Alles so schön bunt hier! – Verdrängung und Hilflosigkeit angesichts queerfeindlicher Gewalt

Am Samstagabend, am Ende des CSD Straßenfestes in Münster, hat ein 25-jähriger trans Mann mehrere Frauen gegen queerfeindliche Beleidigungen verteidigt und ist daraufhin vom Täter mehrfach so hart ins Gesicht geschlagen und zu Fall gebracht worden, dass er nun lebensbedrohlich verletzt im Koma liegt. [Artikel auf queer.de]

Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe schreibt dazu auf Facebook:

„Der Angriff auf einen Teilnehmenden des Christopher Street Days in Münster erschüttert mich zutiefst. Münster ist eine weltoffene, tolerante und bunte Stadt! Meine besten Wünsche für den Betroffenen, seine Familie und Freunde!“

Ich falle gedanklich in den Spalt zwischen dem ersten und dem zweiten Satz. Was ist da passiert? Es gab – wieder einmal – einen schwerwiegenden Angriff gegen queere Menschen; ein trans Mann ringt um sein Leben. Ein politischer Verantwortungsträger nimmt das zur Kenntnis. Und dann stellt er sich (im metaphorischen Sinn) ans Krankenbett und sagt, dass aber eigentlich alles gut ist?

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Blutspenden: Empörung vs. Solidarität

Die Ungleichbehandlung schwuler Männer beim Blutspenden ist ein leidiges Thema, das alle paar Monate neu aufploppt. Ich beobachte das schon lange und achte dabei insbesondere auf die moralischen Subtexte über vermeintlich gute und vermeintlich böse Sexualitäten, die leider schon immer unweigerlich in diese Debatte hineingetragen werden.

Noch vor einigen Jahren (2014 habe ich einen Artikel dazu geschrieben) stand im Zentrum schwuler Debatten das Wort „Generalverdacht“. Schwule Männer wehrten sich vielfach dagegen, pauschal als HIV-positiv „gebrandmarkt“ zu werden. Gleichzeitig sollte auch der schlimme Verdacht abgewehrt werden, dass diese braven Homosexuellen sich einen vermeintlich unmoralischen sexuellen Lebenswandel mit wechselnden Partnern außerhalb einer exklusiven Zweierbeziehung zuschulden kommen ließen.

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Gleiche Rechte – ist das alles?

„Der CSD ist eine Demonstration für gleiche Rechte“ – das werden wir in der CSD-Saison wieder überall hören oder lesen. Auch wenn das unbestreitbar richtig ist, schadet es nicht, den Blick zu weiten.

Die heute so zentrale Parole „gleiche Rechte für alle“ entspringt vor allem den Bemühungen schwuler und lesbischer Aktivist*innen, die Forderung nach der Ausweitung staatlicher Beziehungs-Privilegien in den Mittelpunkt der Debatten zu rücken. Sehr erfolgreich wurde hierbei der juristische Gleichheits-Grundsatz unserer Verfassung ins Zentrum der Argumentation gestellt. Von Anfang an wurden allerdings mit der starken Betonung, fast Monopolisierung dieses doch recht spezifischen Ziels einer spezifischen Teilgruppe unserer Communities andere politische Forderungen an den Rand der Aufmerksamkeit geschoben – sowohl der Öffentlichkeit als auch unserer internen Debatten. Vollkommen verdrängen ließen sich andere Debatten freilich nie, und ich möchte auch nicht unterstellen, dass diese Verdrängung in allen Fällen absichtlich geschah.

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Queere Perspektiven in der Pandemie. Weg mit dem politischen Tunnelblick!

In den letzten Monaten hatte ich manchmal das Gefühl, in eine Zeitmaschine hineingestolpert und in der Nachkriegszeit wieder herausgekullert zu sein. Was die Regierenden da an Anti-Corona-Maßnahmen zusammenbasteln, scheint geschaffen für die Gesellschaft der 1960er Jahre, nur mit Internet.

Die Welt, für die sie diese Regelungen zurechtschneidern, besteht aus heterosexuellen Kleinfamilien in geräumigen Wohnungen mit Außenbereich. Mutti mit den einskommafünf Kindern beim Home-Schooling, Vati im Home-Office, alle zusammen zum Weihnachtsgottesdienst mit Maske. Extrakosten für Hygiene-Artikel, für Laptops und teurere Lebensmittel sind kein Thema. Der Zugang zu deutschsprachigen Informationen und zu medizinischer Behandlung ist natürlich gegeben. Die christliche copyright-deutsche Mittelstands-Familie verbringt die Zeit der Kontaktreduktion harmonisch auf der sonnigen Dachterrasse. Auf soziale und kulturelle Aktivitäten kann man da doch leicht mal verzichten …

… wenn es halt zufällig deine reale Lebenssituation ist.

