Buchempfehlung: „Selbsthass und Emanzipation“

Was brauchen wir, damit es uns besser geht? Regelmäßige Leser*innen meines bescheidenen Weltverbesserungs-Blögchens wissen, dass ich die Ansicht mit einiger Skepsis betrachte, die rechtliche Gleichstellung sei der homopolitische Stein der Weisen, der ganz allein alles Blei der Queerphobie auf magische Weise in das Gold der Akzeptanz verwandeln werde. Pustekuchen, wenn das mit der Emanzipation was werden soll, dann müssen wir schon verschiedene Äcker pflügen. Neben gesellschaftlicher Aufklärung, der Pflege queerer Schutzräume und der grundsätzlichen Infragestellung von Machtstrukturen halte ich es für zentral, dass wir darüber nachdenken, was die heteronormative Gesellschaft mit uns allen anstellt. Jeder Mensch muss in der, gegen die und mit der Gesellschaft, in der er lebt, eigene Wege finden. In unserem Fall heißt das: Wir müssen uns klarmachen, wo Heteronormativität uns selbst prägt, was das für uns persönlich und politisch bedeutet, und was wir mit dieser Situation anstellen wollen. Ich bin davon überzeugt, dass wir nur aus diesem Verständnis heraus persönliche und politische Strategien entwickeln können, die wirksam und nachhaltig sind.

Ein herausragendes Gedankenpaket zu diesem Thema liefert nun der Sammelband „Selbsthass und Emanzipation. Das Andere in der heterosexuellen Normalität“, den Patsy l‘Amour laLove kürzlich im Querverlag herausgegeben hat. (Ich bewerbe den hier nicht nur, weil ich selbst einen Text beisteuern durfte. Aber ein bisschen stolz bin ich natürlich doch.)

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Schwule Scham

Der eigentliche Ursprung des Gay Pride ist nicht der Stolz, sondern die Scham. Als die Aktivist*innen diesen Begriff prägten, meinten sie keinen Stolz, den eine besondere Leistung rechtfertigt. Der Begriff diente vielmehr als ein psychologisches Gegengift: Der schwullesbische Stolz sollte die schwullesbische Scham heilen.

Im letzten Jahrhundert war diese psychologische Strategie noch so offensichtlich, dass man sie niemandem erklären musste; heute dagegen ist die Scham weitgehend aus unseren Diskussionen verschwunden. Das ist seltsam und schade, denn ohne dieses Wort können wir einen zentralen Aspekt unserer Situation nicht verstehen.

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Der Heteroflüsterer

Wenn irgendwo über Homopolitik diskutiert wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis er auftaucht. Er weiß nämlich sehr genau, wie diese Politik aussehen sollte. Oder besser gesagt, wie sie nicht aussehen sollte.

Das Credo, mit dem er jede Utopie totschlägt, heißt: „Man muss die Gesellschaft dort abholen, wo sie steht“, gern mit dem Nachsatz: „Und dabei müssen wir Alle mitnehmen.“ Weil er selbst ein Herdentier ist, kann er sich die Gesellschaft nur als Herde vorstellen, als einen einheitlichen Block träger Wesen, die unisono muhend und mähend stets allesamt in die selbe Richtung ziehen. Diese Herde grast in seiner Vorstellung auf einer dürren Weide, auf der echte Akzeptanz noch nie geblüht hat und auch künftig niemals gedeihen wird. Und als Ansammlung ängstlicher Fluchttiere ist die Gesellschaft in seiner Phantasie jederzeit bereit zu einer halsbrecherischen Stampede, sobald irgendwo am Horizont der Schatten eines Homosexuellen eine allzu exaltierte Bewegung macht.

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