Christliche Familienbilder und das kürzeste Weihnachtsmärchen der Welt

Heiligabend. Es klingelt an der Tür.

„N’Abend, ich bin das Coronavirus und würde gern wen infizieren. Darf ich reinkommen?“

„Da sind Sie hier leider falsch. Wir haben zwar die Bude voll, aber wir sind alle miteinander verwandt. In direkter Linie.“

„Ach, wie schade.“

„Ja, sorry. Aber versuchen Sie’s doch gegenüber, unsere Nachbarin hat drei Freunde eingeladen, die sind ganz sicher nicht verwandt. Da finden Sie bestimmt wen zum Infizieren.“

„Super, danke!“

* * *

Im Ernst, Leute, ich dachte, wir wären schon weiter. Es gibt kein einziges epidemiologisches Argument für die einseitige Privilegierung der Familie, die wir da mit so unverschämter Selbstverständlichkeit vorgesetzt bekommen. Der unsinnige Familialismus, der sich in den aktuellen „Lockerungen“ ausdrückt, ist reine Ideologie und wird zu Recht als diskriminierend kritisiert. Aber was soll’s, das Märchen vom HI-Virus, das sich von Beziehungsstatus und Ehepapieren mehr beeindrucken lässt als von realen Schutzstrategien, das wird ja auch immer noch erzählt.

Und wie konnte ich hoffen – ausgerechnet ich –, dass die hübsche Idee, niemanden ungleich zu behandeln, wenn man dafür keinen verdammt guten Grund hat, wirklich in unserer gesellschaftlichen und politischen Mitte angekommen wäre. Da war diese Idee, wie wir jetzt wieder sehen, schließlich noch nie wirklich zu Hause. Stattdessen wohnt dort ein bizarr idealisiertes Familienbild, in dem die dank der aktuellen Beschränkungen noch zugespitzte familiäre Gewalt ebenso wenig auftaucht wie Queerfeindlichkeit.

Dass der Staat uns gefälligst nicht vorzuschreiben hat, wer uns an welchen Feiertagen wichtig sein darf und wer draußen bleiben muss, das haben Andere schon ausreichend – und folgenlos – kritisiert. [1] Was mich gerade umtreibt, ist, dass ich wieder penetrant auf den Begriff der „christlichen Familie“ gestoßen werde und dass mir dabei immer noch jedes Mal mulmig wird. Ich habe damit keine guten Erfahrungen gemacht, und die haben nicht einmal mit der allbekannten Heteronormativität zu tun.

* * *

Meine bis heute verstörendste Begegnung mit einem „christlichen Familienbild“ hatte ich im Kindergarten. Die Leiterin, eine ehemalige katholische Nonne, las uns dort eine Geschichte aus der Bibel vor, auf dass die heilige Schrift uns Knirpse spirituell inspirieren möge. In dieser Geschichte prüft Gott, wie weit sein treuer Anbeter Abraham (genau, der Abraham!) wohl in seinem Gehorsam gehen würde. Er befiehlt Abraham, seinen Sohn Isaak zur Opferstätte zu bringen und ihn als Opfer darzubringen, sprich: ihn zu fesseln und ihn dann mit einem Opfermesser bei lebendigem Leib aufzuschlitzen. [2] Abraham schickt sich an, zu gehorchen. Die Geschichte, so verstand ich damals, sollte Abraham als Helden des Glaubens zeigen, der den Gehorsam gegenüber Gott über seine eigenen Gefühle und alle Zweifel stellt. In letzter Minute greift ein Engel ein und verkündet Abraham, dass alles nur ein göttlicher Test gewesen sei. Abraham habe bestanden, Isaak dürfe jetzt doch weiterleben, stattdessen würde einfach der übliche Widder abgemurkst, alles nur Spaß, hahaha, Gruppenknuddeln.

Für mich war das keineswegs ein Happy End. Ich war vier oder fünf Jahre alt und total geschockt. Das war die brutalste Geschichte, die ich in meinem kleinen Leben gehört hatte. Ich erinnere mich heute noch an die tiefe Verstörung, die diese Geschichte in mir auslöste. So ein Vater sollte ein Held sein? So ein Gott „lieb“?

Heitere Familienszene, Caravaggio, ca. 1603

Rückblickend weiß ich, dass ich damals zwei Fehler machte. Der erste war, dass ich kleiner Stöpsel mich dummerweise mit Isaak statt mit Abraham identifizierte und die Vorstellung eines Vaters, der seinem Sohn die Kehle aufschneidet, schon aufgrund dieser Perspektivenverschiebung deutlich weniger attraktiv fand als unsere katholische „Tante“, die sich in ihrer Erzieherinnenrolle wohl mehr auf Abraham konzentrierte (was natürlich mindestens genauso gruselig ist). Mein zweiter Fehler war, dass ich dachte, Menschlichkeit sei besser als Gehorsam. Silly me, was wusste ich Dreikäsehoch schon vom Christentum. Ich glaube, ich habe damals hilfesuchend in die Runde geschaut, aber niemand wirkte ebenso verstört wie ich. Ich konnte mit meinem Kinderverstand nicht analysieren, was da gerade schief lief. Ich fand keine Erklärung. Das schockierende Bild eines Vaters, der so skrupellos bzw. heldenhaft war, sein eigenes Kind zu ermorden und dafür auch noch gefeiert wurde, blieb einfach in mir stehen.

Kannte wohl auch mein Vater diese Geschichte? Wie würde der sich verhalten, wenn der „liebe“ Gott die launige Idee hätte, ihn mal kurz in sein spirituelles Assessmentcenter einzubestellen? Würde er sich Abraham zum Vorbild nehmen? Und wie pünktlich sind eigentlich Engel?

Kurz gesagt: Diese Geschichte hat mein Sicherheitsgefühl innerhalb meiner Familie und meiner damaligen Religion arg erschüttert. Ich erinnere mich nicht an vieles aus der Kindergartenzeit, aber diese Szene ist noch da.

* * *

Dann später irgendwann diese Sache mit Jesus. Schon wieder ein Vater, der seinen eigenen Sohn opfert, wieder auf eine ausgewählt grausame Art, und wieder wird das alles abgefeiert, als gäbe es nichts Schöneres auf der Welt als geopferte Söhne. Das alles wurde auch wieder irgendwie rational verbrämt, nur diesmal viel komplizierter als bei Abraham: Erbsünde, Erlösung, Pipapo. Jesus und Isaak, das lernte ich erst vor Kurzem, wurden wegen der Ähnlichkeit der Opfer-Situation in vielen historischen Darstellungen parallelisiert: Wir sehen da zum Beispiel im Hintergrund Isaak nichtsahnend das Feuerholz für seine eigene Verbrennung tragen, während im Bildvordergrund Jesus in wissendem Gehorsam sein Kreuz schleppt. Jesus ist in gewisser Weise die Steigerung Isaaks: Hier findet das Sohnes-Opfer wirklich statt, und hier willigt der Sohn gehorsam in den eigenen Tod ein, unterwirft sich der irrationalen Grausamkeit des Vaters, der diesmal nicht nur ein Mensch ist, sondern ein Gott.

