Und raus bist du! Fetisch beim CSD

Im Kommentarbereich von queer.de findet derzeit eine lebhafte Diskussion über Pet-Player statt, also über Menschen, zu deren erotischen Rollenspielen das Tragen von Tierkostümen gehört. Anlass der Berichterstattung war ein Vorfall beim Aachener CSD: Trotz eindeutig geklärter Rechtslage (das Tragen von Masken verstößt in diesem Fall nicht gegen das Vermummungsverbot 1) hatte die Aachener Polizei CSD-Teilnehmerïnnen 2 das Tragen von Hundemasken verboten und laut einem Augenzeugen sogar damit gedroht, notfalls die ganze Parade zu stoppen. Bemerkenswert ist, dass die Kommentare auf queer.de sich nur kurz um das skandalöse widerrechtliche Handeln der Polizei drehten und sehr schnell in eine Diskussion über die angeblich fragwürdige Sichtbarkeit der betroffenen CSD-Teilnehmerïnnen umschwenkten. Statt des Rechtsbruchs durch die Polizei wurde die Anwesenheit von Teilen der Community beim CSD zum Problem erklärt.

Solche Entsolidarisierung ist leider weder ungewöhnlich noch überraschend. Queere Communities selbst – das klingt zwar schräg, ist aber eigentlich kein Geheimnis – haben ein mindestens ambivalentes Verhältnis zur sexuellen Vielfalt, sobald diese einmal über die handelsüblichen Formate hinausreicht.

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Ene mene muh …

Ich halte es für verkürzt, CSD-Paraden ausschließlich als „Werbeträger“ für die Öffentlichkeit zu verstehen, haben sie doch auch große Bedeutung für die Community-interne Kommunikation und Kultur. Dennoch sind CSD-Paraden zweifellos die wichtigste öffentliche Repräsentationsfläche der verschiedenen queeren Communities. Entsprechend naheliegend ist es, immer mal wieder darüber nachzudenken, wer und was genau dort eigentlich repräsentiert werden soll – und was eher nicht. Dem Wunsch, vor allem die jeweiligen Gruppen gut sichtbar vertreten zu sehen, denen man selbst angehört, gesellt sich dabei immer wieder der Wunsch hinzu, bestimmten anderen Gruppen ebendieses Repräsentationsrecht abzusprechen. Alljährlich wird aus irgendeinem Anlass mindestens eine Gruppe herausgepickt, von der es dann heißt, sie störe, „gehöre nicht auf den CSD“ oder solle sich doch bitte wenigstens „zurückhalten“ (was nur eine Verklausulierung ist für „unsichtbar bleiben“). Mal sind es die Tunten oder die Drag Queens, dann trans Menschen, Nackte, Hedonistïnnen usw. Immer reihum und dann wieder von vorn. Ins Visier dieser Exklusions-Folklore geraten, wie jetzt gerade wieder, regelmäßig auch Menschen, die beim CSD Fetische sichtbar machen.

Ein Anlass der Kritik ist das enorme Aufmerksamkeits-Gefälle, das die sogenannten „Paradiesvögel“ gegenüber den anderen Teilnehmerïnnen unbestreitbar bevorzugt: In der Außenwahrnehmung wird die große Mehrheit der CSD-Teilnehmerïnnen in ihrer Alltagskleidung oft nahezu unsichtbar, zugunsten der relativ wenigen aufsehenerregender gekleideten Gestalten. Auch die Medien spiegeln selten ein wirklich differenziertes Bild der Paraden, sondern fokussieren überdeutlich auf die spektakulären und deshalb besser vermarktbaren Bilder, die ihnen z.B. Drag Queens und Fetischistïnnen liefern (wobei ich wiederum eine gewisse Bevorzugung der Drag Queens beobachte). Man mag diese Wahrnehmungsfilter zu Recht kritisieren. Gleichzeitig muss man nüchtern feststellen, dass gerade diese Bilder sehr erheblich zum großen Erfolg der Paraden beitragen, was die interne und die öffentliche Attraktivität angeht.

Ein, wie ich glaube, weitaus wichtigerer Grund der Kritik ist aber der Drang, sich von bestimmten Menschen oder Verhaltensweisen zu distanzieren, mit denen man eine, zumal öffentliche, Nähe nicht ertragen mag.

Gedankenlose Schuldumkehr

Das Hauptargument ist folgendes: Angeblich machen sich die auf dem CSD sichtbaren Fetischistïnnen mitschuldig an der allgemeinen Queerfeindlichkeit der Gesellschaft, indem sie das Klischee bestärken, „alle Schwulen (seltener Lesben oder trans) seien so“. Gemeint ist hiermit, ohne es direkt auszusprechen: „so pervers“. Man selber habe angeblich gar kein Problem mit „diesen Leuten“, aber die verklemmten, unaufgeklärten und zu keinerlei Differenzierung fähigen Heteros würden ganz gewiss plötzlich aufhören (oder gar nicht erst anfangen), wenigstens die „normalen“ Homos liebzuhaben, wenn man dieses schreckhafte Völkchen mit einem allzu frechen, „provokanten“ Auftritt vergraule.

Das ist keine neue Idee [→ Es gibt keine Emanzipation in Schlumpfhausen]. Auf die Saubermänner (bzw. Sauberpersonen, Ignoranz kennt ja im Gegensatz zur Liebe kein Geschlecht) in unseren Communities sollten die am meisten stigmatisierten Untergruppen schon immer demütige Rücksicht nehmen, auf dass die Kriechspur jener in die „Mitte der Gesellschaft“ recht geschmeidig bleibe. Ergebnis: Die Einen dürfen beim CSD mal raus aus dem Schrank und eine Freiheit genießen, die auch ihnen sonst versagt bleibt, die anderen werden kurzerhand zur „Privatsache“ erklärt und müssen leider drinnen bleiben.

Ich halte dieses Argument zumindest im Fall der Fetischistïnnen für vorgeschoben. Im Kommentarbereich auf queer.de kann man aktuell zumindest eines deutlicher als sonst erkennen: Viele Gegnerïnnen der Petplayer-Sichtbarkeit sind dort wenigstens so ehrlich, ihre eigenen Ressentiments zu offenbaren: Unverständnis, Ekel, Angst. Meistens werden die eigenen Emotionen aber, wie oben angedeutet, verdeckt: Die eigenen unreflektierten Ressentiments gegenüber Fetischistïnnen werden auf die Gesellschaft projiziert und dort kritiklos als geradezu natürliche Abwehrreaktion vorausgesetzt und bestätigt. Die Abwertung des Fetischs und seiner Trägerïnnen an sich wird dabei nicht in Frage gestellt. Die eigene Aggression gegen andere Sexualitäten/Identitäten, die sich in dieser Argumentation nur ungeschickt verbirgt, wird in einem Akt der Schuldumkehr verschleiert, indem man sich selbst zum Opfer der Fetischistïnnen erklärt: „Nicht ich werte sie ab, sondern sie ziehen mich in den dunklen Strudel ihres negativen Images mit hinein.“

Man könnte bei einer Demonstration für sexuelle Vielfalt und Freiheit vielleicht erwarten, dass genau dieses negative Image als das zu lösende Problem erkannt und solidarisch in Angriff genommen werden sollte. Stattdessen werden einfach die Menschen, die ohnehin schon unter gesellschaftlichen Ressentiments leiden, auch noch von der eigenen Community vor den Bus geschubst.

An dieser Stelle taucht wieder einmal die Frage auf, inwieweit emanzipatorische Ideale eigentlich noch von der Mehrheit der CSD-Teilnehmerïnnen und Organisatorïnnen verinnerlicht werden, bzw. inwieweit diese noch konsensfähig sind. Es geht um die strategische Standortbestimmung des CSDs selbst. Was das konkrete Handeln von Veranstalterïnnen angeht, so reicht das Spektrum von Orgateams, die die Fetischgruppen Jahr für Jahr ganz ans Ende der Parade verbannen bis hin zur Entscheidung, Menschen in Fetischkleidung ausdrücklich zur Teilnahme einzuladen – eine erfreuliche Entscheidung, die aber die Tatsache eingesteht, dass die Erwünschtheit von Fetisch-Outfits ohne eine ausdrückliche Ermunterung durchaus bezweifelt wird.

Ich werde am Schluss auf die Grundsatzfrage zurückkommen und möchte zunächst einige der Ebenen untersuchen, auf denen Fetisch „irritiert“ und „provoziert“.

Gender-Irritationen

Betrachten wir kurz einen Klassiker unter den Fetischen, den schwulen Lederkerl. Wo es darum geht, die Vielfalt unserer Communities optisch oder metaphorisch zu illustrieren, taucht er seit vielen Jahren in schwulen Zusammenhängen und in den Medien immer wieder als Teil eines angeblichen Gegensatzpaars auf: Der Lederkerl und die Drag Queen. Imaginiert werden die beiden gern als die extremen Pole eines geschlechtlichen Spektrums zwischen „extrem weiblich“ und „extrem männlich“ – fast so, als verkörperten sie „Vollweib und Vollmann“ im Hirschfeldschen Sinne 3. Das ist natürlich Unsinn, werden doch diese vermeintlichen Pole beide meistens von cissexuellen Männern verkörpert und hier somit – wenn überhaupt – nur ein sehr begrenztes Spektrum abgedeckt.

