Im Bällebad der Toleranz

Um ungehindert an unserem Zahnschmelz zu knabbern, schirmen sich Karies-Bakterien unter erstaunlich komplexen Biofilm-Architekturen ab, die sie selbst mit Hilfe anderer Bakterien erschaffen. Mit der Queerfeindlichkeit ist es ganz ähnlich.

Zum Beispiel Friedrich Merz und Armin Laschet. „Es spielt im Jahre 2020 wirklich keine Rolle mehr, wer wen liebt,“ sagte NRW-Ministerpräsident Laschet im September. „Das ist Konsens in unserer Gesellschaft. Und das ist auch Konsens in einer modernen Volkspartei.“

Erst wenige Tage zuvor hatte eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung einer breiten Öffentlichkeit vor Augen geführt, dass 30 Prozent der Homosexuellen und mehr als 40 Prozent der trans Menschen im Arbeitsleben diskriminiert werden. Noch drei Jahre zuvor hatten drei Viertel von Laschets Parteikolleg:innen im Bundestag ausdrücklich dafür gestimmt, dass es im Eherecht sogar die alles entscheidende Rolle spielen müsse, „wer wen liebt“. Ist anzunehmen, dass sie das inzwischen alle bereuen? Laschet muss diese Realitäten kennen. Es kann nicht sein, dass er wirklich nicht weiß, dass Queerfeindlichkeit sowohl in der Gesellschaft als auch in seiner Partei sehr real ist. Aber er entscheidet sich dafür, sie öffentlich zu leugnen. Wider besseres Wissen behauptet er einen liberalen Konsens, der in seiner Partei als extrem zweifelhaft und gesamtgesellschaftlich als wissenschaftlich widerlegt gelten muss.

Das Interessante dabei ist der Anlass dieser erstaunlichen Aussagen. Der potentielle CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz hatte kurz vorher in einem Interview auf die Frage, ob er sich einen schwulen Bundeskanzler vorstellen könne, mit allzu spontanen Assoziationen zu Gesetzesübertretungen und zu sexualisierter Gewalt gegen Kinder reagiert und ein angebliches Diskretionsgebot in der Öffentlichkeit behauptet (das ihn selbst freilich nicht daran hindert, sein heterosexuelles Privatleben zu veröffentlichen). Seine Aussagen wurden wegen ihrer unverkennbar schwulenfeindlichen Zwischentöne vielfach kritisiert. Selbst der reaktionäre Journalist Jan Fleischhauer, dem übertriebene Empfindsamkeit bezüglich queerfeindlicher Äußerungen nicht vorgeworfen werden kann, erkannte das schwulenfeindliche Denken, das sich zumindest implizit in dieser Reaktion offenbarte.

Nicht so Merz selbst. Er hätte, sofern er das wirklich nicht selbst schon gewusst hatte, sich erklären lassen können, wie heikel und historisch vorbelastet gerade das Ziehen einer Verbindung von Homo- und Pädosexualität in jedem Fall ist und wie mindestens fahrlässig es deswegen von ihm war, diese Linie zu ziehen. Er hätte sich für die Missverständlichkeit (sofern es denn ein Missverständnis war) und die verletzende Wirkung seiner Äußerungen entschuldigen können. Stattdessen entscheidet sich Merz für eine klassische Abwehrstrategie: Die Schuldumkehr. Er habe gar nichts falsch gemacht. Die Verletzung habe nur als „gefühlte“ Verletzung stattgefunden. Nicht nur seien die Kritiker:innen allesamt zu dumm gewesen, seine klaren Worte richtig zu verstehen, außerdem hätten zwielichtige „Akteure und Strukturen“ ihm „böswillig“ die Worte im Mund verdreht und ihn „vorsätzlich falsch interpretiert“. [queer.de] [„Lanz“, ab Minute 24]

Und genau dies ist der Moment, in dem Laschet der Öffentlichkeit mitteilt, dass er Merz‘ Aussagen „nicht bewerten“ wolle, und dann seine realitätsfernen Äußerungen anhängt.

Was passiert hier also? Schon wieder hat jemand die verheerende Assoziation von Homosexualität und Pädosexualität öffentlich bekräftigt. Schon wieder hat jemand die Idee der „Privatheit“ sexueller Orientierungen propagiert, die aber offenbar nur für andere gelten soll. „Kinderschänder“ und „eigene-vier-Wände“-Doktrin: Das sind zwei Klassiker der Schwulenfeindlichkeit. Aber die Diskussion darüber, warum beides höchst problematisch ist, wird überlagert vom rasch herbei beschworenen Trugbild eines ganzen Landes, das völlig frei von Queerfeindlichkeit ist, in dem aber sinistre Akteur:innen aus reiner Bosheit wohlmeinende Menschen der Schwulenfeindlichkeit bezichtigen. In genau dem Moment, wo eine Debatte über konkrete queerfeindliche Stereotype geboten wäre (und andernorts ja auch stattfindet), wird Queerfeindlichkeit aktiv und wider alle Realität ent-thematisiert. Sie findet in der Welt von Laschet und Merz einfach nicht statt, weder auf der persönlichen noch auf der gesellschaftlichen Ebene. Das Thema ist in dieser Welt gar nicht Homophobie, sondern ein Komplott politischer Gegner:innen und linker Medien. Das Problem sind nicht queerfeindlich handelnde Menschen, sondern Menschen, die anderen Queerfeindlichkeit vorwerfen. Das Thema in dieser Welt ist genau genommen NIEMALS reale Queerfeindlichkeit. In dieser Trugwelt existiert sie gar nicht.

Wem dieses Beispiel vielleicht nicht plakativ genug war, sei noch einmal, nur um ein besonders drastisches Beispiel anzuführen, an die deutschen Reaktionen auf das Attentat in Orlando erinnert: 2016 wurden in einem US-amerikanischen Nachtclub mit queerem Zielpublikum mehr als hundert Menschen erschossen oder verletzt. Die deutsche Politik aber sah sich zunächst in keiner Weise veranlasst, dabei von Queerfeindlichkeit zu sprechen, die Wucht dieser Tat auch für die deutschen queeren Communities zu begreifen oder gar – wie könnte man darauf wohl auch kommen? – eine allgemeine Debatte über Queerfeindlichkeit zu führen. Man hörte nur von einem „Angriff auf uns alle“ und Anrufungen der ach so liberalen westlichen Welt. Queerfeindlichkeit? Nicht wirklich, und schon gar nicht bei uns. Wenn überhaupt, ein bedauerlicher Einzelfall. So wie Tausende von anderen kleineren „Einzelfällen“, die die deutsche Polizei nicht als queerfeindlich erfasst, weil sie diese Kategorie lieber gar nicht einführen möchte. [1]

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Die Antirassismus- und Diversity-Trainerin Tupoka Ogette hat in ihrem Buch „exit RACISM“ eine sehr ähnliche Welt beschrieben, in der Abwertung, Hass und Gewalt permanent verschleiert werden, allerdings bezogen auf Rassismus. Das ist so erhellend, dass ich etwas ausführlicher zitieren möchte:

