Völlig übertrieben

Nur mir sehr nahestehende Menschen wissen, dass in meiner rechten Ohrmuschel ein winziger Außerirdischer wohnt. Meistens schläft er und bleibt deswegen völlig unbemerkt, aber manchmal wacht er auf und schaut, was ich mache. Dann stellt er dumme Fragen und wirft mich aus der Bahn.

„Was war das denn gerade?“ fragt er zum Beispiel plötzlich.

„Was denn? Ich habe nur kurz meine Vermieterin gegrüßt.“

„Ja: ‚Hallo, Frau Dietrich!‘

„Na und?“

„Also: Mit Nennung ihres Familiennamens hast du gezeigt, dass du sie heute schon wieder korrekt identifizieren konntest. Wenn man bedenkt, dass ihr Erdlinge alle total gleich ausseht, verstehe ich, weshalb du darauf stolz bist. Mit dem freundlich-informellen ‚Hallo‘ hast du signalisiert, dass du zu einer höflichen Nähe-Distanz-Balance entschlossen bist, sie also weder zärtlich liebkosen noch beißen wirst. Das ist sicher beruhigend für alle Beteiligten. Aber was bitte soll das ‚Frau‘?“

„Na, das sagt man halt so: Frau Dietrich.“

„Ah. Und du musst ihr im Rahmen eines so kurzen Höflichkeitsrituals unbedingt erzählen, welchem Geschlecht du sie zuordnest, weil …?“

„Hm. Darüber habe ich noch nie nachgedacht.“

„Vergesst ihr etwa dauernd, welches Geschlecht ihr habt? Ist es deswegen? Müsst ihr euch ständig gegenseitig daran erinnern?“

„Nein, eigentlich wissen wir das meistens. Das vergisst man nicht so einfach.“

„Aber nur, weil ihr euch dauernd gegenseitig erneut darauf hinweist, zu welcher Sorte ihr gehört! Gib es ruhig zu!“

„Nein nein, das könnten wir auch so.“

Er schweigt.

„Was ist?“

„Naja, ich glaube das irgendwie nicht. Wenn ihr euch daran auch ohne Hilfsmittel erinnern könntet, dann verstehe ich nicht, weshalb ihr einen so absurden Aufwand betreibt, um das dauernd deutlich zu machen. Soweit ich das sehe, dreht sich ungefähr die Hälfte eurer sozialen Regeln nur darum, bloß nicht euer Geschlecht zu vergessen. Ihr zeigt es mit eurer Sprache, mit eurer Kleidung, mit euren Frisuren, mit eurer Art, zu sprechen, euch zu bewegen, zu tanzen … Ihr beleidigt einander sogar geschlechtsspezifisch! Ich kann das ja sogar irgendwie verstehen. Ihr seht euch alle so wahnsinnig ähnlich – ich könnte ohne diese vielen Hilfsmittel ganz bestimmt nicht sagen, wer von euch zu welcher Sorte gehört.“

„Naja, ein paar andere sichtbare Unterschiede gibt es da schon …“

„Aber nicht viele, und so eindeutig sind die auch nicht, das bildet ihr euch nur gerne ein. Und wenn man die Unterschiede angeblich doch sowieso sieht, weshalb müsst ihr euch dann zusätzlich auch noch dauernd gegenseitig erzählen, wie ihr einander einordnet? Was habt ihr davon?“

Ich denke nach. Er auch.

„Meinst du, es würde deine Vermieterin beunruhigen, wenn du ein einziges Mal beim Grüßen nicht ausdrücklich betonen würdest, dass du sie immer noch als eine Frau betrachtest? Würde sie argwöhnen, dass du sie plötzlich für etwas anderes halten könntest? Seid ihr da so leicht zu verunsichern?“

Ich muss lachen.