Im Bild des klassischen Lederkerls tauchen Fetische (Leder, Uniformen, Stiefel usw.) vor allem als Attribute einer übersteigerten „Männlichkeit“ auf. Hier geht es oberflächlich nicht direkt um die Ebene der Sexualität, sondern um ein sexualisiertes „doing gender“, also die performance einer Geschlechtsrolle. Auf den ersten Blick bedient sich der Lederkerl einfach nur sehr traditioneller Geschlechtsattribute. In der Übertreibung aber, die diese Attribute und ihre teils hochkonzentrierte Anhäufung kennzeichnet, kommt ein Moment von Irritation hinzu, das den Lederkerl mit der Drag Queen verbindet: Die Über-Erfüllung geschlechtsrollen-typischer Klischees erhebt die Inszenierung in den Bereich des offenkundigen Kostüms, des Nicht-Realen, teils fast schon des Parodistischen. Die scheinbare Bestätigung heteronormativer Rollenattribute in dieser Form von „mann-männlichem Drag“ wird subversiv, indem sie ihre eigene Künstlichkeit sichtbar macht. Die Montur des Lederkerls markiert einen Nicht-Alltag. Lederkerl und Drag Queen befinden sich aus dieser Perspektive gar nicht an unterschiedlichen Polen, sondern gemeinsam am selben Ende einer Skala von „geschlechtsneutral“ bis „geschlechtlich über-markiert“ oder einer anderen von „authentisch“ bis „inszeniert“.

Ob dies allen Lederkerlen bewusst ist oder von ihnen sogar gezielt in dieser subversiven Weise eingesetzt wird, darf sicherlich bezweifelt werden; meine kleine Bekanntenblase und ich dürften wohl nicht repräsentativ sein. Fakt bleibt, dass Fetisch auf dieser Ebene eine gender-Irritation auslöst, die nicht jeder:m Betrachterïn behagt und vermutlich (ob bewusst oder unbewusst) auch deswegen Distanzierungswünsche auslöst.

Wenn wir einmal schauen, wer sich neben den Lederkerlen noch so tummelt, so können wir sehen, dass gerade in den Gruppen der Fetischistïnnen überdurchschnittlich häufig cross-dressing oder mix-dressing sichtbar gemacht wird. Die heteronormativen Rollenbilder werden hier gezielt durchbrochen. Die Irritation, die allein schon durch das cross-dressing an sich entsteht, wird noch gesteigert durch die Tatsache, dass von außen manchmal schwer einzuschätzen ist, aus welcher Motivation heraus dies geschieht. Ist die Person mit dem Bartschatten in dem Gummi-Rock dort vielleicht nicht-binär? Ist sie im Alltag ein Mann, aber im erotischen Rollenspiel eine Frau? Ist „Verweiblichung“ der Fetisch? Die üblichen Annahmen über die vermeintliche Eindeutigkeit und Kontinuität von gender werden hier in Frage gestellt durch die Erkenntnis: Gender kann nicht nur eine gewöhnliche Alltagsrealität sein, sondern auch eine Teilzeit-Geschlechtsrolle oder eine Inszenierung innerhalb eines sexuellen Spiels.

In eine ganz andere Richtung gehen die eingangs erwähnten Menschen, deren Fetisch darin besteht, menschliche Rollen komplett abzustreifen und sich z.B. als puppy oder pony zu inszenieren – eine tiefe Verstörung der gängigen Annahmen über das zulässige oder auch nur denkbare Spektrum einnehmbarer Identitäten.

Die politische Frage ist nun, ob man die Abwehr, die solche Irritationen auslösen können, kritiklos übernimmt und zum Argument von Exklusionsforderungen machen will, oder ob man bereit ist, sie zum Anlass einer kritischen Überprüfung eigener und gesellschaftlicher Abwertungen zu nehmen und sich zu überlegen, wie auch in diesem Bereich mehr Freiheit für alle ermöglicht werden kann. Selbst wer selbst nicht an Fetischen interessiert ist, könnte sich doch eigentlich freuen, wenn die juristische und gesellschaftliche Freiheit, Fetische zu tragen, generell möglichst groß wäre. Man muss Freiheiten nicht selbst nutzen wollen, um sich doch dafür einzusetzen, dass es sie gibt. So wie die bloße Sichtbarkeit von schwulen, lesbischen, trans, inter, nichtbinären und anderen queeren Menschen immer noch viele Menschen irritert, aber genau deswegen (und eben nicht trotz dessen) als Strategie zur Förderung größerer Selbstverständlichkeit und Liberalisierung genutzt werden kann, ist dies auch bei Fetischen der Fall. Irritationen sind nicht nur der Preis der Liberalisierung, sie sind auch eine notwendige Methode zu ihrer Durchsetzung.

Unverschämtheit

Ein Hauptaspekt der Ablehnung sichtbarer Fetische ist recht banal: Es geht um Sexualität. Und zwar in einem relativ konkreten Sinn. Die meisten anderen Paraden-Teilnehmerïnnen deuten Sexuelles höchstens dezent an. Auch die erotisierten Inszenierungen der Drag Queens deuten meist eher indirekt und im Rahmen reglementierter Gesten auf Sexualität hin. Sichtbare Fetische dagegen legen das Thema Sexualität ziemlich schnörkellos auf den Tisch bzw. die Straße. Da wird zwar nicht direkt Sex im engeren Sinne vor aller Augen betrieben, da wird aber auch nicht kleingeredet, codiert oder versteckt, dass es hier um Sexualität geht. Für Homosexuelle, die trotz eigener Erfahrungen sexuelle Scham immer noch für etwas Gutes halten, ist das natürlich unerhört: Da müht man sich seit Jahrzehnten, endlich die Sexualität aus der Homosexualität herauszulügen, und dann kommen irgendwelche Typen mit Hundemasken daher und legen einem das Stöckchen, das man doch so erfolgreich aus dem Blickfeld geschmissen zu haben glaubte, einfach wieder direkt vor die Füße.

Gottfried Ensslin sagte 2013:

„Die Erfahrung, sich im Coming-Out gegen alle gesellschaftlichen Instanzen durchgesetzt zu haben, die dieses Tabu nach wie vor wirksam transportieren, kann dazu führen, dass sich ein starkes Gerechtigkeitsgefühl ausbildet. Gerade wenn die einzelnen Schritte des Coming-Out genau in der Erinnerung festgehalten werden, bleibt der Blick auf gesellschaftliche Mechanismen und Machtwirkungen geschärft.“

Ja, Pustekuchen. Die teils heftigen Abwehrreaktionen gegen die Sichtbarkeit von Fetischen äußern sich zu einem großen Teil in exakt denselben Ressentiments, die wir aus der klassischen Homophobie kennen: Diese Arten von Sexualität seien „krank“, „unnatürlich“, „unmoralisch“, „unästhetisch“ usw. Dass es sich dabei – wie schon bei der Homophobie – durchweg um irrationale Scheinargumente handelt, nehme ich an dieser Stelle als nicht nachweisbedürftig an. Alle schon aus homofeindlichen Diskursen bekannten Floskeln tauchen hier buchstabengetreu wieder auf: Man solle anderen nicht „seine Sexualität aufdrängen“ oder diese „zur Schau stellen“, das sei pathologischer oder zumindest unangemessener „Exhibitionismus“ und „Belästigung“ und außerdem völlig „unnötig“. Das geforderte Unsichtbarkeitsgebot gründet sich hier auf ein ebenfalls schon bekanntes Argument: Sexualität sei „Privatsache“ und gehöre damit „natürlich“ nicht in die Öffentlichkeit, speziell nicht „vor die Augen von Kindern“, denen offenbar allein der bloße Anblick eines glücklichen freilaufenden Fetischisten irreparablen Schaden zufügen könne. Wenn es „so etwas“ nun schon einmal geben muss, dann solle es also bitte wenigstens „in den eigenen vier Wänden“ bleiben.

Neben solchen rein negativen Außenwirkungen sind Fetische aber auch mit Assoziationen verknüpft, die vielen Beobachterïnnen zumindest ambivalent oder auch positiv erscheinen. Als eines der wichtigsten Klischees sei hier das des sexuellen Hedonismus genannt: Mehr als andere Sexualitäten wird Fetisch-Sex oft als“frei“ und „wild“ imaginiert. Hier geht es angeblich mehr als sonst um ungebundene, „tabulose“, „enthemmte“ und deswegen womöglich auch besonders intensive Sexualität. Fetisch-Sex wird als wilder Gegenpol zum von heteronormativen Moralvorstellungen und Reproduktionsbedürfnissen eingehegten „Blümchen-Sex“ phantasiert. Ob diese Vorstellung mit der Realität von Fetisch-Sex wirklich zu tun hat, sei hier dahingestellt. Es bleibt festzuhalten: Je nach psychologischer Verfasstheit der Beobachterïnnen wird die imaginierte besondere Enthemmtheit und Intensität dieser Sexualität als beneidens- oder verachtenswert empfunden – oder beides zugleich. Vermutlich können wir von einer ambivalenten Außenwirkung dieses vermeintlich Fremden ausgehen: Lustvolle Sehnsüchte und bedrohliche Phantasien werden nebeneinander oder gleichzeitig ausgelöst, teils in derselben Person, teils auf verschiedene Gruppen verteilt. Auch genau diesen Mechanismus kennen wir übrigens aus der heteronormativen Außenperspektive auf Homosexualität: Sie wird als die „wildere“ Sexualität imaginiert, was Neid, Angst und moralische Verachtung gleichzeitig auslöst.

Im Vergleich zu den Aufführungen der Drag Queens, die wir vor allem als „Kunstform“, also als durch und durch künstliche Inszenierungen ohne Anspruch auf „Authentizität“ begreifen können, ist Fetisch vielleicht mehr dem Bereich der „realen Wirklichkeit“ zuzuordnen. Fetisch ist (an sich) keine Unterhaltungsshow für die öffentliche Bühne, sondern dient einem sehr realen Zweck. Wenn auch meist vom Alltagsleben deutlich getrennt und als eine zeitlich begrenzte Inszenierung erkennbar, ist Fetisch doch (meist) zugleich ein echter und unveränderlicher Teil der persönlichen Identität, nämlich der eigenen Sexualität. Möglicherweise liegt hier ein weiterer Aspekt, der zum Unbehagen beiträgt: Den Außenstehenden ist oft nicht so recht klar, wo genau beim Fetisch die Grenzen zwischen „Spiel und Ernst“ zu ziehen sind. Das macht Fetisch für sie deutlich verstörender als der klassische Drag. Aber genau hierin könnte auch die größere Subversivität liegen, die wir für eine Strategie der sexuellen Liberalisierung nutzen können.

