Unerschütterlich. Hanau, Halle, Orlando.

„Ich habe das Gefühl, dass in mir etwas kaputt gegangen ist.“

„Ich hätte sagen können, dass ich Angst habe. Aber die Angst ist für so viele Menschen zur ständigen Begleiterin geworden, dass das gar nicht mehr erwähnenswert ist. Sicher fühle ich mich schon sehr lange nicht mehr.“

„Das war nicht nur ein Angriff auf die Körper von Menschen, sondern auch auf ihre sozialen Räume, in denen sie keine Angst vor Ausschluss haben müssen. Wo sollen sich diese Menschen noch sicher bewegen, wenn nicht dort?“

„Ein Grundvertrauen, dass die Gesellschaft dafür sorgt, dass so etwas nicht passiert, habe ich schon lange nicht mehr.“

Das sagt nach dem Attentat in Hanau die Journalistin Şeyda Kurt im Interview mit dem Deutschlandfunk. [1] Ich habe alle diese Sätze schon einmal gehört. Nach dem Attentat in Orlando, bei dem in einem queeren Nachtclub 49 Menschen getötet und 53 verletzt wurden, gingen mir und vielen anderen queeren Menschen genau die gleichen Gedanken durch den Kopf.

Das Attentat von Orlando ist über drei Jahre her und es war – geografisch gesehen – weit weg. Trotzdem schien es damals furchtbar nah, und plötzlich ist es das wieder. Ich sehe die Nachrichten und erinnere mich daran, wie es ist, von einem mörderischen Attentat zu hören und zu denken: Das galt mir. Ich kenne das Gefühl.

Der ungläubige Schock im ersten Moment. Die Lähmung. Die Angst. Das Gefühl, dass mit einem Schutzraum die letzte sichere Nische zerstört worden ist. Die schmerzhafte Erkenntnis, dass diese Gewalt gar nicht so neu ist, wie alle behaupten, sondern nur wieder einmal besonders akut. (Zu den größten Überraschungen der Journalist:innen nach dem Anschlag von Halle gehörte es, dass kaum eine:r der jüdischen Interviewten überrascht war, dass ein solches Attentat in Deutschland möglich ist.)

Und ich kenne die Pein, hinterher anhören zu müssen, wie die Gewalt von Medien und Politik missverstanden, verzerrt und weggeschoben wird, das Abtasten der Subtexte mit fein justierten und schmerzenden Fühlern.

Weil man schon weiß: In all der Betroffenheitslyrik und sogar in den wirklich aufrichtig mitfühlenden Beiträgen wird sich zwischen den wohlmeinenden Zeilen immer wieder entlarven, dass sich die eigentliche Ursache der Gewalt, nämlich die Ideologie der Ungleichheit, nicht auf Täter:innen oder politische Randfelder verschieben lässt, sondern dass sie die feinsten Ritzen unserer gesamten Kultur durchzieht wie ein Pilzgewebe. Aber darüber wird trotzdem kaum jemand reden.

Man ahnt schon: Da werden jetzt auch von den vermeintlich Wohlmeinendsten wieder deutsche Staatsbürger:innen zu „Ausländern“ und „Fremden“ gemacht, da werden jetzt wieder jüdische Menschen den „Deutschen“ gegenübergestellt, da werden queere Menschen zu Personen mit „abweichender Sexualität“ erklärt. Da wird, gehüllt in schöne Worte, genau die Ungleichheit reproduziert, die der eigentliche Kern gruppenbezogener Gewalt ist.

Und wieder wird man spüren, dass viele der Menschen, die einem da aus vollem Herzen ihre Solidarität zusichern, nie wirklich verstehen werden, wie es sich anfühlt, ein Leben lang immer wieder für unwillkommen und minderwertig erklärt zu werden, und dass sie sich nicht einmal darum bemühen. Weil sie vor lauter „wir sind doch alle Menschen“-Gesäusel nicht einmal begreifen, wie wenig sie begreifen: von deinem Leben, deiner Perspektive, deinen Alltagserfahrungen.