„Tja, wer weiß, wie unsere Welt aussähe ohne diese Erinnerungen. Das Komische ist ja, dass wir gar nicht anders können. Wie sollte ich zum Beispiel meine Vermieterin grüßen, ohne ‚Frau“ zu sagen? Nur ‚hallo‘ klänge ziemlich unhöflich; duzen kann ich sie auch nicht; und den Nachnamen sagt man immer mit ‚Herr‘ oder ‚Frau‘ davor. Selbst wenn ich den Vornamen benutzen würde: Der muss in Deutschland eindeutig ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ sein. Es geht gar nicht anders.“

‚Frau Schmidt schenkt ihr altes Auto ihrem Sohn zu seinem Geburtstag.‘

„Wie bitte?“

„Ein einfacher Beispielsatz aus eurer Sprache. Der Satz hat elf Wörter, und ganze fünf davon stellen klar, welchem Geschlecht die beiden Erdlinge angehören, um die es da geht: ‚Frau‘, ‚ihr‘, ‚ihrem‘, ‚Sohn‘, ’seinem‘. Alles Geschlechtsmarker. Das Wort „ihrem“ zeigt sogar das Geschlecht von beiden gleichzeitig an! Im Ernst, ihr habt sie doch nicht alle. Das Geschlecht beider Erdlinge wird in einem einzigen kurzen Satz gleich dreimal markiert! Hätte je einmal immer noch nicht gereicht? Ihr habt Personalpronomen, Possessivpronomen, Relativpronomen, Demonstrativpronomen, bestimmte und unbestimmte Artikel, Wortendungen, die meisten noch in unterschiedlichen Unterformen. Und kaum etwas davon könnt ihr verwenden, ohne dabei zwangsweise auf das Geschlecht hinzuweisen. Das ist doch völlig übertrieben! Was zum Teufel hat das überhaupt mit dem Geschlecht zu tun, wenn jemand ein Auto geschenkt bekommt? Warum muss ich das erfahren? Freut der sich dann mehr? Bedient ihr die Autos mit euren ulkigen Genitalien?“

„Okay, bei euch gibt es keine Geschlechter. Aber hier ist das eben wichtig.“

„Ach ja? Wichtig wäre das nur, wenn man verschiedene Sorten von Menschen auch unterschiedlich behandeln wollte. Aber das wollt ihr ja nicht. Seid ihr etwa unterschiedlich nett zueinander, nur wegen des Geschlechts? Traut ihr Anderen geschlechtsabhängig unterschiedliche Sachen zu?“

Ich schaue stumm auf meine Fingernägel.

„Gibt es Berufe, die nur Frauen oder Männer ausüben? Bezahlt ihr irgendwem mehr Lohn, nur wegen des Geschlechts? Kosten gleiche Dinge unterschiedlich viel, wenn sie für verschiedene Geschlechter vermarktet werden?“

Ich huste verlegen.

„Na bitte! Das Geschlecht ist doch im größten Teil eures Alltags vollkommen unwichtig! Wichtig wäre es zum Beispiel, zu wissen, ob jemand rechts- oder linkshändig ist. Das sieht man nur, wenn man richtig gut beobachtet. Aber wenn sich alle Linkshändigen anders anziehen würden als Rechtshändige, und wenn die Händigkeit in jeder Ritze eurer Grammatik stecken würde, dann wüsste man wenigstens immer sofort, wem man das Werkzeug für rechts oder links anbieten sollte. ‚Ich habe gestern mit rechter Katrin gekocht. Rechte freute sich über den neuen Büchsenöffner, den ich rechter geschenkt hatte.‘ ‚Hallo, Linker Meier, diese Schere ist für Sie die richtige!‘ Das hätte wenigstens einen praktischen Sinn! Es gäbe weniger Haushaltsunfälle und …“

„Fängst du jetzt schon wieder mit deinem Werkzeugtick an?“

„Hast du schon mal ein falschhändiges Werkzeug benutzt? Das ist echt unangenehm!“

