Publikumsvermeidung. Eine kleine Handreichung für Aktivist:innen

Ich ziehe respektvoll den Hut vor allen, die sich für queere, linke, feministische Veranstaltungen abbuckeln. Sehr gelegentlich werde auch ich aus meinem Nest gelockt, um vor Leuten zu sprechen. Diese Veranstaltungen waren immer prima organisiert (seid liebevoll geherzt, liebe Leut‘! Immer gerne wieder!) Anderswo erlebt man bisweilen Wunderliches, und darum geht es im ersten Text meiner neuen Rubrik „Der Fink mit dem Zaunpfahl“.

* * *

Du organisierst ab und zu öffentliche Veranstaltungen, und es tauchen immer noch Gäste auf, die sich da breitmachen, statt dein kleines Orga-Team und eine Handvoll engster Freund:innen die Früchte eurer Arbeit ungestört und in familiärer Atmosphäre mit der von weither angereisten Band / den teuer bezahlten Referent:innen / dem exklusiv aufgeführten Film genießen zu lassen? Womöglich wildfremde Leute, die ihr nicht mal kennt? Das ist wirklich unangenehm. Aber eure Fachperson für Publikumsfilterung und -vermeidung weiß Rat! Alle Methoden habe ich mit großem Erfolg selbst angewandt oder bei anderen Expert:innen studieren dürfen.

1. Schaffe Herausforderungen!

Menschen wollen spüren, dass man ihnen etwas zutraut. Was kann eine Veranstaltung schon wert sein, bei der die Teilnahme nichts weiter erfordert, als zur angekündigten Zeit zum genannten Ort zu latschen? So ein passives Publikum willst du nicht. Viel spannender wird es doch, wenn deine potentiellen Besucher:innen sich den Zugang erst mal erarbeiten müssen. Lass bei allen Ankündigungen Uhrzeit oder Ort einfach weg, oder gleich beides, das ist schon mal eine schöne Recherche-Challenge. Nenne in überregionalen Verteilern den Straßennamen, aber nicht die Stadt, in der dein großartiges Event stattfinden soll. So filterst du effektiv alle Gäste aus, die keine ausreichende Motivation beweisen, sich die Teilnahme zu verdienen.

Zeige, dass du dein Publikum nicht unterschätzt, und erhöhe das Handicap: Bringe in verschiedenen Medien zwei oder mehrere verschiedene Veranstaltungsorte, Termine oder Uhrzeiten in Umlauf. Deine unterforderte und überchillte Zielgruppe wird den subtilen Nervenkitzel zu schätzen wissen, nicht zu ahnen, ob sie überhaupt irgendwen antreffen wird, wenn sie sich auf den Weg zu deinem tollen Event macht. No risk, no fun! Beachte: bei kurzfristigen Änderungshinweisen nie markieren, dass das eine Änderung und die ältere Angabe obsolet ist; nur so bleiben zuverlässig beide Daten parallel in Umlauf.

2. Lass unnötige Detail-Infos weg!

Menschen sind von zu vielen Informationen schnell überfordert. Grundsätzlich gilt van der Rohes Motto: Weniger ist mehr.

Ist die Veranstaltung umsonst oder kostet sie was, wenn ja, wieviel? Gibt es Ermäßigungen und für wen? Das finden die Leute beim Einlass alles noch früh genug heraus. Wer Geld so furchtbar wichtig nimmt, ist bei eurem antikapitalistischen Poetry-Slam sowieso fehl am Platz.

Ist das Event barrierefrei? Bloß nicht zu viel verraten; gerade behinderte Menschen lieben es, immer wieder ihre Flexibilität unter Beweis stellen zu dürfen. Und gerade bei so sensiblen Informationen muss man ja auch an den Datenschutz denken.

Gibt es eine Pause während der achtstündigen Bühnenshow? Verköstigung vor Ort? Vegetarische / vegane Angebote? Toiletten auf dem verlassenen Fabrikgelände, in dem eure Performance stattfinden soll? Wer sein Interesse von solchem Pipifax abhängig macht, soll halt wegbleiben.

