Buchstabennudelpüree

In der Serie Young Justice, in der es um die Jugendzeit einiger Figuren des Batman/Superman-Universums geht, küsst der junge Aquaman einen anderen Mann. Das Nachrichtenmagazin PinkNews jubelte daraufhin: „Aquaman confirmed to be LGBT in latest Young Justice episode“.

Mich irritiert an dieser Überschrift weniger die Frage, weshalb uns der erwachsene Aquaman bisher als Macho mit deutlich heterosexuellen Neigungen begegnet ist. Vielleicht ist Aquaman ja bisexuell oder wurde zum Ex-Gay, und wer bin ich schon, mich in die privaten Lebensentscheidungen von Superheld:innen einzumischen?

Aber ziemlich sicher kann ich sagen, dass es für eine einzelne Person verdammt anstrengend sein muss, „LGBT“, also gleichzeitig lesbisch, schwul, bisexuell und trans zu sein. Oder, wie es im Vorspanntext des Artikels heißt, sogar „LBGT+“, also auch noch irgendetwas anderes als das alles.

Möglicherweise verfügt Aquaman über Superkräfte im Genderbereich, die seine amphibischen Talente vergleichsweise banal erscheinen lassen. Vielleicht haben wir es hier aber auch mit einem typischen Fall der ärgerlichen Identitätsverschlumpfung zu tun, die auch in Community-internen Sphären immer weiter um sich greift.

Ein (mindestens!) lesbisch-schwul-trans-bisexueller Kuss.

Diese verunglückte Überschrift ist nämlich kein Einzelfall. Es ist heute überhaupt kein Problem mehr, wenn ein schwuler cis Mann, der im ganzen Leben keinen Finger für Trans-Rechte gekrümmt und nicht die geringste Ahnung von Intersexualität oder Queer Theory hat, sich trotzdem als „LGBTTIQ*-Aktivist“ bezeichnet oder von anderen so bezeichnet wird. Man kann auch in einer Artikelüberschrift versprechen, auf ganze zehn Jahre „LGBTQ-Bewegung“ zurückzublicken und dann im ganzen Text keinen einzigen noch so flüchtigen Gedanken an trans, inter oder nicht-binäre Menschen verschwenden, ohne dass einem selbst oder wenigstens der zuständigen Redaktion irgendetwas komisch vorkommt. Der brav inklusiv formulierte Sammelbegriff wird zu einer weithin akzeptierten Mogelpackung, in der immer häufiger nur die gewohnte Einzelperspektive drinsteckt statt der versprochenen Vielfalt.

* * *

In den letzten Jahren haben sich etliche Organisationen, Vereine, Parteigruppierungen usw. umbenannt: von „Homo“, „schwul“ und „lesbisch“ entweder in „queer“ oder in einen mehr oder weniger langen Buchstabenwurm. Nicht immer waren diese Umbenennungen wirklich von den personellen oder inhaltlichen Erweiterungen begleitet, die sie suggerierten. Wenn irgendwo „LGBT“, „LGBTTIQ*“ oder ähnliches draufsteht, dann ist nur sehr selten wirklich alles drin, was das Etikett verspricht. Meistens ist nach wie vor eigentlich nur Schwules drin.

Manchmal mögen diese Umbenennungen wirklich von den vorher unerwähnten Menschen erzwungen worden sein, die nun mitarbeiten. Manchmal verbirgt sich hinter der Umbenennung aber auch nur der naive Wunsch, hinter einer verbreiterten Pappfassade würden schon irgendwann von selbst neue Mieter:innen einziehen – ohne dass das dann wirklich passiert. [1]

Auch aus dem IDAHO, dem internationalen Tag gegen Homophobie, wurde irgendwann der IDAHOBIT. Selbstverständlich ist es lobenswert, bi- und intersexuelle und trans Menschen mit einzubeziehen. Aber an wie vielen der regionalen Veranstaltungen waren diese wohl seitdem wirklich aktiv beteiligt und konnten selbst das Wort ergreifen? Wie oft wurden ihre Erfahrungen auch in ihren Besonderheiten dargestellt und nicht nur kurz mit erwähnt, als hätten alle queeren Menschen genau dieselben Probleme – nämlich zufällig genau die, die schwule cis Männer haben?

