Kontrast-Tunten

Nähmen wir es ernst, dass „typisch männliches“ Verhalten durch Gene und Testosteron unausweichlich vorbestimmt sei, glaubten wir also wirklich, Männlichkeit sei etwas von der Natur vorgegebenes, dann müsste doch erstaunen, dass unsere Gesellschaft der allmächtigen Natur, die sie da beschwört, keinen Millimeter weit traut. Statt einfach abzuwarten, dass sich diese Männlichkeit schon von selbst genau so entwickeln würde, wie die Natur es doch angeblich vorgibt, behandeln wir Männlichkeit wie ein fragiles und störungsanfälliges Konstrukt, das täglich und überall proklamiert, gefördert, gefeiert, repariert, poliert und in Form gehalten werden muss, damit es nicht krachend in sich zusammenfällt wie die auf schwebenden Luftballons errichteten Bauwerke in Angry Birds.

So durchzieht eine ideologische Dauerberieselung unseren Alltag, in der wir permanent erklärt bekommen, wie das denn genau funktioniert mit dieser Männlichkeit – explizit oder unterschwellig, ausführlich oder im Detail, mit Verlockungen oder mit Strafen kombiniert. Das ist offenbar notwendig, damit die Zielgruppe ihre ureigene männliche Natur nicht tragisch missversteht, auf die falsche Weise auslebt oder sie versehentlich irgendwo liegenlässt und nicht wiederfindet. Ein besonders populäres und effektives Medium dieser Dauerkampagne ist der Film. Filme sind unsere Mythen. Sie erklären uns die wahre Beschaffenheit der Welt und unsere Rolle in ihr, und sie prägen unsere Weltsicht vermutlich tiefer und nachhaltiger als jedes andere Medium.

* * *

Seit ich bewusst darauf achte, bemerke ich in Filmen immer häufiger eine Figur, die ich die Kontrast-Tunte nennen möchte. Offensichtlich kommt kaum ein Film, der uns erzählen will, wie Männlichkeit funktioniert, ohne diese Figur aus.

Die Funktion der Kontrast-Tunte besteht darin, die ohnehin schon überbetonte Männlichkeit des Helden durch ein möglichst starkes Negativbild noch weiter zu erhöhen. Sie verbildlicht uns die gescheiterte Männlichkeit und führt vor, was der Held nicht sein darf. Nicht immer muss es sich bei der Kontrast-Tunte um eine ausdrücklich homosexuelle Figur handeln. Vor allem geht es darum, Attribute der „Unmännlichkeit“ vorzuführen. Diese sind allerdings exakt dem Repertoire entnommen, das traditionell auch eingesetzt wird, um die Homosexualität einer männlichen Figur zu unterstreichen oder sie zumindest anzudeuten. Das können eine näselnde Stimme und eine affektierte Sprechweise sein, eine exaltierte Gestik, ein schaukelnder Gang, ein schrilles Lachen und eine übertrieben modische oder „weibliche“ Kleidung. [1] Besonders beliebt, weil auch bei stummen Nebenrollen schon auf den ersten Blick erkennbar, ist ein Augen-Make-up. All diese Attribute können einzeln oder in verschiedenen Kombinationen eingesetzt und je nach Bedarf von subtil (Irgendwas stimmt doch nicht mit dem Typen) bis plakativ (Iiih, ’ne Tunte!) gedimmt werden.

Nun ist es nicht so, dass ich gesteigerten Wert auf Lichtspielproduktionen lege, in denen stereotype Männlichkeit abgefeiert wird und ich deswegen dauernd in Macho-Filme renne. Ich hätte zwar gern eine Welt, in der man Schulungen zu Geschlechterrollen nur dann erhält, wenn man sie schriftlich beantragt. Aber so läuft’s halt nicht. Man kriegt sie einfach ungefragt um die Ohren geklatscht, und man weiß es nicht immer vorher. Hier also ein paar Beispiele aus meiner eigenen Filmerfahrung.

