Wie viele normale Menschen verträgt die Demokratie?

In der dritten Woche seiner Kampagne gegen „linke Identitätspolitik“ behauptet Wolfgang Thierse, er sei „zum Symbol geworden für viele normale Menschen“. Das ist aber keine, wie Thierse glaubt, gute Nachricht, sondern eine sehr schlechte.

Es ist in Deutschland tatsächlich vollkommen normal, sich selbst von jedem Rassismus freizusprechen, im nächsten Moment eine mehr oder weniger subtile rassistische Bemerkung rauszuhauen und beleidigt zu reagieren, wenn man darauf hingewiesen wird, dass es mit der praktischen Umsetzung des antirassistischen Ideals wohl noch nicht so hundertprozentig läuft. Es ist normal, queerfeindliches Zeug zu quasseln und sich im Handumdrehen selbst zum Opfer zu erklären, sobald jemand sagt, dass man doch besser die Klappe halten könnte, statt Menschen zu verletzen. Es ist leider normal, vollkommen gedankenlos davon auszugehen, dass eine Welt, die mit sehr viel Aufwand exakt für die Menschen zugeschnitten wurde, die in jeder Hinsicht so sind wie man selbst, ganz „natürlich“ nur so sein kann, wie sie nun mal ist und dass sie auch für alle anderen einfach so passt. Und wenn man verwirrt ist, weil Menschen, die anders sind als man selbst, ihre eigenen Perspektiven sichtbar machen und sich eine Welt wünschen, in die auch sie hineinpassen, dann ist es leider ganz normal, darauf mit Ausreden, Verächtlichmachung oder Aggression zu reagieren. Weiterlesen

Buchstabennudelpüree

In der Serie Young Justice, in der es um die Jugendzeit einiger Figuren des Batman/Superman-Universums geht, küsst der junge Aquaman einen anderen Mann. Das Nachrichtenmagazin PinkNews jubelte daraufhin: „Aquaman confirmed to be LGBT in latest Young Justice episode“.

Mich irritiert an dieser Überschrift weniger die Frage, weshalb uns der erwachsene Aquaman bisher als Macho mit deutlich heterosexuellen Neigungen begegnet ist. Vielleicht ist Aquaman ja bisexuell oder wurde zum Ex-Gay, und wer bin ich schon, mich in die privaten Lebensentscheidungen von Superheld:innen einzumischen?

Aber ziemlich sicher kann ich sagen, dass es für eine einzelne Person verdammt anstrengend sein muss, „LGBT“, also gleichzeitig lesbisch, schwul, bisexuell und trans zu sein. Oder, wie es im Vorspanntext des Artikels heißt, sogar „LBGT+“, also auch noch irgendetwas anderes als das alles.

Möglicherweise verfügt Aquaman über Superkräfte im Genderbereich, die seine amphibischen Talente vergleichsweise banal erscheinen lassen. Vielleicht haben wir es hier aber auch mit einem typischen Fall der ärgerlichen Identitätsverschlumpfung zu tun, die auch in Community-internen Sphären immer weiter um sich greift. Weiterlesen

Im Bällebad der Toleranz

Um ungehindert an unserem Zahnschmelz zu knabbern, schirmen sich Karies-Bakterien unter erstaunlich komplexen Biofilm-Architekturen ab, die sie selbst mit Hilfe anderer Bakterien erschaffen. Mit der Queerfeindlichkeit ist es ganz ähnlich.

Zum Beispiel Friedrich Merz und Armin Laschet. „Es spielt im Jahre 2020 wirklich keine Rolle mehr, wer wen liebt,“ sagte NRW-Ministerpräsident Laschet im September. „Das ist Konsens in unserer Gesellschaft. Und das ist auch Konsens in einer modernen Volkspartei.“

Erst wenige Tage zuvor hatte eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung einer breiten Öffentlichkeit vor Augen geführt, dass 30 Prozent der Homosexuellen und mehr als 40 Prozent der trans Menschen im Arbeitsleben diskriminiert werden. Noch drei Jahre zuvor hatten drei Viertel von Laschets Parteikolleg:innen im Bundestag ausdrücklich dafür gestimmt, dass es im Eherecht sogar die alles entscheidende Rolle spielen müsse, „wer wen liebt“. Ist anzunehmen, dass sie das inzwischen alle bereuen? Laschet muss diese Realitäten kennen. Es kann nicht sein, dass er wirklich nicht weiß, dass Queerfeindlichkeit sowohl in der Gesellschaft als auch in seiner Partei sehr real ist. Aber er entscheidet sich dafür, sie öffentlich zu leugnen. Wider besseres Wissen behauptet er einen liberalen Konsens, der in seiner Partei als extrem zweifelhaft und gesamtgesellschaftlich als wissenschaftlich widerlegt gelten muss. Weiterlesen

Die fiese Diktatur der Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit

Sobald irgendwo Diversität gefördert werden soll, geht das Zensurgeschrei los. Aktuell hat die Oscar Academy entschieden, den Preis der Kategorie „Bester Film“ an eine Quotenerfüllung für bisher unterrepräsentierte Gruppen zu koppeln. Frauen, BIPoC, LGBTTIQ*, behinderte Menschen und andere Gruppen sollen in der Rollenvergabe und/oder Themenwahl und/oder im Mitarbeiter:innenstab mit einer nachgewiesenen Mindeststärke vertreten sein – sonst kann ein Film diesen Preis nicht gewinnen (die anderen Preise aber weiterhin). Und schon werden wieder die Alarmglocken geläutet: Das sei ein skandalöser Eingriff in die Kunstfreiheit, Zensur, der erste Schritt in eine ideologische Diktatur, „political correctness“-Wahn.

