Kramp-Karrenbauer: Wir müssen da mal was klären.

Nicht mit Frau Kramp-Karrenbauer, da sind ja sowieso Hopfen und Malz verloren. Aber ihre fragwürdigen Äußerungen werden jetzt seit drei Jahren in den Medien hyperventiliert, und mit ihrer Wahl zur CDU-Vorsitzenden wird das ja nicht besser werden. Wir können also mal darüber sprechen, ob wir in unseren Abwehrreaktionen – so notwendig diese natürlich waren und sind – vielleicht selbst hier und da das Ideal einer freien Gesellschaft aus den Augen verloren haben. Mit „wir“ meine ich hier alle, die irgendwie mit schwulem oder anderweitig queerem Aktivismus zu tun haben.

* * *

Wir erinnern uns: Anfang Juni 2015 formulierte Kramp-Karrenbauer in der Saarbrücker Zeitung ihre Ablehnung der Eheöffnung so:

„Wenn wir diese Definition öffnen in eine auf Dauer angelegte Verantwortungspartnerschaft zweier erwachsener Menschen, sind andere Forderungen nicht auszuschließen: etwa eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen. Wollen wir das wirklich?“

Anfang November 2018 wurde Kramp-Karrenbauer bei Maybrit Illner erneut auf ihre Äußerungen angesprochen und schob nach:

„Für mich ist das ein ordnungspolitisches Argument, auch die Frage der Ehe, die bis zur Gesetzesänderung definiert war durch die Geschlechtlichkeit und die Anzahl der Personen. Wenn man die Geschlechtlichkeit wegnimmt, nimmt man weitere Möglichkeiten in Kauf. […] Ob die Diskriminierung wirklich darin besteht, ob es Partnerschaft oder Ehe heißt – ich hab da eine andere Meinung dazu. Und für mich gehört zum Konservativen auch dazu, zu einer Meinung, von der ich überzeugt bin, auch zu stehen, selbst wenn sie vielleicht dem Zeitgeist widerspricht.“

Und im rbb erklärte sie am 15. November:

„Ich habe beim Thema ‚Ehe für alle‘ eben einen sehr traditionellen Ehebegriff“.

Dieser Ehebegriff sei

„vielleicht nicht mehr mehrheitsfähig, aber ist meine persönliche Überzeugung und dazu stehe ich.“

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Ich setze mal voraus, dass nahezu alle hier Mitlesenden die massive Empörung wahrgenommen haben, die Kramp-Karrenbauers Äußerungen ausgelöst haben. Scharfe Kritik kam von Parteipolitiker:innen, Vertreter:innen queerer Organisationen, Journalist:innen und Aktivist:innen, und sie belebte die Kommentarspalten vieler Medien.

Wir müssen nicht ernsthaft darüber diskutieren, ob Kramp-Karrenbauers Äußerungen sich aus einer homophoben Grundhaltung speisen oder nicht; das steht außer Frage. Es ist auch vollkommen klar, dass solche Äußerungen geeignet sind, homofeindliche Ressentiments zu schüren und dass genau dies vermutlich auch beabsichtigt ist. Aber über eines sollten wir meiner Meinung nach durchaus einmal streiten, nämlich darüber, was genau an diesen Äußerungen eigentlich Kritik verdient und was nicht. Und darüber, wo wir uns mit unserer Kritik eigentlich selbst positionieren.

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Zweifellos ist das Argument, das Karrenbauer 1 da vorbringt, absurd. Wenn man einen bestimmten Schritt tut, muss man nicht zwangsläufig auch einen anderen tun. Wenn wir einen Fußweg für Radfahrende öffnen, müssen wir ihn nicht automatisch auch für PKW freigeben. Folgte man Karrenbauers Logik, dann hätte bereits die Einführung der heterosexuellen Ehe dazu führen müssen, sie auch heterosexuellen nahen Verwandten zu öffnen. Weshalb ausgerechnet die Öffnung für gleichgeschlechtliche Paare plötzlich diese Forderung auslösen sollte, ist schlicht nicht nachvollziehbar. Ebenso verhält es sich mit der Polygamie. Ein Blick ins Geschichtsbuch verrät, dass die (hier ausschließlich heterosexuelle) Mehrehe in jüdisch und christlich geprägten Kulturen der heterosexuellen Einehe historisch vorausgeht. Es entbehrt jeder Logik, in der Öffnung für gleichgeschlechtliche Paare einen Automatismus zur Wiedereinführung der Mehrehe zu sehen.