Unheimliche Macht

Besonders virulent wird die Verstörung vermutlich dort, wo Fetisch in die Bereiche von BDSM 4 hineinfließt und dies auch mit entsprechenden Darstellungen (z.B. durch Tragen einer Peitsche oder eines Halsbandes) sichtbar gemacht wird. Neben den Irritationen in den Bereichen gender und Sexualität geht es hier um eine Verunsicherung auf der Ebene der sozialen Rollen, und zwar in einem weiteren Bereich, der von erheblicher Ambivalenz geprägt ist: der Macht. In unserem Alltag sind Machtgefälle, Machtkämpfe, Demütigungen und Machtmissbrauch gang und gäbe, gleichzeitig werden aber Ideale wie Gleichberechtigung, Respekt und „flache Hierarchien“ hochgehalten. Macht und Gewalt sind allgegenwärtige, aber hochgradig tabuisierte und meines Erachtens nur sehr unzureichend reflektierte Aspekte unseres Alltagslebens. Der spielerisch-leichte und sogar lustvolle Umgang mit inszenierter Macht und Gewalt im BDSM-Spektrum muss in dieser Gesellschaft deshalb höchst irritierend wirken. Dass diese Themen beim BDSM idealerweise innerhalb einer allseits freiwilligen Inszenierung behandelt werden und ansonsten den Alltag von BDSMlerïnnen nicht mehr oder weniger prägen als den anderer Menschen, das ist den Betrachterïnnen leider nicht immer klar. Besonders hier dürfte die Schwierigkeit Außenstehender, den Unterschied zwischen Realität und Spiel zu erkennen, dazu beitragen, dass Fetische als diffus „unheimlich“ wahrgenommen und deshalb abgelehnt werden.

* * *

So weit zu einigen der Mechanismen, die die emotionale Ablehnung sichtbarer Fetischistïnnen und zugleich das subversiv irritierende Potential erklären können. Verblüffend finde ich, wie schon gesagt, wie selten sogar queere Menschen die doch so offenkundigen Parallelen zwischen der Ausgrenzung von Fetischleuten und ihrer eigenen Diskriminierung erkennen. Nur dieser blinde Fleck ermöglicht es, mit größter Selbstverständlichkeit zu behaupten, die verschiedenen Fetischszenen gehörten nicht zu den vielen Communities, die beim CSD vertreten sein sollten. Fetischismus als ein randständiges Phänomen, das nur eine unwichtige kleine Gruppe Erwachsener betrifft, die alljährlich ohne Not in einen sinnlos provokanten Exhibitionismus ausbrechen, obwohl sie doch in privaten Räumen glücklich und bescheiden ihr Ding drehen könnten: Das ist exakt die Argumentation, die von Anfang an gegen den gesamten CSD und alle seine Teilnehmerïnnen vorgebracht wird. Im Sinne des oben genannten Ensslin-Zitats könnte eine recht einfache geistige Transferleistung offenbaren, weshalb die Sichtbarkeit von Fetischen genau der selben Notwendigkeit und dem selben Zweck folgt wie die Sichtbarkeit aller anderen Formen von Queerness. Man müsste sich dazu nur an die Probleme erinnern, die mit dem eigenen Coming-Out verbunden waren.

Wenn ich groß bin, werde ich pervers!

Fetischistïnnen kommen nicht als ausgewachsene, selbstbewusste Perverse zur Welt, sondern jung und verwundert wie jeder andere Mensch auch. Sie müssen ihre eigene Sexualität erst einmal finden. Dabei hilft es ganz enorm, wenn man sie auch außen schon irgendwo sichtbar vorfindet. Fetischistïnnen haben – zumindest teilweise – genau dieselben Coming-Out-Probleme wie andere queere Menschen: Sie tauchen in allen denkbaren Familien und in allen Bereichen der Gesellschaft auf wie Kuckuckskinder und fühlen sich sogar in ihren Familien und unter ihren Freundïnnen zunächst einmal recht allein mit dem, was sie als Begehren in sich entdecken. Sie brauchen Informationen, Vorbilder, Hilfestellung und Ermutigung.

Die sichtbare Präsenz von Fetischen beim CSD ist deswegen nicht nur egoistischer Hedonismus oder gar Exhibitionismus. Es geht hier auch um eine gesellschaftspolitische Aktion. Ebenso, wie andere queere Menschen die Parade u.a. dazu nutzen, den „Nachwuchs“ zum Entdecken seiner speziellen geschlechtlichen und/oder sexuellen Identität zu ermuntern, haben auch Fetischistïnnen diesen Wunsch. Junge Menschen aller sexuell/geschlechtlich marginalisierten Gruppen brauchen Vorbilder, um den Widerstand der Umwelt, die Stigmatisierung und die verinnerlichte Scham zu durchbrechen und einen wichtigen Teil ihres persönlichen Glücks nicht für immer ungelebt zu lassen oder gar als „krankhaft“ abzulehnen.

Es geht also darum, Bilder der eigenen Identität öffentlich zu machen und den negativen Zerrbildern, die in der Gesellschaft, in peinlichen Sommerloch-Reportagen und sogar innerhalb queerer Räume und Foren immer noch allgegenwärtig sind, positive Bilder entgegenzusetzen. Es reicht nicht aus, dass diese Bilder irgendwo auf einer Porno-Webseite oder in einem Darkroom der Hauptstadt vorgefunden werden können – diese Bilder müssen öffentlich sichtbar gemacht und in Form lebender Vorbilder wahrgenommen und kontaktiert werden können.

Die erwähnten „positiven Bilder“ können dabei nur die eigenen, selbstbestimmten Bilder sein, selbst dann, wenn sie anderen nicht positiv erscheinen und deren ästhetisches Empfinden verletzen. Jede Sexualität, die nicht die eigene ist, erscheint von außen gesehen befremdlich und vielleicht sogar eklig. Die vermeintlich bewusste „Provokation“ ist nicht Mittel zum Zweck (obwohl sie zugegebenermaßen natürlich auch viel Spaß machen kann), sondern ist zwangsläufiger Teil des Prozesses.

Wie immer, wenn Tabuisiertes öffentlich gemacht wird, geht das nicht ohne Grenzüberschreitungen. Fetische sichtbar zu machen, verletzt notwendigerweise das Schamgefühl vieler Außenstehender. Was früher und teils noch heute z.B. für küssende oder handhaltende Schwule gilt, gilt auch hier: Provokation und Unbehagen sind unvermeidliche Bestandteile jeder Aufklärung. Wenn laut einer Umfrage von 2016 ganze 40 Prozent aller Deutschen es „eklig“ finden, wenn sich Schwule in der Öffentlichkeit küssen, dann sollte man sich doch wirklich gut überlegen, ob der Ekel Außenstehender wirklich ein so gutes Argument ist, Menschen oder Handlungen in der CSD-Parade unsichtbar zu machen. Jede Emanzipation, die die Empfindlichkeit Außenstehender als Messlatte übernähme, müsste schon im Keim verdorren. Queere Menschen mit ein wenig historischem Bewusstsein sollten das eigentlich sehr gut wissen.

Darf’s ein bisschen mehr sein?

Natürlich geht es nicht nur um den eigenen Nachwuchs, sondern auch um ein generelles gesellschaftspolitisches Ziel. Oft wird ja mittlerweile eine recht enge Definition dessen vorausgesetzt, was die „offiziellen“ Ziele des CSDs seien: Gleiche Rechte und Akzeptanz durch die sogenannte „Mehrheits-Gesellschaft“. Diese Definition ist aber weder vom Himmel gefallen noch war sie schon immer so formuliert. Von Anfang an prägte den CSD auch eine sehr viel größere Idee, die nicht nur die Rechte marginalisierter Gruppen, sondern eine gesamtgesellschaftliche Vision in den Mittelpunkt stellte: Es geht um die Idee einer aufgeklärten Gesellschaft, in der jede:r die eigenen sexuellen und die Identität betreffenden Wünsche frei von unbegründeten Ängsten, Schuldgefühlen und körperfeindlichen Normen entdecken und entfalten kann, in der die eigene Sexualität frei erforscht und gelebt werden kann und in der niemand wegen der eigenen sexuellen Wünsche oder der geschlechtlichen Identität von anderen beleidigt, abgewertet, entrechtet oder sogar bestraft wird.

Der unabdingbare Nullpunkt dieser Vision ist das Recht jeglicher sexueller und geschlechtlicher Realitäten, sichtbar zu werden. Fetischistïnnen auf dem CSD sind in diesem Sinne ein Signal an andere Teilnehmerïnnen und an die Öffentlichkeit: Sexuelle Vielfalt existiert in viel mehr als den zwei oder vielleicht drei Schubladen, an die ihr meistens denkt. Diese Vielfalt ist auch in den heute noch seltener repräsentierten und weniger akzeptierten Formen gut und willkommen. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit mag immer noch in manchen Fällen irritieren, aber die Freiheit dazu sollte uns allen wichtig sein. Niemand muss sich schamhaft verstecken oder unsichtbar bleiben.

Der vermeintliche Gegensatz zwischen Hedonismus und politischer Aktion, den Kritikerïnnen sowohl beim Fetisch als auch im Gesamtzusammenhang des CSD vorbringen, ist ein Schein-Widerspruch. Nur selbstbewusste, freie Menschen sind auch fähig zu wirklich positivem politischem Einfluss. Glückliche queere Menschen und Menschen, die sich empathisch darüber freuen können, dass Menschen verschieden und frei sind, sind gut für die ganze Gesellschaft.

Glückliche Fetischistïnnen gehören dazu, und das müssen wir auch zeigen.


