Regenbögen in der EM

Wenn unvermittelt doch mal in der breiten Öffentlichkeit eine Diskussion um queeres Zeugs aufbrodelt, dann bringt das nicht immer die Gesellschaft vorwärts. Aber man kann dabei manchmal erkennen, wie sich die Debatten verschieben. Hier ein paar aktuelle queere Wasserstandsmeldungen.

* * *

1. Huch, es geht ja beim Vorzeigen von Regenbogensymbolen ganz oft gar nicht wirklich um Werte und Ideale, sondern um Marketing und Selbstbeweihräucherung. Wer wäre denn auf sowas gekommen?

2. Eine Debatte, die eigentlich zu hundert anderen Anlässen in breiter Öffentlichkeit hätte geführt werden müssen, explodiert plötzlich ausgerechnet im Umfeld einer männerdominierten, nationalistisch gefärbten, kapitalistisch durchvermarkteten Sportart ohne einen einzigen offen schwulen Profispieler. Vieles, was gerade passiert, fühlt sich genau aus diesem Grund irgendwie schräg an.

3. Noch nie war so deutlich, dass die Regenbogenflagge von Vielen gar nicht so sehr „für die Freiheit in unserem Land“ geschwenkt wird, sondern eher als bunter Teppich ausgebreitet, unter den man Menschenrechts-Defizite im eigenen Land kehren kann.

4. Menschenrechte sind super wichtig, vor allem woanders.

5. Gleichzeitig dürfen sich „ausgerechnet Deutsche“ aber woanders nicht einmischen. Gar nicht. Wer bei Menschenrechten keine Kompromisse machen will, ist irgendwie doch auch ein Nazi.

6. Es ist so viel cooler, sich selbst mit einer Regenbogenkachel als „tolerant“ abzufeiern, als sich ernsthaft mit der Situation queerer Menschen auseinanderzusetzen, sich womöglich inhaltliche Kompetenz über Diskriminierungsformen draufzuschaffen, politisch aktiv zu werden oder sich wenigstens über aktuell geltende Gesetze zu informieren. Ich winke mutig und entschlossen mit ’nem Wimpel, da habe ich doch genug getan für diese lustige Community mit den vielen verwirrenden Buchstaben.

7. Queere Rechte werden immer noch zu oft nicht als Menschenrechts- oder zumindest Grundrechtsfragen verhandelt, sondern im Begriff „Toleranz“ auf die Ebene individuellen Wohlwollens verschoben. Man kann diese Leute halt einfach mögen oder unerträglich finden, aber das ist doch bitte kein politisches Thema.

8. Unseren cis-hetero Super-Allies fällt zu „LGBTTIQ+“ immer noch „YMCA“, „Er gehört zu mir“ und „I will survive“ ein. In 2021. Nein, das denke ich mir nicht aus.

9. Diskriminierungen gegen queere Menschen in Deutschland waren in der Vergangenheit ganz schlimm. Das spricht man aber nicht an, wenn es um Reparationzahlungen geht, sonden nur, wenn man „anderen Ländern Zeit geben“ möchte oder unsere Gegenwart von Diskriminierungen reinwaschen will.

10. Es gilt immer noch als lustig und unproblematisch, männliche Homofeinde mit „weiblichem“ Make-Up öffentlich zu „demütigen“. Dass man dabei misogyne und schwulenfeindliche Assoziationen reproduziert, wird nicht erkannt.

11. Die Politiker:innen, die neulich erst gegen das Selbstbestimmungsgesetz gestimmt haben, haben von uns immer noch nicht heftig und laut genug aufs Maul bekommen, um fünf Jahre lang keine Regenbogenflagge mehr anzufassen.

12. Wir können in keiner deutschen Partei mit hundertprozentiger Unterstützung rechnen. Queere Rechte sind, je nachdem, arroganter linker Mainstream, absurdes Gender-Gaga, hedonistischer Egoismus, der den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedroht, eine Marotte skurriler Minderheiten, nichts als Ablenkung von den wirklichen Problemen der hart arbeitenden Menschen [TM] oder viel zu unwichtig, um in einem Wahlprogramm aufzutauchen.