Karrenbauer argumentiert hier also nicht auf einer logischen Basis. Ihre Strategie fußt auf der Aktivierung von Ressentiments. Es geht ihr darum, die massive emotionale Ablehnung, die in unserer Gesellschaft die beiden Tabus Inzest und Polygamie in aller Regel auslösen, auf gleichgeschlechtliche Paare zu übertragen. Ob das rational ist oder nicht, spielt keine Rolle: Es funktioniert einfach. Karrenbauer bedient sich dabei der Drohung eines moralischen Dammbruchs: Wenn man die gesetzte Ordnung einmal aufweiche und etwas bisher Verbotenes erlaube, würden zwangsläufig andere moralische Übel durch die geöffnete Tür hereinmarschiert kommen. Sie zeichnet die Eheöffnung als nur scheinbar harmlose logische Vorstufe für moralisch stark (Polygamie) bis extrem (Inzestehe) tabuisierte Phänomene. Diese Strategie ist zweifellos homofeindlich und auch so zu benennen.

Eine ganz andere Frage ist, was wir dieser Strategie der irrationalen Ressentiments entgegensetzen wollen, wenn wir grundsätzlich einer Gesellschaft freier und gleichberechtigter Menschen näherkommen möchten.

Aus dieser Perspektive sehe ich die mehrheitlichen Reaktionen kritisch. Sicherlich gab es hier und da differenziertere Kommentare, aber die Mehrheit aller Kritiker:innen zielt nicht darauf, dass Karrenbauers Argumente unlogisch und homofeindlich gemeint seien, sondern verwahrt sich voller Empörung gegen die angeblich selbstverständlich „beleidigende Gleichsetzung“ von Homo-Paaren mit Verwandtenehen oder Polygamie. Problematisch finde ich dabei, dass zwar die unangemessene Übertragung der Ressentiments gegen Verwandtenehen und Mehrehen auf homosexuelle Paare kritisiert wird, diese Ressentiments selbst aber fast nirgendwo in Frage gestellt werden. Ganz im Gegenteil: Die Empörung über Karrenbauers Strategie basiert auf genau denselben Ressentiments wie Karrenbauers Strategie selbst. Und sie folgt, zumindest, was die anderen Gruppen angeht, derselben moralischen Abwertung: „Die da“ sind schrecklich unmoralisch, wir aber nicht, und deswegen sind wir jetzt beleidigt. Wir wollen nicht als unmoralische Freaks hingestellt werden, nehmen aber mindestens billigend in Kauf, dass das anderen passiert.

Man kann, wie gerade beschrieben, die Argumentation Karrenbauers als unlogisch kritisieren und die unübersehbare homofeindliche Absicht herausarbeiten, die dahinter steckt. Um sich aber über die Verbindung von homosexuellen Paaren mit Beziehungen zwischen Verwandten oder Mehrehen an sich zu empören, muss man erst einmal akzeptieren, dass letztere Beziehungen selbstverständlich wirklich etwas unfassbar Schlimmes seien und die Menschen, die sich an „so was“ beteiligen, moralisch verdorbene Individuen. Nur unter dieser Voraussetzung nämlich ist Karrenbauers Vergleich in sich beleidigend.

An dieser Stelle hätte ich mir schon bei Karrenbauers erster Äußerung vor drei Jahren etwas mehr Differenzierung, Nachdenklichkeit und vor allem auch emanzipatorisches Selbstbewusstsein gewünscht. Dann wäre nämlich auch eine ganz andere Reaktion denkbar und möglich.

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Als Hauptargument gegen Polygamie ragt eines heraus: Polygamie sei allzu oft nur ein Mittel zur Unterdrückung von Frauen. Ähem … schon mal genauer hingeschaut, was Geschichte und Gewaltstatistiken der heterosexuellen Monogamie angeht? Es ist wohl kaum übertrieben, zu behaupten, dass bei der Entwicklung der heterosexuellen Einehe die Unterdrückung und Entrechtung von Frauen als Kernfunktion eingeplant war, und daran hat sich bis heute global gesehen bedauerlich wenig geändert. Es ist einfach lächerlich und kurzsichtig, das Argument der Frauenunterdrückung pauschal gegen erweiterte Eheformen anzubringen. Wollten wir wirklich die institutionalisierte Diskriminierung von Frauen vermeiden, indem wir Ehen verbieten, dann müssten wir bei der Monogamie anfangen.