Cleopatra

Ein relativ frühes Beispiel einer Kontrast-Tunte finden wir in Cleopatra, dem bekannten Monumentalfilm von 1963. Dem Titel zum Trotz erzählt der Film gar nicht die Perspektive der weiblichen Protagonistin, sondern kreist vielmehr um die Machterhaltungs-Strategien Cäsars, denen Cleopatras Leben untergeordnet bleibt. Schon in Cleopatras erster Szene wird die Hierarchie mit einem beeindruckend misogynen (und wohl nur deswegen berühmt gewordenen) Bild klargestellt: Die Herrscherin erscheint nicht aufrecht gehend im Raum, sondern horizontal, eingerollt in einen Teppich, aus dem Cäsar sie mit einem kraftvollen Ruck herausrollt. Während Cleopatras Sklave sie weihevoll als Königin göttlicher Abstammung vorstellt, liegt sie zu Cäsars Füßen auf dem Boden. Die grobe Demütigung der Figur schon in ihrer ersten Szene ist natürlich kein Zufall. Den gesamten Rest des Films wird der männliche Held damit beschäftigt sein, die ägyptische Königin auf ihren untergeordneten Platz zu verweisen. Selbst die grotesk übersteigerte Machtdemonstration, die Cleopatra beim Einzug in Rom abliefert, muss in einer tiefen Verneigung vor dem erhöht stehenden Cäsar enden. [Video]

Um die überlegene Männlichkeit des Helden herauszustreichen, hat die stete Herabsetzung der Protagonistin allerdings offenbar nicht ausgereicht. Schon in einer der ersten Szenen des Films muss eine tuntige Männerfigur dafür herhalten, die von Charlton Heston Rex Harrison in der Hauptrolle zelebrierte Männlichkeit drastisch zu kontrastieren. Bei der Begrüßung am ägyptischen Hof stolziert Cäsar breitbeinig herum wie jemand, dem das ganze Universum gehört. Neben Ptolemaios‘ Thron steht der stark geschminkte und mit näselnder Stimme sprechende Hofkämmerer. Seine affektiert gedrechselten Formulierungen werden nicht nur von Cäsar, sondern auch von allen anderen ständig unterbrochen: Einem Mann, der nicht redet wie ein Kerl, muss auch niemand zuhören. Cäsar kann sich eine süffisante, bewusst demütigende öffentliche Anspielung auf die Kastration des Kämmerers und „obersten Eunuchen“ nicht verkneifen.

Die Figur des Kämmerers vereint also mehrere typische Attribute der Kontrast-Tunte. Bemerkenswert ist, dass er zwar kurz mit einer Sprechrolle in den Vordergrund tritt, aber im weiteren Verlauf überhaupt nichts zur Handlung beiträgt. Seine Rolle dient allein dazu, in der Vorstellungssequenz Cäsars überlegene Männlichkeit zu kontrastieren. Des Kämmerers hilflose Steifheit hebt Cäsars raumgreifenden Auftritt hervor, sein geschminktes, weiches Gesicht Cäsars naturbelassen kantige Züge. Ist Cäsar am Anfang des Films noch kinderlos, kann er sich dennoch im Vergleich zum kastrierten Kämmerer als potenten Mann inszenieren; später wird er in einer der bekanntesten Szene der Filmgeschichte mit angemessenem Pathos seine erfolgreiche Reproduktion in die Welt brüllen („Ich habe einen Sohn!“). Des Kämmerers Impotenz und Tuntigkeit stecken anfangs den Nullpunkt im Koordinatensystem der Männlichkeit ab, über den Cäsars Potenz, verknüpft mit patriarchaler Macht, später umso höher auftrumpfen kann. Die einzige Funktion der Rolle des Kämmerers ist diese negative Spiegelung der Hauptfigur.