Staatliche Fördergelder für Projekte und Vereine werden immer häufiger nur unter der Auflage vergeben, das „ganze Spektrum queerer Lebenswelten“ inhaltlich abzudecken. Das ist eigentlich keine von vornherein schlechte Idee. Welche Art von „Inklusion“ dabei herauskommt, wenn nun ehemals rein cis schwule / lesbische Vereine panisch versuchen, irgendeine trans Person aufzutreiben und zum „Mitmachen“ zu bewegen, um nicht den überlebensnotwendigen Förder-Tropf aus der Vene gerissen zu bekommen, steht aber auf einem anderen Blatt. Eine von oben erzwungene Kooperation wird vermutlich andere Resultate haben als eine, die von „unten“ wächst.

Ob das inklusive Ideal, das mit den verschiedenen Akronymen von „LGBT“ bis „LGBTTIQA*“ (oder mehr) gemeint ist, immer in reale Verhältnisse umgesetzt wird, darf also durchaus als fragwürdig gelten. Eigentlich sollte es darum gehen, die Sichtbarkeit verschiedener Gruppen zu schaffen und das Bewusstsein für ihre unterschiedlichen Bedürfnisse und Diskriminierungserfahrungen zu stärken, und zwar idealerweise, indem alle diese Gruppen den Prozess auch aktiv mitgestalten. Stattdessen wird oft einfach der Pürierstab in die Buchstabennudelsuppe gehalten und in allen Konzepten und Publikationen so getan, als hätten wir queeren Menschen doch eigentlich alle dieselben Probleme und Wünsche – nämlich diejenigen weißer cissexueller nichtbehinderter nichtmigrantisierter Mittelschichts-Schwuler; und wenn deren Welt in Ordnung sei, dann sei an alle anderen schon irgendwie mitgedacht – also könne man das auch keck draufschreiben, ohne sonst viel zu ändern.

Auch die gedankenlose Vokabel „nicht-heterosexuell“, die manche als queeren Klammerbegriff einsetzen, verdeutlicht die Ignoranz, die diesem Denken zugrunde liegt: Dass beispielsweise viele trans Menschen durchaus heterosexuell sind, wird – wenn man auf dieses Problem hinweist – oft nur als ärgerliche Korinthenkackerei abgetan. Dabei geht es hier um ein ganz wesentliches politisches Problem. Die spezifische Perspektive von cis Homosexuellen darf nicht zur queeren „Standardperspektive“ erklärt werden, die angeblich auch alle anderen Perspektiven abdeckt. Da hilft es auch nicht, wenn man so tut, als hätte man Bi- und Pansexuelle irgendwie mitbedacht. Diese Einsicht muss sich in den Begriffen spiegeln, vor allem aber muss sie in den Köpfen erst einmal ankommen.

* * *

Einst, liebe Kinder, gab es eine Welt ohne queere Buchstabennudeln. Wenn wir zunächst einmal das 19. und halbe 20. Jahrhundert überspringen, tauchen in den späten 1960er Jahren vor allem „schwule“ Projekte auf. Einige Lesben hatten zunächst kein Problem damit, sich „schwule Frauen“ zu nennen. Etwa ab Mitte der 1980er folgte die Ausdifferenzierung in „lesbisch-schwul“ oder „schwul-lesbisch“, je nachdem, ob man ein joviales Ladies first oder die offene Benennung der realen Machtprioritäten bevorzugte. Mit „lesbischwul“ bzw. „schwullesbisch“ zeigte sich dann bereits die Tendenz, Untergruppen zwar getrennt zu benennen, sie gleichzeitig aber begrifflich zusammenzulöten. Das Kürzel für die wieder etwas später entdeckten Bisexuellen fand sich praktischerweise schon mittendrin: „LesBiSchwul“. [2] An trans, inter, nichtbinär usw. dachte damals kaum jemand; an weiße Privilegien und rassistische Ausschlüsse, das muss man ehrlich anmerken, auch nicht.