Hierzulande hat inzwischen die Idee der Polyamorie, also der Pflege von partnerschaftlichen Beziehungsnetzen, einiges an Bekanntheit erlangt. Einverständliche polyamore Beziehungen dürfte es in Deutschland weit häufiger geben als die Harems voller eingesperrter Frauen, die immer zur Abwertung der Mehrehe an die Wand gemalt werden. Das zentrale ethische Problem im deutschen Beziehungswesen dürfte weiterhin sein, dass ungezählte Frauen in dysfunktionalen heterosexuellen monogamen Beziehungen feststecken, was durch unser Ehekonstrukt mit seinen rechtlichen und sozialen Zwängen unterstützt wird, und nicht, dass sich Menschen in freien, flexiblen Verabredungen zusammenfinden. Das hindert queere Kritiker:innen freilich nicht daran, sich in empörter moralischer Abgrenzung zu Mehrfachbeziehungen zu üben und in das Hohelied der Monogamie einzustimmen. Dahinter dürften seltener eigene Überlegungen stecken als unbedacht übernommene Ressentiments. Um mit Karrenbauer zu fragen: Wollen wir das wirklich?

Für die rechtliche Absicherung von Mehrfachbeziehungen (sofern diese von den Beteiligten gewünscht wird) fiele mir selbst zwar auch nicht ausgerechnet die Ehe als Vorbildmodell ein. Aber mir fiele ebenso wenig ein, mich von solchen Ideen ostentativ zu entsolidarisieren, nur weil ich erkenne, dass sie derzeit nicht mehrheitsfähig sind oder weil ich meinte, auf Teufel komm raus das Klischee widerlegen zu müssen, dass Schwule einfach keine „richtigen“ Beziehungen aufrechterhalten könnten.

Über das Eheverbot zwischen nahen Verwandten kann man sicherlich streiten. Als Hauptargument gegen solche Ehen wird immer wieder die erhöhte Gefahr erbkranken Nachwuchses angeführt. Sinnvoll wäre es hier erstens, uns konsequent von der Vorstellung zu verabschieden, dass ein Kinderwunsch zwangsläufig Voraussetzung oder Folge einer Eheschließung sei. Spermien und Eizellen fragen nicht nach Trauschein oder Glockengeläut, bevor sie verschmelzen; auch nicht bei Verwandten ersten Grades.

Haben wir nicht im Kampf um die „Ehe für alle“ unendlich oft durchexerziert, dass Heiraten und Kinderkriegen weder von der Natur noch vom Gesetz zu einem einzigen Klumpen zusammengelötet wurden, wie Karrenbauer das immer noch suggeriert? Aber sobald es um andere Menschen geht, hört diese Einsicht plötzlich wieder auf? Sofern es der Gesellschaft also um ein Verbot der Fortpflanzung naher Verwandter miteinander gehen sollte, ergibt es keinen Sinn, dieses durch ein Verbot der Eheschließung durchsetzen zu wollen.

Zweitens sollten wir uns fragen, weshalb nicht allen Menschen mit einer erwiesenen Erbkrankheit die Fortpflanzung verboten wird, wenn doch angeblich erbkranker Nachwuchs mit allen Mitteln zu verhindern sei. Wenn schon, denn schon. Es gibt aber gute Gründe, vor einem solchen Verbot zurückzuschrecken. Diese Gründe könnten wir uns noch einmal vor Augen halten, bevor wir urteilen. Und sie sollten für alle Menschen gleichermaßen gelten.

Vor allem aber sollten wir uns fragen, ob wir allen Ernstes eugenische Kontrollmaßnahmen als Grundlage von Freiheitseinschränkungen gutheißen wollen. Erbkranke Menschen für unbedingt „vermeidenswert“ zu erklären, ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht der aktuell lebenden erbkranken Menschen. Wir alle sind im Laufe unseres Lebens nur während eines gewissen Zeitfensters körperlich und geistig voll funktionsfähig. Behindert oder krank zu sein gehört über weite Phasen zur Normalbiografie jedes Menschen. Es ist eine schreckliche, inhumane Idee, ein Leben mit Behinderung oder Krankheit staatlicherseits und pauschal für nicht lebenswert und gesellschaftlich unerwünscht zu erklären.