Mad Max

Nicht jede Kontrast-Tunte muss unbedingt durch „weibisches“ Verhalten auffallen. Toecutter, der böse Gegenspieler in Mad Max, tritt so machtbewusst und gewaltfreudig auf, wie sich das für einen echten Kerl in der Nachapokalypse gehört. Allerdings mischen sich gerade in seine Machtdemonstrationen seltsame homoerotische Andeutungen. Während Toecutters ersten Auftritts streicht ihm ein Lakai zweimal die Haare aus der Stirn; in einer späteren Szene steckt Toecutter dem selben Lakaien einen Gewehrlauf in den Mund und flüstert dabei aus nächster Nähe in sein Ohr. In einer anderen Szene ist Toecutters Einschüchterung eines Bürgers bei aller brutalen Übergriffigkeit von merkwürdig zärtlichen Berührungen an Kopf und Hals begleitet – sein Sadismus wird wiederholt in Andeutungen homoerotischer „Perversion“ gekleidet. Unterstrichen wird der irritierende Eindruck durch eine Make-up-Entscheidung: Es scheint, als trüge Toecutter rechts einen leicht hellen, links einen leicht dunklen Lidschatten. Klar, dass Toecutter am Ende einen Tod erleidet, bei dem er zur Freude des Publikums genüsslich zermalmt wird. [Video]

Aquaman

Schon der grimmige Blick auf den Filmplakaten lässt ahnen, dass der muskelbepackte Jason Momoa das Publikum nicht in die faszinierende Welt der gewaltfreien Kommunikation entführen möchte. Es ist die alte Geschichte des „verlorenen Königs“, der sich unter erheblichem Einsatz von Waffen und martial arts an seine ererbte, natürliche Herrscherposition zurückprügelt. Die Kontrast-Tunte taucht hier in Gestalt von Captain Murk auf: Als er mit blasiertem Blick, weißer Gelfrisur und, oh-oh, dunklem Augen-Make-up vorgestellt wird, ahnt man bereits, dass er nicht lebend oder ohne eindrucksvolle Demütigung davonkommen wird. Da der Atlanter Murk nur Wasser atmen kann und in einem Kampf auf dem Festland sein wassergefüllter Helm zerstört wird, landet er in seiner letzten Szene mit dem Kopf in einer wassergefüllten Kloschüssel. [Video]

Murks Bedeutung für die Filmhandlung ist ansonsten recht überschaubar. Die Hauptfunktion seiner Rolle besteht wie beim Kämmerer in Cleopatra darin, irgendwie „schwul“ auszusehen und gedemütigt zu werden.

König der Löwen

Wie auch in Aquaman geht es im Disney-Zeichentrickfilm König der Löwen von 1994 um einen Helden, der sich zunächst weigert, seinen ererbten, natürlichen Platz als patriarchaler Herrscher einzunehmen. Zentrales Thema ist die Gefährdung und Wiederherstellung der männlichen Machtfolge, die als naturgegeben keine Sekunde lang angezweifelt wird. Die „Selbstfindung“ des jungen Löwen Simba ist nicht, wie in manch anderen Disney-Filmen, eine Emanzipation von Normen, sondern die gehorsame Einnahme seiner angeborenen männlichen Herrschaftsposition.

Als Gegenspieler tritt hier Scar auf, der Bruder des Königs Mufasa. Er neidet Simba die Erbfolge, tötet Mufasa und treibt den kleinen Simba ins Exil. Scars grüngelbe Augen sind von einer violetten Farbe umschattet und wirken daher wie geschminkt. Er spricht affektiert, bewegt sich übertrieben elegant und geschmeidig, spreizt gelegentlich sogar den kleinen Vorderzeh ab. Scars Verbündete sind die Hyänen, die immer wieder durch ihr schrill-exaltiertes Lachen lächerlich gemacht werden. Die opportunistische, speichelleckende Unterwürfigkeit der Hyänen kontrastiert die „würdevolle“ Unterwerfung der anderen Tiere unter die gerechte Herrschaft des guten Patriarchen, die in der Anfangsszene des Films zelebriert wird.