Lesetips:

Samstag ist ein guter Tag: Wir waren schon so nah dran. Wie unsere Gleichstellung Jahr für Jahr an ein paar Fetzen Stoff scheitert.

Chingy L: Why Kink, BDSM, and Leather Should Be Included at Pride

Alexander Cheves: 13 Reminders Pride Is Also About Sex


Fußnoten:

1 Diese Rechtsauffassung wird durch ein Gutachten gestützt, das der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages im Auftrag der LINKEN nach einem ähnlichen Vorgang im letzten Jahr beim CSD Essen erstellt hatte. Sie wurde von NRW-Innenminister Reul auf eine Kleine Anfrage der Grünen hin bestätigt.

2 Kein Tippfehler; ich probiere hier mal ein „i“ mit Trema als Ersatz für Sternchen oder Unterstrich aus. Man kann da natürlich auch Nachteile erkennen, aber eine ideale Lösung haben wir eben nicht. → https://volkerkoenig.de/2019/05/02/trema-baby-trema/

4 BDSM steht für bondage & discipline, dominance & submission, sadism & masochism. Damit soll das Spektrum sexueller Spielarten zwischen Fesseln, Macht- und Rollenspielen und Sadomasochismus zusammengefasst werden.

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60 Kommentare zu “Und raus bist du! Fetisch beim CSD

  1. Danke, lieber Zaunfink. Erneut auf den Punkt/die Punkte und sehr gut – habe die Diskussion bei queer.de auf Facebook mitverfolgt und dachte, ich bin im falschen Film bzw. Netzwerk.
    Das “i” mit Trema ist interessant, zeigt mir aber erneut beim Lesen am Bildschirm, dass ich den Optiker meines Vertrauens baldigst aufsuchen werde müssen. Konnte es erst nicht erkennen und sehe (!) das Thema Gleitsicht auf mich zukommen.

    • Danke, Stefan. Der Kommentarbereich bei queer.de ist oft, sagen wir: aufschlussreich. Ganz gelegentlich sammle ich dort aber auch Perlen.
      Stimmt schon, das Trema-i flimmert bei kleinen Schriftgrößen. Aber das passt ja eigentlich prima zur Aussage. :-)

  2. Vielen Dank für den tollen Artikel! Ich finde, du hast völlig recht mit dem was du schreibst. Besonders gut hat mir gefallen, dass die verschiedenen Bilder von Identitäten kontaktiert werden können müssen. Ich erinnere mich an einen Euro Pride in Hamburg vor einigen Jahren, an dem ich eine Gruppe BDSM Leute gesehen habe. Meine damalige Frau war alles andere als begeistert und fand, das müsse nun wirklich nicht sein. 😒 Ich hingegen war fasziniert von dem Selbstbewusstsein und der Klarheit der Präsentation. Es hat dann noch ein paar Jahre gedauert, bis ich meine eigene Lust an BDSM kennen gelernt habe.
    Zu queer.de: Ich versuche, es mir abzugewöhnen, dort zu lesen, aus den beschriebenen Gründen, aber auch, weil ich es unerträglich finde, dass gefühlt 90% der Artikel im generischen Maskulinum geschrieben sind.
    Danke nochmal für deine treffende Analyse!

  3. Wow (bzw. “wau” 😉 ) Ein großes Dankeschön für Deine Aufarbeitung dieses Themas. Dass bei vielen Menschen auch im LSBTIQIA*-Spektrum der Toleranzradius gerade mal die eigenen Kinks und Orientierungen umfasst ist ein ewiges Problem. Die Transferleistung, die Legitimität der eigenen Sexualität und Lebensweise auf andere zu übertragen, und sich eher auf Metabene damit zu beschäftigen – “was ist ethisch vertretbar” – gelingt leider häufig nicht so gut.

  4. Ich habe zwei Sätze leicht verändert und unten noch einen zweiten (englischsprachigen) Lesetip hinzugefügt. In diesem wird ein Aspekt deutlich, den ich noch nicht ausreichend betont habe:

    Fetischgruppen bieten nicht nur sexuelle Infrastrukturen, sondern auch soziale. Es geht hier zumindest teilweise um wirkliche Communities im besten Sinne gegenseitiger Unterstützung und Solidarität.

    Unter anderem standen die solidarischen Strukturen der Lederklubs zur Verfügung, als HIV-Positive und Aidskranke in wirklich existenzieller Not irgendein soziales Sicherungsnetz brauchten, während andere soziale Strukturen – familiäre und staatliche – versagten. Lederklubs bzw. ihre Mitglieder sind mancherorts die Mitgründer der Aidshilfen geworden.

    Die Menschen, die heute diese Gruppen vom CSD ausschließen möchten, schließen nicht nur Individuen oder „sexuelle Vorlieben“ aus. Sie machen damit auch einen wichtigen Teil unserer Community-Geschichte unsichtbar, und erklären Menschen für unerwünscht, die einen Teil der solidarischen Strukturen mitgeschaffen haben, von denen wir bis heute alle profitieren.

    Dankbares Stiefellecken (pun intended) muss vielleicht nicht sein. Aber ein Bewusstsein der eigenen Geschichte und ein Minimum an Respekt sollte wohl drin sein.

  5. Einfach traurig, dass sich diskriminierte immer gegenseitig diskriminieren und es den Machthabern auch noch leichter machen, in dem sie auf den Schwächeren rumtrampeln ._.

  6. Lieber Zaunfink,
    auch wenn ich anderer Meinung bin, möchte ich Dir meine Bewunderung zu dieser Analyse zum Ausdruck bringen!
    Allerdings bin ich einer dieser angeblich “unpolitischen Homosexuellen”.
    Angeblich, denn ich engagiere mich ehrenamtlich bei einer Sozialberatung. Als 2005 wieder einmal der Art. 14 des Grundgesetzes ein Stück ausgehölt wurde, hat sich kein CSD-Fan dazu geäußert.
    Art.14 (die freie Berufswahl) wurde erstmals wegen der Remilitarisierung ab 1955 beschnitten, um die Menschen im Rahmen der “Wehrpflicht” in Uniformen pressen zu können. Seit 2005 ist “jede Arbeit zumutbar”.
    Wo war da der Protest der ach so politischen Schwulen? Das Grundgesetz geht uns nämlich alle an, egal von welcher Seite ins Bett steigen.
    Wir leben in einer parlamentarischen Demokratie. Dort stellt die Partei den Bundeskanzler, die für ihren Kanidaten die meisten Stimmen aktivieren kann. Die Partei mit dem geringsten Stimmenanteil wird das eher nicht machen.
    In einer Mehrheitsgesellschaft läuft das so ähnlich ab. Keine Minderheit kann daher kommen und sagen: “Wir definieren hier und jetzt neue Spielregeln, an die sich alle zu halten haben.”
    Es ist aber auch richtig, dass sich die Qualität einer Demokratie daran messen lässt, wie man mit Minderheiten umgeht. Deswegen verfasse ich kaum noch Kommentare auf queer.de, da sie dort als abweichlerisch nicht freigeschaltet werden. Der Umgang mit konstruktiver Kritik will gelernt sein.
    Ist Homosexualität denn wirklich das Problem? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das nicht der Fall ist.
    Da ich eine ziemlich maskuline Erscheinung bin, fragte mich ein ehemaliger, schon stark alkoholisierter Arbeitskollege bei einem Umtrunk: “Du bist doch sicher kein passiver Schwuler.” Da wurde mir erstmals bewusst, dass man hinter meinem Rücken über mich redet. Ich kommentierte diese Bemerkung nicht und das Arbeitsverhältnis blieb ungetrübt.
    Als ich mir jedoch einen Weinberg zulegte, wurden private Mails nicht mehr beantwortet und Telefonate verkamen fast zu Monologen meinerseits. Eine abweichende Sexualität stell kein Problem dar – Besitz (hier ein verpachteter Weinberg) ruft Neid hervor (selbst wenn es nur der Neid auf den “Pachtwein” ist).
    Muss queere Sexualität “sichtbar” sein? Nein, aber das gilt auch für Heterosexualität.
    Ich erinnere mich noch an die Zeit um 1990 und die damaligen Mantafahrer-Witze. Der Mantafahrer galt als extrem dumm und oberflächlich. Dazu trug meistens noch ein Aufkleber des “Playboy-Magazins” bei. Dieser Häschenaufkleber wurde von einem Spaßvogel so verändert, dass das abgebildete Häschen ein abgeknickets Ohr hatte, dass wie ein schlaffer Penis aussah. Darunter der Text:
    “Mein Schwanz ist weich, mein Hirn ist klein
    drum zieh’ ich mir den Playboy ‘rein.”
    Der Mantafahrer wurde verspottet, weil er zugab, schlüpfrige Hefte zu lesen. Da wundert man sich heute, dass Fetischmasken nicht in der Öffentlichkeit gesehen werden wollen?
    Wer nun behauptet, in 30 Jahren müsste sich etwas verändern, sei bitte auf Abraham A Sancta Clara (1644 – 1709) und die “100 ausbündigen Narren” verwiesen. Die Menschen haben sich nicht einmal in 300 (!) Jahren geändert!!!

    • Hallo Michael, ich habe ja im Artikel schon die Gründe genannt, weshalb ich es anders sehe als du, daher möchte ich jetzt nur an einer Stelle einhaken. Du schreibst: „Als 2005 wieder einmal der Art. 14 des Grundgesetzes ein Stück ausgehölt wurde, hat sich kein CSD-Fan dazu geäußert.“

      Ich frage mich, woher du das eigentlich wissen willst. Viele CSD-Teilnehmer:innen sind auch anderweitig politisch aktiv. Nur sagen sie halt nicht unbedingt immer: „Ich protestiere gegen dies und das, und übrigens nehme ich auch an CSDs teil.“

      Oder geht deine Bemerkung in die Richtung, man hätte diesen Protest auch als Teil des CSDs selbst organisieren müssen?