„Ich nenne den Zustand, in dem weiße Menschen leben, bevor sie sich aktiv und bewusst mit Rassismus beschäftigen, ‘Happyland’. […] Happyland ist eine Welt, in der Rassismus das Vergehen der Anderen ist. […] Rassismus ist NPD, Baseballschläger, Glatzen und inzwischen auch die AfD. […] Im Selbstverständnis der Happyländer und -länderinnen* hat das Wort ‘Rassismus’ keinen Platz. […] Hinzu kommt, dass man in Happyland davon ausgeht, dass Rassismus etwas mit Vorsatz zu tun hat. Damit man etwas rassistisch nennen kann, muss es mit Absicht gesagt oder getan worden sein. Des Rassismus bezichtigt werden kann also nur jemand, der oder die* vorsätzlich beschließt, dass die nun folgende Handlung oder das im Folgenden Gesagte rassistisch sein soll. Eine Wirkung, die der Verursachende derselben nicht beabsichtigt hat, liegt entsprechend nur im Auge des Betrachters und der Verursachende trägt keinerlei Verantwortung dafür. Auch Absicht und Wirkung bilden in Happyland keine kausale Kette und haben – wenn überhaupt – nur sehr wenig miteinander zu tun. Die*der Happyländer*in entscheidet, wann und wie das Gesagte beim Empfangenden ankommt, wie es sich anfühlt oder anzufühlen hat. „Ich habe es nicht so gemeint, also musst Du nicht so beleidigt tun.“ Und da das R-Wort so schwer moralisch belastet ist und Rassismus = schlechter Mensch bedeutet, kommt es für die*den Happyländer*in auch einer schweren Beleidigung gleich, des Rassismus bezichtigt zu werden: einem Hochverrat an allem, woran die*der Happyländer*in glaubt und was sie*er gelernt hat. […] Dementsprechend erhält auch jeder Mensch, der es wagt, nur eine Vermutung auszusprechen, dass es sich in einer Situation oder bei etwas Gesagtem um das leidliche R-Thema handelt, umgehend und ungeprüft die Höchststrafe. Denn einen Rassismusvorwurf zu erhalten, ist immer schlimmer und emotional schwerwiegender, als das, was die fragliche Situation oder der fragliche Spruch ausgelöst hat. Immer. Deshalb macht man sich in Happyland auch vielmehr Sorgen darüber, rassistisch genannt zu werden, als sich tatsächlich mit Rassismus und dessen Wirkungsweisen zu beschäftigen. Fragt man die Bewohner*innen Happylands, wie es denn so um Rassismus steht in dieser Welt, wird er*sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass das kein großes Thema mehr ist. […] Sie halten sich für offen und tolerant. Das liegt daran, dass nicht nur das Wort, sondern auch die Gedanken daran aus Happyland verbannt wurden. […] Wenn Du weiß bist, dann bist Du mit hoher Wahrscheinlichkeit von Anfang an Bewohner*in von Happyland. […] Happyland ist gemütlich. Selbstversichernd. […]

Mein Problem mit Happyland ist: […] Happyland ist ein Ort, dessen Existenz nur auf Kosten von anderen möglich ist. Und zwar auf Kosten von Schwarzen Menschen und People of Color. Happyland ist ein Ort, an dem Menschen verletzt und entwürdigt werden, wo Menschen Privilegien auf Kosten anderer Menschen genießen, und das meistens komplett unbewusst, oft mit einem Lächeln im Gesicht und wirklich guten Intentionen.“ [2]

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Die Parallelen zur Queerfeindlichkeit und dem bisher geschriebenen liegen wohl klar auf der Hand. Ich bin sehr dankbar für Ogettes Arbeit, weil sie mit Happyland einen treffenden und humorvollen Begriff für ein Phänomen gefunden hat, das allgegenwärtig, aber meistens ziemlich schwer zu greifen ist, nämlich das riesige Bündel vielgestaltiger Strategien, mit denen einzelne Akteur:innen und auch unsere Gesellschaft als Ganzes die Kritik an gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeiten und die notwendige Debatte darüber abwehren, indem sie verschleiern, leugnen, lügen, „es doch nur gut meinen“, ablenken, verharmlosen, schönreden, negieren, die Beweislast umkehren, rhetorisch tricksen, Hysterie unterstellen, anklagen, wegsehen, laut schweigen, sich selbst zum Opfer erklären, Leerphrasen dreschen und so weiter. [3]

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Ganz ähnlich wie beim Rassismus gibt es einen recht breiten Konsens in unserer Gesellschaft, Queerfeindlichkeit auch dann – bzw. gerade dann – nicht wahr- oder ernst nehmen zu wollen, wenn sie akut augenfällig wird. Das ist der Grund, weshalb Merz und Laschet tun, was sie tun, und weshalb ihre Strategie so erfolgreich sein kann: Zwei verwirrte Einzeltäter kämen mit dieser Masche nicht durch. Aber Merzkonnte mit seiner Strategie an mehrheitsfähige Diskussionen andocken, an ein breites Netzwerk der Verleugnung. Er konnte darauf vertrauen, dass man ihm vielfach zu Hilfe eilen und seine Verschiebung der Debatte unterstützen würde.

Schützenhilfe wurde Merz beispielsweise von Markus Lanz zuteil, der ihm in seiner Talkshow eine recht unkritische Bühne für seine Verteidigungsreden anbot. Etwas überraschendere Rückendeckung kam in der selben Sendung von Alice Schwarzer, die sich in eiliger „Schwamm drüber“-Rhetorik übte und von „Unterstellungen und Hetze“ sprach (nicht etwa von, sondern gegen Merz.) Erwartbar war hingegen der Freispruch von Julia Klöckner, die genau wie Laschet ihre gesamte Partei von jeder Queerfeindlichkeit reinwusch. Bereits nach Annegret Kramp-Karrenbauers Toiletten-„Witz“ hatte Klöckner perfide darüber doziert, dass man „das dritte Geschlecht“ [sic] doch eigentlich gerade dann diskriminieren würde, wenn man darauf verzichten würde, nicht-binäre oder trans Menschen öffentlich zu verspotten.