13. Für Menschen wie mich, die ein Fußballspiel nicht mal boykottieren können, weil sie eh nicht gucken würden, hält die Wunderwelt der Technik einen praktischen kleinen Helfer parat: https://de.wikipedia.org/wiki/TV-B-Gone

4 Kommentare zu “Regenbögen in der EM

  1. Wieder einmal ein Text, der mir aus dem Herzen spricht. Besten Dank dafür!
    Mir drängt sich schon seit längerem der Verdacht auf, dass es bei solchen Regenbogen-Solidaritätsbekundungen – ebenso wie bei öffentlichen Diversity-Bekenntnissen – überhaupt nicht wirklich um die Belange queerer Menschen geht. Wäre es anders, würde die Debatte ganz anders geführt werden. Anstatt sich mit dem eigenen Hetero-/Cissexismus und der eigenen Queerfeindlichkeit kritisch auseinanderzusetzen und den davon betroffenen Personen zuzuhören, übertönen sie sie mit ihrem Toleranzgeschwafel und ein paar belanglosen Regenbogensymbolen.

    Auf Kritik wird dann meist zutiefst beleidigt reagiert. Queerfeindlich sind ja immer die anderen. Queerfeindliche und hetero-/cissexistische Strukturen bleiben so – nicht nur im Fußball – weitgehend unangetastet, nur dass man* sich in der Öffentlichkeit für vier „Toleranzwochen“ im Juni als super weltoffen präsentieren und sich dafür feiern lassen kann. Und ich fürchte, nur darum geht es dabei. Danke für nichts.

    Generell habe ich ein recht gespaltenes Verhältnis zu Regenbogensymbolen bzw. der Art, wie diese hier besonders von Unternehmen (nicht Privatpersonen) eingesetzt werden. Anders als beispielsweise in den meisten Ländern Afrikas oder Osteuropas, in denen es viel Mut – und nicht selten Einnahmen – kostet, die eigene Solidarität mit queeren Menschen durch Regenbogensymbole zum Ausdruck zu bringen, ist das in Deutschland glücklicherweise nicht (mehr) der Fall. Pinkwashing und Queerbaiting kosten hier nichts.

    Gleichzeitig finde ich es erstaunlich, dass kaum eine_r in einer solchen Diskussion mal anmerkt, dass Symbole wie der Regenbogen noch keine wirkliche Sichtbarkeit bedeuten. Symbole können zwar für Menschengruppen stehen, aber wenn es dann allein beim Symbol bleibt, ist es meiner Ansicht nach paradoxerweise genau das, was echte Sichtbarkeit verhindert. So wird aus einem Symbol für Sichtbarkeit ein Instrument für Unsichtbarkeit. Das geschieht z.B. dann, wenn Fernsehsender wie Pro 7 oder RTL „als Zeichen der Solidarität“ ihr Logo regenbogenfarben einfärben, aber queere Menschen im Programm nicht – oder bestenfalls nur ganz am Rand – vorkommen.

    Hauptsache „vielfältig“ und „tolerant“. Queerfeindlichkeit ist halt – anders als viele andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit – eine umstrittene Meinung, die man* haben kann oder nicht…

    Alles in allem betrachte ich diese unsägliche UEFA-Regenbogen-Aktion – genau wie du es schreibst – als eine Form des Marketing und der Selbstbeweihräucherung. Man* hätte vielleicht mal queere Menschen aus Polen oder Ungarn zu Wort kommen lassen können. Fragen, wie wir sie konkret unterstützen können. Dann hätte die mediale Aufmerksamkeit zumindest etwas Positives für die von Hetero-/Cissexismus und Queerfeindlichkeit Betroffenen gebracht. Aber das ist ja wahrscheinlich böse Identitätspolitik. Da ist ein Fußballstadion in Regenbogenfarben einfacher…

    • Ich war heute zu faul und zu verärgert für mehr als eine hastige Skizze. Danke, dass du ein paar ausführliche Gedanken ergänzt. Ich möchte insbesondere den letzten Absatz unterstreichen.

