Blutspenden: Empörung vs. Solidarität

Die Ungleichbehandlung schwuler Männer beim Blutspenden ist ein leidiges Thema, das alle paar Monate neu aufploppt. Ich beobachte das schon lange und achte dabei insbesondere auf die moralischen Subtexte über vermeintlich gute und vermeintlich böse Sexualitäten, die leider schon immer unweigerlich in diese Debatte hineingetragen werden.

Noch vor einigen Jahren (2014 habe ich einen Artikel dazu geschrieben) stand im Zentrum schwuler Debatten das Wort „Generalverdacht“. Schwule Männer wehrten sich vielfach dagegen, pauschal als HIV-positiv „gebrandmarkt“ zu werden. Gleichzeitig sollte auch der schlimme Verdacht abgewehrt werden, dass diese braven Homosexuellen sich einen vermeintlich unmoralischen sexuellen Lebenswandel mit wechselnden Partnern außerhalb einer exklusiven Zweierbeziehung zuschulden kommen ließen.

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Die einfache Frau an der Supermarktkasse

Das Drama um das Gendersternchen geht in die 432. Verlängerung. Die Dialoge sind jedes mal dieselben. Und in jeder neuen Vorstellung wird unvermeidlich die beliebteste Figur aus der Versenkung auf die Bühne gehoben: die einfache Frau an der Supermarktkasse. Sie ist die zuverlässige Dea ex machina, die rettend eingreifen muss, wenn der Argumentationsboden für die Dämonisierung inklusiverer Sprache rissig wird und der böse Asterisk den Anti-Gender-Recken zu Fall zu bringen droht. Das passiert oft ziemlich früh im Stück.

Ihre Rollenbeschreibung ist strikt standardisiert. Sie ist explizit eine „einfache“ Frau, und das heißt zum Beispiel: Sie ist cis und heterosexuell. Immer. Sie ist niemals akademisch gebildet. Sie kann deshalb auch nicht ansatzweise nachvollziehen, welche rein Elfenbeinturm-fantastischen Zusammenhänge es zwischen sprachlicher Inklusion, Berufswahl, gesellschaftlichem Status und Gender gap möglicherweise geben könnte. Solche Begriffe kann die doch gar nicht kennen. Sie versteht nicht mal, wie man über so etwas Seltsames überhaupt nur reden kann. Denn sie ist auch niemals feministisch geschult. Sie weiß natürlich nicht, was nicht-binäre Menschen sind, weil sie nie irgendwelche queeren Bekannten hat, geschweige denn, dass sie selbst queer sein könnte. Nein, doch nicht die Frau im Supermarkt, niemals. Das alles interessiert die nicht.

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Gerne etwas mehr. Anmerkungen zur CSD-Berichterstattung

Die Berichterstattung über den CSD ist in den letzten Jahren sehr viel besser geworden. Danke dafür! Nicht nur in kleineren Medien liest man aber immer noch richtig Schlimmes. Ich möchte hier ein paar Anregungen zur Verfügung stellen.

– Ein CSD ist ein politisches Ereignis. Queersein ist mehr als Glitzer-Nagellack. Wenn ihr den Pride Month redaktionell bei „Mode & Lifestyle“ oder „Kultur / Unterhaltung“ ansiedelt und nicht bei „Politik und Gesellschaft“, dann wird von vornherein alles schiefgehen. Nur wenn ihr die politische Funktion dieser Veranstaltung anerkennt, werdet ihr die typischen Schräglagen in der Berichterstattung vermeiden.