* * *

Es ist also aus meiner Sicht nichts Verkehrtes daran, über die rechtliche Absicherung von Mehrfachbeziehungen zu diskutieren, und auch das generelle Eheverbot für nahe Verwandte darf durchaus mit guten Argumenten in Frage gestellt werden. Beides hat zwar rein gar nichts mit der Eheöffnung für schwule und lesbische Paare zu tun, sondern wäre auch vorher schon sinnvoll gewesen. Aber es gibt auch keinen Grund, beides in moralischer Entrüstung zu verdammen, nur weil eine Politikerin es für ihre perfide homofeindliche Strategie instrumentalisiert.

Von Beginn an krankte die Eheöffnungs-Kampagne an dem Problem, dass man zwar mit dem Slogan „Ehe für alle“ antrat, das aber gar nicht wirklich so meinte. Es ist kein Wunder, dass auch homofeindliche Hetzer:innen schnell begannen, diesen Fehler strategisch auszubeuten. Es wäre aber nicht notwendig, darauf jetzt so undifferenziert und moralisch empört zu reagieren. Statt nun kleinlaut zu piepsen „So haben wir es natürlich auch wieder nicht gemeint!“ könnten wir ja zur Abwechslung auch mit einem beherzten „Ja, genau, da muss es jetzt natürlich noch weitergehen!“ kontern. Man könnte hier anknüpfen, um über ein Familienrecht zu diskutieren, das wirklich alle Beziehungsformen mit ihren jeweils speziellen Bedürfnissen anerkennt. Das wäre die emanzipatorische Antwort. Oder soll etwa mit der Ehe für alle, die gar nicht für alle ist, wirklich schon das Ende unserer visionären Fahnenstange erreicht sein?

Die Kritik an Karrenbauers Äußerungen ist aus dieser Perspektive mehrheitlich nicht von wirklich liberalen bzw. emanzipatorischen Gedanken getragen, sondern dockt leider mehr oder weniger gedankenlos an die bestehenden kulturellen Ressentiments an, die Karrenbauer abruft. Diese Kritik bestärkt so genau das, was Kramp-Karrenbauer als „Ordnungspolitik“ formulierte: Eine grundsätzlich repressive und normierende Politik, in der der Staat bestimmte Beziehungen und Sexualitäten auch dann noch reglementiert und diskriminiert, wenn sie einvernehmlich unter Erwachsenen stattfinden. Eine solche Normierungspolitik wird aber eben nicht besser, nur weil sie uns jetzt weniger betrifft, andere aber immer noch. Die Ausdehnung von normierenden Privilegien auf einen weiteren kleinen Teil der Gesellschaft hat nichts mit echter Liberalisierung zu tun. Wir hätten an dieser Stelle der Diskussion die Chance, Freiheit und Gerechtigkeit wieder einen Schritt weiter zu denken als bisher. Und wir vergeigen gerade diese Chance.

* * *

Man hätte übrigens noch einige andere Punkte kritisieren können. Beispielsweise muss klargestellt werden, dass „Tradition“ kein wirklich gutes Argument ist, um Menschen Rechte abzusprechen. Wäre es etwa eine akzeptable Argumentation, wenn jemand sagen würde, er habe eine „traditionelle Einstellung“ zum Frauenwahlrecht, nämlich die, dass eben nur Männer wählen dürfen sollten? Wäre das irgendwie besser oder sogar heroischer, wenn er noch hinzufügen würde, dass er davon nun einmal „fest überzeugt“ sei und dass er zu dieser „Haltung“ auch dann stehe, wenn sie „nicht dem Zeitgeist entspricht“?

Hier muss klargestellt werden, dass rechtliche Gleichstellung keine Frage des „Zeitgeistes“ ist, sondern als zentraler Grundwert in unserer Verfassung vorgeschrieben. Es geht hier auch nicht um gleichwertige „Meinungen“, sondern um die grundsätzlichen Werte, die wir alle doch angeblich gerade gegen Angriffe von rechts und anderswo verteidigen wollen. So hätte die Kritik nicht nur die eigenartigen Aussagen Karrenbauers getroffen, sondern gleichzeitig auch all die anderen Kritiker:innen, die Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung mit „Traditionen“ rechtfertigen und als „persönliche Meinungen“ verharmlosen. Statt ein besonders bizarres Einzelstatement aufs Korn zu nehmen, hätte man die immer noch weithin akzeptierte Queerfeindlichkeit der ganzen politischen „Mitte“ und ihre haarsträubenden Rechtfertigungen und Diskussionsmuster offenlegen können. Wir haben diese Chance vergeben, in dem wir uns auf eine skurrile Skandaldiskussion eingeschossen haben – und uns dabei auch noch auf die falsche Seite gestellt.