Bezüglich trans muss ich leider konkretisieren (und hier zeigt sich, dass das Überspringen von Geschichte doch selten eine gute Idee ist): Es wäre falsch zu sagen, dass trans Menschen damals deswegen nicht in die geläufigen Klammerbegriffe aufgenommen wurden, weil man noch nicht an sie gedacht hätte: Richtig muss es eher heißen: nicht mehr. Noch zu Magnus Hirschfelds Zeiten und auch in der ganz frühen Stonewall-Bewegung waren Menschen mit trans, inter, fluiden bzw. nicht-binären Positionierungen durchaus wichtige Akteur:innen und auch Zielgruppen queeren Aktivismus‘ gewesen. Allerdings wurde die angeblich rufschädigende „Vermischung“ von cis schwulen und inter / trans Interessen schon zu Hirschfelds Zeiten heftig kritisiert. In den 1960ern wurden einst wegbereitende Aktivist:innen wie z.B. Marsha P. Johnson bereits wenige Monate nach Beginn der Institutionalisierung der Bewegung aktiv ausgeschlossen; erst seit Kurzem werden die Erinnerungen an ihre Verdienste der Verdrängung entrissen. Die weitestgehend cis-homosexuelle Perspektive queerer Politiken in den späten 1960ern darf also nicht etwa als der unschuldig-naive Nullpunkt betrachtet werden, aus dem später die heute geläufigen Erweiterungen hervorgingen, sondern sie war in ihrer Verengung bereits das Ergebnis von früh vollzogenen community-internen Ausschlüssen.

Erst ab den 2000er Jahren wurden wechselnde Akronyme zur geläufigsten Methode, um die jeweils aktuelle Zielgruppenvielfalt auszudrücken: LGBT, LGBTTIQ, dazu in verschiedenen Positionen eingefügte oder angehängte Sonderzeichen wie Sternchen, Unterstrich oder Plus-Zeichen. Je nach politischer oder regionaler Kultur kamen dann noch ein oder zwei „A“ für Asexuelle bzw. Allies, „2S“ für Two-Spirits [3], ein weiteres „Q“ für „Questioning“ und verschiedene weitere Buchstaben hinzu. Die Optionen der Selbstbezeichnungen für verschiedene queere „Wirs“ sind heute wohl so vielfältig wie nie zuvor.

Diese neue Unübersichtlichkeit hat eine recht ambivalente Qualität. In wohl kaum einer anderen sozialen Bewegung bilden sich interne Kämpfe um politische Teilhabe und um die Sichtbarkeit spezifischer Erfahrungswelten und sogar die Gleichzeitigkeit teils widersprüchlicher Kategorisierungen so transparent und hartnäckig ab wie in den wechselnden Buchstabenwürmern, die wir für unsere Projekte, Organisationen und Texte verwenden. Die Geschichte der wechselnden Bezeichnungen spiegelt einerseits eine Erfolgsgeschichte steter Selbsthinterfragung und Öffnung, andererseits aber auch eine Geschichte konkurrierender Bestrebungen zwischen Solidarität, Separatismus und Ausschluss-Tendenzen. All diese Prozesse werden in den wechselnden Akronymen, sofern man sie zu deuten weiß, auch nach außen hin sichtbar.

* * *

Aktuell sehe ich fünf Haupttendenzen, um von „uns“ zu sprechen, wenn wir das Spektrum nicht-heteronormativer geschlechtlicher Vielfalt meinen. Alle haben Vor- und Nachteile.

1) Immer längere Buchstabenketten bilden

Diese Option hält das schöne Ideal aufrecht, möglichst vielen verschiedenen Identitäten zur Sichtbarkeit zu verhelfen und eines Tages wirklich „alle mitzudenken“. Sie enthält das Versprechen, weiterhin offen zu bleiben für bisher nicht erwähnte Menschen und damit auch für neue Diskussionen über politische Teilhabe.