Und auch hier hatte ich schon immer ein Riesenproblem mit meiner Identifikation. Ich hielt mich nicht für einen Weltenretter, aber ich bin ein Sohn und hatte einen Vater. Wie sicherlich viele andere junge Menschen, die diese Geschichte zum ersten Mal hören, konnte ich nicht anders, als die Geschichte eines Vaters, der seinen Sohn umbringt und das auch noch mit Liebe begründet, zumindest unbewusst persönlich zu nehmen. Was wird da über Vaterschaft und Verantwortung erzählt, was über Männlichkeit, was über die Rolle von Söhnen, was über religiöse Familien? Und was über die Liebe innerhalb einer Vater-Sohn-Beziehung?

* * *

Das ist einer der vielen Punkte, wo ich nicht mitgehen kann, wenn einige meiner queeren Mitmenschen so tun, als wäre dieses Christentum alles in allem doch eine prima Sache, wenn man nur (mit ein paar Hirnverschraubungen) die deutlich homofeindlichen Passagen „historisch-kritisch“ wegdeutelt und sich nur die vielen netten Sachen rauspickt. Das sind im Vergleich Nebensächlichkeiten. Die Geschichte eines gewalttätigen Patriarchen, der seinen eigenen Sohn ermorden lässt, bleibt fest, unübersehbar und unleugbar mittendrin stehen. Das ist nicht irgendeine bronzezeitliche Schrullenvorschrift für überengagierte Tempelstreber. Das ist der erklärte aktuelle Kern dieser Religion, ihr Geburtsmythos und sogar ihr Symbol. Ohne das kann man immer noch alles mögliche glauben, das ist dann aber eben kein Christentum mehr.

Ich weiß, die Sache mit den zwei oder drei Vätern von Jesus – wer steigt da schon noch durch? – wird immer wieder als Beispiel einer tollen „queeren Familie“ zerquatscht. Als würde das im Christentum wirklich irgendeine Rolle spielen. Der Mittelpunkt der sogenannten Heilsgeschichte ist trotzdem ein anderer. Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass Maria nur deswegen im Katholizismus so aufgewertet wurde, weil die Sache zwischen Gottvater und Jesus für jeden empathischen Menschen dermaßen unerträglich ist, dass es wenigstens irgendeinen einigermaßen menschelnden Ausgleich brauchte, um die ganze Chose auszuhalten.

Das Bild eines auf Geheiß des Vaters grausam ermordeten Sohnes wird also bis heute Kindern in jeder neuen Generation von Christ:innen vorgezeigt. Die allermeisten von ihnen sind zu jung, um zu begreifen, was man ihnen dazu erklärt. Sie sehen, was sie sehen. Macht sich wirklich niemand Gedanken darum, was das anrichtet?

* * *

Der charmante Humor in dem Krimi „Glennkill“ von Leonie Swann beruht darauf, dass eine Gruppe von Schafen versucht, sich die Menschenwelt aus den Erfahrungen ihrer unterschiedlichen Schafsbiografien heraus zu erklären. Eines Tages steht eines der Tiere erstmals in einer Kirche einem großen Kruzifix gegenüber. Zuerst entsetzt und dann ratlos schaut es auf die Gestalt des gekreuzigten, halbnackten Mannes mit dem schmerzverzerrten Gesicht. Da das Schaf zuvor eine Zeitlang in einem Zirkus gearbeitet hatte, findet es eine Erklärung. „Das Opfer einer Messerwerfernummer! Es sah nicht wie ein Unfall aus. Wer immer die Messer geworfen hatte, hatte genau gewusst, was er tat.“ [3]

So ähnlich geht es Kindern. Sie versuchen sich die Welt aus ihrer beschränkten Perspektive zu erklären. Kenntnisse über historische Opferrituale und gnostische Trinitätsdebatten können wir da eher nicht voraussetzen, aber was Vater und Sohn sind, das wissen sie. Dass eine Kreuzigung etwas sehr Schreckliches ist, das verstehen sie. Weshalb ein (all)mächtiger Vater seinem Kind nicht hilft, wenn er es liebt, das verstehen sie nicht. Weil das auch keinen Sinn ergibt. Um einen vom Vater gezielt herbeigeführten Foltertod des Sohnes als sinnvoll und liebevoll zu „verstehen“, muss man, wie Abraham, seine Gefühle ausschalten und seine Logik noch dazu. Hoffen wir doch, dass Kinder beides nicht können und auch niemals lernen.

* * *

Ich komme mir ja selbst blöd vor, diesen Satz zu schreiben, aber „denkt bitte mal jemand an die Kinder?“ Wenn ein Kind jetzt eine der vielen Krippendarstellungen anschaut und einigermaßen neugierig ist, dann wird das „Warum? Warum?“-Spiel irgendwann auf die Kreuzigung hinauslaufen. Oder es braucht nur auf ein Kruzifix zu schauen.

Ihr findet es schwierig, Kindern zu erklären, wie sich zwei Frauen oder zwei Männer lieben können, aber das mit der Kreuzigung traut ihr euch zu? Ziemlich selbstbewusst, hm? Könnt ihr kleine Menschen bitte mit diesen schrecklichen Bildern verschonen? Wer Bock auf dysfunktional verkorkste Vater-Sohn-Beziehungen hat, der findet schon genug davon in der Realität vor. Wem das nicht reicht, kann sich gerne bei Volljährigkeit noch ein paar christliche Vater-Bilder draufschippen und sich nach eigenem Belieben in toxische Männlichkeit und Kadavergehorsam stürzen.

Aber für Kinder und Jugendliche ist das nichts. Die brauchen Bilder von Liebe, die den Namen verdient, von Akzeptanz, von Eigensinn und von gelungener Emanzipation. Sie brauchen Erwachsene, die ihre eigenen Gefühle ebenso ernst nehmen wie die ihrer Kinder und sie deshalb mit Erbsünde, Gehorsam und Kreuzigungen verschonen. Sagt ihnen stattdessen doch einfach mal, dass queere Menschen auch in eurer Familie oder Wahlfamilie immer willkommen sind. Ganz egal, ob dazu ein konkreter Anlass besteht oder nicht. Es ist nämlich sehr gut möglich, dass sie das gar nicht wissen. Vielleicht ist das eine Information, die irgendwann ein Leben rettet, statt eines zu opfern.

