Privatsache (oder: Das machen Heteros ja auch nicht.)

I

Halbdunkles Schlafzimmer. Ein junger Mann und eine junge Frau liegen eng nebeneinander im Bett. Leise Musik.

Er: „Du, wenn wir nächste Woche zusammenziehen …“
Sie: „Ja?“
Er: „Naja, die Nachbarn werden mitbekommen, dass da ein Mann und eine Frau auf dem Klingelschild …“
Sie: „Na und? Die werden sich halt ihren Teil denken.“
Er: „Aber dass wir beide ein … Liebespaar sind, das müssen wir ja nicht unbedingt gleich jedem auf die Nase binden, oder?“
Sie [richtet sich entsetzt auf]: „Natürlich nicht! Das geht schließlich niemanden was an!“
Er [ängstlich]: „Und wenn jemand direkt nachfragt?“ Weiterlesen

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Draußen nur Heten.

Es war eine nur scheinbar unbekümmerte Szene, die einen radikalen Wandel ankündigte. Inmitten der Straßenschlachten in der New Yorker Christopher Street im Juni 1969 hakten sich queere obdachlose Jugendliche Schulter an Schulter in einer Reihe ein und stellten sich der in ähnlicher Form aufmarschierten Linie der Polizei gegenüber. Dann begannen sie plötzlich, mit synchronem Beinehochwerfen eine klassische Revuegirl-Choreografie zu parodieren und selbstgedichtete queere Spotttexte zu bekannten Melodien zu singen.

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Der Heteroflüsterer

Wenn irgendwo über Homopolitik diskutiert wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis er auftaucht. Er weiß nämlich sehr genau, wie diese Politik aussehen sollte. Oder besser gesagt, wie sie nicht aussehen sollte.

Das Credo, mit dem er jede Utopie totschlägt, heißt: „Man muss die Gesellschaft dort abholen, wo sie steht“, gern mit dem Nachsatz: „Und dabei müssen wir Alle mitnehmen.“ Weil er selbst ein Herdentier ist, kann er sich die Gesellschaft nur als Herde vorstellen, als einen einheitlichen Block träger Wesen, die unisono muhend und mähend stets allesamt in die selbe Richtung ziehen. Diese Herde grast in seiner Vorstellung auf einer dürren Weide, auf der echte Akzeptanz noch nie geblüht hat und auch künftig niemals gedeihen wird. Und als Ansammlung ängstlicher Fluchttiere ist die Gesellschaft in seiner Phantasie jederzeit bereit zu einer halsbrecherischen Stampede, sobald irgendwo am Horizont der Schatten eines Homosexuellen eine allzu exaltierte Bewegung macht.

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Von Liebe und Schweinkram

Wie immer schlägt Frau Obermeier das Niederknödlinger Morgenblatt bei den Heiratsanzeigen auf. „Wir haben uns getraut!“, scherzen dort Marcel K. und Sofie L. unter einer Grafik mit zwei Ringen. Frau Obermeier schmunzelt über das gelungene Wortspiel. Sie kennt die beiden nicht, aber sie freut sich trotzdem mit ihnen. Es ist doch schön, wenn sich ein junges Glück zu seiner Liebe bekennt. Und es macht Frau Obermeier froh, dass es anscheinend noch solche guten alten Werte gibt wie Treue und Verantwortung. Vielleicht ist ja sogar bald etwas Kleines unterwegs? Frau Obermeier stellt sich ein pastellfarbenes Kinderbettchen vor und seufzt glücklich.

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