Schafft euch bitte das Vokabular drauf. Auch wenn ihr da vorwiegend Männer auszumachen glaubt und an den Frauen und nicht-binären Menschen vorbei guckt: Es ist trotzdem keine Schwulenparade. Informierte Kenntnis aller Buchstaben von LGBTIQ* sollte Mindeststandard sein, sonst seht ihr überhaupt nicht, wen ihr vor euch habt. Auch wenn nicht-binäre Menschen nicht so explizit in unserem Akronym auftauchen, wäre es schön, wenn ihr häufiger über sie berichtet. Formulierungen wie „Lack und Leder“ oder „Sado-Maso“ sind seit 30 Jahren veraltet. Wenn ihr über Fetische reden wollt, wird es hauptsächlich um Leder, Gummi und Sneakers/Sportswear gehen. Ihr solltet ruhig auch wissen, was Petplay ist und was das Akronym BDSM bedeutet. Wenn ihr das ganze queere Spektrum meint, ist „nicht-heterosexuell“ das falsche Wort. Wenn ihr nicht versteht, weshalb, macht euch bitte schlau, bevor ihr auch nur einen Satz hinschreibt. Sorgt dafür, dass ihr die Begriffe kennt und versteht, mit denen ihr hier arbeitet. Das müsst ihr in jedem anderen Themenfeld auch, und so furchtbar neu ist diese ganze Sache ja nun wirklich nicht mehr. Es schadet auch nicht, wenn ihr die verschiedenen Fahnen kennt, die ihr in der Parade seht, und z.B. die Diskussionen erläutern könnt, die mit dem schwarzen und brauen Streifen auf der Philly Pride Flag verbunden sind.

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CSD Bremen: Wie man eine Nonpology schreibt und wo es immer noch hakt

Der CSD Bremen hat heute eine Erklärung zu der Kritik an seiner Haltung zu „Fetischdarstellungen“ abgegeben. Wer zumindest auf eine Pseudo-Entschuldigung nach dem Motto: „Es täte uns leid, falls wir missverstanden worden sein sollten“ gehofft, hatte, wird enttäuscht. Da ist keinerlei Entschuldigung für irgendwas zu lesen.

Marcel Dams sagt in einem Tweet eigentlich alles Notwendige:

„Hallo, wir haben mehr als 24 Stunden gebraucht, um euch mitzuteilen, dass wir etwas geschrieben haben, was wir nicht meinten und euch nun die Schuld geben, weil ihr uns einfach falsch verstanden aka beim Wort genommen habt. Mit freundlichen Grüßen!“ #LolWins #VerarschungFürAlle

Aber ich möchte trotzdem noch mal genauer auf den Text des CSD Bremen eingehen:

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CSD Bremen: „Keine Fetischdarstellungen“

Das Orga-Team des CSD Bremen macht Vieles richtig. Man reflektiert über mangelnde Diversität im eigenen Team und über Intersektionalität, man kritisiert Diskriminierungen innerhalb der eigenen Communities und möchte vor allem miteinander statt übereinander reden. Die zentralen Begriffe der eigenen Arbeit sind Aufklärung und Sichtbarkeit. Wie schön!

Und dann – Plattenspielerscratchgeräusch! – schreibt das Team unter „Unsere Visionen und Grundsätze“ einen ganzen Absatz mit der Überschrift „Keine Fetischdarstellungen“. Die Sichtbarkeit eines ganzen Teils der Community soll einfach per Beschluss verhindert oder zumindest eingeschränkt werden.

Wir wollen über die Probleme von queeren Menschen in der Gesellschaft aufklären.“ heißt es da. „Wir wollen nicht bewerten, wessen Probleme größer oder kleiner sind.“

Gleich im nächsten Satz passiert genau das: Man bewertet und spielt verschiedene Probleme gegeneinander aus. Die Probleme eines bestimmten Teils der Community stuft man sogar als dermaßen unwichtig ein, dass man die ganze Gruppe einfach aus der öffentlichen Wahrnehmung wischen möchte.

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Regenbögen in der EM

Wenn unvermittelt doch mal in der breiten Öffentlichkeit eine Diskussion um queeres Zeugs aufbrodelt, dann bringt das nicht immer die Gesellschaft vorwärts. Aber man kann dabei manchmal erkennen, wie sich die Debatten verschieben. Hier ein paar aktuelle queere Wasserstandsmeldungen.

* * *

1. Huch, es geht ja beim Vorzeigen von Regenbogensymbolen ganz oft gar nicht wirklich um Werte und Ideale, sondern um Marketing und Selbstbeweihräucherung. Wer wäre denn auf sowas gekommen?