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Die einfache Frau an der Supermarktkasse

Das Drama um das Gendersternchen geht in die 432. Verlängerung. Die Dialoge sind jedes mal dieselben. Und in jeder neuen Vorstellung wird unvermeidlich die beliebteste Figur aus der Versenkung auf die Bühne gehoben: die einfache Frau an der Supermarktkasse. Sie ist die zuverlässige Dea ex machina, die rettend eingreifen muss, wenn der Argumentationsboden für die Dämonisierung inklusiverer Sprache rissig wird und der böse Asterisk den Anti-Gender-Recken zu Fall zu bringen droht. Das passiert oft ziemlich früh im Stück.

Ihre Rollenbeschreibung ist strikt standardisiert. Sie ist explizit eine „einfache“ Frau, und das heißt zum Beispiel: Sie ist cis und heterosexuell. Immer. Sie ist niemals akademisch gebildet. Sie kann deshalb auch nicht ansatzweise nachvollziehen, welche rein Elfenbeinturm-fantastischen Zusammenhänge es zwischen sprachlicher Inklusion, Berufswahl, gesellschaftlichem Status und Gender gap möglicherweise geben könnte. Solche Begriffe kann die doch gar nicht kennen. Sie versteht nicht mal, wie man über so etwas Seltsames überhaupt nur reden kann. Denn sie ist auch niemals feministisch geschult. Sie weiß natürlich nicht, was nicht-binäre Menschen sind, weil sie nie irgendwelche queeren Bekannten hat, geschweige denn, dass sie selbst queer sein könnte. Nein, doch nicht die Frau im Supermarkt, niemals. Das alles interessiert die nicht.

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Gerne etwas mehr. Anmerkungen zur CSD-Berichterstattung

Die Berichterstattung über den CSD ist in den letzten Jahren sehr viel besser geworden. Danke dafür! Nicht nur in kleineren Medien liest man aber immer noch richtig Schlimmes. Ich möchte hier ein paar Anregungen zur Verfügung stellen.

– Ein CSD ist ein politisches Ereignis. Queersein ist mehr als Glitzer-Nagellack. Wenn ihr den Pride Month redaktionell bei „Mode & Lifestyle“ oder „Kultur / Unterhaltung“ ansiedelt und nicht bei „Politik und Gesellschaft“, dann wird von vornherein alles schiefgehen. Nur wenn ihr die politische Funktion dieser Veranstaltung anerkennt, werdet ihr die typischen Schräglagen in der Berichterstattung vermeiden.

Schafft euch bitte das Vokabular drauf. Auch wenn ihr da vorwiegend Männer auszumachen glaubt und an den Frauen und nicht-binären Menschen vorbei guckt: Es ist trotzdem keine Schwulenparade. Informierte Kenntnis aller Buchstaben von LGBTIQ* sollte Mindeststandard sein, sonst seht ihr überhaupt nicht, wen ihr vor euch habt. Auch wenn nicht-binäre Menschen nicht so explizit in unserem Akronym auftauchen, wäre es schön, wenn ihr häufiger über sie berichtet. Formulierungen wie „Lack und Leder“ oder „Sado-Maso“ sind seit 30 Jahren veraltet. Wenn ihr über Fetische reden wollt, wird es hauptsächlich um Leder, Gummi und Sneakers/Sportswear gehen. Ihr solltet ruhig auch wissen, was Petplay ist und was das Akronym BDSM bedeutet. Wenn ihr das ganze queere Spektrum meint, ist „nicht-heterosexuell“ das falsche Wort. Wenn ihr nicht versteht, weshalb, macht euch bitte schlau, bevor ihr auch nur einen Satz hinschreibt. Sorgt dafür, dass ihr die Begriffe kennt und versteht, mit denen ihr hier arbeitet. Das müsst ihr in jedem anderen Themenfeld auch, und so furchtbar neu ist diese ganze Sache ja nun wirklich nicht mehr. Es schadet auch nicht, wenn ihr die verschiedenen Fahnen kennt, die ihr in der Parade seht, und z.B. die Diskussionen erläutern könnt, die mit dem schwarzen und brauen Streifen auf der Philly Pride Flag verbunden sind.