      • Ich war früher gelegentlich in „Herrensaunen“, die bei CSDs grundsätzlich leerer waren als sonst. Wenn die Herrschaften wieder da waren, versuchten sie sich mit „Diskriminierungserfahrungen“ gegenseitig zu überbieten. Andere politische Äußerungen bezogen sich meistens nicht auf die Allgemeinpolitik (z.B. Auslandseinsätze der Bundeswehr o.ä.)

        Wenn ein CSD so politisch ist, sollte er auch allgemeinpolitisch sein, denn von der klammheimlichen Umwandlung unseres Staates in ein Arbeitslager des Neoliberalismus sind auch arbeitslose Schwule betroffen. Nicht alle Schwulen tragen Gucci & Co.

        In den 90er Jahren gab es Proteste einzelner Studenten an den deutschen Unis gegen das „Allgemeinpolitische Mandat der ASten“. Die Studentenvertetungen haben sich damals um alles außerhalb der Uni gekümmrt. Gut war das auch nicht (die hätten sich damals besser um die Ausstattung der Bibliothek bemühen sollen). Die CSD-Organisatoren sollten sich aber daran ein Beispiel nehmen. Nur so werden sie ihrem Anspruch gerecht!

        Die unseelige Hartz-IV-Gesetzgebung funktioniert übrigens nur deswegen, weil das dadurch entstandene Prekariat höchst heterogen ist. Ich kenne arbeitslose Akademiker, die sich wirklich für „etwas Besseres“ halten, als den arbeitslosen Arbeiter.

        Wenn sich ein CSD dauerhaft mit z.B, dem Hartz-IV-Unrecht kümmern würde, würden sich sicherlich auch andere Bevölkerungsgruppen solidarisieren. Mit Fetischvorführungen erreicht man nur das Gegenteil! Das ist keine (Allgemein)Politik.

        • „Wenn sich ein CSD dauerhaft mit z.B, dem Hartz-IV-Unrecht kümmern würde, würden sich sicherlich auch andere Bevölkerungsgruppen solidarisieren.“

          Ich hätte prinzipiell nichts dagegen, das auch beim CSD zu thematisieren, zumal queere Menschen, insbesonere leider trans Menschen, überdurchschnittlich häufig in prekären Lebens- und Arbeitssituationen landen.

          „Mit Fetischvorführungen erreicht man nur das Gegenteil!“

          Ich muss ja wie gesagt nicht alles wiederholen, was ich im Artikel ausführte. Eine Solidarität mit Einigen, die auf der Ausgrenzung Anderer beruht, sollte meiner Meinung nach nicht das Ziel des CSDs sein.

          • Na schauen wir einmal, wie sich das entwickelt. Wir beide wissen aber, dass zwischen Wunsch und Wirklichkeit oft große Lücken bestehen.
            Da ich deinen Schreibstil wirklich herausragend finde, habe ich deinen Blog abonniert – trotz der wiedersprüchlichen ansichten!

    • “Muss queere Sexualität sichtbar sein?”
      Aber NATÜRLICH. Unbedingt. Michael, beschäftige Dich bitte mal mit den sogenannten “Fünf Herrschaftstechniken” – auch Hauptunterdrückungsmechanismen genannt. Technik Nr. 1 ist das Unsichtbar machen. Technik Nr. 5, das Auftragen von Schuld und Scham, wird auch massivst gegen uns eingesetzt. Beide, wie auch die anderen drei, perfekt geeignet, um ganze Menschengruppen aus dem Blick von Gesellschaft und Politik herauszuhalten. Dagegen müssen wir SELBSTVERSTÄNDLICH angehen, und das geht nur, indem wir diese Unsichtbarkeit durchbrechen.
      Übrigens gibt es keine politische Veranstaltung, die sich gegen alle Unterdrückungsformen gleichzeitig wendet. Der CSD soll also deshalb nicht gut sein, weil er “sein eigenes Thema” hat? Er taugt nichts, weil er nicht “allgemeinpolitisch” genug ist? Und deshalb lieber gleich gar nicht erst CSDs veranstalten? Mit dieser Art Totschlagargument kannst Du alles und jeden kaputtmachen, denn es wird immer etwas geben, was irgendwer gerade als “wichtiger” erklärt. #whataboutism
      Ansonsten finde ich, ist der Aussage von fink “Eine Solidarität mit Einigen, die auf der Ausgrenzung Anderer beruht, sollte meiner Meinung nach nicht das Ziel des CSDs sein.” eigentlich kaum noch etwas hinzuzufügen.

        • Es gibt halt Menschen, die glauben, wenn für sie „alles gut“ sei, habe dies auch für alle anderen so zu gelten – klassische Grundlage für eine Entsolidarisierung. Ich selbst bin kein_e Petplayer_in, erkläre mich jedoch im Gegensatz dazu aus vollstem Herzen solidarisch.

          Es geht hier um die Grundsatzfrage einer möglichst freiheitlichen und solidarischen Gesellschaft. Eine solche Gesellschaft erreichen wir nicht mit dem Prinzip „Jede_r ist sicht selbst der_die Nächste“ und auch nicht mit der Denke „Wenn ich kein Problem habe, sollen sich Andere auch mal nicht so anstellen.“

          • Entschuldige, aber das geht nun wirklich in eine Richtung, die nicht nachvollziehbar ist.
            Bitte erlaube mir zwei Gegenbeispiele zu bringen.
            1) Ich leide unter leichter Klaustrophobie. In engen Räumen bilde ich mir ein, keine Luft mehr zu bekommen. In Aufzügen habe ich das nur, wenn sie sehr voll sind. Ansonsten weiß ich ja, dass ich schnell wieder ‚raus komme. Ein Studienkollege konnte überhaupt nicht mit Aufzügen fahren.
            Sollten wir die Solidarität aller einfordern und die Abschaffung der Fahrstühle fordern, damit wir keine Ängste in zu engen Kabinen bekommen?
            2.) Gegen meine Höhenangst habe ich mich erfolgreich desensibilisiert. Ich habe mich gezwungen, auf einen Turm mit einer Außentreppe zu steigen. Ich hätte mich auch mit anderen Menschen, die unter Höhenangst leiden, verbinden können und den Abriß aller mehrstöckigen Häuser verlangen können, nach dem Motto: Leute, seit bitte mit uns solidarisch.

            Pardon, aber solche Ängste sind sicher ernster zu nehmen, als der Wunsch, sich beim Sex zu verkleiden. Trotzdem arbeitete ich bei der Höhenangst an mir selber. Nun stelle Dir bitte die Frage, ob man sich unbedingt mit seinem Festisch zur Schau stellen MUSS.

          • „Nun stelle Dir bitte die Frage, ob man sich unbedingt mit seinem Festisch zur Schau stellen MUSS.“

            Ich stelle mir die Frage, inwiefern es die Diskussion weiterbringen soll, alle Argumente, die im Artikel stehen, hier noch einmal zu wiederholen.

        • „Nun stelle Dir bitte die Frage, ob man sich unbedingt mit seinem Festisch (sic!) zur Schau stellen MUSS.“

          Entschuldige, aber Du nimmst Dich selbst ganz offenbar viel wichtiger als alle Anderen. Wie ich ja schon einmal feststellte: es gibt Menschen, die glauben, wenn sie mit etwas (z.B. Unterdrückung durch die Gesellschaft) kein Problem haben, dürfte das auch niemand Anderes haben. Diese Art von Menschen ist mir äußerst unangenehm, und meine jahrelangen Erfahrungen in solchen Diskussionen haben gezeigt, dass keine meiner Erklärungen, keines meiner Argumente ein solch egozentrisch-verpanzertes Menschenbild aufbrechen kann.

          Wenn Du es schon nicht verstehen kannst, versuche bitte wenigstens zu tolerieren, dass es andere Menschen mit anderen Bedürfnissen gibt. DEINE Bedürfnisse, Ängste etc. sind schlicht NICHT Maß aller Dinge.

  7. Hallo Lieber Zaunfink,

    danke für den Artikel, er hat mir viele neue Perspektiven aufgezeigt.

    Kannst du eine Quellenangabe für die erste Quelle nennen?
    Ich würde diese gerne zweifelnden Menschen an den Kopf werfen ^^

  8. Eine interessante Analyse.
    Über den sexuellen Aspekt des pupplay bzw.puppy play würde ich mich mittlerweile streiten. In der letzten Zeit hat es sich vom Sexspiel zu Lifestyle gewandelt. Ein Puppy kann alles sein: schwul, lesbisch, hetero, männlich, weiblich, trans, divers. All gender welcome. Das soziale Spiel tritt in den Vordergrund. Es ist ein Ausbruch aus der Wirklichkeit. Es ist eine andere Form der Kommunikation, die Puppys, Frauchen und Herrchen, Trainer und Handler sich gemeinsam schaffen. Grenzen der Körperlichkeit werden neu gezogen. Ohne das es gleich Sex ist.
    Die üblichen Vorurteile und erlernten Verhaltensmuster eines Menschen werden in Frage gestellt. Das ist meiner Meinung nach wohl das Irritierende an pupplay.

    • „Ausbruch aus der Wirklichkeit“? bislang habe ich einen solchen Erklärungsansatz nie ghört. So ein Verhalten wäre auch problematisch, denn auch dadurch könnte ein psychisches Problem entstehen.

      Noch eine Frage bitte: Was heißt „Akamaru“?
      Canis kenne ich noch aus dem Lateinuntericht – Hund…

      • Ich habe kurz gezögert, diesen Kommentar von Michael freizuschalten. Eigentlich möchte ich nicht, dass Menschen, deren Sexualität bzw. Freizeitverhalten nicht den gängigen Normen entspricht, sich auch hier im Forum schon wieder gegen bauchgefühlige Spekulationen verteidigen müssen, was die angebliche Gefährlichkeit oder Pathologie ihres Handelns angeht. Eigentlich ist es schlimm genug, dass sie (bzw. wir) das schon überall sonst müsssen.