* * *

Für katholische Priester habe ich auch noch einen Vorschlag: Jedem informierten Menschen rollen sich die Fußnägel hoch, wenn ausgerechnet einer von euch diesen ganz besonderen göttlichen Zauber eines wehrlosen Kleinkindes lobpreist. Wagt es erst dann wieder, nackte Kinder in Krippen anzubeten, wenn ihr die zigtausendfache sexualisierte Gewalt und Vertuschung in eurer Organisation aufgearbeitet, die Täter(:innen) bestraft, die Opfer einigermaßen angemessen entschädigt und die der Gewalt zugrundeliegenden Strukturen zerstört habt.

Allen Anderen wünsche ich eine gute Zeit mit Menschen eurer eigenen Wahl oder auch allein.


Lesetips:
Nollendorfblog: Coming-out: Liebe Eltern, gebt euch einen Ruck!
Wolfgang Brosche: Verlorene Töchter und Söhne

Video:
Ralf König liest „Götterspeise“ (die Geschichte von Abraham und Isaak)


[2] Eine sehr ähnliche Szene in dem US-Thriller „Cruising“ (1980) sorgte für Demonstrationen vor den Kinos und den Entzug der Jugendfreigabe, aber wenn es nur religiös verpackt wird, kann man so etwas Kindern mit vier/fünf Jahren erzählen. Wie wäre es eigentlich, die Gewaltverherrlichungen in der Bibel endlich wie in jeder anderen Literatur nach FSK-Richtlinien einzustufen und zu markieren?

[3] Leonie Swann: Glennkill, Goldmann 2007, S. 168

32 Kommentare zu “Christliche Familienbilder und das kürzeste Weihnachtsmärchen der Welt

    • Das erinnert mich an das Kaninchen, das wir ein paar Monate lang fütterten und mit dem wir spielten. Für mich war das ein Familienmitglied, und eines Tages wurde es auf unserem Esstisch zerlegt. Ich habe mir das bisher nie klargemacht, aber ich glaube, für mich hat sich das mit der Isaak-Geschichte irgendwie verbunden. Ich kann mich erinnern, dass mir die Frage durch den Kopf ging, wozu meine Eltern eigentlich noch fähig sein würden. Ich bin ja hier normalerweise zurückhaltend mit persönlichen Geschichten; ich erwähne das nur als Beispiel dafür, dass die psychologischen Folgen, die eine eindrucksvolle Geschichte auf Kinder machen kann, vielleicht manchmal unterschätzt werden.

  1. Lieber Fink, ich bin zwar gläubiger Katholik, verstehe Deine Gedanken hier aber sehr gut und habe mich noch während des letzten Klosteraufenthalts beim dortigen Seelsorger massiv über Abraham/Isaak und viele andere grässliche Stellen im AT aufgeregt, mit all der Inzucht, der Brutalität, und, und, und. Als Kind hat mich diese Geschichte auch tief verstört, ehrlich gesagt, sogar als Erwachsener noch. Man sagte mir, dass man das mit einer gewissen Vorbildung über altorientalische Erzählmittel lesen müsse u.s.w., aber ich finde es nach wie vor sehr gruselig und tatsächlich zerfleddern sich gestandene TheologInnen bis heute darüber! Auch und gerade über die „Intention“ Gottes dabei, das ist wirklich spannend! Im neuen Buch vom Hildesheimer Bischof Wilmer („Trägt“) ist z.B. ein solches Streitgespräch über genau diese Geschichte drin.
    Was mich persönlich trägt (jetzt nicht am AT, sondern am Glauben allgemein), ist der Erlösungsgedanke. Zu wissen, dass da immer jemand ist, der Tragen hilft. Und dass man absolut alles vor Gott bringen kann, weil ER eben auch absolut alles durchlitten hat. Ich persönlich identifiziere mich — gerade als queerer Mehrfach-Randgruppenangehöriger — nämlich mit einem bespuckten, geschlagenen und verlachten Jesus tatsächlich mehr als mit einem verzogenen Kronprinzen vor Gottes Thron, dem alles gelingt und der ohne jede Blessur zum Himmel aufssteigt. Und für mich wird die Güte Jesu, das christliche Ideal an Menschlichkeit, gerade vor dem Hintergrund all der menschlichen Abscheulichkeiten in der Bibel besonders plastisch. Dass viele ChristInnen inkl. geweihter Männer, dieses Ideal bis heute aufs Schändlichste pervertieren … das ist unfassbar widerlich und beschämend. Aber nicht Jesu Schuld und sicher nicht in SEINEM Sinne. Und ja, übers unschuldige Jesulein sollten so ziemlich einige in meiner Kirche die Fresse halten, solange sie noch Kindesmissbrauch vertuschen und verheimlichen oder schlimmstenfalls selbst TäterInnen sind. Da bin ich im Groll bei Dir.
    Nun könnte ich noch viel dazu schnattern, aber auf jeden Fall ist es ein enorm lesenswerter Text, handwerklich brillant wie immer … und ich wünsche Dir auf jeden Fall gesegnete Festtage bzw. einfach eine schöne besinnliche Zeit.
    Sei herzlich gegrüßt vom Mitgeflügel aus dem Norden!

    • Lieber Mayk, wenn mir religiöse Menschen erzählen, was sie an ihrer Religion hilfreich finden, dann kann ich davon ziemlich oft zumindest einen Teil nachvollziehen, und das ist auch bei dem, was du hier beschreibst, so. Ich muss es allerdings von der metaphysischen Ebene, die ich nicht teilen kann, auf eine psychologische Ebene „übersetzen“. Vermutlich wird das dem Erleben der anderen Person nur bedingt gerecht, aber so bleibt zumindest ein gewisser Austausch möglich.

      Dann wiederum gibt es Bereiche, in denen ich den Austausch einfach nicht sinnvoll finde. Ein Hauptproblem bleibt für mich, dass bei den Schriftreligionen so ein riesiger Anteil an wirklich menschenverachtendem Ballast mitgeschleppt wird, der dann eben bis in die heutige Zeit hinein nachwirkt. In oralen Traditionen verabschiedet man sich von Teilen der Mythologie, wenn sie nicht mehr zur Kultur passen und auch nicht angepasst werden können. Die Bibel steht (nach einigen früheren Editierungen) aber einfach fest, wie sie ist. Und da liest man dann eben deutlich menschenverachtende O-Töne der selben Gottheit, auf die Gläubige sich heute noch beziehen möchten (bzw. müssen), nur dass man sie gern weniger menschenverachtend hätte (was ja prinizipiell eine extrem gute Idee ist).

