Warum wir wirklich den Christopher Street Day feiern – ein Sommermärchen

Vor langer langer Zeit, als die Herrscher noch treue Eheweiber hatten, die sie mit sanfter Bestimmtheit daran hinderten, sich zu viel orangefarbenen Selbstbräuner in die Fresse zu klatschen, kamen eines schönen Sommertages sieben glückliche Regenbogenfamilien zusammen. Sie waren soeben mit ihren Kinderlein aus der heiligen Messe gekommen und standen nun beieinander und berieten dies und berieten das. Weiterlesen

Moonlight

„Brokeback Mountain“ sah ich damals in einem Hamburger Kino gemeinsam mit einem sehr wunderbaren, analysierfreudigen und eloquenten Mann. Ich freute mich auf einen guten Film und auf eine anregende Nachbesprechung. Meine zweite Erwartung wurde enttäuscht: Unter der Nachwirkung des Films konnte mein sonst so mitteilsamer Begleiter während der gesamten Zeit vom Abspann bis zur Ankunft in seiner Wohnung kein einziges Wort sprechen. Buchstäblich keines. Die Wogen, die der Film in seinem Inneren aufgewühlt hatte, brauchten eine volle Stunde, um wieder einigermaßen zur Ruhe zu kommen. Weiterlesen

Privatsache (oder: Das machen Heteros ja auch nicht.)

I

Halbdunkles Schlafzimmer. Ein junger Mann und eine junge Frau liegen eng nebeneinander im Bett. Leise Musik.

Er: „Du, wenn wir nächste Woche zusammenziehen …“
Sie: „Ja?“
Er: „Naja, die Nachbarn werden mitbekommen, dass da ein Mann und eine Frau auf dem Klingelschild …“
Sie: „Na und? Die werden sich halt ihren Teil denken.“
Er: „Aber dass wir beide ein … Liebespaar sind, das müssen wir ja nicht unbedingt gleich jedem auf die Nase binden, oder?“
Sie [richtet sich entsetzt auf]: „Natürlich nicht! Das geht schließlich niemanden was an!“
Er [ängstlich]: „Und wenn jemand direkt nachfragt?“ Weiterlesen

Über Männerhaare, Frauengurken und grünreaktionäre Entspannungstechniken

Schwedische Wissenschaftler:innen haben jetzt herausgefunden, dass 85% unserer Planetenoberfläche gar nicht aus gewöhnlicher Materie bestehen, sondern aus heteronormativen Firlefanz-Atomen zusammengesetzt sind. Und jedes Jahr werden es zwei Prozent mehr.

Jaja, das ist natürlich Quatsch, ich wollte nur schon immer mal einen Text mit „Schwedische Wissenschaftler:innen …“ beginnen. Aber ihr wisst vielleicht, was ich meine. Heteronormativität, Sexismus und alles, was noch in diesen Bereich gehört¹, sind Plagen, die sich überall ausbreiten, wenn wir nichts dagegen tun. Da sind ja nicht nur die gespenstischen „Glitzerpinklillifee“- vs. „Schwarzblaupiratenrennauto“-Höllen in den Spielzeugabteilungen. Unser ganzer Alltag ist mit heteronormativem, sexistischem Mist vollgestellt, ist davon durchdrungen und trieft davon. Heteronormativität wird nicht nur gedacht und gesprochen, sondern wir kaufen sie ein, wir ziehen sie uns an, wir reiben unsere Körper damit ein und wir futtern sie in uns hinein. Wir leben in einer Zeit, in der mit wachsender Selbstverständlichkeit noch die abwegigsten Alltagsdinge als männlich und weiblich zugeordnet und mit stereotypen Rollenmustern aus werweißwelchen Mottenkisten befrachtet werden. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass das nicht besser wird, sondern immer schlimmer.