        Ich habe mich entschieden, den Kommentar freizuschalten, weil es vielleicht aufschlussreich sein kann, auch hier einmal sozusagen „live“ mitzuerleben, was so oft passiert, sobald jemand es wagt, öffentlich über nicht-normgerechtes Verhalten zu sprechen: Akamaru Canis hat sich dankenswerterweise bemüht, die psychologischen Mechanismen von pup play darzustellen, damit auch Nicht-Betroffene sie vielleicht besser nachvollziehen können. Und sofort kommt ein Mensch, der, so schließe ich aus der Reaktion, wenig über dieses Thema weiß, mit der Meinung daher, dass das doch bestimmt „gefährlich“ ist – statt einfach mal näher nachzufragen, was er noch nicht verstanden hat.

        Ich möchte hier eine Diskussion ermöglichen, die Aufklärung erlaubt. Das würde leider schwierig, wenn hier schon wieder vor allem das „Anti-Fetisch-Bullshit-Bingo“ durchgearbeitet würde und sich die Leute, die sich gern dieser Aufkärung widmen wollen, befürchten müssen, schon wieder zur Zielscheibe von Ressentiments zu werden und sich vor allem an diesen abarbeiten zu müssen, statt ihre Lebenswelt frei schildern zu können.

        Wenn den Menschen etwas Unbekanntes begegnet, haben sie im Groben zwei Optionen: Angst und Neugier, oder eine Mischung aus beidem. Emotionale Abwehr des „Fremden“ ist keine Naturkonstante. Die Frage ist für mich also nicht, warum es möglicherweise total gefährlich sein könnte, wenn erwachsene Menschen miteinander spielen, sondern, warum sich Menschen, was (nicht nur) Fetisch angeht, eher für Abwehr entscheiden als für Neugier.

        Dabei geht es mir nicht mal so sehr um eine persönliche Schuldzuweisung, auch wenn es natürlich eine individuelle Verantwortung gibt, sich mit den eigenen Vorurteilen zu beschäftigen. Ressentiments gegen Fetisch bastelt sich ja niemand allein zusammen, sondern die werden gesellschaftlich vorproduziert. Soll heißen: Ich möchte hier lieber über die Ursachen von Ressentiments sprechen als diesen Ressentiments einfach noch mehr Raum zu geben und zu riskieren, dass sich die Opfer dieser Ressentiments auch aus diesem Raum hier zurückziehen oder gar nicht erst auftauchen.

        Mal so als Serviervorschlag: Ich wünsche mir mehr Beiträge von Leuten, die etwas über Fetisch wissen, und von Leuten, die mehr darüber wissen WOLLEN. Kriegen wir das hin?

        • Lieber fink, vielen Dank für diese Antwort! Ich hätte sonst tatsächlich meinen Ärger noch wesentlich massiver kundtun müssen. Es ist nämlich genauso, wie Du schreibst: je mehr repressive Kommentare in einem Thread auftreten, desto mehr verleidet es mir, diesem weiter zu folgen, da man immer wieder gegen die gleichen Windmühlen ankämpfen muss und das unheimlich ermüdend ist. Als hätten wir nicht schon genug Minority Stress.

          Minority Stress kann man übrigens googeln – genau, wie man Akamaru googeln kann. Man sollte das Internet nicht nur dazu nutzen können, um Ressentiments, Ängste und Hass zu verbreiten, sondern mindestens auch, um sich zu informieren. Dass natürlich so manche_r Letzteres hintanstellt, weil er_sie gar nicht dazulernen WILL, sei mal dahingestellt.

      • Trotzdem noch kurz zu deinen ängstlichen Spekulationen, Michael: Ich weiß gar nicht, wie oft ich den Satz höre „Heute abend möchte ich einfach mal abschalten.“ Menschen tun alles Mögliche, um „aus der Wirklichkeit auszubrechen“. Wir sehen uns Filme an, lesen Romane, spielen PC-Spiele. Soll das auch alles gefährlich sein? Oder gehört es nicht sogar zur „Psychohygiene“, sich gelegentlich in andere soziale Rollen und Positionen zu begeben als die alltäglich auferlegten?

        Ich kann mir sogar vorstellen, dass Erwachsene, die miteinander puppy spielen, immer noch mehr von sich selbst und ihrer Lebendigkeit spüren als Menschen, die sich mit Freund:innen vor ein Fußballspiel setzen und Bier trinken. Wenn ich es richtig verstehe, geht es dabei gerade darum, andere Seiten von sich selbst kennenzulernen, also nicht einfach nur „aus der Wirklichkeit auszubrechen“, sondern sozusagen „in eine andere Wirklichkeit hineinzukommen“.

        Aber vielleicht mag das eine kompetentere Person als ich noch weiter ausführen.

        Fun fact: Als Unterhaltungsromane erstmals beliebt wurden, vor allem bei Frauen, hieß es: Jetzt werden die Frauen verrückt, sie werden sich in Phantasiewelten flüchten und mit der Wirklichkeit nicht mehr klarkommen! Auf empirische Belege für diese massenpsychologische Katastrophe warten wir noch …

      • Dann ist Dir aber ein wesentlicher Aspekt von Petplay im speziellen und devianter Sexualität allgemein ziemlich entgangen bisher 🙂
        Vorweg: Es geht nicht (primär) um Sex, wie ihn Vanillas vielleicht verstehen. Es geht um Intimität, sinnliches Erleben aller Art. Für sich selbst und mit den Partnerpersonen. Die Fetische/Vorlieben sind Hilfsmittel, die aus unbekannten Gründen einen besonderen sinnlichen Reiz ausüben.
        Der kleine Eskapismus im Petplay (Puppy, Pony, Katze, whatever) und anderen Spielarten ist vergleichbar dem Gefühl, beim klettern, angeln, Motorradfahren, kochen, tanzen, wasauchimmer, den Kopf frei zu kriegen. Bloss dass dies – mehr von aussen – mit Sexualität assoziiert wird.
        Fun fact: Die meisten Petplay-Aktivitäten sind so sexuell wie eine Yoga-Stunde, aber genau so entspannend (oder anstrengend wie ein Marathon).
        Wir – ich bin Pony und Ponytrainer:in – kommen „in den Space“. Die Sportler:innen nennen es „The Zone“, Künstler:innen „Flow“, usw.
        Alles das gleiche. Und die reichliche Anzahl Petplayer:innen, Bondage:fans, BDSMer:innen in meinem Umfeld hat jedenfalls keine Probleme, sich darin zu verlieren. Psychische Probleme haben in der Regel andere Ursachen, genau wie bei Vanillas (= nicht-SMigen Menschen) auch.
        D.h. wenn überhaupt Problem, dann ist normalerweise ist nicht BDSM/Fetisch/Petplay die Ursache, sondern maximal die Auswirkung, Sidestep, Ausweg eines anderen Problems, das unabhängig davon angegangen werden muss.
        Und noch eine Beobachtung: Die meisten BDSM/Fetisch/Petplay-Menschen, die ich kenne (seit >25 Jahren) sind viel sensibler für ihre Gefühlslagen und eher bereit, sich aktiv Hilfe zu suchen, als die Restbevölkerung.
        Aber vielen Dank für Deine Sorge um uns 🙂

      • Zu Nachlesen https://pupplay.de/fbq/
        Ausbruch aus der Wirklichkeit: klar. Der eine Mensch säuft, der andere kifft. Einer betreibt Sport stundenlang, ein anderer holt sich den Sekundenkick.
        Das Puppy begibt sich in den Headspace, seine Gedankenwelt. Die Maske ist dazu der Trigger. Ein Hund kennt keine Vergangenheit, keine Zukunft keine Sorgen. Es gilt das Spielen, die Interaktion im Jetzt, mit der Rute wedeln, sich kraulen lassen, Kekse erbetteln. Rumwuffeln halt. Jedes human Puppy bestimmt selbst, wie weit es sich hineinfallen lässt. Das bestimmt kein Herrchen, kein Trainer, kein Handler. Die unterstützen allenfalls beim Puppy sein. Das ist der große Unterschied zu einem klassischen Master-and-Slave-Rollenspiel. Jedes Puppy bestimmt selbst, wie nah es ein anderes an sich herankommen lässt. Wie echte Hunde auf einer Wiese eben, da fickt auch nicht jeder Hund mit jedem.
        Psychische Probleme möchte ich nicht kleinreden. Manche Puppys sind besonders sensibel. Wir haben ein Beratungsangebot. https://pupplay.de/need-a-paw/
        Manche empfinden, meinem Eindruck nach, Pupplay als Befreiung, weil sie selbstbestimmt agieren können, ohne Erwartungen eines anderen erfüllen zu müssen. Keiner muss seinen Mann stehen, keiner muss sich festlegen.
        Akamaru ist mein Puppyname. Canis heißt es nur, weil Facebook Vorname und Nachname haben möchte.
        Akamaru ist der Hund und beste Freund von Kiba Inuzuka aus Naruto. Akamaru kann Chakra (Geist-Energie) riechen und so vor Gefahren, schlechter Stimmung, Falschheit, warnen.
        Aka heißt rot, -maru ist eine männliche Namensendung.
        Okay, rot ist meine Hankyfarbe. Zum Pupplay bin ich gekommen, weil ich kein Slave mehr sein wollte. Ein Hund wird nicht geschlagen.
        Nach Fragen?