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Dies ist nur ein Beispiel von Hunderten. Es geht bei all dem nicht nur um parteipolitische Kumpel:innenei. [4] Wir haben es mit einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu tun. Es gibt ein massives Bedürfnis in unserer ganzen Gesellschaft, Queerfeindlichkeit nicht zu sehen und sie, sobald sie irgendwo sichtbar wird, sofort wieder unsichtbar zu machen oder sie zumindest zu verharmlosen, zu relativieren und zu verschleiern. Und es gibt einen breiten Konsens darüber, dass diese Unsichtbarmachung, dieses Ersticken einer kritischen Diskussion, völlig okay ist. Dieses Problem betrifft die Politik und die Medien, Organisationen und Einzelpersonen. Je stärker sich der Konsens durchsetzt, dass Queerfeindlichkeit wirklich etwas Schlechtes ist, desto stärker wird auch die Kehrseite der queerfreundlichen Medaille wirksam: Es wird vielen Menschen wichtiger, nicht queerfeindlich genannt zu werden und ihr eigenes Handeln nicht hinterfragen zu müssen, als sich mit eventuell ja doch queerfeindlichem Verhalten auseinanderzusetzen – bei anderen oder bei sich selbst. [5]

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Das ist im Grunde nicht einmal so erstaunlich. Seien wir mal kurz optimistisch und behaupten, dass eine Mehrheit der Menschen in unserem Land Diskriminierung, Hass und Hetze – auch auf andere Gruppen bezogen – zumindest theoretisch als etwas Negatives ansieht. Seien wir zugleich realistisch und erkennen wir an, dass Ideologien der Ungleichwertigkeit wie Rassismus, Sexismus, Klassismus und eben auch Queerfeindlichkeit, die unsere Gesellschaft jahrhundertelang ganz essenziell geformt und überhaupt erst zu der gemacht haben, die sie heute ist, nicht innerhalb der letzten paar Jahre plötzlich verschwunden sind. Unsere Gesellschaft ist strukturell immer noch von diesen Abwertungen geprägt, und wir alle sind es auch als Einzelne. Dieser Widerspruch zwischen Ideal und Realität erzeugt eine Spannung, die uns unangenehm ist. Wir möchten frei von Ressentiments sein, sind es aber nicht. Wir wollen uns ungern schuldig fühlen. Und wir möchten – rein theoretisch – in einer Gesellschaft leben, die alle gerecht behandelt; aber so ist unsere Gesellschaft leider nicht.

Im wesentlichen gibt es zwei Optionen, um diese kognitive Dissonanz, also den Widerspruch zwischen idealem Selbstbild und Realität, aufzulösen: Wir erkennen unsere Schwächen an und arbeiten daran, uns selbst und unsere Gesellschaft zu verbessern. Leider strengt so etwas ziemlich an, und ein schlechtes Gewissen ist eine echte Spaßbremse. Oder wir halten uns Augen und Ohren zu und singen laute Lieder über unsere großartige „Toleranz“. Das fühlt sich gleich wesentlich besser an, und es kostet gar nichts. Nur weil wir uns so breitflächig auf die große Verleugnung geeinigt haben, kostet es nicht einmal die eigene Glaubwürdigkeit. Im Bällebad der Toleranz hat man so viel mehr Spaß als in einer unperfekten Welt, in der Diskriminierung sehr real und eigene Mitschuld nicht immer zu leugnen ist: Alles so schön bunt hier und voller Regenbogenfarben. Das hat zwar nichts mit der Realität zu tun, aber wenn wir richtig tief eintauchen, die bunten Bälle hochwerfen und sie uns geräuschvoll auf den Kopf prasseln lassen, dann müssen wir die andere Welt da draußen ja weder sehen noch hören.

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Es ist deshalb eine ganz grundsätzliche Fehlannahme, dass wir Queerfeindlichkeit einfach nur dort, wo sie auftritt, kritisieren müssten und dann auch schon über Lösungsansätze diskutieren könnten. Weder können wir davon ausgehen, dass Queerfeindlichkeit in einem konkreten Fall tatsächlich als solche anerkannt wird, noch können wir unwidersprochen behaupten, dass es Queerfeindlichkeit überhaupt gibt. Queerfeindlichkeit hüllt sich in einen Kokon aus Realitätsabwehr, den wir jedes einzelne Mal erst durchbrechen müssen. Bevor ein gemeinsames Engagement gegen Queerfeindlichkeit auch nur ansatzweise beginnen kann, müssen wir zuerst immer wieder um die Anerkennung der Tatsache ringen, dass sich gerade jemand wirklich queerfeindlich verhalten hat bzw. dass Queerfeindlichkeit überhaupt „heute noch“ ein Problem sein kann.

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Was mir Ogettes Buch deutlicher als zuvor gemacht hat: Wenn wir immer wieder einmal erleben, dass eine – nach unserer Einschätzung – eindeutig queerfeindliche Situation abgewiegelt und nicht ernst genommen wird, dann haben wir es nicht etwa nur mit individueller Dummheit oder Bösartigkeit zu tun. Es geht um eine kollektive Abwehrstruktur, die sich über einen sehr langen Zeitraum hinweg gebildet hat. Ein Bollwerk höchst aktiver Ignoranz. Es geht um Netzwerke der Inschutznahme und gegenseitigen Entlastung, um vorgeprägte Phrasen und rhetorische Tricks, um Methoden der Selbstvergewisserung, die man sich bei anderen abschauen kann, um ein ganzes Arsenal an kulturell vorgefertigten Gedankenschleifen und Scheinargumenten, mit denen man die Diskussion verschieben, Einsichten abwehren und die Anderen zu den Schuldigen erklären kann. Diese Struktur bildet sich immer noch weiter aus, verfeinert sich und passt sich neuen gesellschaftlichen Situationen, neuen Gesetzesregelungen und neuen Argumenten gegen Queerfeindlichkeit an.

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Ich sprach oben von einem großen Bündel an Verschleierungs-Strategien. Ich möchte anschließend mal alle zusammentragen, die mir spontan einfallen.

Abhaken

Queerfeindlichkeit wird oft einfach als ein Phänomen dargestellt, das es früher mal gab, das aber heute nicht mehr existiert, jedenfalls nicht in Deutschland bzw. in meinem jeweiligen Umfeld (siehe Laschet / Klöckner). Man ist dann total überrascht, wenn man doch irgendwo von einem queerfeindlichen Vorfall hört, und gleichzeitig auch skeptisch. Das kann ja gar nicht sein, heute sind wir doch alle so wahnsinnig „tolerant“.

So hieß es in der Presseerklärung des Verteidigungs-Ministeriums anlässlich der Rehabilitierung und Entschädigung von Bundeswehrsoldat:innen, die wegen ihrer Homosexualität Benachteiligung und Entlassung erleben mussten: „Heute sind offen homosexuelle Soldatinnen und Soldaten Normalität in den deutschen Streitkräften.“ Sven Bähring vom Verein QueerBw ergänzte das, was die Ministerin so gern aus der Gegenwart herausschieben wollte: „Wir haben um die 200 Generale und Admirale in der Bundeswehr. Mir ist kein einziger bekannt, der zu seiner Homosexualität steht.“ Die Entschädigungsdiskussion führte nicht etwa zu einem Problembewusstsein für die Gegenwart, sondern wurde von offizieller Seite als Gelegenheit zum öffentlichen „Abhaken“ genutzt.

Erwähnt sei auch noch einmal das klar diskriminierende Sondergesetz für Lebenspartnerschaften von 2001, das ganz offiziell als „Gesetz zur Beendigung der Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Gemeinschaften“ betitelt wurde. Ich übersetze: „Damit muss aber jetzt auch endlich Ruhe sein!“ Wie wir wissen, ist die rechtliche Diskriminierung allerdings bis heute nicht beendet. Den berechtigten Vorwurf des Zynismus hätte man damals aber sicherlich gekränkt zurückgewiesen.

