Queere Perspektiven in der Pandemie. Weg mit dem politischen Tunnelblick!

In den letzten Monaten hatte ich manchmal das Gefühl, in eine Zeitmaschine hineingestolpert und in der Nachkriegszeit wieder herausgekullert zu sein. Was die Regierenden da an Anti-Corona-Maßnahmen zusammenbasteln, scheint geschaffen für die Gesellschaft der 1960er Jahre, nur mit Internet.

Die Welt, für die sie diese Regelungen zurechtschneidern, besteht aus heterosexuellen Kleinfamilien in geräumigen Wohnungen mit Außenbereich. Mutti mit den einskommafünf Kindern beim Home-Schooling, Vati im Home-Office, alle zusammen zum Weihnachtsgottesdienst mit Maske. Extrakosten für Hygiene-Artikel, für Laptops und teurere Lebensmittel sind kein Thema. Der Zugang zu deutschsprachigen Informationen und zu medizinischer Behandlung ist natürlich gegeben. Die christliche copyright-deutsche Mittelstands-Familie verbringt die Zeit der Kontaktreduktion harmonisch auf der sonnigen Dachterrasse. Auf soziale und kulturelle Aktivitäten kann man da doch leicht mal verzichten …

… wenn es halt zufällig deine reale Lebenssituation ist.

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All you need is Lebensweisenakzeptanz

Es geht schon damit los, dass man sich über die erste deutsche schwule Serie eigentlich freuen möchte, aber dummerweise auf den Kalender guckt: 2021. Im Ernst. Die allererste. Das ist wie fünf Euro im Lotto gewinnen.

Ich fange mit dem Positiven an: Die Titelsequenz von All You Need – im Wasser schwebende Eiswürfel, Zitronenscheiben und Cocktailschirmchen zwischen bunt funkelnden Bläschen – ist so bezaubernd schön, dass ich zu Beginn jeder Folge doch wieder gute Laune bekomme. In die Handlung werden erfreulich viele Themen eingearbeitet wie Alltagsrassismus, Intersektionalität, etwas Gendertheorie und sogar – was viel zu selten passiert – Klassismus. Alles eher auf einfachem Niveau, aber besser als gar nicht.

Am Anfang mag ich sogar alle Figuren. Wirklich. Die sind alle lustig, schön und charmant. An mir liegt es nicht, dass das nicht so bleibt.

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Die fiese Diktatur der Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit

Sobald irgendwo Diversität gefördert werden soll, geht das Zensurgeschrei los. Aktuell hat die Oscar Academy entschieden, den Preis der Kategorie „Bester Film“ an eine Quotenerfüllung für bisher unterrepräsentierte Gruppen zu koppeln. Frauen, BIPoC, LGBTTIQ*, behinderte Menschen und andere Gruppen sollen in der Rollenvergabe und/oder Themenwahl und/oder im Mitarbeiter:innenstab mit einer nachgewiesenen Mindeststärke vertreten sein – sonst kann ein Film diesen Preis nicht gewinnen (die anderen Preise aber weiterhin). Und schon werden wieder die Alarmglocken geläutet: Das sei ein skandalöser Eingriff in die Kunstfreiheit, Zensur, der erste Schritt in eine ideologische Diktatur, „political correctness“-Wahn.

Was die Mehrheit der Kritiker:innen weniger bis gar nicht problematisch findet: wenn eine bisher fast ausschließlich weiße, cis-heterosexuelle und männlich dominierte Jury Preise überproportional häufig an weiße cis-heterosexuelle Männer vergibt. Das gefährdet offenbar weder die Kunstfreiheit, noch hat es irgendetwas mit zensurähnlichen Strukturen oder gar mit irgendeiner Ideologie zu tun. Weiße cis-heterosexuelle Männer spielen offenbar nun mal ganz natürlicherweise die meisten Hauptrollen, und vermutlich sind sie einfach von Natur aus die besten Schauspielenden der Welt. Weiterlesen