    • Ich will mich NICHT streiten. ;-) Möchte allerdings grundsätzlich anmerken, dass auch Dinge, die nicht „wie Sex aussehen“, Sex SEIN können. Der Sex passiert nämlich hauptsächlich im Kopf. Warum ich das erwähne? Mir haben tatsächlich schon des öfteren Leute gesagt, für sie sei nur Ficken Sex. Ich sehe das halt ein bisschen anders :-)

      Noch ein Wort zum Begriff „das Irritierende“. Immer wieder zeigen sich Leute durch verschiedenstes Verhalten anderer Menschen, das sie selbst nicht praktizieren, „irritiert“. Ich will nicht behaupten, dass es mir selbst noch nie so gegangen sei. Jedoch kann ich einfach nicht verstehen, was an den Petplayer_innen nun derart extrem irritierend sein soll. Vielleicht bin ich einerseits zu harmlos oder andererseits zu abgebrüht – aber das irritiert mich einfach nicht. Ist da nun was falsch mit mir? Muss ich an meinem normativen Weltbild arbeiten, damit mich das wenigstens ordentlich irritiert? ;-)

    • Sehr verdienstvoll, auf diesen blinden Fleck im queeren Auge hinzuweisen! War es damals vor 50 Jahren nicht die Flucht nach vorn, der Verzicht auf spießige Rücksichtnahme, das Ende des Sich-Einschüchtern-Lassens? Fingen die Schwulen in Deutschland nicht an, das schlimmste Schimpfwort stolz für sich zu benutzen, nämlich „schwul“? Das flüsterte man nur hinter vorgehaltener Hand. Ich habe es selber im „Spund“ mitbekommen, wie sie das Wort gekapert und seine Bedeutung umgedreht haben. Genau diese Haltung ist es doch, die der CSD feiert! Nicht das Duckmäusertum gegenüber den „Normalen“. Bravo für diesen Artikel.

    • Vielen Dank für deinen Kommentar, Akamaru. Dass puppy play nicht immer Sex im engeren Sinne ist, war mir schon bewusst, aber ich bin doch bis vor kurzer Zeit fälschlicherweise davon ausgegangen, dass es zumindest um eine im weitesten Sinne „erotische“ Geschichte geht. Gut, dass du darauf hinweist, dass das gar nicht immer der Fall ist.

      Ich danke dir vor allem, dass du hier schilderst, wie die Psychologie von puppy play funktioniert. Ich habe zwar keine eigenen Erfahrungen mit Petplay, aber diese Mechanismen kann ich für mich ganz gut nachvollziehen.

      Ich würde mich freuen, wenn du oder andere noch mehr aus eigener Erfahrung berichten würde, sei es, was pet play angeht, sei es, was Erfahrungen auf dem CSD angeht.

      • Meine erste CSD-Erfahrung war 1997 in Köln. Als Pony mit Partner:in und anderen als Mini-Grüppchen. Über die Vernetzung mit anderen hat sich daraus eine ziemlich regelmässige Teilnahme der Petplayer:innen aller Spezies bei vielen CSD-Demos ergeben, meistens bei den nichtkommerziellen SM-Gruppen eingereiht.
        Irgendwelche Probleme gab es immer. Wir hatten “Sicherheitsbedenken” wegen der Sulkies, Anranzer oder Verbotsversuche wegen der Masken, der “gewalttätigen Outfits” – Halfter, Lederharnesse, Maulkörbe – seitens der Orga, Beschwerden von anderen Gruppen über unsere Anwesenheit, die sich dann als Fotoneid herausstellten, usw. Und Probleme mit Leuten aus dem Publikum, die in die Zügel greifen oder tatsächlich mit der Hand oder einer schnell entrissenen Gerte zuschlagen. “Als Witz”.
        Deshalb haben wir von vornherein immer Flankenschutz organisiert. Auch wenn wir mit dem Publikum rumschäkern ist immer klar: Ponys müssen selber auf den Verkehr und die Menschen achten. Nehmt kein Metallgebiss, das euch eine übermütige Person durch die Zähne reisst. Lass die Zügel locker. Puppies passt auf eure Pfoten auf, usw.
        Also für uns war CSD-Demo trotz viel Fun keine Spielsession, sondern gewollte Sichtbarkeit von Vielfalt. Sich in die Öffentlichkeit trauen, zeigen wie kompatibel und unproblematisch wir sind. Mit vier Sulkies durch die Innenstadt fahren – einmal wegen einer Sperrung auch durch den ganzen Hauptbahnhof – hat allerdings zugegebenermassen schon was von Stinkefinger gegenüber jenen, die am liebsten jede Sichtbarkeit von anderen verbieten würden.
        Übrigens waren und sind die Petplaygruppen, die ich kenne alle äusserst divers. Wir hatten schon immer das gesamte LGBTQIA*-Spektrum dabei, plus Heteromenschen, auch wenn es einigen nicht auf Anhieb “anzusehen” war.
        Fragen zu Petplay allgemein oder speziell? Gerne. Ich bin erreichbar und leite auch gerne weiter.

        • Ich möchte gern noch mal nachfragen, Kai. Habt ihr auch Erfahrungen damit gemacht, dass Leute vom Straßenrand oder aus der Parade auf euch zukamen und Fragen stellten? Oder habt ihr selbst Gespräche begonnen, wenn sich das ergab? Welche Erfahrungen oder Beobachtungen hast du / habt ihr da gemacht?

          Ich freue mich übrigens, dass du dich hier als Ansprechperson anbietest. Die Webseite, die du unter deinen Kommentarnick gesetzt hast, ist allerdings (für mich zumindest) nicht anklickbar bzw. öffnet sich nicht. Vielleicht möchtest du eine Kontaktmöglichkeit ergänzen.

        • Und gerade fällt mir noch etwas ein, Kai. Du hast Probleme seitens der Orga und anderer Gruppen angedeutet. Magst du vielleicht ein bisschen ausführen, was da konkret problematisiert wurde? Es geht mir nicht darum, unbedingt Schauergeschichten zu hören, die meine Ausgrenzungsthese gestätigen, sondern darum, die Dimensionen dieser „Probleme“ besser einordnen zu können. Gerne kannst du natürlich auch erzählen, wo es evtl. mal ohne Probleme ablief.

          • Oh, da hab ich einen Fehler bei der Website gemacht. http://pets-de.org (ohne SSL). Kontakt gerne über pets@pets-de.org.

            Fragen während des CSD im Zug eher nicht. Dafür geht es da zu schnell und ist zu laut. Ziel ist da eher, ein positives Bild abzugeben, mit den Zuschauenden zu sckäkern. Ponys und Hunde sind durchaus Sympathieträger. Gerade mit den Pony-Gespannen werden immer gerne Fotos gemacht.

            Vorab: Bei den allermeisten CSDs, von denen ich weiss und bei denen ich seit 1997 dabei war, gab es keine Probleme. Ich habe aber auch nur den Blick als Mitdemo-Mensch. Mein Orga-Anteil bestand im Kontakt zu den lokalen, nichtkommerziellen BDSM/Fetisch-Gruppen (Köln, Berlin, Hamburg), die sich da offiziell angemeldet hatten, und ein bisschen Logistik für die Petplay-Menschen. Ob und wie andere Fetischgruppen Probleme hatten, weiss ich nicht.

            Die Sache mit den „gefährlichen Kutschen“ war in Köln. Es kann sein, dass das ein Jahr nach einem tödlichen Unfall war, wo eine Person von einem Paradewagen überrollt worden war. Die Ansage „keine Kutschen“ hat sich dann als Ente herausgestellt, weil sie große Kutschen mit echten Pferden meinten, nicht Sulkys mit Zweibeinern davor. Paradewagen mit echten Pferden wären meiner Ansicht nach tatsächlich ein viel zu großes Risiko. Von der Tierquälerei ganz abgesehen. Wie die Tiere bei der Menschenmenge, der Lautstärke etc reagieren ist wirklich kaum abzuschätzen.

            Aber wir Zweibeiner haben mit echten Pferden nix zu tun. Wir fahren langsam, gehen nicht panisch durch und haben eh immer andere Menschen als Flankenschutz rechts und links um die Gigs und Sulkies, um niemandem über den Fuss zu fahren und aus Selbstschutz.

            In mehreren Jahren gab es die Ansage „Keine Fesseln, keine Knebel“. Dahinter stand meines Wissens die Absicht, keine „Gewaltinszenierungen“ zu zeigen. Mir ist weder aus den Pony/Petplay-Grüppchen, noch von den BDSM-Gruppen die ich kenne bekannt, dass es je tatsächlich Konflikte wegen den Outfits gegeben hätte, trotz Seilfesselungen, Ponyhalftern, etc. Ich denke, es liegt daran, dass die Menschen, die ich so kenne, auf den Demos sichtbar positiv, offen und fröhlich sind.

            In Hamburg hatte sich einmal eine – angeblich mehrere – Gruppe bei der CSD-Orga über die BDSM/Fetisch/Petplay-Gruppe mokiert, die unter der Anmeldung von Schlagwerk Hamburg e.V. dabei war. Vordergründig ging es ihnen darum, dass wir zu bunt, zu hetero aussahen. In einem Gespräch wurde dann geklärt, dass die BDSM-Gruppe erstens ziemlich vielfältig aus dem LGBTIQA*-Spektrum war – Orientierung und Gender sind nicht so offensichtlich – und zweitens solidarisches Mitdemonstrieren mit dem ausgegebenen Motto eindeutig gewünscht war. Meines Wissens ist das auch in einem Artikel dokumentiert. Hinnerk glaube ich. Zwischen den Zeilen kam dann raus, dass die beschwerdeführenden Gruppen etwas sauer waren, dass ihrer Meinung nach nur die Pferdchen und schicken Bondagesachen fotografiert wurden, statt der politischen Transparente.

            Bei der An- und Abfahrt hatten wir häufiger mal Begegnungen mit Menschen abseits der Demo. Einige waren überrascht, andere haben Fotos gemacht, aber auch da habe ich keine negativen Erinnerungen. Lustig war ein Jahr in Köln. Wir mussten nach der Parade wegen einer Baustelle mit vier Ponygespannen einmal durch den ganzen Hauptbahnhof, in dem normaler Reisebetrieb war. Nachfrage bei der Polizei, die vor dem Eingang stand ergab die Antwort „einfach kräftig wiehern, dann machen die schon Platz“.