Scar nimmt den Thron widerrechtlich ein und zerstört damit die kosmische Balance, die im Intro-Song des Films verherrlicht wird. Bemerkenswerterweise verzichtet er auf eine heterosexuelle Paarbindung. Die illegitime Tunten-Herrschaft vernichtet die Lebensgrundlage der Tiere und verwandelt das einst fruchtbare „geweihte Land“ in eine graue lebensfeindliche Wüste: Die paranoid-homophoben Klischees vom „Volkstod“ oder der „Kultur des Todes“, die die „Schöpfungsordnung“ zerstört, finden ihre bedrohliche Illustration mitten in einem unterhaltsamen Kinderfilm. [2] Weder die neue Rechte noch der Vatikan könnten sich das besser ausdenken.

Als kleines Trostpflaster hält der Film wenigstens ein Gegenbild zu all der Patriarchatsverherrlichung bereit: Erdmännchen Timon und Warzenschwein Pumbaa pflegen eine solidarische Männerfreundschaft außerhalb der Gesellschaft und jenseits von klischeehafter Männlichkeit. Sie retten den hilflosen Simba, integrieren ihn in ihre kleine Gruppe und kurieren ihn – zumindest scheinbar – von patriarchalen Rollenerwartungen. Neben der bekannten Hedonismus-Parole „Hakuna Matata“ (keine Probleme) proklamieren sie das Motto: „Wenn die Welt dir den Rücken zukehrt, kehre der Welt den Rücken zu“ – eine Ermunterung zur selbstbewussten Normverweigerung. Timon singt ein Trauerlied, als die beiden den herangewachsenen Simba an den Ruf der Heterosexualität und des Patriarchats zu verlieren drohen. Timon und Pumbaa, zweifellos die bei Kindern beliebtesten Sympathieträger des Films, verkörpern eine nicht-hierarchische, tendenziell herrschaftsfreie und anarchische Lebensweise – die allerdings nur in dieser isolierten Kleingruppe lebbar erscheint und die letztlich sogar ungewollt dafür sorgt, die patriarchale Ordnung wiederherzustellen.

Der Film beginnt und endet mit der Verherrlichung heterosexueller Reproduktion auf einem erhöhten Felsen – auch Simba bekommt seinen „Ich habe einen Sohn!“-Moment. An genau diesem Symbolort der Heteronormativität findet auch der Showdown zwischen Simba und Scar statt, in dem Scar natürlich unterliegt. Am Ende allerdings stehen neben Simba und seiner heterosexuellen Kleinfamilie auch Timon und Pumbaa als Repräsentanten einer unhierarchisch-anarchischen Solidarität auf diesem Felsen – obwohl Simba deren Lebensmodell für sich selbst verwirft, bleibt so ein kleines Zeichen der Abschwächung des rein patriarchalen Ideals.

Bronson

In einem Film von 2008 verkörpert Tom Hardy in der Rolle des britischen Kriminellen Charles Bronson ein extremes Beispiel für alles, was wir heute als „toxische Männlichkeit“ beschreiben würden: Extreme Brutalität, soziale Inkompetenz, Lust an exzessiven Schlägereien, ausführliche Inszenierung eines muskulösen „Krieger“-Körpers. Kontrast-Tunten geben sich in diesem Film geradezu die Klinke in die Hand. In einer Szene nimmt der inhaftierte Bronson den als schwachen Feigling gezeichneten Gefängnisbibliothekar Andy Love (!) als Geisel. Bronson zwingt Love, ihm den nackten Körper mit Fett einzureiben – das gehört zu Bronsons Ritual, um sich auf den kommenden Kampf mit den Wärtern vorzubereiten. Sobald Love Bronsons Hintern berührt (wozu er ausdrücklich aufgefordert war), wird er als „Schwuchtel“ beschimpft. Als Kontrast-Tunte tritt außerdem ein Mann auf, der Bronson in dessen kurzer Zeit in Freiheit als Schaukämpfer managt: Jener raucht mit affektiert abgewinkelter Hand und trägt neben enger, übertrieben modischer Kleidung stets Lederhandschuhe. Schließlich erscheint der Gefängnis-Pädagoge Danielson, der affektiert spricht, ausladend gestikuliert, tänzelnd herumhuscht und überhaupt sämtliche Tuntenklischees wie im Bilderbuch erfüllt. Es scheint, als würde zwischen ihm und dem wieder in Haft befindlichen Bronson dank der kreativen Arbeit eine gewisse emotionale Nähe entstehen. Am Ende nimmt Bronson auch Danielson als Geisel, um ihn besonders brutal und ausführlich zu demütigen, unter sarkastischem Einsatz der Materialien des Kreativraums. Es erscheint, als müsse Bronson die scheinbare Verbindung zu Danielson möglichst gewaltsam und höhnisch annullieren.