      Ich gehe ja im Artikel vor allem von einer kindlichen Perspektive aus, und da sind Hinweise auf „altorientalische Erzählmittel“ einfach nicht hilfreich. Aber auch bei den Erwachsenen kann man sich doch fragen, welchen Gewinn sie – für das eigene Welt- und Wertesystem – daraus ziehen, Texte, die eindeutig einer durch und durch patriarchalen, sexistischen und militaristischen Welt entstammen, so oft hin und her und wieder zurück interpretieren, dass dabei irgendwas Brauchbares für die jetzige Zeit herauskommen soll. In meinen Augen wäre es viel sinnvoller, einfach zu konstatieren, dass Texte aus einer menschenverachtenden Zeit uns höchstens als abschreckende Beispiele dienen können. Das ganze Gedeutel, das sich historisch-kritische Exegese nennt, hat für mich immer etwas Verzweifeltes und Unnötiges.

      Ich könnte jetzt auch sagen: Das ist nicht mein Problem. Aber weshalb es das trotzdem immer noch ist, ist hoffentlich in dem Artikel deutlich geworden.

  2. Mir ging das Wesen des Christentums an Hand der Sintflutlegende auf. Der Schöpfer macht seine Geschöpfe so, dass sie zwangsläufig seine Ge- und Verbote missachten, und ermordet sie dann allesamt (außer einer einzigen Familie). Das lässt sich auch deuten als Mord des Vaters an seinen Kindern. Wir bekamen das in der Grundschule im Religionsunterricht aufgetischt und kamen als Knirpse nicht auf die Idee, welch ungeheuerliches Verbrechen da erzählt und gerechtfertigt wurde. Mir ging das erst viel später auf. Schon allein der Sintflutmythos entlarvt die Religion als bar jeder Ethik und Moral. Es gibt einen Gewaltherrscher, und der darf alles tun, was ihm beliebt, und wenn es Massenmord ist. Das Urbild der totalitären Regime späterer Zeiten, die nicht umsonst -zumindest im christlichen Kulturkreis- stets kirchliche Weihen besaßen.

    Was nun die Familie angeht: In meiner Kindheit versammelte sich bei meiner Großmutter väterlicherseits deren 22-köpfige Nachkommenschaft an Heiligabend. Das war ein großes Familienfest. Mit Religion hatte es nie, wirklich nie zu tun.

    Du konstatierst ein ideologisches Faktum, das wir glaube ich alle schon mal kennengelernt haben.und das im Streit um die Ehe eine große Rolle gespielt hat: der Schwule und die Lesbe als Gefahr für die Familie, mindestens aber als Phänomen, das in der Familie nicht verankert werden kann. Dabei ist die Familie als soziales Konstrukt ebenso dem Wandel unterworfen wie die gesamte Gesellschaft. Nur die religiöse Rechte und ihre Gefolgsleute in der Politik, die noch immer kirchliche Lehre mit gesellschaftlicher Wirklichkeit verwechseln, wollen das nicht einsehen.

    Was nun das kirchliche Weihnachtsbohei angeht: Die allermeisten Gottesdienstbesucher an Heiligabend gehen in die Kirche wie in die Oper. Das ist Kultur, Tradition, Gewohnheit, herzerwärmendes Gemeinschaftserlebnis – aber nicht Religion, an die sie eh nicht glauben. Darauf können sie auch mal verzichten.

    • Die Sintflut-Story ist wohl für Viele so ein Schlüsselmoment. Ich muss jedesmal daran denken, wenn ich ein christliches Regenbogensymbol sehe. Schönes Symbol der Versöhnung, wenn die Gottheit vorher die Menschheit bis auf eine Familie ersäuft hat, und den größten Teil aller Tiere gleich mit. Auf englisch würde man sagen: Ich kann meinen Kopf nicht darum wickeln.

      • Gerade die Sintflut ist für mich Queeren wichtig.
        Ich (als Schöpfer meines Lebenslaufs) nehme den Teil meines Umfelds, der mir wichtig ist, mit. Und all den Rest lass ich hinter mir und vergehen. Auch wenn’s dramatisch wird.

        Ansonsten: Danke, toller Text

  3. Was Kinder brauchen, ist einordnende Begleitung durch Erwachsene, damit sie verstehen können – egal, ob es um Isaaks Opferung, den Daumenlutscher Konrad oder Hänsel im Käfig geht.

    Unser Pfarrer damals hat die Geschichte von Abraham und Isaak nicht aus der Bibel vorgelesen, sondern frei nacherzählt. Dabei stand Abraham am Schluss einigermaßen belämmert da, denn er war im Gehorsam blind, von Gottes wahrem Willen hatte er in dem Moment keinen blassen Schimmer. Isaak übrigens, nachdem er seinen Vater verständlicherweise Fragen gestellt und sein Vater ihn in den Antworten nur belogen hatte, verstummt im Fortgang der Erzählung. In der Bibel gibt es danach nirgendwo noch irgendeine Unterhaltung zwischen den beiden. Es ist auch die Geschichte eines scheiternden Vaters.

    Für mich sind die Patriarchen des Alten Testaments immer ein Gegenbild gewesen zu dumpf maskuliner / patriarchaler Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit. Sie sind unsicher in ihrer Rolle, sie machen Fehler, sie scheitern, sie verzweifeln, sie werden von der nächsten Generation entthront. Und trotzdem weist Gott ihnen eine wichtige Position zu. So habe ich also aus denselben Texten etwas völlig anderes mitgenommen auf meinen Lebensweg wie du, lieber Fink.

    „wenn man nur (mit ein paar Hirnverschraubungen) die deutlich homofeindlichen Passagen „historisch-kritisch“ wegdeutelt und sich nur die vielen netten Sachen rauspickt“

    Interessanterweise treffen sich christlicher Fundamentalismus und atheistischer (oder besser: areligiöser) Rigorismus in dieser Argumentation. Und hüben wie drüben pflegt man dogmatische Urteile darüber, was „wahres Christentum“ sei und was nicht.

    Ganz gleich aber, von welchem Extrem man schaut – die Annahme, das Wort der Bibel erschlösse sich „aus sich selbst“, ist eine irrige. Die Juden wissen schon immer darum: ohne Auslegung ist die Bibel nichts.

    • „ohne Auslegung ist die Bibel nichts.“
      Mit dieser Aussage sicher(te)n sich seit zwei Jahrtausenden Millionen von Menschen ihre berufliche Existenz. Noch dazu meist mit Exclusivitäts- und Machtanspruch. Keine schlechte Strategie.

      Übrigens, mein Vater hat immer gesagt „Glauben heißt nicht wissen“. Ich habe immer das Wissen bevorzugt, bzw. das Selberdenken und Selberlernen, was mich relativ schnell vom Glauben an Geister- und Geisteswesen und deren Regeln abgebracht hat. Ich teile finks Ansichten über Religion und Kirchen zu hundert Prozent. Nur könnte ich das nie so differenziert ausdrücken. Ich komme jedenfalls seit gut 30 Jahren ohne solche Horrorgeschichten und deren „wohlmeinende“ „Auslegung“ klar. Und zwar bestens.

