Ehe für alle – Wasserstandsmeldungen

Oje, alle reden von einem „historischen Tag“, und ich habe so gar keine Lust auf eine feierliche Würdigung. Wie ihr wisst, bin ich der Typ, der bei der Party in der Ecke steht und mit dem spitzen Finger über das staubige Regal fährt – es ist ein dreckiger Job, aber einer muss ihn machen. Von mir also keine Tanzeinlage.

Vielleicht ist es ohnehin noch zu früh, um die Bedeutung der Eheöffnung für unseren Alltag und unsere politischen Strategien wirklich abzuschätzen. Ereignisse wie dieses sind aber immer ein guter Anlass, ein paar queerpolitische Wasserstandsmeldungen aus den Medien zu ziehen. Wie wär‘s also hiermit: Ich schmeiße einfach mal eine lockere Liste von Beobachtungen in die Runde, die ich in den letzten Wochen zwischen Beschluss und Inkrafttreten der „Ehe für alle“ aufgesammelt habe, und ihr, liebe Lesende, ordnet das selber ein. Oder widersprecht oder ergänzt. Ihr seid ja schon groß. Weiterlesen

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Im Land des ewigen „ja, aber…“

Nach dem Krieg galt für die Schwulenverfolgung in Deutschland kein „Nie wieder!“, sondern ein „Recht so!“ Der §175 blieb. Die politische Hetze, die polizeiliche Verfolgung, die moralische Ächtung und der soziale Tod bei bloßer Verdächtigung blieben. Nicht wenige Schwule, die den Auslöschungsversuch der Nazis überlebt hatten, standen erneut den selben Richtern gegenüber wie damals. Deutschland hatte sich selbst die Menschenwürde ins Gewissen und in die Verfassung geschrieben. Es galt nicht für die Schwulen. Weiterlesen

Gedankenaufzeichnung Merkel [26|6|2017]

Nur Wenige wissen, dass wir von der Schwulen Weltverschwörung dank geheimer Militärtechnik der Reptiloide vom Aldebaran in der Lage sind, die Gedanken jedes einzelnen Menschen zu jedem Zeitpunkt exakt aufzuzeichnen. Ich habe meine Beziehungen spielen lassen, und es ist mir gelungen, eine Original-Mitschrift der Gedanken Angela Merkels zu erhalten, die ich hier unkommentiert und ungekürzt wiedergebe. Es geht um die Minuten direkt vor ihrem gestrigen Auftritt bei der „Brigitte“-Veranstaltung. [Video] Weiterlesen

Warum wir wirklich den Christopher Street Day feiern – ein Sommermärchen

Vor langer langer Zeit, als die Herrscher noch treue Eheweiber hatten, die sie mit sanfter Bestimmtheit daran hinderten, sich zu viel orangefarbenen Selbstbräuner in die Fresse zu klatschen, kamen eines schönen Sommertages sieben glückliche Regenbogenfamilien zusammen. Sie waren soeben mit ihren Kinderlein aus der heiligen Messe gekommen und standen nun beieinander und berieten dies und berieten das. Weiterlesen

Moonlight

„Brokeback Mountain“ sah ich damals in einem Hamburger Kino gemeinsam mit einem sehr wunderbaren, analysierfreudigen und eloquenten Mann. Ich freute mich auf einen guten Film und auf eine anregende Nachbesprechung. Meine zweite Erwartung wurde enttäuscht: Unter der Nachwirkung des Films konnte mein sonst so mitteilsamer Begleiter während der gesamten Zeit vom Abspann bis zur Ankunft in seiner Wohnung kein einziges Wort sprechen. Buchstäblich keines. Die Wogen, die der Film in seinem Inneren aufgewühlt hatte, brauchten eine volle Stunde, um wieder einigermaßen zur Ruhe zu kommen. Weiterlesen

Privatsache (oder: Das machen Heteros ja auch nicht.)

I

Halbdunkles Schlafzimmer. Ein junger Mann und eine junge Frau liegen eng nebeneinander im Bett. Leise Musik.

Er: „Du, wenn wir nächste Woche zusammenziehen …“
Sie: „Ja?“
Er: „Naja, die Nachbarn werden mitbekommen, dass da ein Mann und eine Frau auf dem Klingelschild …“
Sie: „Na und? Die werden sich halt ihren Teil denken.“
Er: „Aber dass wir beide ein … Liebespaar sind, das müssen wir ja nicht unbedingt gleich jedem auf die Nase binden, oder?“
Sie [richtet sich entsetzt auf]: „Natürlich nicht! Das geht schließlich niemanden was an!“
Er [ängstlich]: „Und wenn jemand direkt nachfragt?“ Weiterlesen

Über Männerhaare, Frauengurken und grünreaktionäre Entspannungstechniken

Schwedische Wissenschaftler:innen haben jetzt herausgefunden, dass 85% unserer Planetenoberfläche gar nicht aus gewöhnlicher Materie bestehen, sondern aus heteronormativen Firlefanz-Atomen zusammengesetzt sind. Und jedes Jahr werden es zwei Prozent mehr.

Jaja, das ist natürlich Quatsch, ich wollte nur schon immer mal einen Text mit „Schwedische Wissenschaftler:innen …“ beginnen. Aber ihr wisst vielleicht, was ich meine. Heteronormativität, Sexismus und alles, was noch in diesen Bereich gehört¹, sind Plagen, die sich überall ausbreiten, wenn wir nichts dagegen tun. Da sind ja nicht nur die gespenstischen „Glitzerpinklillifee“- vs. „Schwarzblaupiratenrennauto“-Höllen in den Spielzeugabteilungen. Unser ganzer Alltag ist mit heteronormativem, sexistischem Mist vollgestellt, ist davon durchdrungen und trieft davon. Heteronormativität wird nicht nur gedacht und gesprochen, sondern wir kaufen sie ein, wir ziehen sie uns an, wir reiben unsere Körper damit ein und wir futtern sie in uns hinein. Wir leben in einer Zeit, in der mit wachsender Selbstverständlichkeit noch die abwegigsten Alltagsdinge als männlich und weiblich zugeordnet und mit stereotypen Rollenmustern aus werweißwelchen Mottenkisten befrachtet werden. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass das nicht besser wird, sondern immer schlimmer.

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