* * *

Schon im August letzten Jahres hat mein geschätzter Kollege Johannes Kram in seinem Nollendorfblog ein anderes Zitat Karrenbauers treffsicher seziert. Der Rheinischen Post hatte sie damals bezüglich der Eheöffnung erklärt:

„Man muss aber im Blick behalten, dass das Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts dadurch nicht schleichend erodiert.“

Das ist ein Satz, der wirklich alarmieren muss. Die Eheöffnung für schwule und lesbische Paare sei also eine Gefahr für unsere Gesellschaft, sie drohe – heimlich und irgendwie hinterhältig – das gesamte soziale Gefüge zu zersetzen. Dieses kurze Zitat sollte eine viel größere Empörung auslösen als der dumme Polygamie/Inzest-Vergleich. Johannes Kram hat herausgearbeitet, wie sich diese Behauptung in eine völkische Denkweise einfügt und welche unwägbaren Gefahren genau diese Art von Hetze birgt, wenn sie von einer einflussreichen Politikerin propagiert wird. Auch an dieser Aussage Karrenbauers gab es zwar Kritik, doch blieb sie im Vergleich zur Empörung über den „Inzest/Polygamie“-Skandal eher blass.

Wenn es uns wichtiger ist, uns öffentlich von anderen Liebenden zu entsolidarisieren als die Neuauflagen von „Volkserhalt“ und „Volksgesundheit“ in einer „Volkspartei“ zu identifizieren, und wenn wir die Figur des „Volksschädlings“ nicht mehr erkennen und öffentlich skandalisieren, egal wie verbrämt sie auftaucht – dann hat nicht nur Kramp-Karrenbauer ein Problem, sondern auch wir.


Fußnote:
1 Ich beschließe hier einfach, dass ich eine traditionelle Einstellung zum Namensrecht habe, wonach Frauen mit der Heirat ihren „Mädchennamen“ ablegen und den Nachnamen des Mannes führen müssen. Davon bin ich fest überzeugt, auch wenn es gegen den Zeitgeist ist. Außerdem kriege ich einen Haschmich, wenn ich jetzt noch 45 mal „Kramp-Karrenbauer“ tippen muss.

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17 Kommentare zu “Kramp-Karrenbauer: Wir müssen da mal was klären.

  1. Danke wie immer, Fink, für deine tolle Analyse! Du bist für mich eine Stimme der Vernunft in diesen schwierigen Zeiten.

    Zwei Anmerkungen noch:
    1.) (Der Kampf gegen den) „Zeitgeist“ gehört zum Standardvokabular der Neuen Rechten und man sollte immer hellhörig werden, wenn dieser Begriff fällt. U.a. wird häufig ein Bild des männlichen Heroen aufgerufen, der sich gegen die „Dekadenz“ und den „Zeitgeist“ (Feminismus, Homo-Rechte, Trans*, …) wehrt und sich über eine Resouveränisierung von Männlichkeit behauptet. Dass Kramp-Karrenbauer dies als Cis-Frau sagt, tut den (auch) geschlechtlichen Implikationen, die diesem Begriff eingeschrieben sind, keinen Abbruch, und es verdeutlicht ihre Übernahme neurechten Denkens (ich frage mich bis heute, wieso sie immer als vergleichsweise ‚liberal‘ gehandelt wird…).
    2.) Diskussionen um „Erbkrankheit“ waren und sind immer auch stark geprägt von biologistischen Annahmen, dass sich dieses oder jenes fortpflanze. Es gibt sicherlich Eigenschaften, die sich vererben – aber das, was diejenigen, die die einschlägigen Diskurse diesbezüglich führen, da alles mit drunter packen, ist häufig geprägt von unfassbarer Ideologie. Eugenische Diskurse zu kritisieren beinhaltet für mich auch eine Infragestellung solcher Annahmen. Deine Kernaussage teile ich wiederum, nämlich dass niemand Menschen vorschreiben sollte, ob diese sich fortpflanzen oder nicht – sie hätte für mich allerdings noch etwas prononcierter formuliert werden können. Auch hier gibt es eine Geschlechterkomponente über die hinaus, die du benennst: Behinderte Frauen wurden (und werden?) häufig sterilisiert und viele Operationen an intergeschlechtlichen Menschen machen diese unfruchtbar.