Als Nachteil wird oft kritisiert, dass gerade dabei eine Vollständigkeit suggeriert wird, die doch (trotz Sternchen / Pluszeichen) niemals wirklich eingehalten werden kann. Vielen erscheinen die immer längeren Buchstabenketten als verwirrend und unverständlich, als vor allem für effektive Öffentlichkeitsarbeit zu ungelenk und als allzu wandelhaft. Gruppen-Akronyme sind außerdem generell schlecht auf die individuelle Ebene anwendbar (Ich bin als Einzelperson eben nicht „LGBTTIQ*“).

2) Eine Kurzversion wie „LGBT“ verwenden, und zwar überall.

Diese „pars pro toto“-Lösung ist sicherlich praktischer als ständig wechselnde lange Ketten und auch geschmeidiger in der Außendarstellung.

Im linken Distinktionswettbewerb, den gewinnt, wem der längste Buchstabenwurm am flüssigsten über die Lippen flutscht, fällt aber inzwischen negativ auf, dass da etwas fehlt, was anderswo genannt wird. Es bekommt dann evtl. einen Beigeschmack von „Das muss reichen“ und „Die anderen sind eben doch nicht gleichrangig“. Spätestens die bewusst aggressive Auslassung des „T“ durch aktuelle „LGB“-AktivistInnen, die sich eher transfeindlichen als LGB-freundlichen Agenden verschreiben [4], lässt zumindest bei denjenigen, die sich an längere Akronyme gewöhnt haben, jede „zu kurze“ Form politisch verdächtig erscheinen.

Andererseits: Vielleicht ist denjenigen, die überlange Akronyme eigentlich vor allem verwenden, um ihre Zugehörigkeit zu einem akademisch geprägten intersektionalen Inklusionsaktivismus zur Schau zu stellen, manchmal etwas Demut zu empfehlen. Ist doch virtue signaling (Tugendprotzerei) in Form der ordnungsgemäßen Nennung vieler Buchstaben nicht immer wirklich ein Beweis für gedankliche und politische Inklusion – und deren Nichtnennung ebenso wenig ein ausreichender Beweis für das Gegenteil.

3) „Queer“

Dieser Begriff, den ich selbst oft verwende, ist vor allem angenehm kurz und einfach.

Er birgt allerdings leider auch eine nicht übersehbare Pürierstabfunktion, weil er die Unterschiede verschiedener Perspektiven nicht explizit kenntlich macht, sondern eher verschleiert. Auch kommt es oft zu Verwechslungen zwischen „queer“ als umbrella term für verschiedene Identitäten einerseits und den ideologischen / politischen Inhalten der Queer Theory andererseits, die im jeweiligen Kontext oft gar nicht gemeint sind.

„Queer“ kann aber ein „Wir“ der Menschen schaffen, deren Leben von einer Erfahrung des „Nicht-Passens“ geprägt ist. Es kann gleichzeitig ein „Nicht-Passen-Wollen“ zumindest andeuten. Im Gegensatz zu „schwul“ war „queer“ im Deutschen allerdings nie eine Beleidigung und taugt deshalb nicht als Geusenwort, also als Abwertungsvokabel, die man sich trotzig aneignen kann. Diese trotzige Funktion hat es im deutschen Sprachraum nur für Eingeweihte. Oft wird auf die Gefahr hingewiesen, dass „queer“ geeignet ist, kantigere Positionierungen wie „schwul“ oder „lesbisch“ durch einen flauschigeren, weniger anstößigen und auch als weniger politisch wahrgenommenen Begriff zu verdrängen und die Grenzen zwischen unterschiedlichen Positionierungen fahrlässig zu verwischen.

Im Nudelstrudel kann es schon mal schwerfallen, richtig zu fokussieren.