* * *

Die Liste der Kontrast-Tunten im Film ist lang. Zu erwähnen wären beispielsweise noch der piepsige Joel Cairo (gespielt von Peter Lorre) in The Maltese Falcon (1941), der schmierige Zuse in Tron: The Legacy (1982), die tuntige Figur des Hades im Disney-Zeichentrickfilm Hercules (1995), der den Ausdruck flaming queer buchstäblich verdient [Video] oder der hedonistische Grandmaster in Thor: Ragnarok (2017). Man könnte vielleicht darüber streiten, ob auch Spock, der Enterprise-Wissenschafts-Offizier mit der gepflegten Sprache, der überpflegten Frisur und dem dezenten Lidschatten, der Herrenwitze und Kumpelhaftigkeit so hartnäckig verweigert, als Kontrast-Tunte die Männlichkeit des Kommandanten Kirk unterstreichen soll. Aber auch ohne solche Grenzfälle käme zweifellos eine beeindruckende Zahl zusammen, würde man sich einmal die Mühe machen, alle Kontrast-Tunten der Filmgeschichte aufzulisten. Bei diesem Unterfangen würde gleichzeitig deutlich, wie unfassbar viele Filme vom Anfang der Filmgeschichte bis heute darum kreisen, uns „richtige“ Männlichkeit vorzuführen.

* * *

Ich stapfe deshalb so ausführlich durch dieses abseitige Gebiet der Filmtheorie, weil die Figur der Kontrast-Tunte die Mechanismen aufdecken kann, denen sie ihre Erfindung verdankt. Sie sagt etwas über Männlichkeitskonstruktionen aus.

Die Beispiele zeigen: Die Idee der „richtigen“ Männlichkeit funktioniert nicht zuletzt über den Ausschluss von Nichtmännlichkeit bzw. Weiblichkeit. Dieser Mechanismus wird durch entsprechende Erzählungen wie die genannten Filme ideologisch immer wieder aufs Neue verbreitet und gefestigt.

Die Kontrast-Tunte ist ein mit verbotenen „weiblichen“ Attributen ausgestatteter Mann. In ihr verkörpert sich die bedrohliche Idee des Weiblichen, das sich ins Männliche einschleicht und sich mit ihm auf eine „unnatürliche“ Weise verbindet. In der Kontrast-Tunte wird diese Idee des Mannes, der die tabuisierte Trennmauer zum Weiblichen durchbricht, als schauriges Zerrbild dämonisiert. Diese Figur wird nicht nur vorgeführt, um gescheiterte Männlichkeit zu veranschaulichen, sondern auch, um zu zeigen, wie man diese bekämpft: durch Demütigung und Gewalt bis hin zur Auslöschung. Homophobie bei Männern ist nicht, wie häufig behauptet wird, die Angst vor latenter eigener Homosexualität, sondern die Angst vor der möglichen Kontaminierung der eigenen „Männlichkeit“ mit etwas „Weiblichem“.

Für Homophobie, auch das wird hier deutlich, sind überhaupt keine realen Schwulen notwendig. Schwule werden lediglich mit einer vorgefertigten Denkfigur im heteronormativen Wahrnehmungsraster zur Deckung gebracht und deswegen gehasst und bekämpft. Schwule sind Opfer des Kreuzfeuers misogyner Männlichkeitsschlachten. Die Kontrast-Tunte im Film dient als Schießbudenfigur der Männlichkeit. Und leider dient sie so auch als Vorbild schwulenfeindlicher Gewalt außerhalb der Kinosäle.