    • Vielen Dank, Andy, für deine klugen Ergänzungen.

      „Deine Kernaussage teile ich wiederum, nämlich dass niemand Menschen vorschreiben sollte, ob diese sich fortpflanzen oder nicht – sie hätte für mich allerdings noch etwas prononcierter formuliert werden können.“

      Das stimmt: Ich finde es nicht besonders problematisch, wenn sich potentielle Eltern möglichst gesunde Kinder wünschen und ggf. entsprechende Vorkehrungen treffen oder aus genetischen Gründen auf eigene Kinder verzichten. Problematisch finde ich es, wenn ein entsprechender Druck von außen ausgeübt wird und erst recht, wenn der Staat sich anmaßt, diese Entscheidung pauschal für alle zu treffen.

      Über den derzeitigen Umgang mit dem Kinderwunsch z.B. geistig behinderter Menschen weiß ich leider kaum etwas, kann mir aber vorstellen, dass da mancherorts immer noch einige repressive Maßnahmen angewendet werden. Vielleicht kennt sich ja ein mitlesender Mensch aus.

      Du erwähnst die sterilisierenden Operationen an Intersexuellen. Was man auch noch in diese Diskussion einbringen könnte, ist die zentrale Bedeutung der Fortpflanzungsvermeidung, die von Anfang an unser Transsexuellengesetz prägte. Bei all diesen Zusammenhängen zwischen queerem Leben und staatlich verordneter Sterilisierung finde ich es umso schwerer nachzuvollziehen, wenn sich queere Menschen recht gedankenlos eugenischen Fortpflanzungsverboten anschließen.

  2. Super gezwitschert. Mir geht diese merkwürdige Argumentation auf die nicht vorhandenen Nüsse, und auch die Gegenargumente lassen mich regelmäßig meinen Keyboardkonsum ankurbeln *seufz*

    Was mich auch wahnsinnig stört:
    Warum immer dieser krampfhafte Kampf gegen Gerechtigkeit und Gleichstellung (nicht Gleichmacherei…! Wir sind alle nicht gleich, und das ist FANTASTISCH so wie es ist!)?
    So lange es Ungerechtigkeiten gibt, wird ein Teil gegen diese kämpfen, und die anderen dagegen. Dabei geht so irrsinnig viel Potential und Kraft verloren, die in ganz anderen Bereichen viel nützlicher investiert werden.

    Bildlicher formuliert:
    da vorn brennt die Stadt, aber man bekämpft sich lieber wegen 3 brennender Misthaufen.
    Anstatt sich gemeinsam darum zu kümmern, die Einwohner raus zu holen und in Sicherheit zu bringen.

    Also selbst wenn man sich „irgendwie nicht wohl fühlt“ mit all dem, muss man deswegen doch anderen nicht ins Müsli pissen, verdammt nochmal.

  3. Dies + das | dame.von.welt

  4. Von Herzen Dank – wie notwendig es ist, genau aufzuzeigen gegen was tatsächlich argumentiert wird, nämlich gegen die „Egalité“ aller Menschen, wurde dieser Tage ganz deutlich, als Thomas Tillschneider von der afd eine Kampagne gegen an AIDS erkrankte bzw, HIV-Infizierte lostrat; wie es ja das zentrale Anliegen der Neofaschisten ist, „Ungleichheit“ als Ausgrenzungs- und Unterdrückungsinstrument zu etablieren.

  5. Es ist mir IMMER eine Freude, den Zaunfink zu lesen. Diesmal war es geradezu ein Fest! Das wirklich Ärgerliche ist ja nicht Frau AKK: deren Argumente sind, zwar sehr „modern“ verwässert und in Großen und Ganzen auch halbwegs moderat vorgetragen, nichts weiter als die alte Rede vom „Untergang des Abendlandes“ und der „Selbstzerstörung einer Kultur“, wenn sie denn in Sachen Sex/ualität zu viel „Abweichendes zulassen würde. Dazu hat vor ein paar Jahren Karl Heinrich Ulrichs die richtige Antwort gegeben: „Wer kennt nicht die naturwissenschaftlichen Wahrheiten: daß der Salamander im Feuer lebt, der Waldvogel Ziegenmelker (caprimulgus Europaeus) Kühen und Ziegen die Milch aussaugt, der Storch die Säuglinge bringt, daß an der Leiche eines ermordeten die Wunden frisch zu bluten beginnen, wenn der Mörder ihr naht, und daß ein Comet der Welt Untergang nach sich zieht? Zu der Sorte dieser Wahrheiten gehört auch die, daß urnische Liebe eine Volkes gesunde Kraft zerstöre.“
    Dem muss man auch 2018 nichts hinzufügen.
    Ein erklecklicher Teil der „Kritik“, die von „unsereins“ auf Frau AKK niederprasselt, bewegt sich ungefähr auf dem Niveau. als wenn jemand zum Ulrichs-Zitat anmerken würde, die Umtriebe des Ziegenmelkers wären nun wahrlich schauderlich, würden ja aber bekanntlich von einer großen Mehrheit der Urninge ganz und gar abgelehnt.
    Danke, Herr Zaunfink, dass das mal jemand so profund analysiert hat!

