Das Waldschlösschen braucht Unterstützung

Ich muss leider noch einmal mit der Spendendose klappern. Die Akademie Waldschlösschen hat pandemiebedingt seit 5 Monaten keine Einnahmen und benötigt dringend unsere Unterstützung.

Das Waldschlösschen ist als Tagungszentrum für das queere Leben in Deutschland unverzichtbar. Bitte überleg dir, ob und wie du helfen kannst. Die Kontonummer findest du auf deren Webseite.

Jeder Euro zählt (aber mehrere Euros zählen noch ein bisschen mehr ;-) ).

www.waldschloesschen.org

Wie viele normale Menschen verträgt die Demokratie?

In der dritten Woche seiner Kampagne gegen „linke Identitätspolitik“ behauptet Wolfgang Thierse, er sei „zum Symbol geworden für viele normale Menschen“. Das ist aber keine, wie Thierse glaubt, gute Nachricht, sondern eine sehr schlechte.

Es ist in Deutschland tatsächlich vollkommen normal, sich selbst von jedem Rassismus freizusprechen, im nächsten Moment eine mehr oder weniger subtile rassistische Bemerkung rauszuhauen und beleidigt zu reagieren, wenn man darauf hingewiesen wird, dass es mit der praktischen Umsetzung des antirassistischen Ideals wohl noch nicht so hundertprozentig läuft. Es ist normal, queerfeindliches Zeug zu quasseln und sich im Handumdrehen selbst zum Opfer zu erklären, sobald jemand sagt, dass man doch besser die Klappe halten könnte, statt Menschen zu verletzen. Es ist leider normal, vollkommen gedankenlos davon auszugehen, dass eine Welt, die mit sehr viel Aufwand exakt für die Menschen zugeschnitten wurde, die in jeder Hinsicht so sind wie man selbst, ganz „natürlich“ nur so sein kann, wie sie nun mal ist und dass sie auch für alle anderen einfach so passt. Und wenn man verwirrt ist, weil Menschen, die anders sind als man selbst, ihre eigenen Perspektiven sichtbar machen und sich eine Welt wünschen, in die auch sie hineinpassen, dann ist es leider ganz normal, darauf mit Ausreden, Verächtlichmachung oder Aggression zu reagieren. Weiterlesen

Mit Sozialdemokrat:innen reden?

„Mit Rechten reden?“ Das ist eine seit einiger Zeit immer wieder zu Recht gestellte und unterschiedlich beantwortete Frage. Macht das Sinn? Wenn ja, wie bekommt man es hin, der Auseinandersetzung mit Menschen, die gar nicht sachlich diskutieren wollen, trotzdem irgendeinen Mehrwert abzutrotzen? Spätestens seit heute frage ich mich: Mit Sozialdemokrat:innen reden? Geht das? Wem nutzt das? Kann man sich das nicht besser sparen?

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Anfang Februar haben 185 queere Schauspielende in der Süddeutschen Zeitung unter dem Hashtag #ActOut von Diskriminierungen, Ängsten und erzwungenem Versteckspiel in ihrem Beruf berichtet und mehr Diversität im Schauspielgewerbe und bei den Produktionen eingefordert. Sandra Kegel, die Feuilleton-Chefin der FAZ hat daraufhin die Erfahrungen der Unterzeichner:innen relativiert bzw. einfach gänzlich in Frage gestellt und suggeriert, sie würden ihre queeren Identitäten nur instrumentalisieren, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Der Artikel gipfelte in dem unsäglichen Satz: „Bei einer Rolle übergangen zu werden mag ärgerlich sein und sicherlich auch kränkend, aber lebensgefährlich ist das nicht.“ Weiterlesen

Christliche Familienbilder und das kürzeste Weihnachtsmärchen der Welt

Heiligabend. Es klingelt an der Tür.

„N’Abend, ich bin das Coronavirus und würde gern wen infizieren. Darf ich reinkommen?“

„Da sind Sie hier leider falsch. Wir haben zwar die Bude voll, aber wir sind alle miteinander verwandt. In direkter Linie.“

„Ach, wie schade.“

„Ja, sorry. Aber versuchen Sie’s doch gegenüber, unsere Nachbarin hat drei Freunde eingeladen, die sind ganz sicher nicht verwandt. Da finden Sie bestimmt wen zum Infizieren.“

„Super, danke!“

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Im Ernst, Leute, ich dachte, wir wären schon weiter. Es gibt kein einziges epidemiologisches Argument für die einseitige Privilegierung der Familie, die wir da mit so unverschämter Selbstverständlichkeit vorgesetzt bekommen. Der unsinnige Familialismus, der sich in den aktuellen „Lockerungen“ ausdrückt, ist reine Ideologie und wird zu Recht als diskriminierend kritisiert. Aber was soll’s, das Märchen vom HI-Virus, das sich von Beziehungsstatus und Ehepapieren mehr beeindrucken lässt als von realen Schutzstrategien, das wird ja auch immer noch erzählt. Weiterlesen