Sind bei der Frauen*-Veranstaltung auch männliche Gäste erwünscht? Nichts schafft mehr Empathie für wirklich Marginalisierte, als nach einer zweistündigen Autofahrt des Geschlechts wegen an der Tür abgewiesen zu werden, weil der Zielgruppenausschluss nicht ausreichend präzisiert wurde. Das wird den Typen eine Lehre sein!

Für die zu erwartenden schriftlichen Nachfragen gilt: Wenn z.B. drei Fragen gleichzeitig gestellt werden, beantworte maximal zwei davon. Immer eine Restspannung aufrechterhalten!

Kürzlich erfuhr ich von einem wahren Meisterstück des Informations-Minimalismus‘: Man kann offenbar eine mehrtägige Gruppenreise in die Hauptstadt bewerben, ohne auch nur das Geringste darüber zu verraten, was sie kostet, mit welchem Verkehrsmittel sie stattfinden soll oder wie es um Unterbringung und Verpflegung bestellt ist. Und das Tollste: Man muss mit keiner einzigen Silbe durchblicken lassen, was dort dann eigentlich vor sich gehen soll. Einfach verbindlich anmelden und alles auf sich zukommen lassen. Welch wunderbare Übung im Loslassen in dieser kontrollvernarrten Zeit. Chapeau!

3. Nutze lokale Besonderheiten!

In Universitäts-Städten kannst du z.B. „20 Uhr“ als Beginnzeitpunkt nennen und die Gäste raten lassen, ob da nun das akademische Viertel, also eigentlich 20.15 Uhr gemeint ist oder ob es, weil es ja keine Vorlesung ist, pünktlich um acht losgeht. Du hast dann die Wahl, ob du die Hälfte der Gäste erstmal nasepopeln lässt, weil die hektisch und verschwitzt viel zu früh angetanzt sind, oder ob du die andere Hälfte in die laufende Veranstaltung reinplatzen lässt, weil sie nicht damit gerechnet haben, dass es wirklich schon um acht losgeht. Vortragende lieben es, wenn munteres Stühlerutschen und Klettverschlussratschen ihr monotones Genuschel ein wenig belebt. Wechsle zur Vermeidung ermüdender Routine beide Varianten miteinander ab.

Du planst was in der Friedenstraße in Wannsee? Nicht den Stadtteil unnötig betonen; die Friedenstraßen in Friedrichshain, Adlershof, Köpenick, Lankwitz, Mahlsdorf und Mariendorf sind sicher auch schön, wenn man ganz unerwartet Zeit findet, sich eine oder zwei davon auf der Suche nach dem Event ein bisschen ausführlicher anzuschauen. Raube deinen Gästen nie die Chance, unerwartete Erfahrungen zu machen!

4. Setze auf Spontanität!

In unserer schnelllebigen Zeit plant niemand mehr im Voraus. Überziehe auf keinen Fall die Aufmerksamkeitsspanne deiner Zielgruppen, indem du schon Wochen vorher mit der Werbung loslegst. Den Veranstaltungshinweis wenige Stunden vor der großen Eröffnungsgala durch die Verteiler zu jagen, reicht völlig aus, um sich noch schnell den Fummel zu bügeln und loszurennen. Wer dann schon selbst was geplant hat, kann ja das Sexdate / die Partygäste / die für ein Krisengespräch geladene verheulte Freundin einfach mitbringen. Wenn das nicht geht, kann das Interesse wohl eh nicht so groß gewesen sein.

Maximale Filtereffekte werden durch träge Medien ermöglicht, z.B. durch Verteiler, die Veranstaltungshinweise erst mit mehrtägiger oder -wöchentlicher Verspätung veröffentlichen. Wenn du heute erst erfährst, dass vorgestern direkt um die Ecke ein Gratiskonzert deiner Lieblingsband stattgefunden hat, dann ist das ein schönes Solidaritätstraining! Du freust dich nämlich herzlich gern mit den wenigen Glückspilzen, die das rechtzeitig wussten und wunderbar viel Platz zum Tanzen hatten.