Definitionsverengung

Man steckt einfach die Grenzen für „echte“ Queerfeindlichkeit so eng, dass eigentlich kaum noch jemand wirklich in die Definition fällt: Wer findet, dass nur Heteros heiraten und adoptieren dürfen, ist deswegen doch noch lange nicht homophob! Wenn sogar prominente Grünen-Politiker wie Boris Palmer oder Winfried Kretschmann so etwas sagen, kann es ja wohl nicht falsch sein. Aus dieser Sicht fängt Homophobie frühestens dort an, wo eine Platzwunde genäht werden muss.

Derailing

Es gibt Wichtigeres! Haben wir keine anderen Sorgen? Was ist eigentlich mit …? So lange irgendwo auf der Welt krebskranke Waisenkinder hungern, darf über Luxusprobleme wie Queerfeindlichkeit nicht geredet werden. Natürlich heißt das noch lange nicht, dass man sich jetzt wirklich um irgendwelche Kinder kümmert, denn das Ziel der Intervention ist ja nicht wirklich eine bessere Welt, sondern nur die Abwehr der Diskussion über Queerfeindlichkeit.

Whataboutism

Sobald es um Queerfeindlichkeit geht, möchte man ganz dringend über andere Formen der Diskriminierung reden. Am liebsten über eine, unter der man (angeblich) selbst leidet. Werden nicht alle Menschen irgendwie diskriminiert? So verweigerte Guido Westerwelle z.B. die Aufnahme der sexuellen Identität in den Schutzkatalog von Artikel 3 GG mit der Begründung, dann müsse man dort ja auch „Brillenträger“ erwähnen.

Dammbruch-Alarm

Man kann es mit den Minderheitenrechten / der Gleichheit / der Toleranz auch übertreiben! Wo kommen wir hin, wenn jetzt alle …? Was kommt als nächstes, etwa, dass …? Es geht hier angeblich gar nicht gegen queere Menschen, denn die hat man doch furchtbar lieb, aber wir brauchen, leider, leider diese queerfeindliche Gesetzgebung, weil wir sonst gar kein Bollwerk gegen andere, noch viel schlimmere Sachen haben. [→ Kramp-Karrenbauer: Wir müssen da mal was klären.]

Vorsatzklausel

Das beschrieb Tupoka Ogette oben schon: Wenn etwas nicht queerfeindlich gemeint war, kann es auch nicht queerfeindlich sein. Also kann es auch nicht verletzen. Wenn ich dir nur aus Versehen mit dem Auto über den Fuß fahre, dann darfst du dich über Schmerzen oder gebrochene Knochen nicht beschweren. Und erwarte nicht, dass ich mich entschuldige, es war schließlich keine Absicht. Ich kann auch nicht versprechen, darauf zu achten, dass es nicht wieder vorkommt. Es tut mir übrigens in den Ohren weh, wenn du so schreist.

Schuldumkehr

Siehe Merz: Ich bin das Opfer, weil ich zu unrecht angegriffen werde.

Andere Variante: Man würde queere Menschen wirklich gerne mögen, aber das ständige Genörgel dieser Leute, die überall Diskriminierungen riechen, wo gar keine sind, macht jede Solidarität leider unmöglich.

Sprache / Framing

Schon mal bemerkt, dass es für viele Menschen immer noch ein Problem darstellt, auch nur das Wort „schwul“ oder „homosexuell“ auszusprechen? Dieses Zögern vor dem entscheidenden Wort, und dann kommt so etwas heraus wie „Menschen, die, äh, anders lieben“, gleichgeschlechtliche „Neigungen“ und ähnliches Geschwurbel? Zu Oscar Wildes Zeiten sprach man von der „Liebe, die ihren Namen nicht zu nennen wagt“. Die Tabuisierung des gesamten Themas wirkt bis heute fort.

Der gängigste Ausdruck für die meistdiskutierte Form der Queerfeindlichkeit ist hierzulande „Homophobie“. Verglichen mit Bezeichnungen wie Rassismus, Antisemitismus und sogar dem problematischen Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ wirkt das seltsam harmlos und riecht fast ein wenig nach Mitleid mit den Täter:innen, diesen armen Menschen, die unter so viel Angst leiden. Zwar mögen Angst und Abneigung wichtige Faktoren sein, aber ist mit „Phobie“ treffend beschrieben, wenn jemand bewusst diskriminiert, hetzt oder sogar zuschlägt?

Am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen sagte Frank Walter Steinmeier im Juni 2018 viel Lobenswertes, aber auch: „Unsägliches Leid haben Homosexuelle während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erfahren. Und auch nach 1945 blieb ihr Schicksal lange, zu lange verschwiegen.“ Er reproduzierte ausgerechnet an diesem Ort die verleugnende Floskel, die jahrzehntelang eine ehrliche Aufarbeitung des Nachkriegs-Unrechts verhindert hatte: Die Verfolgung schwuler Männer wurde nach 1945 nicht „verschwiegen“. Sie wurde mit aller Härte fortgeführt.

Phrasen und Kampfbegriffe

Die Kritik an einigen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeiten, die früher noch reibungslos durchgingen, wird seit einigen Jahren deutlicher. Zur Abwehr der Kritik haben sich derweil etliche Kampfbegriffe und Phrasen etabliert: Cancel Culture, Political Correctness, Shitstorm, Denkverbot, Nazikeule, Meinungsdiktatur, Toleranzpolizei, Tugendwächter (natürlich „selbst ernannte“, die sich nicht einmal um ein offizielles Moralhüter-Zertifikat kümmern!) und viele andere. Man braucht nur eine dieser Floskeln zu nutzen, um ohne weitere Ausführungen die Schuldfrage umzukehren und so die Debatte erfolgreich zu verschieben. Mit einer einzigen Phrase kann man die Kritik delegitimieren, ohne sie mühsam inhaltlich zu widerlegen, und die Zustimmung zigtausender Mit-Leugner:innen abrufen, die sich auch alle darüber empören, dass man heute ja „nichts mehr sagen darf“.

Pervertierung von Idealen

Ein eleganter Trick, um Diskriminierungen zu verschleiern, ist, sie als Ausdruck demokratischer Ideale zu verkleiden. Für diese Scharade haben sich Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Kunstfreiheit und vor allem Satire vielfach bewährt. Auf all das kann man sich wunderbar berufen, um queerfeindliche Aussagen zu rechtfertigen und die Kritik als undemokratisch zu brandmarken. Jürgen von der Lippe, Stefan Raab, Bully Herbig, Oliver Pocher, Serdar Somuncu und – besonders ekelhaft – Dieter Nuhr quasseln davon, dass Satire angeblich alles dürfe, ja sogar müsse, und leiten daraus geradezu eine Pflicht zur primitiven Verspottung von Minderheiten ab. Die humorlosen Spaßbremsen, die platte nach-der-Seife-Bücken-Schenkelklopfer schwulenfeindlich finden, haben halt die geistreiche Satire nicht verstanden.

