist es besser, sich an andere und vor allem auch ältere Menschen zu wenden, die einem Halt geben.

    Mit zunehmendem Alter und Reife gerät man, (unabhängig davon, ob man selbst Kinder hat) in eine andere Position: Die des Erwachsenen und damit in eine Position der Verantwortlichkeit für die jüngere Generation – Eltern und deren Kinder. Wenn man selber so alt wird, wie die Eltern es waren, als man sein Comingout hatte, dann verändern sich die Perspektiven.

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