Die fiese Diktatur der Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit

Sobald irgendwo Diversität gefördert werden soll, geht das Zensurgeschrei los. Aktuell hat die Oscar Academy entschieden, den Preis der Kategorie „Bester Film“ an eine Quotenerfüllung für bisher unterrepräsentierte Gruppen zu koppeln. Frauen, BIPoC, LGBTTIQ*, behinderte Menschen und andere Gruppen sollen in der Rollenvergabe und/oder Themenwahl und/oder im Mitarbeiter:innenstab mit einer nachgewiesenen Mindeststärke vertreten sein – sonst kann ein Film diesen Preis nicht gewinnen (die anderen Preise aber weiterhin). Und schon werden wieder die Alarmglocken geläutet: Das sei ein skandalöser Eingriff in die Kunstfreiheit, Zensur, der erste Schritt in eine ideologische Diktatur, „political correctness“-Wahn.

Was die Mehrheit der Kritiker:innen weniger bis gar nicht problematisch findet: wenn eine bisher fast ausschließlich weiße, cis-heterosexuelle und männlich dominierte Jury Preise überproportional häufig an weiße cis-heterosexuelle Männer vergibt. Das gefährdet offenbar weder die Kunstfreiheit, noch hat es irgendetwas mit zensurähnlichen Strukturen oder gar mit irgendeiner Ideologie zu tun. Weiße cis-heterosexuelle Männer spielen offenbar nun mal ganz natürlicherweise die meisten Hauptrollen, und vermutlich sind sie einfach von Natur aus die besten Schauspielenden der Welt. Weiterlesen

Bibelflüsterei in der Homolobby

Ein koreanischer Imbiss in Berlin-Schöneberg hat einen bekannten Bibelvers in sein Schaufenster gehängt: „Und einem Mann sollst Du nicht beiliegen, wie man einem Weib beiliegt; Greuel ist dies.“ Die Betreiberin, die auch den Innenraum mit Bibelzitaten buchstäblich tapeziert hat, versichert, homosexuelle Gäste zu bedienen und zu „lieben“, wünscht diesen aber, dass sie „zu Gott finden“, was wohl meint, die Sündhaftigkeit ihrer eigenen Liebe zu erkennen und stattdessen hetero oder keusch zu leben.

Natürlich, so könnte man hoffen, werden unsere queeren Interessenvertretungen jetzt öffentlich klarstellen, dass in unserer Demokratie die persönlichen Freiheiten der Individuen nicht von religiösen Vorschriften vorgegeben werden. Sie würden vielleicht mehr oder weniger diplomatisch darauf hinweisen, dass religiöse Aussagen für eine aufgeklärte Gesellschaft selbstverständlich ganz prinzipiell keine verbindliche Argumentationsebene bilden können, wenn es beispielsweise um das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit oder den Schutz vor Diskriminierung, Beleidigung und Hetze geht. Dass wir unsere persönliche und gesellschaftliche Ethik nicht aus kruden Textsammlungen aus einem vormodernen Turbo-Patriarchat ableiten sollten, sondern aus eigenen Erfahrungen von Mitgefühl und Solidarität, vielleicht aus humanistischen Idealen, aber in jedem Fall natürlich aus den Grund- und Menschenrechten, die in weiten Teilen gegen den Widerstand der Kirchen eingeführt wurden.

So, und jetzt stellt euch das Geräusch vor, das eine laufende Schallplatte macht, wenn ein betrunkener Mops drauf fällt. Denn das tun sie nicht. Sie tun das Gegenteil. Weiterlesen

Fremd- und Selbstaufklärung. Zwei Gedanken zu Rassismus und Queerfeindlichkeit

Wer Augen und Ohren aufmacht, kann derzeit einiges über Rassismus lernen. Darüber bin ich sehr froh und hoffe, dass die kollektive Aufmerksamkeit nicht wieder so ein Strohfeuer bleibt. Mir wird gerade bewusster denn je, wie komplex dieses Thema ist und wie viele Lebensbereiche es durchdringt, bei denen mir das noch nicht so klar war.

Oft ertappe ich mich dabei, das Gehörte unter der Fragestellung zu filtern, welche Parallelen und welche Unterschiede es eigentlich zwischen Rassismus und Queerfeindlichkeit gibt (die erwähnte Vieldimensionalität wäre schon mal eine der Parallelen). Daraus könnte ein ganzes Buch werden, aber ich möchte mich hier auf zwei eher willkürlich ausgewählte Aspekte konzentrieren, die mir relativ aktuell auffallen und die beide mit der Frage der Aufklärungsarbeit verbunden sind. Weiterlesen

Hilfsangebote und Spendenaufrufe / Rettet das Waldschlösschen!