5. Nutze die technischen Möglichkeiten!

Soziale Netzwerke bieten viele Möglichkeiten, deine Werbekampagne zuverlässig vor unerwünscht eskalierender Aufmerksamkeit zu schützen. Stelle die offizielle PR-Seite deiner Veranstaltungsreihe auf „privat“, „nur für Freund:innen“ oder, wo möglich, „unsichtbar“. Oder nutze als einzigen Informationskanal gleich irgendein krudes alternatives Portal, zu dem Nichtangemeldete keinen Zugang haben, sonst trampeln dir womöglich Krethi und Plethi die Bude ein.

Einen besonders geheimnisvollen Touch verleihst du deinem Event, indem du sämtliche einschlägigen Verteiler mit nichts als einer nackten, kommentarlosen Verlinkung zu einer Webseite fütterst, auf der man sich dann die Infos selber zusammenklauben kann (sofern man dort Zugang findet, s.o.). Signalisiere, dass du es nicht nötig hast, mit eigenen Anstrengungen wie z.B. Hinweisen, worum es da überhaupt im Groben geht, um Aufmerksamkeit zu betteln; das macht einen souveränen, unaufdringlichen Eindruck. Routinierte Internetnutzer:innen klicken immer wieder total gern auf unkommentiert irgendwo hingerotzte Links: Die freudige Überraschung, wenn sich das in einem von hundert Fällen mal lohnt, ist unbezahlbar.

6. Mach‘s spannend und lebendig!

„Eine kritische intersektionale Analyse der multi-transformativen Interdependenz_en von ‚race‘ und ‚gender‘ in Burroughs ‚Naked Lunch‘ aus postkolonialer Perspektive“?

Super Titel. Jedenfalls für dein erstaunlich anspruchsloses Ego. Ich werde ganz sicher kommen, wenn nichts im Fernsehen läuft.

Sowas Ähnliches hätte ich wirklich gern mal als CSD-Motto, aber auf mich hört ja nie wer.

7. Setze Vorwissen voraus!

Nichts ist ärgerlicher, als Dinge erklärt zu bekommen, die man schon weiß. Aber was wissen deine potentiellen Gäste und was nicht? Mach dir darüber nicht zu viele Gedanken. Setze als Richtlinie einfach voraus, dass alle genau das wissen, was du selber weißt.

Wer allen Ernstes immer noch verpennt hat, wer oder was euer legendäres Projekt „GenderFuXXX“ ist, unter welcher Adresse man es auffinden kann, was es überhaupt tut oder auch nur, um welche Stadt es da so ungefähr geht – nun, der:die wird es eben herauszufinden wissen oder gehört sowieso nicht zu den hippen Freaks, die du bei deiner GenderFuXXX-Solidaritäts-Sause „wie immer bei uns im grünen Saal“ antreffen möchtest.

Und wer die Bedeutung von „FLT*I*“ oder „GuyDyke“ nicht sofort parat hat – warum sollte es deine verdammte Aufgabe sein, verpeilten Bauerntölpeln das Thema oder die Zielgruppe deiner Veranstaltung in epischer Breite zu erläutern? Du willst schließlich keine Waldschrate herbeilocken, die nicht alle Insider-Codes im Schlaf aus dem Ärmel schütteln können. Was hätte wohl ein so uninformiertes Publikum bei deinem Info-Vortrag verloren?

8. Denke inklusiv!

Aber du musst es damit auch nicht übertreiben. Inklusiv handeln ist nämlich ganz leicht, wenn du deinen Zielgruppen nur die nötigen Transferleistungen zutraust, um deine Einladung und alles andere richtig zu lesen.

Lesben sind es zum Beispiel gewohnt, sich mitgemeint zu fühlen, wenn ein Party-Flyer nur nackte Männer abbildet, weil der Grafiker – wie das ganze Orga-Team – nun mal schwul ist. Der kann ja nichts dafür, das verstehen die schon. Das passiert Lesben so oft, die sehen da ganz automatisch nackte Frauen statt Typen und kommen deshalb gern zur Party. Die zickigen Spaßbremsen, die sich wegen solcher Lappalien gleich „nicht eingeladen fühlen“, sollten eh besser zu Hause bleiben, statt dann beleidigt da rumzustehen und die schöne Stimmung kaputtzumachen.