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CSD Bremen: Wie man eine Nonpology schreibt und wo es immer noch hakt

Der CSD Bremen hat heute eine Erklärung zu der Kritik an seiner Haltung zu „Fetischdarstellungen“ abgegeben. Wer zumindest auf eine Pseudo-Entschuldigung nach dem Motto: „Es täte uns leid, falls wir missverstanden worden sein sollten“ gehofft, hatte, wird enttäuscht. Da ist keinerlei Entschuldigung für irgendwas zu lesen.

Marcel Dams sagt in einem Tweet eigentlich alles Notwendige:

„Hallo, wir haben mehr als 24 Stunden gebraucht, um euch mitzuteilen, dass wir etwas geschrieben haben, was wir nicht meinten und euch nun die Schuld geben, weil ihr uns einfach falsch verstanden aka beim Wort genommen habt. Mit freundlichen Grüßen!“ #LolWins #VerarschungFürAlle

Aber ich möchte trotzdem noch mal genauer auf den Text des CSD Bremen eingehen:

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CSD Bremen: „Keine Fetischdarstellungen“

Das Orga-Team des CSD Bremen macht Vieles richtig. Man reflektiert über mangelnde Diversität im eigenen Team und über Intersektionalität, man kritisiert Diskriminierungen innerhalb der eigenen Communities und möchte vor allem miteinander statt übereinander reden. Die zentralen Begriffe der eigenen Arbeit sind Aufklärung und Sichtbarkeit. Wie schön!

Und dann – Plattenspielerscratchgeräusch! – schreibt das Team unter „Unsere Visionen und Grundsätze“ einen ganzen Absatz mit der Überschrift „Keine Fetischdarstellungen“. Die Sichtbarkeit eines ganzen Teils der Community soll einfach per Beschluss verhindert oder zumindest eingeschränkt werden.

Wir wollen über die Probleme von queeren Menschen in der Gesellschaft aufklären.“ heißt es da. „Wir wollen nicht bewerten, wessen Probleme größer oder kleiner sind.“

Gleich im nächsten Satz passiert genau das: Man bewertet und spielt verschiedene Probleme gegeneinander aus. Die Probleme eines bestimmten Teils der Community stuft man sogar als dermaßen unwichtig ein, dass man die ganze Gruppe einfach aus der öffentlichen Wahrnehmung wischen möchte.

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Wie viele normale Menschen verträgt die Demokratie?

In der dritten Woche seiner Kampagne gegen „linke Identitätspolitik“ behauptet Wolfgang Thierse, er sei „zum Symbol geworden für viele normale Menschen“. Das ist aber keine, wie Thierse glaubt, gute Nachricht, sondern eine sehr schlechte.

Es ist in Deutschland tatsächlich vollkommen normal, sich selbst von jedem Rassismus freizusprechen, im nächsten Moment eine mehr oder weniger subtile rassistische Bemerkung rauszuhauen und beleidigt zu reagieren, wenn man darauf hingewiesen wird, dass es mit der praktischen Umsetzung des antirassistischen Ideals wohl noch nicht so hundertprozentig läuft. Es ist normal, queerfeindliches Zeug zu quasseln und sich im Handumdrehen selbst zum Opfer zu erklären, sobald jemand sagt, dass man doch besser die Klappe halten könnte, statt Menschen zu verletzen. Es ist leider normal, vollkommen gedankenlos davon auszugehen, dass eine Welt, die mit sehr viel Aufwand exakt für die Menschen zugeschnitten wurde, die in jeder Hinsicht so sind wie man selbst, ganz „natürlich“ nur so sein kann, wie sie nun mal ist und dass sie auch für alle anderen einfach so passt. Und wenn man verwirrt ist, weil Menschen, die anders sind als man selbst, ihre eigenen Perspektiven sichtbar machen und sich eine Welt wünschen, in die auch sie hineinpassen, dann ist es leider ganz normal, darauf mit Ausreden, Verächtlichmachung oder Aggression zu reagieren. Weiterlesen

Buchstabennudelpüree

In der Serie Young Justice, in der es um die Jugendzeit einiger Figuren des Batman/Superman-Universums geht, küsst der junge Aquaman einen anderen Mann. Das Nachrichtenmagazin PinkNews jubelte daraufhin: „Aquaman confirmed to be LGBT in latest Young Justice episode“.