Es dürfte beispielsweise einige Schwule geben, die in das hämische Gejohle des Kinopublikums bei der erwähnten Toilettenszene in Aquaman nicht einstimmen mögen, weil sie an Mobbing-Erlebnisse in ihrer Schultoilette denken müssen, die dieser Szene verdammt stark ähneln. In Braveheart (1995) ist es der charakterschwache Prince Edward, der mit Attributen der Kontrast-Tunte ausgestattet wird. An seiner statt wird sein Vertrauter (und, so wird subtil suggeriert, mutmaßlicher Liebhaber) Philip in einer Szene kurzerhand und ohne weiteren Anlass aus einem Turmfenster in den Tod gestürzt. Die bewusst inszenierte Pointe der Szene besteht darin, dass der Täter nach diesem schockierenden Mord und Edwards ungelenkem Racheversuch ostentativ so agiert, als wäre überhaupt nichts geschehen, das irgendeines weiteren Gedankens bedürfte. [Video] Es ist zwar hoffentlich nicht zu erwarten, dass das Publikum aus diesem Film kommt und massenhaft Schwule aus Turmfenstern wirft, aber die Botschaft dieser Szene, dass die gewaltsame Auslöschung von „Tuntigkeit“ und aller ihrer Vertreter notwendig, selbstverständlich und eigentlich eine ganz coole Sache ist, wird auch nicht völlig ohne Effekt bleiben.

* * *

Anhand meiner bisherigen Erfahrung mit Kontrast-Tunten möchte ich folgende These wagen:

Je stärker die in einem Film propagierte Männlichkeit konservativen Klischees bzw. „toxischer Männlichkeit“ entspricht, desto wahrscheinlicher ist der Auftritt einer Kontrast-Tunte und desto genussvoller wird deren gewaltsamer Tod bzw. deren Demütigung zelebriert.

Sollte das bisher noch niemand so formuliert haben, beanspruche ich hiermit, dass diese Formel als „fink’s Law“ in die Geschichte eingehen möge.

Eine denkbare These wäre auch, dass die Zahl der Kontrast-Tunten, die eine Gesellschaft in Filmen bereitstellt, mit schwulenfeindlicher Gewalt in dieser Gesellschaft korreliert. Eine Überprüfung dieser These scheint mir leider daran zu scheitern, dass ein spürbarer Verzicht auf diese Figur in absehbarer Zeit unwahrscheinlich erscheint.

Aber vielleicht erzählt mir ja jemand, wie die Figur des Scar in der aktuellen Neuverfilmung vom König der Löwen umgesetzt wurde und macht mir ein bisschen Hoffnung.


Fußnoten:

[1]   Im englischen Sprachraum gibt es für dieses Repertoire der Andeutungen den Begriff queer coding. Er ist eng verbunden mit der Geschichte des sogenannten Motion Pictures Production Code, umgangssprachlich nach dem republikanischen Politiker Will H. Hays auch Hays Code genannt. Hays war langjähriger Präsident des MPPDA, des Dachverbandes US-amerikanischer Filmproduktionsgesellschaften.
Nach einer relativ ungeregelten Frühphase des US-amerikanischen Filmschaffens, in der durchaus Nacktheit, Sexualität, Drogen und Kriminalität dargestellt werden konnten, regte sich politischer Widerstand von Konservativen gegen die zunehmend als Gefahr für die öffentliche Moral erscheinende Freiheit der Filmindustrie. Auf Druck vor allem des katholischen Sittenwächter-Vereins Catholic League of Decency gab der Hays Code ab 1930 moralische Richtlinien für die Filmproduktion vor. Der MPPDA übernahm diese Richtlinien 1930 zunächst freiwillig; ab 1934 führten Zuwiderhandlungen zum Verbot der Filme. Ab ca. 1960 wurde der Code nicht mehr konsequent eingehalten, 1967 wurde er offiziell abgeschafft.
Zensiert wurden bis dahin u.a. Vulgarität, Nacktheit, exzessives Küssen, „Rassenmischung“ und Blasphemie. Kriminelles Verhalten, Ehebruch und vorehelicher Geschlechtsverkehr durften, wenn überhaupt, nur in negativer Weise thematisiert werden. Auch die Darstellung von Homosexualität war verboten. Filmschaffende entwickelten in dieser Zeit Strategien, um den Hays Code zu unterlaufen bzw. sich teils geradezu spielerisch an dessen Grenzen heranzutasten. In dieser Zeit entstand so auch das sogenannte queer coding, die Strategie, Homosexualität im Film nicht explizit darzustellen, sondern sie mithilfe mehr oder weniger dezenter Codes für das Publikum decodierbar zu machen, ohne dabei gegen die offiziellen Richtlinien zu verstoßen.