          • Noch mal danke, Kai.
            „In mehreren Jahren gab es die Ansage ‚Keine Fesseln, keine Knebel‘.“
            War das seitens der Veranstalter:innen oder intern in euren Gruppen?

    • Danke auch, dass du den Blick darauf lenkst, dass pup play keine rein schwule Angelegenheit ist. Auch das wird in den Diskussionen gern mal übersehen bzw. ignoriert.

  9. Vielen Dank für diesen einmal mehr klugen und treffenden Beitrag! Ich habe mich auch gewundert, wie schnell die Diskussion auf queer.de abdriftete und was dabei so zum Vorschein kam. Die Bereitschaft, zu reflektieren, was einen womöglich irritiert, Angst auslöst etc. und warum das so sein könnte, ist offenbar bei vielen nicht besonders stark ausgeprägt.

    Ein Gedanke noch zum Ausgangspunkt: Ich halte es für keineswegs zufällig, dass das polizeiliche Einschreiten immer wieder die Petplayer – nicht aber etwa die kaum leichter zu identifizierenden Drags – trifft, und dass man dabei sogar klare rechtliche Vorgaben missachtet. Vielmehr spricht m.E. viel dafür, dass Polizisten genau den spielerischen Umgang mit Macht und mit der Frage, ob eigentlich Herr oder Hund nun der Inhaber der Macht ist, nur schwer ertragen. Manch einer wird den Job nicht zuletzt, wenn auch eher unbewusst wegen der damit vermeintlich verbundenen Macht gewählt haben. Diese ist ja stets ein Mittel ist, sich zu entängstigen und die Angst auf die andere Seite zu verschieben. Wenn aber jemand so einem Menschen nun vor Augen stellt, dass Macht (egal ob ausgübt oder erfahren, egal ob real oder fantasiert) nicht nur mit Angst, sondern auch mit Lust verbunden sein kann, dass nicht einmal klar ist, wer überhaupt der Mächtige ist gerät das Selbst- und Weltbild verstörend ins Wanken. (Ist es z.B. der Polizist, der den an die Schienen geketteten Demonstranten wegträgt? Oder ist es der Demonstrant, der mit seinem Handeln den Polizisten zum diesem Vorgehen „zwingt“?) Was tut man also? Man versichert sich fix seiner eigenen Macht, indem man sie ausübt – koste es was es wolle und sei das Vorgehen auch rechtswidrig und ein skandalöser Verstoß gegen Grundrechte.

  10. Danke auch für diesen Text!
    Als ich die Posts unter dem Artikel las, bekam ich sofort ein Deja Vu. Hatte ich mich doch bereits vor über zwanzig Jahren mit schwulen Männern darüber gestritten, warum Lederkerle zum CSD gehören. Als Gegenargument kam jedesmal, dass das die „Normalos“ abschrecken und wir so niemals Gleichberechtigung erreichen würden. 🙄
    Aber so schön ausdifferenzieren wie Du konnte ich das nicht.
    Bis jetzt. 😁
    Als noch mal, vielen liebe Dank dafür!

    • Mich überkommt ja auch immer häufiger das Gefühl, dass wir seit Jahrzehnten immer wieder die gleichen Diskussionen führen. Aber vielleicht muss man das wirklich in jeder Generation aufs Neue…

  11. Ein schöner Artikel, danke. Und ich weiß jetzt wieder, warum ich immer noch zögere, queer.de regelmäßig mit Geld zu unterstützen: Deren Kommentarblase ist zu Aces und Lesben und Autorinnen von homoerotischer Fiktion nur marginal ziviler als zu BDSM-affinen Menschen und Petplayern
    Ich hab zwar gelegentlich auch Fotoneid und finde anderer Menschen Geschlechtsteile jetzt optisch nicht so ansprechend, dass ich sie auf nem Wagen an mir vorbeigefahren kriegen muss, aber Tierchen und Pläsierchen und so. Ich will ja auch, dass meine Noobs mich sehen, also müssen andere Noobs was anderes sehen. Ansonsten finde ich es halt medizinisch bedenklich, wenn wer bei 30 Grad im Schatten mit nem Ganzkörperlatexteil rumläuft, aber die Leute sind hoffentlich erwachsen und müssen das selbst wissen.
    Wichtiger finde ich noch diesen Satz: „Macht und Gewalt sind allgegenwärtige, aber hochgradig tabuisierte und meines Erachtens nur sehr unzureichend reflektierte Aspekte unseres Alltagslebens.“
    Das ist extrem wahr. Wir sollten uns dringend mal darüber unterhalten, was Macht und Rang ist, wie wir uns Macht sichern, den eigenen Rang bestätigen und derlei. Vielerlei verbale Rang-eleien im Internet und anderswo könnten derartig auseinandergenommen werden.

    • So ist es, Carmilla. Es hat ja schon eine gewisse Ironie, wenn Menschen, die Fetisch und BDSM unsichtbar machen und ausgrenzen wollen, dabei selbst ganz selbstverständlich gesamtgesellschaftliche Statusgefälle, Community-interne Aufmerksamkeits- und Abwertungs-Hierarchien und ggf. eigene Machtpositionen (z.B. als Orga-Team) nutzen, das aber dann begründen mit „SM – igitt, das ist doch Gewalt!“ Eine selbstkritische Machtreflexion täte da gut.

  12. A propos… Kai, den ich auch ziemlich gut kenne und sehr schätze, hat mir den Weg zum PetPlay geebnet, so dass ich stolze Besitzerin eines Ponys war. Angefügtes Link zeigt ein kleines Video, das deutlich macht, was für eine Dressurleistung es sein kann, ein Pony nonverbal zu einem gewünschten Verhalten hin zu lenken.

  13. Vielen Dank für diesen Artikel! Anlässlich des CSD Berlin hat sich auf Twitter eine unschöne Diskussion darüber entsponnen, ob Nackte auf dem CSD sein müssen und ob Nacktsein überhaupt “queer” wäre. Dieser Artikel bringt alle Argumente auf den Punkt, weshalb natürlich auch Nackte dazugehören.
    Interessanterweise wollte niemand mit mir darüber diskutieren, WARUM sie die Nacktheit anderer als “unangenehm” empfinden. Ich vermute aber stark, dass es hier auch nur um ein Schamgefühl geht, das mehr über den aussagt, der sich beschwert, als über die Nackten.

  14. Laut queer.de hat eine Sprecherin der Polizei Aachen mittlerweile das Maskenverbot beim CSD als ein „bedauerliches Missverständnis“ bezeichnet. Bei der nächstjährigen CSD-Anmeldung werde das Tragen von Pet-Play-Masken „nach einer Prüfung des Einzelfalls“ genehmigt werden, sofern es „ausdrücklich angemeldet“ werde. [Link]

    Das ist eine bemerkenswerte Erklärung. Wenn der Tatbestand des Vermummungsverbotes in diesem Jahr nicht erfüllt war – und nach geltender Rechtsprechung generell nicht erfüllt ist –, dann wird das auch im nächsten Jahr nicht der Fall sein. Auf einer gesonderten vorherigen Anmeldung zu bestehen, ist eine weitergehende Missachtung der rechtlichen Situation durch die Aachener Polizei. Bürger:innen müssen Rechte, die sie haben, nicht „vorher anmelden“ und durch die Polizei genehmigen lassen. Im Gegenteil bedürfen evtl. Vorgaben oder Einschränkungen seitens der Polizei einer Begründung, die hier eindeutig nicht vorliegt.

    • Im Kommentarbereich schreibt jemand, beim CSD in Wiesbaden hätten sich alle Maskenträger:innen ausweisen und mit und ohne Maske fotografieren lassen müssen. Beim CSD in Aschaffenburg habe es ebenfalls „eine längere Diskussion“ mit der Polizei gegeben.

      • Insbesondere, was Wiesbaden betrifft, sehe ich da einen schweren Eingriff in die persönliche Freiheit eines_einer jeden im Sinne des (sogar prophylaktischen) Führens einer „Rosa Liste“.
        Solches Verhalten ist ungesetzlich – das wurde ja nun eindeutig festgestellt -, und es verstößt somit ganz klar gegen die Grundsätze unserer Rechtsstaatlichkeit.
        Der Schritt von der Rosa Liste zum Rosa Winkel ist kleiner, als sich so manche_r vorzustellen vermag.

  15. Heute lese ich, dass die Polizei in Siegen CSD-Teilnehmer:innen davon abgeraten bzw. sie sogar davon abgehalten hat, einander in Sichtweite eines Nazis-Standes, der da als Gegenprotest aufgebaut war, zu küssen, weil das von den Nazis als „Provokation“ aufgefasst werden könnte. Statt die Freiheit der Bürger:innen zu schützen, schützt die Polizei Nazis vor „Provokationen“. Ich kann zwar die Motivation der Polizei verstehen, womöglich gewalttätige Eskalationen zu verhindern, aber es ist doch sehr ernüchternd, das zu lesen. [Link] [Link]

    • Auf FB hat jemand den Artikel kommentiert, der sagt, er sei der Veranstaltungsleiter.
      „Hallu! Im übrigen bin ich der Mensch der die AStA Veranstaltung geleitet hat und im Gespräch im der Polizei stand. Aussagen wie „es geht mir tierisch auf die Nerven, dass Menschen sich vor dem III. Weg küssen“ sind definitiv nicht deeskalierend. Menschen den Wechsel der Straßenseite zu verhindern auch nicht. Und Menschen nicht auf den nachhause Weg zu lassen auch. Alle 3 Sachen habe ich leider erleben müssen. 💁🏻‍♂️„

      Was zur Hölle war da los?

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