2. Eine Debatte, die eigentlich zu hundert anderen Anlässen in breiter Öffentlichkeit hätte geführt werden müssen, explodiert plötzlich ausgerechnet im Umfeld einer männerdominierten, nationalistisch gefärbten, kapitalistisch durchvermarkteten Sportart ohne einen einzigen offen schwulen Profispieler. Vieles, was gerade passiert, fühlt sich genau aus diesem Grund irgendwie schräg an.

3. Noch nie war so deutlich, dass die Regenbogenflagge von Vielen gar nicht so sehr „für die Freiheit in unserem Land“ geschwenkt wird, sondern eher als bunter Teppich ausgebreitet, unter den man Menschenrechts-Defizite im eigenen Land kehren kann.

4. Menschenrechte sind super wichtig, vor allem woanders.

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All you need is Lebensweisenakzeptanz

Es geht schon damit los, dass man sich über die erste deutsche schwule Serie eigentlich freuen möchte, aber dummerweise auf den Kalender guckt: 2021. Im Ernst. Die allererste. Das ist wie fünf Euro im Lotto gewinnen.

Ich fange mit dem Positiven an: Die Titelsequenz von All You Need – im Wasser schwebende Eiswürfel, Zitronenscheiben und Cocktailschirmchen zwischen bunt funkelnden Bläschen – ist so bezaubernd schön, dass ich zu Beginn jeder Folge doch wieder gute Laune bekomme. In die Handlung werden erfreulich viele Themen eingearbeitet wie Alltagsrassismus, Intersektionalität, etwas Gendertheorie und sogar – was viel zu selten passiert – Klassismus. Alles eher auf einfachem Niveau, aber besser als gar nicht.

Am Anfang mag ich sogar alle Figuren. Wirklich. Die sind alle lustig, schön und charmant. An mir liegt es nicht, dass das nicht so bleibt.

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Das Waldschlösschen braucht Unterstützung

Ich muss leider noch einmal mit der Spendendose klappern. Die Akademie Waldschlösschen hat pandemiebedingt seit 5 Monaten keine Einnahmen und benötigt dringend unsere Unterstützung.

Das Waldschlösschen ist als Tagungszentrum für das queere Leben in Deutschland unverzichtbar. Bitte überleg dir, ob und wie du helfen kannst. Die Kontonummer findest du auf deren Webseite.

Jeder Euro zählt (aber mehrere Euros zählen noch ein bisschen mehr ;-) ).

www.waldschloesschen.org

Wie viele normale Menschen verträgt die Demokratie?

In der dritten Woche seiner Kampagne gegen „linke Identitätspolitik“ behauptet Wolfgang Thierse, er sei „zum Symbol geworden für viele normale Menschen“. Das ist aber keine, wie Thierse glaubt, gute Nachricht, sondern eine sehr schlechte.

Es ist in Deutschland tatsächlich vollkommen normal, sich selbst von jedem Rassismus freizusprechen, im nächsten Moment eine mehr oder weniger subtile rassistische Bemerkung rauszuhauen und beleidigt zu reagieren, wenn man darauf hingewiesen wird, dass es mit der praktischen Umsetzung des antirassistischen Ideals wohl noch nicht so hundertprozentig läuft. Es ist normal, queerfeindliches Zeug zu quasseln und sich im Handumdrehen selbst zum Opfer zu erklären, sobald jemand sagt, dass man doch besser die Klappe halten könnte, statt Menschen zu verletzen. Es ist leider normal, vollkommen gedankenlos davon auszugehen, dass eine Welt, die mit sehr viel Aufwand exakt für die Menschen zugeschnitten wurde, die in jeder Hinsicht so sind wie man selbst, ganz „natürlich“ nur so sein kann, wie sie nun mal ist und dass sie auch für alle anderen einfach so passt. Und wenn man verwirrt ist, weil Menschen, die anders sind als man selbst, ihre eigenen Perspektiven sichtbar machen und sich eine Welt wünschen, in die auch sie hineinpassen, dann ist es leider ganz normal, darauf mit Ausreden, Verächtlichmachung oder Aggression zu reagieren. Weiterlesen

Mit Sozialdemokrat:innen reden?

