Es gibt keine Emanzipation in Schlumpfhausen. Über Gleichheitsrisiken


Sagt mal, von wo kommt ihr denn her?
Aus Schlumpfhausen, bitte sehr!
Sehen alle da so aus wie ihr?
Ja, wir sehen so aus wie wir!

(Vader Abraham: Das Lied der Schlümpfe, 1978)


EINLEITUNG

Die Gleichheit zu betonen ist eine prima Idee, wenn man gleiche Rechte erstreiten will. Das rechtsstaatliche Ideal der Gleichheit vor dem Gesetz steht aus gutem Grund in vielen Verfassungen sehr weit vorne; da lässt sich also gut ansetzen. Dieses Ideal setzt zwar gar nicht voraus, dass man wirklich gleich sein muss, um gleich behandelt zu werden – im Gegenteil geht es gerade darum, dass allen Menschen trotz ihrer Verschiedenheit die gleichen Rechte zustehen –, aber egal, einfacher ist es doch, keck zu behaupten, wir seien gar nicht anders als andere. Das schluckt das Volk leichter als eine juristische Disputation. Weiterlesen

Leichtigkeit

Anlässlich des Attentats von Orlando hatte ich kurz überlegt, hier statt eines Textes nur eine Grafik zu veröffentlichen. Auf einen schwarzen Hintergrund hätte ich in Spektralfarben knappe Appelle plaziert wie „mehr Umarmungen“, „mehr Liebe“, „mehr Sichtbarkeit“, „mehr Solidarität“, „mehr Küsse“, „mehr Mut“, und so weiter. All die Dinge, die nun durch dieses Massaker bedroht wurden und all die Dinge, die die Gegner*innen eines freien Lebens, freier Liebe und einer freien Sexualität verachten, aus welcher Quelle auch immer sie diese Verachtung speisen. Ich hätte möglicherweise einen gewissen Wert darauf gelegt, auch Provokationen gegen die Freiheitsängste einiger Schwuler einzubeziehen, die z.B. mit bestimmten Formen von Sexualität oder Identität nicht klarkommen („mehr Fetisch“, „mehr Tunten“), aber das nur nebenbei.

Die Botschaft wäre eine gewesen, die wir jetzt wieder überall hören: ein trotziges „Jetzt erst recht!“ Und ich hätte damit genau das getan, was jetzt so viele tun: Ich hätte unsere Freiheit in den Dienst eines Kampfauftrags gestellt. Ich hätte die Farbigkeit unseres Lebens in einen schwarzen Raum hineingesperrt, mit der verdammten Pflicht, ihn zu erleuchten. Ich kann dieses „Jetzt erst recht!“ sehr gut verstehen. Es ist eine naheliegende, vielleicht sogar heilsame Reaktion auf eine Angsterfahrung.

Aber es ist gleichzeitig eine schreckliche Umwertung von Freiheit.

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