„Ich glaube, das Wort ‚falschhändig‘ gibt es gar nicht.“

„Nee, aber Kugelschreiber für Frauen gibt es. Deine kleine Nichte hat ihren neuen blauen Schlafsack erst benutzt, nachdem dein Bruder ihn mit ‚Elsa‘-Stickern benäht hatte, damit er trotz der ‚Jungs-Farbe‘ doch noch wie ein ‚Mädchen-Schlafsack‘ aussieht. Und sie will nicht mit hellblauem Kinderbesteck essen, weil das ’nur für Jungs‘ ist! Sie wächst in der felsenfesten Überzeugung auf, es gebe Werkzeuge, die Mädchen nicht benutzen dürfen, nur weil sie eine bestimmte Farbe haben! Wie soll die denn später mal auf die Idee kommen, dass sie alle Berufe ausüben darf?“

„Nimm’s mir nicht übel, aber deine Besessenheit mit Werkzeugen fand ich schon immer etwas bizarr.“

Ich bin besessen? Klär das erst mal mit diesem verrückten Gender-Gaga auf deinem komischen kleinen Planeten, dann reden wir weiter!“

Ich ruckele an meiner rechten Ohrmuschel.

„Du weißt, dass du mich nicht los wirst. Und wenn du mal wieder was über mich schreibst, dann verkneif dir endlich, mich dauernd ‚er‘ zu nennen. Ich bin kein ‚Er‘! Lass dir halt was einfallen, wie du das hinkriegst in eurer verkorksten Sprache! Wer hier wohl eine bizarre Besessenheit hat! Pfft!“

Ich merke am demonstrativen Schnarchen in meinem Ohr, dass das Gespräch beendet ist. Meine Vermieterin ist mit ihrer rosa Gießkanne in ihrem Garten beschäftigt. Ich zähle die gegenderten Wörter nach, die ich brauche, um das zu denken. Ich seufze.

Dann werde ich mich jetzt wohl erst mal um das verrückte Gender-Gaga auf meinem komischen kleinen Planeten kümmern. Ich krempele die Ärmel hoch.

Wo er recht hat, hat er recht.

23 Kommentare zu “Völlig übertrieben

  1. Nicht-binäre Menschen, die sich in keinem der beiden traditionellen Gender passend empfinden, so wie ich zum Beispiel, experimentieren seit längerem mit genderneutraler Sprache.
    Uns geht es nämlich auch auf den Zeiger, stets und ständig falsch einsortiert zu werden. Das Problem ist tatsächlich, dass wir darauf trainiert werden, andere aufgrund von Äusserlichkeiten nach dem Set „männlich“ oder „weiblich“ anders zu behandeln. Ich erlebe das täglich, je nach optischer Aufmachung und der Unterschied ist teilweise wirklich krass. Also wenn es irgendwo „Gender-Gaga“ gibt, dann bei den binären Menschen und ihrer Besessenheit mit Sprache, Zuschreibungen und Umgang.
    Sprache ist schon mal ein Ansatz. Und es geht! Pronomen weglassen oder Neopronomen verwenden (Xir, iks, en, …), Anrede neutralisieren, das Sternchen (oder _ oder ‚ oder : oder •) mitsprechen, wenn beim Reden über eine Person deren selbstbestimmtes Gender nicht bekannt oder irrelevant ist.
    Die Hoffnung ist, dass dadurch auch mittelfristig die Segregation verringert wird und Enbys („N“.“B“., nicht-binäre Menschen) nicht mehr 100%ig falsch einsortiert werden. Es ist aber ein mühsames Paddeln. Seit ich meinen staatlichen Gendermarker ändern durfte – ich bin jetzt amtsoffiziell „divers“ – halte ich meine Geburtsurkunde allen Behörden, Institutionen, Firmen, Shops vor die Nase, die mir ein „Herr“ oder „Frau“ aufnötigen wollen, das wirklich nichts mit dem Geschäftsbetrieb zu tun hat.
    Also: Gruß an Dein Alien im Ohr. Ich bin immer wieder genauso irritiert wie iks.