  2. Das Problem mit der Argumentation ist eigentlich ganz simpel:

    wer Homophob handelt (nehmen wir mal als Beispiel den handelsüblichen „besonders starken Mann“ als autokratischen, selbstgerechten „Führer“ a la Erdogan, Orban, Putin oder der Onkel aus Südamerika, der mir gerade entfleucht ist) tut das vermutlich gar nicht mal, weil ihn das persönlich sonderlich juckt, sondern weil er damit die Gesellschaft spaltet und so dafür sorgen kann, dass die „schweigende Mehrheit“, die „das wird man wohl noch sagen dürfen“ für eine besonders intelligente Aussage halten, hinter ihnen steht, in dem sie aberwitzige Ängste schüren, die man früher für Hexenjagden herangezogen hat („das schadet der Familie!!11“ „die Hexe hat die Ernte kaputt gemacht!“), ohne dass man dafür irgendwelche Fakten bräuchte.

    Da ist dann auch schon der Kern des Problems: Fakten, simple Tatsachen, Argumentationen jenseits von Ausrufezeichenrudel-Aufmerksamkeitsfangsätzen sind nicht erwünscht, klar, sie könnten ja das Weltbild zerstören. Also wird laut gebrüllt, der „Feind“ diffamiert und die Argumentation als „Beweis“ dafür herangezogen, dass man ja recht habe („Identitätspolitik“, „Cancel Culture“, „linksgrünversifftes -hierirgendeinenBlödsinneinsetzen-“ – ihr wisst, was ich meine) und die anderen sowieso voll doof sind.
    Ein Diskurs ist damit unmöglich, das handelsübliche „herrschende“ Homophobentierchen WILL ja gar nicht eine Verbesserung der gesamten Situation herbeiführen, sondern nur seine Macht festigen.

    Es ist Machtpolitik – auf dem Rücken jeglicher Minderheit, die keine starke Lobby hat.

    Kann gar nicht genug Essen, wie ich da.. naja, ihr wisst schon. Seufz.

  3. Danke für den Text, ich freue mich immer wenn eine Email im Postfach landet, dass du wieder was geschrieben hast. Vor allem den Gedanken, dass die Regenbogenflagge als Symbol allein keine Sichtbarkeit schafft, fand ich sehr klug.

    Und ich bin froh, dass ich mit dem latenten Unwohlsein nicht alleine bin! Ich war total verwundert, als ich mitbekommen habe, dass aus der Regenbogenbeleuchtung so ein großes Ding wurde. Heute morgen habe ich auf WDR.de gesehen, dass Münchens OB zu dem Vorschlag, das Stadion trotzdem anzuleuchten, gesagt hat „Mir als altem Revoluzzer würde das gut gefallen“. Hm.
    Wäre ja schön, wenn sich diese Bereitschaft zum zivilen Ungehorsam auch auf z.B. eine Reform des TSG erstrecken würde. Oder die Stiefkindadoption, die in Karlsruhe vor dem Verfassungsgericht gelandet ist.

    Das erinnert mich ganz stark daran, wie sogar die CSU es schafft, sich für Frauenrechte (natürlich ohne Sternchen) einzusetzen, solange diese Rechte von Männern im Ausland, oder muslimischen Männern im Inland, eingeschränkt werden.

    Irgendwie fühlt es sich schon fast absurd an, wie vehement gerade auf Toleranz bestanden wird (hier ein beherztes lol an das Cover der Bild), wenn meine Freundin und ich noch kein einziges mal spazieren gehen waren, ohne angestarrt zu werden, oder einen blöden Kommentar zu hören.

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