„Mit Rechten reden?“ Das ist eine seit einiger Zeit immer wieder zu Recht gestellte und unterschiedlich beantwortete Frage. Macht das Sinn? Wenn ja, wie bekommt man es hin, der Auseinandersetzung mit Menschen, die gar nicht sachlich diskutieren wollen, trotzdem irgendeinen Mehrwert abzutrotzen? Spätestens seit heute frage ich mich: Mit Sozialdemokrat:innen reden? Geht das? Wem nutzt das? Kann man sich das nicht besser sparen?

* * *

Anfang Februar haben 185 queere Schauspielende in der Süddeutschen Zeitung unter dem Hashtag #ActOut von Diskriminierungen, Ängsten und erzwungenem Versteckspiel in ihrem Beruf berichtet und mehr Diversität im Schauspielgewerbe und bei den Produktionen eingefordert. Sandra Kegel, die Feuilleton-Chefin der FAZ hat daraufhin die Erfahrungen der Unterzeichner:innen relativiert bzw. einfach gänzlich in Frage gestellt und suggeriert, sie würden ihre queeren Identitäten nur instrumentalisieren, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Der Artikel gipfelte in dem unsäglichen Satz: „Bei einer Rolle übergangen zu werden mag ärgerlich sein und sicherlich auch kränkend, aber lebensgefährlich ist das nicht.“ Weiterlesen

Christliche Familienbilder und das kürzeste Weihnachtsmärchen der Welt

Heiligabend. Es klingelt an der Tür.

„N’Abend, ich bin das Coronavirus und würde gern wen infizieren. Darf ich reinkommen?“

„Da sind Sie hier leider falsch. Wir haben zwar die Bude voll, aber wir sind alle miteinander verwandt. In direkter Linie.“

„Ach, wie schade.“

„Ja, sorry. Aber versuchen Sie’s doch gegenüber, unsere Nachbarin hat drei Freunde eingeladen, die sind ganz sicher nicht verwandt. Da finden Sie bestimmt wen zum Infizieren.“

„Super, danke!“

* * *

Im Ernst, Leute, ich dachte, wir wären schon weiter. Es gibt kein einziges epidemiologisches Argument für die einseitige Privilegierung der Familie, die wir da mit so unverschämter Selbstverständlichkeit vorgesetzt bekommen. Der unsinnige Familialismus, der sich in den aktuellen „Lockerungen“ ausdrückt, ist reine Ideologie und wird zu Recht als diskriminierend kritisiert. Aber was soll’s, das Märchen vom HI-Virus, das sich von Beziehungsstatus und Ehepapieren mehr beeindrucken lässt als von realen Schutzstrategien, das wird ja auch immer noch erzählt. Weiterlesen

Die fiese Diktatur der Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit

Sobald irgendwo Diversität gefördert werden soll, geht das Zensurgeschrei los. Aktuell hat die Oscar Academy entschieden, den Preis der Kategorie „Bester Film“ an eine Quotenerfüllung für bisher unterrepräsentierte Gruppen zu koppeln. Frauen, BIPoC, LGBTTIQ*, behinderte Menschen und andere Gruppen sollen in der Rollenvergabe und/oder Themenwahl und/oder im Mitarbeiter:innenstab mit einer nachgewiesenen Mindeststärke vertreten sein – sonst kann ein Film diesen Preis nicht gewinnen (die anderen Preise aber weiterhin). Und schon werden wieder die Alarmglocken geläutet: Das sei ein skandalöser Eingriff in die Kunstfreiheit, Zensur, der erste Schritt in eine ideologische Diktatur, „political correctness“-Wahn.

Was die Mehrheit der Kritiker:innen weniger bis gar nicht problematisch findet: wenn eine bisher fast ausschließlich weiße, cis-heterosexuelle und männlich dominierte Jury Preise überproportional häufig an weiße cis-heterosexuelle Männer vergibt. Das gefährdet offenbar weder die Kunstfreiheit, noch hat es irgendetwas mit zensurähnlichen Strukturen oder gar mit irgendeiner Ideologie zu tun. Weiße cis-heterosexuelle Männer spielen offenbar nun mal ganz natürlicherweise die meisten Hauptrollen, und vermutlich sind sie einfach von Natur aus die besten Schauspielenden der Welt. Weiterlesen