4) Individuelle Auswahl der Begrifflichkeiten

Diese Option ist vielleicht die präziseste, aber selten zu beobachten: Man verwendet je nach Situation nur exakt die jeweiligen Begriffe oder Buchstaben, um die es gerade konkret geht. Also spricht man nur von Lesben, wenn es gerade wirklich nur um Lesben geht, und erweitert vielleicht schon im nächsten Satz um genau die jeweiligen Buchstaben, die man gerade konkret thematisieren möchte. Das erfordert allerdings eine Sorgfalt, die beim Sprechen noch seltener als beim Schreiben gelingt. Wenn man nicht wirklich gut überlegt, was man sagt, dann kann es passieren, dass man dadurch doch wieder unbeabsichtigte Ausschlüsse suggeriert: Wenn man einen bestimmten Raum aus irgendwelchen Gründen nur als „schwul“ definiert, will man dann tatsächlich nicht-binäre Menschen generell ausschließen? Oder nur unter bestimmten Voraussetzungen? Wäre es vielleicht sinnvoll, schwulen trans Menschen ein zusätzliches explizites Einladungssignal zu geben und nicht zu denken, dass die sich automatisch erwünscht fühlen werden?

Als ein Beispiel für eine sehr sinnvolle Teil-Auswahl erscheint mir das Akronym „FLINT“ für Frauen, Lesben, inter, non-binary und trans Menschen. Es ist ziemlich klar, wer hier nicht dabei sein soll, und das macht bei diesen Veranstaltungen auch Sinn.

5) Eine bestimmte Version zur einzig Richtigen erklären und allen sofort an die Gurgel gehen, die es wagen, eine andere zu verwenden.

Leider ist diese Option ziemlich beliebt. Nur ein „T“ verwendet statt zwei? Kreuzigen! Ein Sternchen verwendet? Steinigen! Kein Sternchen verwendet? Mit einem Gewicht an den Füßen in den See! Der Vorteil dieser Option liegt in einer sofortigen, aber vielleicht wenig nachhaltigen Selbstaufwertung. Nachteil ist, dass man sich schnell mal potentielle Allianzen vermasselt.
Meiner Erfahrung nach kann es sich lohnen, aus der Verwendung einer bestimmten Formulierung nicht sofort auf eine inkludierende oder ignorante Haltung der sprechenden Person zu schließen, sondern erst einmal nachzufragen, aus welchem Grund eine bestimmte Formulierung verwendet wurde und keine andere. Viele Menschen möchten ganz gern dazulernen, und die Bereitschaft dazu steigt oft, wenn man keine Axt im Nacken spürt. Möglicherweise hat sogar jemand ein gutes Argument vorzubringen, das man noch gar nicht bedacht hat.

* * *

Die Geschichte unserer Selbstbezeichnungen ist, wie unsere Bewegungsgeschichte selbst, geprägt von Ambivalenzen und Paradoxien, von Erweiterungen und Ausschlüssen, von erkämpften Fortschritten und trügerischen Fassaden. Glücklicherweise ist sie auch eine Geschichte der fruchtbaren Auseinandersetzungen, Lernerfahrungen, Perspektiv-Erweiterungen und der ständigen Neudefinition verschiedener „Wirs“. Das ist kompliziert. Jedes Bemühen um mehr Inklusion kann für ein eitles Distinktionsgewinnspiel instrumentalisiert oder als ein leeres Signal missbraucht werden. Ein Mehr an Gerechtigkeit kann auf Kosten von Verständlichkeit gehen. Der Inklusionsgedanke kann zum unreflektierten Selbstzweck werden: Nicht überall ist es wirklich sinnvoll, dass „möglichst alle“ dabei sein dürfen. Nicht jede inhaltlich überzeugende Formulierung ermöglicht auch einen emotionalen Zugang. Teilweise werden eigentlich unvereinbare Kategorien verschiedener historischer und politischer Perspektiven zusammengepfercht, etwa „schwul / lesbisch“ und „queer“ (im Sinne der Queer Theory).

Ein ständiges Neu- und Weiterdenken prägt unsere Bewegung/en, und das ist durchaus etwas, auf das wir stolz sein können.

Wenn aber Aquaman, also eine Einzelperson, ganz allein „LGBT+“ sein kann, dann hat das politische Nachdenken aufgehört und das gedankenlose Plappern gesiegt. Aber vielleicht gehört sogar das irgendwie dazu. „Wir“ werden auch sprachlich so verwirrend, uneindeutig, sperrig, lästig und manchmal scheiterfreudig bleiben wie es die Vielfalt unserer Bewegungen nun mal ist – und hoffentlich bleibt.