Und schon wieder wird man sich besonders fremd fühlen in dieser Gesellschaft, in einem furchtbar verletzlichen Moment, in dem man sich gerade ganz besonders nach dem Gegenteil sehnt.

„Ich sehe keine Hautfarben,“ wird es jetzt wieder heißen. „Es kommt mir nicht auf deinen Glauben / Herkunft / Sexualität an, sondern auf deinen Charakter“. Wir werden wieder all die tollen Wohlfühlfloskeln hören, mit denen man Rassismus, Antisemitismus und den ganzen anderen Abwertungsmist schön weit von sich schieben kann, als wäre man nicht in einer rassistischen, klassistischen, sexistischen, antisemitischen, queer- und behindertenfeindlichen Gesellschaft aufgewachsen und hätte nicht unfreiwillig all diese Abwertungsmythen selbst internalisiert, als könne man das alles mit einem Zauberspruch weghexen.

Solidarität ohne Anstrengung gibt es aber nicht. Adornos Utopie einer Gesellschaft, in der alle „ohne Angst verschieden sein können“, setzt voraus, dass wir nicht nur Marginalisierte gönnerhaft zu Menschen erklären, sondern dass wir uns mit deren Perspektiven und alltäglichen Erfahrungen beschäftigen und endlich mal zuhören, was es mit einem macht, vom Menschsein immer wieder ausgeklammert zu werden. Sie setzt voraus, dass wir uns ertappen lassen, wenn wir Teil des Problems sind, und dass wir lernen, uns selbst zu ertappen.

Es ist auch nicht die Aufgabe der Marginalisierten, den Anderen die Mechanismen von Rassismus, Queerfeindlichkeit, Sexismus, Antisemitismus usw. zu erklären und Wege zu deren Überwindung zu beschreiben. Diese Aufgabe haben wir alle. Wir werden Diskriminierungen nicht beseitigen, solange eine Mehrheit gar nicht versteht, wie sie funktionieren, wo sie überall stattfinden und was sie anrichten.

„Was mir helfen würde:“ sagt Şeyda Kurt, „Wenn so etwas passiert, dass diese Gesellschaft von Grund auf erschüttert wird, dass wir das nicht mehr verharmlosen. Dass das nicht als Einzelfall abgestempelt wird, sondern dass Menschen anerkennen, dass wir ein ernsthaftes Problem haben in unserer Gesellschaft.“

Ein schöner Wunsch, den ich vollkommen teile. Aber die typische Entlastungsstrategie zeichnet sich gerade wieder ab: Das Problem wird ausgelagert an die Ränder. „Hass“ gibt es immer nur bei den Anderen, in der AfD, im Osten, im fernen Mordor. Ziehen wir eine schöne Mauer drum, dann kommt er nicht rein, und wir müssen nicht über uns selbst nachdenken oder über die tausend Vorstufen des Hasses, die Ungleichheit, die aus allen Ritzen unserer Gesellschaft trieft und deren wahres Ausmaß die jeweils Privilegierten meistens nicht einmal erahnen.

Unsere Gesellschaft gibt sich wieder einmal erschüttert, ohne es zu sein. Das empörte Schau-Beben wird übermorgen versanden, und die Opfer werden noch ein Stück einsamer zurückbleiben.


Fußnote:
[1] Ich habe die Aussagen teils leicht gekürzt und zusammengezogen. Die Sendung mit dem Interview findet ihr hier.