Die politisch-intellektuelle Variante ist das Ausspielen sogenannter Identitätspolitik gegen das, was man heute nicht mehr Klassenkampf nennt: Sigmar Gabriel und Sarah Wagenknecht machen die vermeintlich linke Form des „man kann es auch übertreiben“ vor. Auch hier wird Queerfeindlichkeit zu einem Minderheiten- und Luxusproblem erklärt, statt sie als Teil vernetzter Unterdrückungsformen zu begreifen. Die sogenannten „einfachen Leute“ (die in dieser Logik offenbar niemals queer sind), würden sich durch das „Überhandnehmen“ (Gabriel) queerer Emanzipationsthemen benachteiligt fühlen. Die suggerierte Lösung kann eigentlich nur darin bestehen, weniger oder gar nicht mehr über Queerfeindlichkeit zu reden.

Tokenism

Die Existenz von Queerfeindlichkeit wird dadurch widerlegt, dass man einzelne positive Erfahrungen anführt: Aber ich sehe in Berlin immer ganz viele Männerpaare Hand in Hand gehen! Man sieht die Mehrheit derer halt nicht, die das nicht tun, weil sie berechtigte Angst vor Pöbeleien oder vielleicht schon Gewalt erlebt haben.

Lange Zeit war der Satz „Berlin hat einen schwulen Bürgermeister“ eine fast unvermeidliche Einstiegsformel für jeden Artikel über Homosexualität. „Schwule und Lesben dürfen in Deutschland heiraten“ hat das inzwischen abgelöst. Danach kommen möglicherweise dann doch ein paar Beispiele von Diskriminierungen, aber Queerfeindlichkeit bleibt dank dieser Strategie trotzdem als die Ausnahme in den Köpfen, nicht als die Regel. Und das ist leider irreführend.

False Balance

Statt im Einklang mit unserem Grundgesetz darauf zu beharren, dass Diskriminierung immer falsch ist, wird hier suggeriert, dass man über die Abwertung und Entrechtung bestimmter Menschen ergebnisoffen diskutieren müsse, um „ausgewogen“ zu bleiben.

Das Ergebnis sind beispielsweise Talkshow-Tribunale, in denen Rechte und Würde queerer Menschen bewusst zur Disposition gestellt werden. Irrationale, rein bauchgefühlig herausgeschleuderte Ressentiments oder religiöser Fundamentalismus werden in dieser Logik mit faktenbasierten Argumenten und Menschenrechten auf die selbe Stufe gestellt. Vollständige Gleichbehandlung erscheint dabei als eine von zwei gleichermaßen radikalen Positionen und nicht einfach als das, was Grundgesetz und menschlicher Respekt vorschreiben. Als wäre es der „demokratische Weg“, einen ausgewogenen Kompromiss irgendwo zwischen Gleichbehandlung und Volksverhetzung auszuhandeln.

Statt Expert:innen einzuladen, die auch zur Theorie der Queerfeindlichkeit etwas sagen könnten, werden dann meistens queere „Normalos“ oder auch Paradiesvögel hingesetzt, die halt etwas „aus ihrer persönlichen Sicht“ beitragen und dann ihr Leben zum Beispiel vor Bibelfanatiker:innen rechtfertigen müssen. Es ist aber keinesfalls ein „Gespräch auf Augenhöhe“, wenn zwei Personen darüber diskutieren, ob die eine der beiden ihrer Rechte und ihrer Würde beraubt werden soll. Die journalistische Verantwortung, für die Prinzipien des Grundgesetzes einzustehen, wird ausgetauscht gegen die Lüge, demokratisches Handeln müsse darin bestehen, die Gegner:innen grundgesetzlicher Werte genau so zu behandeln wie ihre Befürworter:innen. Dabei ist hier selbstverständlich auch von Journalist:innen eine klare Parteinahme gefragt. Entrechtung ist keine Meinungsverschiedenheit. Zu gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeiten zu schweigen ist nicht neutral.

Als Beispiel kann man hier auch den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert anführen, der bei der Diskussion um die Eheöffnung gleichen „Respekt“ für diejenigen einforderte, die an der Diskriminierung festhalten wollten, wie für diejenigen, die sie endlich abschaffen wollten.

Auch diese perfide Logik hat sich zu einer handlichen Phrase kristallisiert: „Toleranz ist keine Einbahnstraße“. Man wird ja wohl von Diskriminierten Respekt vor den Menschen erwarten dürfen, die ihnen ihre Grundrechte vorenthalten oder wegnehmen wollen.

Persönliche Diskreditierung

Wenn sonst nichts mehr hilft, kann man den Leuten, die Queerfeindlichkeit kritisieren, immer noch zu große Emotionalität unterstellen und den Tonfall der Beschwerde kritisieren. Über Diskriminierungen muss man doch sachlich reden und nicht so „hysterisch“. Als Nichtbetroffene:r hat man da auch leicht reden. Perfide ist nicht nur, dass man damit die Kritik delegitimiert (denn die sich beschwerende Person sieht ja wegen all der Emotionen nicht mehr klar), sondern dass man so die Betroffenheit gegen die Betroffenen wendet. Man würde ja eigentlich gern zuhören, aber in diesem Ton

Maulkorb-Toleranz

Wer hat das nicht schon mal gehört: Mir ist doch ganz egal, mit wem du ins Bett gehst. Es interessiert mich nicht, ob homo, hetero oder mit Ziegen. Gemeint ist: Dieser ja doch etwas schmuddelige Teil deiner Persönlichkeit ist wie eine geheimdienstliche Information zu behandeln. Sie soll bitte zwischen uns nicht zur Sprache kommen, und eventuelle Erfahrungen mit Queerfeindlichkeit schon gar nicht.

Falsches Alibi

Ein einfacher Selbstfreispruch genügt. Ich bin nicht homophob, deshalb kann ich ganz automatisch nie etwas Homophobes sagen. Ich habe mich schon immer gegen jede Form der Diskriminierung eingesetzt. Der Klassiker: Ich habe schwule Freunde.

Man kann Geschlecht als „biologisch festgelegt“ bezeichnen, trans Frauen konsequent als „Männer“ fehlbezeichnen, sie pauschal als Gefahr für „echte“ Frauen dämonisieren, trans Rechte ganz generell als unnötig in Frage stellen und trotzdem kackfrech behaupten, das alles sei aber bitteschön doch nie im Leben transfeindlich.