Fußnoten:

[1] Aus dem Umfeld der Akademie Waldschlösschen hörte ich, wie himmelfroh man irgendwann gewesen sei, mit „Waldschlösschen“ einen Namen ohne expliziten Verweis auf bestimmte Identitäten gewählt zu haben. Man konnte dort einfach nach und nach die Zielgruppen erweitern, ohne zigmal das Etikett anpassen zu müssen und jedes mal zu fürchten, dass das zu früh oder zu spät geschieht.

[2] Welche reale Rolle Bisexuelle innerhalb queerer Bewegungen spielten, erscheint mir als ein frappierend wenig erforschter Teil unserer Bewegungsgeschichte. Über entsprechende Hinweise, Anekdoten, Links oder Quellen würde ich mich freuen.

[3] Two Spirits ist eine Eigenbezeichnung von Angehörigen nordamerikanischer First Nations, die sich auf weit verbreitete indigene Konzepte eines „dritten Geschlechts“ beziehen, welches meist männliche und weibliche Attribute und Rollenvorstellungen kombiniert. Diese Konzepte sind oft fluide und variabel und nur bedingt in westliche Konzepte von Trans oder Homosexualität zu übersetzen. Der Begriff („zwei Seelen“) bezieht sich auf die Idee, männliche und weibliche Seelenanteile in sich zu vereinen.

10 Kommentare zu “Buchstabennudelpüree

  1. „„FLINT“ für Frauen, Lesben, inter, non-binary und trans Menschen. Es ist ziemlich klar, wer hier nicht dabei sein soll“

    Leider kann auch so etwas unschöne Blüten treiben. So behauptete jüngst der community-bekannte Transmann Herr A. aus G., in einer nach einem Wochentag benannten Gazette, dass es gar keine nichtbinären Menschen gebe. Denn wenn jemand aussehe wie ein Mann, sei „er“ auch einer. (Demnach war er früher eine Frau, weil er aussah wie eine? Gewagt, gewagt!)
    Damit schließt er z.B. nichtbinäre Menschen, die aussehen „wie ein Mann“ oder „wie eine Frau“ kategorisch aus bzw. macht uns schlicht unsichtbar, wenn nicht unerwünscht, weil lästigerweise nicht das Klischee einer nichtbinären Person abbildend, die, wie man schon andernorts hörte, am besten „halb Mann/ halb Frau“ auszusehen hat.

    Ich bin nichtbinär, sehe aber aus „wie ein Mann“. Daher bin ich mir sehr sicher, dass ich bei Veranstaltungen, die „für Frauen, Lesben, inter, non-binary und trans Menschen“ sind, nicht eingelassen oder zumindest in Frage gestellt würde. Ich frage mich jedoch, wie ich „beweisen“ soll, dass ich nichtbinär bin. Mit einem Lügendetektortest? Eine andere Art des „Beweises“ fällt mir gerade nicht ein.

    Und so bleiben Ausschlüsse auch innerhalb der Community trotz aller nett gemeinter Bezeichnungen – gerade auch oft ausgesprochen von denen, die selbst einmal diesen Bezeichnungen nicht entsprochen haben.

    Traurig. SEHR traurig.

    • Ich weiß nicht genau, auf welcher Basis FLINT-Veranstalter:innen beurteilen, wen sie einlassen und wen nicht. Vielleicht bin ich zu naiv, wenn ich denke, dass da eine einfache Selbstauskunft ausreichen würde. Aber sicher weist du zu Recht darauf hin, dass eine knappe Buchstabennennung allein als eindeutiges Einladungssymbol noch nicht ausreicht.

    • Ich kann mich der Erfahrung, dass FLINT eben in der Praxis nur in „für Menschen, die irgendwie „nach Frau aussehen““ ausartet, nur anschliessen.