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Selbstbildnis im Fummel (unvollendet)

Es war eine alberne Idee gewesen. Meine Schwester wusste so gut wie ich, dass der Homo-Knigge keinesfalls vorschreibt, jeder schwule Mann müsse irgendwann mal einen Fummel anziehen. Aber sie und ich waren damit beschäftigt, die lesbischen bzw. schwulen subkulturellen Reviere zu durchstreifen und dann unsere Beobachtungen zu Landkarten zusammenzufügen. Neugierige Selbsterfahrungszeiten. Warum sollte ich also nicht einmal eines ihrer Kleider anziehen? So trat ich, in diverse Grüntöne gehüllt, vor den großen Spiegel … und konnte nichts darin erkennen.

Denn ich war nicht mehr allein. Geister, Bilder und Stimmen hatten den Raum angefüllt und sich vor mein Spiegelbild geschoben.

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Buchempfehlung: „Selbsthass und Emanzipation“

Was brauchen wir, damit es uns besser geht? Regelmäßige Leser*innen meines bescheidenen Weltverbesserungs-Blögchens wissen, dass ich die Ansicht mit einiger Skepsis betrachte, die rechtliche Gleichstellung sei der homopolitische Stein der Weisen, der ganz allein alles Blei der Queerphobie auf magische Weise in das Gold der Akzeptanz verwandeln werde. Pustekuchen, wenn das mit der Emanzipation was werden soll, dann müssen wir schon verschiedene Äcker pflügen. Neben gesellschaftlicher Aufklärung, der Pflege queerer Schutzräume und der grundsätzlichen Infragestellung von Machtstrukturen halte ich es für zentral, dass wir darüber nachdenken, was die heteronormative Gesellschaft mit uns allen anstellt. Jeder Mensch muss in der, gegen die und mit der Gesellschaft, in der er lebt, eigene Wege finden. In unserem Fall heißt das: Wir müssen uns klarmachen, wo Heteronormativität uns selbst prägt, was das für uns persönlich und politisch bedeutet, und was wir mit dieser Situation anstellen wollen. Ich bin davon überzeugt, dass wir nur aus diesem Verständnis heraus persönliche und politische Strategien entwickeln können, die wirksam und nachhaltig sind.

Ein herausragendes Gedankenpaket zu diesem Thema liefert nun der Sammelband „Selbsthass und Emanzipation. Das Andere in der heterosexuellen Normalität“, den Patsy l‘Amour laLove kürzlich im Querverlag herausgegeben hat. (Ich bewerbe den hier nicht nur, weil ich selbst einen Text beisteuern durfte. Aber ein bisschen stolz bin ich natürlich doch.)

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Leichtigkeit

Anlässlich des Attentats von Orlando hatte ich kurz überlegt, hier statt eines Textes nur eine Grafik zu veröffentlichen. Auf einen schwarzen Hintergrund hätte ich in Spektralfarben knappe Appelle plaziert wie „mehr Umarmungen“, „mehr Liebe“, „mehr Sichtbarkeit“, „mehr Solidarität“, „mehr Küsse“, „mehr Mut“, und so weiter. All die Dinge, die nun durch dieses Massaker bedroht wurden und all die Dinge, die die Gegner*innen eines freien Lebens, freier Liebe und einer freien Sexualität verachten, aus welcher Quelle auch immer sie diese Verachtung speisen. Ich hätte möglicherweise einen gewissen Wert darauf gelegt, auch Provokationen gegen die Freiheitsängste einiger Schwuler einzubeziehen, die z.B. mit bestimmten Formen von Sexualität oder Identität nicht klarkommen („mehr Fetisch“, „mehr Tunten“), aber das nur nebenbei.

Die Botschaft wäre eine gewesen, die wir jetzt wieder überall hören: ein trotziges „Jetzt erst recht!“ Und ich hätte damit genau das getan, was jetzt so viele tun: Ich hätte unsere Freiheit in den Dienst eines Kampfauftrags gestellt. Ich hätte die Farbigkeit unseres Lebens in einen schwarzen Raum hineingesperrt, mit der verdammten Pflicht, ihn zu erleuchten. Ich kann dieses „Jetzt erst recht!“ sehr gut verstehen. Es ist eine naheliegende, vielleicht sogar heilsame Reaktion auf eine Angsterfahrung.

Aber es ist gleichzeitig eine schreckliche Umwertung von Freiheit.

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