      P.S. Die Schilderung der Dinge aus kindlicher und Schafs-Sicht finde ich absolut rührend. Und das Intro ist sowieso eine der besten Kurzgeschichten, die ich je gelesen habe :-)

    • Danke für deinen Kommentar, Ben.

      „Was Kinder brauchen, ist einordnende Begleitung durch Erwachsene, damit sie verstehen können – egal, ob es um Isaaks Opferung, den Daumenlutscher Konrad oder Hänsel im Käfig geht.“

      Da stimme ich zu. Allerdings macht es für mich einen ganz entscheidenden Unterschied, dass im Struwwelpeter und bei Grimms Märchen keine Gottheit auftaucht, die den Kindern als reale, unhinterfragbare moralische Autorität präsentiert wird. Kinder verstehen schon, was man ihnen als reine Fiktion vorlegt und was man ihnen als einen „heiligen“ Text mit einem speziellen Wahrheitsanspruch präsentiert. Es ist natürlich wirklich schön, dass du einen pädagogisch kompetenten „Filter“ hattest, aber das löst in meinen Augen nicht das Grundproblem.

      Es geht mir auch mit deinem Kommentar wieder so, wie es mir sehr oft geht: Da ist ein Teil, dem ich zustimme oder den ich für mich „übersetzen“ kann, und dann kommt plötzlich wieder was hinterhergerutscht wie dieser Satz:

      „Und trotzdem weist Gott ihnen eine wichtige Position zu.“

      Da bleibe ich einfach ratlos. Gott selbst weist also grausamen Patriarchen ihre Machtposition zu? Und das soll einem demokratisch und feministisch denkenden Menschen der Neuzeit jetzt was genau sagen? Über diesen Gott, über Politik, über den Menschen, der daran glaubt?

    • PS:
      „Interessanterweise treffen sich christlicher Fundamentalismus und atheistischer (oder besser: areligiöser) Rigorismus in dieser Argumentation. Und hüben wie drüben pflegt man dogmatische Urteile darüber, was „wahres Christentum“ sei und was nicht.“

      Ich muss zugeben, dass du da einen Punkt hast. Ich bin deshalb mit Urteilen über „wahres“ Christentum meistens sehr zurückhaltend. Natürlich können verschiedene christliche Gruppen für sich verschieden definieren, was zu ihrem Glauben dazugehören soll und was nicht. Allerdings scheint mir doch der zentrale Punkt, die Erlösung der Menschen durch den Opfertod am Kreuz, unverhandelbarer Kern jeder Form des Christentums zu sein. Gibt es Menschen, die daran überhaupt nicht glauben und trotzdem Christ:innen sind? Wenn ja, was macht die dann zu Christ:innen?

      • Jesus ist kein Kind mehr, als er sich entscheidet, nach Jerusalem zu gehen. Er wird auch nicht durch Gott oder auf dessen Geheiß getötet, sondern durch Menschen. Die Logik ist nicht, dass Jesus mit Ende 20 plötzlich von seinem Gott-Vater in Gewalt, Martyrium und Opfertod maneuvriert wird, damit des Gott-Vaters kühner Plan aufgeht (Erlösung der Menschheit etc.), während es für den Verlauf des Lebens von Jesus auch 10.000 andere hypothetische Möglichkeiten gegeben hätte (vgl. „Die letzte Versuchung Christi“, ein ungemein hellsichtiges und weises Buch). Sondern die Logik ist: Mit seiner Geburt als Gottes Sohn ist Jesus bereits verloren, es kann keinen anderen Ausgang nehmen, als dass der, der alle Menschen bedingungslos liebt und für den Gewalt keine Option ist (was ihn z.B. von den Königen des Alten Testaments unterscheidet) durch Menschen getötet wird, denn seine Botschaft ist so ungeheuerlich, dass danach nichts mehr auf der Welt Bestand hat – keine Regel, keine Herrschaft, kein Vorurteil … und auch kein Patriarchat. Das ist gemeint mit „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eigenen Sohn gab“. Die Botschaft Jesu mit jener Sprengkraft aber heißt: „Dieser andere Mensch da drüben, das bin ich.“

        Meine bescheidene Meinung als einer, der der Kirche vor langer Zeit den Rücken gekehrt hat und der sich hütet, sich Christ zu nennen, ist, dass 2.000 Jahre Kirchengeschichte vor allem der Versuch waren, diese Sprengkraft zu nivellieren. Aber das hat nicht funktioniert. Sie wirkte auch außerhalb und oft sogar gegen die Kirche, z.B. in Humanismus und Aufklärung. Jesus ist nicht ohne Parallelen im antiken Denken anderer Kulturen, dennoch: Unsere Ethik von Gleichheit, Gerechtigkeit und Schwesterlichkeit/Brüderlichkeit heute ist nicht vorstellbar ohne diesen merkwürdigen Mann aus Nazareth, in dessen Familie übrigens alle einen Platz fanden, die sonst in der Gesellschaft keinen hatten.

        In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

        • „Unsere Ethik von Gleichheit, Gerechtigkeit und Schwesterlichkeit/Brüderlichkeit heute ist nicht vorstellbar ohne diesen merkwürdigen Mann aus Nazareth…“
          Ach herrje, dieses Argument… Im Detail vielleicht nicht, aber im Großen und Ganzen sehr wahrscheinlich doch. Dass ausgerechnet Jesus und Christentum und/oder jüdische Vorgeschichte notwendige Vorbedingungen für Werte wie Gerechtigkeit, Gleichheit und Solidarität sind, darf aus anthropologischer Sicht als sehr eindeutig widerlegt gelten. Mit der gleichen Simplifizierung könnte man übrigens auch behaupten, dass ohne Christentum der millionenfache Mord des Kolonialismus nicht denkbar gewesen wäre. Solche Ursache – Wirkung – Erzählungen sind mir wirklich zu eindimensional.
          Ich könnte jetzt noch an sehr vielen Stellen einhaken und widersprechen. Aber ich möchte hier, mit Verlaub, keine theologische Diskussion führen und mich (und die Mitlesenden) auch nicht einer deutlich missionarisch geprägten Debatte aussetzen.
          Auch dir schöne Tage!

          • Von einem neutralen Standpunkt aus gesehen ist mein Text nicht missionarischer als dein Blogpost.

            Mein Punkt ist: Religion kritisieren zu wollen, indem man ein Zerrbild an Interpretation vorlegt (an das vielleicht ein paar abgefahrene Sekten glauben mögen) und sich an dem dann abarbeitet, halte ich für ein grobes Foul. Ich habe eine moderne Interpretation vom Kreuzestod angeboten, die von heutigen Chtisten auch tatsächlich geglaubt wird. Ich muss mich schon immer wieder wundern … man könnte doch meinen, die Community hätte selbst genug schlechte Erfahrungen mit Vorurteilen und Zerrbildern. Aber offenbar hilft das alles nichts.