[2]   Ich wähle die Figur des Scar unter anderem, weil sie zu einem sehr ähnlichen Thema überlappt. Im angelsächsischen Raum gibt es seit Längerem eine Diskussion über queer coded villains, an die ich mich hier anlehne. Zwischen einem villain, also einem Filmbösewicht, der mithilfe queerer Codes noch unheimlicher gezeichnet werden soll, als er durch seine bösen Taten ohnehin schon erscheint, und einer Kontrast-Tunte besteht allerdings ein Unterschied: Der erste zieht eine Linie von „queer“ zu „böse“, bei der zweiten geht es mehr um den Aspekt der Unmännlichkeit. Die Grenzen sind, wie in diesem Beispiel, aber manchmal fließend, denn wer nicht „richtig“ männlich ist, kann natürlich auch schnell mal „böse“ sein.

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21 Kommentare zu “Kontrast-Tunten

  1. Interessant, dass – im Gegenteil – eine neue Form von Männlichkeit von Kritikerinnen nicht gut bewertet wurde: »This type of quiet sensitive masculinity is so out of the ordinary for a leading man that I wasn’t terribly surprised to see a number of movie reviewers turned off by his character.«

    Das Video ist interessant.

    • Das ist tatsächlich interessant, danke für den Hinweis, Teo.
      Dass 40 Jahre nach Theweleits „Männerphantasien“ eine besonders empathische und uneitle männliche Hauptrolle immer noch etwas Besonderes ist, sagt ja auch etwas aus.

    • Obwohl ich den Grundansatz dieses Video-Essays natürlich verstehe, habe ich allerdings doch ein Problem.

      Hier ist also ein männlicher Hauptdarsteller, der mitfühlend, scheu, zurückhaltend, „pflegend-nährend“ usw. ist, und das wird uns jetzt als „neue Männlichkeit“ angepriesen. Natürlich ist mir eine solche Form von Männlicheit immer noch lieber als die traditionelle. Was mich an diesem Ansatz stört ist, dass auch dabei immer noch alle diese Charaktereigenschaften „gegendert“ werden. Da wandern ursprünglich als „feminin“ gegenderte Eigenschaften nun auch in den Bereich des Männlichen hinüber, was ja prinzipiell nicht schlecht ist. Es wird aber nicht die Frage gestellt, was die Konsequenz ist, wenn wir nun sowohl eine (nur als Beispiel) „empathische Weiblichkeit“ als auch eine „empathische Männlichkeit“ vor uns haben. Was unterscheidet denn die „männliche“ Empathie von der „weiblichen“? Wenn Männer, Frauen und nichtbinäre Menschen alle möglichen Charaktereigenschaften aus dem ganzen Spektrum wirklich frei wählen können, welchen Sinn ergibt es dann noch, diese Eigenschaften trotzdem zu „gendern“?