  6. Danke Dir! Besonders hat mir Deine Anmerkung gefallen :-) Geniale Spiegelung – schade, dass Frau Karrenbauer vermutlich keine Zaunfink-blogs liest, sonst wäre bei ihr vielleicht doch nicht Hopfen und Malz verloren…denn für reflexionsfähig halte ich es Annegret ja schon…

    • „dass Frau Karrenbauer vermutlich keine Zaunfink-blogs liest“
      Mein langfristiger Ehrgeiz ist ja, in Merkels „Morgenlage“ zu landen. ;-)

      Danke, Manfred, Wolfgang, Lyleen und Stefan für eure Kommentare! Und Thomas für das schöne Ulrichs-Zitat, das ich, obwohl ich ja sein erklärter Fan bin, noch nicht kannte.

  7. Ha, wie geil. Vielen Dank.
    Ich hänge ja am äußersten Rand der von dir benannten Empörungs-Blase, aber dieser Rand wenigstens war sich gleich von Anfang an einig, dass die richtige Antwort auf “Oh je, Polygamie! Einself!” eher: “Ja, und? Musst es halt richtig (und gerecht) organisieren” lauten sollte.
    Die Ehe ist ja keine Institution zur höheren Ehre Gottes, sondern entstand wohl eher aus handfesten wirtschaftlichen Gründen. Die Unterdrückung der Frauen war sicher ein angenehmer Nebeneffekt: Bei kleinen Stammesgesellschaften brauchst du jede Gebärmutter, damit “das Volk” nicht untergeht. Diese Denke vom Volk und damit der (Pseudo-)Verwandtenselektion hat die meisten Stammesgesellschaften leider überlebt.
    Jedenfalls, die Analyse ist wie immer messerscharf und sehr richtig. Die Dame muss weiterhin genau beobachtet werden.
    Ansonsten: Frau Kramp-Karrenbauer ist bestimmt bei facebook, insofern könnte eins den Link zum Artikel in deren “Nachricht”-Kästchen posten … ?

    • Danke, Carmilla, ich musste ein paar mal laut lachen.
      Was die sogenannten Stammesgesellschaften angeht, so glaube ich ja nicht, dass man nur dann genügend Nachwuchs bekommt, wenn man Frauen unterdrückt. Wie und wann genau die Idee institutionalisierter Paarbeziehungen erstmals entstanden ist, wissen wir ohnehin nicht. Dass es dabei zunächst nicht um lebenslange monogame Beziehungsversprechen ging, halte ich aber für recht wahrscheinlich. Wenn man schon mit Nachwuchsraten argumentiert, ist Polygamie hier auch keine weniger effektive Variante. Auch in manchen sogenannten indigenen Kulturen ist übrigens die Kreuzcousinenheirat der Ideal-Standard.
      Wie man sieht, ist die gern aufgestellte Behauptung, die lebenslange monogame heterosexelle Ehe unter Nicht-Verwandten habe sich „seit Menschengedenken in allen Kulturen bewährt“, in vielerlei Hinsicht einfach nur faktenferner ideologischer Unsinn.