Was die Mehrheit der Kritiker:innen weniger bis gar nicht problematisch findet: wenn eine bisher fast ausschließlich weiße, cis-heterosexuelle und männlich dominierte Jury Preise überproportional häufig an weiße cis-heterosexuelle Männer vergibt. Das gefährdet offenbar weder die Kunstfreiheit, noch hat es irgendetwas mit zensurähnlichen Strukturen oder gar mit irgendeiner Ideologie zu tun. Weiße cis-heterosexuelle Männer spielen offenbar nun mal ganz natürlicherweise die meisten Hauptrollen, und vermutlich sind sie einfach von Natur aus die besten Schauspielenden der Welt. Weiterlesen

Fremd- und Selbstaufklärung. Zwei Gedanken zu Rassismus und Queerfeindlichkeit

Wer Augen und Ohren aufmacht, kann derzeit einiges über Rassismus lernen. Darüber bin ich sehr froh und hoffe, dass die kollektive Aufmerksamkeit nicht wieder so ein Strohfeuer bleibt. Mir wird gerade bewusster denn je, wie komplex dieses Thema ist und wie viele Lebensbereiche es durchdringt, bei denen mir das noch nicht so klar war.

Oft ertappe ich mich dabei, das Gehörte unter der Fragestellung zu filtern, welche Parallelen und welche Unterschiede es eigentlich zwischen Rassismus und Queerfeindlichkeit gibt (die erwähnte Vieldimensionalität wäre schon mal eine der Parallelen). Daraus könnte ein ganzes Buch werden, aber ich möchte mich hier auf zwei eher willkürlich ausgewählte Aspekte konzentrieren, die mir relativ aktuell auffallen und die beide mit der Frage der Aufklärungsarbeit verbunden sind. Weiterlesen

Kontrast-Tunten

Nähmen wir es ernst, dass „typisch männliches“ Verhalten durch Gene und Testosteron unausweichlich vorbestimmt sei, glaubten wir also wirklich, Männlichkeit sei etwas von der Natur vorgegebenes, dann müsste doch erstaunen, dass unsere Gesellschaft der allmächtigen Natur, die sie da beschwört, keinen Millimeter weit traut. Statt einfach abzuwarten, dass sich diese Männlichkeit schon von selbst genau so entwickeln würde, wie die Natur es doch angeblich vorgibt, behandeln wir Männlichkeit wie ein fragiles und störungsanfälliges Konstrukt, das täglich und überall proklamiert, gefördert, gefeiert, repariert, poliert und in Form gehalten werden muss, damit es nicht krachend in sich zusammenfällt wie die auf schwebenden Luftballons errichteten Bauwerke in Angry Birds.
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Und raus bist du! Fetisch beim CSD

Im Kommentarbereich von queer.de findet derzeit eine lebhafte Diskussion über Pet-Player statt, also über Menschen, zu deren erotischen Rollenspielen das Tragen von Tierkostümen gehört. Anlass der Berichterstattung war ein Vorfall beim Aachener CSD: Trotz eindeutig geklärter Rechtslage (das Tragen von Masken verstößt in diesem Fall nicht gegen das Vermummungsverbot 1) hatte die Aachener Polizei CSD-Teilnehmerïnnen 2 das Tragen von Hundemasken verboten und laut einem Augenzeugen sogar damit gedroht, notfalls die ganze Parade zu stoppen. Bemerkenswert ist, dass die Kommentare auf queer.de sich nur kurz um das skandalöse widerrechtliche Handeln der Polizei drehten und sehr schnell in eine Diskussion über die angeblich fragwürdige Sichtbarkeit der betroffenen CSD-Teilnehmerïnnen umschwenkten. Statt des Rechtsbruchs durch die Polizei wurde die Anwesenheit von Teilen der Community beim CSD zum Problem erklärt.

Solche Entsolidarisierung ist leider weder ungewöhnlich noch überraschend. Queere Communities selbst – das klingt zwar schräg, ist aber eigentlich kein Geheimnis – haben ein mindestens ambivalentes Verhältnis zur sexuellen Vielfalt, sobald diese einmal über die handelsüblichen Formate hinausreicht. Weiterlesen

Genderwahn für alle! Hedwigs heiteres Handbuch der heimtückischen Hetze

Armutsrisiko, Klimakatastrophen und wachsende politische Instabilität machen den Menschen Angst. Wir brauchen politische Lösungen Schreckgespenster, vor denen sie sich noch mehr fürchten können, damit sie nicht auf Ideen kommen, die den Profit der Konzerne gefährden würden. Mit dem bedauerlichen Versickern des „Flüchtlingsstroms“ müssen wir verstärkt auf ein anderes Horrorthema umsatteln: Gender!