            Und dafür
            „darf aus anthropologischer Sicht als sehr eindeutig widerlegt gelten“
            hätte ich doch gerne einen Beleg.

          • Nimm’s mir nicht übel, Ben, aber jetzt wird es wirklich ein bisschen albern. Wenn ich schreibe, dass die sogenannte Heilsgeschichte im Christentum gemeinhin mit Vorherbestimmung (sprich „göttlicher Planung“), „Erbsünde“ und „Erlösung“ durch das stellvertretende Opfer in Verbingung gebracht wird, dann ist das kein „Zerrbild“, sondern der Mainstream christlicher Dogmatik.

            Du präsentierst hier eine Deutung, die mit dem klassischen Begriff der Erlösung gar nichts mehr zu tun hat. Das kann man natürlich so sehen und sich eine gesellschaftsrevolutionär gedeutete Jesusfigur basteln. Ich finde diese Deutung ebenso legitim wie jede andere, aber sie ist eben keineswegs christlicher Mainstream.

            Ich denke, die Mitlesenden können selbst einordnen, welche Deutungen überwiegen, sei es nun aus persönlicher Erfahrung oder aus Berichten Anderer.

            Der Beleg für meine Behauptung, dass weder Jesus noch Christentum für Werte wie Gleichheit und Solidarität notwendig sind, sind alle nichtchristlichen Kulturen dieser Welt, die stark egalitär und solidarisch aufgebaut sind, beispielsweise ein großer Teil sogenannter indigener Kulturen Südamerikas.

            Ich will gar nicht bestreiten, dass millenaristische Bewegungen, unter die man das frühe (Juden-)Christentum zählen kann, oft radikale Schübe des Gleichheitsgedankens auslösen. Das ist ein bekanntes und relativ häufiges Phänomen, übrigens auch in nichteuropäischen Religionen. Da steht aber Jesus (sei es nun der fiktive oder der historische) alles andere als einsam in der Philosophiegeschichte, und solche Bewegungen sind absolut nicht notwendig, um den Gedanken politischer Gleichheit oder gesellschaftlicher Solidarität zu entwickeln.

          • Für mich ist die Sache ganz einfach: ich brauche keinen KreuzesTOD für eine HEILSgeschichte. Tod gehört für mich, abgesehen vom natürlichen, zum Themenkomplex „Brutalität und Verderben“ und sicher nicht zum Thema „Heil“.

          • Antwort auf unten im Thread (25.12.):

            Glaub mir, es ist kein bisschen albern, wenn ich schreibe, dass Sätze wie der folgende ein Zerrbild wiedergeben und in grober Weise polemisch wirken:
            „Schon wieder ein Vater, der seinen eigenen Sohn opfert, wieder auf eine ausgewählt grausame Art, und wieder wird das alles abgefeiert, als gäbe es nichts Schöneres auf der Welt als geopferte Söhne.“
            Mittlerweile bin ich an dem Punkt zu vermuten, dass du wirklich glaubst, dass dies das „christliche Familienbild“ sei, das Eltern ihren Kinder eintrichtern. Vielleicht hat sich dir das tatsächlich im Lauf deines Lebens so vermittelt. Das fände ich sehr traurig.

            Wie wäre es, z.B. queere Christen einfach mal zu fragen, wie sie die Sache sehen? Am Ende stehen sie in deinem Post nämlich als sanfte Trottel da, die sich eine archaische, brutale und letztlich ihnen selbst schadende religiöse Überlieferung schönreden. Und das, finde ich, ist ein starkes Stück.

            Zur Anthropologie: Das mit den indigenen Kulture scheint mir dann doch ziemlich romantisierend. In Nordamerika konnte direkt neben dem bewunderungswürdig kommunitaristischen Stamm ein anderer, kriegerischer leben, der kein Problem hatte, die Männer und Jungen des Nachbarstamms zu massakrieren und die Frauen und Mädchen zu verschleppen. In den mittel- und südamerikanischen Hochkulturen gab es Opferkulte, dagegen war die Passion Christi ein Osterspaziergang. Ich habe auch nicht geschrieben, dass die Menschen in Europa niemals qua ihrer anthropologischen Bestimmung auf den Gedanken einer gerechten Gesellschaft gekommen wären, wenn das Christentum nicht gewesen wäre. Ich schrieb, unsere Ethik, so wie sie heute ist, sei nicht vorstellbar – jedenfalls mir nicht, wenn ich mir die damals gehandelten Welt- und Menschenbilder so anschaue. Aber es ist natürlich Spekulation …

          • „Aber ich möchte hier, mit Verlaub, keine theologische Diskussion führen und mich (und die Mitlesenden) auch nicht einer deutlich missionarisch geprägten Debatte aussetzen.“

            Und nun wird es doch zu einer. Für mich persönlich reichlich unerträglich.

            „Wie wäre es, z.B. queere Christen einfach mal zu fragen, wie sie die Sache sehen?“ – Oh, ich habe so etliche queere Christen dazu gehört… mein Ergebnis nähert sich im Groben dem an, was Du hier beschrieben hast.

            Übrigens, unterschätze hier mal niemanden. Womöglich kennt der fink sich mit den indigenen Kulturen ja sogar aus?

            „Ich schrieb, unsere Ethik, so wie sie heute ist, sei nicht vorstellbar“ – Och, ich könnte mir da durchaus etwas anderes vorstellen; weniger geprägt von Brutalitäten, Ungerechtigkeiten, Ausgrenzung, einem „zornigen, strafenden“ „Gott“ etc. …

            Ich lese hier ja meistens sehr gern mit. Aber diese Debatte nimmt gerade Formen an, die mir, gelinde gesagt, auf den Weihnachtskeks gehen.

          • „Schon wieder ein Vater, der seinen eigenen Sohn opfert, wieder auf eine ausgewählt grausame Art, und wieder wird das alles abgefeiert, als gäbe es nichts Schöneres auf der Welt als geopferte Söhne.“

            Das ist zugegebenermaßen in der Form polemisch. Die christliche Deutung der Kreuzigung, die ich darstelle, ist aber inhaltlich kein Zerrbild.

            „… dass du wirklich glaubst, dass dies das “christliche Familienbild” sei, das Eltern ihren Kinder eintrichtern.“

            Ich habe nicht von „dem“ christlichen Familienbild gesprochen. Der Plural im Titel war bewusst gewählt. Es ist ein Teil der vielen Bilder, die mir tatsächlich vermittelt wurden. Das Wort „eingetrichtert“ trifft es ganz gut.