Queere Menschen sind überproportional häufig und stark von psychischen und sozialen Problemen betroffen. In vielen Fällen verstärken sich derzeit diese Probleme, während gleichzeitig viele der etablierten Hilfsstrukturen wegbrechen. Queer.de hat eine Liste von Organisationen zusammengestellt, die weiterhin psychologische und andere Beratung, Nachbarschaftsnetzwerke, Online-Trainings und auch Unterhaltung anbieten. Gleichzeitig werden hier einige Möglichkeiten aufgelistet, queere Organisationen mit eurer Spende zu unterstützen. Wenn ihr die finanziellen Möglichkeiten habt, denkt bitte darüber nach. Und wenn ihr selbst Unterstützung braucht, zögert nicht, sie in Anspruch zu nehmen. Weiterlesen

Unerschütterlich. Hanau, Halle, Orlando.

„Ich habe das Gefühl, dass in mir etwas kaputt gegangen ist.“

„Ich hätte sagen können, dass ich Angst habe. Aber die Angst ist für so viele Menschen zur ständigen Begleiterin geworden, dass das gar nicht mehr erwähnenswert ist. Sicher fühle ich mich schon sehr lange nicht mehr.“

„Das war nicht nur ein Angriff auf die Körper von Menschen, sondern auch auf ihre sozialen Räume, in denen sie keine Angst vor Ausschluss haben müssen. Wo sollen sich diese Menschen noch sicher bewegen, wenn nicht dort?“

„Ein Grundvertrauen, dass die Gesellschaft dafür sorgt, dass so etwas nicht passiert, habe ich schon lange nicht mehr.“

Das sagt nach dem Attentat in Hanau die Journalistin Şeyda Kurt im Interview mit dem Deutschlandfunk. [1] Ich habe alle diese Sätze schon einmal gehört. Nach dem Attentat in Orlando, bei dem in einem queeren Nachtclub 49 Menschen getötet und 53 verletzt wurden, gingen mir und vielen anderen queeren Menschen genau die gleichen Gedanken durch den Kopf. Weiterlesen

Fünf Jahre „der zaunfink“

Heute schnitze ich die fünfte Kerbe in meinen Zaunpfahl und schaue zurück. „Jesus würde Whiskas kaufen“ hieß der erste Artikel 1 in diesem Blog, und auf den Titel war ich stolz wie Bolle. Als ich dann mit großen Augen verfolgte, wie schon in den ersten paar Tagen immerhin gut 200 Leute in aller Welt den Artikel anklickten, dachte ich: Sieh an, da geht doch was. Fünf Jahre mit Satiren, Genre-Missachtungen, Bewegungsschelte und schlechten Reimen sind seitdem verflogen wie im, äh, Flug. (Notiz an mich selbst: Endlich Rhetorikkurs belegen.)
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Und raus bist du! Fetisch beim CSD

Im Kommentarbereich von queer.de findet derzeit eine lebhafte Diskussion über Pet-Player statt, also über Menschen, zu deren erotischen Rollenspielen das Tragen von Tierkostümen gehört. Anlass der Berichterstattung war ein Vorfall beim Aachener CSD: Trotz eindeutig geklärter Rechtslage (das Tragen von Masken verstößt in diesem Fall nicht gegen das Vermummungsverbot 1) hatte die Aachener Polizei CSD-Teilnehmerïnnen 2 das Tragen von Hundemasken verboten und laut einem Augenzeugen sogar damit gedroht, notfalls die ganze Parade zu stoppen. Bemerkenswert ist, dass die Kommentare auf queer.de sich nur kurz um das skandalöse widerrechtliche Handeln der Polizei drehten und sehr schnell in eine Diskussion über die angeblich fragwürdige Sichtbarkeit der betroffenen CSD-Teilnehmerïnnen umschwenkten. Statt des Rechtsbruchs durch die Polizei wurde die Anwesenheit von Teilen der Community beim CSD zum Problem erklärt.

Solche Entsolidarisierung ist leider weder ungewöhnlich noch überraschend. Queere Communities selbst – das klingt zwar schräg, ist aber eigentlich kein Geheimnis – haben ein mindestens ambivalentes Verhältnis zur sexuellen Vielfalt, sobald diese einmal über die handelsüblichen Formate hinausreicht. Weiterlesen

Kramp-Karrenbauer: Wir müssen da mal was klären.

Nicht mit Frau Kramp-Karrenbauer, da sind ja sowieso Hopfen und Malz verloren. Aber ihre fragwürdigen Äußerungen werden jetzt seit drei Jahren in den Medien hyperventiliert, und mit ihrer Wahl zur CDU-Vorsitzenden wird das ja nicht besser werden. Wir können also mal darüber sprechen, ob wir in unseren Abwehrreaktionen – so notwendig diese natürlich waren und sind – vielleicht selbst hier und da das Ideal einer freien Gesellschaft aus den Augen verloren haben. Mit „wir“ meine ich hier alle, die irgendwie mit schwulem oder anderweitig queerem Aktivismus zu tun haben. Weiterlesen