    • Allein in den letzten drei Tagen habe ich mindestens sieben mal gelesen oder gehört, dass man das Gendersternchen ja nicht sprechen könne. Komisch, ganz viele Leute, die ich kenne, und sogar ein paar Radiomoderator:innen können es.

      Die Pronomenfrage ist für mich noch eine offene Baustelle. Ich kenne auch noch das „hen“ und das „they“ (kann man ja ins Deutsche importieren).

      Wir können hier gerne mal ein bisschen sammeln.

        • Danke, Kai, das ist eine wirklich hervorragende Linksammlung als Einstieg ins Thema. Ich werde den ersten Artikel gleich mal unter „neulich aufgepickt“ verlinken.
          Ich konnte Anna Hegers Konzept einmal bei einem kleinen Workshop vertiefen, den sie selbst angeleitet hat. Ich glaube, das ist wohl der bisher differenzierteste Ansatz, zumindest soweit ich das einschätzen kann (lasse mich gern korrigieren). Allerdings ist mir auch in dem Workshop schon klargeworden, dass es wirklich des intensiven Vokabel-Paukens bedarf, um so zu schreiben und erst recht zu sprechen. Ich persönlich sehe alle Ansätze mit „x“ oder „ks“ am Anfang eher skeptisch, weil es im Deutschen sehr ungewöhnlich ist, ein Wort mit dem Laut „ks“ zu beginnen. Ich habe Bedenken, ob es gelingen kann, Wörter, die den gewohnten deutschen Wortbildungsformeln so stark widersprechen, zentral in unsere Grammatik einzupflanzen. „X“ hat für manche einen Charme, für mich klingt es tatsächlich irgendwie „außerirdisch“.

          Ähnliches gilt für das „they“: Es kommt mir ganz gut über die Lippen, enthält aber eben einen Laut, der im Deutschen traditionell nicht vorgesehen ist und den viele Sprechende erst erlenen müssen (ich erinnere mich daran, dass ich damit einige Probleme hatte).

          Aus diesen und anderen Gründen ist mir persönlich eigentlich das „intuitiv“ deklinierte „hen“ am liebsten; das bekomme ich auch mündlich einigermaßen hin. Aber das alles ist natürlich auch in hohem Maße eine persönliche Geschmacksfrage.

          Wie dein dritter Link zeigt, geht es ja aber nicht unbedingt darum, sofort die deutsche Sprache auf den Kopf zu stellen. Viele Ideen lasse sich sofort ziemlich problemlos umsetzen, wenn man das nur will. Gendergerechte Sprache ist viel häufiger eine Frage des (Nicht-)Wollens als des (Nicht-)Könnens.

    • Hallo! „Sehr geehrte Damen und Herren“ schreibe ich ziemlich oft, aber wie wäre so eine Anrede denn korrekt? Grüße

      • Wenn ich eine Gruppe anschreibe, schreibe ich zum Beispiel „Guten Tag aus „, „Sehr geehrtes Team“, „Hallo support@…“ o.ä. D.h. ich beziehe mich auf andere Dinge als Gender, wie Ort, Funktion, etc.
        Das klingt etwas angenehmer als das einzelne „Guten Tag“ (hinter dem quasi ein Ausrufezeichen mitschwingt.

          • Danke für die Antworten. Ich schreibe aus einem Amt heraus und dachte, es gäbe da schon Vorschläge für die offizielle Formel „Sehr geehrte Damen und Herren“, aber es gibt da vielleicht noch keine konkrete Alternative. Am logischsten erschiene mir: „Sehr geehrte Menschen“. Ich hab mich auch gefragt, wie jemand angesprochen werden möchte, der divers ist und beides, „Herr“ und „Frau“ nicht passen. Schließlich möchte ich auch nicht unhöflich sein. Der Außerirdische hat ja leider nicht verraten, wie das in seiner geschlechtslosen Welt läuft :-) Irgendwie fehlt eine gute Bezeichnung für den Menschen, den das Wort „divers“ beschreibt.