            „Am Ende stehen [queere Christen] in deinem Post nämlich als sanfte Trottel da, die sich eine archaische, brutale und letztlich ihnen selbst schadende religiöse Überlieferung schönreden.“

            Das würde ich nie verallgemeinern. Aber ich glaube nicht, dass man ernsthaft betreiten kann, dass Schönrednerei in der sogenannten „queeren Theologie“ eine große Rolle spielt.

            „In Nordamerika konnte … „

            Deshalb sprach ich von Südamerika. Mit war schon klar, dass jetzt das mit den Menschenopfern kommen würde, aber auch von den sogenannten „Hochkulturen“ rede ich nicht, denn mit Gleichheit hatten die bekanntlich nicht viel am Hut. Auch der Hinweis auf Gewalt gegen Nachbargruppen ist hier kein Argument, denn die hat es auch in der gesamten europäischen Geschichte trotz der Werte von Gleichheit und „Nächstenliebe“ nahezu immer gegeben. Und wo sind Gleichheit und Solidarität unserer angeblich „christlichen“ Gesellschaften den Kulturen des globalen Südens gegenüber?

            Auf deinen letzten Absatz habe ich schon geantwortet.

          • Antwort auf unten im Thread:

            Das stimmt, innerhalb ihrer speziellen Bedingungen funktionieren die indigenen Gesellschaften Südamerikas gut. Die Frage ist, wie es unter anderen Bedingungen (Vielvölkerregionen, komplexen Organisationsstrukturen großer Gesellschaften) funktionieren würde, ihr Wirkungsbereich ist ja eher beschränkt. Aber ja, ich glaube, dass der Mensch generell zu diesen Werten des Zusammenlebens aufgeschlossen ist. Das war aber nicht mein Punkt …

            „der sogenannten ‚queeren Theologie'“

            Ich schrieb von queeren Christen, nicht von Queer-Theologie. Letztere ist nicht der Sonderspezial-Gaubensinhalt, der ersteren qua ihrer Identität zu glauben zugewiesen ist. Theologien und Lehren richten sich generell an alle Mitglieder einer Glaubensrichtung, queere Christen bedürfen keiner Sonder-Theologien, um ihren Platz in den Gemeinschaften und Kirchen zu legitimieren. Die Gäubigen, nicht die Theologen, sind es, denen du hier reichlich unterschiebst.

            „ist aber inhaltlich kein Zerrbild“

            Ein Zerrbild entsteht nicht durch einen in der Realität entstellten Inhalt, sondern durch eine entstellende Wiedergabe (und in diesem Fall auch durch die vielen Aspekte, die überhaupt nicht wiedergegeben werden, wie z.B. der Gott, der „herabsteigt“ und als Mensch leidet, um das Leid aller Menschen mitzutragen, … von der Auferstehung ganz zu schweigen).

            Du insistierst, dass dein interpretierter Ausschnitt dessen, was der Kern des Christentums sei (u.a. „gewalttätigen Patriarchen“, „irrationalen Grausamkeit“, „toxische Männlichkeit und Kadavergehorsam“), kein interpretierter Ausschnitt sei, sondern das Ganze oder zumindest das Wesentliche zeige. Nein, tut er nicht.

            Ich lege Einspruch ein gegen all jene, die die Bibel zu einem Berg Betonblöcke umschmelzen wollen, die man nach Bedarf auf die eine oder andere Gruppe herabregnen lassen kann – egal von welcher Seite. Wenn man solche Klötze auf dich geworfen hat als Kind ist das furchtbar. Vielleicht hilft, sich diejenigen ganz genau anzuschauen, die damit warfen. Wie kommt es, dass mich als Kind dieselben Geschichten niemals, keine Sekunde verunsichert oder geängstigt haben in Blick auf mich und meinen eigenen Vater? Wie kommt es, dass in anderen Zeiten und an anderen Orten, wo sehr viel eigenes Leid die Menschen umgab, der Kreuzestod Jesu ein Trost war für die Menschen? Es ist ein merkwürdiger Reflex wenn etwas schiefgeht zu glauben, dass es daran liegt, dass die anderen zu blöd sind oder manipuliert, indifferent oder böswillig – oder generell verantwortungslos (z.B. ggü. ihren Kindern).

            Als Gegenabhängige sind wir ebenso unfrei wie die Abhängigen. Ich will frei sein und mir von niemandem vorgeben lassen, was mir die Bibel bedeutet / zu bedeuten hat – und was sie mir vor allem auch nicht bedeutet. Ich kann selber lesen (im Ernstfall auch Hebräisch und Griechisch), ich kann unterschiedlichen Menschen zuhören und dann entscheiden, ob ich von ihnen etwas lernen kann oder nicht. Es gibt daneben noch viele andere Quellen von Wissen und Weisheit, die ich brauche und die auf bestimmte Fragen bessere Antworten geben (oder überhaupt die treffenderen Fragen stellen). Es gibt einige Menschen, mit denen ich mich in meinen Gedanken verbinden kann. Und es gibt sehr viele mehr noch, von denen ich eher Abstand halten muss, darunter auch genug von denen, die sich „Christen“ nennen.

            Ich will frei sein, bin aber gerade unfrei dadurch, dass mir viele dieser biblischen Texte etwas bedeuten und das mir auch dein Blog etwas bedeutet. Die Kunst ist wohl, sich immer wieder selbst auf die Schliche zu kommen. Sonst verhärtet man, und es verhärten sich die Fronten, so wie das hier zwischen uns geschehen ist. Das bedauere ich, kann es im Moment aber nicht ändern. Zusammen ein Bier trinken gehen wäre halt oft besser als das Geschreibe an der Mattscheibe.

            Danke, dass du mir trotzdem den Platz zugestanden und alle Punkte mit mir geduldig diskutiert hast – das ist alles andere als selbstverständlich. Ich wünsche deinem Blog weiterhin großen Erfolg (und ich werde nicht müde werden, deine Großtaten wie z.B. „Schwule Scham“ an andere weiterzuempfehlen).

          • Ich hoffe, du hast Verständnis, lieber Ben, dass ich diese Diskussion allmählich beenden möchte. Einiges dreht sich hier mittlerweile im Kreis und anderes ist mir im Detail auch nicht so wichtig, um noch einmal zu widersprechen.

            Grundsätzlich möchte ich aber noch einmal festhalten, dass ich hier keineswegs versucht habe, „die“ Kernbotschaft des Christentums oder „das“ christliche Familienbild darzustellen. Ich habe zwei Erzählungen dargestellt, die mich persönlich verstört haben, und ich habe die Kreuzigungsszene (wie ich immer noch meine, zu Recht) als die zentrale Szene des Christentums bezeichnet. Es wird für mich weiterhin keine Erklärung geben, die mir (!) die Brutalität dieser Szene in etwas Positives verwandeln kann. Für andere mag das eben anders sein, ich kann es aber nicht nachvollziehen.