Zur Rückendeckung dient der Freispruch für Andere: Ich kenne ihn:sie seit Jahren, er:sie würde niemals …

Mit-Leugnung Betroffener

Ich weiß gar nicht, wie oft ich schon Interviews von Schwulen oder Lesben gelesen oder gehört habe, die aus voller Überzeugung behaupten: „Ich bin noch nie diskriminiert worden.“ Direkt im Anschluss kommt dann: „Dumme Sprüche kommen natürlich manchmal, aber da muss man halt drüber stehen.“ Das geht offenbar beides in den selben Kopf, aber nicht in meinen. Es ist ja das Eine, Diskriminierungen „nicht zu sehr an sich ran zu lassen“ oder „sich ein dickes Fell zuzulegen“, wie es dann oft heißt. Aber es ist doch etwas Anderes, erlebte Diskriminierungen auch noch selbst zu leugnen, obwohl sie dauernd stattfinden. Nein, es wird eben nicht „jedem mal das Auto zerkratzt“.

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Das alles ist unendlich ermüdend. Es nervt nicht nur auf der individuellen Ebene. Dieser stetige Kampf um den ersten Schritt, Queerfeindlichkeit überhaupt erst einmal als real anerkannt zu bekommen, schluckt endlos viel Energie, die wir alle eher dafür brauchen, Strategien gegen eben diese Queerfeindlichkeit durchzusetzen. Diese Leugnung schwächt unseren Aktivismus; sie lässt ihn als eigentlich deplaziert, übertrieben und unnötig erscheinen („Berufsschwule müssen halt jede kleine Diskriminierung aufblasen, weil sie sonst keinen Lebenssinn mehr finden“).

Die kollektive Leugnung und Verharmlosung hindert vor allem gerade wirklich aufgeschlossene Menschen, die ganz ehrlich keine Queerfeindlichkeit wollen, daran, das Ausmaß des Problems zu erkennen, ihre eigene verinnerlichte Queerfeindlichkeit zu bearbeiten und unseren Kampf ernst genug zu nehmen. Das alles zusammen macht die Queerfeindlichkeit in unserem Land so wahnsinnig stabil. Es verzögert den gesellschaftlichen und politischen Fortschritt.

Und es verzögert sicher auch viele Coming-Out-Prozesse. Viele Probleme beim Coming-Out haben sich seit Generationen kaum verändert, aber eines hat sich verschoben: Früher konnte man noch ziemlich allgemein mit offener Feindseligkeit und Hass rechnen. Queere Themen waren extrem tabuisiert. Heute werden sie im Vergleich viel öffentlicher und oft viel positiver angesprochen. Menschen vor dem Coming-Out müssen aber mit einer völlig widersprüchlichen Wahrnehmung klarkommen: Da sind einerseits viele Botschaften, die eine allgemeine Akzeptanz beschwören und die befreienden Botschaften queerer Emanzipation als Leuchtfeuer unserer liberalen Welt feiern. Du kannst ganz und gar frei und glücklich sein, wenn du nur zu dir selbst stehst! Und gleichzeitig spürt immer noch jede queere Person das allgegenwärtige queerfeindliche Hintergrundrauschen, hört die kleinen Sticheleien, sieht die abschätzigen Blicke, liest die offen hasserfüllten Kommentare oder knallt mit dem Kopf an ein immer noch diskriminierendes Gesetz. Jede:r Einzelne muss erst einmal verstehen, was da eigentlich los ist: Wenn ich also okay bin und alle so tolerant sind, weshalb fühle ich mich trotzdem so unglücklich, ängstlich und bedroht? Liegt es an mir? Bin ich paranoid?

In der Psychologie gibt es den Begriff Gaslighting für eine perfide Manipulationsmethode: Indem von mehreren Personen über einen längeren Zeitraum die konkrete Realitätswahrnehmung des Opfers in Frage gestellt und eine andere Realität behauptet oder gar künstlich inszeniert wird, wird das Opfer völlig desorientiert, sein Vertrauen in die eigene Wahrnehmung verunsichert und sein Selbstbewusstsein zerstört. Die Gefühle des Opfers werden als inadäquat abgetan, es wird geleugnet, was man eben noch selbst gesagt hat usw. (Lest euch einfach mal den Wikipedia-Artikel durch, und ihr werdet sehr Vieles wiedererkennen.) Die Folgen können sehr schwerwiegende psychische Probleme und Erkrankungen sein. In einer ziemlich ähnlichen Situation befindet sich ein queerer Mensch, dem trotz unbestreitbar negativer Erfahrungen genau diese immer wieder, und zwar von nahestehenden Menschen, denen er gern vertrauen würde, einfach konsequent und regelmäßig abgesprochen werden.

* * *

Ich glaube, es kann sehr helfen, einen Begriff zu haben, der diese Verunsicherung erklärt und die Mechanismen dahinter greifbar macht. Coming-Out-Gruppen usw. sollten dieses Phänomen einbeziehen. Es sollte innerhalb des queeren Aktivismus regelmäßig besprochen werden. Workshops wie die von Tupoka Ogette, die es den Teilnehmenden ermöglichen sollen, „aus Happyland auszuziehen“, sollte es ebenso für Menschen geben, die die strukturelle Gewalt von Queerfeindlichkeit erkennen und überwinden wollen. Besonders wichtig wäre dies beispielsweise für Menschen im Bildungswesen und in den Medien, um die Verleugnungsspirale wenigstens dort zu unterbrechen.

Die Lösung des Problems ist leider nicht so leicht wie der Sprung ins Bällebad. Das ist, mit Evje van Dampen gesprochen: Arbeit, Arbeit, Arbeit; an uns selbst, an Anderen, am ganzen System. Aber ihr wisst, was man über das Zähneputzen sagt: Lästig, aber wenn man es nicht jeden Tag tut, wird es ziemlich schnell braun.


Lesetipps:

Tupoka Ogette: „exit RACISM. rassimuskritisch denken lernen“, Unrast-Verlag

Johannes Kram: „Ich habe ja nichts gegen Schwule, aber … Die schrecklich nette Homophobie in der Mitte der Gesellschaft“, Querverlag

(Bitte nicht bei a****n bestellen, sondern im lokalen Buchladen. Einige queere Buchläden bieten auch online-Bestellungen an.)


Fußnoten:

[1] Ganz aktuell wird die Frage nach einem möglichen queerfeindlichen Motiv des Messerattentates auf zwei schwule Lebenspartner in Dresden von der Polizei abgewiesen mit dem Argument, dass es nicht ihre Aufgabe sei, sich „zur sexuellen Orientierung von Tatopfern“ zu äußern. Unwahrscheinlich, dass in vergleichbarem Fall ein heterosexuelles Ehepaar nicht als Ehepaar, sondern als „zwei Touristen“ beschrieben würde, weil man sich ja zu deren „sexueller Orientierung“ nicht äußern könne. Und natürlich geht es hier überhaupt nicht um die Opfer selbst, sondern um ein mögliches Motiv des Täters, das die Ermittelnden selbstverständlich interessieren muss. Aber die Polizei kneift wieder einmal entschlossen die Augen zu.

[2] Der ganze Abschnitt aus Ogettes Buch ist hier nachzulesen.