Sie kennen sich da nicht so gut aus? Macht nichts, wir erklären hier schon mal die wichtigsten Begriffe. Retten Sie den Neoliberalismus und gruseln Sie mit!
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Für eine Kultur der Co-Homosexualität

Manchmal kann man sogar den TV-Sender VOX gucken und dabei schlauer statt dümmer werden. In der Dokumentation „Mann oder Frau?“ berichtete dort eine transsexuelle Frau u.A. von den Problemen, die ihr Coming-Out ihren Angehörigen bereitete, allen voran ihrer Ehefrau. Nicht nur der trans Mensch selbst sei in dieser Phase vielen neuen Reaktionen ausgeliefert. Auch auf dessen Angehörige würden plötzlich alle denkbaren Fragen und Bemerkungen einprasseln. Mehr noch: Während das Umfeld für die betreffende Person selbst gern eine Scharade gelassener Toleranz aufführe oder ihr gegenüber aus Unsicherheit schweige, würde es den Angehörigen das ganze Arsenal an Fragen, Vorurteilen und Wertungen umso ungebremster um die Ohren klatschen. Und diese Angehörigen müssten dann Antworten geben, die sie vielleicht noch gar nicht hätten und Strategien des Umgangs mit einer unerwarteten Situation finden – nicht für die trans Person, sondern für sich selbst. Die Frau, die all das so scharfsichtig beschrieb, nannte dieses Phänomen „Co-Transsexualität“. Weiterlesen

Vom Sodomiten zur PrEP-Schlampe: Wanderwege der Sexfeindlichkeit

Wenn eine neue Methode bekannt wird, mit der sich schwule und bisexuelle Männer effektiv vor einer HIV-Infektion schützen können, dann sollte man erwarten, dass die Betroffenen sich grundsätzlich wohlwollend damit auseinandersetzen und die Chancen und Risiken dieser neuen Option sachlich abwägen würden. Das passiert auch, aber gleichzeitig passiert noch etwas ganz anderes. Diskussionen über die Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP)1, die sich derzeit auch in Deutschland zunehmend etabliert, sind regelmäßig getrübt durch verstörende Entsachlichung, verstockte Fakten-Leugnung, erhöhte Trolldichte und ganz generell überdurchschnittliche Verstrahltheit. Typische Kommentare sehen z.B. so aus:

„Warum sollten gesunde Menschen gefährliche Medikamente nehmen? Wenn die Bareback-Szeneschwuppen zu faul oder zu doof sind, ein Kondom zu verwenden, dann haben sie sich ihre Infektion auch verdient!“

„Soll ich etwa über meine Krankenkasse verantwortungslosen Darkroomschlampen ihren Partyspaß finanzieren? Wenn die sich unbedingt durch alle Betten vögeln müssen, dann sollen sie das wenigstens selbst berappen!“

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Im Land des ewigen „ja, aber…“

Nach dem Krieg galt für die Schwulenverfolgung in Deutschland kein „Nie wieder!“, sondern ein „Recht so!“ Der §175 blieb. Die politische Hetze, die polizeiliche Verfolgung, die moralische Ächtung und der soziale Tod bei bloßer Verdächtigung blieben. Nicht wenige Schwule, die den Auslöschungsversuch der Nazis überlebt hatten, standen erneut den selben Richtern gegenüber wie damals. Deutschland hatte sich selbst die Menschenwürde ins Gewissen und in die Verfassung geschrieben. Es galt nicht für die Schwulen. Weiterlesen

Es gibt keine Emanzipation in Schlumpfhausen. Über Gleichheitsrisiken


Sagt mal, von wo kommt ihr denn her?
Aus Schlumpfhausen, bitte sehr!
Sehen alle da so aus wie ihr?
Ja, wir sehen so aus wie wir!

(Vader Abraham: Das Lied der Schlümpfe, 1978)


EINLEITUNG

„Mensch = Mensch“, „100% Mensch“, „Wir sind Mensch“ … Wenn ich mir unsere Kampagnen so anschaue, dann denke ich manchmal: Wow. Hier sieht man ja die Homosexuellen vor lauter Menschen nicht mehr.

Seit ein paar Jahren konzentrieren wir uns sehr stark darauf, all das irritierende Anderssein, das unsere queeren Identitäten wie ein böser Spuk umwabert, herunterzuspielen, aus dem Blickfeld zu verbannen oder sogar komplett zu leugnen. „Fürchtet euch nicht, wir sind doch genau wie ihr!“ ist das Mantra dieser Geisteraustreibung geworden. Wir sind doch alle nur Menschen! Wir sind zwar Individuen, aber eigentlich doch alle gleich. Wir sind „gegen Schubladendenken“, „gegen falsche Klischees“ und, ganz modern und angeblich queer: „gegen alle Kategorien“. Das ist alles Schrott und muss weg. Weiterlesen