  8. Meine Gedanken zu dem Thema:
    1. Grundsätzlich finde ich, dass es besser ist wenn Gegenargumente nötig sind, um Menschen ein Recht zu verwehren, als das Umgekehrte, wenn nämlich Pro-Argumente nötig sind, dass Menschen ein Recht überhaupt gewähren. So ähnlich auch wie in der Justiz, im Zweifelsfall ist der Angeklagte unschuldig.
    2. Objektiv gesehen, ist für mich gesetzliche Ehe ein Versprechen aus zwei (oder mehr) Menschen vor der Gesellschaft gegenseitige Verantwortung und Fürsorge zu tragen. Die Gesellschaft vertraut diesem Versprechen, weil wir in der Lage sind aus Liebe enge soziale Bindungen eingehen zu können. Sie profitiert von diesem Vorhaben, sie muss sich weniger um den Einzelnen kümmern und gewinnt in Folge dessen an Stabilität. Letztlich ist die Ehe also ein wirtschaftliches und gesellschaftsstabilisierendes Konzept das deshalb Sinn macht, weil unsere sozialen Strukturen aus unseren Emotionen profitieren. Die Ehe würde selbst dann Sinn machen, wenn wenn keiner sich fortpflanzen könnte. Überhaupt bin ich nicht einmal davon überzeugt, ob die Fertitlität einer Gruppe mit dem dem Konzept der festen Ehe steigt oder fällt.
    3. Das typische Gegenargument zur Verwandtenehe ist wie du schon selber sagst, Eugenik und müsste logischerweise dann eigentlich auch für alle anderen Erbkrankheiten ebenfalls gelten. Ich bin gegen Eugenik (ohne das jetzt weiter ausführen zu wollen) und in Folge dessen auch für die Verwandtenehe.
    4. Zur Polygamie: Ich habe vor längerer Zeit von einem Phänomen gelesen, dass in einem Zug oder Buss, dass je mehr Passanten da sind, umso geringer sei die Wahrscheinlichkeit dass eine Person in der Not Hilfe bekäme, mit der Erklärung dass sich die Verantwortung aufteile bis sie für den Einzelnen irgendwann so klein sei, dass sie ignoriert werden könne. Ob das stimmt kann ich nicht sagen, ich finde akut keine Studie dazu. Gehen wir einmal davon aus, das stimmt. Man KÖNNTE nun einhergehen, und dass auch auf eine polygame Beziehung übertragen und damit ihren in eigentlichen Sinn (wie in Punkt 2 beschrieben) zu hinterfragen um dann zu argumentieren: Wenn mehrere Individuen in einer Gruppe für einen Einzelnen verantwortlich sind, dann wird das Pflichtgefühl zu gering sein um dieser Person helfen. Allerdings ist es erstmal falsch das auf eine polygame Beziehung zu übertragen. Da ich auch sonst keine Studien kenne, die GEGEN die Polygamie sprechen, bin ich wie in Punkt 1 geschrieben ebenfalls dafür.

    • Danke, pagox. Meine volle Zustimmung zu Punkt 1! Leider steht der liberalen Idee, dass niemals die Freiheit begründet werden muss, sondern nur Freiheitseinschränkungen stets einer rationalen Begründung bedürfen, eine lange und tiefsitzende autoritäre Tradition entgegen, die psychologisch immer noch über die Nachwehen der schwarzen Pädagogik weitergereicht und gefestigt wird und sich ideologisch in Parteien und Religionen bis heute verankert hat. Hier setzt ja auch Karrenbauer mit ihrem „ordnungspolitischen“ Argument an: Vom Prinzip her sollten Menschen nicht frei sein, sondern gelenkt werden.

      Zu der Verantwortungsschrumpfung durch Verteilung möchte ich anmerken, dass es einen großen Unterschied machen dürfte, ob es sich um Fremde (wie im Zug / Bus) handelt oder um Angehörige. Ich würde eher argumentieren, dass die Chance, jemanden zu finden, der helfen will und das im jeweiligen konkreten Fall auch wirklich kann, umso größer ist, je mehr nahestehende Menschen man um sich hat.

      • Welche Rechte? die ehe ist im Prinzip eine Erhebung eines fremden Menschen zu einem Verwandten ersten Grades, was Rechte und und Pflichten angeht, also warum sollten Verwandte ersten Grades heiraten ? Sie haben fast alle Rechte schon.

        • Das ist eine sehr widersprüchliche Argumentation. Fast alle Rechte sind eben nicht alle Rechte. Wenn es gar keinen Grund für Verwandte gäbe, zu heiraten, dann müsste man es ihnen ja auch nicht verbieten. Davon abgesehen ist auch die angebliche Sinnlosigkeit einer Handlung natürlich kein ausreichender Grund für ein Verbot. Außerdem hat die Ehe nicht nur eine juristische, sondern auch eine symbolische Funktion.

          Ich erkenne weiterhin kein rationales Argument für ein Verbot.

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