      Ich bin ein stinknormaler binärer trans Mann, weit genug mit körperlichen Transitionsschritten, dass zwischen mir und cis Männern kaum signifikanter Unterschied ist. (Warum andere Männer in der gleichen Situation, wie z.B. besagter Herr A. aus G., derart darauf bestehen, dass wir angeblich kategorisch eben doch gaaaaanz anders sein sollen, verstehe ich auch nicht aber naja.) Allle meine Interaktionen mit FLINT-Räumen waren immer höchst unangenehm, da entweder misgendernd nach dem Motto „Ach, aber du bist ja trans, du bist kein _richtiger_ Mann, du darfst rein!“ (höchst gnädig, nur heisst eben trans NICHT „ist kein Mann“, verdammt noch mal), oder gaben mir ständig das Gefühl, in einem Raum, wo ich eigentlich nicht reingehöre udn wo nach irgendeiner ungeschriebenen Regel nur Frauen rein dürfen, gerade mal so geduldet zu sein, weil anscheinend viele damit überfordert sind, dass Menschen, die unter I, N, T fallen, eben auch mal „wie Männer“ aussehen können.
      Traurig wird’s vor allem, wenn es keine andere Austauschmöglichkeit mit anderen trans Menschen gibt und man die Wahl zwischen Einsamkeit oder quasi als Frau gesehen zu werden hat.

  2. Ich empfinde als binärer und schwuler trans Mann „FLINT“ als unglaublich sinnlos und ausschließend auf die falsche Art. In der Praxis artet es in meiner Erfahrung entweder in lieb gemeintem Misgendern aus („na du bist ja kein _richtiger_ Mann, weil du trans bist, du darfst rein!“) oder es ist halt _eigentlich_ nur gemeint, wer als Frau gelesen wird oder irgendwie sichtbar uneindeutig ist und dann sitzte da und fühlst dich wie ein Freak weil du den Anderen zu haarig, zu bärtig und generell zu… auf die falsche Art trans bist und alle anderen fühlen sich auch unwohl, weil sie nicht dran gedacht haben, dass einige unter INT zusammengefasste Menschen auch mal optisch nicht von cis Männern zu unterscheiden sind, oder gar, oh Schreck! den Unterschied nicht ständig betonen wollen.

    Wie sich FLINT-Räume für nicht als cis passende trans Frauen oder nichtbinäre Menschen, die als männlich gelesen werden, anfühlen ist nicht an mir zu schreiben, aber ich kann mir ähnliche Ausschluasmechanismen vorstellen.

  3. Moin aus dem Norden, enorm wichtiger Text, liebes Mitgeflügel! Ohne eine gewisse Terminologie-Vorbildung in dem Bereich würde ich mir jetzt heulend die Decke über den Kopf ziehen … insofern doppelt und dreifach Respekt fürs Aufdröseln und schonungslose Aufzeigen, wo es dabei oftmals hakt. Ich hab auch noch was gelernt übrigens, denn ich dachte bisher, Q stünde für „Queer“, nicht für „Questioning“. Und wofür das zweite T sein soll, hab ich auch nie wirklich verstanden, obwohl mindestens eins davon gerüchteweise ja auch mir ins Nest gelegt wurde 😉 Zusammen mit einem B. (Wiewohl ich auch keine non-binären Personen als potentielle Partner_innen ausschließen würde, daher weiß der Kuckuck, welche Buchstabenkombi ich jetzt eigentlich bin — Aber, um Deine herrliche Kommentarfeldüberschrift zu zitieren: „Pfeif‘ drauf!“. Gottes Zoo ist ebenso schön wie groß (oder schön, WEIL groß!) — und das Kirchenrecht unserer RKK kommt da hoffentlich auch irgendwann nochmal hinterher.
    Zum Glück ist wenigstens bei uns im Norden alles noch schön einfach, dor steiht dat T för Teetied und goot is, nech. Nun aber genug gezwitschert: Mich beeindruckt wirklich, wie tief Du Dich in die Materie einarbeitest und wieviele Perspektiven Du mit ungeheuchelter Empathie dabei einzunehmen in der Lage bist. Danke! Liebe Grüße, das B*TGeflügel (oder so ähnlich)

    • Moin!

      „ich dachte bisher, Q stünde für „Queer“, nicht für ‚Questioning'“.“

      So ist das meistens auch. Es gibt ein paar Ergänzungen wie das zweite Q für Questioning, die sich nie so recht großflächig durchgesetzt haben, aber immer mal wieder angesprochen werden, um die „Community-Zugehörigkeit“ auf weitere Gruppen auszudehnen.