Es ist auch völlig okay, einen „LGBTTIQA*-Filmeabend“ anzukündigen und dann nur schwule Filme zu zeigen. Die erwartungsvollen trans oder nicht-binären Gäste werden das schon alles für sich übersetzen und super dankbar sein, dass man endlich auch mal an sie gedacht hat, in dem toll inklusiven Titel jedenfalls. Falls doch eine überanspruchsvolle Nervensäge rummeckern sollte, versprich, dass es beim nächsten Mal um was ganz anderes gehen wird, vielleicht z.B. um das breite Spektrum des „queeren Fetisch“, da hast du nämlich schon ganz viele tolle schwule Filme im Kopf.

* * *

Sollten nach Anwendung dieser Strategien immer noch zu viele Gäste kommen, dann hilft nur der radikalste Schritt: Die Veranstaltung komplett geheim halten und wirklich nur deine Freund:innen einweihen. Aber mir sagt ihr ja sicher auch Bescheid, okay?

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8 Kommentare zu “Publikumsvermeidung. Eine kleine Handreichung für Aktivist:innen

  1. Großartig, wie immer! <3
    Mir sind übrigens fast alle Beispiele in vergleichbaren Fällen auch schon selbst widerfahren.

    Bei Deinem Vorschlag, von allen Rückfragen doch mindestens eine offen zu lassen, bist Du fast noch ein bisschen optimistisch, lieber fink. Sehr beliebt ist nämlich auch, Rückfragen überhaupt nicht zu beantworten. Da werden z.B. Veranstaltungen auf Facebook gepostet und offenbar anschließend administrativ null weiter betreut. Aber auch Rückfragen per E-Mail werden vielfach schlicht ignoriert.
    So vermeidet man tatsächlich, dass Leute kommen, die an sich interessiert gewesen wären, weil sie schlicht nicht herausfinden können, wo genau die Veranstaltung stattfindet, oder eben aus einem der tausend anderen Gründe, die Du hier nennst.

    Insbesondere auch der Abschnitt 4 entspricht sehr meinen Erfahrungen. Wozu Leute rechtzeitig informieren, damit sie planen können? Die haben eben auch sofort heute Abend zu können. Und wenn sie nicht können, taugen sie halt als Publikum nix. An den Organisator_innen kann es jedenfalls nicht gelegen haben.

    Wieder einmal hast Du einen detaillierten, akribischen Blick auf unsere gesellschaftlichen Realitäten geworfen und gibst das in niemals bösartigem Ton wieder – sondern im Gegenteil in einem Ton, der eine_n Dich knuddeln lassen möchte. Chapeau und weiter so!

  2. Ohje, ein paar Bekannte von mir dürfen diese Liste niemals sehen, die sind auf mehr als die Hälfte schon von allein gekommen :p

    Sehr hübsch, danke 🙂

  3. … Da fällt mir was ein, was ich noch erledigen muss. Offenbar habe ich die eine oder andere Information zu viel gestreut und sollte sie wieder löschen. Wie ungeschickt, dass das Internet nichts vergisst. *Weint*
    (Nee, im Ernst, dankeschön für diese Anti-Checkliste. Die kann ich verwenden, wenn mal wieder wer meint, dass eigene Veranstaltungsunterseiten für irgendwas auf der Webseite nicht nötig sind, man könne ja bei “Termine” runterscrollen.)

  4. Mein lieber „fink mit dem zaunpfahl“ –
    welch wunderbar neuer Name für Deine neue Rubrik! Großartig!
    Du sprichst mir wie immer aus dem Herzen und ich erlaube mir, diesen großartigen Beitrag zur Publikumsvermeidung an einige selbsterklärte Profis aus dem Veranstaltungsbereich weiterzuleiten.

    Grüße aus Bad Zwesten

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