      Ich stelle ja gern mal die Stacheln auf, wenn es darum geht, Identitäten zu verschlumpfen [Link], aber diese immer noch alles umfassenden Geschlechtsrollendiskussionen können wir von mir aus gern endlich mal ein bisschen runterfahren. Oder uns wenigstens in Richtung echter Freiheit vorrobben, statt immer nur die alten Kategorien mit neuen Inhalten zu füllen und sie dabei trotzdem hübsch getrennt zu halten.

  2. Vielen Dank für den Text! Über dieses Phänomen habe ich mir auch schon das ein oder andere Mal diffus Gedanken gemacht, der Zaunfink hat es auf den Punkt ausformuliert und mit guten Beispielen belegt.
    Vermutlich gibt es noch unzählige weitere Beispiele, alleine die James-Bond-Reihe wäre wohl eine ergiebige Fundgrube, besonders plakativ Mr. Wint und Mr. Kidd in „Diamonds are Forever“, demütigendes Ende inklusive.

  3. In der Marvel-Spin-Off-Zeichentrickserie „Young Justice“ küsst der junge Aquaman übrigens einen Mann. [Link]
    Wenn ich das mit Jason Momoa in einem Hollywood-Blockbuster verfilmt sehe, glaube ich wieder an die Menschheit.

  4. Ja, die Annahme, dass Homophobie vor allem die Furcht um die eigene Männlichkeit ist, die durch „weibliche“ Verhaltensweisen kontaminiert wird, könnte durch das weibliche Gegenstück zur Kontrasttunte gestützt werden, nämlich das missratene Mannweib. Weibliches Selbstbewusstsein wird ebenso karikiert wie Abweichen von der „toxischen Männlichkeit“ (sehr hübsch!), wenn es offensiv daherkommt. Dominant auftretende Frauen werden unbrauchbar für die Ehe dargestellt (Kohlhiesels Töchter, Annie Get your Gun), denn das Dogma der männlichen Dominanz wird hier ebenso gefährdet wie durch ins Weibliche abweichende Verhaltensweisen von Männern. Rettung für die Frauen liegt immerhin darin, dass sie Unterwerfung lernen; die Kontrastfiguren des femininen Mannes werden nicht als rettbar dargestellt, wenn ich drüber nachdenke; sie sind meist verloren.
    Das sind zwei Seiten derselben Medaille.

    • Ich habe darauf verzichtet, über Weiblichkeit gleichzeitig auch zu schreiben, weil das doch teils wieder anders funktioniert als bei der Männlichkeit. Aber Einiges lässt sich tatsächlich einfach spiegelverkehrt betrachten. Danke für die Erweiterung, Eva-Maria.

      • Das war pures Eigeninteresse. Weil ich auch auf Kriegsfuß mit meiner traditionellen Rolle stehe. Und ich liiiebe Männer, die nicht dem Klischee entsprechen.

  5. kleiner hinweis am rande.. Cleopatra – „Cäsar darsteller ist Rex Herrisson.
    Aber sein auftritt ist wie von dir beschrieben…
    Charles Heston ist der judah-Ben Hur aus gleichnamigen film.
    Aber auch hier würde die szene stimmen: Heston ist der maskuline typus, Stephen Boyd spielt den „messala mit kajal ummalten augen und leicht feminin angedeutet. Es ist Mesalla, der heston „tief in die augen schaut.
    Gore Vidal hat sich da seinen spass mit der zensur und dem homophob heston geleistet.
    Was den eunuchen anbelangt: so bei hof, hatten diese oft sehr hohe stellungen inne.Nun war schminken seitens männer in jener zeit nicht ungewöhnlich, besonders wenn die männer aus nordafrikanisch-ägyptischem kulturraum kamen.
    Die sicht auf den kastrierten und effiminierten ist deshalb ein eher neuzeitlicher blick mit entsprechenden negativen hervorhebungen.

  6. Ernüchternd realistisch.

    Ganz schlimm ist auch, dass diese Dinge implizieren, Weiblichkeit wäre schlecht – womit nebenbei auch ganz gezielt Frauen abgewertet werden (“heul/lauf/benimm dich nicht wie ein Mädchen!”)

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