[3] Der einzige mir bekannte queere Theoretiker, der dieses Phänomen bezüglich der Homofeindlichkeit sehr gezielt in den Blick genommen hat, ist Johannes Kram in seinem Blog und dem ebenfalls sehr empfehlenswerten Buch „Ich habe ja nichts gegen Schwule, aber …“ (Siehe Lesetipp am Ende des obigen Artikels). Kann es sein, dass die Schwarze Emanzipationstheorie derzeit ganz generell auf einem völlig anderen Niveau und in ganz anderer Breite stattfindet als die queere? (Das ist keine rhetorische Frage.)

[4] Auch Sigmar Gabriel hatte beispielsweise die queerfeindliche Karnevals-Äußerung Kramp-Karrenbauers gegen Kritik in Schutz genommen.

[5] Vielleicht ist ein Hinweis wichtig: Die hier beschriebene Haltung soll natürlich nicht zu 100% für jedes einzelne Mitglied unserer Gesellschaft gelten, sondern nur eine sehr verbreitete Tendenz beschreiben. Ich sehe heute eine Gleichzeitigkeit verschiedener Haltungen.
– Queerfeindliche Arschlöcher, die das gar nicht verbergen (z.B. Faschos)
– Menschen, die explizit queerfeindlich reden, handeln und auch denken, aber nicht queerfeindlich genannt werden wollen (z.B. Römisch-katholische Kirche)
– Menschen, denen Queersein vielleicht persönlich ganz egal ist, die aber aus strategischen Gründen queerfeindlich reden und handeln (z.B. möglicherweise Merkel)
– Menschen, die wirklich nicht queerfeindlich sein wollen, aber queerfeindlich geprägt sind und auch so reden und handeln, aber die Einsicht in ihre queerfeindliche Prägung mit aller Gewalt abwehren müssen.
– Menschen, die ihre queerfeindliche Prägung erkennen und bearbeiten wollen. (Ein, wie ich finde, schönes Beispiel für diese Haltung ist die Reaktion des US-Fußballtrainers Rick Schantz nach einem schwulenfeindlichen Vorfall während eines Spiels.)

14 Kommentare zu “Im Bällebad der Toleranz

  1. Herzlichen Dank für diese beeindruckenden, fundierten Ausführungen. Das war mir eine wertvolle, wenn auch emotional schwer erträgliche Lektüre. Denn natürlich hast Du mit allem vollkommen Recht und ich kenne alle der beschriebenen Formen von Queerfeindlichkeit. Mir wird oft zum Vorwurf gemacht (auch von mir selbst, b.t.w.), dass ich meine eigene Queerness nicht oder nur in Teilen im Alltag oute. Leider weiß ich spätestens nach diesem Überblick wieder genau, warum ich das nicht tue. Und bei jedem Blick in die Kommentarspalten zu entsprechenden Themen weiß ich es auch … Liebe Grüße von der Nordsee!

    • Ohne das jetzt auf dich persönlich zu münzen: Was das (permanente, alltägliche) Coming-Out angeht, war ich früher vielleicht etwas ungnädiger als ich heute bin. Inzwischen finde ich es aber total wichtig, uns klarzumachen, dass da jede:r ein ganz individuelles Bündel an guten, aber auch schlechten Erfahrungen mit sich trägt und dass auch nicht alle auf dieselben schützenden Ressourcen zurückgreifen können, die die Voraussetzung für ein offenes Leben sind. Was ich immer noch schwerer verzeihe, ist, wenn Diskriminierungsopfer die gesellschaftlich erzwungene Zurückhaltung zu einer angeblich freien persönlichen Entscheidung schönreden. Das fällt dann nämlich genau unter den hier beschriebenen Aspekt der Verleugnung von Queerfeindlichkeit.
      Liebe Grüße an die Küste!

  2. Schon lange habe ich fest gestellt, dass Hass und Diskriminierung etwas sind, dass uns nicht nur Leben und Glück kostet, sondern auch den sozialen, gesellschaftlichen Fortschritt massiv blockiert.

    Man kämpft gegen die Gleichberechtigung von sog. Minderheiten (als wären sie minder wert..), weil damit die Mehrheit ja weniger Glück und so weiter hätte – und verschwendet so eine unfassbare Menge an geistiger Kraft, Energie, Ideen und Zeit in einen Unterdrückungsmechanismus.
    Und alle anderen, die das bescheuert finden, kämpfen dagegen an, „verschwenden“ (notgedrungen!) wiederum geistige Energie, Aufwand, Zeit, Ideen in einen Kampf, der absolut notwendig ist, und doch so unnötig zugleich, wäre nicht ein Teil der Menschheit so himmelschreiend unvernünftig.

    Stellt euch eine Welt vor, in der dieser Kampf – gegen Rassismus, gegen Ausbeutung von Mensch und Tier, gegen den Hass auf Regenbogenmenschen, nicht-Binäre, Frauen, Religiöse oder nicht-Religiöse, Menschen, die warum auch immer anders sind – beendet ist. In der jeder seine Energie auf etwas konstruktiveres verwenden kann (ohne in irgendeiner Weise den absolut nötigen Kampf selbst schlecht zu reden!). In der kluge Ideen, Tatkraft und Liebe daran arbeiten, unser manchmal dummes, aber oft erstaunlich wundervolles Volk voran zu bringen.
    Ach, was wäre das schön.

    Aber lieber erschlagen wir heute den Boten. Den, der auf Geschlechterungerechtigkeiten hinweist, darauf, dass Tiere nicht unsere Sklaven und Nahrung sind, darauf, dass jeder verdammte Mensch ein Recht auf ein Leben in Würde hat und sich selbst frei entfalten können sollte.

    Ich kenne das Gefühl dieser Energielosigkeit, wenn man mal wieder mit jemandem geredet hat, der so fern ist wie der Mond in seinen feindseligen Ansichten… unerreichbar fern und selbstgerecht, während er*sie anderen so viel Leid zufügt..

  3. Diese vollkommen zutreffende Analyse steht -abgesehen von dem hier erwähnten Buch von Johannes Kram- als Solitär da, der allen LSBTI und noch mehr allen Nicht-LSBTI dringend zur Lektüre zu empfehlen ist. – Die Problematik ist mir seit vielen Jahren bewusst, als ich zusammen mit anderen Teilnehmern auf dem CSD in Saarbrücken Ziel eines Molotowcocktail-Anschlags war. Wären wir alle Juden gewesen oder Asylbewerber, ein Sturm wäre durchs Land gefegt, Mahnwachen wären gehalten worden, Menschenketten mit Kerzenlicht wären aufmarschiert. Unser Pech: Wir waren halt nur Schwule. Das war dann nach Orlando nicht anders. An der größten Kirche Kaiserslauterns trafen rund 80 deutsche und amerikanische Schwule und Lesben zusammen, um in einer bewegenden Feier der Opfer zu gedenken. Wir blieben unter uns. Die Berufsbetroffenen, die immer gerne Kerzen anzünden und Schilder „nie wieder“ oder „warum?“ hochhalten, wenn es um andere Minderheiten geht, blieben fern. Als die ersten Stolpersteine in Kaiserslautern verlegt wurden, verbot uns (einem LSBTI-Verein in der Stadt) die örtliche Stolperstein-Initiative, den von uns angeschafften Stein für ein schwules NS-Opfer zu setzen (erst Jahre später durften wir uns nach personellen Änderungen an der Spitze der Stolperstein-Initiative an der dritten Verlegungsrunde beteiligen). Deshalb kann niemanden wundern, was jetzt wegen des Falls in Dresden (nach dem „Spiegel“ der erste islamistische Mordanschlag in Deutschland mit Motiv Schwulenhass) geschieht oder besser gesagt nicht geschieht. Der Mord an dem Lehrer in Frankreich bewegt Deutschland – der Mord an dem Schwulen in Deutschland ist Deutschland egal.