          • Als nicht-binäre Person wäre ich mit der Anrede „Guten Tag, Thadea Quintmaus“ sehr einverstanden. Ich zucke jedes Mal innerlich zusammen, wenn ich „Sehr geehrter Herr…“ lese.

          • Wenn deine Behörde noch keinen Leitfaden für geschlechtsneutrale Sprache hat, mach doch einfach mal eine Anfrage. Wenn das genügend Leute tun, bewegt sich etwas.

            Wie die Außerirdischen einander anschreiben, habe ich trotz mehrfacher Erklärungsversuche nicht verstanden. Ich glaube, es hat irgendwie mit Werkzeugen zu tun, aber vielleicht wurde ich da auch nur verarscht. ;-)

  2. Ergänzung/Korrektur: Das mit den geschlechterspezifischen Vornamen ist seit 2008 nicht mehr so. Das BVerfG kippte die Dienstverordnung und nun sind auch „neutrale“ Namen erlaubt. Als erwachsene Person eine Vornamensänderung ohne teures Gerichtsverfahren oder ärztliches Attest über Körpermerkmale (u.ä. „Varianten der Geschlechtsentwicklung“) zu bekommen, ist allerdings seit der NS-Zeit (1938, NamÄndG), in der jüdische Personen mit einem Zwangs-Vornamen „markiert“ wurden, wenn ihr Vorname „nicht eindeutig jüdisch genug“ war, schwierig.

    https://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/rk20081205_1bvr057607.html

    • Danke für die Ergänzung, anon.
      Ich hatte einen Artikel zu diesem Fall gelesen, der es darstellte, als ob das Urteil des BVerfG nicht unbedingt verallgemeinert werden könne. Offenbar kann es das doch!
      Ob das alle deutschen Standesbeamt:innen mitbekommen haben, und wenn, ob sie sich daran halten und keinen Druck in Richtung geschlechtseindeutigen Vornamen mehr ausüben, steht vermutlich auf einem anderen Blatt…

  3. Was sagt dein Außerirdischer dazu, dass alles Gendern im Deutschen sowieso vergebens ist, weil wir ja schon eine weit überwiegend weibliche Sprache haben? Es gibt 9 verschiedene Verwendungsmöglichkeiten für das Wort „sie/Sie“, aber nur eine für das Wort „er“. Sogar eine rein männliche Gruppe würde angeredet: „Sie, meine Herren…“
    Wenn Sprache allein eine Wirkung hätte, würden wir schon lange in einer fasertief feministisch gefärbten Nation leben.
    https://widerdiedummheit.blogspot.com/p/blog-page_9.html

    • Der:die Außerirdische, liebe Eva-Maria, würde sagen, dass die Grundlage der Argumentation Unsinn ist. Der Plural im Deutschen ist kein Femininum, ebenso wenig die Anredeform „Sie“. Die sehnsüchtige Nonne im Roman „Die Sehnsucht DER Nonne“ ist auch nicht plötzlich männlich, weil der weibliche Artikel im Genitiv formal einer anderen, männlichen Form entspricht. Wer den Denkfehler genauer erklärt haben möchte:
      Luis F. Pusch: Generisches Femininum erregt Maskulinguisten
      Anatol Stefanowitsch: Warum der Plural kein Femininum ist
      Ich halte auch nicht besonders viel von Argumentationen, die einen falschen Scheingegensatz nach dem Motto „statt sich um die realen Rechte der Frauen zu kümmern…“ aufbauen. Ich bin mir ziemlich sicher: Wenn wir vergleichen, wie viel die Menschen, die sich um gendergerechtere Sprache bemühen, für die realen Rechte von Frauen und nichtbinären Menschen tun, und wie viel diejenigen tun, die ihre Zeit damit verbringen, gegen gendergerechte Sprache anzuargumentieren, dann verlieren letztere den Vergleich mit erheblichem Abstand.
      Es geht hier nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch.