Mich irritiert an dieser Überschrift weniger die Frage, weshalb uns der erwachsene Aquaman bisher als Macho mit deutlich heterosexuellen Neigungen begegnet ist. Vielleicht ist Aquaman ja bisexuell oder wurde zum Ex-Gay, und wer bin ich schon, mich in die privaten Lebensentscheidungen von Superheld:innen einzumischen?

Aber ziemlich sicher kann ich sagen, dass es für eine einzelne Person verdammt anstrengend sein muss, „LGBT“, also gleichzeitig lesbisch, schwul, bisexuell und trans zu sein. Oder, wie es im Vorspanntext des Artikels heißt, sogar „LBGT+“, also auch noch irgendetwas anderes als das alles.

Möglicherweise verfügt Aquaman über Superkräfte im Genderbereich, die seine amphibischen Talente vergleichsweise banal erscheinen lassen. Vielleicht haben wir es hier aber auch mit einem typischen Fall der ärgerlichen Identitätsverschlumpfung zu tun, die auch in Community-internen Sphären immer weiter um sich greift. Weiterlesen

Im Bällebad der Toleranz

Um ungehindert an unserem Zahnschmelz zu knabbern, schirmen sich Karies-Bakterien unter erstaunlich komplexen Biofilm-Architekturen ab, die sie selbst mit Hilfe anderer Bakterien erschaffen. Mit der Queerfeindlichkeit ist es ganz ähnlich.

Zum Beispiel Friedrich Merz und Armin Laschet. „Es spielt im Jahre 2020 wirklich keine Rolle mehr, wer wen liebt,“ sagte NRW-Ministerpräsident Laschet im September. „Das ist Konsens in unserer Gesellschaft. Und das ist auch Konsens in einer modernen Volkspartei.“

Erst wenige Tage zuvor hatte eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung einer breiten Öffentlichkeit vor Augen geführt, dass 30 Prozent der Homosexuellen und mehr als 40 Prozent der trans Menschen im Arbeitsleben diskriminiert werden. Noch drei Jahre zuvor hatten drei Viertel von Laschets Parteikolleg:innen im Bundestag ausdrücklich dafür gestimmt, dass es im Eherecht sogar die alles entscheidende Rolle spielen müsse, „wer wen liebt“. Ist anzunehmen, dass sie das inzwischen alle bereuen? Laschet muss diese Realitäten kennen. Es kann nicht sein, dass er wirklich nicht weiß, dass Queerfeindlichkeit sowohl in der Gesellschaft als auch in seiner Partei sehr real ist. Aber er entscheidet sich dafür, sie öffentlich zu leugnen. Wider besseres Wissen behauptet er einen liberalen Konsens, der in seiner Partei als extrem zweifelhaft und gesamtgesellschaftlich als wissenschaftlich widerlegt gelten muss. Weiterlesen

Die fiese Diktatur der Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit

Sobald irgendwo Diversität gefördert werden soll, geht das Zensurgeschrei los. Aktuell hat die Oscar Academy entschieden, den Preis der Kategorie „Bester Film“ an eine Quotenerfüllung für bisher unterrepräsentierte Gruppen zu koppeln. Frauen, BIPoC, LGBTTIQ*, behinderte Menschen und andere Gruppen sollen in der Rollenvergabe und/oder Themenwahl und/oder im Mitarbeiter:innenstab mit einer nachgewiesenen Mindeststärke vertreten sein – sonst kann ein Film diesen Preis nicht gewinnen (die anderen Preise aber weiterhin). Und schon werden wieder die Alarmglocken geläutet: Das sei ein skandalöser Eingriff in die Kunstfreiheit, Zensur, der erste Schritt in eine ideologische Diktatur, „political correctness“-Wahn.

Was die Mehrheit der Kritiker:innen weniger bis gar nicht problematisch findet: wenn eine bisher fast ausschließlich weiße, cis-heterosexuelle und männlich dominierte Jury Preise überproportional häufig an weiße cis-heterosexuelle Männer vergibt. Das gefährdet offenbar weder die Kunstfreiheit, noch hat es irgendetwas mit zensurähnlichen Strukturen oder gar mit irgendeiner Ideologie zu tun. Weiße cis-heterosexuelle Männer spielen offenbar nun mal ganz natürlicherweise die meisten Hauptrollen, und vermutlich sind sie einfach von Natur aus die besten Schauspielenden der Welt. Weiterlesen