  4. Ein sehr wichtiger Text genau zur richtigen Zeit.
    Ohne Frage wird Queerfeindlichkeit konsequent unsichtbar gemacht. Von nicht-queeren Menschen, aber häufig auch von queeren Menschen selbst. Dabei ist es offenbar völlig schnurz, ob es um verbale „Entgleisungen“ oder körperliche Angriffe geht. Bis ich meiner eigenen Wahrnehmung getraut habe und nicht mehr dem Mantra der „Toleranz und Weltoffenheit“, hat es bei mir zugegebenermaßen einige Zeit gedauert. Gaslighting hat sicherlich sein übriges dazu beigetragen.
    Wie bei so vielen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, ist die Unsichtbarmachung ihrer selbst vermutlich inhärenter Bestandteil von Queerfeindlichkeit. Wer Queersein unsichtbar machen möchte, macht auch Queerfeindlichkeit unsichtbar. Wer Queerfeindlichkeit anerkennt, erkennt folglich auch die Tatsache an, dass es queere Menschen gibt. Queerfeindlichkeit zielt darauf ab, queere Menschen „weg zu haben“ aus dem eigenen Blickfeld und dem eigenen Bewusstsein. Im besten Fall unsichtbar, im schlimmsten Fall tot.

  5. Danke auch an Ralf, Daniel und queerwolf für eure Kommentare.

    Zu Ralfs Kommentar kommt mir eine Erinnerung in den Sinn: Vor ein paar Jahren nahm ich an einer Demo „gegen Rechts“ teil und fand es sehr beeindruckend, dass da wirklich ein erkennbar breites Bündnis sehr verschiedener Gruppen zusammengekommen war. Allerdings ertappte ich mich angesichts der vielen Bekenntnisse zu „Vielfalt und Toleranz“ bei der Frage: „Wer von euch allen würde einschreiten, wenn ihr mitbekommt, dass irgendwo ein queerer Mensch auf der Straße beschimpft wird? Wer kritisiert homofeindliche Witze eurer Freund:innen? Wer würde in der Straßenbahn schweigend auf’s Handy starren, wenn mich da jemand anpöbelt? Wenn hier im Park ein Schwuler zusammengeschlagen wird, wie groß wäre diese Demo dann?“

    Zweifellos gibt es ein Solidaritätsgefälle, was verschiedene Formen der Menschenfeindlichkeit angeht. Das kann man wohl feststellen, ohne eine Opferolympiade zu eröffnen. Allerdings denke ich, dass auch die teilweise größere Aufmerksamkeit hinsichtlich z.B. Rassismus und Antisemitismus nicht viel daran ändert, dass dort gleichzeitig die selben Verleugnungsmechanismen greifen.

    • Da fällt nun mir wieder was ein. Ich wohne in RLP. Hier gibt es einen Zusammenschluss von lokalen und regionalen LSBTI-Vereinen und -Initiativen (Queer.Net), der auf Landesebene eine von vielen Interessenvertretungen anderer sozialer Gruppen ist. Es ist nicht sehr lange her, da erzählte der Sprecher von Queer.Net mir und anderen, dass er beim Versuch, zusammen mit solchen anderen Interessenvertretungen Projekte auf die Beine zu stellen, überall auf Granit gebissen hat. Stets kam die Antwort: „Wir arbeiten nicht mit Ihnen bzw. mit Queer.Net zusammen.“ – Und das von anderen Minderheiten, die selbst Diskriminierungserfahrungen gesammelt haben. Das also ist das Ergebnis jahrzehntelanger Emanzipationsarbeit von LSBTI. Wenn ich das mich deshalb bewegende Gefühl als „Ernüchterung“ beschreibe, dann staple ich tief.

  6. Mich machen deine klugen Überlegungen und Analysen, lieber Fink, ratlos. Aber auch ärgerlich. Gibts ausser der „tiefgestapelten Ernüchterung“ nix freudvolles in unserer schwulen Vita. Ich verspüre durchaus mitunter Dankbarkeit, Stolz, Freude und Hoffnung mit Blick auf mein Leben. Habe so manche persönliche und soziale Achterbahnfahrt in über 60 Jahren erfahren. Und ich bin auch schwul und das ist sogar „sehr gut so“. Das sollten wir unseren homophoben Mitmenschen auch mal am persönlichen Beispiel deutlich machen. Wir lassen uns nicht klein kriegen, nicht diskreditieren, nicht entmenschlichen, nicht pauschalisieren, nicht ducken. Dass ich das Glück habe 42 Jahre mit einem tollen Typen zusammen zu sein ist das eine. Wir haben geheiratet und konnten es all den Idioten mal so richtig zeigen. Ist das nix? Ich bin da superstolz drauf nach schmerzhaftem coming out, oberschwieriger Wohnungssuche, Kriminalisierung, Mobbing am Arbeitsplatz, Kampf gegen die „Schwulenseuche“ (herzlichen Dank der fabelhaften Rita Süssmuth) um nur nochmal die großen Krisen in Erinnerung zu rufen. Und jetzt sitzen wir hier in unserem Dorf, die Dorfschwulen, die im Heimatverein mitmischen, die zu Kindtaufen, Hochzeiten und Beerdigungen eingeladen werden ( man will sich ja auch mächtig weltoffen verkaufen und die, die anfangs am meisten über uns gelästert haben stehen heut als erste vor unserer Tür) Wir machen das Spiel mit. Haben dabei mitunter eine diebische Freude und verbünden uns mit den anderen Outlaws im Dorf:
    dem Dorftrottel, der 2 x Geschiedenen, der Rothaarigen, dem Behinderten,
    der syrischen Familie. Und das beste ist: unsere Hausfassade ziert ein überdimensionaler Regenbogen damit das mal klar ist. Und da müssen alle durch. Wenn sie zu uns wollen. Wenn sie denn wollen. Wir wollen.

    • Ich bin ein Freund der Gleichzeitigkeit, lieber Hagen. Meckern und (sich) feiern kann man, wenn schon nicht unbedingt immer gleichzeitig, doch ganz gut abwechselnd. Schön, dass du hier eine positivere Perspektive ergänzt, auch wenn sie vom Thema des Artikels wegführt.

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