            Ich glaube übrigens auch nicht, dass wir einander beharken würden, wenn wir uns mal live treffen würden. In Glaubensfragen werden wir offenbar nicht einig, aber das kenne ich auch von Menschen, die ich durchaus schätze. Vermutlich könnten wir über andere Themen entspannter reden.

            Danke für deine guten Wünsche. Ich gebe sie gern zurück.

        • Ich weigere mich, einer solch perfiden Logik zu folgen. Ich setze meine Hirnwindungen lieber zum Nachdenken über echte Probleme dieser Menschheit ein, und zum Anprangern derselben, statt sie sich derart verheddern zu lassen. „Glaube“ verhindert doch ganz bewusst klares Denken. Und das soll ja auch so sein, damit alle schön brav bleiben, nicht auf eigene Gedanken kommen und nicht aufbegehren. Ohne mich!!!

  4. Religion ist gruselig.
    Was, das verstehst du nicht, das ist Gottes Plan! Folge einfach den Regeln, du musst nicht verstehen, nur sein wie alle anderen, sonst bist du böse, falsch und Gott hasst dich, während er dich liebt, und er wird dich in die Hölle schicken, während du erlöst wirst weil er seinen Sohn für dich ermordet hat.
    Dazu kommen noch ein paar tyrannische Massenmorde (gesetzt dem Fall, die Bibel wäre „historisch korrekt“):
    – Gott lässt die Ermordung der Kinder seines „Lieblingsvolks“ in Ägypten zu
    – Gott ermordet zig Zivilisten (die Plagen: Krankheiten, Hungersnöte, Feuer vom Himmel etc pp)
    – Gott ermordet die Erstgeborenen der Ägypter (Kinder. Er ermordet KINDER)
    – Gott ermordet die komplette Armee im roten Meer
    War der nicht irgendwie sowas wie allmächtig und hätte mal eben den Pharao umprogrammieren können? Warum hat ein Gott, der alles erschaffen hat, eigentlich ein Lieblingsvolk? Warum lässt er zu, dass es versklavt und ermordet wird? Warum errettet er es nicht in einem Fingerschnippen, sondern lässt lieber Feuer regnen oder ermordet Kinder…?
    – Gott zerstört Sodom & Gomorrah mit allen Einwohnern – und wer guckt, erstarrt zur Salzsäule weil Baum?
    – Die bereits in anderen Kommentaren erwähnte Sintflut – muss man echt was dazu sagen?
    – Man lese sich das hier durch:
    https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lutherbibel-2017/bibeltext/bibel/text/lesen/stelle/4/310018/310018/
    Zusammengefasst: einige Teile der Isreaeliten haben sich von Gott abgewandt, daraufhin heuert ein Prophet des Herrn Söldner an. Sie schleifen die Städte, nehmen die Leute gefangen. Der Prophet BEFIEHLT, ALLE zu töten, die nicht weiblich und noch unberührt sind (also alles, was kein Mädchen unter ca 12 ist). ALLE ZU TÖTEN. Einschließlich der Babys, Schwangerer usw usf. Alle. Töten. Alle.
    Danach wird die Beute (Vieh, Materialien, Menschen); ein Teil bekommt Gott (…), ein Teil behält das israelische Volk, ein Teil bekommen die Söldner.
    Ja. Ein Haufen ausgehungerter Kerle bekommt einen Teil der ca 32.000 blutjungen Mädchen als Beute.
    Im Namen Gottes.
    Frohes Fest.

  5. Interessant ist doch, dass das berühmteste Jesuswort zur Familie so gerne außen vor gelassen wird:

    „So jemand zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein.“ (Lk XIV 26 f.)

    Nicht Liebe fällt dem Nazarener ein, wenn er an Familie denkt, sondern Hass.

    • Ich würde diese Äußerung in den Rahmen einer millenaristischen Bewegung (s.o.) einordnen: In Erwartung des unmittelbar bevorstehenden Weltendes werden alle traditionellen sozialen Bindungen verworfen. Wir sollten an dieser Stelle aber nicht vergessen, dass die Werte, die in solchen Bewegungen gepredigt werden, nicht für eine dauerhafte Gesellschaftsgestaltung entworfen werden, sondern eher, um die bisherige Welt sozusagen schon vor ihrem Ende aufzulösen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass daraus später Konflikte entstehen, weil die Erde sich wider Erwarten eben doch weiterdreht (Stichwort „Parusieverzögerung“).

  6. Ja, Abraham und Isaak fand ich seit dem ersten Hören auch etwas verstörend. Allerdings scheine ich in der Nachbetrachtung außer dem geteilten Mantel von Sankt Martin wenig von den ganzen Erzählungen tatsächlich für reale Berichte gehalten zu haben, trotz katholischem Kindergarten und späterem Religions- und Kommunionsunterricht. Mein Vater hat seine Fehler, aber Religiosität gehört nicht dazu, und meine Mutter hat sich wohl drauf verlassen, dass der Unterricht das schon so passend macht. Dementsprechend habe ich die Anmeldung zur Firmung prompt verpasst und seitdem auch kein schlechtes Gewissen deswegen entwickelt.
    Im Resultat bin ich bei meiner Suche nach Zeug zum Glauben gegenwärtig bei der Erkenntnis stehen geblieben, dass ich eigentlich nichts zum Glauben brauche, sondern lieber welche, denen ich bei passenden Anlässen Alkoholika auskippen und Prost sagen kann. (Ich kenne die Einwände, vielen Dank.)
    Menschen, die was zum Glauben brauchen, gibt es aber wohl doch zuhauf, und ich versuche das zu respektieren, sofern sie damit verfassungskonform sind. Kinderindoktrination hingegen ist so ne Sache, die hat in dieser Gesellschaft in Schulen m. E. nichts mehr zu suchen. Was machen die ungetauften, jüdischen oder muslimischen Sechsjährigen, die bei der Einschulung vom örtlichen Pfarrer eine Geschichte über „meinen Freund Jesus“ erzählt bekommen? Haben die mehr Grund, sich vor dem ersten Schultag zu fürchten?

    Philisophisch gesehen hat die christliche Idee der Nächstenliebe was, aber dazu braucht es keinen religiösen Überbau.

    • Camillas letzten Satz kann ich nur unterstreichen. Gerade im evangelischen Bereich ist man heute vielfach bemüht, den ganzen Mysterienzauber zeitgebunden oder als jeweils persönliches Erlebnis auf geistiger Ebene (also nicht als reales Geschehen) zu erklären und damit weitgehend von ihm abzurücken. Statt dessen wird die Bedeutung Jesu als Prediger von Verhaltensregeln, denen es nachzueifern gelte, betont. Nur: Das ist dann nicht mehr Religion, sondern Philosophie. Dann soll man es aber auch offen sagen. Tut man bloß nicht.

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