2 Kommentare zu “Unerschütterlich. Hanau, Halle, Orlando.

  1. Ja, so ist das. Queerfeindlichkeit (ich fass da mal alle abweichenden sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten zusammen) wird ohnehin abgetan. Sie hat nicht mal den Stellenwert des Antisemitismus oder des Rassismus oder der „Fremdenfeindlichkeit“ (was soll das sein? wer hier geboren ist und hier lebt, ist kein Fremder). Hass und Hetze gegen LGBTI wird hingenommen, ist gar Ausdruck der Meinunbgsfreiheit, der Religionsfreiheit. Gewalttaten gegen LGBTI werden ignoriert, in aller Regel aus der Presse herausgehalten. Wie alle anderen Formen gruppenbezogener Mernschenfeindlichkeit ist sie kein Hobby der AfD, das in der übrigen Gesellschaft niemand ausübt. Wenn konservative Politiker(innen), christliche, jüdische, muslimische Hardcore-Gläubige, gewöhnliche Leute aus jedermanns Nachbarschaft unsereinem die volle Rechtsgleichheit verweigert, uns für minderwertig erklärt, für eine Gefährdung der Gesellschaft, dann wurzelt das Problem dort, nicht bloß in der AfD. Wenn sogar Verbände anderer Minderheiten sich weigern, gemeinsam mit LGBTI-Verbänden zusammen Aktionen auszurichten, dann wurzelt das Problem dort. Wenn wir aufgeklärt werden, wir mögen uns doch bitte ganz der Mehrheitsgesellschaft anpassen, unsichtbar werden, als soziale Gruppe faktisch verschwinden, dann wurzelt das Problem dort. Wenn über Hetze gegen LGBTI und über Gewalttaten gegen LGBTI weder Presseberichte erscheinen noch eine Polizeistatistik geführt wird und niemand den berühmten „Aufstand der Anständigen“ fordert, dann wurzelt das Problem dort. Wenn Schulleitungen sich weigern, SchLAu-Veranstaltungen zuzulassen; wenn auf Schulhöfen „schwule Sau!“ gebrüllt wird; wenn in Fußballstadien homofeindliche Töne als „normal“ betrachtet werden; wenn ein Staat 68 Jahre braucht, seine schweren Menschenrechtsverletzungen an eigenen Bürgern per Gesetz wenigstens formal zurückzunehmen und zu verurteilen; wenn es schon zu viel verlangt ist zu tolerieren, wenn zwei Männer einander an den Händen halten oder gar küssen, während Hetero-Paare einander an jeder Straßenecke abknutschen; wenn das Verbot von als unsinnig und gefährlich erkannten Umerziehungsversuchen voller Lücken bleibt; wenn Volksverhetzung nicht verfolgt wird, wenn Bischöfe, Imame, Rabbis und Pfarrer sie gegen LGBTI begehen; wenn LGBTI die einzige soziale Gruppe sind, die sich ständig für ihre bloße Existenz rechtfertigen muss; wenn LGBTI zu „Respekt“ gegenüber „anderen Meinungen“ aufgefordert und für intolerant erklärt werden, wenn sie dazu selbstverständlich nicht bereit sind, dann wurzelt dort das Problem. – Ich bin so in Fahrt, ich konnte seitenweise weitermachen. Jeder/jede wird aus eigenem Erleben einen reichhaltigen Schatz von Begebenheiten und Empfindungen beitragen können.

    Und was die Juden angeht oder die Immigranten – wen wundert, was in Halle und in Hanau geschehen ist, der hat jahrzehntelang geschlafen.

  2. Einem Artikel auf Übermedien entnehme ich ein paar Links zu Artikeln, die meine negative Sicht auf die Berichterstattung doch ein wenig relativieren und die ich hier als Lesetips vorschlagen möchte:

    Stephan Anpalagan: „Hanau, Thüringen, Halle und die Verantwortung der CDU“ (Krautreporter)

    Christian Bangel: „Bedingungsloses Zuhören“ (Zeit)

    Farhad Dilmaghani, Stephan J Kramer, Matthias Quent: „Wir brauchen einen Masterplan gegen Rechtsextremismus“ (Zeit)

    Nadire Y. Biskin: „Die Angst begleitet mich täglich“ (Berliner Zeitung)

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