      Es wird ja immer mal wieder die Frage gestellt, ob Gruppe XY oder Person Z denn „zur Community gehöre“. Ich frage mich dann immer, was das denn eigentlich konkret heißen soll. Kriegt man dann was umsonst? Gibt es da ein Formular? Entweder klären wir mal, wer diese Frage eigentlich warum genau stellt und was die Antwort für konkrete Auswirkungen haben soll, oder wir warten mit der Frage, bis wir die Queere Inquisition mit dem Ausstellen von offiziellen Mitgliedsausweisen beauftragt haben.

      „ich auch keine non-binären Personen als potentielle Partner_innen ausschließen würde, daher weiß der Kuckuck, welche Buchstabenkombi ich jetzt eigentlich bin“

      Das wäre laut meinem Diagnoseschlüssel dann „pan-sexuell“. Aber das arme P fristet leider auch so ein Nischendasein in unserer insalata mista.

  4. Mit etwas Verspätung Respekt für diese Aufdröselei und einige kluge Ergänzungen zu meinen eher vagen Gedanken zum Thema.

    Zu folgender Frage deinerseits: „Es wird ja immer mal wieder die Frage gestellt, ob Gruppe XY oder Person Z denn „zur Community gehöre“. Ich frage mich dann immer, was das denn eigentlich konkret heißen soll. Kriegt man dann was umsonst? Gibt es da ein Formular?“

    Die Frage nach der Zugehörigkeit ist manchmal essentiell: Gibt es da kompetente Beratung für …? Dürfen wir da hinkommen / mitmachen?

    Und andersrum: Für wen muss das Budget / die Aufmerksamkeit / das politische Engagement noch alles reichen?

    Nachteilig bei alldem ist natürlich, dass es „die Community“ an sich nicht gibt, sondern nur sehr viele kleinere und größere Communities und Öffentlichkeiten. (Seufz.) Aber wenigstens ist von einigen dieser Communities der Versuch da, zu kommunizieren, Kräfte zu bündeln und Empathie zu zeigen.

    • Danke für deine ergänzenden Gedanken, Carmilla.

      „Nachteilig bei alldem ist natürlich, dass es „die Community“ an sich nicht gibt, sondern nur sehr viele kleinere und größere Communities und Öffentlichkeiten.“

      Dieser Satz macht mich gerade nachdenklich. Es wird ja oft als erstrebenswertes Ziel hingestellt, dass alle sich im weitesten Sinne als queer verstehenden Menschen und Gruppen diese eine geeinte „Community“ bilden sollen. Und natürlich hätte das im idealen Fall Vorteile wie mehr Solidarität, schlagkräftigeres politisches Auftreten usw. Aber dann stelle ich mir vor, diese ganzen Leute wären wirklich alle auf einem Haufen und würden tatsächlich mal offiziell nach Mehrheitsrecht festlegen, wer genau „dazu gehört“ und wer nicht. Wäre da nicht die Hälfte der Leute offiziell draußen, weil zu pervers, zu schrill, zu irgendwie komisch, zu asexuell, zu sexuell, zu trans, zu wenig trans… ?

      Vielleicht funktioniert es tatsächlich nur genau so, wie du es am Ende beschreibst, nämlich, dass sich jeweils ein paar Hansel_Greteln aus unterschiedlichen Gruppen zusammenraufen, einander mal richtig zuhören und auch wirklich gemeinsam was wuppen wollen. Nicht ideal, aber vielleicht pragmatisch das Beste, was wir hinbekommen.

      • Da ich zu einer Truppe gehöre, die teilweise in komplett voneinander unabhängigen Blasen agiert – sofern die Leutchen überhaupt das Wort kennen und wissen, dass es da Blasen für sie gäbe – habe ich mich mit der pragmatischen Lösung arrangiert. Auch wenn es schon geil wäre, „die Community“ zu haben.

  5. Flaggenmemory | Carmilla DeWinter

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