      • So doof bin ich auch, dass ich den Unterschied zwischen grammatischem und biologischem Geschlecht kenne. 🙂 Dieser Unterschied ist ja nur eine Beschreibung des heutigen Gebrauchs, aber wie, bitte, ist er denn mal entstanden? Was hat dazu geführt? Der Kern ist nun einmal, dass die weibliche Anrede irgendwann — vor 1000 Jahren?? — als höflicher empfunden wurde. Da führt kein Weg dran vorbei.
        Und noch mal zum Mitschreiben: Gendern taugt als Diagnose von gesellschaftlichen Verhältnissen, ja. Aber nicht als Kur für Unwuchtigkeiten. Die müssen sozial und politisch bearbeitet werden. Die Sprache allein schafft das nicht, selbst ein verändertes Bewusstsein führt noch nicht zwangsläufig zu Fakten. Komisch eigentlich, dass Menschen, die sich politisch links verorten, nicht einmal so viel von Marx‘ Gedanken verstanden haben, der sagte, „Sein schafft Bewusstsein“. Nach dem Philosophischen Materialismus können nur Veränderungen der realen Grundlagen das Denken verändern. Nach Marx (nicht mein Taktgeber, aber ich kenne ihn) ist Bewusstsein die Folge der gesellschaftlichen (Besitz-)Verhältnisse.
        Die Geschichte des „Sie“ würde also nach dieser Ansicht auf eine ursprünglich matriarchale Gesellschaft hindeuten, wie lange sie auch zurückliegen mag. Und nur das interessiert mich.
        Folgen wir also der marx’schen Doktrin, so würden wir von Stund an aufhören, uns über sprachliches Gender den Kopf zu zerbrechen.

        • „… dass ich den Unterschied zwischen grammatischem und biologischem Geschlecht kenne“

          Es geht hier nicht um Grammatik vs. Biologie, sondern um die Unterscheidung von weiblichem Genus und Plural, also um eine rein grammatische Unterscheidung.

          „Der Kern ist nun einmal, dass die weibliche Anrede irgendwann — vor 1000 Jahren?? — als höflicher empfunden wurde. Da führt kein Weg dran vorbei.“

          Mit Verlaub, Eva-Maria, aber die Anredeform „Sie“ gibt es erst seit dem späten 17. Jahrhundert. Und sie ist nun mal nicht weiblich.

        • Bissl engstirnig, mit Verlaub, zu glauben, es sei nur das Sein, das das Bewusstsein bestimme, aber nicht umgekehrt. Aber so ist das halt, wenn frau sich irgendwo festbeißt: da kommen dann hanebüchene Überzeugungen heraus, die Andere auch noch mitschreiben sollen. Auf Letzteres verzichte ich übrigens dankend und setze darauf, was ich über Geschichte, Gesellschaft und Sprache gelernt habe und lerne. Steh‘ nicht so drauf, Scheuklappen aufzusetzen oder aufgesetzt zu bekommen und mit dadurch verengtem Horizont verbohrt durchs Leben zu gehen. Solidarische Grüße an den finken und danke für Deine guten Analysen von eine_r nicht-binären, freigeistigen Feminist_in. ❤

  4. Mehr Stories über deine*n genderfreie*n Ohrbewohni! Und hör doch aufs Alien und sag nicht „er“. Super Chance zum Trainieren.

  5. Aaaaah wie mir „es“ aus der Seele spricht!

    Verdammt, ich kann das noch nicht mal gescheit neutral ausdrücken ohne dass es sich für mich beleidigend anhört! Boah x_x

Pfeif drauf!

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